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Rüdiger Scholz schrieb uns am 23.11.2025
Thema: Manfred Orlick: Vom Provinzler zu einem Lieblingsdichter der Deutschen
Zum 200. Todestag von Jean Paul

Die ausgezeichnet kenntnisreiche Würdigung Jean Pauls möchte ich ergänzen.
Jean Paul, der in seiner Autobiographie von einem Anfall von Ich-Spaltung als Zehnjähriger berichtet und der von seinem späteren ebenfalls psychotischen Anfall von Todeserlebnis geprägt wurde, ist einer der frühen Darsteller von Schizophrenie. Mit seiner psychologisch präzisen Verwendung von Ich und Selbst, Begriffen, die im 20. Jahrhundert zentral wurden, gehört er in die Geschichte der wissenschaftlichen Psychologie. In dem Schicksal von Siebenkäs und Leibgeber, die sich wie eineiige Zwillinge ähneln, obwohl sie gar nicht verwandt sind, hat er die tödliche Spaltung des Selbst thematisiert. Leibgeber, der seine Identität Siebenkäs
überlassen hat, tritt im Titan-Roman als der Humorist Schoppe auf, der die Machenschaften von Gaspard aufdecken will und von diesem in einem Spiegelsaal, der sein Bild vervielfacht, fast um den Verstand gebracht wird. Als in diesem angeschlagenen Zustand sein alter Freund Siebenkäs auftaucht, sieht er sich von der Verdoppelung seiner selbst bedroht und stirbt.
Dieser ergreifend dargestellte Tod wird gespiegelt im ebenfalls ergreifend dargestellten Tod von Giannozzo im Titan-Anhang „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“, eines ebenfalls großen Humoristen, dessen satirischer Blick aus der Vogelperspektive seines Fesselballons die Realität zersetzt. Er gerät in ein Gewitter, trompetet dagegen an, ein Blitz trifft sein Instrument und reißt ihm den Mund weg. Auch er hat eine Begegnung mit einem Doppelgänger, Graul. In der Reihe Siebenkäs-Leibgeber-Schoppe-Giannozzo-Graul hat Jean Paul mit großem Einfühlungsvermögen Erscheinungen von Ich-Spaltung literarisch dargestellt.
Dazu gehören die Denkbilder von Einsamkeit. In der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“, veröffentlicht im Anhang zum „Siebenkäs“, findet die totale Verlassenheit des neuzeitlichen Subjekts ihr Symbol - des männlichen Subjekts, zugegeben. Wenige Jahre später dann die Giannozzo-Novelle.
Jean Paul war selbst davon betroffen. Seine humoristischen Spielereien um die Herausgeber- und Verfasserangabe seiner Romanerzählungen verwischen Wirklichkeit und Phantasie, sie erweisen, dass jeder Wirklichkeitsbezug Einbildung ist. Das schreibende Individuum ist mit sich allein, ohne allen Halt durch lebendige Menschen der sozialen Umgebung.  30 Jahre später hat Goethe seinen Faust im 5. Akt ähnlich in die totale Isolation geführt.
Verständlich, dass Jean Paul energisch Fichtes Ich-Philosophie bekämpfte, der er amoralischen Solipsismus vorwarf; Fichte aber reüssierte seit 1794 bis zum Atheismus-Streit 1799 in Jena. Große Teile des Titan-Romans entstanden während Jean Pauls zweieinhalbjährigen Aufenthalt in Weimar.
Jean Paul ist auch der deutsche Hauptvertreter des Digressions-Romans, heute würde man sagen: multiperspektivischen Romans. Die erzählte Romanhandlung, schon an sich dialektisch angelegt im Wechsel von lyrisch hymnischen Erzählphasen und satirischer Negierung der kruden Wirklichkeit, bildet nur einen Teil eines Jean Paul-Romans. Unverbundene Anhänge, meist diskursive Texte, aber auch Erzählungen, gehören zum Roman, sind aber nur über das Erzähler-Ich miteinander verbunden. In dieser Form vermittelte Jean Paul seinem lesenden die Instabilität des Realitätsbezuges seiner Figuren und seiner selbst.
Jean Paul hat in einer bis heute verkannten grandiosen Weise die Konsequenzen des neuzeitlichen Individualismus gezogen. Er war nicht der einzige. Schon Shakespeares Hamlet gerät mit dem Auftrag des toten Vates, dessen Mord zu räche, in die psychisch bedrohliche Vereinsamung. Seine Liebe u Ophelia zerbricht, als Ausweg bleibt nur der Tod. Im „Titan“ gibt es die Figur des Roquairol, dessen psychische Beschädigung im Bewusstsein seiner totalen Schauspielerei besteht, die ihm den realen Boden unter den Füßen wegzieht und ihn in absoluter Weise psychisch ortslos macht; ihm bleibt nur die Selbsttötung.
Jean Paul hat als Reaktion Figuren wie Gaspard de Cesara erfunden, eine eiskalte graue Eminenz, die zum Machterhalt Menschen manipuliert und ruiniert. Damit gibt es eine Ursache für psychisches Desaster. Dazu kommt der historische Zeitbezug. Jean Paul, der in den 1790er Jahren zwei Jahre lang in Weimar lebte und sich heftige Streitgespräche mit Schiller lieferte, hat in seinem Hauptroman „Der Titan“, in 4 Bänden 1800-1803 erschienen, der in der Zeit der Französischen Revolution spielt, mit den Weimarer Klassikern abgerechnet, denen er Arroganz vorwarf. Dazu gehört, dass er Goethes und Schillers Existenz im Kleinfürstentum Weimar karikierte In dem heruntergekommenen Duodezfürstentum Flachsenfingen, in dem die Fürstin „in anderen Umständen als ihr Land, nämlich in gesegneten" ist. Die Klassiker lebten vom Wohlwollen eines Fürsten, der seine Herrschaft mit dem Gottesgnadentum legitimierte. Jean Paul aber war Demokrat.
Als Berichterstatter der Bedrohungen des bürgerlich neuzeitlichen Subjekts ist Jean Paul bis heute kaum zu überbieten.  
                                                                                                                          Rüdiger Scholz

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Dr. Claudia Pfeifer schrieb uns am 11.11.2025
Thema: Dirk Kaesler: Woher weißt Du, was ich lesen wollte?
Warum die KI unheimlich schlau ist

Vielen Dank für diesen wundervollen Essay! Ich konnte herzhaft lachen, was in diesen Zeiten schon wirklich guttut. Vor allem, da es mir selbst so ergangen ist. Man ist geneigt, hinter den Bildschirm zu schauen, ob da einer sitzt. Bis hin zum "Gute Nacht für heute und schlaf gut!"
Alles, was die Experten sagen, kann ich nur unterstreichen: prüfen, prüfen. Copilot wollte mir auch schon manches unterjubeln. Wenn ich ihn auf Unstimmigkeiten aufmerksam machte, wurde ich sogar noch gelobt... Dennoch muss man sagen, dass es gerade bei Recherchen enorm hilft.
Nochmals danke!
Herzliche Grüße Claudia Pfeifer

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Anne Amend-Söchting schrieb uns am 09.11.2025 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Anne Amend-Söchting: Trügerische Traditionen mit Blauschleier
In „Heimat“ erzählt Hannah Lühmann realitätsnah und packend von der Verführbarkeit einer knapp 40-jährigen Frau

Beginnen wir mit einer Reihe von Begriffen und Formulierungen:

Einen Kommentar mit einem majestätischen Plural zu beginnen ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass ein „alter weißer Mann“ im Wissenschaftsjargon der 1960er und 1970er Jahre steckengeblieben ist – ein alter weißer Mann, der alles andere als weise ist, weil er nicht nur wegen des mehrfach vorkommenden „Wir“, sondern mit seinem Kommentar insgesamt vollumfänglich in die Macho- und Mansplaining-Falle hineingerät.

Evasionsfilmen der 1950er Jahre
onomasiologisches Netz
Kompartiment
homodiegetische Erzählstimme
auf Instagram Reels und Slides über ihre Aktivitäten als Hausfrau einen engen emotionalen Konnex


Weshalb kann man nicht wenigstens erläutern, was an diesen Begriffen nicht stimmen sollte? Alle sind wohlüberlegt eingesetzt worden.


exazerbiert
Der erste Preis gebührt
exazerbiert, ein Begriff, der, wenn wir korrekt recherchiert haben, aus der Medizin stammt:
Unter Exazerbation (lateinisch Exacerbatio; von acerbus „bitter“‚ [ex-]acerbare „aufstacheln“, „verschlimmern“) oder Rekrudeszenz; von crudus „rauh“, „blutig“, recrudesco „wieder ausbrechen“ (oder Aggravation; von gravis „schwer“, „schlimm“, aggravatio „Verschlimmerung“) versteht man in der Medizin die deutliche Verschlechterung des Krankheitsbildes bei chronisch verlaufenden Erkrankungen.[1] Als „akute Exazerbation“ wird dementsprechend eine plötzlich auftretende Verschlechterung bezeichnet.
Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer Remission um eine (vorübergehende) Besserung von Krankheitssymptomen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Exazerbation

Was ist das denn für ein absolut unangebrachtes Gebaren, Wikipedia-Einträge in die eigene Mail hineinzukopieren und zu unterstellen, dass diejenige, die das Wort benutzt, den eigentlichen Kontext nicht kennen würde? Natürlich wird „exazerbieren“ nicht so häufig benutzt wie das französische Verb „s’exacerber“, aber es ist nicht ausgeschlossen, es aus dem medizinischen Kontext zu lösen und auf andere Bereiche zu übertragen – und bezogen auf die Situation im Roman bzw. die Negativspirale, um die es konkret geht, passt es hervorragend.

Und dann ein Zitat der Rezension, welches das Problem des Textes wider Willen auf den Punkt bringt:
"Aber das Vermögen ironischer Distanzierung, des Abstandhaltens, das sich nicht wenigen Menschen außerhalb der Tradwife-Szene explosiv bei diesem Content vermitteln dürfte, ist den meisten innerhalb der Szene verlustig gegangen."
Dieses Vermögen ist sowohl der Autorin des rezensierten Romans als auch der Rezensentin verloren gegangen. Folgt man der Inhaltsangabe - und über weite Strecken der Rezension handelt es sich um eine solche - so entsteht das Bild einer dergestalt konstruierten Handlung voller Klischees, dass einem jede Lust an der Lektüre des Romans vergeht - und das ist wahrscheinlich gut so. Die Rezensentin scheint zu ahnen, woran dieser Roman krankt, doch sie möchte ihn unbedingt 'retten':
Wenn die Rezension diesen Eindruck erweckt, dann hat sie ihr Ziel verfehlt. Entweder das oder – was ich hoffe – Herr Müller ist der Einzige oder zumindest eine:r von Wenigen, die diesen Eindruck haben. Er wirft mir vor, über weite Strecken hinweg eine Inhaltsangabe verfasst zu haben, was aber nicht zutrifft. Ich könnte jetzt die Zeichen der Inhaltsangabe prozentual bestimmen, aber ich habe keinen Anlass, mich rechtfertigen zu müssen.
Zu dem fett formatierten Satz: vor dem Lesen des Romans und währenddessen habe ich mir viele Instagram-Seiten und TikTok-Videos von und über Tradwives (keine Ahnung, ob englische oder deutsche Pluralform) angesehen. Es ist genau dieses: wenn man sich das Ganze von außen anschaut, schlägt man die Hände über und vor dem Kopf zusammen und kann es nicht fassen; man sieht sich mehr desselben an und fragt sich ständig, wo denn der Witz und die Ironie versteckt sein könnten. Man ist sich sicher, dass alles ein Spaß sein müsse, bis man irgendwann begreift, dass all die verqueren Lebensentwürfe ernstgemeint sind.
Das Einzige, was ich als kleine Schwäche des Romans herausstelle, ist das, was im nächsten Satz zitiert wird:
"Von der Skepsis zur Akzeptanz – diesen Weg hätte man sich ein bisschen differenzierter wünschen dürfen, aber auch solche Metamorphosen können leider realistisch sein."
Natürlich kann der Begriff der Heimat missbraucht werden, und oft genug ist das geschehen. Doch er zählt nicht zu den apokalyptischen Reitern, wie die Rezensentin nahelegt:
"'Heimat' – kaum ein Begriff ist überdeterminierter, alltäglicher und polarisierender. Wenn heutige Erwachsene diesen Begriff spontan und nicht intentional heranziehen, dann sind sie sich entweder seiner Problematik nicht bewusst oder sie wollen mit seinem Einsatz ein deutliches politisches Statement setzen."

Wir zitieren Kurt Tucholsky:
„Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es. Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. […] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“
Die stille Liebe zu unserer Heimat - was ist daran auszusetzen? Und es gilt, dass man sich wohl gerne dort niederlässt, wo man singt; falsch hingegen ist, dass böse Menschen keine Lieder hätten.

Super Zitat von Tucholsky, das muss man Herrn Müller zugutehalten – nur, es geht weit über die aktuelle Verwendung des Begriffs „Heimat“ hinaus. Die Differenzierungen, die Tucholsky vornimmt, dürften heute den wenigsten Menschen, die den Begriff heranziehen, in irgendeiner Weise bewusst sein. Für mich ist „Heimat“ heute tatsächlich ein „apokalyptischer Reiter“, vor allem dann, wenn sie allgemein daherkommt. Den „Reiter“ hätte ich in diesem Kontext nicht verwendet, aber er ist absolut passend, danke Herr Müller!
Mir gehen bei „Heimat“ heute als Erstes Plakate der sogenannten „Heimatpartei“ durch den Kopf – leider ist es so –, die ich im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 in Thüringen und in Oberhessen gesehen habe (und die vermutlich in vielen anderen Teilen Deutschlands auch aufgehängt waren).

Und so steht diese Rezension mit dem oben zitierten Auftakt von Beginn an unter einem schlechten Stern. Sind sie nicht (auch) einfach lächerlich, diese Tradwifes, sollten wir uns nicht (auch) über sie lustig machen dürfen? Aber hier wird alles bierernst genommen, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor. Es ist doch ein Mär zu glauben, eine nennenswerte Zahl von Frauen ließe sich mir nichts, dir nichts verführen zu einem Leben in häuslicher Enge. Wer sich dafür entscheidet, den können wir wahrscheinlich nicht aufhalten, und schon gar nicht durch Romane wie den von Hannah Lühmann.

Natürlich darf man sich über Tradwives lustig machen, niemand hat das Gegenteil behauptet. Aber die Gefahr im Roman ist sehr ernst zu nehmen – man hat auf der einen Seite Karolin, die sich am Ende des Romans – das ist nun ein Spoiler – suizidiert und auf der anderen Seite Jana, die von Karolins Mann Clemens einen kleinen blauen Schleier überreicht bekommt, mit dem sie am Ende zu ihm eilt und ihn aufsetzt…

Und noch ein schöner Satz zum Abschluss,
"Derweil schreitet die Schwangerschaft fort. Mit der Geburt will Jana unbedingt warten, bis Karolin aus dem Urlaub mit ihrer Großfamilie zurückkehrt. Sie soll ihr bei der natürlichen Geburt beistehen. Ob und wie das Kind zur Welt kommt, bleibt offen. Wehen hat Jana schon."

Wir vermuten, dass eher eine 'sanfte Geburt' gemeint ist, Gott sei Dank haben die Wehen schon eingesetzt!

Er scheint sich ja mit solchen Dingen auszukennen. Dennoch könnte man hier etwas mehr in Richtung „Ex-plaining“, aber bitte nicht noch mehr „Mansplaining“ gehen.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 03.11.2025
Thema: Anne Amend-Söchting: Trügerische Traditionen mit Blauschleier
In „Heimat“ erzählt Hannah Lühmann realitätsnah und packend von der Verführbarkeit einer knapp 40-jährigen Frau

Beginnen wir mit einer Reihe von Begriffen und Formulierungen:
Evasionsfilmen der 1950er Jahre
onomasiologisches Netz
Kompartiment
homodiegetische Erzählstimme
auf Instagram Reels und Slides über ihre Aktivitäten als Hausfrau
einen engen emotionalen Konnex
exazerbiert
Der erste Preis gebührt exazerbiert, ein Begriff, der, wenn wir korrekt recherchiert haben, aus der Medizin stammt:
Unter Exazerbation (lateinisch Exacerbatio; von acerbus „bitter“‚ [ex-]acerbare „aufstacheln“, „verschlimmern“) oder Rekrudeszenz; von crudus „rauh“, „blutig“, recrudesco „wieder ausbrechen“ (oder Aggravation; von gravis „schwer“,
„schlimm“, aggravatio „Verschlimmerung“) versteht man in der Medizin die deutliche Verschlechterung des Krankheitsbildes bei chronisch verlaufenden Erkrankungen.[1] Als „akute Exazerbation“ wird dementsprechend eine plötzlich auftretende Verschlechterung bezeichnet.
Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer Remission um eine (vorübergehende) Besserung von Krankheitssymptomen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Exazerbation
Und dann ein Zitat der Rezension, welches das Problem des Textes wider Willen auf den Punkt bringt:
"Aber das Vermögen ironischer Distanzierung, des Abstandhaltens, das sich nicht wenigen Menschen außerhalb der Tradwife-Szene explosiv bei diesem Content vermitteln dürfte, ist den meisten innerhalb der Szene verlustig gegangen."
Dieses Vermögen ist sowohl der Autorin des rezensierten Romans als auch der Rezensentin verloren gegangen. Folgt man der Inhaltsangabe - und über weite Strecken der Rezension handelt es sich um eine solche - so entsteht das Bild einer dergestalt konstruierten Handlung voller Klischees, dass einem jede Lust an der Lektüre des Romans vergeht - und das ist wahrscheinlich gut so. Die Rezensentin scheint zu ahnen, woran dieser Roman krankt, doch sie möchte ihn unbedingt 'retten':
"Von der Skepsis zur Akzeptanz – diesen Weg hätte man sich ein bisschen differenzierter wünschen dürfen, aber auch solche Metamorphosen können leider realistisch sein."
Natürlich kann der Begriff der Heimat missbraucht werden, und oft genug ist das geschehen. Doch er zählt nicht zu den apokalyptischen Reitern, wie die Rezensentin nahelegt:
"'Heimat' – kaum ein Begriff ist überdeterminierter, alltäglicher und polarisierender. Wenn heutige Erwachsene diesen Begriff spontan und nicht intentional heranziehen, dann sind sie sich entweder seiner Problematik nicht bewusst oder sie wollen mit seinem Einsatz ein deutliches politisches Statement setzen."
Wir zitieren Kurt Tucholsky:
„Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es. Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. […] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“
Die stille Liebe zu unserer Heimat - was ist daran auszusetzen? Und es gilt, dass man sich wohl gerne dort niederlässt, wo man singt; falsch hingegen ist, dass böse Menschen keine Lieder hätten.
Und so steht diese Rezension mit dem oben zitierten Auftakt von Beginn an unter einem schlechten Stern. Sind sie nicht (auch) einfach lächerlich, diese Tradwifes, sollten wir uns nicht (auch) über sie lustig machen dürfen? Aber hier wird alles bierernst genommen, als stünde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor. Es ist doch ein Mär zu glauben, eine nennenswerte Zahl von Frauen ließe sich mir nichts, dir nichts verführen zu einem Leben in häuslicher Enge. Wer sich dafür entscheidet, den können wir wahrscheinlich nicht aufhalten, und schon gar nicht durch Romane wie den von Hannah Lühmann.
Und noch ein schöner Satz zum Abschluss,
"Derweil schreitet die Schwangerschaft fort. Mit der Geburt will Jana unbedingt warten, bis Karolin aus dem Urlaub mit ihrer Großfamilie zurückkehrt. Sie soll ihr bei der natürlichen Geburt beistehen. Ob und wie das Kind zur Welt kommt, bleibt offen. Wehen hat Jana schon."
Wir vermuten, dass eher eine 'sanfte Geburt' gemeint ist, Gott sei Dank haben die Wehen schon eingesetzt!

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Frieder Sommer schrieb uns am 28.10.2025
Thema: Günter Rinke: Dandy in Nöten
In seiner Romanbiografie „Das Bildnis des Oscar Wilde“ erzählt Stephen Alexander von den letzten Jahren des berühmten Schriftstellers

Der Kommentar von Luise F. Pusch spricht mir aus der Seele!
Dieses Geschreibe im Präsens geht mir auch auf den Geist. Ein Musterbeispiel ist Volker Weidermann, der, über wen er auch schreibt, höchstpersönlich dabei gewesen ist.
Zitat aus Volker Weidermanns Träumer: "Nein, Toller lässt sich nicht abschütteln....Am Abend geht er erschöpft zurück in seine Pension." Weidermann ist ihm auf den Fersen, er lässt sich auch nicht nicht abschütteln.

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Luise F. Pusch schrieb uns am 28.10.2025
Thema: Günter Rinke: Dandy in Nöten
In seiner Romanbiografie „Das Bildnis des Oscar Wilde“ erzählt Stephen Alexander von den letzten Jahren des berühmten Schriftstellers

Danke, dass das mal jemand feststellt: Wie aufdringlich das modische Präsens ist. Ein Hoch auf das unaufgeregte Präteritum! Romane im Präsens will ich nicht mehr sehen und hören.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 30.09.2025
Thema: Horst Konietzny: Perspektivwechsel
Pankaj Mishra hat in „Die Welt nach Gaza“ seine postkoloniale Sicht auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aufgeschrieben

"Man unterstellt 'bösartige Propaganda', eine 'überaus polemische, einseitige Abrechnung mit dem Westen' oder fühlt sich vergiftet nach der Lektüre eines 'in dröhnend-apokalyptischer Sprache daherdonnernden Traktats', das 'dem antisemitischen postkolonialen Aktivistentum die Absolution erteilt'." Die Sympathien des Rezensenten gelten eindeutig dem Autor des besprochenen Buches, das als das "aktuelle Werk des renommierten indischen Schriftstellers und Essayisten Pankaj Mishra" eingeführt wird.
Wer aber sind die Kritiker dieser Ausführungen, die es wagen, "seine postkoloniale Sicht auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern" zu kritisieren? Wir hätten es nur zu gerne gewusst, auch um
überprüfen zu können, wie genau es sich verhält mit dieser Kritik.
Doch lässt der Rezensent die Kritiker allein aus polemischen Gründen zu Worte kommen, Stichwort "Schnappatmung" und "Phrasendonner".
Und dann kommen, um selbst polemisch zu werden, die Phrasen des Postkolonialismus. Unterm Strich stellt sich eine entscheidende Frage: Wie hält es Pankaj Mishra, wie hält es Horst Konietzny selbst mit dem Existenzrecht Israels? Wer ist es, der zugunsten der Shoa "andere historische Gräueltaten (zum Beispiel Völkermorde in Afrika, den Amerikas oder Asiens) marginalisiert"?
Und warum beruft sich der Rezensent ausschließlich auf Persönlichkeiten jüdischer Herkunft, wofür soll diese Herkunft ein Beweis sein? Wir zitieren Joshua Cohen aus seinem Buch Aufzeichnungen aus der Höhle, zugegeben ebenfalls ein Autor jüdischer Herkunft:
„Ich möchte klarstellen, dass meine Abneigung gegen diese beiden salbungsvollen Philosemiten nichts ist im Vergleich zu der Verachtung, die ich für die jüdischen Antisemiten hege, die sie eingeladen haben: Der tiefere Hass gilt immer den eigenen Leuten."
Wenn der Rezensent sich der Kritik an einzelnen, aber entscheidenden Punkten der Argumentation des Autors anschließt, so nur, um diese Kritikpunkte im gleichen Atemzug entscheidend zu relativieren:
"Gleichzeitig bietet er Angriffsflächen: Er gehe nicht weiter auf die Grausamkeiten des 7. Oktober 2023 ein und kommentiere sie nicht, relativiere die Singularität des Holocausts und  zeige eine selektive Geschichtsdarstellung. Solche Vorwürfe sind berechtigt, schmälern aber dennoch nicht den Wert der Lektüre."
Kein Wort - oder haben wir etwas überlesen? - zur Tatsache, dass die Hamas das Ziel verfolgt, den Staat Israel, oder, besser und deutlicher gesagt, seine jüdischen Einwohner eher zu vernichten als 'nur' zu vertreiben.
Kein Wort über die Anfeindungen gegenüber Menschen jüdischer Herkunft nicht nur in Deutschland, die mitverantwortlich gemacht werden für das Leid der Palästinenser in Gaza, die wiederum zum Ziel Israels geworden sind, weil die Hamas sie als menschliche Schutzschirme missbraucht.
Jeder kann und darf Israel kritisieren, und eben diese Kritik ist ja auch in Israel selbst zu vernehmen.
Und so bleibt abschließend nochmals zu fragen: Wie hält es Pankaj Mishra und wie hält es Horst Konietzny mit dem Existenzrecht Israels?

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 19.08.2025
Thema: Jonas Heß: Made to Wave the Flag
Eine genauere Auseinandersetzung mit dem KI-Musik-Projekt „The Velvet Sundown“ offenbart Abgründe

Dust in the Wind - natürlich, das fällt einem sofort ein. Aber es gibt noch eine - unverschämte - Anspielung, wenn man das Phänomen denn so nennen will: The Velvet Underground - The Velvet Sundown. Nun zählte The Velvet Underground wohl zur Avantgarde der 60er, eine Musik, die nicht jedem zugänglich war.
So ist es mit der Kunst: das Gängige geht leicht ins Ohr. Der Artikel von Ihnen macht aber auch deutlich, dass das, was Sie unbeseelte Künstliche Intelligenz nennen, mit Intelligenz im Sinne von Kreativität nichts zu tun hat. Die Lüge verbirgt sich, mehr schlecht als recht, hinter der Anmaßung, vermeintlich in die Fußstapfen einer innovativen Musik treten zu können. Fehlt noch ein Cover, auf dem statt der Banane von
Andy Warhol eine Zitrone von wem auch immer zu sehen wäre.

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Christian Milz schrieb uns am 11.08.2025
Thema: Marion Schmaus: Georg Büchners dramatische Lehre vom ganzen Menschen
„Woyzeck“ als ästhetischer Kommentar zu Entwicklungen in Psychiatrie, Medizin, Wissenschaft, Militär und Justiz

Georg Büchners nachgelassene Handschriftenentwürfe sind ursprünglich Fragmente. Und zwar nicht nur infolge des Ableben des Autors, sondern zwei Handschriftenentwürfe werden während des Schreibprozesses abgebrochen, zwei weitere Szenen stehen isoliert im Raum, nur den letzten Entwurf wird dem Autor durch den Tod aus den Händen genommen. Würde man, wie in der Kunstgeschichte üblich, den Status des Werkes als Fragment respektieren, also nach den inneren Gründen für den schöpferischen Akt und dessen Probleme fragen, dann bekäme man schnell heraus, dass Büchner keine "Lehre von dem ganzen Menschen entwirft", sondern allenfalls danach sucht - und das ästhetisch über den zutiefst in sich zerrissenen und fragwürdigen Menschen. Nichts, aber auch gar nichts in den Handschriftenentwürfen ist "ganz", Figurennamen sind unvollständig und wechseln, Handlungsimpulse nicht motiviert, Szenerien in sich widersprüchlich, Personen treten aus dem Nichts auf, Bruchstücke allenthalben. Deswegen empfinden wir den "Woyzeck" übrigens als außerordentlich modern und nicht zuletzt deswegen, wegen dieser durchbrochenen Form die höchst kunstvoll auf höherer Ebene kompensiert wird, hat das Werk Weltrang.
Die (gängige) Lesart des Woyzeck-Dramas als "ästhetischer Kommentar zu den Entwicklungen in Psychiatrie, Medizin, Wissenschaft, Militär und Justiz" widerspricht jeglicher Logik der Gattung Drama als unmittelbar eindrückliches Bühnenstück und bezieht sich ausschließlich auf einen historisch-stofflichen Aspekt, der aus ästhetisch-formalem Blickwinkel freilich nebensächlich ist - und nicht nur das, sondern ihn auch noch konterkariert. Denn Büchner dramatisiert die Hinrichtung des weiblichen Opfers, nicht die Entlastung des männlichen Täters. Bzw. erfolgt die Entlastung genau genommen gerade durch diese Hinrichtung, und das erfordert die Form der Hinrichtung zu analysieren d.h. die verborgene Beziehung zwischen Opfer und Täter zu klären. Das führt indessen in Richtung des zeitgenössischen Inzestdiskurses, den die Literaturwissenschaft systematisch ausblendet.

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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 22.07.2025
Thema: Dietmar Jacobsen: Asche, die dennoch lacht
In ihrem Roman „Schwebende Lasten“ erzählt Annett Gröschner ein ganzes Jahrhundert anhand der Biographie einer Frau

Ich war von dem Roman auch sehr beeindruckt, habe ihn auch rezensiert. Gerade wenn heute über »Kriegstüchtigkeit« gesprochen wird, sollte dieser Roman gelesen werden, denn er zeigt, was Krieg bedeutet.
https://mittelhaus.com/2025/05/26/annett-groeschner-schwebende-lasten/

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