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Claudia Heinemann schrieb uns am 12.02.2019
Thema: Anne Amend-Söchting: Candide in Berlin 1942
Takis Würger erzählt in „Stella“, wie Naivität und Schuld aufeinanderprallen

Ich möchte für die differenzierte Rezension danken - tatsächlich fühlte auch ich mich von all den massiv negativen Kritiken zu "Stella" niedergebügelt. Die genau durchdachte Rezension von Frau Amend-Söchting hat geholfen, mir eine eigene Meinung zum Buch zu bilden.
Mit freundlichen Grüßen!

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Christian Milz schrieb uns am 08.02.2019
Thema: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Ich habe da so meine Zweifel, ob die vermeintlich "gute Nachricht" einer literaturkritischen Unisono-Reaktion unserer sogenannten Qualitätsmedien nicht mehr als einen eingefleischten  Reflex (dessen Analyse ich mir erspare) und eine etwas naive Selbstbeweihräucherung der Zunft darstellt. Schon dieses merkwürdige Bedürfnis, ein übereinstimmendes Ergebnis zu feiern und einer selbstständigen ästhetisch-kritischen Kalkulation zuzuschreiben, wirkt vor dem Hintergrund medialer Marktmacht und magersüchtiger Schreibstuben eher wie das Pfeifen im Walde. Weil die Ergebnisse übereinstimmen (tun sie das in der Presse nicht andauernd?) auf die richtige Mathematik zu schließen, ist doch wohl kaum mehr als Werbung in eigener Sache, im Hinblick auf argumentative Logik und intellektuelle Redlichkeit freilich eine arge Zumutung.

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Frieder Sommer schrieb uns am 05.02.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Hallo Herr Süselbeck,
herzlichen Dank für Ihre Antwort, die ich in dieser Ausführlichkeit nicht erwartet habe.
Daß ich den Roman von Arno Geiger aus einem etwas anderen Blickwinkel lese,hat zwei Gründe: Zum einen bin ich „Otto Normalleser“ und zum anderen ist es möglicherweise schlicht ein biographischer Grund. Ich habe das Kriegsende als 6-Jähriger sehr bewußt erlebt. Der leider oft zu Recht erhobene Vorwurf mit den Familiengeschichten von „Omi und Opi“ betrifft mich nicht, er trifft eher Ihre Generation, die meine war bekanntlich auf der penetranten Suche nach der Schuld von „Vati und Mutti“. Aber auch für Arno Geigers Roman will ich diesen „Omi und Opi“-Vorbehalt nicht gelten
lassen.
Die beiden Erzählstränge, Veits Geschichte und die Geschichte der Familie Meyer(übrigens hat der Würzburger Zentralratsvorsitzende den „sprechenden  Namen“ Schuster, das nur nebenbei) habe ich als voneinander getrennte Geschichten gelesen, so wie sie sich ja auch ereignet haben.
In einer für mich wichtigen Hinsicht möchte ich die Familiengeschichte Oskar Meyers allerdings „engführen“, mit etwas außerhalb des Romans, nennen wir es meine Betroffenheit als Lesender, als eine Art unmittelbarer Identifikation mit der Romanfigur.
Oskar Meyer war sicher so jüdisch wie ich evangelisch bin. Er war ein Deutscher, ein Nachbar wie viele andere auch. Kurz, ein Mensch „wie Du und ich“.
Und das ist für mich das schiere Gegenteil einer „Viktimisierung“, es ist die Möglichkeit eines Verstehens des eigentlich Unvorstellbaren. Mit Oskar Meyer als "Opfer" hat das nichts, aber auch garnichts zu tun. Lassen Sie es mich an einem bekannten „Witz“ erläutern: Auf die Aussage „Die Juden sind an allem schuld!“ folgt die Antwort „Jajaa, die Juden und die Radfahrer!“
Um noch einmal zu verdeutlichen, was ich meine: Auf Seite 116 des Romans lese ich: „Gestern wurde ich auf der Straße angespuckt. Ich erschrak so, daß ich stehenblieb...da spuckte er mich ein zweites Mal an. Das zweite Mal war viel ärger.“ Und als Leser erschrecke ich, Frieder Sommer, mit Oskar Meyer, der eben nicht Jakob Cohen heißt.
Allein für Sätze wie diese, in der Wortwahl, in der sprachlichen Gestaltung, in ihrer erschreckenden Nüchternheit und gleichzeitigen unausweichlichen Deutlichkeit, bin ich Arno Geiger dankbar. Hier hat Literatur eine „Funktion“ - ein scheußliches Wort in diesem Zusammenhang -, nennen wir es „Wirkung“, „Sinn“, oder was auch immer.
Ich grüße Sie ganz herzlich
Frieder Sommer
Emy-Roeder-Str. 12
97074 Würzburg

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Jan Süselbeck schrieb uns am 04.02.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Sehr geehrter Herr Sommer,

vielen Dank für Ihren Leserbrief. Meine Nebenbemerkung zu Arno Geigers Roman "Unter der Drachenwand" beruht auf einer genauen und kritischen Lektüre im letzten Herbst.

Die Geschichte der jüdischen Familie mit dem sprechenden Namen Meyer wirkt bei Arno Geiger im Zusammenhang mit der des Wehrmachtssoldaten Veit weitgehend unmotiviert. Mehr noch: Die sporadisch weitererzählten und gegenüber der Leidensgeschichte von Veit seltsam im Hintergrund bleibenden Fluchterfahrungen Oskar Meyers drohen sogar zu einem Spiegelbild deutscher Dilemmata zu werden – frei nach dem Motto, jeder habe damals sein Päckchen zu tragen gehabt.

Um diesen unguten Eindruck kurz zu erläutern: Meyer
hat das kurzzeitige Angebot, nach Westafrika auszuwandern. Er entscheidet sich bloß deshalb dagegen, weil er hört, dass dort durchgehend tropische Temperaturen vorherrschen. Er wirkt mithin wie ein jüdischer Zauderer, der die besten Rettungsmöglichkeiten aus bloßer Bequemlichkeit ausschlägt und damit bis zu einem bestimmten Grade selbst mit Schuld am furchtbaren Schicksal seiner Familie trägt.

Veit hat dagegen überhaupt keine Wahl. Er ist schwer verwundet und weiß die ganze Zeit, dass er einer erneuten Einberufung an die Ostfront bei seiner Genesung kaum wird entgehen können. Gerade weil Veit als reuiges Mitglied eines Täterkollektivs dargestellt wird, das an einer posttraumatischen Belastungsstörung laboriert, wirkt seine erzwungene Kollaboration tragisch.

Im Grunde kann man Geigers Roman nur auf zweifache Weise lesen. Erstens: Das Leid deutscher und österreichischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg und jüdischer Verfolgter während des Holocausts sind nicht zu vergleichen, weswegen die unvermittelt auftauchende, parallele Erzählebene zur Familie Meyer im Text seltsam isoliert bleibt und keinerlei Sinn ergibt. Oder zweitens: Wir sollen Veits Geschichte sogar mit der Oskar Meyers vergleichen, was aber eine ganze Reihe weiterer Unstimmigkeiten und ethischer Fragen aufwirft.

Sollte diese Gegenüberstellung etwa heißen, dass es für deutsche Wehrmachtssoldaten kein Entrinnen gab, während jüdische Familien of viel zu lange brauchten, um zu erkennen, in welcher gefährlichen Lage sie sich befanden? Selbst, wenn man Meyers Geschichte nicht so lesen möchte: Was sollen wir als LeserInnen aus dieser Gegenüberstellung in diesem Roman, dessen Schwerpunkt ganz klar auf der Beschreibung des deutsch-österreichischen Kriegsalltags in der nationalsozialistischen Alpen-Provinz liegt, denn dann genau lernen?

Die sympathietragenden Figuren am Mondsee (Veit, seine 'reichsdeutsche' Geliebte, der 'Brasilianer') sind in diesem Plot in wachsendem Maße gegen das Regime und wirken aus kritischer Sicht eher wie Wiedergänger aus fabrizierten deutsch-österreichischen Familiengeschichten, in denen Omi und Opi den Zwangsarbeitern stets heimlich geholfen und ein Butterbrötchen auf die Fensterbank gelegt haben wollen, obwohl ihr Leben im Krieg gewiss auch nicht einfach gewesen sei.

Kurz: Diese literarischen Figuren sind bei Geiger selbst (potenzielle) Verfolgte im "Dritten Reich". Es ist also nicht zu übersehen, dass auch dieser Roman nicht ganz von den Viktimisierungstendenzen der NS-Erinnerung in den deutschsprachigen Medien frei ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Jan Süselbeck

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Frieder Sommer schrieb uns am 03.02.2019
Thema: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Lieber Jan Süselbeck, danke für die Zusammenfassung der Kritik an Würger.
Warum Sie allerdings Geigers Roman "Unter der Drachenwand" einem "Viktimisierungstrend" zuordnen, erschließt sich mir nicht.
Wenn man diesen Roman im Zusammenhang mit Würgers "Stella" nennen wollte, dann doch eher als eine Empfehlung an Würger, z.B. das Kapitel "Wie's mir geht?" aufmerksam zu lesen, in dem Oskar "Israel" Meyer die ausweglose Situation seiner Familie so entsetzlich eindringlich schildert. Vielleicht bekäme dieser erschreckend naive Mensch und Autor Würger dann eine winzigkleine Ahnung davon, welchem existenziellen Druck Juden in dieser Zeit ausgesetzt waren. Arno Geiger ist es meisterhaft gelungen,
das "Unerzählbare" zu erzählen. Aufschlußreich finde ich, daß die Liebesbeziehung zwischen "Stella" und Friedrich auf eine seltsame Art "platonisch" bleibt. Hatte der Autor Würger hier einen Schutzengel an seiner Seite, der ihn davor bewahrt hat, eine rote Linie zu überschreiten?
Die rote Linie, die der Autor Peter Roos in seinem Roman "Die Gestapoakte und Ich" auf schamlose Weise überschritten hat. Herzlich Frieder Sommer

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Mirjam Schubert schrieb uns am 22.01.2019
Thema: Stefan Höppner: Gegen die Elemente
Mit „Der Mann, der Inseln liebte“ wurde eine der schönsten Erzählungen von D.H. Lawrence neu übersetzt

Zu Stefan Höppners biographischer Einordnung von Lawrence' "Der Mann, der die Inseln liebte" sei Dieter Mehls Aufsatz "Kommentar und Autobiographie bei der Edition von D. H. Lawrence" in: Gunter Martens (Hg.): Kommentierungsverfahren und Kommentarformen. Tübingen 1993, S. 162-168 empfohlen. Mehl zeigt hier, dass Lawrence sich in seiner Erzählung eher weniger auf seine eigenen Erfahrungen bezieht, sondern vielmehr auf einen realen Mann, der auf Inseln lebte - und der sich gegen die Veröffentlichung der Erzählung sperrte.

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Günther M. Doliwa schrieb uns am 11.01.2019
Thema: Rosa Luxemburg - Kurzporträt aus dem Essay: G.M.Doliwa, Revolution, veröffentlicht 2018 S. 103-110

5.7. Leitfigur der Revolution
Rosa Luxemburg (1871-1919)

Kehren wir zum Anfang des Essays zurück, zum Scheitern der roten Räterevolution vor 100 Jahren. Damals gehen konterrevolutionäre Mächte ans böse Werk. In einer konspirativen Wohnung in Berlin wird die Revolutionärin und Meisterin der Agitation Rosa Luxemburg gemeinsam mit Karl Liebknecht verhaftet, per Auto nach dem Eden-Hotel verschleppt, von Soldaten und Offizieren verhöhnt, als alte Hure beschimpft, misshandelt, niedergeschlagen, herum-geschleift und für ein paar Zigaretten ermordet… Ein flegelhafter Offizier hatte befohlen, während er Zigaretten verteilte: „Die Bande darf nicht mehr lebend das Edenhotel verlassen!“ Die Horde versenkt das Opfer
am 15. Januar 1919 im Landwehrkanal in Berlin und feiert abends im Hotel den historischen Mord. Auftraggeber und Mörder kommen später billig davon. Für 3 Mark fischt man erst am 31. Mai ihre Leiche heraus. Ihre Beerdigung findet ohne sie statt. Neben Karl Liebknecht und 31 Ermordeten. Ihr Sarg ist leer. Zu ihrem Grabmal pilgern die Linken bis heute. Sie war und ist „das sozialistische Gewissen der Revolution“ – ein Wort, mit dem sie den Spartakusbund beschrieb. Gehasst, verfolgt, verleumdet, „gekreuzigt“ von „den Handlangern der Bourgeoisie“. Es ging ihr in der proletarischen Revolution um die höchsten Ziele der Menschheit. „Es gilt eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen.“

Geboren ist Rosa Luxemburg im russisch besetzten Land Polen als eines Holzhändlers Tochter. Ihre Hüften sind verrenkt. Sie lernt, wo sonst bevorzugt russische Beamte lernen, in Warschau, vier Sprachen und die Sprache der Hoffnung auf und durch Revolution. Sie flieht 1889 über die deutsch-polnische Grenze, studiert in der Schweiz: Natur, Staat, Nationalökonomie. Sie lernt Agitation und Radikalismus. Sozialismus steht auf dem Lehrplan: Sturz der Klassenherrschaft. „Nur durch ständige Expansion ist Kapitalismus möglich.“ (Zitate aus Helmut Hirsch, Rosa Luxemburg 1983)
Um die Welt-Revolution anzustiften, bereist sie später Europa: Paris, London, Basel, Dresden, Zürich, Berlin, Hannover, Mainz, Lübeck, München, Amsterdam, Warschau, St. Petersburg, Weimar, Stuttgart, Nürnberg, Rom, Kopenhagen, Magdeburg, Jena, Frankfurt, Freiburg, Brüssel, Breslau, Berlin.
Ganze Briefe verschreibt ihr Geliebter „mit Geschäftlichem“. Ihr Meteor. Legal zusammen kommen sie und ihr Leo (Jogiches) nicht. 1898 Ziviltrauung mit Gustav Lübeck, 1903 erfolgt die Scheidung. Sie lebte ihr Leben ganz für sich. Scheu. „Verschwörer-Romantik“ ist ihr unentbehrlich. Sie reist dem Leben nach, „aber es versteckt sich immer.“
Ihr ganzes Leben ist Exil als selbstbewusste Frau, Jüdin, Polin, Sozialistin, Antimilitaristin. „An Polen war ein ungeheures völkerrechtliches Verbrechen vollzogen worden.“ Juden sind „das beliebteste Objekt für die Blitzableiterpolitik.“ Sie hat keinen Sinn für Ghetto-Denken, „spezielle Judenschmerzen“. Sie fühlt sich in der ganzen Welt zuhause, hört den „Wahnsinnsschrei“ auf Plantagen, in Afrika, in Kolonien. Sie warnt vor fataler Fixierung auf die Parteimisere. Sie macht Krach, legt sich mit Parteigrößen an. Führt einen „Federkrieg“. Es ist und bleibt „die revolutionärste Tat, laut zu sagen, was ist.“
Rosas Tat ist das scharfe Wort: „Schärfe“ sticht als Wesensmerkmal hervor. Ihre Kardinal(un)tugend: „Zunge zeigen! Unumwundene Offenheit und Schärfe.“
In ihr vibriert die Weltrevolution. Sie kritisiert auch Ikonen. Marx sei überladen „mit Rokoko-Ornamenten im Hegelschen Stil“; sie quittiert Lenins „Quasselei“, „diesen eigensinnigen Schädel“; Trotzki sei ein „fauler Kunde“; Kautsky, der Parteitheoretiker, pflege einen „bequemen fatalistischen Optimismus.“
„Freude an der Polemik“ ist ihr Lebens-Elixier. Sie scheint zu belegen: Je mehr Dornen eine Rose hat, umso stärker ist der Duft. Sie ist eine gefürchtete Furie unter (Zeit-) Genossen, „scharfsinnig und schlagfertig“ (Kautsky). Sie ist gefährlich, weil sie revolutionär denkt, ohne „Glauben an die alleinseligmachende Methode der Leisetreterei.“ „La flamme“ - die begeisternd Entflammte. Mit hartem Akzent, fabelhaft respektlos ergreift sie das Wort auf Kongressen. Ihr Verbrechen ist es zum Ungehorsam aufzufordern.

Die Herren bringen „die Todesstrafe in Schwung, die Gesellschaft erbebt“ und erschauert „in stummem Entsetzen.“ Einen Streik der Massen braucht es gegen „träge Ochsen“ überall. Militarismus, Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus, Absolutismus müssen niedergeworfen werden, „wie ein Hühnerstall vom Erdbeben umgestürzt“. Revolutionäre Epochen schaffen „fieberhafte sprungweise Erweiterungen und Verschiebungen ihrer Einflußsphäre.“
Majestätsbeleidigung von Wilhelm II. bringt ihr 1904 drei Monate Gefängnis ein. „Der Mann, der von der guten und gesicherten Existenz der Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den Tatsachen.“ Wohl wahr, aber Wahrheit hat einen Preis. Amnestie schlägt sie empört aus und bleibt „unerschütterlich heiter.“ Eine Republikanerin lässt sich vom König nichts schenken. Von 48 Lebensjahren sitzt sie 48 Monate in neun Gefängnissen in einer Zelle.
Mit Politischen, Gemeinen, zänkischen Geisteskranken in überfüllten Zellen. „Paradiesische Zustände“, seien das, spöttelt sie, wenn nur 30 statt 60 in einer Ein-Mann-Zelle „wie die Könige auf Bretterlagern“ schmachten, „querüber, nebeneinander wie Heringe“. Prostituierte tummeln sich auf Korridoren. Sie wird „dompteuse des folles“, Irrenbändigerin „mit einigen leisen Worten.“ Sie verbittet sich, einsitzende Menschen zu entmündigen.
Zu Kreuze kriechen kommt nie in Frage; sie brütet Subversion aus. Sie „hetzt in fanatischer Weise zur Propaganda der Tat auf“, heißt es im Polizeibericht. Trotz Kriegszustand muss der Sztandar (rote Fahne, siehe auch das Gemälde von Delacroix) gedruckt verkauft werden. Untergrundarbeit. In doppelten Drahtkäfigen werden Mitkämpfer vorgeführt „wie wilde Tiere im Zoo.“ Galgen, Hinrichtungs-Kommando, Grausamkeit. Aus allen Zellen erschallt der Trauermarsch. Blind Abgeführte kehren nicht wieder. Ohne Gericht und Urteil wird Leben ausgewischt.
Niemandem „etwas verdanken“ müssen, das verdürbe die freie Rede. Trotzdem Haftentlassung dank einer Kaution von 3000 Rubel. Herrlich ist ihr die Zeit, die massenhaft gewaltige Probleme aufwirft, Gedanken anspornt, Kritik, Ironie anregt, Leidenschaften aufpeitscht. Aufruhr-Monate in Russland sind „die glücklichsten meines Lebens.“

Aus scharfer Beobachtung setzt sie der Partei Grenzen. Sie kämpft wie eine Löwin gegen repressive Institutionen, nicht gegen Menschen. Ohne allgemeine öffentliche Freiheit stirbt das Leben, trocknet ein, wird zum Schein. „Die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums werden abgesperrt in Staaten mit beschränkter Freiheit“ und reichlich Verhaftung. Das öffentliche Leben wird vorsätzlich verödet, starr, lebensunwürdig, „so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar.“ Sie tritt nicht „mit naiven Illusionen in die Arena“ und sie muss deren Enttäuschung nicht rächen. Sie verzweifelt nicht im Versuch, „die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln“ und sie lobt die Aktion der Millionenmasse des Volkes. Sie preist die Identifizierung mit dem Leidenden als Mission. „Das soziale Element, die Solidarität mit dem Massenleid ist hier das Rettende und Lichtspendende für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit.“
Gewalt ist für sie konterrevolutionär. „Die proletarische Revolution verabscheut Terror und Menschenmord.“ Gewalt vermeint zu siegen, wenn sie aus langsamen oder beschleunigten Prozessen kurzen Prozess macht, Stimmen zum Schweigen bringt, Reformen nur vortäuscht, wenn sie Revolutionäre mundtot macht. „Erst im Feuer“ langer und hartnäckiger Klassen-Kämpfe erreicht das Proletariat politische Reife „zur endgültigen großen Umwälzung.“ Sie will sie revolutionär umschichten, die Macht- Gewalt- und Kräfteverhältnisse, nachhaltig, dauerhaft, unumkehrbar.

Revolution ist ihre Passion. Chauvinisten werfen ihr vor, gegen den (Welt-) Krieg zu sein, der bestenfalls Geburtshelfer der Revolution sein kann. Rosa Luxemburg zerstört 1915, acht Monate nach Kriegsbeginn, die Legenden vom Verteidigungskrieg, entlarvt den Angriffskrieg, sieht hellsichtig, dreieinhalb Jahre vor Kriegsende, die „Liquidierung der Türkei“, den Sieg Englands und Frankreichs und den Verlust der Kolonien voraus, den „Bankrott der weltpolitischen Stellung“, die „Zerstückelung Österreich-Ungarns“, wie „Länder und Völker“ an Siegermächte verschachert werden.
Sie hatte mit Karl Liebknecht gegen den Krieg gestimmt und sich Feinde gemacht. Hoch- und Landesverrat wirft man ihr vor. Unerbittlich ist ihre Analyse. Sie fängt die Atmosphäre jener Tage ein in ihrer Junius-Broschüre:
„Vorbei ist der Rausch. Vorbei der patriotische Lärm… die Jagd auf Goldautomobile, die falschen Telegramme…Straßenexzesse des spionenwitternden Publikums, Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen; ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit, zu denunzieren, Frauen zu mißhandeln, Hurra zu schreien…eine Ritualmord-atmosphäre…“
Revolution wird zum Passionsweg. Jesus, der „Gott aus Nazareth“, bietet ein Deutungsmuster: Revolution wird gekreuzigt. Rosa nimmt Worte aus den Evangelien auf. Die proletarische Revolution sieht Rosa Luxemburg „auf dem Golgathaweg“.
„Kreuziget ihn! rufen die Kapitalisten, die um ihre Kassenschränke zittern. Kreuziget ihn! rufen die Kleinbürger, die Offiziere, die Antisemiten, die Preßlakaien der Bourgeoisie, die um die Fleischtöpfe der bürgerlichen Herrschaft zittern. Kreuziget ihn! wiederholen noch wie ein Echo getäuschte, betrogene, mißbrauchte Schichten der Arbeiterschaft und Soldaten… Im Hass, in der Verleumdung vereinigt sich alles, was gegenrevolutionär, volksfeindlich, lichtscheu ist.“

Ein schöner Aufklärungssatz, den sich die AfD ins Partei-Programm schreiben sollte. „Im Hass, in der Verleumdung vereinigt sich alles, was gegenrevolutionär, volksfeindlich, lichtscheu ist.“

Rosa Luxemburg bewahrt Würde, trotz Gewehrkolben, trotz Depression, trotz alledem. Ihre Leitsätze über Taktik schmuggelt sie 1915 aus der Zelle. Die Sozialdemokratie besteht für sie „aus hundsjämmerlichen Feiglingen“.
Die russische Oktober-Revolution begrüßt sie als „welthistorische Tat“, doch hält sie das neue Privateigentum für einen Fehler und die Internationale für wichtiger als nationale Alleingänge.

„Demokratie ist kein Luxus.“ Sie proklamiert „eine freie ungehemmte Presse, ein ungehindertes Vereins- und Versammlungswesen… Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden…Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit“ ist schlicht tot.

Während um die Isolierte eine Weltuntergangsatmosphäre herrscht, in Moskau Sühnehinrichtungen geschehen, preist sie das Leben. Natur macht keine Phrasen.

Ihr fabelhaftes Vermächtnis aus dem Kerker lautet:
„Vergessen Sie nicht, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die von leidenschaftlichem Atem der letzten Lindeblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die in diesem Tage liegen, denn dieser Tag kommt nie, nie wieder! Er ist Ihnen geschenkt wie eine vollaufgeblühte Rose, die zu Ihren Füßen liegt und darauf wartet, daß Sie sie aufheben und an Ihre Lippen drücken.“ Für diesen Satz möchte man die Rose (Rosa) aufheben und küssen. Im Ohr vielleicht die geliebte Mondscheinsonate und den zweiten Teil der pathétique. Denn Musik macht alles gut.

„Mensch sein ist vor allem die Hauptsache, fest und klar und heiter. Sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinwerfen, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen. Die Welt ist so schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe. Vor allem muß man jederzeit als voller Mensch leben.“

Die rote Rosa, inzwischen weiß geworden, liebte es, Entwicklung durch bewusste Aktion revolutionär abzukürzen, dem Vorwärts zu dienen, „dem Weltklavier mit allen zehn Fingern in die Tasten zu fallen, dass es dröhnt.“

Rosa, Ruscha, Rosetta, Adler mit dem Taubenherz! „Bei Arbeit und Kampf wuchsen ihr Flügel.“ Sagte Clara Zetkin. Nun, da der Kampf ausgekämpft ist, aufrecht und unbeugsam, ist endlich Zeit, mit Vater Eliasch und Mutter Lina zu plaudern, von der Flucht unterm Stroh zu erzählen, „uneingeschränkteste, breiteste Demokratie“ zu feiern, die eigene streitbare Potenz ins Spiel der Weltgeschichte zu bringen; statt „sumpfiger Froschgesellschaft“ die Herrschaft breiter Volksmassen zu Ende zu denken, Verhältnisse zu schaffen, wo die Erfüllung nicht hinter der Hoffnung zurückbleibt. Den Kopf zu heben und die Gegenwart zu genießen, wenn Friede und Gerechtigkeit sich küssen. „Es gilt eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen.“

Rosa Luxemburg verlacht jeden, der verlangt, gänzlich auf Utopie zu verzichten.

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Joachim Landkammer schrieb uns am 12.12.2018
Thema: Sascha Seiler: „Cross the Border – Close the Gap“
Zur „Fiedler-Debatte“ um 1968

S. Seiler zitiert hier aus John Barths  „The Literature of Replenishment“ u.a. diesen Satz: „But he [der ideale postmoderne Autor, wie man aus dem Originaltext, nicht wirklich aus S. Seilers Zitation ersieht] should hope to reach and delight, at least part of the time, beyond the circle of what Mann used to call the Early Christians: professional devotees of high art."
Dass Thomas (denn der ist doch gemeint, oder?) Mann das gesagt haben soll, wird in der englischen Literatur öfter wiederholt (weil man sich auf Barth stützt?). Aber wo und wann und in welchem Zusammenhang und mit welchem O-Ton hat Thomas Mann das gesagt? Das war mir bisher nicht möglich zu eruieren. Außer einer Stelle im „Tonio Kröger“, wo der
Titelheld sein Publikum beklagend vergleicht mit einer „Versammlung von ersten Christen gleichsam […] Leute mit ungeschickten Körpern und feinen Seelen“ finde ich nichts annähernd Passendes – und auch im Tonio Kröger fehlt der Bezug auf die „professionelle“ (!) Verehrung von Kunst.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Herr Seiler oder andere Thomas-Mann-Experten das aufklären könnten. Vielen Dank im Voraus.
Freundliche Grüße
Joachim Landkammer, Wasserburg am Bodensee

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Christa Hagmeyer schrieb uns am 27.11.2018
Thema: Sebastian Kranich: Mit Gott in den Krieg – mit Luther zum Sieg?
Der deutsche Protestantismus im Ersten Weltkrieg – und nach seinem Ende im November 1918

Der Text ist informativ, ernüchternd und überaus wichtig.

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Horst Strelow schrieb uns am 13.11.2018
Thema: Wilhelm Solms: Weiterforschen!
Über Goethes Beziehung zu Anna Amalia und Charlotte von Stein – mit einem kritischen Appell an die Weimarer Goethe-Institutionen

Sehr geehrter Herr Solms,
Ihren Aufruf zum "Weiterforschen" vom März 2018 fand ich leider erst im November. Ihre Analysen und Standpunkte zeigen ehrenhafte Züge, die auf objektivere Abstimmungen zum Thema "Anna Amalia und Goethe" hoffen lassen, als es bisher zustande kam. Neben den Weimarer "Drei" wünschte ich mir eine vierte Gruppe unter Ihrer Leitung. Und Sie können von Aufsehen erregendem Erfolg ausgehen. Nach meinen veröffentlichten Goethe-Studien ab 2006 zeigt sich: Anna Amalia und Goethe trafen sich bereits im Herbst 1772 im Haus von Sophie von Laroche am Ehrenbreitstein. Schon Goethes Briefe an die Kestners waren z. T. und alle Briefe 1775 an Auguste deckadressiert. Und was sich aus Goethes Liebesverhältnis zu Anna
Amalia in seinen Werken "Götz", "Werther" und "Faust" widerspiegelt, ist laut Goethes eingeweihtem Schwager geradezu "genial"! Sie hoffnungsoll und freundlich grüßend. Horst Strelow

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Christian Milz schrieb uns am 14.10.2018
Thema: Christian Milz: Kritik (an) der verstehenden Vernunft
Vittorio Hösles geisteswissenschaftliche Grundlegung riegelt das Untergründige ab

Nachtrag zu meiner Rezension
Vier Wochen nach der Veröffentlichung der Rezension erhielt ich durch die Vermittlung von Raymond Moodys Autobiografie Paranormal am Anfang von Chapter Nineteen eine Information zu William James (1842 – 1910), dem amerikanischen Psychologen, auf den sich Vittorio Hösles Programm einer Grundlegung der Geisteswissenschaften ganz wesentlich bezieht: „Psychologie als Lehre vom mentalen Leben [ist] die Fundierung aller Geisteswissenschaft. […] Was William James‘ The Principles of Psychology zu einem so einzigartigen Klassiker macht, ist die Verbindung der neuen experimentellen Methode mit Introspektion einerseits und philosophischer geschulter Begriffsanalyse andererseits.“ James lässt laut Moody freilich auch verlauten: „The subliminal life has windows of outlook und doors of ingress which indefinitely extend the region of the world of truth.“ Auf deutsch etwa: "Das unterschwellige Leben hat Fenster und Türen, die den Bereich der Welt der Wahrheit auf unbestimmte Weise ausdehnen." Jede wissenschaftliche Neugier agiert auch und gerade in diesem Bereich. Das Schließen der Fenster und Türen zur Wahrheit gehört normalerweise nicht zu ihrer Aufgabe.

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