Selbstheilung im Kugelhagel

Hendrik Otrembas Debütroman ist wie ein Actionfilm – nur mit Tiefgang

Von Luisa AngonaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Luisa Angona und Julian KlimmaschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julian Klimmasch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Luisa Angona, Julian Klimmasch und Sascha Mangliers

„Die Scheibe gegenüber zerspringt in tausend Stücke. Irgendetwas fliegt durch die Luft hinter einem Wasserfall herabregnender Glassplitter, etwas, das nach Haut aussieht, mit Haaren dran. Es ist die Schädeldecke der Schabe, der Mann kippt zur Seite.“

Solche schonungslos dargestellten Gewaltszenen passen nicht nur perfekt zum Zeitpunkt und zum Ort der Handlung, sondern auch zu ihrem Protagonisten: Joseph Weynberg, Detektiv in seinen Dreißigern, ausgebrannt, Junkie. Als der stadtbekannte Mafioso Gustav Lang ihm den Auftrag gibt, seine Verflossene zu finden, traut Weynberg seinen Augen nicht: Die Frau auf dem Foto, Maude Anandin, ist das Ebenbild seiner verstorbenen Liebe Hedy. Deswegen weiß er, dass er sie niemals Lang ausliefern könnte. Nein, er müsste sie retten, selbst wenn es ihn selbst das Leben kostete. Nachdem er sich den Weg zu Maude förmlich freigeschossen hat, beginnt eine spektakuläre Flucht, auf der die beiden nicht bloß von ihren Widersachern, sondern auch von den quälenden Gedanken an die Vergangenheit verfolgt werden.

Über uns der Schaum ist der Erstlingsroman Hendrik Obrembas und 2017 im Verbrecher-Verlag erschienen. Bekannt als Sänger der Band Messer und bildender Künstler, macht Otremba also nun auch als Schriftsteller von sich reden. Besonders das Personengefüge im Roman birgt reichlich Spannung in sich: Der unerschrockene Held trotzt jeder Gefahr, rettet eine wunderschöne Frau und bricht reflexartig seine Zelte ab, um mit ihr in eine bessere Welt zu fliehen. Das klingt nach Selbstlosigkeit und tiefempfundener Zuneigung. Doch diese Interpretation scheitert an der Figur Joseph Weynberg. Ja, Weynberg liebt. Er liebt Hedy. Und alles, was er für ihr optisches Ebenbild Maude tut, für sie opfert und riskiert, geschieht aus Liebe zu Hedy. Maude ist eine nur allzu willkommene, wenngleich nicht ungefährliche Projektion Hedys: „Wenn es doch nur Hedy wäre, die da vor mir liegt, dann würde ich jetzt aufstehen, einen Kaffee machen und mich gleich wieder unter die warme Decke legen.[…] Da bin ich wieder. Ich küsse Hedy, aber es ist Maude, und etwas Vertrautes trifft auf etwas Wahnsinniges, es ist ganz merkwürdig und mit nichts zu vergleichen, was ich bisher erlebt habe.“

Doch sollte hier ein feministische Einwand mahnend zur Geltung gebracht werden, sei eines gesagt: Dies ist genau die Art von Beziehungskonzeption, die diesen Roman bis zur letzten Seite scheinbar mühelos trägt, denn auch die Figur Maude widersetzt sich sämtlichen Klischees. Sie ist nicht die stereotyp hilflose Frau, die vom Helden dominiert wird, sondern eine Femme Fatale und eine Edelprostituierte, deren Freiheitstrieb sich in einem riskant-sinnlichen Lebensstil äußert. Zwar lässt sie sich zunächst von Weynberg retten, erweist sich im Verlauf ihrer Flucht jedoch als nicht minder fähig. Sie bringt dort noch Kraft auf, wo Weynbergs Reserven aufgebraucht zu sein scheinen, er die reale Welt verlässt und im Drogenrausch schrecklichen Alpträumen verfällt.

Auch in Bezug auf den Handlungsort hält sich Otremba nicht mit überflüssigen Erklärungen auf: Er versetzt seine LeserInnen ohne Umschweife und Erklärungen in medias res in eine eigenartige Gegend, die auch zeitlich schwer einzuordnen ist. Es scheint sich um ein zukünftiges, dystopisches Deutschland zu handeln im Zustand nach einer Katastrophe – man spricht vom „Niedergang“. Es gibt sogenannte Pestfelder, wo Aussätzige leben, die Menschen fliehen vor saurem, ätzendem Regen, es ist von Strahlung die Rede. Doch auf ihrer Reise stoßen Maude und Weynberg auch auf tropische Oasen, verlieren ihre Kleidung und erinnern somit an Adam und Eva – die das Paradies jedoch ebenso schnell wieder verlassen. Die Verfolger warten nicht.

Ein bisschen länger als die Figuren verweilt man als Leser gedanklich an den Orten und führt sich die meisterhaften Beschreibungen Otrembas gedanklich mit großer Freude vor Augen: 

Vor uns tat sich ein langes Becken auf […]. In seiner majestätischen Ausbreitung entsprach dieses Bad im Freien dem titanischen Bau der Pyramide – das Plätschern erzeugten unendlich viele Steinköpfe, dämonische Schädel, nicht arm an Zierrat. Die Köpfe spien das Wasser, vom Druck der Quelle getrieben, in weitem Schwall in die drei unterschiedlich tief gelegenen, rechteckigen Becken, die sich in ein langgezogenes, großes und zwei kleinere Bassins aufteilten.

Auch auf der Gattungsebene überrascht Otremba positiv: Mit Über uns der Schaum erschafft er einen literarischen Hybrid. In erster Linie ein Detektivroman, enthält dieses Buch durchaus Elemente eines Actionstreifens à la Hollywood – ohne klischeehafte Lovestory, flankiert von fantastischen Passagen während der Flucht durch mystische Gegenden. Abwechslungsreich, stimmig und äußerst unterhaltsam.

Einer eintönigen Erzählweise beugt Otremba durch einen regelmäßigen Wechsel der Erzählperspektiven geschickt vor. Neben dem auktorialen Erzähler kommen auch Weynberg selbst und – in kurzen Kapiteln pointiert – auch einzelne Nebenfiguren erzählend zu Wort, klären damit so manche Unklarheiten auf und geben aufschlussreiche und lebendige Einblicke in ihre Gedankenwelt: „Ich zünde den Laden an, und wenn ich diesen beschissenen Weynberg wiedersehe, mach ich ihn kalt, mit der Knarre, dieser Idiot, gibt mir eine Knarre, hier, so, hörst du mich Weynberg, die nächste Kugel ist für dich […].“

Es wird geschossen, gefixt und geflucht. Wann immer die Luft für Weynberg dünner wird, hält man als LeserIn den Atem an. Bei jeder Explosion spürt man buchstäblich den Luftzug herumfliegender Splitter an seiner Haut. Aber das ist nicht alles: Dieser Roman begeistert zwar bereits durch seine Action-Sequenzen, aber er brilliert erst durch ihren Kontrast zu den tiefgehenden Beschreibungen der inneren Zerrissenheit Weynbergs. Dieser Kontrast, gepaart mit einem Streifzug durch utopische Gegenden und einem unromantischen Konzept von Zuneigung greifen nahtlos ineinander wie ein Zahnrad in das nächste.

Für all diejenigen LeserInnen, denen es Vergnügen bereitet, eine spannungsgeladene Flucht durch mysteriös-dystopische Welten hautnah an den Figuren mitzuerleben und einmal aus dem strikten Genre-Denken auszubrechen, ist Hendrik Otrembas Roman Über uns der Schaum eine handfeste Empfehlung. 

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Hendrik Otremba: Über uns der Schaum.
Verbrecher Verlag, Berlin 2017.
280 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783957322340

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