Mäandernd zwischen Stimme und Stille
In „Flusslinien“ lässt Katharina Hagena virtuos und feinfühlig Menschen unterschiedlicher Generationen zu Wort kommen
Von Anne Amend-Söchting
Nachdem Katharina Hagena 2008 mit Der Geschmack von Apfelkernen ihr literarisches Debüt feiern konnte, folgten weitere Romane, außerdem ein Buch über ihre Lieblingsinsel Spiekeroog (Mein Spiekeroog, 2020) und eine Darstellung des Singens (Herzkraft, 2022).
Bereits in ihrem Erstling punktet die Autorin mit der perfektionistisch anmutenden Ziselierung kleinster Details, mit einer elaborierten, doch keineswegs hermetischen Schreibweise, die nicht per se fasziniert und mitreißt, sondern deren Schwung, Spontaneität und Leichtigkeit – ein paradoxer Move – es zu erarbeiten gilt.
Wie man es von Hagena aus den Roman-Vorgängern kennt, sind auch in Flusslinien die erzählte Zeit und der Raum überschaubar: Zwölf Tage im Frühsommer an der Elbe, im Römischen Garten „über der Elbe“ und im nicht weit entfernten Senior:innenwohnheim, wo die 102-jährige Margrit, eine der Protagonist:innen, ein kleines Appartement innehat. Zu der betagten Dame gesellen sich ihre Enkelin Luzie, 18, und Arthur, 24, Fahrer der Senior:innen.
Jedem Tag entspricht ein Kapitel, das jeweils eine kurze, vorwiegend deskriptive Passage einleitet. Es folgen Abschnitte in unterschiedlicher Länge, die mit den Namen der Protagonist:innen überschrieben sind. In ihnen dominiert zu Beginn der „style indirect libre“, die erlebte Rede, die Hagena exzellent zu handhaben versteht. Nicht umsonst hat sie über James Joyce und Ulysses promoviert.
Anfänglich sind Margrit, Luzie und Arthur eher solistisch unterwegs, interagieren und konzertieren aber mehr und mehr im Terzett. Aus dem intergenerationalen, integrativen, Nebeneinander – jede Figur ist bei sich – emergiert ein transgenerationales, inklusives, Miteinander, in dem die Dialoge mitunter genauso viel Raum einnehmen wie die erlebte Rede.
Margrit ist am Ende ihres Lebens angelangt. Obwohl ihr Sehvermögen eingeschränkt ist und sie nur noch mit einem Hörgerät, ihren „Schweinchen“, einigermaßen hören kann, partizipiert sie am Geschehen um sich herum.
Sie kommt als Erste zu Wort: Ob ihrer Langsamkeit ist sie über sich selbst erschüttert. Ihr ist bewusst, dass sie sich nicht mehr allein erheben kann, wenn sie stürzt. Arthur fährt sie jeden Tag in den Römischen Garten, ein Ort, an dem ihr viele Erinnerungen durch den Kopf gehen. Seine Begleitung tue ihr gut. Eine Art Sport sei es für sie, „Arthur zum Lachen oder zumindest zum Entrunzeln seiner Stirn zu bringen“.
Im Fluss ihrer Erinnerungen, ihrer Gedankenfetzen und -schleifen, treten einige Details gestochen scharf hervor, andere bleiben opak. Progressive kristallisiert sich ein mosaiksteinartiges Bild aus ihnen heraus.
Ein Satz wie „Lieber blickt sie in sich hinein, in jene dunkle Stille, die sich dort im Laufe der letzten Jahre ausgebreitet hat, und betrachtet die Dinge, die langsam daraus hervortreten“ wirkt wie ein literarisches Programm. Das „langsame Hervortreten“ lässt sich mühsam an, ist sowohl schleppend als auch hüpfend konstruiert, letztendlich jedoch Margrits vielfältigen Erinnerungen adäquat. Progressive lässt sie das Leben mit ihrer Mutter Johanne Revue passieren. Deren große Liebe war die Gärtnerin Else Hoffa.
Da Margrit Stimmbildnerin war, ist sie qua Profession in hohem Maße sensibel für alles, was die menschliche Stimme angeht. An ihr hörte und hört sie jeden Missklang des Daseins. „Wenn etwas nicht stimmt, schwingt die Stimme nicht“.
Als die künstlerisch sehr begabte Luzie im Keller der Senior:innenresidenz ein Pop-up-Tattoo-Studio eröffnet, entscheidet sich Margrit dafür, sich ein großflächiges Tattoo stechen zu lassen – den Römischen Garten, darunter die Elbe, ausgewählte Flora und Fauna drumherum.
Bevor Luzie im Keller wohnen und arbeiten darf, übernachtet sie illegal in einem DLRG-Heim direkt an der Elbe. Immer wieder blickt sie zurück auf das Ende des Schuljahres, das sie bei ihrem Vater und seiner zweiten Familie in Sydney verbracht hat. Nach der Abschlussfeier wurde sie von dem Jungen, mit dem sie die Party besuchte, vergewaltigt. Eine abgeschlossene Traumatherapie verhindert nicht, dass sich Trigger akkumulieren, sie sich dermaßen unverstanden fühlt, dass sie sich von der Schule abmeldet. Dass eine massive verbale Übergriffigkeit eines Lehrers dafür das Zünglein an der Waage war, vertraut sie nur ihrer Oma an.
Arthur ist anders traumatisiert als Luzie. Ihn suchen Schuldgefühle heim. Mit seinem Zwillingsbruder Theo studierte er Hydrologie. Während des Masterstudiums arbeiteten sie in der Schweiz mit am „Hydrologischen Atlas für die Eidgenössische Schweiz“, kurz „Hades“ für alle daran Beteiligten. Tauchen war zunächst das Hobby der beiden, dann nutzten sie es professionell. Beim letzten gemeinsamen Tauchgang kommt Theo ums Leben – ein Suizid ist naheliegend.
In Hamburg wohnt Arthur in einer Art Pfahlbau in Flussnähe. Als Mitglied des Nabu detektiert er mit einer Sonde Altmetall am Elbstrand. „Sondengänger“ sei er – das Wort möge er, weil es wie „eine Kreuzung aus Doppelgänger und Sonderling“ klinge.
Arthurs großes Hobby, das lukrativ sein kann, ist es, Sprachen zu entwickeln. Kunstsprachen sind es, „Conlangs“, ausgearbeitet für Einsätze in Computerspielen oder Filmen.
Arthur und Luzie sind sich zuerst suspekt, laut Luzie hat er eine „Schacke“. Allmählich kommen die zwei sich einander näher. Was daraus wird, bleibt offen.
So unterschiedlich die drei Menschen auch sein mögen, sind sie doch verbunden in ihrer ontologischen Situation. Das fortgeschrittene Alter separiert Margrit nur deshalb von den beiden anderen, weil sich die Erinnerungen vervielfacht haben und immer mit physischer Fragilität zu rechnen ist.
Jeder Figur kommt eine genuine und professionell geprägte Stimme zu, mit der sie aus der Stille heraustritt: die natürliche, menschliche Stimme und die Arbeit daran bei Margrit, die Konstruktion von Sprachen, Stimmen, die fiktionalen Figuren oder spezifischen Gruppen verliehen werden können, bei Arthur, und das Tätowieren als mit Stimme vergleichbarer Ausdrucksform bei Luzie. „Tätowierungen können laut sein“, äußert sie in einer Diskussion mit Margrit, und: „Tattoos und Piercings geben dir die Kraft, einem Blick, der Macht über dich ausüben will, etwas entgegenzusetzen“. Sie seien „wie eine Rüstung“, „wie ein Kinnhaken“ – fügen sich also zu einer gleichermaßen defensiven wie offensiven Stimme.
Seine persönliche, noch unvollendete Sprache, sagt Arthur, sei „Sigé“, benannt nach der Göttin und der Inkarnation des Schweigens. Die Genesis beginne nicht mit Worten, sondern mit Schweigen. Stimmen und ihre Worte heben das Schweigen auf. Sie verhindern, dass Schweigen zur Stille wird. Beides wird oft synonym gebraucht.
In Flusslinien avancieren Stimme einerseits und Schweigen/Stille andererseits zu Romanfiguren. Reflexionen über Stimme und ihre verschiedenen Ausprägungen, ihre Farben, geraten zu Synästhesien. Luzies Stimme sei, denkt Arthur, „nicht wie ein Taschenlampenstrahl, sondern wie die leuchtende Luft über dem Hafen in einer nebligen Nacht“. Auch eine Lichtsprache möchte er einmal konstruieren.
Stimme und Schweigen werden durch den Atem ausbalanciert. Er moduliert die Stimme und fordert Innehalten ein, kurze Schweigemomente als regelmäßige Pausen. In nahezu philosophischen Reflexionen führt Margrit aus, dass der Atem für viele Menschen „etwas Verstecktes, Unzugängliches“ bleibe, dabei sei es „das Innerste und Schönste“, was man habe, nämlich „Geist und Körper in einem“.
Das Resultat des Schweigens ist Stille. In Sigé soll es 143 Wörter für Stille geben. Schweigen und Stille lassen sich bewusst konstruieren und zur Expression nutzen. Sie sind inklusiv, so wie die „Stillen Wasser“, ein „Ensemble“ im Heim, das nur Luftinstrumente spielt und dessen Programm aus Stücken wie „Air“, „Silentium Maximum“ oder „Mutette“ (von „mute“) besteht.
Von den „Stillen Wassern“ zu den titelgebenden „Flusslinien“ ist es nur ein kleiner Schritt. In beiden Begriffen manifestiert sich die Nähe zu Wasser und Luft, in „Flusslinien“ erweitert mit Erde, in die sich die Linien eingraben.
Die kurzen, von nachgerade katachrestischer Bildlichkeit überzogenen Intros verdeutlichen die Wirkung menschlicher Aktivitäten auf die Natur – Schreie der Bussarde „dünn und scharf wie die Reue“, „Wellen, scharf und schnell wie die Rückenflossen grüner Haie“, „Regen ritzt, brennt, schießt, sticht, beißt“, die Wurzeln der Buchen liegen frei „wie alte Zahnhälse“, „Regenbogenschlieren des Benzins […] breiten sich nach außen hin aus wie Blüten, die sich öffnen“. Diese Texte nähern sich Prosagedichten an, in ihnen vereinen sich Natur und Kultur in genauso apokalyptischen wie faszinierenden Szenarien. An Tag 4 schleicht sich ein lyrisches Ich in sie hinein, das sich später als Brisko, Luzies Mutter, entpuppt. Sie sei auf der Suche nach sich selbst, befindet Margrit zu ihr. Luzie hingegen stuft sie als „exzentrisch“ ein. „Nüchtern betrachtet“ sei sie sogar „ein gesellschaftliches Risiko“. Ihre Mutter könne schon einmal älter als Margrit aussehen, insbesondere dann, wenn „der graue Haaransatz mit dem weißen Scheitel darin“ dem „Drohnenfoto eines überfrorenen Flusses inmitten einer kargen Landschaft“ ähnele. Brisko, der weisen Frau mit rotgefärbten, wallenden Haaren, sind die „drei Parzen“, drei „gebräunte Damen“ aus dem Heim, zur Seite zu stellen. Immer sitzen sie auf dem Vorplatz und – so müsste man ergänzen – weben am Schicksal der Menschen. Sie bestimmen über Leben und Tod.
Das omnipräsente Symbol des Flusses in seinem Facettenreichtum – Fluss der Erinnerungen, Fluss des Atems und der Stimme, Fluss des Lebens und ganz konkret das Fließen der Elbe – vertieft sich im Text mit mannigfachen Begriffen aus der griechischen und römischen Mythologie. Das Flussufer erinnert Luzie an eine Karte vom Tartarus, die sie aus dem Lateinunterricht kennt. Sie meint, dass die „Schattenwelt“ mit dem Fluss Lethe, dem Fluss des Vergessens, neben der Senior:innenresidenz beginne. Auf ihre linke Hüfte und ihren Bauch hat sich Luzie selbst eine Karte der Unterwelt tätowiert.
In einem Video-Kommentar zu ihrem Roman sagt Katharina Hagena, dass Arthur vergleichbar mit Charon sei, weil er die Senior:innen zum Beispiel zur Dialyse fahre. Mag sein, vor allem jedoch ist Arthur insofern mit Charon vergleichbar, als er, zudem noch bei „Hades“ arbeitend, eine Sprache namens Styx konstruiert hat, die in Belarus für faschistische Zwecke missbraucht wurde. Er, als Konstrukteur dieses Idioms, fühlte sich verantwortlich für den Weg der Conlang von Diversität und Lebendigkeit zu Gleichförmigkeit, Macht und Tod.
Neben der Sprache des Schweigens und der Lichtsprache schwebt Arthur eine Flusssprache vor. An der Elbe möchte er diese „Wasserzeichensprache“ erfinden. Nur „Elbisch“ dürfe sie wegen Tolkiens Herr der Ringe nicht heißen.
All diese Referenzen, all die Ideen, die Hagena ihren Protagonist:innen mit auf den Weg gibt, addieren sich zu einer attraktiven Gemengelage von Deutungsangeboten, lassen den Text aber ab und an überfrachtet erscheinen, als nach exaktem Plan konstruiert und durchdekliniert. Gleichwohl hätte man sich mehr Intensität (mit evtl. weniger Namen) in puncto Mythologie wünschen dürfen. Ausschließlich gewinnbringende Einsichten hält der Roman bei allem, was Hagena zu Stimme, Singen, Schweigen und Stille eingeflochten hat, parat. Das könnte zwar ein bisschen Selbstplagiat sein, sei’s drum – es macht Lust darauf, Herzkraft zu lesen.
Ein guter narrativer Flow ergibt sich in den kleinen Geschichten mittendrin, z. B. wenn von Margrits erster Begegnung mit Cornelius Fischer oder von Margrits Mitbewohner Gregor und seinen vergeblichen Kampf gegen die Maulwurfshügel in seinem Garten erzählt wird. Eigenwertige Reminiszenzen, denen Margrit immer wieder nachgeht, bilden die Ereignisse um ihre Mutter Johanne und Else Hoffa, Schöpferin des Römischen Gartens und des dortigen „Naturtheaters“. Else Hoffa, so Hagena im Nachwort, sei die einzige nicht erfundene Figur. Weil sie Nachforschungen zu ihr angestellt habe, verlaufe die Grenze zwischen Fakt und Fiktion „dicht an ihrer Person entlang“. Wollte Katharina Hagena möglicherweise einmal zu Hoffa einen Roman schreiben? Könnte ihr Marion Lagoda mit Ein Garten über der Elbe (2022) zuvorgekommen sein?
„Jedenfalls riecht die Elbe anders als das Meer und auch anders als ein Baggersee. Es hat vielleicht irgendwas mit der Tide zu tun und mit dem Wasser selbst: Täglich ändert es seine komplette Zusammensetzung.“ So beobachtet Arthur, so konstatierte Heraklit: „Man steigt niemals in denselben Fluss, denn andere Wasser strömen nach“. Flusslinien ist ein stilles Wasser, das sich zwischen Stimme und Schweigen hindurchschlängelt, in dem existenziell schwierige und schwere Themen verhandelt werden, ohne sie nachhaltig belastend wirken zu lassen. Etwas mehr Flut hätte man sich wünschen dürfen, allerdings: auch im tendenziell Gemächlichen und Besonnenen strömen neue Wasser nach, die bei weiteren Lektüren neue Einsichten bescheren.
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