Die Frau mit den zwei Ichs

Anna Stern, von Hildegard E. Keller für den Bachmannpreis 2018 nominiert, fühlt sich am Wasser zuhause – auch in ihren Romanen

Von RSS-Newsfeed neuer Artikel von

„Dialog zwischen erstem und zweitem Ich“ heißt das Vorstellungsvideo, mit dem Anna Stern in ihre Welt entführt. Dem Zuschauer drängt sich jedoch unweigerlich auf, dass diese beiden Ichs der Anna Stern ziemlich wortkarg sein müssen, denn in dem kurzen Filmchen wird kein einziges Wort gesprochen, nicht einmal das Gesicht der Autorin gezeigt. Stattdessen sieht der Zuschauer ein kühles Labor, sterile Reagenzgläser hinter Glas – ein deutlicher Hinweis auf den wissenschaftlichen Hintergrund der Autorin. Stern hat an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und sitzt gerade an ihrer Doktorarbeit. Darin soll es um Keime gehen, die sich Antibiotika widersetzen und vor allem in Krankenhäusern ihr Unwesen treiben können. Mehr wollte Stern zuletzt dem Schweizer Tagesanzeiger in einem Interview vom 14. Juni nicht verraten. Die Autorin spricht lieber über ihre Bücher.

Und da gibt es einiges zu erzählen, denn seit ihrem Romandebüt Schneestill aus dem Jahr 2014 tauchen die Werke der Schweizer Jungautorin regelmäßig in den deutschsprachigen Feuilletons auf. Zum erfolgreichen Debüt haben sich inzwischen der Krimi Der Gutachter (2016) und Beim Auftauchen der Himmel (2017), ein Band mit zehn Erzählungen, gesellt. Im Januar 2019 soll ein weiterer Roman beim Zürcher Salis Verlag erscheinen.

All diese Erzählungen scheinen nah am Wasser gebaut – und das ist nicht etwa eine Anspielung darauf, dass es in Sterns Werken womöglich besonders tränenreich zuginge. Vielmehr zieht sich das Wasser in all seinen Formen als treibende Kraft durch ihre Literatur, ob nun in gefrorener Form wie in Schneestill oder als ruhendes Gewässer auf den Buchcovern von Der Gutachter und Beim Auftauchen der Himmel. Ihr neuer Roman trägt den Titel Denn du bist wild wie die Wellen des Meeres. Das scheint passend für eine Autorin, die sich selbst als Seekind bezeichnet und in Rorschach am Bodensee geboren wurde, einer Stadt, die kaum zehntausend Einwohner und keine einzige Buchhandlung hat. Damals hieß sie noch Anna Bischofberger, der Verlag riet ihr zu einem Künstlernamen. Als Schneestill erschien, musste das Schweizer Tagblatt noch auf ein Restaurant und die Rorschacher Touristeninformation hinweisen, wo das Buch für die Einwohner der Stadt erhältlich war.

Seitdem ist viel passiert. Die in Schneestill erzählte, surreale Geschichte des Studenten Roel, der in Paris die mutmaßliche Kindsmörderin Théa kennenlernt und an ihrer Schuld zweifelt, hat Stern viel Lob eingebracht. Die Neue Zürcher Zeitung lobt etwa die „schillernde Unschärfe“, die durch ein geschicktes Spiel der Autorin mit Wirklichkeit und Illusion erzeugt wird, im winterlichen Paris des Romans scheint Roel kaum feststellen zu können, was nun wahr ist an Théas Geschichte. Einzig der papierne Schwan, den Théa ihm als Dank für ein Getränk im Café geschenkt hat, erinnert ihn zunächst an die Frau, die plötzlich sein Leben auf den Kopf stellt. „Schwanstränen weinen. Nicht weiter darüber nachdenken und Schwanstränen weinen. Doch die Fragen wirbelten.“ Sein Interesse an der mysteriösen Frau ist geweckt, und es entfaltet sich ein komplexer Kriminalfall.

Der Roman Der Gutachter beginnt ebenfalls mit einem rätselhaften Fall. Der titelgebende Protagonist, der ein Umweltgutachten über die Wasserqualität eines Sees erstellen soll, verschwindet. Mit dem Streit um das fiktive Gutachten greift Anna Stern, die Umweltwissenschaftlerin, ein reales Paradox auf: Seit einigen Jahren wird diskutiert, ob man dem Bodensee künstlich Phosphat zuführen soll, da die Qualität des Wassers mittlerweile so gut ist, dass immer weniger Fische darin leben. Dadurch fühlen sich viele Bodenseefischer in ihrer Existenz bedroht.

Stern nutzt diesen Ansatz, um vor dem Hintergrund einer Umweltdiskussion zugleich ein Psychogramm über Opfer und Täter dieses Kriminalfalls zu zeichnen. Dabei versteht sie, die biologischen Zusammenhänge des übergeordneten Themas zu erklären, ohne ihnen zu viel Raum zu geben. Auch im Folgenden lässt sie die Naturwissenschaften in ihr literarisches Schreiben einfließen und veröffentlicht 2017 zwei Kurzgeschichten im Rahmen der Ausstellung „EAM Science Meets Fiction“ an der Universität Erlangen. Gleichzeitig wurde sie von der Schweizer Autorin und Übersetzerin Hildegard E. Keller entdeckt, die Stern in ihrer Funktion als Jurymitglied 2018 nach Klagenfurt einlädt.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen