Die Sprache des Äthers und das Glück im Scheitern

Drei Neuerscheinungen zu Friedrich Hölderlins 250. Geburtstag

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als vor sieben Jahren die große Goethe-Biographie von Rüdiger Safranski erschien, wurde sie von seinem Verlag als ein Höhepunkt seines biographischen Schaffens umschrieben, der sich dem Höhepunkt der Deutschen Literatur widme. Safranski beschreibt in seiner neuen Biographie das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will er „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“ Auch seinem Leben wollte Goethe den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“

Andere waren Goethe egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. Goethe hatte den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht hatte er sein Heideröslein im Sinn. Safranski beschäftigt sich in dieser Biographie nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Hölderlin versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke missachtet man nicht.

In Safranskis neuer Hölderlin-Biographie heißt es zum Verhältnis zwischen Goethe und Hölderlin etwas lapidar: „Hölderlin blieb als Dichter zeitlebens ein Geheimtipp. Schiller versuchte ihn zu fördern, Goethe war gönnerhaft, mehr nicht. Bevor Hölderlin Anfang 1802 nach Bordeaux ging, schrieb er an einen Freund:‚sie können mich nicht brauchen.‘“

Goethe hatte, so Safranski, wenig Sinn für den hohen Stil und den großen Atem der Gedichte Hölderlins, daher auch sein Rat, er solle einmal ein „einfaches idyllisches Faktum“ wählen, den Hölderlin nicht befolgen konnte und wollte. Goethe empfing dann 1792 „das junge Talent“ noch zu einem Besuch in Frankfurt, Hölderlin machte auf seiner Reise in die Schweiz dort „Station“. Schiller hatte die Begegnung eingefädelt und Goethe schrieb ihm nach der Begegnung einen Brief: „Gestern ist auch Hölterlein [sic] bei mir gewesen, er sieht etwas gedrückt und kränklich aus, aber er ist wirklich liebenswürdig und mit Bescheidenheit, ja Ängstlichkeit offen. … Ich habe ihm besonders geraten, kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen.“ Safranski bemerkt hierzu: „Da ist es wieder, dieses ‚idyllische Faktum‘ aus der Empfehlung Goethes in einem früheren Brief.“ Jedenfalls hielt sich Hölderlin nicht an den „Rat“ Goethes und blieb seinem Dichten treu. Das Verhältnis zu Goethe blieb eine Episode.

Safranski zeichnet in seiner konventionell-vollendeten Biographie mit großer Meisterschaft das Leben Hölderlins: die Zeiten in Lauffen am Neckar, am Rhein und Main bis zu seiner der Welt abhanden gekommenen Zeit im Hölderlin-Turm, in dem er 1843 starb. Die Biographie ist gespickt mit Versen, Strophen, Gedichten und Hymnen des Dichters. Safranski beschreibt einen modernen Menschen, dem sein Leben nicht gelingen mag, weder im Versuch, seine äußerliche Selbständigkeit zu erlangen, noch im Privaten, in seiner großen Liebe zu Susette Gontard.

Ein Kunstwerk namens „Hölderlin im Kreisverkehr“

In Lauffen, wo Hölderlin 1770 geboren wurde, steht in der Nähe seiner Geburtsstätte ein Kunstwerk namens „Hölderlin im Kreisverkehr“.  Geschaffen hat es der Bildhauer Peter Lenk und im Juni 2003 ist es dort errichtet worden. Hölderlin ist nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen historischen Figuren gesetzt, die stellvertretend sein sollen für die Einflüsse und Wirkungen auf den Dichter. Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“, den Mittelpunkt bildet eine waagerecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden jeweils eine Figur sitzt, ein kleines Kind und der etwa 30jährige Friedrich Hölderlin. Um diese sollen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Leben und Werk des Dichters erschließen. Man sollte meinen, bei einem Hölderlin-Kunstwerk stehe dieser selbst im Mittelpunkt, doch mit der Doppelfigur Goethe und Schiller hat der Künstler andere ins Zentrum geschoben. Schiller hält dem etwa zweijährigen Knaben einen Lorbeerkranz entgegen, ein kolossaler und fettleibiger Goethe senkt in Richtung des den anderen Figuren den Rücken zukehrenden, abwesend und völlig in sich versunken wirkenden Hölderlin den Daumen nach unten. Zwei weitere Figuren des Kunstwerks zeigen die nackte Diotima, die große und unerfüllte Liebe Hölderlins, im wirklichen Leben trug sie den Namen Susette Gontard, und einen Fahrrad fahrenden Friedrich Nietzsche, der Hölderlin den Thyrsosstab entgegenhält, auf Dionysos und seinen Kult hinweisend. Nietzsche hat Hölderlin als Dichter zu einer Zeit verehrt, als andere ihn völlig vergessen hatten. An der Spitze des Kunstwerks steht Herzog Carl Eugen auf einem sterbenden Hirsch, der das Württemberger Volk symbolisieren soll, in der Pose des absoluten Herrschers. Lenk hat mit seinem Kunstwerk einen Bezugsrahmen zu Hölderlins Leben und Dichten geschaffen, der wesentliche Lebensthemen integriert: Tyrannei, Revolution, Liebe, Abweisung und Wahnsinn.

Doch ist es tatsächlich Goethe, dem die Hauptverantwortung für das langanhaltende Vergessen und Verkennen Hölderlins angelastet werden darf? Tatsache ist, dass Goethe für das Werk Hölderlins keine Sympathien trug, aber auch, dass Gedichte Hölderlins in den von Schiller herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Goethe jedenfalls hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial und ignorant angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Dies zeugte nicht unbedingt von ausgeprägtem Gespür für literarischen Nachwuchs, auch bei Kleist verhielt er sich ähnlich. Goethe, der sich stets zu „zähmen“ wusste, konnte mit dem exzentrischen jungen Mann nichts anfangen. Michel Foucault hat 1962 in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht der bereits „vergöttlichte“ Goethe war, der dem schweigenden Hölderlin mit Unverständnis begegnete und in dem jungen Dichter das Gefühl der Ablehnung durch die „Klassiker“ bewirkte, sondern dass Hölderlin vor allem daran litt, von der „Vaterfigur“ Schiller nicht gefördert zu werden. Foucault spricht davon, dass Schiller die „leere Stelle des Vaters besetzt“. Hölderlin hatte sich viel versprochen von Jena, in direkter Nähe zu Weimar, dem damaligen kulturellen Mittelpunkt in Deutschland. Er lebte und arbeitete dort für kurze Zeit als Hauslehrer der Kinder von Charlotte von Kalb. Doch auch in Jena erfüllte sich sein Wunsch nicht, durch Freundschaft und Bekanntschaft mit den Berühmten „in Ruhe und Eingezogenheit einmal zu leben, und Bücher schreiben zu können, ohne dabei zu hungern“, wie es in einem Brief an seine Schwester heißt.

Nach bürgerlichen Maßstäben muss man Hölderlins Existenz um 1795 bereits als gescheitert ansehen. Dabei hatte es groß begonnen mit ihm. Seine Freunde im Tübinger Stift waren Hegel und Schelling, mit denen er eine Zeit lang sogar das Zimmer und vor allem die Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution teilte. Hölderlin ist vielleicht der eigentliche geistige Urheber des Ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus, wie es der große Hegelforscher und Kenner des deutschen Idealismus Dieter Henrich in eindrucksvollen Studien dargelegt hat. Hegel und Schelling suchten während der Tübinger Zeit und auch später noch wiederholt Hölderlins Rat. Als gesichert gilt, dass Hölderlin mit seinem Freund Sinclair große Teile des „Systemprogramms“ schrieb, wobei wohl die erste schriftliche Form Sinclair zu verdanken ist, der weitaus „systematischer“ dachte als sein Freund. Dieser ging seinen eigenen, poetischen Weg: Dichtung war für ihn Anfang und Ende der Philosophie. Und so ging er diesen einsamen Pfad bis zum Ende, kompromisslos, konsequent, verkannt.

Hölderlin und Diotima

Hölderlin fristete seine Existenz in äußerer Abhängigkeit, trat immer wieder neue Hofmeisterstellen an, bis es im Jahre 1796 zum schicksalbestimmenden Zusammentreffen mit Susette Gontard kommt, der Frau eines reichen Frankfurter Bankiers. Hölderlin trat seine Hofmeisterstelle bei den Gontards an und sollte den Sohn erziehen. Beatrix Langner erzählt in ihrem glanzvollen Buch Übermächtiges Glück die Liebesgeschichte von Hölderlin und Diotima; es erschien zuerst 2001 und ist nun vom Verlag in einer zweiten überarbeiteten Ausgabe herausgegeben worden. Der Hofmeister Hölderlin und die Bankiersgattin Susette Gontard beginnen eine Liebesbeziehung, die zu einer amour fou wird. Es finden heimlich Treffen statt, man tauscht Briefe und versteckte Zärtlichkeiten aus.

Das Wohnhaus der Gontards lag am Großen Hirschgraben, ausgerechnet neben Goethes Geburtshaus. Sie wurde zur Schlüsselfigur seines Lebens und seiner Dichtung. Es kam zu Auseinandersetzungen und wohl auch Demütigungen, die Hölderlin von Susettes Ehemann ertragen musste; das Resultat jedenfalls war, dass Hölderlin das Gontardsche Haus 1798 verließ. In seinem Gedicht Lebenslauf heißt es: „Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.“ Nach der Trennung schrieben sie sich Briefe, trafen sich nur noch heimlich wenige Male. Hölderlin veröffentlichte seinen Roman Hyperion. Diotima lässt er im Roman sterben, Susette Gontard stirbt am 22. Juli 1802 in Frankfurt. Der überraschende Tod Susette Gontards 1802 stürzt Hölderlin in eine tiefe Lebenskrise, von der er sich nicht mehr erholen wird. Hölderlin setzt der Liebe seines Lebens in seinem Roman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland ein literarisches Denkmal.

Als Hölderlin die Nachricht von ihrem Tode erfuhr, kam er gerade von Bordeaux in einem völlig zerrütteten Zustand nach Württemberg zurück. Danach war er für die Welt verloren. Er schrieb weiterhin vollendete Gedichte, bis er 1806 auf Veranlassung seines Freundes Isaac von Sinclair von Homburg nach Tübingen in das dortige Universitätsklinikum gebracht, als „unheilbar wahnsinnig“ diagnostiziert und interniert wurde. Am Abend des 11. September 1806 schrieb die Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg: „Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.“

Der verborgene Glanz des Scheiterns

Erfolg und Gelingen gelten als anerkannte Maßstäbe richtigen Lebens. Und gerade unsere Zeit verlangt nach konsequenter Biographie, bruchlos und ohne erkennbare Kratzer. In der Schrift Theorie der Halbbildung aus dem Jahre 1959 von Theodor W. Adorno heißt es: „,Die Sprache des Äthers verstand ich, die Sprache der Menschen verstand ich nie‘, schrieb Hölderlin; ein Jüngling, der so dächte, würde hundertfünfzig Jahre später verlacht oder seines Autismus wegen wohlwollender psychiatrischer Betreuung überantwortet.“ Obwohl Adorno hier Hölderlin falsch zitiert und dessen „Stille des Äthers“ als „Sprache des Äthers“ verwendet, eine Sprachfigur Hegels aus dessen Jenenser Naturphilosophie von 1805, ist in dieser Zeile das ganze spätere Scheitern Hölderlins im Handwerk des Lebens bereits dargelegt, die Kluft zwischen eigener innerer Berufung und äußerer willkürlicher Sozialisations- und Kommunikationsanforderung kaum intensiver formulierbar. In unseren Zeiten gelänge ein solches Dichterleben vermutlich nicht mehr; ein junger Mann, der sich in solchen Sätzen äußerte, wäre augenblicklich von wohlmeinenden Psychologen und Therapeuten umlagert, um ihm solche Flausen flugs auszutreiben.

Schriftsteller sind zu allen Zeiten dem verborgenen Glanz und der Gefährdung nachgegangen, vom homerischen Epos der Ilias über Goethes Wahlverwandtschaften bis hin zu Handkes Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht. In dieser als Märchen aus den neuen Zeiten angelegten großen Erzählung heißt es: „Andererseits fühle ich mich zu den Gescheiterten und Versagern seit jeher hingezogen – so als seien sie die Richtigen. Ich sehe sie, aus der Distanz, geradezu als geadelt; oder als seien sie allein unter uns Heutigen Gestalten mit einem Schicksal.“ So sind vielleicht die Außenseiter und Einsamen, jene schweigsam in sich selbst Versunkenen wie Hölderlin einst in seinem Turm, diejenigen, die nicht mitmachen und ihrer wie auch immer fragilen Bestimmung folgen, die letzten Protagonisten des von der Aufklärung einst geforderten Ausgangs aus der von uns selbst verschuldeten Unmündigkeit. In seinem als Wintertagtraum beschriebenen Versuch über den geglückten Tag geht Peter Handke der Frage nach, was für den heutigen Menschen überhaupt noch „glücken“ kann. Ob es nicht ein Phänomen unserer Epoche darstellt, dass allein noch ein Tag gelingen kann, und dies nur den wenigsten. Nachdem in der Antike noch der geglückte Augenblick, der göttliche Moment, galt, erzeugt von einem Gott, der selber in keinem Bild darstellbar war, folgte dem Gott des Augenblicks die christliche Lehre von der Erfüllung der Zeiten, im Glauben an eine neue Schöpfung und die Ewigkeit. Diese Lehre wich in der Neuzeit der Idee eines durch Tätigkeit geglückten Lebens, welche alles Himmelsglück auf Erden verwirklichen wollte. Jeder ist berufen, aus seinen Leben das Mögliche zu machen. Handke schreibt hierzu: „Nur scheint inzwischen kaum mehr etwas darüber sagbar zu sein, die Epen und Abenteuerromane der Pioniere, die jenen Anfangstraum von der Lebenstat entschlossen beherzigten, sind bereits erzählt …“. Vielleicht jedoch erfährt man schon durch die eigene Logik des Mißlingens den Blick für sein Gegenteil, wie es jener Erzähler seines Wintertagtraums beschreibt: „Als käme es … beim Versuch des geglückten Tags darauf an, jeweils im Moment des Mißgeschicks, des Schmerzes, des Versagens – der Störung und der Entgleisung –, die Geistesgegenwart aufzubringen für die andere Spielart dieses Moments und ihn so zu verwandeln, einzig durch das aus der Verengung befreiende Bewußtmachen, jetzt gleich, im Handumdrehen, oder eben Bedenken, wodurch der Tag – als sei das für das ‚Glücken‘ gefordert – seinen Schwung und seine Schwingen bekäme.“

Hölderlin-Bilder im 20. Jahrhundert

Am Eingang des Tübinger Hölderlin-Turms stand jahrelang der Satz: „Der Hölderlin isch et veruckt gwä!“ War Hölderlin nun ein Irrer oder ein Revolutionär, der den damals Mächtigen den Wahnsinnigen bloß vortäuschte? War er ein begnadeter Dichter und der Begründer moderner Poesie? Im 19. Jahrhundert war er fast vergessen, im 20. Jahrhundert wurde er vom Kreis um Stefan George, der in ihm seinen Propheten entdeckte, und von den 68ern als revolutionäres Vorbild gefeiert. In einem inspirierenden Essay zeigt Karl-Heinz Ott ein vielschichtiges Bild von Hölderlin. Dabei bildet Tübingen den Rahmen; dort habe der Dichter seine Studienzeit und die zweite Hälfte seines Lebens zugebracht. Ott bringt in dem Essay seine jahrzehntelange Beschäftigung gelehrt zum Ausdruck, führt dezidiert in die Gedankenwelt Hölderlins ein und prüft die Hölderlin-Rezeption im 20. Jahrhundert sowie das Verbiegen und die ideologische Ausbeutung seiner Dichtung.

Wenn Adorno über den späten Hölderlin spreche, so der Autor, klänge es so, wie er über den späten Beethoven gesprochen habe. Bei beiden entdeckt er, so schreibt Ott, „Schroffes, Disparates, scheinbar Unzusammengehöriges. Im Zerbrechen von Sprache und Form leuchtet für Adorno eine Wahrheit auf, in der sich die Fragmentierung des heutigen Lebens spiegelt.“ Eine Sprache, die auf alles Kommunikative verzichte und ihr Geheimnis aus dem Fragmentarischen beziehe. Doch gerade aus diesem Verzicht auf Konsistenz erwachse bei Hölderlin auf wundersame Weise große Dichtung. In Adornos unabgeschlossener Ästhetischen Theorie heißt es: „Das Fragment ist der Eingriff des Todes ins Werk. Indem er es zerstört, nimmt er den Makel des Scheins von ihm.“

Ott beschäftigt sich in einem größeren Kapitel mit einer ideologischen Indienstnahme Hölderlins und überschreibt es mit dem Titel „Der bräunliche Hölderlin“. Immer wieder tauchen bei Heidegger Begriffe wie „Erde, Heimat und Seyn“ auf und keinen anderen begegne man in Heideggers Hölderlin-Deutungen häufiger als diesen. Von Zugehörigkeit ist die Rede und vom Heimischen, vom Wohnen des Menschen, von Stiften und Gründen, vom Schicksal, von der Schickung und vom Schicklichen. Immer wieder tauchen dabei die Wendungen vom Eigensten der Heimat auf, vom Hellen, Heilen und Heiligen, „vom Leuchtenden und Lichtenden, von Klarheit und Gesang“. Hölderlins hymnische Anrufungen der Heimat und des „Seyn“s werden für Heidegger zum Leitmotiv, an das er seine Klage von der „Seinsvergessenheit“ des Menschen anschließt.

Dabei verweist Heidegger, so Ott, in eine Zukunft, die sich von einem humanistischen Denken abwendet, das mit Platon beginnt, auf das Christentum übergeht und in der Aufklärung mündet. Was sich heutzutage Globalisierung nennt, wäre in Heideggers Augen gleichzusetzen mit Bodenlosigkeit und Nomadentum. Für Ott ist Heideggers „heimatselige Hölderlinerei“ alles andere als politisch unschuldig. Während man den Begriff Humanismus gewöhnlich mit Menschenliebe in Verbindung bringe oder dabei an geistesgeschichtliche Bildung denke, stehe er in Heideggers Augen für alles, was den Menschen entwurzele. Nicht Hitler ist in seinen Augen das Übel und der Faschismus, vielmehr der planetarisch gewordene Humanismus, aus dem alle Arten von Barbarei erwachsen.

Doch genug von den Ergüssen eines Philosophen, dessen Jargon Adorno bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert enttarnte. Das inspirierend geschriebene Buch Hölderlins Geister von Karl-Heinz Ott, das sich mit den Strömungen der Hölderlin-Manien des 20. Jahrhunderts in Deutschland befasst, hält diesem Land selbstkritisch seinen Spiegel vor. So entsteht eine gewitzte und nachdenklich machende Reise durch das wandelhafte Bild der Hölderlin-Rezeption.

Titelbild

Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! Biographie.
Carl Hanser Verlag, München 2019.
400 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783446264083

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

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Beatrix Langner: »Übermächtiges Glück« . Die Liebesgeschichte von Hölderlin und Diotima.
Insel Verlag, Berlin 2020.
239 Seiten , 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783458364726

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister.
Carl Hanser Verlag, München 2019.
235 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783446263765

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