Ein Jahrhundert-Thriller

Mit „Asa“ ist Zoran Drvenkar ein fulminanter Roman rund um eine unvergessliche Figur gelungen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Elf Jahre sind vergangen seit dem Erscheinen von Zoran Drvenkars letztem Thriller mit dem Titel Still (2014 als Programmeröffner des neugegründeten Verlages Eder & Bach). In der Zwischenzeit hat der 1967 geborene kroatisch-deutsche Schriftsteller die Feder nicht ruhen lassen, sondern mehr als zehn Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Mit Asa aber kehrt er nun zu dem Genre zurück, dem er mit wenigen, dafür aber umso länger im Gedächtnis bleibenden Romanen – hervorzuheben sind die in zahlreiche Sprachen übersetzten und von Kritik sowie Leserinnen und Lesern hochgelobten Thriller Sorry (2009) und Du (2010) – einen kreativen Schub verlieh. Und mag die Zeitspanne zwischen Still und Asa auch fast ein Dutzend Jahre betragen, inhaltlich sind die beiden Romane näher beieinander, als das zunächst den Anschein hat.

Denn die Geschichte eines verstummten Mädchens namens Lucia, die Zoran Drvenkar in Still erzählte, hat viel zu tun mit dem, worum es in seinem neuen Roman geht. Lucia, die, nachdem ihr Vater sie aus den Händen brutaler Entführer unter Einsatz des eigenen Lebens befreit hat, sechs Jahre lang schweigt, um das Entsetzliche zu verarbeiten, das ihr während ihrer Gefangenschaft widerfuhr, ist nicht nur eine von Asas Leidensgenossinnen, sondern auch diejenige, die Drvenkars Titelfigur mit besonderer Brutalität klarmacht, auf welch verhängnisvollen Weg ihre Familie geraten ist. Eine Erkenntnis, nach der sich Asa in einen fulminanten Rachefeldzug stürzt; einen Feldzug, der sich hauptsächlich gegen die von ihrer Familie vertretene Sicht auf das Dasein richtet.

Weit in die Historie greift Drvenkars fast siebenhundertseitiger Roman aus. Entlang des von vernichtenden, zahllose Opfer kostenden Weltkriegen wie sozialen Utopien linker wie rechter Ausrichtungen geprägten zwanzigsten Jahrhunderts erzählt das Buch die Geschichte einer Familie. Über mehrere Generationen verfolgt es deren Weg, der zunächst aus Deutschland ins Schlesische und dann zurück in die Uckermark führt, wo man, inspiriert von einem Goethe-Gedicht, den Ort Thule gründet. „Hier kennt jeder jeden, hier sind alle miteinander verbandelt, doch die Basis bildet die Familie Kolbert“, heißt es ein Jahrhundert später. Dank der Kolberts ist Thule in der Gegenwart weit mehr als „ein typisches Ostdorf nach der Wende […], das im Schatten des Kapitalismus verwelkt, sich von einem Schützenfest zum nächsten hangelt und der politischen Verzweiflung wegen langsam dem rechten Lager verfällt.“

8 Höfe und 73 Häuser haben sich im Laufe der Zeit um das 1924 erbaute „Haus Kolbert“ gruppiert. Im Schutze eines Waldes, der die Ansiedlung von einer Seite absichert, lebt man hier seit Jahrzehnten „wohlhabend und gesichert“. Keiner, der das Dorf verlassen und anschließend seinen Platz in Wirtschaft, Politik oder Industrie gefunden hat, hat je vergessen, von wo er kam. Und seit einem das Gemeinwesen erschütternden, blutigen Ereignis im Jahr 1944 werden die Angehörigen aller nachwachsenden Generationen bereits in jungem Alter einem brutalen Ritual unterworfen. Bei der sogenannten „Prüfung“ macht man ihnen auf drastische Art und Weise begreiflich, dass das bevorstehende Leben alles andere als leicht sein wird und es deshalb große Stärke braucht, um sämtliche zukünftige Herausforderungen zu meistern.

Auch Asa Kolbert wächst in dem von ihrem Urgroßvater Marten begründeten Glauben auf, dass jeder Mensch entweder Jäger oder Beute ist. Zusammen mit einer Gruppe Gleichaltriger – 13- bis 14-jährige Jungen und Mädchen – kauert sie, als sie ihr Initiationsalter erreicht hat, in einem dunklen Erdloch und wartet darauf, dass „die Prüfung“ beginnt. Als man sie dann herauslässt und sie wie alle anderen – gejagt von den Erwachsenen des Anwesens – um ihr Leben rennen muss, um den sicheren Ort zu erreichen, der ihr im Vorhinein bezeichnet wurde, beginnen erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit des brutalen Rituals zu wachsen, das jede und jeden von ihnen auf die Härten des Lebens vorbereiten soll. Verstärkt und endgültig in aktive Auflehnung gegen die Bräuche umgewandelt werden diese, als Asa klar wird, dass man unter die Jungen und Mädchen aus Thule auch unschuldige Fremde mischt, die entführt und von vornherein zu Opfern des Rituals auserkoren wurden.  

Allein es ist noch ein weiter, ebenso gefahr- wie schmerzvoller Weg, bis sich Asa mit all der Kraft, die sie hat, gegen die Welt ihrer Vorfahren stellt. Zoran Drvenkar beschreibt ihn kunstvoll und mit ständigen Sprüngen aus der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück sowie zahlreichen Schauplatzwechseln und Figuren, die man nicht so schnell wieder vergisst. Das ist literarisch anspruchsvoll und es braucht eine gewisse Eingewöhnungszeit beim Lesen. Zumal die Identität des Erzählers, der die Dinge aus der Ich-Perspektive heraus schildert – als „Fragment deiner Erinnerung oder ein Geist oder vielleicht ein Dämon, der dich peinigt“ bezeichnet er sich einmal selbst –, relativ lange verborgen bleibt. Stattdessen dominieren die zahlreichen Textabschnitte ein „Du“, das aus der Erzählerperspektive gesehen für die titelgebende Figur, steht, und ein „Wir“, mit dem kollektive Gruppen erfasst werden, in denen Einzelnen keine herausragenden Rollen mehr zukommen.

Asa als einen „Jahrhundertroman“ zu bezeichnen, ist nicht nur in dem Sinne gerechtfertigt, als sich die Handlung des Buches über fast das gesamte 20. Jahrhundert erstreckt und in Vor- und Rückblenden immer wieder markante historische Punkte wie Kriegsenden und Systemwechsel ins Spiel gebracht werden. Mindestens genau so relevant ist, dass die Kolberts und ihre Form eines historisch gewachsenen Weltverständnisses und aller daraus sich ergebenden, von Generation zu Generation weitergereichten Handlungsmaximen viel gemein hat mit den das letzte Jahrhundert prägenden Ismen. Dass Letztere ihr Versprechen, in eine glücklichere Zukunft für alle zu führen, nie eingelöst haben, mussten Millionen Menschen schmerzvoll erfahren. Auch Asa Kolberts Weg zu der schlussendlichen Erkenntnis, dass mit Traditionen zu brechen manchmal besser sein kann, als ihnen blind zu folgen, ist ein schmerzvoller. Er verlangt ihr Entscheidungen ab, die über Leben und Tod anderer, am Ende sogar von Mitgliedern der eigenen Familie, bestimmen.

Die in die Philosophie der Kolberts eingegangene Erfahrung, dass man dem Los, Opfer zu sein, nur entgeht, wenn man sich auf die Seite der Jäger schlägt, Beute jagt statt Beute für andere zu sein, tötet statt getötet zu werden, birgt in sich das Risiko, jederzeit umzuschlagen in blanken Totalitarismus. Als Asa feststellt, dass die sogenannte „Prüfung“, der sich alle in Thule aufwachsenden Jugendlichen zu stellen haben, um unter Extrembedingungen zu beweisen, dass sie hart genug sind für das in der Zukunft auf sie wartende (Über-) Leben, auch das Töten Unschuldiger beinhaltet, die weder zu den Kolberts gehören noch ihre Anschauungen teilen, beginnt sie ihre Revolte gegen die Welt ihrer Herkunft. Danach führt ihr Weg um den halben Erdball, in Gefängnisse und an Verbannungsorte. Aber abbringen lässt sie sich von ihm bis zum Schluss nicht.

Mit Asa ist Zoran Drvenkar ein großer, höchst aktueller Roman gelungen. Ein weiteres Mal erzählt dieser Autor in seinem unverwechselbaren Stil eine Geschichte, die den Nerv unserer Zeit trifft und die Frage stellt, ob unsere Welt tatsächlich eine sein will, in der sich der Stärkere über alle etablierten Regeln und moralisch-ethischen Gebote hinwegsetzen darf und allein aufgrund seiner Macht das Recht hat, den Gang der Dinge zu bestimmen. Drvenkars zentrale Figur widersetzt sich der Ideologie ihrer Vorfahren, indem sie erkennt, dass das Recht des Stärkeren auch Unrecht sein kann, gegen das sich wenden muss, wer auf der Suche nach neuen Wegen die alten Fehler nicht wiederholen will. 

Titelbild

Zoran Drvenkar: Asa. Thriller | Ein Pageturner, eine düstere Familiensaga, ein atemberaubender Racheroman | Mit exklusivem Farbschnitt in der ersten Auflage.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
700 Seiten , 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783518475119

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