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Doreen Mildner schrieb uns am 16.06.2019
Thema: Christina Bickel: Trümmerbilder des Sozialismus
Ines Geipel zeichnet in „Umkämpfte Zone“ markant eine bedrückende Welt von Verdrängung, Schmerz und Hass

Liebe Christina Bickel,

ich kenne Ines Geipels Sachbuch "Umkämpfte Zone" sehr gut und erlaube mir deshalb einige Anmerkungen.

Zunächst zum Genre: Gut, dass Sie das Buch nicht mehr (wie in Ihrer ursprünglichen Fassung) als "Roman" bezeichnen. Doch Ihr Versuch, das Buch einzuordnen, ist zu vage. Ein Blick auf die Website des Verlages oder auf den Klappentext des Buches hätte Ihnen verdeutlicht, dass die Autorin ihr Buch als Sachbuch versteht und vom Leser verstanden wissen will.

Entsprechend kritischer hätten Sie meines Erachtens auch die Darstellung von Zeitgeschichte in "Umkämpfte Zone" betrachten müssen. Ja, "Bilder bedürfen einer Beurteilung bezüglich ihres
Wahrheitsgehaltes", aber auch die Zerstörung der Bilder, in dem Fall der Buchenwald-Mythos, bedarf einer Überprüfung, eines Faktenchecks. Die deutschen Kommunisten, die Buchenwald überlebt haben, "Mörder" zu nennen und für diese steile These nur eine einzige, veraltete Quelle (den von Lutz Niethammer herausgegebenen Band "Der gesäuberte Antifaschismus") anzugeben, wie Ines Geipel es in ihrem Buch tut, ist nicht nur schockierend, es ist auch geschichtsverfälschend.

In Ihrer Rezension fehlt mir außerdem der direkte Bezug zur Autorin: Wer ist sie, welcher Generation gehört sie an, welche Erfahrungen hat sie in der DDR gemacht? Auch wenn es einen Online-Lexikon-Eintrag zu Ines Geipel gibt (der leider nicht mehr aktuell ist): Die Antworten auf diese Fragen sind meines Erachtens essenziell zum Verständnis des Buches und der Motivation der Autorin.

Mit besten Grüßen
Doreen Mildner

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 13.06.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Entschuldigung, aber geht es hier wirklich einfach nur um etwas, das KMS bloß zitiert hat, oder nicht doch vielmehr darum, dass er das Zitierte mir nichts, dir nichts als seine eigenen, und das heißt per definitionem: erstmaligen „Funde“ ausgibt? Soll oder kann seine wieder einmal sehr agitierte Cholerik über diesen kleinen Unterschied so ganz hinwegtäuschen? Und unterliegt sie nicht einem mittlerweile schon ad nauseam bekannten Reaktionsmuster? Wenn ihm die Argumente ausgehen, behilft sich KMS faute de mieux halt immer mal wieder gerne mit persönlichen Diffamierungen. Dermaßen großzügig ad hominem auszuteilen fühlt sich da nota bene einer berufen, der Vergewaltigung als „Nutznießung“ weiblichen „Begehrens“ hinstellt und solche, die ihm das vorhalten, kurzerhand der Lüge und üblen Nachrede bezichtigt.

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Albrecht Classen schrieb uns am 10.06.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Albrecht Classen: Aus dem Rahmen gefallen
Ein von Christoph Kleinschmidt und Uwe Japp herausgegebener Band beschäftigt sich mit Rahmenzyklen in der europäischen Literatur

Die Autoren des Buches werfen dem Rezensenten Dinge vor, die schlicht nicht stimmen. Hier noch einmal ganz kurz das Ergebnis meiner Beurteilung: Es handelt sich um einen Sammelband, der aus einer Vorlesungsreihe für Studenten erwachsen ist, die recht oberflächlich das Thema anspricht, viele wichtige Werke außer Acht lässt und nur ungenügend die relevante Forschung berücksichtigt. Wie ich schon einmal betonte, nicht jede Ringvorlesung verdient es, sofort in den Druck gebracht zu werden, und dies ist hier keineswegs anders. Dies ist alles schon ausführlich in der Rez. behandelt worden, in der ich sehr bemüht war, zumindest die positiven Aspekte hervorzukehren, auch wenn es nicht viele davon gibt. Die Herausgeber versuchen nun, zum Gegenangriff überzugehen (Beckmesser lässt grüßen!), indem sie vermeintliche Fehler aufzuspießen bemüht sind. Da ich z. Zt. länger keinen Zugang zu dem Buch habe, kann ich erst im August 2019 fundierter darauf eingehen und dann zugleich noch genauer belegen, worin die vielen Schwächen dieses Bandes bestehen, der freilich all diese Aufmerksamkeit nicht verdient.

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Christoph Kleinschmidt / Uwe Japp schrieb uns am 06.06.2019
Thema: Albrecht Classen: Aus dem Rahmen gefallen
Ein von Christoph Kleinschmidt und Uwe Japp herausgegebener Band beschäftigt sich mit Rahmenzyklen in der europäischen Literatur

Die Rezension von Albrecht Classen enthält zwei Falschbehauptungen. Erstens stammt der Beitrag zu Heinrich Heine nicht von Stephanie Heck und Simon Lang, sondern von Christine Mielke. Stephanie Heck und Simon Lang haben einen Artikel zu Hans Scholz’ „Am grünen Strand der Spree“ verfasst, der in der Rezension unerwähnt bleibt. Zweitens gibt Albrecht Classen im letzten Absatz der Rezension ein Zitat wieder, das weder im Nachwort noch an anderer Stelle des Sammelbandes vorkommt. Die argumentative Ausrichtung des Falschzitats widerspricht sogar einer der Grundthesen des Nachworts. Da Albrecht Classen nicht bereit ist, diese Fehler in seiner Rezension zu korrigieren, sehen wir uns zu dieser Stellungnahme veranlasst. Bei allem Recht auf subjektive Ausrichtung von Rezensionen darf die kritische Auseinandersetzung nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Redlichkeit geschehen.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 29.05.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Mit seiner Weigerung, die von mir geforderte Entschuldigung auszusprechen (die Daten habe ich geliefert), zeigt sich nun die ganze Miserabilität des Herrn Elsaghe. Wenn er so tut, als hätte ich in meinem ZfdPh-Aufsatz nur Dinge genannt, die auch er schon genannt habe, so ist das wieder einmal eine Unwahrheit. Mit dem  unterschwelligen Vorwurf des Plagiarismus begibt der Gute sich dann in die allerunterste Schublade.  Dass man, wenn man etwas zitiert, was auch er schon zitiert hat, eine Verbeugung vor ihm machen muss, war mir unbekannt; ich werde es mir allerdings auch nicht zu Herzen nehmen, da ich weitere Hervorbringungen dieses Herrn nicht mehr zur Kenntnis nehmen werde.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 29.05.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Entschuldigung, aber hat KMS bei seiner Darlegung der Abläufe vielleicht nicht doch etwas ausgelassen? Er will erst im Januar 2014 von der Existenz unserer Wenigkeit Kenntnis genommen haben. Gut. Dies sei bei seiner Lektüre des Max Frisch-Bands in der Reihe Text + Kritik geschehen; das jedoch müsste seinen eigenen Angaben zufolge heißen: ein Dreivierteljahr bevor er das Typoskript des Homo faber überhaupt erstmals zu Gesicht bekam. Was KMS jetzt wieder einmal unterschlägt, im halbschlauen Vertrauen darauf, dass es ‘denn doch’ keiner merkt, ist der Zusammenhang, in dem er hier mit unseren Arbeiten bekannt wurde. Es geht in unserem Beitrag zu Text + Kritik nämlich um eine erste Auswertung ebenjenes Typoskripts. Genau gesagt geht es um die Rolle, die Walter Fabers Schweizer Konkurrent darin einmal spielte und die KMS 2017 als einen der von ihm höchstselbst gehobenen „Funde“ umherzubieten sich nicht zu schade war. Als solche „Funde“ paradierte er damals wie gezeigt auch noch anderes, was er, wieder selbst nach der Chronologie seiner eigenen Angaben, bereits aus unseren Arbeiten gekannt haben musste. So viel oder so wenig zu seinem Monopolanspruch auf philologische Tugendhaftigkeit und zu der Autorität, als die er sich neuerdings auch noch in Sachen Plagiarismus zu gerieren geruht.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 14.05.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Was die als Tatsachen maskierten Prioritätsbehauptungen des Herrn Elsaghe betrifft, ist leider doch noch eine Entgegnung nötig.

Auf die Existenz des Typoskripts aufmerksam geworden bin ich durch die Biographie von Julian Schütt (Berlin 2011; Lektüre: Dezember 2012). Am 9. April 2013 habe ich deshalb erstmals an die damalige Leiterin des Max Frisch-Archivs, Frau Dr. Margit Unser, geschrieben. Eine längere E-Mail-Korrespondenz mit ihr und mit dem Präsidenten der Max Frisch-Stiftung, Prof. Dr. Thomas Strässle,schloss sich an, bis ich dann im September 2014 die digitale Fassung des Typoskripts und zugehörige Materialien erstmals im Archiv studieren konnte. Meiner Absicht, eine kritische Edition des Typoskripts herauszubringen, ist, wie
mitgeteilt, von der Spitze des Suhrkamp Verlags eine Absage erteilt worden.
Im Januar 2014 hatte ich im Text+Kritik-Heft zu Frisch den Aufsatz von Franziska Schößler entdeckt, der mich ziemlich entsetzt hat (Korrespondenz mit Hermann Korte). Auch dass es Herrn Elsaghe gab, habe ich dem Heft entnehmen können.
Nach der Absage bezüglich der kritischen Edition (23. Januar 2015)habe ich mich an die mühselige Vergleichung des Typoskripts mit den Druckversionen gemacht (und gefunden, dass die "Gesammelten Werke in zeitlicher Folge" von Fehlern wimmeln. Peter von Matt: eine "philologisches Ärgernis").
Am 20. Februar 2015 habe ich den Aisthesis Verlag brieflich gebeten, mir die Bücher von Yahya Elsaghe und Melanie Rohner zu schicken, die ich dann, ebenso wie einen Teil des besagten Aufsatzes, im August 2015 in literaturkritik.de besprochen habe.

Davon, dass ich die Anregung für meine Arbeit am Typoskript und anderes den Publikationen von Elsaghe und Rohner verdankte, kann also keine Rede sein. Es handelt sich um eine mit den üblichen Elsagheschen Gehässigkeiten garnierte Unterstellung.

Da sich meine Angaben Punkt für Punkt belegen lassen, erwarte ich eine Entschuldigung.

Klaus Müller-Salget

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Ulrich Kittstein schrieb uns am 16.04.2019
Thema: Peter C. Pohl: Halb und halb
Ulrich Kittstein legt im Jubiläumsjahr eine umfangreiche Studie zum Werk und Leben Gottfried Kellers vor

Universitätsethnologische Etüden

Selbst wenn den Wissenschaftler, der Tag um Tag fleißig in seiner Klause sitzt, einmal die Sehnsucht nach Abwechslung und heiterer Entspannung überkommt und er für eine kleine Weile in das bunte Getümmel des Weltlebens hinabsteigt, fällt es ihm nicht leicht, die Brille des kritischen Forschers abzusetzen. Das gilt besonders dann, wenn er sich bei solchen Gelegenheiten unter das eigentümliche Völkchen der Akademiker mischt und dessen sonderbare Sprünge betrachtet. Aus flüchtigen ethnographischen Studien, die bei solchen Anlässen aufs Papier geworfen wurden, entstand schon vor längerer Zeit die Universitätsethnologie, die die exotische Lebenswelt der Akademiker
mit ihren Riten und Gebräuchen erforscht. In jener Gründungsphase habe auch ich, übrigens ebenfalls hier auf literaturkritik.de, mit meinen Reflexionen über J.S. und den U.d.A. (ruhmreichen Angedenkens) einen bescheidenen Beitrag geleistet. Aus dem Abstand von zehn Jahren scheint es nun angebracht, den aktuellen Stand dieser Disziplin zu resümieren, ihre Leistungen zu würdigen und ihre Erkenntnisse der interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Als Fernziel schwebt mir eine mehrbändige Studie vor, die das ganze Gebiet der Universitätsethnologie systematisch erfasst. Mag sie sich dereinst würdig neben die Werke anderer abendländischer Meisterdenker von Platon über Nietzsche bis Eckhard Henscheid stellen – für heute muss es aus Zeit- und Platzgründen leider bei einigen vorläufigen Bemerkungen bleiben.
Sehr erwünscht kommt da ein ‚Text‘ – die Universitätsethnologie ist hier aus guten Gründen vorsichtiger und spricht im Blick auf die Erzeugnisse des akademischen Diskurses lieber von ‚Wortfolgen‘ – von Peter C. Pohl, der sich auf mein kürzlich erschienenes Buch Gottfried Keller. Ein bürgerlicher Außenseiter bezieht. Der konkrete Gegenstand ist freilich im Grunde gleichgültig, da Akademiker aus Sicht der Universitätsethnologie ohnehin keine Individuen, sondern lediglich Struktureffekte des akademischen Betriebs sind. So gibt Herr P. – um allen Missverständnissen von vornherein die Spitze abzubrechen – nicht das Objekt, sondern nur den Anlass für die folgenden Überlegungen ab (deshalb gestatte man auch die Abkürzung). Der Verfasser vorliegender Zeilen hat von akademischer Seite schon Reaktionen erfahren, neben denen P.s Wortfolge nicht nur zahm und artig, sondern sogar wie ein Musterbeispiel gedanklicher Stringenz anmutet. Sie taugt aber, wie sich erweisen wird, vortrefflich als Exempel für eine universitätsethnologische Demonstration.
Beginnen wir damit, im Blick auf den erwähnten Beitrag einige Merkwürdigkeiten zusammenzutragen, die bei der Lektüre Verwirrung stiften und einer fachkundigen Erklärung harren. Das gilt schon für P.s Bemerkungen zum Stil des Keller-Buches. Werden einerseits die „Lesbarkeit“ und Verständlichkeit der Ausführungen anerkannt, so wecken andererseits of-fenbar gerade diese Qualitäten ein diffuses Unbehagen, das sich in kryptischen Bemerkungen wie der Rede von einer „Diktion“, die „(bisweilen zu) eingängig“ sei, niederschlägt. Indes wollen wir dieses Thema vorläufig auf sich beruhen lassen und uns auf die Einsicht zurückziehen, dass die Geschmäcker eben verschieden sind. In wissenschaftlichen Kreisen amüsiert man sich ja auch umgekehrt immer wieder, wenn unsere Akademiker mit der Sprache ringen wie Laokoon mit den Schlangen (und auch ungefähr mit demselben Erfolg). Und wenn die armen Leute zeitlebens nur mit dem akademischen Deppenjargon konfrontiert waren, muss die unvermittelte Begegnung mit der deutschen Sprache tatsächlich einen Schock verursachen, ähnlich wie bei Maulwürfen, die man plötzlich ins helle Sonnenlicht schubst.
Etwas ausführlicher verbreitet sich P. über die theoretischen Grundlagen des Buches, die er augenscheinlich mit großer Skepsis betrachtet. Nun wäre es tatsächlich fatal, wenn sich die wissenschaftlichen Kategorien und Perspektiven einer Untersuchung als untauglich erweisen würden, ihren Gegenstand zugänglich zu machen, eine erhellende, argumentativ begründete Interpretation zu ermöglichen und zu plausiblen Resultaten zu führen. Aber verblüffenderweise behauptet P. das eigentlich gar nicht, zumal ihn das Bild von Kellers Werk, das in diesem Buch mit Hilfe der herangezogenen Analysekategorien gezeichnet wird, offenbar nicht interessiert – jedenfalls kommt es in seiner Wortfolge gar nicht in den Blick. Vielmehr scheint P. bestimmte Theorien zu wünschen, die er hier nicht vorfindet, und bestimmte andere nicht zu wünschen, die er vorfindet. Als Maßstab der Bewertung dient aber nicht etwa der Erkenntniswert der jeweiligen Ansätze, auf den P. keine Aufmerksamkeit verschwendet, sondern ihr Alter: P. kennt Theorien, die „in die Jahre gekommen sind“, daneben andere „nicht mehr ganz so alte Begriffe“ und vermutlich auch noch solche, die gerade erst in den Windeln liegen (auch wenn von denen nicht ausdrücklich die Rede ist). Wissenschaftliche Beurteilungskriterien werden also gar nicht erst berücksichtigt.
Zweifellos kritisch gemeinte Bemerkungen sind zahlreich in der P.schen Wortfolge, aber leider nehmen sie nirgends eine so konkrete Gestalt an, dass sie überhaupt diskutabel werden. Unklar bleibt beispielsweise, wer eigentlich für die „Setzung der polaren bürgerlichen Geschlechterordnung“ gerügt wird. Mein Buch rekonstruiert, welche Geschlechterordnung(en) Kellers Texte mit literarischen Mitteln entwerfen, aber auch, wie sie sie bisweilen in Frage stellen oder unterlaufen. Gilt der Vorwurf also dem Dichter Keller? Er wird ihn sich gewiss zu Herzen nehmen und es künftig besser machen. Nicht anders in weiteren Fällen: Ob es um „schulmeisterliche“ Züge der Monographie oder ihre angeblich „eigentümlich braven Wertungen“ geht, ob die „Darstellung von Ökonomie“ als „oberflächlich“ bezeichnet wird oder von „starken, allgemeinen Thesen“, die „unausgeführt wirken“, die Rede ist – es handelt sich durchweg um starke, allgemeine Behauptungen, die unausgeführt bleiben, denn keine von ihnen wird auch nur andeutungsweise erläutert oder gar belegt.
An anderen Stellen begegnet eine ähnliche Paradoxie wie bei den stilistischen Fragen: Soweit das überhaupt festzustellen ist, scheint P. den wissenschaftlichen Ertrag der Untersuchung und ihrer Ansätze nicht einmal in Abrede stellen zu wollen. Von „interessanten Früchten“, die das Buch erbringt, wird beiläufig gesprochen – welche das sind, bleibt der Spekulation des Lesers überlassen. Die „älteren Begriffe“ seien hilfreich bei den „Zusammenfassungen der Prosawerke“ Kellers – das signalisiert wohl so etwas wie Anerkennung, sofern man die Wendung halbwegs gerade rückt, denn Kellers Werke werden im Buch natürlich nicht ‚zusammengefasst‘, wofür man auch wahrhaftig keine theoretische Begrifflichkeit brauchte, sondern in enger Auseinandersetzung mit den Texten interpretiert. Sogar den „Nerv der Zeit“ trifft die Monographie, so erfährt der verdutzte Leser, der aber leider nicht darüber belehrt wird, wie dieses Kompliment zu den angeblich „überholten Theoriereferenzen“ passt. „Innovativ“ sei der Ansatz, Kellers Werk unter dem Aspekt der Bürgerlichkeit zu untersuchen – das könnte vielleicht zu etwas führen, aber die sich zaghaft andeutende Klarheit wird gleich darauf mit den schon oben gewürdigten Gummiformulierungen wieder vertrieben. Und da eben dieser „innovative“ Ansatz im vorangegangenen Abschnitt noch als „Verlegensheitslösung“ tituliert wurde, weiß der Leser nun endgültig nicht mehr, was er denken soll.
P.s ‚Rezension‘ ist in ihrer konsequenten Weigerung, sich auch nur versuchsweise mit dem Thema, dem Verfahren, der Argumentation und den Resultaten des Buches, das doch ihren Gegenstand bilden sollte, auseinanderzusetzen, durchaus repräsentativ für die Verlautbarungen der akademischen Welt. Der universitätsethnologische Laie steht konsterniert vor solchen akademischen Ergüssen, weil er ihnen mit Erwartungen an Sinn, Kohärenz und Sachbezug begegnet, denen sie weder genügen können noch genügen wollen. Gleichwohl sind sie lehrreich, wenn man sie nur kompetent zu behandeln weiß. Das Rüstzeug dafür liefert die Universitätsethnologie, deren wichtigste Einsichten hier in der gebotenen Kürze referiert seien.
In der geschlossenen Welt der Akademiker müssen Karrieren, Rangfragen, persönliche Beziehungen und die Verteilung knapper Ressourcen, etwa von Geldern, Lehrstühlen und anderen Stellen, geregelt werden. Dies geschieht über den Einsatz von akademischem Kapital, das die gesammelten Machtmittel und Einflusschancen des Akademikers in Abgrenzung zu seinen Kollegen umfasst. In dieses Kapital gehen ganz verschiedene Elemente ein: die hierarchische Position und die Gehaltsklasse an der Universität, die Mitgliedschaften in einflussreichen Gremien, der quantitative Publikationsausstoß sowie das akademische Renommee der jeweiligen Publikationsorte, Auftritte auf Tagungen und Kongressen, die gleichfalls nach Renommee abgestuft sind, die Zitierfrequenz und nicht zuletzt die vorteilhaften Verbindungen zu anderen Akademikern, die auf höchster Ebene in den berühmten drei Kartellformen organisiert sind (Zitierkartelle, Rezensionskartelle und Berufungskartelle). Dabei ist das akademische Kapital einer permanenten Dynamik unterworfen, weil es im Machtgefüge der Universität ständig neu ausgehandelt und bestimmt wird – ohne eine solche Beweglichkeit würde der akademische Betrieb erstarren und umgehend den Kältetod erleiden. So sind in der universitären Welt allenthalben komplizierte Auf- und Abstiegsprozesse zu beobachten, die sowohl einzelne Akademiker und ganze Netzwerke von ihnen als auch den Kurswert der unterschiedlichen Kapitalformen betreffen. Das gesamte Leben eines Akademikers kreist um die Akkumulation von akademischem Kapital im Wettstreit mit der Konkurrenz.
Die Elemente des akademischen Kapitals müssen handlich und klar bestimmbar sein, damit ihre Abwägung und ihr Einsatz jederzeit problemlos erfolgen können. Das führt uns zu jener Erkenntnis der Universitätsethnologie, die man seit jeher als besonders ernüchternd empfunden hat: Wissenschaftliche Leistungen können nicht in akademisches Kapital konvertiert werden. Den Wert wissenschaftlicher Arbeiten, Thesen und Resultate zu beurteilen, erfordert eine differenzierte, fachkundige Auseinandersetzung, die viel Zeit und Mühe kostet und doch nie zu eindeutigen, fasslichen Resultaten führt. Kurz gesagt: Wissenschaft ist bei weitem zu komplex, als dass die akademische Welt etwas mit ihr anfangen oder sie gar als Regulativ gebrauchen könnte. Bei Stellenbesetzungen, Mittelvergaben und anderen Aushandlungsprozessen im universitären Milieu wird die wissenschaftliche Qualifikation der Kandidaten oder Bewerber daher grundsätzlich nicht berücksichtigt und noch nicht einmal thematisiert.
Theorien haben unter Akademikern einen ganz anderen Status als in der Wissenschaft, was leicht zu Missverständnissen führen kann, weil in beiden Sphären ja teilweise dieselben Wörter benutzt werden (immerhin können viele jener Theorien, deren Termini als Schlagworte im akademischen Betrieb flottieren, durchaus auch als Werkzeuge der Wissenschaft dienen). Für den Akademiker ist eine Theorie lediglich ein Set von Vokabeln, denen in seinem Umfeld ein bestimmter Kapitalwert zugewiesen wird. Am wissenschaftlichen Nutzen und am Erkenntniswert theoretischer Modelle ist er nicht interessiert, und sie gehen ihn auch nichts an: An das theoretische Vokabular darf sich gerade keine gedankliche Substanz heften; es muss als Teil des akademischen Kapitals frei verfügbares Spielmaterial bleiben. Dabei unterliegt sein Kurswert ebenfalls den erwähnten Schwankungen, und er kann auch in verschiedenen Sektionen der akademischen Welt höchst unterschiedlich sein – so kenne ich akademische ‚Kritiker‘, denen die von P. als greisenhaft gescholtenen Begriffe und Kategorien wiederum viel zu modisch und aktualitätssüchtig wären. Freilich gelten unter den Theorieansätzen die jüngeren oft – aber nicht immer! – als besonders hip. Die Etiketten ‚konventionell‘ und ‚innovativ‘, mit denen Theorien im akademischen Diskurs gerne belegt werden, beziehen sich nicht auf deren wissenschaftlichen Gehalt, sondern markieren aus der Sicht des jeweiligen Sprechers lediglich geringere bzw. höhere Kapitalwerte, weshalb sie je nach Umständen auch ganz flexibel gehandhabt werden können. Die akademische Welt kennt keinen Fortschritt – den gibt’s allenfalls in der Wissenschaft –, sondern nur einen unablässigen Wandel.
Akademiker sind also keine Wissenschaftler, sie spielen bloß Wissenschaftler, indem sie mit Versatzstücken hantieren, die sie nicht nach ihrem sinnvollen Zusammenhang, sondern nach ihrem akademischen Kapital- oder Protzwert beurteilen. Boshafte Menschen haben sich das bekanntlich hin und wieder zunutze gemacht, um Parodien auf den akademischen Deppenjargon zu fabrizieren und in den universitären Diskurs einzuschmuggeln. Solche Unternehmungen sind aber nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch höchst überflüssig, weil die besagten Parodien sich als sinnfreie Aneinanderreihungen entsprechender Reizwörter ja gar nicht von normalen akademischen Arbeiten unterscheiden. Die akademische Welt kann nicht parodiert werden, weil sie bereits ihre eigene Parodie ist.
Man begreift nun, warum das Leben und Treiben der Akademiker aus der Außensicht so vollkommen aberwitzig erscheint. Kein vernünftiger Mensch, der wissenschaftliche Maßstäbe anlegt und auf die argumentative Stringenz und Überprüfbarkeit von Aussagen fixiert ist, wird jemals begreifen, nach welchen Prinzipien diese Leute in ihren Wortfolgen Phrasen miteinander verknüpfen, Wertungen verteilen oder auch bestimmte andere Wortfolgen zitieren oder eben nicht zitieren. Der universitätsethnologisch geschulte Blick aber durchdringt das Chaos und verbreitet das gleißende Licht der Aufklärung: Weiß man Bescheid über akademische Netzwerke, Verbünde und Kartelle, über Machtverhältnisse, Abhängigkeitsbeziehungen und Allianzen, kurz: über die Verteilung und die Dynamik der Kapitalwerte auf dem akade-mischen Feld, dann ordnet sich das Durcheinander und enthüllt eine zwar perverse, aber absolut zwingende Logik.
Es ist kein Wunder, dass zwischen Wissenschaftlern und Akademikern keine Kommunikation zustande kommt. Der Akademiker erwartet Protzvokabeln, Souveränitätsgesten, Selbstinszenierungen, strategische Züge, mit denen man die Mitgliedschaft in einer akademischen Seilschaft, einem Netzwerk oder Kungelclub signalisiert – mit anderen Worten: Er erwartet den Einsatz von akademischem Kapital und reagiert verstört, wenn sein Gegenüber ihm das Trockenfutter von Sachargumenten serviert. Ratiophobie, die panische Angst vor der Vernunft, ist die Berufskrankheit der Akademiker. Dutzende von ihnen – und die Dunkelziffer dürfte beträchtlich sein – sind schon bei einer unvermittelten Begegnung mit der Wissenschaft in Tobsucht verfallen und mussten zu ihrem eigenen Besten jahrelang eingesperrt werden (an den Universitäten hat man sie für die Zwischenzeit durch Wachsfiguren ersetzt, was zum Glück bis jetzt noch niemandem aufgefallen ist).
Daher rühren auch die ausgeprägte Neigung der akademischen Welt, sich strikt gegen die vernunftverseuchte Außenwelt abzugrenzen, und ihre Aversion gegen jede Form verständlicher Sprache, mit der sie sich zwangsläufig bis auf die Knochen blamieren würde. Wir kommen damit noch einmal zu P.s Wortfolge, nämlich zu der Differenzierung des lesenden Publikums in zwei Gruppen: Neben den Akademikern gibt es da die „an Kellers Leben und Werk interessierten Laien“, offenbar sehr schlichte Gemüter, die mit „philologischen, theoretischen, sozialgeschichtlichen Aspekten“ nicht behelligt werden sollten und allenfalls eine „stärker narrative Biografie“ verkraften können – man erzähle ihnen also am besten in einfachen Worten, was der Autor so alles erlebt hat. Die Frage, wo dabei dessen „Werk“ bleibt, wollen wir an dieser Stelle lieber unterdrücken, und es wird auch hoffentlich niemand zu wissen verlangen, warum P. eine solche Lebensgeschichte für „souveräner“ hält (was immer das heißen mag). Allerdings kenne ich unter den Lesern meiner Bücher einige „Laien“, die dem armen Mann für diesen Quark ganz schön die Ohren langziehen würden. Das eigentlich Selbstverständliche sei daher noch einmal festgehalten: Auf dem Gebiet der geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung gibt es keine Unterscheidung zwischen „populär-“ und „fachwissenschaftlichen“ Darstellungen, denn es gibt hier kein einziges Thema, das einen halbwegs intelligenten Menschen nicht interessieren könnte, und ein Wissenschaftler, der einen Gedanken nicht so zu formulieren vermag, dass ihn ein solcher Leser versteht, hat diesen Gedanken eben selbst noch nicht klar genug erfasst und hält tunlichst so lange die Klappe, bis ihm das irgendwann einmal gelungen ist. Gerade mit dem dämlichen Versuch, die Wissenschaft zum Distinktionsinstrument einer eitlen Möchtegern-Elite zu machen, haben sich die akademischen ‚Geisteswissenschaften‘ schon seit Jahrzehnten in die gesellschaftliche Belanglosigkeit katapultiert, wo sie heute noch sitzen und weinen. Das wäre nun nicht weiter schlimm, wenn die negativen Vorur-teile nicht unweigerlich auf die ernstzunehmende wissenschaftliche Forschung, die es auf diesen Gebieten zum Glück ja auch noch gibt, abfärben würden.
Die Ratlosigkeit, die P.s Wortfolge charakterisiert, gibt nun keine Rätsel mehr auf: Ihr Verursacher hat versucht, aus akademischer Perspektive einen wissenschaftlichen Text zu lesen. Davon ist entschieden abzuraten, denn hier prallen zwei Welten aufeinander, die ganz unterschiedlichen Gesetzen gehorchen. Der gedankliche Gehalt des Keller-Buches ist, da ohne ein-schlägigen Kapitalwert, aus akademischer Sicht nicht von Belang. Akademisches Kapital aber setzt das Buch nicht ein, und es bietet auch keine Gelegenheit, welches zu erwerben. Statt dessen richtet es sich an Leser, die an Kellers Werken interessiert sind und aus wissenschaftlicher Perspektive etwas darüber erfahren möchten. Deshalb muss es ganz anderen Anforderungen genügen als eine akademische Wortfolge. Wenn ein Akademiker Stuss labert, fällt das nicht weiter auf – ich kann es mir nicht leisten. Anders als der akademische Sound muss die Sprache der Wissenschaft klar und präzise sein (in P.s Diktion: „(zu) eingängig“). Theoretische Begriffe, methodische Verfahren und Analysekategorien werden nicht nach ihrem akademischen Protzwert, sondern nach ihrer Tauglichkeit und ihrer aufschließenden Kraft taxiert. Sie werden deshalb natürlich auch keineswegs „unproblematisiert“ verwendet, wie P. sich einbildet, sondern müssen sich am Material als produktiv und ergiebig bewähren, weil mir der kritische Leser sonst im Handumdrehen aufs Dach steigt.
Obendrein müssen sie im vorliegenden Fall imstande sein, eine Darstellung von monographischem Format zu tragen, die Kellers Werk einerseits umfassend, andererseits in allen seinen Facetten hinreichend differenziert erfasst. Sie müssen im Kontext klar bestimmt sein und ihren Zweck als wissenschaftliche Instrumente erfüllen. Was zum Beispiel unter dem „psychischen Habitus“ zu verstehen ist, wird im Buch deutlich genug erläutert und dürfte aufgeweckten Lesern keine Probleme bereiten. Sie müssen dafür auch gar nicht wissen, dass der Begriff aus der Zivilisationstheorie von Norbert Elias stammt, weshalb sich entsprechende Exkurse, die den Nutzwert dieser Kategorie nicht erhöhen würden, erübrigen. Ein Akademiker freilich, der weder Elias kennt noch darin geübt ist, auf Sinnzusammenhänge und Erläuterungen in einem Text zu achten, assoziiert den Habitus-Begriff eben gewohnheitsmäßig mit Bourdieu (weshalb er ihn auch für „nicht ganz so alt“ hält …) und kann dann nur verblüfft und vorwurfsvoll feststellen, dass es sich in diesem Fall ja „gar nicht um das Bourdieu’sche Habituskonzept“ handelt.
Was Keller im Horizont seiner Zeit unter „Bürgerlichkeit“ verstand, wird im Buch Schritt für Schritt eingehend rekonstruiert – nur sollte man das Werk, wenn man seinen Gegenstand erfassen will, vielleicht doch lieber nicht ganz so „zügig“ lesen. Und wer schließlich in jüngerer Zeit etwas zu Keller publiziert hat und sich hier zu seiner Enttäuschung nicht zitiert und gewürdigt findet, möge künftig bessere Beiträge vorlegen, dann wird sich das im Handumdrehen ändern. Auch für die Auswahl von Sekundärliteratur ist in wissenschaftlichen Arbeiten die Qualität und nicht das Erscheinungsdatum ausschlaggebend.
Doch es schlägt soeben ein Uhr; die Geisterstunde ist vorüber, und ich muss schließen. Hier waren, wie gesagt, nur ein paar universitätsethnologische Präliminarien möglich. Aber es ist hoffentlich gelungen, einen Eindruck von dem zu geben, was diese Wissenschaft zu leisten vermag: Eine scheinbar völlig inhaltslose Wortfolge hat uns, universitätsethnologisch seziert, mitten ins Zentrum der akademischen Welt geführt und schauderhafte Schlaglichter auf ihre tiefsten Geheimnisse geworfen. Sicherlich geschah das am Willen und am Bewusstsein ihres Verursachers vorbei. Aber die Universitätsethnologie untersucht keine Bewusstseinsinhalte, sondern die Mechanismen des akademischen Betriebs und damit gleichsam das institutionelle Unbewusste der Universität, das deren Insassen lenkt und leitet wie Marionetten. Und sie zeigt so in erschreckender, aber vielleicht auch heilsamer Weise, was aus Menschen alles werden kann, wenn man nicht höllisch auf sie aufpasst …

Ulrich Kittstein

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Götz R. Winkler schrieb uns am 26.03.2019
Thema: Christophe Fricker: Angstfrei philosophieren
Martha Nussbaum legt Amerika auf die Couch und macht Therapievorschläge

Guten Tag,

Ihren Kommentar zu M. Nussbaum, die ich sehr schätze, möchte ich wie folgt ergänzen:

1) Beim Positivismus unterscheidet man 2 Typen: P1 wähnt sich im Besitz der absoluten Wahrheit, hält Kritik für dumm, weil sie seinen formal-logischen Ansätzen nicht, folgt. P1 missioniert und tötet notfalls (physisch oder gesellschaftlich)  P2 hält es mit der Offenheit: jede "Wahrheit" ist vorläufig. P2 will nicht missionieren, sondern sich im Gespräch austauschen, lernen. (Nebenbei ein Grundprinzip auch der Wissenschaft, in deren Namen P1 häufig spricht) Eigenschaften von P2: Vertrauen, Toleranz, Mut.  M. Nussbaum zählt zweifellos zum Typ P2. Aber sie scheint, wenn ich
Ihre Analyse lese, P1 auszublenden

2) Es gibt in der Philosophie einen zunehmend fruchtlosen Zweig: die Analytische Philosophie. Sie analysiert das Problem solange, bis sie nach den Gesetzen der formalen Logik eine eindeutige Lösung gefunden hat. Eine Sackgasse zum Beispiel in der Analytischen Sprachphilosophie: "Ulysses" von James Joyce, von vielen als der Jahrhundertroman bezeichnet, hätte nach den Gesetzen der Analytische Philosophie nie geschrieben werden dürfen

3) Camouflage: P1 versteckt seine Absichten in bewussten Sinnverdrehungen, rühmt Offenheit, Entwicklung. P1 füllt das Gefäß eines Begriffes wie "Freiheit" oder "Gespräch" mit einem neuen, mit seinem autoritären Inhalt.
Das, in der Tat, ist gefährlich, wenn der P1 auch noch ein sympathisches Charisma vor sich herträgt. Darauf muss P2 aufgrund seiner Offenheit zunächst hereinfallen

MfG  Winkler

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Luise F. Pusch schrieb uns am 22.02.2019
Thema: Willi Huntemann: Von Gender-Stars und -Sternchen
Anne Wizorek und Hannah Lühmann debattieren über Gleichberechtigung in der Sprache

Eine Anmerkung zum "Dammbruch-Argument": Sie schreiben "Was ist, wenn noch andere Sprachbenutzer ihre (Nicht-Gender)-Identitäten in der Sprache symbolisch sichtbar gemacht sehen wollen? Wo liegt die Grenze, was kann man der Sprache noch zumuten?" Sie sprechen in dem Zusammenhang auch von der „Euphemismus-Tretmühle“ (Steven Pinker).
Das Entscheidende Wort ist hier Nicht-Gender. Diese Probleme sind Wortschatzprobleme und liegen außerhalb der feminist. Sprachkritik oder interessieren uns nur am Rande. Insofern trifft der Vorwurf der Euphemismus-Tretmühle daneben. Die Unterordnung der Frau findet zwar auch im Wortschatz statt, und nicht zu knapp, viel gravierender ist aber deren Verankerung in der Grammatik: dass nämlich die
Bezeichnungen für Frauen aus den Bezeichnungen für Männer abgeleitet werden und eine weibliche Gruppe zu einer männlichen wird, sowie ein Mann hinzukommt (sog. generisches bzw. geschlechtsneutrales Maskulinum).
Nur diejenigen Sprachprobleme, die mit dem Geschlecht zu tun haben, liegen im Kernbereich der fem. Sprachkritik. Also auch die Probleme der Intergeschlechtlichen und der Transgender Community. Da kann die fem. Sprachkritik mithelfen und Vorschläge machen, aber letztlich müssen die Betroffenen eine eigene Lösung finden. Soweit ich weiß, sind die Betroffenen viel weniger an Sprachproblemen interessiert als ihre Lobbygruppen uns weismachen wollen. Sie wollen vor allem, dass die "korrigierenden" Geschlechtsoperationen an Neugeborenen aufhören.

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Claudia Heinemann schrieb uns am 12.02.2019
Thema: Anne Amend-Söchting: Candide in Berlin 1942
Takis Würger erzählt in „Stella“, wie Naivität und Schuld aufeinanderprallen

Ich möchte für die differenzierte Rezension danken - tatsächlich fühlte auch ich mich von all den massiv negativen Kritiken zu "Stella" niedergebügelt. Die genau durchdachte Rezension von Frau Amend-Söchting hat geholfen, mir eine eigene Meinung zum Buch zu bilden.
Mit freundlichen Grüßen!

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Christian Milz schrieb uns am 08.02.2019
Thema: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Ich habe da so meine Zweifel, ob die vermeintlich "gute Nachricht" einer literaturkritischen Unisono-Reaktion unserer sogenannten Qualitätsmedien nicht mehr als einen eingefleischten  Reflex (dessen Analyse ich mir erspare) und eine etwas naive Selbstbeweihräucherung der Zunft darstellt. Schon dieses merkwürdige Bedürfnis, ein übereinstimmendes Ergebnis zu feiern und einer selbstständigen ästhetisch-kritischen Kalkulation zuzuschreiben, wirkt vor dem Hintergrund medialer Marktmacht und magersüchtiger Schreibstuben eher wie das Pfeifen im Walde. Weil die Ergebnisse übereinstimmen (tun sie das in der Presse nicht andauernd?) auf die richtige Mathematik zu schließen, ist doch wohl kaum mehr als Werbung in eigener Sache, im Hinblick auf argumentative Logik und intellektuelle Redlichkeit freilich eine arge Zumutung.

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Frieder Sommer schrieb uns am 05.02.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Hallo Herr Süselbeck,
herzlichen Dank für Ihre Antwort, die ich in dieser Ausführlichkeit nicht erwartet habe.
Daß ich den Roman von Arno Geiger aus einem etwas anderen Blickwinkel lese,hat zwei Gründe: Zum einen bin ich „Otto Normalleser“ und zum anderen ist es möglicherweise schlicht ein biographischer Grund. Ich habe das Kriegsende als 6-Jähriger sehr bewußt erlebt. Der leider oft zu Recht erhobene Vorwurf mit den Familiengeschichten von „Omi und Opi“ betrifft mich nicht, er trifft eher Ihre Generation, die meine war bekanntlich auf der penetranten Suche nach der Schuld von „Vati und Mutti“. Aber auch für Arno Geigers Roman will ich diesen „Omi und Opi“-Vorbehalt nicht gelten
lassen.
Die beiden Erzählstränge, Veits Geschichte und die Geschichte der Familie Meyer(übrigens hat der Würzburger Zentralratsvorsitzende den „sprechenden  Namen“ Schuster, das nur nebenbei) habe ich als voneinander getrennte Geschichten gelesen, so wie sie sich ja auch ereignet haben.
In einer für mich wichtigen Hinsicht möchte ich die Familiengeschichte Oskar Meyers allerdings „engführen“, mit etwas außerhalb des Romans, nennen wir es meine Betroffenheit als Lesender, als eine Art unmittelbarer Identifikation mit der Romanfigur.
Oskar Meyer war sicher so jüdisch wie ich evangelisch bin. Er war ein Deutscher, ein Nachbar wie viele andere auch. Kurz, ein Mensch „wie Du und ich“.
Und das ist für mich das schiere Gegenteil einer „Viktimisierung“, es ist die Möglichkeit eines Verstehens des eigentlich Unvorstellbaren. Mit Oskar Meyer als "Opfer" hat das nichts, aber auch garnichts zu tun. Lassen Sie es mich an einem bekannten „Witz“ erläutern: Auf die Aussage „Die Juden sind an allem schuld!“ folgt die Antwort „Jajaa, die Juden und die Radfahrer!“
Um noch einmal zu verdeutlichen, was ich meine: Auf Seite 116 des Romans lese ich: „Gestern wurde ich auf der Straße angespuckt. Ich erschrak so, daß ich stehenblieb...da spuckte er mich ein zweites Mal an. Das zweite Mal war viel ärger.“ Und als Leser erschrecke ich, Frieder Sommer, mit Oskar Meyer, der eben nicht Jakob Cohen heißt.
Allein für Sätze wie diese, in der Wortwahl, in der sprachlichen Gestaltung, in ihrer erschreckenden Nüchternheit und gleichzeitigen unausweichlichen Deutlichkeit, bin ich Arno Geiger dankbar. Hier hat Literatur eine „Funktion“ - ein scheußliches Wort in diesem Zusammenhang -, nennen wir es „Wirkung“, „Sinn“, oder was auch immer.
Ich grüße Sie ganz herzlich
Frieder Sommer
Emy-Roeder-Str. 12
97074 Würzburg

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Jan Süselbeck schrieb uns am 04.02.2019 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Sehr geehrter Herr Sommer,

vielen Dank für Ihren Leserbrief. Meine Nebenbemerkung zu Arno Geigers Roman "Unter der Drachenwand" beruht auf einer genauen und kritischen Lektüre im letzten Herbst.

Die Geschichte der jüdischen Familie mit dem sprechenden Namen Meyer wirkt bei Arno Geiger im Zusammenhang mit der des Wehrmachtssoldaten Veit weitgehend unmotiviert. Mehr noch: Die sporadisch weitererzählten und gegenüber der Leidensgeschichte von Veit seltsam im Hintergrund bleibenden Fluchterfahrungen Oskar Meyers drohen sogar zu einem Spiegelbild deutscher Dilemmata zu werden – frei nach dem Motto, jeder habe damals sein Päckchen zu tragen gehabt.

Um diesen unguten Eindruck kurz zu erläutern: Meyer
hat das kurzzeitige Angebot, nach Westafrika auszuwandern. Er entscheidet sich bloß deshalb dagegen, weil er hört, dass dort durchgehend tropische Temperaturen vorherrschen. Er wirkt mithin wie ein jüdischer Zauderer, der die besten Rettungsmöglichkeiten aus bloßer Bequemlichkeit ausschlägt und damit bis zu einem bestimmten Grade selbst mit Schuld am furchtbaren Schicksal seiner Familie trägt.

Veit hat dagegen überhaupt keine Wahl. Er ist schwer verwundet und weiß die ganze Zeit, dass er einer erneuten Einberufung an die Ostfront bei seiner Genesung kaum wird entgehen können. Gerade weil Veit als reuiges Mitglied eines Täterkollektivs dargestellt wird, das an einer posttraumatischen Belastungsstörung laboriert, wirkt seine erzwungene Kollaboration tragisch.

Im Grunde kann man Geigers Roman nur auf zweifache Weise lesen. Erstens: Das Leid deutscher und österreichischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg und jüdischer Verfolgter während des Holocausts sind nicht zu vergleichen, weswegen die unvermittelt auftauchende, parallele Erzählebene zur Familie Meyer im Text seltsam isoliert bleibt und keinerlei Sinn ergibt. Oder zweitens: Wir sollen Veits Geschichte sogar mit der Oskar Meyers vergleichen, was aber eine ganze Reihe weiterer Unstimmigkeiten und ethischer Fragen aufwirft.

Sollte diese Gegenüberstellung etwa heißen, dass es für deutsche Wehrmachtssoldaten kein Entrinnen gab, während jüdische Familien of viel zu lange brauchten, um zu erkennen, in welcher gefährlichen Lage sie sich befanden? Selbst, wenn man Meyers Geschichte nicht so lesen möchte: Was sollen wir als LeserInnen aus dieser Gegenüberstellung in diesem Roman, dessen Schwerpunkt ganz klar auf der Beschreibung des deutsch-österreichischen Kriegsalltags in der nationalsozialistischen Alpen-Provinz liegt, denn dann genau lernen?

Die sympathietragenden Figuren am Mondsee (Veit, seine 'reichsdeutsche' Geliebte, der 'Brasilianer') sind in diesem Plot in wachsendem Maße gegen das Regime und wirken aus kritischer Sicht eher wie Wiedergänger aus fabrizierten deutsch-österreichischen Familiengeschichten, in denen Omi und Opi den Zwangsarbeitern stets heimlich geholfen und ein Butterbrötchen auf die Fensterbank gelegt haben wollen, obwohl ihr Leben im Krieg gewiss auch nicht einfach gewesen sei.

Kurz: Diese literarischen Figuren sind bei Geiger selbst (potenzielle) Verfolgte im "Dritten Reich". Es ist also nicht zu übersehen, dass auch dieser Roman nicht ganz von den Viktimisierungstendenzen der NS-Erinnerung in den deutschsprachigen Medien frei ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Jan Süselbeck

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Frieder Sommer schrieb uns am 03.02.2019
Thema: Jan Süselbeck: Am Rand des Abgrunds
Eine gute und eine schlechte Nachricht zur „Debatte“ um Takis Würgers Schundroman „Stella“

Lieber Jan Süselbeck, danke für die Zusammenfassung der Kritik an Würger.
Warum Sie allerdings Geigers Roman "Unter der Drachenwand" einem "Viktimisierungstrend" zuordnen, erschließt sich mir nicht.
Wenn man diesen Roman im Zusammenhang mit Würgers "Stella" nennen wollte, dann doch eher als eine Empfehlung an Würger, z.B. das Kapitel "Wie's mir geht?" aufmerksam zu lesen, in dem Oskar "Israel" Meyer die ausweglose Situation seiner Familie so entsetzlich eindringlich schildert. Vielleicht bekäme dieser erschreckend naive Mensch und Autor Würger dann eine winzigkleine Ahnung davon, welchem existenziellen Druck Juden in dieser Zeit ausgesetzt waren. Arno Geiger ist es meisterhaft gelungen,
das "Unerzählbare" zu erzählen. Aufschlußreich finde ich, daß die Liebesbeziehung zwischen "Stella" und Friedrich auf eine seltsame Art "platonisch" bleibt. Hatte der Autor Würger hier einen Schutzengel an seiner Seite, der ihn davor bewahrt hat, eine rote Linie zu überschreiten?
Die rote Linie, die der Autor Peter Roos in seinem Roman "Die Gestapoakte und Ich" auf schamlose Weise überschritten hat. Herzlich Frieder Sommer

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Mirjam Schubert schrieb uns am 22.01.2019
Thema: Stefan Höppner: Gegen die Elemente
Mit „Der Mann, der Inseln liebte“ wurde eine der schönsten Erzählungen von D.H. Lawrence neu übersetzt

Zu Stefan Höppners biographischer Einordnung von Lawrence' "Der Mann, der die Inseln liebte" sei Dieter Mehls Aufsatz "Kommentar und Autobiographie bei der Edition von D. H. Lawrence" in: Gunter Martens (Hg.): Kommentierungsverfahren und Kommentarformen. Tübingen 1993, S. 162-168 empfohlen. Mehl zeigt hier, dass Lawrence sich in seiner Erzählung eher weniger auf seine eigenen Erfahrungen bezieht, sondern vielmehr auf einen realen Mann, der auf Inseln lebte - und der sich gegen die Veröffentlichung der Erzählung sperrte.

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