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Erhard Schümmelfeder schrieb uns am 07.08.2018
Thema: Bernd Nitzschke: Religiöser Illusionismus und Autoritätsgläubigkeit (nicht nur) im Trump-Zeitalter
Über Sinclair Lewis’ Roman „Elmer Gantry“ (1927) und zwei Filme, denen er als Vorlage diente: „Elmer Gantry“ (1960) und „Canaan Land“ (2018)

Von der Wirkungslosigkeit vernünftiger Argumente für eine bessere Welt

Von der Wirkungslosigkeit vernünftiger Argumente für eine bessere Welt handelt der umfassend recherchierte und mit erstaunlichem Sachverstand gestaltete Artikel aus der Feder von Bernd Nitzschke. Die Komplexität der in diesem Aufsatz aneinandergereihten Fakten zur Autoritätsgläubigkeit sind ein weites Feld und zugleich ein abendfüllendes Programm, das sich nicht mit einem kurzen Leserbrief angemessen würdigen ließe.
Aus der Fülle an Fakten über die Empfänglichkeit der Massen für die Rattenfängerparolen politischer Machtmenschen greife ich eine Passage über die neuropsycholigischen Ursachen der
Autoritätsgläubigkeit heraus: "Emotional fundierte Hirnstrukturen können durch wissenschaftliche Erkenntnisse und vernünftige Argumente nicht so leicht erschüttert werden. Darauf basiert die Macht autoritär regierender Führer ..."
Mutmachend wird auch Sigmund Freud zitiert, der sich  1927 vorsichtig zuversichtlich äußerte: "Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehört verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch."
Im Sinne dieses Zitates steht auch Bernd Nitzschkes Aufsatz, dessen aufklärende Botschaft hoffentlich viele (noch) taube Ohren in der Welt erreichen möge.

Erhard Schümmelfeder
Homepage: http://erhard-schuemmelfeder.de.tl/

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 04.08.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

"Il [Proust] possède l'humaine psychologie, et aussi nul mieux que ce demi-Israélite n'a compris les plans géologiques de l'âme française" - Prousts Freundin Élisabeth de Clermont-Tonnerre 1925 in Robert de Montesquiou et Marcel Proust (S. 200).

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Achim Schürmann schrieb uns am 21.07.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Andrea Geier: Muss man Eugen Dührings philosophische Schriften kennen, um seinen Antisemitismus zu verstehen?
Peggy Cosmann stellt den fanatischen Radikalisierer antisemitischen Denkens vor


Lieber Herr Dr. !
Dazu ist nur zu sagen:  Allerdings,  seehr allerdings sogar !
Und das zu untersuchen & zu publizieren dürfte auch den heute manisch "gegen-Rechts"-Linken und Marxisten äußerst unangenehm sein.

Ich selbst hatte den Anti-Dühring nur sehr perifer gelesen und es ist mir deshalb nicht aufgefallen;
2. weil einige ideologiekritische Linke/ Gruppen, die auch den linken Antisemitismus geißeln, gleichzeitig Engels Auseinandersetzung mit Dühring hochlobten, sowie als "antideutsche" Ideologiekritiker Marx'/Engels' Kritik in bzw. an "Der Deutschen Ideologie".

- Grüße!
Achim Schürmann

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Peter Strasser und Thomas Anz schrieb uns am 14.07.2018
Thema: Alexandra Richter: Sang- und klanglos
Ein palaverndes Buch zum hundertjährigen Erscheinen von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“

Vorbemerkung: Der kurze Verriss von Alexandra Richter zu Peter Strassers Essay „Spenglers Visionen. Hundert Jahre Untergang des Abendlandes“ veranlasste den Autor zu mehreren E-Mails an den Herausgeber von literaturkritik.de. Thomas Anz schlug ihm vor, seine Kritik an der Rezension und an der Redaktion der Zeitschrift als Leserbrief zu veröffentlichen. Peter Strasser wiederum schlug vor, die gesamte Korrespondenz dazu als Leserbriefreaktion zu publizieren. Dies geschieht hiermit. Weitere Leserbriefe dazu sind willkommen.

E-Mail vom 25.6.2018
Lieber Herr Anz,
es sind schon einige meiner Bücher in Literaturkritik.de besprochen worden, stets seriös. Nun wurde meinem Spengler-Essay eine Besprechung zuteil, die keine ist. Es geht
nur noch darum, die Sache runterzumachen. Dieses Verfahren ist Teil eines Kulturkampfes. Ich kenne die Rezensentin nicht, bin aber der Meinung, dass diese Art des Bashings mindestens einen Schritt zu weit geht.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr Peter Strasser

E-Mail vom 25.6.2018
Lieber Herr Anz,
dazu noch ein Nachtrag:
Ich wollte gerade mein Schreiben an Sie als Leserbrief postieren, aber mir fehlt irgendeine Berechtigung. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass so eine Rezension eigentlich irgendeine Reaktion seitens der Redaktion erforderte. Das hätte meines Erachtens nichts mit Intoleranz zu tun – es ginge hier bloß darum, die Verwilderung des Diskurses, wie man sie in den Social Media findet, nicht auch noch auf eine seriöse Besprechungsplattform durchdringen zu lassen.
Nebenbei: Es gibt viele Besprechungen zu meinem Buch, aber die neurechten Spenglerianer haben einen Weg eingeschlagen, der ihrer Methode der „Neutralisierung“ des Meinungsgegners gut ansteht: Sie rezensieren, wie ich feststellen konnte, das Buch auf Amazon möglichst negativ (dort gibt es allerdings auch Gegenstimmen), weil das mit einer 1-Sternchenvergabe einhergeht und so auf mögliche Käufer abschreckend eingewirkt werden soll.

Nachtrag  9.7.2018
Mittlerweile hat Max Otte, der die Spengler-Gesellschaft gründete (glaub ich), einen Sammelband herausgegeben, den er auf Amazon selbst in den höchsten Tönen lobt, wieder begleitet von seinem Adlatus, der unter dem Pseudonym Geröllheimer schreibt (beide haben meinen Spengler-Essay auf Amazon verrissen).
Aber was sich die seriöse Literaturkritik.de erlaubt, schlägt das alles um Längen. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob die Rezensentin überhaupt weiß, mit wem sie sich da ins Bett legt, sozusagen.

12.7.2018
Lieber Herr Strasser,
nach einer Hochstressphase habe ich mir das nun anschauen können - und Ihren  Ärger bestens verstanden.  Solche Kurzverrisse gab es bei literaturkritik.de bislang kaum.  Quasi zensierend eingreifen darf die Redaktion da jedoch nicht, zumal wir Ihr Buch nicht kennen. Aber ein Leserbrief von Ihnen wäre sehr willkommen. Ich habe dafür eben die kürzlich (wegen etlicher Belästigungen) installierte Zugangsbeschränkung, die das Leserbriefschreiben nur Online-Abonnenten ermöglicht, aufgehoben und würde Ihren Leserbrief, wenn Sie ihn abgeschickt haben, umgehend freischalten bzw. veröffentlichen. Andere können dann darauf reagieren. Eine offene Diskussion über das Buch und aus diesem Anlass zugleich über Formen der Kritik (auch bei Amazon und in den Social Media) würde ich mir wünschen. Ihre Hinweise auf das, was da bei Amazon passiert, sind jedenfalls aufschlussreich und ein Anreiz dazu.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Thomas  Anz

12.7.2018
Lieber Herr Anz, wie immer mein Buch beschaffen sein mag, diese Rezension gehört nicht in eine Rezensionsplattform, welche auf den Ruf ihrer Seriosität bedacht ist. Dem beschädigten Autor einen "Leserbrief" zuzumuten - also das ist doch beschämend: für den Autor, vor allem aber auch für die Verantwortlichen von Literaturkritik.de, die sich aus der Verantwortung stehlen.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr Peter Strasser

12.7.2018
Lieber Herr Anz, ich schlage vor, unsere Korrespondenz als Leserbriefreaktion zu veröffentlichen. Das wäre meines Erachtens eine geeignete Form der Reaktion, wobei ich es selbstverständlich der Redaktion überließe, noch ein Wort zu  ihren eigenen Compliance-Regeln zu sagen.
(Werden auch herabwürdigende und/oder verhetzende Äußerungen geduldet?)

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Redaktion literaturkritik.de schrieb uns am 23.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Die Verwirrung rührt daher, dass die Auseinandersetzung zwischen Olaf Kistenmacher und Bernd-Jürgen Fischer zunächst auf die Rezension
Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk. Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust
bezogen war und später eine weitere Rezension mit einbezogen wurde, nämlich:
Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer. Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung.
Die Leserbrief zu beiden Rezensionen stehen zusammen mit anderen auf der Seite
"Leserbriefe"
oder sind getrennt jeweils einer Rezension zugeordnet. Wir schlagen vor, die Auseinandersetzung abzubrechen. Andernfalls bitten wir darum, neue Leserbriefe unter der Rezension einzugeben, auf die sie sich beziehen.

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Renate Rocholl schrieb uns am 22.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Aber Herr Kistenmacher, hier geht es um "Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung
Von Olaf Kistenmacher.
In Fischers Übersetzung von Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" kommt das Wort Halbjude nicht vor. Glauben Sie mir! Kann sein, dass es irgendwo anders vorkommt, aber das wäre dann eine andere Diskussion, von der ich in der Tat nichts weiß.
Und ich habe nicht gesagt, dass Ihr Aufsatz über Proust und die Fotografie auf Fischer Übersetzung beruhen würde: Ganz im Gegenteil habe ich gesagt, dass er nicht das Geringste damit zu tun hat. Ihr Aufsatz segelt unter falscher Flagge!

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Olaf Kistenmacher schrieb uns am 22.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Nach Renate Rocholls E-Mail ist die Diskussion für mich beendet. Ich halte es mittlerweile für geboten, Bernd-Jürgen Fischer vor seinen Fans in Schutz zu nehmen.
Es ist mir völlig unklar, warum sich Frau Rocholl an einer Diskussion beteiligt, von deren Verlauf sie nichts weiß. Weder hat sie das Buch von Fischer, um das es geht, gelesen, noch kennt sie meine Rezension (http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=24100). Sie hat nicht einmal die bisherige Debatte auf dieser Leserbriefseite zur Kenntnis genommen. Sonst würde sie nicht die Frage stellen, warum es "mit einem Mal" um den Ausdruck "Halbjude" ginge - denn darum ging es von Anfang an -, und nicht behaupten, das Wort würde bei Fischer "gar nicht
vorkommen".
Ich kann an dieser Stelle nicht alle ihrer Fehler korrigieren. Der amüsanteste ist, dass sie im gleichen Satz mutmaßt, ich hätte Fischers Proust-Übersetzung nicht gelesen, und zu der Einschätzung kommt, ich hätte auf der Grundlage dieser Übersetzung einen Essay verfasst, der "gar nicht mal schlecht" sei.
Ganz allgemein lautet mein Appell an die Adresse der Fischer-Fans: Wer sich von Ihnen noch über die Besprechung in der "FAZ" geärgert hat (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/bernd-juergen-fischer-uebersetzt-proust-verbleibe-doch-du-bist-so-schoen-12599558.html), wende sich doch bitte an die zuständige Redaktion.

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Renate Rocholl schrieb uns am 20.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Was soll denn der Streit um das Wort "Halbjude" mit einem Mal? Will Kistenmacher jetzt in Mosebachs Fußstapfen treten und Fischers Arbeit wegen Wörtern bekritteln, die gar nicht darin vorkommen? Offenbar hat er die Neuübersetzung von Prousts "Recherche" genauso wenig gelesen wie Mosebach. Darauf deutet auch hin, dass sein Beitrag zwar als Rezension von Fischers Neuübersetzung daherkommt, sich dann aber nach einer zweizeiligen Feststellung ihrer Existenz auf einen ausgedehnten Essay über Proust und die Fotografie einschifft, der gar nicht mal schlecht ist, in dem aber Fischers Übersetzung mit keinem Wort erwähnt wird und ganz offenkundig nichts mit ihr zu tun hat. Insbesondere werden auch Fischer zahlreiche Hinweise auf Prousts Interesse an der Fotografie und seine Literaturhinweise dazu verschwiegen. Ich nenne so etwas Etikettenschwindel.
Nach ca. 185 Zeilen, die mit einer Rezension nicht das Geringste zu tun haben, kommen wir dann zu einer viereinhalbzeiligen Volte, die den Bezug wieder herstellen soll und an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist:
"Rechtfertigt diese Aktualität, dass es nun von Prousts À la recherche du temps perdu eine weitere deutsche Fassung gibt, die von der Aufmachung ebenfalls wie eine Werkausgabe daherkommt? Darüber lässt sich streiten. Doch da es diesen Luxus gibt, ist es wie bei zwei Abzügen des gleichen Negativs, bei denen man auch nicht sagen kann, ob einer davon besser wäre: Man sieht auf jeden Fall mehr."
Meiner Beobachtung nach hat Fischer nirgendwo den Anspruch erhoben, eine Werkausgabe zu erstellen. Dazu würden ja mindestens noch Les Plaisirs et les Jours, Jean Santeuil und Contre Sainte-Beuve gehören - mal ganz abgesehen von der Frage, ob eine Übersetzung überhaupt eine Werkausgabe sein kann. Die anmaßend-abschätzige Stammtischsprache von "daherkommen" ist ja bereits gerügt worden. Was bildet Kistenmacher sich eigentlich ein?
Nein, was mir richtig wehgetan hat war die Abstrusität, Prousts Text zu einem Negativ zu deklarieren - wovon denn bloß? Vom Jenseits, weil er so diesseitig ist? - und literarische Übersetzungen zu "Abzügen" davon. Sancta simplicitas, keine Ahnung von den Anforderungen an die Übersetzung literarischer Texte, von deren Kommentierung ganz zu schweigen. (Richtig: da ist ein Anhang mit höchst gelehrten Anmerkungen und zahlreichen nützlichen Hinweisen, der weit über den Apparat der Suhrkamp-Ausgabe hinausgeht, den aber bisher noch keiner entdeckt zu haben scheint.) Ein Abzug von einem Negativ ist bekanntlich ein Negativ des Negativs. Die Übersetzung von "Longtemps je me suis couché de bonne heure" müsste dann pace Kistenmacher lauten: "In kurzer Entfernung hast du dich zu schlechter Meile aufgeweckt" - oder so ähnlich! Und bei zwei Abzügen vom selben Negativ sieht man mitnichten mehr: Wenn sie ordentlich gemacht sind, sind sie praktisch identisch. Das sicherzustellen ist die Funktion eines Negativs. Doch trotz der allgemeinen Geiferei der Rechel-Mertens-Adepten hat bisher noch niemand bestritten, dass sich Fischers Übersetzung wesentlich von der R-M-Übersetzung unterscheidet. Man lässt nur nicht gern vom alther Gewohnten.
Kistenmacher hätte mal zu einem Podiumsgespräch mit Fischer gehen und zuhören sollen: Da hätte er eine sinnvolle Metapher aus der Fotografie kennenlernen können. Fischer zog, um den Unterschied zwischen der R-M-Übersetzung und seiner eigenen sinnfällig zu machen, eine Parallele zu den verschiedenen Auffassungen zweier berühmter Fotografen vom selben Sujet: Weibliche liegende Rückenakte von David Hamilton einerseits und Helmut Newton andererseits. Tja, von Fischer kann man was lernen! Ich habe ihn danach um die jpg-Dateien der sehr schönen Aufnahmen gebeten, die er mir auch geschickt hat, aber hier kann man ja nichts hochladen.

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 18.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

"Was mich als Juden an Proust noch persönlich fesselte, waren seine so außerordentlich bedeutsamen Bezugnahmen in dieser Hinsicht. Es ist ja nicht bloß ein (übrigens von Anfang an bekanntes) biografisches Faktum, dass seine Mutter aus der jüdischen Familie Weil stammte. Und was maman für Marcel bedeutete, das erfährt man, kaum dass man den Roman auf-geschlagen hat. Nach israelischem Recht hätte Proust sogar als „Jude" zu gelten. Dass er Halbjude war, wirft ein Licht auf die Möglichkeit, als Jude mit einer überwiegend nicht-jüdischen Nation zu verschmelzen, denn französischer als Marcel Proust kann wohl kein Autor sein, und von seiner jüdischen Mutter hat er Impulse empfangen, die sich in der Erinnerung des Sohnes an ihr Vorlesen aufs Schönste zeigen. Und Swann selbst, um den der erste Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit sich dreht, ist Jude, ein hochkultivierter reicher Kunstfreund, den sein Verkehr mit Adligen in keiner Weise zum Snob gemacht hat, während ein anderer Jude in Marcels Umgebung, Bloch, schon eher einige Züge trägt, die von Antisemiten im judenfeindlichen Sinne glossiert werden könnten. Aber Proust beschönigt nichts; auch konnte er die Aufrichtigkeit umso eher wagen, als die judenfeindlichen [...]" usw.
Schottländer: Deutschsein fünfmal anders. Berlin: vbb 2017, S. 69

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 16.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Lieber Herr Kistenmacher, Sie haben das Pferd von hinten aufgezäumt: Wenn ich "Halbjude" sage, dann beweist das, dass man "Halbjude" sagen kann.

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Olaf Kistenmacher schrieb uns am 15.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Bevor die Debatte über das Büchlein "Proust zum Vergnügen" weitere Blüten treibt,* seien an dieser Stelle ein paar Fakten eingeworfen: Bernd-Jürgen Fischers Proust-Übersetzungen wurden auf Literaturkritik.de mehrmals besprochen. In meiner Rezension vergleiche ich den "Luxus", dass wir nun über zwei deutsche Fassungen von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" verfügen, damit, dass man zwei Abzüge eines Fotos vergleicht, und komme zu dem Ergebnis: "Man sieht auf jeden Fall mehr." (http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22713)
Mein ausführlicher Essay in der "Jungle World" (28/2016) schließt mit den Worten: "Man sollte Proust lesen, wieder lesen, in der
Fassung der alten Werkausgabe oder der neuen Übersetzung. Auch wenn man einige Zeit dafür braucht." (https://jungle.world/artikel/2016/28/die-jugendjahre-der-buergerlichen-gesellschaft)

So viel zu der Unterstellung, Literaturkritik.de oder ich würden eine Kampagne gegen Herrn Fischer führen.

Was ich an dem von ihm herausgegebenen Büchlein "Proust zum Vergnügen" kritisiert habe und weiterhin entschieden kritisieren werde, ist der Gebrauch des Ausdrucks "Halbjude". Das halte ich in Deutschland nach 1945 für eine unzulässige Wortwahl. Die Tatsache, dass Proust der Sohn einer jüdischen Mutter war, lässt sich mit genau diesen Worten sagen. Dazu braucht es, wie gesagt, keiner Begrifflichkeiten, die an die Nürnberger Rassengesetze erinnern.** Ich finde es auch nicht amüsant, dass Bernd-Jürgen Fischer in seiner ersten Erwiderung (vom 28. April) das Wort "reinrassig" auf der Zunge liegt.

Als Anregung zur weiteren Lektüre empfehle ich außer Victor Klemperers "LTI. Notizbuch eines Philologen" die Kritik "Tadel für den Tagesspiegel" (2. Juni 2016) von Ramona Ambs auf:
http://www.prinzessinnenreporter.de/tadel-fuer-den-tagesspiegel/

Mit freundlichen Grüßen
Olaf Kistenmacher

* Die Spanne des hier verbreiteten Unsinns reicht von harmlosen falschen Behauptung, ich wäre Soziologe (Henning Seydlitz, 12. Mai), bis zu dem gefährlichen Irrsinn, der Ausdruck "Halbjude" könne keine Beleidigung sein, weil seine Bestandteile "halb" und "Jude" es nicht wären (Hemel Silberstein, 3. Mai). Eine solche Herleitung offenbart ein gehöriges Maß an Halbbildung.

** Wenn Ingeborg Kohn - die übrigens die Einzige zu sein scheint, die meine Rezension wirklich gelesen hat - sich selbst "Halbjüdin" nennt, ist das keine Rechfertigung dafür, dass man unaufgefordert andere Menschen so nennen dürfte.

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 13.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Henning Seydlitz schrieb uns am 12.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

"Kistenmacher ist halt ein Soziologe, der als Literaturkritiker daherkommt."

Na, wie schmeckt die eigene Medizin?

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Caroline Stern schrieb uns am 12.05.2018
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Romandebüt über „Das Leben des Max Schmidt“ auf der Suche nach einem „Neuanfang“ in Berlin

Mehr Informationen zum Buch und zur Autorin auf www.lebendesmaxschmidt.com

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Henning Seydlitz schrieb uns am 12.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Kistenmacher ist halt ein Soziologe, der als Literaturkritiker daherkommt.

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Ingeborg Fahrenbach schrieb uns am 11.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

PS zu meinem Leserbrief: Dass "Kritiker" wie Moserbach oder Kistenmacker ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass ein Autor nicht groß über seine Wörter nachdenkt und sie deshalb nach Herzenslust an ihnen herummäkeln können, liegt wahrscheinlich daran, dass sie selbst nicht groß über ihre Wörter nachdenken, wie wir hier ja nun schön deutlich vorgeführt bekommen haben.

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 11.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die innere Dunkelkammer
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in neuer Übersetzung

Was ist denn Ihrer Ansicht nach der Unterschied zwischen einer Werkausgabe und einer Ausgabe, die "wie eine Werkausgabe daherkommt"? Ich vermute mal: Ihr unangemessener und anmaßender Sprachstil. Selbst nix leisten, aber rumrempeln!

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Ingeborg Fahrenbach schrieb uns am 11.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Entschuldigt, wenn ich noch einmal auf Kistenmacher zurückfalle: Er schreibt: "Mit Proust zum Vergnügen versucht Bernd-Jürgen Fischer, der von 2013 bis 2016 eine Neuübersetzung von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erstellt hat, ein neues Publikum zu gewinnen." Woher kann er das wissen? Doch höchstens aus dem Nachwort? Dort aber steht: "Ich hoffe, dass Sie nun, nach diesem kleinen »Amuse-Gueule«, in Albertines Schlachteruf »Mmmm, lecker!« ausbrechen werden, wenn das Hauptgericht auf den Tisch kommt: Die Suche nach der verlorenen Zeit." Ein Versuch ist etwas anderes als eine Hoffnung:
"Ich hoffe, dass meine Mutter wieder gesund wird"
ist etwas anderes als
"Ich versuche, dass meine
Mutter wieder gesund wird".
Ihr seht, ich habe von den jesuitischen Wort-Obduktionen seiner Kritiker gelernt.

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Hemel Silberstein schrieb uns am 10.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Jetzt fängt die Diskussion ja an, richtig interessant zu werden. Ich hatte vorher noch gar nichts von Mosebachs Polemik gewusst ("verbleibe doch …" ist ja wohl gemeint, oder?). Mann, wie kann die FAZ eine so offenkundige hate-mail abdrucken? Haben die denn keine Redaktion, die mal überprüft, was da so von außen angeliefert wird? Schon allein die Sache mit der "Chefin" sagt ja alles. Schulhof-Rempelei, das hat Fischer gut gesagt! Wenn Proust schreibt: "une chose sans cause, une chose …" und Mosebach findet, dass das nicht Flauberts Wünschen entspricht, wie kann er das dann Fischers Übersetzung "eine Sache ohne Ursache, … eine ganz und gar dunkle Sache" ankreiden? Offenbar wusste Proust als Lateinschüler des Condorcet und weiß Fischer als Linguist, was ich so ganz nebenher weiß und was Mosebach nicht zu wissen scheint, dass nämlich "chose" und "cause" beide vom lat. "causa" kommen und damit zusammenhängen wie Sache und Ursache. Und dann die Sache mit dem "lebendigen Knacken" - so etwas an vorsätzlichem Kannitverstahn ist mir in der FAZ noch nie zuvor begegnet, von Ghana ganz zu schweigen. Ich bin in einem niedersächsischen Bauernhaus bei Otterndorf aufgewachsen und kenne sehr gut das "lebendige" Knacken des Gebälks, wenn wir im Sommer am Abend nach drinnen gingen wegen der Mücken. Das waren weder als Mäuse noch als Siebenschläfer verkleidete Kritiker, sondern das Leben der Holzbalken selbst: Holz lebt, wie jeder Tischlerlehrling weiß und wie ein "Dichter" wissen sollte! Das Pendant zum "lebendigen Knacken" habe ich kennengelernt, als ich als Entwicklungshelfer in einer Wellblechhütte am Rand von Accra wohnte: Da knackt's auch gewaltig am Abend, wenn sich das Wellblech abkühlt, aber wie Pistolenschüsse: "tot", "tot", "tot"! Und das will nun also ein Dichter sein, hoch oben auf dem Parnass, aber taub für das Leben? Und taub für den Tod? Oder völlig unerfahren mit Leben und Tod, das könnte auch sein, aber dann täte er besser daran, zuzuhören, wenn Klügere sprechen. Wie völlig unerfahren Mosebach mit dem Leben offenbar ist, zeigt auch sein gänzliches Unverständnis des "Kaleidoskops der Nacht" - andere Leute machen wieder und wieder unfreiwillig die Erfahrung, dass ihnen Gedanken und Bilder wie ein Mühlrad (das Kaleidoskop muss bekanntlich gedreht werden) im Kopf herumgehen, und dass man das zumindest vorübergehend zum Anhalten bringen kann, indem man die Augen öffnet (was man allerdings nur kann, wenn man nicht eingeschlafen ist, weshalb einem die Augen auch nicht zugefallen sein dürfen, man muss sie vielmehr geschlossen haben in der – für den Erzähler vergeblichen – Hoffnung, schlafen zu können) und sich an feststehenden Dingen im Raum festhält: an Schreibtischen, zum Beispiel. Aber Mosebach fragt, was das eigentlich heißen soll! Achgottachgott! Na ja, fragen wird man ja wohl noch dürfen, oder?

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 10.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Lieber Herr Seydlitz,
vielen Dank für Ihr höchst schmeichelhaftes Lob für meine Arbeit! Sie können sich offenbar vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man 10 Jahre 14/7 an einem Monsterprojekt gestrickt hat (und noch zwei weitere Jahre in die Veröffentlichung gesteckt hat, allerdings nicht mehr 14/7), und dann kommen ein paar Naseweise daher, die meinen, Meinungen abdampfen zu müssen ohne groß hinzugucken, nach dem bewährten Schulhof-Rempel-Muster: "Hätte ich garantiert besser gekonnt, hatte bloß nicht die Zeit dafür - leider!"
Aber schön zu wissen, dass es da draußen Leser gibt, die meine Arbeit zu würdigen wissen. Tatsächlich unterscheiden sich die Stellungnahmen aus der Leserschaft
eklatant von der Mäkelei der Nichtleser in den Feuilleton-Redaktionen (der Zeitungen - die Kulturredaktionen der Radiosender sind anscheinend aus einer jüngeren und also für Neues offeneren Generation). Da gibt es wohl eine gewaltige Kluft zwischen Kritiker und Publikum.
Übrigens habe ich im Kap. Themenregister des Handbuchs auch ein Lemma "Anglizismen", weil Proust die ja thematisiert. Da kann man in nuce ablesen, was mit Odettes Anglomanie los ist (was Sie ja aber auch so begriffen haben).
Weiterhin viel Vergnügen mit Proust wünscht Ihnen
Ihr Bernd-Jürgen Fischer

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Henning Seydlitz schrieb uns am 09.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Ich habe Fischers Neuübersetzung von Prousts "Recherche" verschlungen! Was für eine Sprachgewalt im Deutschen, was für eine Präzision in der Abbildung von Prousts Sprache ins Deutsche! Wow! Der Wahnsinn! Und dann der Anmerkungsapparat. Ein kostenloses Romanistik-Studium draufgesattelt! Wie der Spiegel gern in den Leserzuschriften schreibt, über die Fischer sich mokiert: "Chapeau!" Ich lese gerade sein Handbuch, und dabei bleibt mir glatt die Spucke weg!
Wegen dieses Interesses habe ich auch die Kritik an Fischers Meisterleistung verfolgt: Und dabei ist mir erst recht die Spucke weggeblieben. Das pubertäre "Nitpicking", das Helmuth schon erwähnt hat, im Blow-up Format! Da mäkelt einer, dass es bei Fischer
heiße: "Die nicht mein Fall war" statt "die nicht mein Genre war": das findet er "schade", und damit ist der Fall erledigt. Kein Gedanke daran verschwendet, dass das eine sozialpsychologisch, das andere individualpsychologisch orientiert ist, keine Erinnerung daran, dass Swann Odettes "hängende Wangen" und ihren "fahlen Teint" abtörnig fand! Vermutlich hat er aber den Text gar nicht erst gelesen. Und das soll dann Kritik sein?
Ein anderer meint, dass man frz. "doper" nicht als dt. "dopen" übersetzen dürfe, ein Wort, das aus dem Radrennsport bekannt sei. Nun, beide kommen vom Englischen "to dope", das aus dem Pferde(!)rennsport stammt, und bevor das Wort bei Proust verwendet wird, wird auf ca. 150 Seiten Odettes Anglophilie karikiert und ihr Hang zu den "Hippodrômes", zu denen sie mit ihren halbseidenen Freundinnen geht, um mit den Jockeys zu poussieren. Aber das fällt dem Kritiker natürlich nicht auf, vermutlich, weil er den Text gar nicht erst gelesen hat: Da wird ein bisschen herumgestochert, ob sich nicht irgendwie was findet, und dann füllt man die Spalte, die Zeit drängt, Sachkenntnis ist bürgerlicher Luxus.
Usw.
Den Vogel hat ja Mosebach abgeschossen, der einen ganzen Absatz darauf verwendet, ein Wort zu bemäkeln, das nirgendwo in Fischers Text vorkommt ("Chefin") - O-Ton Mosebach: "Auch hier folgt Fischer getreulich Rechel-Mertens". Mein lieber Mosebach! Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Welche Absicht? Nun, wenn man das mal alles zusammenschaut, wird doch ziemlich deutlich, was Helmuth schon sagte: Es hat den alten Hirschen mächtig auf den Darm geschlagen, dass da einer wie Ziethen aus dem Busch auf die Lichtung geprescht kommt und sie beim Wiederkäuen von Rechel-Mertens aufscheucht – da müssen sie erst einmal ein paar "Perlen lösen", wie der Jägersmann sagt. Und das Ganze nun noch einmal lesen? Gott behüte, da perliere ich lieber!
Als ich damals in Stanford studiert habe, hatte ich das Times Literary Supplement und den New Yorker abonniert, und zwar wegen der Literaturkritiken. Was für eine andere Welt! Eine Welt der geistigen Auseinandersetzung nämlich.
Ach, und übrigens: Ich habe mal das Tadié-Zitat bei Tadié nachgeschaut: Da ist von der Dreyfus-Affäre die Rede! Die ist ja wohl von Reynaldo Hahns Hund mindestens einen Fuß entfernt! Bon Dieu, wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen!

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Ingeborg Kohn schrieb uns am 08.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Lieber Helmuth, ich finde es gut, dass Du das Gespräch auf eine etwas allgemeinere Ebene gehoben hast. In der Tat scheinen viele Kritiker zu glauben, es ginge um ihr Urteil. Aber ich wüsste nicht, warum ich irgendjemandem eine sicherere Urteilskraft zutrauen sollte als mir selbst. Ich muss aber zusehen, dass ich die mir zur Verfügung stehende Lesezeit möglichst auf Bücher verwende, die sich für mich lohnen. Und dafür sind die Kritiker da: Dass sie ihre bezahlte Zeit darauf verwenden, möglichst viele Neuerscheinungen sorgfältig zu lesen, um mir dann fundierte Hinweise zu geben. Und da sie nicht wissen können, was sich für mich lohnt, müssen sie auch ihre eigenen Vorlieben hintan halten. Apropos: Du hattest ja angedeutet, dass da womöglich Vorurteile gegen den Herausgeber im Spiel sind, "der Neue" oder so - das wäre ja gerade bei Proust besonders fatal. Ich sage nur: Sainte-Beuve.
Beste Grüße, Ingeborg

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Helmuth Loose schrieb uns am 08.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Wenn ich nun dank der verschiedenen Leserzuschriften so sehe, wie unfundiert und entstellend Kistenmachers Kritik an Fischers "Proust zum Vergnügen" offenbar war, dann muss ich mich doch mit Saint-Simon fragen: "War es Dummheit? Oder war es Bosheit?" Für beide Alternativen lassen sich gute Gründe finden. Kein guter Grund allerdings lässt sich für Kritiken finden, die von Affinitäten oder Animositäten gesteuert sind, oder bei denen nach der Apotheose eines etablierten Kollegen zum "Ausgleich" ein wenig Newcomer-Bashing ("Klassenkloppe") ausgeteilt wird. Von einer Literaturkritik - noch dazu in einem angesehenen Forum wie "literaturkritik.de" - erwarte ich, dass sie unvoreingenommen die starken und die schwachen Seiten eines Buches darstellt, damit ich mir selbst ein Urteil darüber bilden kann, ob ich das Buch lesen möchte oder mir sparen sollte. Fischers Büchlein enthält 14 Texte und ca. 30 Anmerkungen. Und da soll ich mir anhand der Nörgelei ("nit-picking") über 1 Text und 1 Anmerkung ein Bild machen? Das einzige Bild, das ich durch die kritisierte Kritik bekommen habe, ist eines des Kritikers, und das ist kein vorteilhaftes.

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Ingeborg Kohn schrieb uns am 06.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Lieber Herr Kistenmacher,
dass Fischer einen Halbjuden auch einen Halbjuden nennt, hat mir gut gefallen. Ich habe mir daraufhin sein Büchlein »Proust zum Vergnügen« besorgt und mich glänzend amüsiert. Die Texte sind pointiert, die Auswahl abwechslungsreich, und die Komposition von Text und Bild ist glorios. Vielen Dank, Herr Kistenmacher, für den guten Tipp!
An einer Stelle jedoch habe ich gestutzt - weshalb ich noch einmal auf diese Seite zurückgekommen bin und als Halbjüdin über den Streit um das Wort "Halbjude" nur den Kopf schütteln konnte -, und zwar bei dem (einzigen) Text, in dem die Berma vorkommt. Dazu schreiben Sie:
»Auch die von Fischer wiedergegebene Passage aus Auf der Suche nach
der verlorenen Zeit , in der der jugendliche Ich-Erzähler das erste Mal die große Sängerin Berma, die Sarah Bernard nachempfunden ist, hören darf und bekennen muss, dass er zwar so gut wie er konnte, zugehört habe, „um herauszufinden, was so bemerkenswert an ihr ist“, die Darbietung aber nicht wirklich genießen konnte. Allerdings ist dieses Verpuffen umso komischer, je länger man den Ich-Erzähler mit seiner Vorfreude, seiner Ungeduld und seiner Erwartung an den wahrhaftigen Kunstgenuss begleitet. Das heißt, man muss doch den ganzen Roman lesen, um wirklich lachen zu können.«
Dabei scheint Ihnen völlig entgangen zu sein, dass Fischer diesem Textauszug den Titel »Kompott« gegeben hat, was ja ein deutlicher Hinweis ist, dass es gar nicht um die Berma oder Marcels Theaterbesuch geht. Vielmehr geht es um das Wort »Komposition«, das die Erwachsenen in dem Text wieder und wieder im Munde führen, ohne auf die einzige Komposition (frz. composition = u. a. Aufsatz) zu sprechen kommen, die Marcels Gedanken erfüllt. Eine wunderbar ironische Sotie zu der Schwatzhaftigkeit-cum-Taubheit der Erwachsenen aus der Sicht eines Heranwachsenden.
Auch dann muss man ncht unbedingt lachen; aber man kann daran sein Vergnügen haben, und das ist es ja, was der Titel verspricht!
Und dass die Rechnung nicht aufgehe - tja, also, wenn man nach der Lektüre von »Kompott« meint, den ganzen Roman lesen zu müssen, ist Fischers Rechnung denn dann nicht glänzend aufgegangen? Vor allem wenn es sich um jüngere Leser handelt, die man ja irgendwie an Proust heranführen sollte? Ein »Proust zum Verzweifeln« würde garantiert nicht besser funktionieren!

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Hemel Silberstein schrieb uns am 03.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Ich kann Fischers Zorn verstehen, auch wenn er etwas übers Ziel hinausschießt - gute Munition wie "perfide" und "infam" sollte man sich vielleicht für wichtigere Schlachten aufsparen. Aber Literaten sind nun mal etwas überempfindlich. Und sein Argument, dass man die Halbjuden nicht entgesellschaften darf, indem man es unmöglich macht, sich auf sie zu beziehen, erscheint mir stichhaltig. Und wenn dem Wort Jude nichts Negatives anhaftet, und dem Wort Halb sowieso schon nicht (denken Sie an Halbzeit, Halbfinale oder halbstark), warum dann dem Wort Halbjude? Oder ist doch das "Jude" das Problem? Tadiés und Kistenmachers Versuche, dem Proust den Juden auszutreiben, kommen mir ohnhin etwas bedenklich vor, um nicht zu sagen antisemitisch.  Vielleicht schlägt Herr Kistenmacher ja einen alternativen Begriff vor, wie Halbgoy oder Goyjude zum Beispiel?

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 02.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Mir ist gerade aufgefallen, dass ein evtl. Leser dieser Leserbriefe gar nicht wissen kann, was Herrn Kistenmacher zu seiner perfiden Insinuation bewogen hat.
Also:
Proust hat an Reynaldo Hahns Hund Zadig einen Brief geschrieben, in dem er ihn als "den weisen" charakterisiert:
"Brief an den Hund von Reynaldo Hahn. Text aus der Correspondance, Bd. X, S. 372 f.; von Kolb auf »kurz nach dem 3. November 1911« datiert."
Dazu habe ich den Namen "Zadig" erklärt:
"Hebr. ha Zadique (Transkription schwankend),›der Weise‹;"
und hinzugefügt, um zu erklären, wieso Proust das wissen sollte und annehmen sollte, dass Hahn das weiß:
"Hahn war wie Proust
Halbjude."
Auch Juden, die kein Hebräisch können, kennen den Namen "Yussuf-ha-Zadik" und wissen, was er bedeutet. Und wer reichlich jüdische Onkels und Tanten hat, die ihn auch zu den jüdischen Festtagen einladen, wo zum Pessach den Kindern die Geschichte vom weisen Joseph vorgelesen wird, kommt nicht umhin, ein wenig dazuzulernen.
Um nichts auszulassen, habe ich natürlich auch noch auf Voltaire hingewiesen. Vielleicht wurde ja "Zadig" in der Schule erklärt.
Durch diese Notiz also fühlt sich Herr Kistenmacher bemüßigt, mich in die Nähe des Faschismus zu rücken; das ist ganz schlicht und einfach infam.
Ohne meinen Text zu zitieren, hält er mir dann noch eine Bemerkung von Tadié vor:
"Es sei „irrig“, so Tadié, Prousts politische Positionierung „seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben“.
Jeder Leser muss jetzt annehmen, ich hätte Prousts politische Position auf seine jüdische Herkunft zurückgeführt, was offenkundig nicht der Fall ist. Reynaldo Hahns Hund ist von politischen Positionen weit entfernt. Solche unredlichen Winkelzüge in der Argumentation zur Diffamierung von jemandem, der einem offenbar nicht in den Kram passt, erinnere ich nur allzu deutlich aus dem soziologischen Einführungsstudium zum Jura-Studium an der Universität Bremen. Andere mögen sich an Berliner K-Gruppen-Zeiten erinnert fühlen.
Und ferner: Wie kommt Kistenmacher eigentlich dazu, das Wort "Halbjude" zum Schimpfwort zu degradieren und so den Halbjuden eine eigene Identität abzusprechen? Vielleicht sind die ja stolz darauf, über beide Erbschaften zu verfügen? Ich denke mal, wenn die Halbjuden (n. b.: das sind Leute mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil) einen weißen Ritter brauchen, werden sie sich schon melden, aber wohl kaum bei Herrn Kistenmacher.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 02.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Was immer das nun wieder heißen soll, „in Abläufen denken“ — aber wie sollte das auch einer verstehen, der dazu schlicht und einfach nicht in der Lage ist —: Die Abläufe, ganz ohne schon darin zu denken, gestalteten sich bisher so.
1. Unsere Arbeiten begannen im Oktober 2013 zu erscheinen. Darin unterstanden wir uns, KMS im Rahmen eines weiteren Argumentationszusammenhangs zu kritisieren: KMS befinde sich mit seinen fragwürdigen Auslassungen zu Andorra in großer, teils auch gar nicht so schlechter, aber durchwegs männlicher Gesellschaft. Er habe die Vergewaltigung der Barblin mit einer Eroberung oder Verführung durch ihren Vergewaltiger verwechselt; und zwar gegen den von ihm, KMS, selber so hoch gehaltenen Primat
der Autorintention, die gerade hier mit seltener Eindeutigkeit bezeugt sei.
2. Um sich für die erlittene Schmach schadlos zu halten, diente KMS literaturkritik.de von sich aus eine Rezension an, zu der ihn also niemand mandatiert hatte. Jene Kritik an ihm kam darin nicht zur Sprache. Somit blieb auch vertuscht, dass er seine persönlich-allzupersönlichen Gründe dafür haben mochte, den Gegenstand seiner Rezension im Namen der „Wahrheit“ und aller „philologischen Grundtugenden“ herabzuwürdigen; ein einziges abschreckendes Beispiel von Einseitigkeit und Voreingenommenheit, mit dem eine spätere Rezension denn auch ins Gericht ging (Comparatio 2016).
3. Literaturkritik.de lud uns fairer- und dankenswerterweise ein, auf KMS zu replizieren. Wir berichtigten ein paar der schlimmsten unter seinen Behauptungen und Unterstellungen, wiesen auch auf seinen „bedenklichen Mangel an Problembewusstsein“ hin, zum Beispiel bei der Verwechslung von ‘jüdisch’ und ‘hebräisch’ etc. Auch deuteten wir suaviter in modo seine notgedrungen persönliche Befangenheit an, indem wir die Kritik an seiner Bände sprechenden Verkennung jener Vergewaltigung erneuerten.
4. In so unermüdlichen wie ermüdenden Entgegnungen repetierte KMS halsstarrig seine Schutzbehauptung, er „leugne keineswegs die Vergewaltigung“. Ihm so etwas nachzusagen sei „unseriös“ und „wahrheitswidrig“. Auf die Zitate seiner selbst, die wir in der Sache eigens nochmals ausbuchstabierten, wusste er indessen nichts, aber auch gar nichts zu entgegnen. Mit dem Rücken zur Wand, blieb ihm wieder einmal nichts anderes übrig als hilflose Diffamierung. Mit uns, weil zu dumm, um in Abläufen zu denken, sei halt nicht zu diskutieren. Und es wiederholte KMS sein leider zu wiederholten Malen gebrochenes Versprechen, er „geb’“ „’s auf“.
5. KMS hat es mitnichten aufgegeben. Sondern er hat bloß in ein anderes Medium gewechselt, wohlweislich in eines, in dem man ihm nicht ebenso prompt widersprechen kann. In print publizierte er die „Funde“, „meine Funde“, die er aus einem neu aufgetauchten Typoskript des Homo faber gehoben haben will. Um bei der Gelegenheit auch gleich etliche der Fehler richtigzustellen — längst nicht alle —, die ihm bei seinen „Arbeiten für die ‘Erläuterungen und Dokumente’“ zum Roman unterlaufen seien, habe er sich der Mühsal unterzogen, den neuen Textzeugen „akribisch“ zu studieren. Das sei „im September 2014“ geschehen — mit anderen Worten zu einer Zeit, da unsere Arbeiten schon vorlagen. Nicht, dass KMS diese rundheraus verschwiege. Er geruht sehr wohl, sie ein, zwei Mal zu erwähnen, wenn auch nur nebenher und erst in der zweiten Hälfte seines Beitrags, dort aber jeweils in ausschließlich wieder extrem polemischer Absicht, indem er seine frühere Kritik rezykliert:
In der Mutation des Namens „Hanna“ zu „Johanna“ eine christliche Expropriation zu sehen, womit wir spekulierten, sei deswegen „unhaltbar“, weil die Variante „Johanna“ allem Anschein nach auf einem Setzfehler beruhe. Das mit dem Setzfehler ist jetzt ungeschmeichelt keine schlechte, ja die beste, nein die einzig gute Idee KMSs. Großzügig nachsehen dürfte man es ihm auch, wenn er sich in diesem Zusammenhang nicht weiter mit unserer unbedarften Entgegnung aufhält, dass nämlich auch ein Setzfehler, zumal man ihn mehr als ein halbes Jahrhundert lang einfach hinnehmen und verschleppen konnte, wiederum auf eine kollektive Indifferenz gegenüber dem Eigenrecht jüdischer Überlieferung schließen lasse. Und man muss es KMS auch hoch anrechnen, dass er hier seiner eigenen Rezension widerspricht. Dort nämlich hielt er unserer albernen Spekulation noch entgegen, man solle „ja wohl annehmen, dass Joachim Hanna Johanna genannt hat“; ein Interpretationsmanöver, wie er es schon in seinen „Erläuterungen und Dokumenten“ veranstaltete, die er, im Unterschied zu seiner Rezension, hier auch explizit zu widerrufen die Größe hat — ohne freilich zu erwähnen, was sich einst daran anschloss und was ihm besonders peinlich geworden sein muss, zu Recht. Gemeint ist der Kommentar, den er Joachims angeblicher Restitution oder Abwandlung des Frauennamens angedeihen zu lassen sich nicht entblödete und der sich mit der nunmehr lancierten Vermutung eines Setzfehlers noch sehr, sehr viel schlechter verträgt als unsere „zweifelhafte Lesung“: Die „auf ‘Jehova’ verweisende erste Silbe“ des Namens „Johanna“ stelle „die patriarchale ‘Ordnung’ wieder her“; und dergleichen habe nichts Geringeres zu bedeuten als einen „diskreten Hinweis auf die je andere und je anders begründete Haltung gegenüber der göttlichen Autorität“ — oder was der hochtrabenden Plattitüden und prätentiösen Sottisen noch mehr sind.
Noch viel verräterischer ist der andere Anlass, aus dem uns KMS anzugehen beliebt. Er betrifft Frischs systematische Tilgung solcher Textpartien, die deutlich, vielleicht allzu deutlich an die NS-Vergangenheit zu erinnern geeignet waren — etwa dass Herbert Hencke in der Partei und sein Bruder Joachim bei der Waffen-SS war —; „Streichungen“, von denen wir „meinen“, dass sie mit Rücksicht auf deutsche Empfindlichkeiten erfolgten. (Um es etwas genauer zu nehmen, ‘meinten’ wir das nicht, sondern gaben es lediglich als eine Erklärungsoption zu erwägen, nicht ohne einzuräumen, was alles dagegenspricht — ausgenommen, zugegeben, das nun wirklich blitzgescheite argumentum ex silentio, das KMS gegen unsere dümmliche ‘Meinung’ ins Feld führt: „Im Briefwechsel mit Suhrkamp findet sich nichts dazu.“)
Selbstverräterisch ist KMSs Kritik hier natürlich wegen ihrer Präsuppositionen. Ungewollt lässt sie ja mit einfließen, dass KMS nicht der Einzige und vor allem auch nicht der Erste gewesen sein kann, der sich die Mühe gemacht hat, die Lesarten des sensationellen Typoskripts auszuwerten. Wem dieses „Verdienst“ oder „große Verdienst“ gebührt, daran ließ nicht einmal die skeptischste oder einzig skeptische unter allen anderen Rezensionen den geringsten Zweifel (Gegenwartsliteratur 2016). Dass es unsere Arbeit war, die KMS im September 2014 zu seinem Beitrag inspirierte, gehört anscheinend seinerseits noch mit zu ihren kleineren Verdiensten. Aber das eigens auszuweisen wäre vom Verfasser desselben zu viel verlangt.
Etwas anders liegen die Dinge allerdings dort, wo KMS, ungeachtet seines Monopolanspruchs auf Wahrhaftig- und philologische Tugendhaftigkeit, die Resultate unserer Arbeit repliziert oder reproduziert, um es höflich zu sagen. So etwa in Hinblick auf Walter Fabers Schweizer Rivalen, der im Typoskript noch ungleich schlechter wegkommt als später; ein Befund, den wir wiederholt und ausführlich zum Untersuchungsgegenstand machten — ohne dass es KMS seinen philologischen Kardinaltugenden schuldig zu sein glaubt, darauf auch nur in einem Fußnötchen hinzuweisen.
Oder noch eine kleine Kostprobe aus den „Funden“ KMSs, der es sich im Übrigen nicht hat nehmen lassen, sich vor Kurzem auch zur Plage des Plagiarismus zu Wort zu melden: KMS zitiert und paraphrasiert des Längeren und Breiteren einen „denn wohl doch zu kolportagehaften“ Passus, den Frisch später zu streichen klug genug war. Darin sollte sich Faber als Held und Ritter ohne Fehl noch Tadel gerieren. Wagemutig hätte er einst die Frau und Jüdin in letzter Minute vor den Nazikaffern retten sollen (auf etwa dieselbe unsäglich verlogene und rettungslos verkitschte Art und Weise, wie es ein zeitweise enger Freund Frischs in seinem Œuvre tatsächlich zusammenphantasiert und wie es W. G. Sebald im Essay über den Schriftsteller Alfred Andersch nicht zu Unrecht aufs Korn genommen hat). Auch die Trouvaille dieser zum Glück doch noch kassierten Heldenphantasie präsentiert KMS als Frucht seiner eigenen Akribie und Knochenarbeit. Kein Sterbenswörtchen davon — weder im Fließtext noch im Anmerkungsapparat —, dass die phantastische Erzählung von der echt männlichen Heldentat bereits vor Jahr und Tag entdeckt und qua Gegenstand unseres Frageinteresses auch schon in extensissimo zitiert worden war, als sich KMS im September 2014 ganz spontan ans Werk machte.

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 30.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Die Nazis haben auch das Wort "Brot" verwendet - wollen Sie jetzt wie Pharao jeden Bäcker vor Ihr linguistisches Feme/Diffamierungs-Gericht verschleppen? Etwas mehr Vorsicht im Umgang mit den Wörtern - insbesondere, wenn man sie anderen vorwirft - ist dringend angesagt.

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Olaf Kistenmacher schrieb uns am 30.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Sehr geehrter Herr Fischer,

die Aussage, es sei "irrig, die Reaktion Marcels [...] seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben", findet sich bei Jean-Yves Tadié: Marcel Proust. Biographie, übersetzt von Max Looser, Frankfurt am Main 2017 (2008), S. 381. Auf S. 37 ist in Tadiés Biografie zu lesen: "Wir wiederum müssen hervorheben, daß Marcel selbst sich nicht für einen Juden hielt."

Es ist völlig legitim, in diesem Punkt anderer Meinung zu sein; und in meiner Rezension bestreite ich nicht, dass Marcel Proust von seinen jüdischen Großeltern und seiner jüdischen Mutter beeinflusst wurde. Doch wie dieser Einfluss genau wirkte, ist damit noch nicht geklärt - wie Tadiés Aussagen
eben deutlich machen.

Kritikwürdig finde ich nicht, dass Sie von einem solchen biografischen Einfluss ausgehen, sondern dass Sie sich dafür in "Proust zum Vergnügen" der Formulierung bedienen, Proust wäre "Halbjude" gewesen. Warum mussten Sie ausgerechnet den Ausdruck wählen, der seit 1935 an die Nürnberger Rassengesetze erinnert? Das unterscheidet uns heute eben von Hermann Grab, der, als er über Prousts Judentum nachdachte, noch nicht wissen konnte, zu welchen Verbrechen die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs fähig waren.

Im Übrigen habe ich Ihre Neuübersetzung von "À la recherche du temps perdu" bereits auf Literaturkritik besprochen und dabei Proust als einen frühen Kritiker gerade auch der subtilen Ausdrucksformen des modernen Antisemitismus gewürdigt (http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22713).  

Mit freundlichen Grüßen
Olaf Kistenmacher

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 29.04.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

P. s. zu meinem Leserbrief von gestern (28.4.18).

Wie es so geht: Kaum hatte ich den Brief abgeschickt, da machte ich einen höchst interessanten, amüsanten und relevanten Fund im Internet unter der Adresse
https://is.muni.cz/el/1421/jaro2014/NJII_94/um/23724966/Hermann_Grab_Proust_Vortrag.pdf, nämlich einen Vortrag von Hermann Grab über Proust, der (offenbar in einer Vortragsreihe über jüdische Autoren) dessen Relation zum Judentum beleuchtet und mit den Worten beginnt:

»Marcel Proust als Halbjude gehört, so wird man sagen, nur zur Hälfte in den Kreis der hier besprochenen Autoren.« (Hervorhebung von mir.)

Hermann Grab, muss man dazu wissen, war ein Prager Jude, der 1939 in die
USA floh.

Der Aufsatz ist auch publiziert in:
Cramer, Doortje: Von Prag nach New York ohne Wiederkehr. Leben und Werk Hermann Grabs (1903–1949). Frankfurt am Main: Peter Lang, 1994.

Bernd-Jürgen Fischer

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Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 28.04.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk
Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

War Proust Halbjude?

Zu dem Beitrag »Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk« von Olaf Kistenmacher in der Februar-Ausgabe von 2018  in literaturkritik.de, in dem es hieß: »Dass Bernd-Jürgen Fischer schließlich Proust in einer Fußnote als „Halbjude“ bezeichnet, ist nicht zum Lachen. Nicht nur fällt er damit in die Sprache des Nationalsozialismus zurück. Die unzulässige Markierung verdunkelt mehr, als sie erhellen könnte«, stelle ich anheim, einen Blick auf die Fakten zu werfen, wie sie auch Proust bekannt waren und wie er sie in einem
Brief an Robert de Montesquiou vom vermutl. 19. Mai 1896 (frz. in Kolb: Correspondance, Bd. II Nr. 20 (S. 66)) darstellt:
»Cher Monsieur,
ich habe Ihnen gestern nicht auf das geantwortet, was Sie mich über die Juden gefragt hatten. Das geschah aus dem folgenden einfachen Grund: Ich bin katholisch wie mein Vater und mein Bruder, meine Mutter dagegen ist jüdisch. Sie werden einsehen, dass dies ein guter Grund ist, mich aus dieser Art von Diskussionen herauszuhalten. Ich dachte, dass es höflicher sei, Ihnen das zu schreiben, als es Ihnen vor einem anderen Gesprächsteilnehmer zu sagen. Aber ich bin sehr glücklich über diese Gelegenheit, die es mir erlaubt, Ihnen etwas zu sagen, was ich Ihnen sonst womöglich niemals gesagt hätte. Denn wenn sich unsere Vorstellungen auch unterscheiden, oder vielmehr, wenn ich nicht die Freiheit habe, darüber jene zu haben, die ich vielleicht hätte, hätten Sie mich unabsichtlich in einer Diskussion verletzen können. Ich spreche wohlgemerkt nicht von jenen, die zwischen Ihnen und mir statthaben könnten und in denen ich immer aufs Höchste an Ihren Ideen zur Sozialpolitik interessiert sein werde, wenn Sie sie mir darlegen, selbst wenn ein Grund höheren Anstandes mich daran hindert, sie zu teilen.
Ihr
Marcel Proust.«

Ich fürchte, Herr Kistenmacher fällt in die Sprache der politischen Korrektheit zurück, in der ja gern aus der kleinmädchenhaften Illusion heraus, die Übel dieser Welt heilen zu können, indem man die Wörter verbietet, die sie bezeichnen, das Bezeichnende und das Bezeichnete verwechselt oder gar in einer Art diskursivem Etikettenschwindel willentlich vertauscht werden. Nicht die Wörter sind die Täter, sondern diejenigen, die sie missbrauchen. Und glaubt Herr Kistenmacher denn allen Ernstes, dass es für einen Autor keine Rolle spiele, ob er in einem christlichen, einem jüdischen oder einem gemischt-religiösen Haushalt aufgewachsen ist? Ob seine Lieblingsgroßmutter Jüdin war? Dass es zwar für das Verständnis von Prousts Werk höchstbedeutsam sei, dass er homosexuell war, aber völlig belanglos, dass er Halbjude war? Dass es in der Freundschaft zu Reynaldo Hahn so gar keine Rolle gespielt habe, dass auch dieser Halbjude war? Dass die Parallelführungen von Judentum und Homosexualität in der Suche nach der verlorenen Zeit gar nichts zu bedeuten hätten und mit Proust schon gleich gar nichts zu tun? – Die zitierte, aber nicht nachgewiesene Äußerung von Tadié, »Es sei „irrig“, so Tadié, Prousts politische Positionierung „seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben“« habe ich nicht finden können, und werde ich wohl auch nicht, denn derart offene Türen einzurennen wäre nicht seine Art. Niemand – und ich schon lange nicht – hat irgendwo nachweisbar behauptet, Prousts politische Positionierung sei seiner jüdischen (korrekterweise müsste man sagen: »halbjüdischen«) Herkunft zuzuschreiben. Dass die Dreyfus-Affäre jedoch auf Voll-, Halb- und sonstige Juden einen anderen Einfluss ausgeübt haben dürfte als auf blaublütige (oops, beinahe hätte ich geschrieben: »reinrassige«) Goyim, demonstriert Proust ja sehr einfühlsam an der Entwicklung Swanns – allerdings erst im vierten Band, bis zu dem es ja viele bekanntlich nicht schaffen.
Vollends haben sich mir die Nackenhaare gesträubt bei der »unzulässigen Markierung« als Halbjude. Was für eine autoritäre Anmaßung ist das denn? Will sich Herr Kistenmacher zum Sprachpolizisten aufwerfen? Mir, als Linguisten, das Sprechen beibringen? Oder muss ich fortan damit rechnen, dass er morgens um vier bei uns klingelt, um meine Frau zu verhaften, weil sie sich »unzulässigerweise« in der Halböffentlichkeit als Halbjüdin »markiert« hat? Vielleicht sollte Herr Kistenmacher mal ein Besinnungsstündchen zu der Frage einlegen, »Wo fängt der geistige Faschismus eigentlich an?« Ich werde derweilen darüber nachsinnen, ob er wohl jemals ein Ende nimmt.
Bernd-Jürgen Fischer

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Dr. Daniel-Pascal Zorn schrieb uns am 21.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Niklas Jokisch: In drei Schritten zur Philosophie
Daniel-Pascal Zorn versucht sich mit seiner ,,Einführung in die Philosophie“ an einer Befähigung zum Philosophieren

Sehr geehrter Herr Anz,

"Dass unser Rezensent [...] keine Änderungen an seiner Rezension wünscht und vorgenommen hat, ist nicht falsch. Er hat Ihnen gegenüber zwar zunächst Änderungen angekündigt, nach dem Mail-Wechsel mit Ihnen und erneuten Überlegungen dazu aber von seinen Änderungswünschen Abstand genommen."

Da Herr Jokisch in seiner Mail an mich, wie oben einsehbar, eine falsche Zuschreibung eingesteht, teilen Sie mir in Ihrer neuerlichen Antwort also mit, dass der Rezensent sich nun absichtlich dafür entscheidet, diese von ihm bereit eingestandene falsche Zuschreibung in der Rezension zu belassen. Zusammen mit der Tatsache, dass der Rezensent mir das weder mitgeteilt hat und dem Umstand, dass Sie
in Ihrer Antwort verschleiern, dass Ihre Redaktion Sie noch einmal um Rücksprache gebeten hat - indem Sie so tun, als beträfe die falsche Darstellung des Sachverhalts in Ihrer ersten Antwort die Änderung der Absicht des Rezensenten, wie sie sich nur nach der neuerlichen Rücksprache vor Ihrer zweiten Antwort ergeben haben kann -, wirft das, denke ich, ein ausreichend helles Licht auf die Praxis Ihrer Rezensionsseite.

Mir bleibt dann nur noch, festzustellen, dass die vom Rezensenten mir zugeschriebenen Aussagen nicht nur falsch, sondern sinnentstellend sind, sofern sie mir Behauptungen zuschreiben, die in meinem Buch gerade problematisiert werden. Und dass Sie und Ihre Redaktion, darauf aufmerksam gemacht, offenbar vollkommen willkürlich mit solchen Hinweisen umgehen.

Sie wollten die Leser darüber entscheiden lassen, wie treffend die Rezension in der Wiedergabe des Textes ist. Nun können dieselben Leser, dank Ihnen, ebenfalls darüber entscheiden, wie professionell Ihr Umgang mit Textfälschungen in einer Rezension ist. Danke dafür.

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Thomas Anz schrieb uns am 20.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Niklas Jokisch: In drei Schritten zur Philosophie
Daniel-Pascal Zorn versucht sich mit seiner ,,Einführung in die Philosophie“ an einer Befähigung zum Philosophieren

Sehr geehrter Herr Zorn,
vielen Dank für Ihre erneute Stellungnahme dazu. Dass unser Rezensent Jan Niklas Jokisch keine Änderungen an seiner Rezension wünscht und vorgenommen hat, ist nicht falsch. Er hat Ihnen gegenüber zwar zunächst Änderungen angekündigt, nach dem Mail-Wechsel mit Ihnen und erneuten Überlegungen dazu aber von seinen Änderungswünschen Abstand genommen.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Anz

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Dr. Daniel-Pascal Zorn schrieb uns am 20.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Niklas Jokisch: In drei Schritten zur Philosophie
Daniel-Pascal Zorn versucht sich mit seiner ,,Einführung in die Philosophie“ an einer Befähigung zum Philosophieren

Sehr geehrter Herr Anz,

Sie schreiben:

"... wir haben Ihren Leserbrief zunächst nicht veröffentlicht, sondern dem Rezensenten Ihres Buches weitergeleitet und ihn gefragt, ob er Ihre Änderungswünsche berücksichtigen möchte. Da dies nicht geschehen ist ..."

Das ist falsch. Der Rezensent hat mir in einer Mail vom 06. April 2018 folgendes mitgeteilt:

"Nach mehrfacher Lektüre meiner Rezension und des Kapitels 'Die Familie der Diskurskulturen' Ihres Buchs, auf das sich die Stelle meines Textes bezieht, an der Sie Anstoß genommen haben, bin ich, in längeren Gesprächen und Diskussionen mit der Redaktion, zu dem Ergebnis gekommen, dass meine Verwendung des Konjunktivs als
Indikator für indirekte Rede tatsächlich missverständlich ist. Ich erwecke damit den Anschein der Paraphrase einer expliziten Stelle Ihres Buchs, während ich eigentlich diverse Ihrer Aussagen analysiere und ihre Implikationen wiedergebe. Aus diesem Grund entschuldige ich mich vielmals dafür, dass ich Ihnen Aussagen zugeschrieben habe, die Sie so explizit nicht getätigt habe. [...] Ich werde also so verfahren, dass ich, entsprechend Ihrer Aufforderung, die indirekte Rede entfernen werde und sie durch einen Abschnitt ersetzen werde, der klar anzeigt, dass es sich hier um meine Auslegung Ihres Textes handelt und keinesfalls um eine explizit von Ihnen in Ihrem Buch geäußerte Meinung."

Der Rezensent teilt hier also nicht nur mit, dass er Änderungswünsche berücksichtigen möchte, er gibt auch an, diese Änderungswünsche mit der Redaktion zusammen besprochen zu haben und mit ihr zusammen zu diesem Ergebnis gekommen zu sein. Insofern steht Ihr Leserbrief, offenbar in Unkenntnis der Sachlage abgefasst, in direktem Widerspruch zur Aussage des Rezensenten und zu der der Redaktion.

Sie schreiben außerdem:

"Da alles, was in Rezensionen über inhaltliche Aussagen in Büchern behauptet oder paraphrasiert wird, eine 'Auslegung des Rezensenten' ist, muss dies nicht ausdrücklich gesagt werden."

Ich bin überrascht, dass der Sprecher der Redaktion eines Rezensionsforums den Unterschied zwischen einer Textauslegung und einer Textfälschung nicht kennt. Eine Textauslegung wäre es, wenn ich schreibe, dass ich Ihre Antwort hier so verstehe, dass Sie meine Änderungswünsche berücksichtigen werden. Eine Textfälschung allerdings besteht, wenn ich schreibe, Sie hätten das auch so hingeschrieben. Würde dieser Unterschied nicht bestehen, dann wäre jede Hinzuerfindung zu einem Text beliebig mit der Auslegung des Hinzuerfindenden rechtfertigbar - und welchen Sinn machten dann Rezensionen? Sie verwechseln hier also Bedingung und Bedingtes: Wenn ich eine Auslegung problematisieren will, braucht es ein Ausgelegtes, einen Text, auf den sich die Auslegung bezieht. Diesen Text gibt es aber hier nicht - der Rezensent hat einfach Aussagen erfunden und diese dann ausgelegt.

Sie schreiben:

"Wenn ein Autor sich da missverstanden sieht..."

Ich sehe mich nicht "missverstanden", weil es kein Problem des Verstehens ist, sondern ich habe die Sätze, die der Rezensent mir zuschreibt, schlicht nicht geschrieben. Und nicht nur das: In meinem Buch vertrete ich das genaue Gegenteil von dem, was der Rezensent mir per indirekter Rede als Aussage zuschreibt. Nur was im Text steht, kann auch ausgelegt werden. Steht es nicht im Text, wird es also vom Rezensenten erfunden, dann handelt es sich nicht um ein Verstehensproblem, sondern um einen nicht bestehenden Sachverhalt.

"... begrüßen wir das als Anregung für unsere Leser, dies selbst zu überprüfen ..."

Nun, wenn Sie die Qualitätskontrollen Ihrer Rezensionen so niedrig halten, dass Sie Ihren Rezensenten erlauben, zunächst Aussagen zu erfinden und die dann zu rezensieren, dann dem Autor eine Änderung zuzusichern, in Rücksprache mit der Redaktion, um dann in einer Antwort mitzuteilen, es hätte diese Zusicherung nicht gegeben und die Redaktion würde grundsätzlich solche Dinge nicht diskutieren, dann kann sich der Leser, denke ich, ein recht lebendiges Bild davon machen, mit welchem Grad von Professionalität er bei Ihnen zu rechnen hat.

Die Mail des Rezensenten geht Ihnen zur Ansicht zu.

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Thomas Anz schrieb uns am 20.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Niklas Jokisch: In drei Schritten zur Philosophie
Daniel-Pascal Zorn versucht sich mit seiner ,,Einführung in die Philosophie“ an einer Befähigung zum Philosophieren

Sehr geehrter Herr Zorn,
wir haben Ihren Leserbrief zunächst nicht veröffentlicht, sondern dem Rezensenten Ihres Buches weitergeleitet und ihn gefragt, ob er Ihre Änderungswünsche berücksichtigen möchte. Da dies nicht geschehen ist und Ihr Leserbrief offensichtlich auch oder sogar primär an die Redaktion adressiert ist, veröffentlichen wir ihn nun und antworten auch darauf: Wir freuen uns über Stellungnahmen von Autoren zu unseren Rezensionen, folgen aber grundsätzlich nicht Bitten um Richtigstellung von Einschätzungen, die in einer Rezension vertreten werden. Da alles, was in Rezensionen über inhaltliche Aussagen in Büchern behauptet oder paraphrasiert wird, eine "Auslegung des Rezensenten" ist, muss dies
nicht ausdrücklich gesagt werden. Wenn ein Autor sich da missverstanden sieht und wie Sie darauf aufmerksam macht, begrüßen wir das als Anregung für unsere Leser, dies selbst zu überprüfen und vielleicht auf Ihren Leserbrief ebenfalls zu antworten.
Mit besten Grüßen
Thomas Anz

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Stöckmann schrieb uns am 17.04.2018
Thema: Rolf Löchel: Kulturpessimistische Endzeitstimmung
Silvia Bovenschens nachgelassener Roman „Lug und Trug und Rat und Streben“ gibt Rätsel auf und bereitet Vergnügen

Guten Tag bei LK,

diese Rezension ist für mich nicht informativ und oberflächlich: Worum geht es in dem Roman, welche Inhalte werden verhandelt, welche Bezüge ergeben sich textuell zum Titel, was ist daran gegenwartsdiagnostisch? Hier sind Grundstandards einer Rezension für mich nicht erfüllt. Man hat nicht das Gefühl, hier hat sich jemand ernsthaft mit dem Text selbst auseinandergesetzt. Bedauerlich.

Mit Gruß E. Stöckmann

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Matthias Hagedorn schrieb uns am 13.04.2018
Thema: Christoph Jürgensen: Eine poetische Unabhängigkeitserklärung
Walter Grasskamp erklärt "Das Cover von Sgt. Pepper"

Das ist richtig: "eines der ersten Konzeptalben der Popgeschichte."
Das erste ist "Freak Out!" von Frank Zappa und The Mothers of Invention. Es erschien 1966 auf dem Verve-Label. Dieses Album erweiterte in Musik und Texten die Formenpalette dieses Genres.

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Dr. Daniel-Pascal Zorn schrieb uns am 05.04.2018
Thema: Jan Niklas Jokisch: In drei Schritten zur Philosophie
Daniel-Pascal Zorn versucht sich mit seiner ,,Einführung in die Philosophie“ an einer Befähigung zum Philosophieren

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, dass mein Buch bei Ihrem Rezensenten überwiegend positiven Anklang gefunden hat. Allerdings befremdet mich seine Darstellung des zweiten Kapitels meines Buches doch etwas. Genauer geht es um folgende Passage:

"... Kapitel, die zwanghaft versuchen, in einer längst überholten Klassifikation die wissenschaftlichen Disziplinen voneinander abzugrenzen, um der Philosophie darin einen herausragenden Platz einzurichten – es ginge ihr im Gegensatz zu den anderen Wissenschaften nicht nur um empirisches Wissen, sondern um absolute Wahrheit. Zu absoluter Wahrheit gelange die Philosophie dadurch, dass sie ihre Voraussetzungen radikal hinterfrage und nicht einfach unreflektiert annehme, wie dies die
Wissenschaften täten."

Über rhetorische Unfreundlichkeiten wie das "zwanghaft" sehe ich hinweg - jedoch werden an keiner einzigen Stelle des Buches Thesen aufgestellt Oder auch nur Aussagen getroffen, wie sie der Rezensent mit "es gebe" wiederzugeben beansprucht. Von "absoluter Wahrheit" als etwas, worum es Philosophie gehe, ist im Text nirgends die Rede. Entsprechend gibt es auch nicht, wie der Rezensent darauf aufbauend suggeriert, eine polemische Abgrenzung der Philosophie von Wissenschaft als "einzig kritischer Wissenschaft", sondern eine kriteriale, die explizit für jeweils eigene Bereiche und gerade gegen eine Hierarchisierung eintritt.

Faktische Textfälschungen und -erfindungen dieser Art - von der man noch einige andere, weniger gravierende Fälle für das gleiche Kapitel nennen könnte - haben nach meinem Verständnis von (wissenschaftlicher) Buchrezension in einer solchen nichts zu suchen, auch und gerade dann nicht, wenn sie die Aussagen, die dort mehrfach explizit gegen dogmatische und absolute Geltungsansprüche formuliert werden, in ihr genaues Gegenteil verkehrt.

Ich bitte Sie daher, die Rezension entweder sachlich richtig zu stellen oder die fragliche Passage zumindest nicht als Paraphrasierung meines Textes darzustellen, sondern als Auslegung des Rezensenten.

Mit besten Grüßen,
Ihr
Daniel-Pascal Zorn

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Christian Milz schrieb uns am 03.04.2018
Thema: Nicola König: Von geschlossenen und offenen Räumen
Beiträge zu einer öffentlichen Literaturdidaktik

Ob überhaupt eine öffentliche "Auseinandersetzung mit Literatur" stattfindet, jedenfalls wenn Brisanz im Spiel ist, erscheint mir sehr fraglich. Die Schule hat anderes im Sinn, als Fragen zu stellen, und das gilt in einigen Bereichen selbst für das Theater und die Medien, jedenfalls den Mainstream. Meine Erfahrung mit Schülern ist diesbezüglich deprimierend eindeutig. Hier regiert das Dogma und dazu meist noch ein unsinniges. Jeder kennt Goethes Erlkönig auswendig, aber so gut wie niemand, einschließlich der Lehrer, denkt darüber nach. Das Kind in der Ballade hat halt hohes Fieber. Dass davon keine Silbe im Text steht, stört offenbar niemanden. Nur sehen sterbende Kinder keinen Erlkönig, sondern, wie man an entsprechenden Kinderzeichnungen leicht nachweisen kann, etwas diametral anderes. Die Liste der Verdrängung ließe sich leicht fortsetzen. Vgl. dazu auf RUBIKON:http://https://www.rubikon.news/artikel/der-blinde-fleck

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Martin A. Hainz schrieb uns am 21.03.2018
Thema: Klaus Hammer: Ihr Schreiben war (Über)leben
Helmut Braun hat ein beeindruckendes Lebensbild der Dichterin Rose Ausländer verfasst

"Merkwürdig nur, dass Braun Rose Ausländer nicht als „jüdische“ Dichterin einordnen will" ...

Durchaus  nicht. Rose Ausländer ist zwar vom Bilderreichtum des chassidischen Judentums inspiriert, aber der Umstand, dass der Nationalsozialismus sie den Juden zurechnend diese als homogene Gruppe imaginierte, bedeutet nicht, dass sich davon abgesehen die Dichterin so verstanden oder so (wie?) geschrieben hätte.

Ihre Bezugnahmen auf den jüdischen Glauben und dessen Textgrundlage sind auch eher kritisch, etwa den Eva-Mythos betreffend.

"Die Sprache ist die letzte verbleibende Heimat und Behausung geblieben" -- das ist schwerlich ausreichend, die Dichterin
dennoch dem Judentum einfach zuzuschlagen, deren vom Rezensenten zitierte "andere Wirklichkeit, die geistige", auch keine so eindeutige Auskunft ist. Die Juden als Opferkollektiv in Czernowitz suchten nicht zwingend das Judentum als diese Wirklichkeit, sondern im Falle Rose Ausländers v.a. die Philosophie Platons und Spinozas sowie ihres Lehrers C. Brunner.

Gerade bei den Spinoza-Gedichten ist übrigens wieder die Distanzierung vom Judentum durch die Dichterin kaum zu übersehen.

Man kann natürlich mutmaßen, "dass Braun aus seiner persönlichen Nähe zur Dichterin über Kenntnisse verfügt, die der Öffentlichkeit nicht weiter bekannt sind", aber in diesem Fall reicht Werkkenntnis. Wenn man möchte, so kann man dazu aber auch die Sekundärliteratur zu Rate ziehen.

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cf. neben Biographischem von Helmut Braun sowie Cilly Helfrich etwa Gerhard Reiter: Das Eine und das Einzelne. Zur philosophischen Struktur der Lyrik Rose Ausländers. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk, ed. Helmut Braun. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1997 (=Fischer Taschenbuch 6498 · Informationen und Materialien zur Literatur), S.154-197 oder meine bescheidenen Beiträge, z.B. M.H.: Ein Dialog – Constantin Brunner und Rose Ausländer. In: »Mein Heiliger heißt Benedict« – Rose Ausländer und die Philosophie, ed. Helmut Braun. Weilerswist: Ralf Liebe Verlag 2016 (=Materialien zur Literatur, vol. 3), S.47-65 bzw. meine Monographie "Entgöttertes Leid".

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Luise F. Pusch schrieb uns am 20.03.2018
Thema: Swen Schulte Eickholt: Von der Weltliteratur und ihren Dichtern
Hans Christoph Buchs Essaysammlung „Ungestraft unter Palmen“

Kommen in Buchs Buch überhaupt keine Dichterinnen bzw. Schriftstellerinnen vor? Oder habe ich da was übersehen?
Und wenn Frauen wirklich komplett ausgespart wurden, warum erwähnen Sie das nicht?
Time's up!

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Ritz Mollema schrieb uns am 18.03.2018
Thema: Thorsten Schulte: Thema nur tangiert
Tommy Wieringas Kurzroman „Eine schöne junge Frau“ hat große erzählerische Schwächen

Na, da hat diese wunderbare und messerscharfe Erzählung Herrn Schulte wohl an einem schlechten Tag erwischt. Wenn man die Novelle gelesen hat und dann die Kritik, kann man nur meinen, dass der Kritiker womöglich etwas voreingenommen sei und sich nur wichtig machen möchte. Null Punkte für diese sinnfreie Besprechung.

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Richard M. Weiner schrieb uns am 17.03.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: A central Idea of the successful Hollywood film „Downsizing“ (2017) is found in the German science fiction thriller „Das Miniatom-Projekt“ of 2006

The apprehension that miniaturized humans might be eaten by animals is certainly justified from the point of view of the film plot. In the Miniatom-Project, however, this danger is avoided, since in this novel the entire Earth, with everything on or inside it, is miniaturized. (cf. page 133)

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Thomas Anz schrieb uns am 17.03.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Redaktion literaturkritik.de: A central Idea of the successful Hollywood film „Downsizing“ (2017) is found in the German science fiction thriller „Das Miniatom-Projekt“ of 2006

The idea of reducing people to use less energy to protect the environment is equally original, enjoyable and funny, but unrealistic for other reasons. I can not believe that a miniaturized humanity would reproduce so strongly in a few generations and again damage the environment with too much energy consumption. On the contrary, the downsized humans would probably soon all be eaten by dogs, cats and other animals, and humanity would no longer exist.

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Richard Kerner schrieb uns am 15.03.2018
Thema: Redaktion literaturkritik.de: A central Idea of the successful Hollywood film „Downsizing“ (2017) is found in the German science fiction thriller „Das Miniatom-Projekt“ of 2006

I had a look on the article in "Literaturkritik.de" – thank you for citing me (and our common friend Masud Chaichian). The text is pleasant and adequate, in my opinion. Nevertheless I must tell you that I am much less optimistic in what concerns the idea of miniaturization itself, no matter how amusing and fascinating it can be. Not only from the point of view of physics (the energy required for cush transformations would exceed the energy of most violent nuclear reactions and could not be harnessed harmlessly). But even if this dream came true, and human beings were miniaturized but the planet Earth would remain as it is, now with quasi-illimited resources, in a few generations the miniaturized humans would proliferate again, now not by billions, but by trillions, and the situation will become as desperate as it is now.
But art has its own laws, and the dream is so pleasant! I liked Richard Weiner's book a lot, it is well written and psychologically convincing (even if I cannot subscribe to hypothetical physics behind it).

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Geoffrey Sewell schrieb uns am 12.03.2018
Thema: Redaktion literaturkritik.de: A central Idea of the successful Hollywood film „Downsizing“ (2017) is found in the German science fiction thriller „Das Miniatom-Projekt“ of 2006

It was a great pleasure to read your article about the key scientific idea behind the Hollywood film titled "Downsizing". In fact, as you state in your article, that idea was the brain child of Professor Richard Weiner, as cogently expressed in his book titles "The Miniatom Project". In my view, that is not only a highly readable book, but also a culturally important one, since it carries a cross-fertilisation of literary and scientific themes. So I trust that your article will help to popularise it.
Yours sincerely,
Geoffrey Sewell

Prof. Geoffrey Sewell
School of Physics and Astronomy
Queen Mary, University of London

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margot ringwald schrieb uns am 11.03.2018
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Eine zentrale Idee des erfolgreichen Hollywood-Films „Downsizing“ (2017) gleicht einer Idee des deutschen Wissenschafts- und Kriminalromans „Das Miniatom-Projekt“ von 2006

Die Hauptidee des Films (der einige sehr gute Szenen aufweist), die Verkleinerung des Menschen, um Rohstoffe zu sparen und die Existenz der Menschheit zu verlängern, wurde tatsächlich bereits in einem Zukunftroman von 2006 des Autors Richard M. Weiner „Das Miniatom-Projekt“ behandelt. Der vom Autor beschriebene Mechanismus der Verkleinerung basiert auf den neuesten Entwicklungen der Atomphysik, am grössten Teilchenbeschleuniger der Welt, CERN, der Film hingegen auf einer ad hoc erfundenen biochemischen Prozedur.
Hattte sich der Produzent oder Regisseur überhaupt mit dem Autor in Verbindung gesetzt? Wahrscheinlich nicht, denn sonst wäre der Film glaubwürdiger geworden.

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Anca Tureanu schrieb uns am 11.03.2018
Thema: Redaktion literaturkritik.de: A central Idea of the successful Hollywood film „Downsizing“ (2017) is found in the German science fiction thriller „Das Miniatom-Projekt“ of 2006

Some years ago, I read "The Miniatom Project" novel by Prof. Richard M. Weiner, a well known colleague of mine. I found the book very interesting, among other things because the author applied the most advanced results of atomic physics to a very important sociological problem, the saving of natural resources on Earth. His idea consisted in shrinking human bodies and thus reducing their consumption of raw materials.  
I enjoyed learning very recently that Weiner's pioneering idea proved to find many followers. Indeed the success of the new film "Downsizing" by Alexander Payne which deals with the same problem and applies the same idea of shrinking humans, albeit with scientific tools which, if scientific at all, are quite different, proves exactly this
state of affairs.
With best regards,
Anca Tureanu
Docent
Department of Physics
University of Helsinki

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Sören schrieb uns am 05.03.2018
Thema: Regina Roßbach: Preisverdächtig?
Im ersten Teil seines neuen Romans „Die Ermordung des Commendatore“ entwickelt Haruki Murakami mindestens eine Kunst entschieden weiter, nämlich die, seinen Lesern Rätsel aufzugeben

Puuh.  Das klingt mal wieder nach etwas, wie man es von Murakami befürchten muss. Ich rezensiere mich gerade durch das Gesamtwerk  und unterteile den Autor mittlerweile in zwei Persönlichkeiten. Den Glibber-Sex fixierten Dr. Murakami und den coolen, reduzierten Mr. Night, der beachtliche düstere Romane zu Stande bringt. In den letzten drei Romanen scheint Dr. Murakami dann wohl endgültig die Oberhand gewonnen zu haben. Aber ich bin mir sicher, zu jeder schlimmen Sexszene aus dem neuen Roman findet man zwei ähnlich schlimme aus älteren. Was das betrifft, ist Murakami nun wirklich unerreicht.

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Dr. Heinrich Bosse schrieb uns am 04.03.2018
Thema: Wilhelm Solms: Weiterforschen!
Über Goethes Beziehung zu Anna Amalia und Charlotte von Stein – mit einem kritischen Appell an die Weimarer Goethe-Institutionen

Sehr geehrter Herr Solms,
ich möchte Ihnen meinen Respekt aussprechen für den Mut und für die Standfestigkeit, mit der Sie sich für das Thema 'Goethe & Anna Amalia' einsetzen, um ein 'Weiterforschen' zu fordern. Ihre Argumente überzeugen mich, Ihr Ton ist - angesichts der unmöglichen Situation - mehr als angemessen.
Von einer anderen Seite her, nämlich von J. M. R. Lenz, bin ich dazu gekommen, vom erotischen Feld in Weimar zu sprechen, vorsichtiger als Sie es tun, zu vorsichtig vielleicht. Ich bin überzeugt, daß das Tabu, über Goethe und Anna Amalia zu sprechen, mit der Ausweisung von Lenz über Weimar verhängt wurde - und daß es bis heute als Tabu weiterwirkt. Mein Beitrag "Lenz in Weimar" ist im
Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2014 (S.112-149) veröffentlicht. Es würde mich freuen, wenn Sie ihn als Unterstützung aufnehmen würden.
Mit den besten Grüßen
Heinrich Bosse

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Matthias Hagedorn schrieb uns am 04.03.2018
Thema: Kirsten Kumschlies: Literarisches und historisches Lernen mit Mauerfall-Romanen
Gunhild Keuler zeigt das didaktische Potenzial von ‚Wendeliteratur‘ auf

Es wird meist außer acht gelassen, daß nicht nur die "DDR" untergegangen ist, auch die alte "BRD" gibt es nicht mehr. In seinem ersten Roman stellt A. J. Weigoni dieses Deutschland auf die Vergänglichkeitsprobe: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=24403

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Walter Hinderer schrieb uns am 23.02.2018
Thema: Thomas Anz: Zum Tod von Andrew Ranicki, Sohn von Teofila und Marcel Reich-Ranicki

Die Nachricht vom Tod Andrews hat mich sehr erschuettert. Als er in Princeton an dem beruehmten Mathematik Department forschte und unterrichtete, kamen wir oft zusammen – bei mir oder bei seiner spaeteren Frau Ida. Die Tochter Carla lernte ich nur als Baby kennen. Andrews Vater, den ich nur einmal zu einem Vortrag in Princeton ueberreden konnte, wollte von mir wissen, wie gut eigentlich sein Sohn als Mathematiker sei. Ich antwortete ohne zu zoegern : absolut top, denn sonst haette ihn das Mathematik Department nicht nach Princeton geholt. Die Antwort ueberzeugte natuerlich den Meister, wie ich ihn nannte, damals noch nicht. Aber er war in der Tat ein ungewoehnlich kreativer Mathematiker, dessen Entdeckungen, wie mir einer seiner beruehmten Freunde , Andrew Wiles, der das Raetsel von “Fermats last Theorem” loeste, anvertraute, hoechstens 4 oder 5  Spezialisten verstehen konnten. Als ich Andrew Ranicki das erzaehlte, lachte er schallend und erklaerte amuesiert: da hast Dus, wenn es nur 4 oder 5 Leute verstehen, so kann das doch nur heissen, dass diese sogenannten Entdeckungen total ueberfluessig sind. Das war typisch Andrew, ein Meister der angelsaechsischen Untertreibung. Auch als bekannt wurde, was fuer ein hochbegabter Mathematiker Andrew war, wehrte er laechelnd ab, wenn man darauf anspielte. Ich traure mit seiner Frau Ida und seiner Tochter Carla um diesen aussergewoehnlichen Menschen, der mir unvergesslich bleiben wird.
Walter Hinderer, Princeton, Februar 23, 2018.

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Philipp Joos schrieb uns am 17.02.2018
Thema: Karl-Josef Müller: Wem gehört Auschwitz?
Imke Hansen schildert die frühen Jahre der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Was diese Rezension soll, wird mir sowenig klar wie die Richtung und die Probleme der rezensierten Arbeit.

Meine innerfamiliäre ("Landser-") Historie zu Polen kannte drei Kategorien: (1) "Mörderpack". - (2) "Normale Leute" - das waren Landser wie Polen, die versuchten, einander nicht ohne Not zu schaden -, und (3) Juden und andere Verfolgte, die man als solche möglichst nicht erkennen wollte, um nicht ihr - und wenn man dabei erwischt wurde - das eigene Leben zu riskieren.

"Mörderpack" - das waren neben den meisten deutschen SS-Leuten - die sog. "Polacken", also die gegen Kriegsende immer deutlicher erkennbaren  nationalistischen, antisemitischen und fanatisch-katholischen Polen.
Das waren Leute, die offen mit den NS-Stellen kollaborierten und den Juden vorwarfen, sie seien schuld, dass Polen nicht an der Seite Deutschlands gekämpft habe!

Ich wüsste gern, ob das rez. Buch am Beispiel der Bewertung von Auschwitz etwas zu diesen Fragen Weiterführendes bietet. Vielen Dank für erhoffte Belehrung!

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