Ingeborg Bachmann in meinem Leben

(1999)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Ich habe Ingeborg Bachmann zum ersten Mal 1959 ge­sehen, auf der Tagung in Schloß Elmau. Sie war längst berühmt, sie hatte 1953, damals 27 Jahre alt, den Preis der „Gruppe 47“ erhalten. War man sich schon bewußt, daß man es mit der vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin unseres Jahrhunderts zu tun hatte? Jedenfalls wurde sie mit besonderem Respekt behandelt. Sicher ist ferner, daß sie viele Menschen faszinierte, zumal Intellektuelle unterschiedlichen Alters. In manchen Zeitungen konnte man lesen, sie sei die „First Lady“ der „Gruppe 47“.

Auf Schloß Elmau las sie ihr Prosastück „Alles“. Sie wirkte nervös und zerstreut. Bevor sie zu lesen begann, fiel ihr ein Teil des Manuskripts auf den Boden. Drei Herren stürzten nach vorn, um die Blätter rasch einzusammeln und sie vorsichtig auf den Tisch zu legen, an dem die Dichterin saß. Es wurde ganz still im Saal, manche fürchteten, daß es ihr die Sprache verschlagen habe. Schließlich war ihre Stimme doch zu hören.

Geschützter Bereich von literaturkritik.de