Die selbsternannten Literaturermöglicher

Eine Studie des US-Buchhistorikers und Ideengeschichtlers Robert Darnton stellt gängige Vorurteile über die Zensur infrage

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sind Zensoren von Natur aus dumm? Und unfähig, zwischen den Zeilen zu lesen, wie einst Leo Strauss, der große politische Philosoph, behauptete? Ganz und gar nicht. Drei Zensurapparate aus unterschiedlichen autoritären Gesellschaftssystemen hat Robert Darnton für sein neues Buch Die Zensoren – Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat untersucht und er hat sogar mit leibhaftigen Zensoren über ihre Arbeit gesprochen. Gefunden hat er dabei stets literarisch versierte Literaturkontrolleure: Im absolutistischen Frankreich etwa wurden die Gutachten für den königlichen Approbationsprozess ehrenamtlich von Gelehrten erstellt, darunter Philosophen, die der Aufklärung nahestanden und die mal wie Lektoren an Stil und Sprache der zu zensierenden Manuskripte feilten, mal wie Kritiker für Buchumschläge Testimonials lieferten.

Auch im „Leseland“ DDR waren am „Druckgenehmigungsverfahren“, sieht man einmal vom Oberzensor Honecker und seinen Politbürogenossen ab, durch die Bank weg ausgewiesene Literaturwissenschaftler und -kritiker beteiligt. Und in Britisch-Indien vermochten die gebildeten Behördenvertreter des Indian Civil Service (ICS) einen Gerichtssaal im Handumdrehen in ein Seminar über bengalische Lyrik zu verwandeln, in dem Fragen nach Rezeptionsmechanismen oder semantischen Feldern verhandelt wurden.

Robert Darntons provokant-erhellende Studie stellt auf der Grundlage intensiver Archivarbeiten viele gängige Vorurteile in Frage, etwa das vom notorisch linien- und systemtreuen Bürokraten: Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (1721 – 1794) zum Beispiel, als Leiter der „Direction de la librairie“ oberster Zensor des Ancien Régime, ließ zwar 1759, nachdem die Encyclopédie bei Königlichem Rat und Parlament in Ungnade gefallen war, Denis Diderots Hauptquartier durchsuchen. Vorher aber warnte er den Philosophen vor der Razzia und half sogar eigenhändig, Diderots Papiere rechtzeitig zu verstecken.

Zensur gibt es für den renommierten US-Buchhistoriker und Ideengeschichtler Darnton nur in konkreten historisch-sozialen Situationen mit je eigenen Ausprägungen, ist also kein zu allen Zeiten mehr oder weniger gleicher Kontrollmechanismus. So sei es in Britisch-Indien zunächst vor allem ethnografische Neugier gewesen, die die Beamten des ICS die bengalische Literatur möglichst vollständig katalogisieren und begutachten ließ. Zum Instrument der Unterdrückung sei dieser „fortlaufende Kommentar“ erst geworden, als sich nach den Indigo-Unruhen 1859/60 die politische Großwetterlage änderte.

In Sachen Begriffsbestimmung beharrt Darnton darauf, dass Zensur stets vom „Machtmonopol eines Staates“ ausgehe. Sie sei demnach kein ubiquitäres Phänomen der Meinungskontrolle, das ebenso in vermeintlich „freien“, westlich-kapitalistischen Gesellschaften existiere. Letzteres behaupten nicht nur Verfechter des Poststrukturalismus, sondern wurde ironischerweise auch von DDR-Autoren vertreten, die selbst von der Zensur betroffen waren. Christa Wolf etwa bekannte 1984: „Ich kenne kein Land auf der Welt, in dem es nicht die ideologische Zensur oder die Zensur des Marktes gibt.“ Doch sei es eben etwas anderes, so Darnton, ob einem Autor Gefängnishaft droht oder nur eine weitere Verlagsabsage.

Das ist fraglos richtig, aber im NSA-Zeitalter doch ergänzungsbedürftig: Erst jüngst kam die amerikanische Kommunikationsforscherin Elizabeth Stoycheff in einer Studie zu dem Schluss, dass allein das Wissen um die staatliche Internet-Überwachung selbst bei Befürwortern derselben dazu führt, abweichende Äußerungen zu unterdrücken. Eine Form der Selbstzensur also, wie sie nach Darnton in der DDR sogar für den Großteil der Literaturkontrolle zuständig war: So waren die bei der „Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel“ (HV) in Ost-Berlin zur Druckgenehmigung eingereichten Titel in der Regel längst während der Manuskriptentstehung von allen „politisch-ideologisch“ heiklen Stellen bereinigt worden, zuerst während des Schreibens, als „jenes kleine grüne Männchen im Ohr“ (Erich Loest) den Schriftsteller zum unfreiwilligen Komplizen der Zensur machte. Und dann in der Zusammenarbeit von Autor, Lektor und Gutachter, die einen „Eiertanz“ des „Gebens und Nehmens, der Forderungen und Zugeständnisse“ aufführten, so der Harvardprofessor.

Wie erbarmungslos die Zensur dabei meistens funktionierte, macht Darnton immer wieder an glänzend erzählten Einzelbeispielen anschaulich, etwa dem des DDR-Verlegers Walter Janka, der nach einem stalinistischen Schauprozess fünf Jahre Isolationshaft erdulden musste, oder dem einer Kammerzofe, die wegen eines Schlüsselromans über Ludwig XV. in der Bastille verschwand. Typischerweise bemühten sich Zensurapparate dabei um den Anschein von Legitimität: In Britisch-Indien, wo – wie in der DDR – offiziell Pressefreiheit herrschte, aber unliebsame Literatur dennoch als „aufwieglerisch“ aus dem Verkehr gezogen wurde, hätten in mühseligen Gerichtsverhandlungen „Richter, Advokaten, Gerichtsschreiber und Büttel […] wirkungsvoll ihre Rollen“ gespielt, so Darnton, um nicht nur die Inder, sondern vor allem die Briten selbst von der Rechtmäßigkeit ihrer repressiven Maßnahmen zu überzeugen.

Auch finde Zensur keineswegs immer nur klandestin statt: Im absolutistischen Frankreich, jene Epoche, über die Darnton seine bedeutendsten Arbeiten vorgelegt hat (vor allem The Business of Enlightenment, 1979), prangten auf Buchumschlägen für heutige Leser überraschend vertraut anmutende Blurbs, die aber nicht von Rezensenten, sondern von Zensoren stammten: „Es bereitete mir Vergnügen beim Lesen und enthält viele faszinierende Dinge“, lobte etwa ein Professor an der Sorbonne 1722 ein Werk über eine Reise nach Amerika. Die Approbation, die ein Buch, um offiziell erscheinen zu dürfen, erlangen musste, war „positiv“, so Darnton: ein Gütesiegel, „eine königliche Empfehlung für das Buch mit der offiziellen Aufforderung, es zu lesen.“

Ein Beispiel dafür, dass sich Zensoren, ihrem Selbstverständnis nach, durchaus nicht als Feinde der Literatur verstehen. Im Gegenteil, sie woll(t)en sie „ermöglichen“. So formulierten es zumindest allen Ernstes zwei von der Geschichte zur Untätigkeit verdammte, auf ihre Abwicklung wartende DDR-Zensoren, als Darnton sie im Juni 1990 in ihrem HV-Büro in Ost-Berlin zu ihrer Arbeit befragte.

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Robert Darnton: Die Zensoren. Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat.
Übersetzt aus dem Englischen von Enrico Heinemann.
Siedler Verlag, München 2016.
320 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783827500625

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