Careless talk costs jobs

Joachim Zelter schickt seine Leser in die "Schule der Arbeitslosen"

Von Brita HempelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Brita Hempel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Vom Selbstmitleid zum Unselbstmitleid" - unter diesem Motto erhalten Langzeitarbeitslose in einem Deutschland der nahen Zukunft ihre letzte Chance: das Trainingslager von 'Sphericon'. Die Bundesagentur für Arbeit finanziert denen, die sich selbst schon aufgegeben hatten, diese neuartige Förderungsmaßnahme. Wenn der Bus der Agentur sie auf dem Hof abgesetzt hat, werden aus Arbeitslosen Trainees. Die nächsten drei Monate werden sie auf dem Gelände der stillgelegten Fabrik verbringen, die zum Internat für Erwerbslose umfunktioniert wurde. Ab jetzt leben sie in Teams. Sie übernachten in provisorisch eingerichteten Schlafsälen, Männer und Frauen durch einen Vorhang voneinander getrennt. 'Sphericon' bietet im Gegensatz zum planlosen Arbeitslosendasein eine restlos durchstrukturierte Woche.

Leistung lohnt sich. Sachkundig und zweisprachig, auf Deutsch und Englisch, vermittelt der Teamleiter seinen Schützlingen, wie man zum Bewerber wird: In konzentrierter biografischer Arbeit konzipiert sich der Trainee neu, füllt die Lücken seines defizitären Lebenslaufs, ersetzt doppelt besuchte Schulklassen durch sinnvolle Auslandsaufenhalte, langweilige Hobbys durch spannende Aktivitäten, die Sackgasse der eigenen Ausbildung durch ein viel versprechendes Bewerberprofil.

Roland Bergmann, nur Biologe und nicht Biochemiker, und Karla Meier, die Jahre ihres Lebens mit Gesang vertan hat, sind sich näher gekommen. Aber auf die falsche Art - statt das Fortbildungsangebot zu nutzen, unterstützen sie sich gegenseitig in ihrer Blockadehaltung. Eine Nacht lang in der "Weekendsuite I" erzählen sie sich aus ihrem alten Leben, und sie reden davon, als sei es sinnvoll gewesen. Nein, Sanktionen gibt es bei 'Sphericon' eigentlich nicht...

Eine doppelplusungute Orwell'sche Satire? Die Welt, die einem in Zelters Roman begegnet, scheint sehr vertraut. Sie setzt sich in dichter Montagetechnik aus lauter bekannten und schäbigen, kleinen und großen Missständen zusammen, die - auf eine nur leicht verschärfte Vision der gegenwärtigen sozialpolitischen Misere projiziert - einen ebenso banalen wie finsteren Gesamteindruck bewirken. Nichts ist spektakulär grausam und schockierend. Jedenfalls nicht schockierender als die alltägliche Leistungskürzung oder die alltägliche Abschiebehaft. Menschenleben sind von Computerdaten abhängig, Individuen werden, sobald sie auf ihrer eigenen Identität bestehen, zum Störfall, den es abzustellen gilt: dieses Welt- und Menschenbild, für das im Roman 'Sphericon' steht, gehört zu den Organisationsprinzipien von Behörden im Umgang mit Menschen.

In dieser Nähe zum empirischen Alltagserleben liegt gleichzeitig die Brisanz und Stärke, aber auch das Problem des Textes: Zelter spiegelt mit der grausam unterkomplexen Sprache des Romans, die ein Arsenal an literarischen, historischen und politischen Anspielungen und Spielerein schluckt, ohne sie auszustellen, aber auch ohne sie noch wirklich kenntlich werden zu lassen, vorhandene Zustände. "Es gibt nichts, das sich nicht verändern lässt," "Deutschland bewegt sich," "Just do it": wohl bekannte Phrasen gerinnen zum absurden Zitat. Wenn im Roman dann beispielsweise "www" als "world wide war" ausbuchstabiert wird, besteht die eigentliche Gemeinheit dieser Neuinterpretation in ihrer verräterischen Unauffälligkeit. Denn eine Pointe von Zelters Dystopie ist, dass sie bereits nicht mehr parodierbare Zustände abbildet. Dadurch gibt der Roman den Verlust an Menschlichkeit und Identität, den er schildert, unmittelbar an seinen Leser weiter.

Totalitär ist das Geschehen bis in die Sprache. Dass auf der Handlungsebene deutliche Parallen zur NS-Geschichte anklingen, über nächtliche "Job-Interview"-Verhöre bis hin zu den Spitzelplakaten und Internierungslagern, leuchtet somit grundsätzlich ein. Wenn mit Zelters 'Sphericon'-Spruch "Work is Freedom. Freedom is Work" allerdings "Arbeit macht frei" anzitiert wird, dann schafft das keine zusätzliche bedrohliche Dimension des Geschehens, sondern wirkt deplaziert und weckt Unbehagen: Hier gelingt dem Roman unfreiwillig der Nachweis, dass doch noch nicht alle Slogans beliebig austauschbar sind.

Klar benennt Zelters Entwurf die eigentlichen Probleme unserer Gesellschaft mit der Arbeitslosigkeit und die Art, in der sie mühsam verschleiert werden: Arbeitslose werden im öffentlichen Diskurs zur stigmatisierten Sondererscheinung gemacht; solange die Betroffenen selbst systematisch dazu gebracht werden, sich als faule Bittsteller, die das Falsche gelernt haben, zu verstehen, kann die Fiktion aufrecht erhalten werden, dass die Arbeitslosigkeit an den Arbeitslosen liegt und nicht einfach am faktischen Mangel an Arbeitsplätzen.

Entstehen Arbeitsplätze durch heroisches Engagement des allzeit flexiblen Individuums? Zelter zeigt, in welches Szenario diese Konzeption passt, wohin sie führt. Folgerichtig gibt es in Zelters Roman nur fiktiv geschaffene, gestiftete Arbeitsplätze - die man dann tatsächlich über einen Wettkampf mit Präsentation im Stil von "Deutschland sucht den Superstar" bekommen kann.

Kein Buch für die genüssliche Spaßlektüre, kein Buch für Liebhaber des Schachtelsatzes und der erlesenen Vokabel, kein konsumfreundliches Buch. Ein schmerzhaft klarer Blick in eine düstere, nahe Zukunft - dem man, damit diese Art von Zukunft nicht tatsächlich zu unserer klaglos und schicksalhaft akzeptierten Gegenwart wird, möglichst viele Leser wünscht.


Titelbild

Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2006.
206 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3937667717

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