Die Mutter wars mal wieder

Ivy Pochodas „Sing mir vom Tod“ hat eine schöne Idee, aber macht nichts daraus

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Frauen auf der Flucht, vor dem Knast, vor der Vergangenheit, vor der Gewalt und vor sich selbst? Kombiniert mit einer Ermittlerin, die sich selbst mit einem übergriffigen Kerl herumschlagen muss? Hört sich nach einer halbwegs gelungenen Idee für einen Plot an, ein bisschen viel auf einmal vielleicht, aber das kommt am Ende immer auch darauf an, wie es gemacht ist. 

Denn keine Frage, in Zeiten, in denen ein chauvinistisches maskulines Muster wieder an Zustimmung und vor allem Praxisrelevanz gewinnt – warum auch immer, zu heiß gebadet, Hirn ausgeschaltet, in der Schule nicht aufgepasst, Niedergang von Männlichkeit oder dämlich genug für die falschen Freunde (Theweleit will ich gar nicht bemühen) –, sind Geschichten, in denen Frauen sich gegen solche Verhältnisse (eben auch nicht) eben wehren oder sogar daraus befreien, immer erhellend. Aber auch hier kommt es immer auch darauf an, wie das erzählt wird.

Und in diesem Fall wird es eben nicht gut erzählt. 

Das lässt sich vielleicht schon am Umschlagtext ahnen, für den man auf jeden Fall dem Verlag an den Ohren ziehen müsste (immerhin Suhrkamp, der Hort bundesdeutscher Intellektualität): Spätestens dann, wenn davon die Rede ist, dass eine der beiden Protagonistinnen wisse, „dass Dunkelheit auch in Frauen“ lebe, hätte man sich denken können, dass es besser ist, die Finger von diesem Buch zu lassen. Nicht wegen der Angst vor Dunkelheit, dafür gibt’s Lampen, sondern weil spätestens seit der Apotheose der „dunklen Seite der Macht“ in der Populärkultur der Kitschverdacht sehr groß sein müsste. Und wenn dann noch das „wahre Ich“ der anderen Heldin zum Vorschein gebracht werden soll, kann man gegebenenfalls bereits das nächste Kapitel Küchenpsychologie erwarten.

Soll heißen, dass die Vermutung, dass hier eine schöne Idee ziemlich schäbig zuschanden geschrieben wird, stark sein darf, und leider auch bestätigt wird. Statt des road trips oder movies oder was auch immer also ganz andere Trips? Wenn ja, dann keine guten. 

Denn was im Werbetext schon auffällt, setzt sich nahtlos im Roman selbst fort, und zwar auf beiden Ebenen, der konzeptionellen wie der stilistischen. 

Konzeptionell stören die kurzschlüssigen und unausgegorenen psychologischen und erzählerischen Muster, die immer wieder in den Erzählfluss eingewoben werden. Die Geschichte geht ungefähr so: Zwei Frauen, Florida und Dios, die sich aus dem Knast kennen, werden vorzeitig entlassen, die eine stalkt die andere um deren wahres Ich zum Vorschein zu bringen, wie bereits erwähnt, man hat ja auch sonst nichts anzufangen mit der neu gewonnenen Freiheit), Florida will abhauen (gegen die Bewährungsauflagen), Dios bleibt ihr auf der Pelle. Im Bus, den beide nutzen, treffen sie „zufällig“ einen Wärter aus dem Gefängnis, der sich als übergriffig erwiesen hat, Dios bringt ihn um, der Verdacht fällt auf Florida, eine Polizistin, Lobos, ermittelt und erschießt am Ende Florida, die zuvor Dios angeschossen hat. Also größtmögliches Fiasko, was Erlebniswert hat, zu dem vielleicht auch zu zählen ist, dass Lobos am Schluss des Romans im Verhörraum des Reviers ihrem Mann gegenübersitzt, der sie seit einiger Zeit stalkt.

Text, Protagonistinnen und Polizistin werfen immer wieder Blicke in der Geschichte vor allem Floridas, um das Muster zu erkennen, das zu der kurrenten Situation geführt hat (was macht Frauen gewalttätig, was bringt sie in den Knast, warum wurde der Wärter umgebracht und so weiter). Erkennbar wird aber lediglich eine mehr oder weniger konventionelle Geschichte von Wohlstandsverwahrlosung, die mehr oder weniger beliebig aus dem kaum überraschenden Mix von Drogen, Sex/Missbrauch mit älteren Männern aus der Club- und Filmbranche, und kaltherziger Mutter zusammengesetzt wird. 

Das führt dann zu Wendungen wie: „Finde ihn, Den Moment, der alles aus dem Gleichgewicht gebracht hat.“ Was schnell dahingeschrieben, aber eben auch unausgegoren ist, denn wenn Floridas (bürgerlich Florence) Biografie immer schon von der Vernachlässigung durch die Mutter geprägt gewesen sein soll (Dios bringt das Mütterchen dafür schließlich auch um), dann gabs da nie ein Gleichgewicht. Oder die „Wahrheit“, die Dios Florida ins Gesicht sagt (sie sind auf ihrer Flucht da gerade im Haus der Mutter): „Das ist nicht dein Haus. Das war es nie. Du warst nie der Mensch, als den deine Mutter dich gesehen hat.“ Von der mangelnden Ableitung aus der Handlung abgesehen, mögen diese Sentenzen in einen Brief passen (weil Schriftsprache), aber zwischen zwei Knasties in einer kritischen Situation ausgesprochen? Irgendwie unpassend. Und noch davon abgesehen, dass mal jemand nachweisen soll, dass irgendjemand jemals der Mensch gewesen ist, als der er oder sie von der Mutter gesehen wurde. 

Solche Monita lassen sich leider im Text, der ansonsten ganz passabel vorangetrieben wird, immer wieder finden, aufgelockert durch stilistische Fehlgriffe, die wohl nicht einmal im Englischen verschwinden: „Skid Row expandiert aus Downtown heraus ins historische Zentrum, von dessen großstädtischem Charme infolge Vernachlässigung nicht mehr viel geblieben ist.“ „Hinaus“ oder „heraus“ expandieren (müssen „hinaus“ oder „heraus“ bei „expandieren“ überhaupt sein? normalerweise wird etwas bei einer Expansion nur größer), historisches Zentrum oder großstädtischer Charme (mmh), und „infolge Vernachlässigung“ geht irgendwie gar nicht (betrunken bin ich infolge von Alkohol?), und was die Expansion mit dem Niedergang des historischen Zentrums zu tun hat, erschließt sich nicht. 

Wie jede/r amerikanische Romanautor/in bedankt sich Pochada am Schluss intensiv und wortreich auch bei der Arbeit des Lektorats. Der Klappentext hebt nochmals hervor, dass ihre Romane hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet worden seien. Das mag alles sein, und über die anderen Texte der Autorin sei hier nichts gesagt. Dieser Roman aber hätte ein gründlicheres Lektorat verdient (weil gute Idee), und spätestens der Suhrkamp Verlag (bei dem ja auch viele gute Krimis erschienen sind) und der Reihenherausgeber Thomas Wörtche hätten ein bisschen auf Renommee achten sollen, das auf diese Weise schnell Schaden nehmen kann. Gesungen wird im übrigen im ganzen Buch nicht.

Titelbild

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod. Thriller.
Herausgegeben von Thomas Wörtche.
Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
328 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783518474624

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