Dem „Forum Vormärz Forschung“ geht auch im 30. Jahr der Stoff nicht aus

Vielfältige Aspekte einer spannenden Zeit im Band „Alltagskultur im Vormärz“

Von Petra BrixelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Petra Brixel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der Gründung der wissenschaftlichen Vereinigung „Forum Vormärz Forschung“ 1994 in Bielefeld hat der Forschungsgegenstand Vormärz eine Heimstatt gefunden. Die Satzung der Gesellschaft gibt vor: „Das Forum Vormärz Forschung ist eine international und interdisziplinär tätige literarische Gesellschaft. Zweck der Gesellschaft ist es, die öffentliche, literarische und wissenschaftliche Rezeption der Literatur des Vormärz (1815 – 1848) zu fördern“, und so setzt sich die Gesellschaft in Veranstaltungsreihen, Kolloquien, Studientagungen, Ausstellungen und mit einem regelmäßigen Jahrbuch seit über 30 Jahren mit dem Vormärz interdisziplinär auseinander. Im Vormärz wurden die Grundlagen für die Zukunft eines demokratischen Deutschlands gelegt, und die Beiträge in den bislang 30 Jahrbüchern zeigen, welche Auswirkungen Ereignisse und Denkmodelle der damaligen Zeit auch auf die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts haben. Themen, wie persönliche und Pressefreiheit, Pressezensur, Frauenemanzipation, Lesekompetenz, Vereinsleben oder Kommunikation, sind nach wie vor aktuell. Persönlichkeiten der Vormärz-Epoche wirken bis in die heutige Zeit als Wegbereiter:innen. 

Seit 1994 erscheinen Sammlungen zu vorgegebenen Themen in einem Jahrbuch von durchschnittlich 300 Seiten. Um nur einige Titel zu nennen: Ästhetik, Pädagogik, Menschenrechte, Deutschland und die USA, Anarchismus, Politik, Religion, Geld und Ökonomie, Literaturkonzepte, Verlagswesen, Jugend, Juden und jüdische Kultur, Goethe u.v.a., wobei in den einzelnen Bänden zehn bis fünfzehn Unterthemen behandelt werden. Dazu erscheinen im Anhang aktuelle Beiträge wie Rezensionen und Nachrufe.

Im Jahr 2020 kommt das Vormärz-Handbuch heraus, ein – sicher überfälliges nach 25 vorangegangenen Jahrbüchern – Nachschlagewerk, das weitaus mehr ist als eine Sammlung von Erklärungen zu Stichworten. 118 Artikel, geschrieben von 104 Autor:innen aus unterschiedlichsten Fachbereichen, beweisen eindrucksvoll, wie sehr das „Forum Vormärz Forschung“ bemüht ist, dem enormen Umfang des Themas gerecht zu werden. Damit könnte der Eindruck entstehen, dass jetzt alles erforscht und gesagt bzw. geschrieben ist. Mitnichten. Es bleibt immer noch erstaunlich viel Un-Erforschtes, Un-Analysiertes, Un-Interpretiertes und Un-Geschriebenes.

Vormärz und Biedermeier – zwei Seiten einer Medaille

In der Geschichtswissenschaft wird der Vormärz als „Schlüsselperiode der deutschen Geschichte 1815/30 bis 1848“ betrachtet, in der es um wesentliche soziale und demokratische Entwicklungen ging. Dabei fällt die Jahreskombination „1815/30“ auf, was auf zwei Ereignisse hinweist, die Historiker:innen als Beginn einer gesellschaftspolitischen Erneuerung betrachten. Während die einen den Vormärz mit der Schlacht von Waterloo, dem Wiener Kongress, der Neuordnung Europas und der Gründung des Deutschen Bundes 1815 beginnen lassen, sehen die anderen das Jahr 1830 – die Nachricht vom Sturz Karl X. und die Julirevolution in Frankreich trieb die liberale und nationale Bewegung im Deutschen Bund voran.– als Aufbruch in eine neue Epoche.

Als Antagonist zum Begriff „Vormärz“ gilt das „Biedermeier“, welches zeitgleich eine kulturgeschichtliche Epoche in Deutschland bezeichnet. Die Literatur des „Biedermeier“ befasst sich vornehmlich mit dem Privaten, dem häuslichen Leben und der darin eingebetteten Idylle, wie sie auch in der Natur zu finden ist. Die Literatur des Vormärz zeigt sich politisch; es werden soziale Auswirkungen, Konflikte und Missstände thematisiert: die Spannungen zwischen konservativen Strömungen, Repression, Zensur, Unterdrückung liberaler und nationaler Bewegungen auf der einen Seite und dem Ruf nach Einheit, Demokratie, Freiheit, Bürgerrechten und konstitutionellen Regierungen auf der anderen Seite. Während das Biedermeier sich um das Streben nach Harmonie bemüht, lebt der Vormärz mit der Forderung nach gesellschaftlicher Veränderung durch soziale und politische Reformen. Diese Konflikte, ausgelöst durch die Karlsbader Beschlüsse und ihre repressiven Gesetze 1819, setzen die Menschen einem gesellschaftlichen Druck aus, verstärkt durch die beginnende Industrialisierung. Kurz: In den Jahren 1815 bis 1848 entwickelt sich eine neue politische Kultur und in ihr ein selbstbewusstes Bürgertum, in dem Klassenunterschiede, die soziale Frage, aber auch die Stellung der Frau in den Fokus genommen werden. Forderungen nach persönlicher und politischer Freiheit kollidieren mit staatlicher Unterdrückung, sie sind der Auslöser für die Revolution im März 1848.

Ein Jahrbuch der randständigen Themen

Das Jahrbuch 2024 der Vormärz-Forschung – Herausgeber Norbert Otto Eke (Germanist und Vorsitzender des „Forums Vormärz Forschung“) und Detlev Kopp (Germanist) – ist mit seinen Artikeln sowohl im biedermeierlichen als auch im vorrevolutionären Bereich angesiedelt. Da sind Beiträge zu dem großen Spektrum der Geselligkeitsformen, d.h. wie Menschen ihr Miteinander gestalten, wie sich Gewohnheiten und Bräuche im täglichen Leben zeigen und welche Bedeutung die damit verbundenen materiellen Objekte haben. Themen wie Festkultur, Theater, Literatur, Musizieren, Rezitieren und Schreiben, aber auch Mode, Schulbildung, Universitätsleben und Wohnkultur gehören dazu.  Ein Teil der Bevölkerung – hier sei die städtische Mittelschicht genannt – kann sich vermehrter „Frei-Zeit“ erfreuen. So wird der Alltag zu einem „Feld der kreativen Gestaltung“. Dies ist der rote Faden, der alle Artikel verbindet, so dass sich ein buntes, teilweise schillerndes Bild einer sehr diversen Gesellschaft – zwischen gehobenem Bildungsbürgertum und arbeitender Schicht – ergibt. Die zwölf Abhandlungen sind eine Fundgrube an Besonderheiten, denen es nicht an Experimentierfreude mangelt. Sie bestätigen, was die Herausgeber versprechen: „In Ergänzung dazu [zum Jahrbuch 2020, Anm. P.B.]  richtet das vorliegende Jahrbuch ´Alltagskultur im Vormärz` den Blick nun auf den in der Vormärz-Forschung lange Zeit eher randständigen Bereich der Alltagskultur in ihren vielfältigen Ausdrucksfeldern, Tätigkeitsformen und sozialen Habitus. […] Alltagskultur findet Ausdruck gleichermaßen in äußerlich wahrnehmbaren Praxisformen (Handlungs- und Verhaltensweisen) und in ´inneren` Praktiken des Denkens, Wahrnehmens und Beurteilens.“

Sinn und Zweck mit dadaistischem Anstrich

Gleich im ersten Artikel beschreibt Alina Bock (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Passau), eine literarische Besonderheit: Die „Zwecklose Gesellschaft“, die 1837 in Düsseldorf von Künstlern, je einem Kapellmeister, Regierungsjustiziar und Regierungsrat gegründet wird und an deren monatlichen Sitzungen zwischen 30 und 40 Männer – „in den Akten nicht namentlich benannt werden Ehefrauen, Schwestern und Töchter“ – teilnehmen.  Karl Leberecht Immermann, Jurist, Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker am Theater Düsseldorf, ist der Initiator der Gesellschaft als „point de frallierment für die paar aufgeweckten Köpfe Düsseldorfs“, wie er in einem Brief schreibt. Der Zweck der Gesellschaft ist, keinen Zweck zu haben. Das entspringt der „Überzeugung von der Absurdität allen Strebens und der Wunsch nach Geselligkeit und Spaß um ihrer selbst willen.“ Bereits 1826 hatte der in Breslau lebende Dichter August Heinrich Hoffmann (bekannt als Hoffmann von Fallersleben) mit Künstlern und jungen Gelehrten eine „Zwecklose Gesellschaft“ gegründet. Und auch die Berliner Schriftstellerinnen und Salonnièren Rahel Varnhagen und Henriette Herz hatten ihre Häuser geöffnet zur „zwanglosen Zusammenkunft von Angehörigen gesellschaftlich entfernter Gruppen […] zum Zwecke der Muße“.

Im Sinne des Biedermeier steht eine von „romantischen Ambitionen getragene Geselligkeit“, eine „geistreiche und liebenswürdige Unterhaltung“, eine „Verquickung alltäglicher Treffen mit literarischen Motiven, die auch mit der bildenden Kunst in Beziehung stehen.“ Politische Agitation ist verpönt. Es geht um „höheren Unsinn, Parodie, Groteske und Satire“; Anspielungen und Sprachspiele erinnern an ein sehr frühes dadaistisches Gepräge. So ist die zwecklose Geselligkeit ein Gesamtkunstwerk, „durch Banales und Triviales konterkariert.“ Die geistige Elite feiert sich selbst.

Lustig ist das Studentenleben

Ortswechsel – von Düsseldorf nach Bonn –, aber die gleiche Elite. Diesmal „Bilder aus dem Bonner Studentenleben“, ein Artikel von Hermann-Peter Eberlein (Lehrbeauftragter für Rheinische Kirchengeschichte an der Universität Bonn). Er zitiert aus Lebenserinnerungen und Briefen, in denen es um „Gasthäuser, Geselligkeit, Ausflüge, Fechtübungen, Wohnungen, Stipendien, Verbindungsleben“ geht; eben um den „Alltag“ Bonner Studenten. Zeitzeugen sind Harry (Heinrich) Heine und Hoffmann von Fallersleben. Mit Überschriften wie „Aufnahmeprüfungen“, „Wohnungen“, „Stipendien“, „Fest, Fackelzug“, „Burschenschaften, Landsmannschaften und Verbindungsleben“, „Kleidung, Bälle, Theater“, „Mensuren und Reitunterricht“, „Sperrstunde, Streiche und Strafen“ u.a. gibt Eberlein Einblicke in den Alltag Bonner Studenten des Vormärz.

Ein Möbelstück wechselt die Seiten

Es folgt ein Bericht über die literarische „High Society“ von Jakob Norberg (Germanist an der Duke Universität Durham/USA): „Bettina on the Sofa“. Mit dem Sofa hat Norberg sich einen ganz speziellen Gegenstand des Vormärz ausgesucht und verbindet die Entwicklung dieses Möbelstücks mit der Sprunghaftigkeit der Schriftstellerin und Vertreterin der deutschen Romantik Bettina von Arnim. Während das Sofa seit Jahrhunderten Statussymbol der adligen Oberschicht war, beginnt seine Verbreitung in deutschen Wohnzimmern im 19. Jahrhundert. Die industrielle Fertigung und die Erfindung von Sprungfedern (1822) beschleunigt den Einzug von Sesseln, Sofas, Chaiselonguen und Kanapees in den Alltag des deutschen Bürgertums. Es ist die Zeit der Gemütlichkeit, des Biedermeier. Der gute Salon, das Gesellschaftszimmer, das Herrenzimmer, alles hat mit dem Sofa und seinen Verwandten zu tun. Gemütlichkeit – auch in der englischen und französischen Sprache zu finden – wird in der Biedermeierzeit zu einem Modebegriff und impliziert warme Atmosphäre, Geborgenheit und Sorglosigkeit, fern von Hektik und Streit. Dass die Gemütlichkeit des Bürgertums eine trügerische Idylle ist, beweist das Jahr 1848. Norberg zitiert zusammenfassend: „Es [das Sofa] erlaubte beschauliches Nichtstun in entspannterer Lage, Lesen, Rauchen, Musikhören und Kaffeetrinken.“

Ein Luftgeist auf dem Sofa

Nun kommt Bettina von Arnim ins Spiel bzw. auf die Bühne, denn beim geselligen Zusammensein benutzt sie das Sofa als Podium. Rastlos auf dem Sofa sitzend, schildert Norberg sie mit vielen Beispielen. So läuft sie in ihrer Wohnung in einem Zustand der ständigen Aufregung umher. Norberg zitiert den Schriftsteller Karl Gutzkow, der Bettina besucht und sein Treffen in einem Artikel 1842 beschreibt: „Mit unruhiger Behendigkeit lief Bettina in dem fast meubellosen Zimmer von einer kleinen Reliquie zur andern; […] und wenn Bettina nicht von Einem zum Andern hüpfte, um mir etwas zu erklären, so saß sie unruhig auf dem Sopha.“ Als unbändig, ja, unbezähmbar wird sie geschildert, und das auf dem Sofa. Im Jahr 1807 kommt es zu einer Begegnung der 22-jährigen Bettina mit Geheimrat von Goethe in Weimar, und sie berichtet in einem Brief: „Er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf den Sopha gegen sich über [sic!]. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen […].“ Die Unterhaltung läuft schleppend an, und Bettina fährt in ihrem Brief fort: „Lange Pause – ich auf das fatale Sopha gebannt, so ängstlich. […] Ich sagte plötzlich: hier auf dem Sopha kann ich nicht bleiben, und sprang auf.“ Schließlich „flog ich ihm an den Hals, er zog mich auf´s Knie und schloß mich an´s Herz“. Für eine 22-Jährige mag das ungewöhnlich sein, aber es ist typisch Bettina von Arnim.

Norberg nimmt eine weitere Zeugin zur Hilfe, um Bettinas Lebhaftigkeit auf dem Sofa zu schildern. Es ist die damals bekannte schwedische Schriftstellerin Malla Montgomery-Silfverstolpe, die sich 1825/26 in Berlin aufhält und Bettina ein- bis zweimal im Monat in einem der Salons trifft. Malla schildert Bettina als quirlig und ruhelos, geschwätzig mit andauerndem Redefluss, lachend und rufend, die Gesellschaft dominierend. Nicht nur, dass sie unentwegt redet, es sei auch viel Unsinn dabei, meint Malla. Norberg zitiert aus Mallas Brief: „Bettina, geschmeidig wie eine Katze, spazierte auf dem Rande der Sofakissen herum und setzte sich auf den Kolonnen-Kachelofen in der Ecke […]. Am nächsten Tag kam Bettina und saß den ganzen Vormittag bei mir – wie es ihre Gewohnheit ist – die Füße oben auf dem Sofa, den Rücken nach außen, das Gesicht gegen die Wand.“ Bettina von Arnim ist ein Kind der Romantik, sie verwandelt ihr Leben und ihre Persönlichkeit in Dichtung. Norberg fasst zusammen: „Bettina´s Romanticism took place on the sofa.“  Man täte Bettina von Arnim Unrecht, würde man nicht ihre literarische und soziale Arbeit – sie trat für die Abschaffung der Todesstrafe und die politische Gleichstellung von Frauen und von Juden ein – würdigen; doch das ist nicht die Absicht von Norbergs Artikel, der uns explizit eine Bettina vorstellt, die ihre Gedanken als „gaukelnde Sylphide“ auf dem Sofa ausdrückt.

Mode: Eine neue Funktion von Kleidung

Mit einem ganz anderen Thema befasst sich Kerstin Kraft (Professorin für Kulturwissenschaft in Paderborn), die sich der Kleidung im Vormärz annimmt: „Mit Kleidung lügen“. Mit dem Begriff „lügen“ wird die Tendenz ihrer These vorgegeben. Kraft konkretisiert, dass es ihr „um Grundlegendes zur Erforschung vestimentärer und modischer Gegenstände, um Zusammenhänge wirtschaftlicher und technischer Aspekte und deren Auswirkungen auf Kleidung und Kleidungsverhalten von Männern und Frauen im Vormärz“ gehe und um die „Frage nach der Funktion von Kleidung und Mode und ihrer Fähigkeit zu lügen“. Ein Resümee nimmt sie vorweg: „Es wird sich zeigen, dass die besonderen historischen Umstände des radikalen Umbruchs durch die Französische Revolution die Möglichkeiten vestimentärer Lügen stark erweiterten“.

Als Zeitzeugin ist Caroline de la Motte Fouqué bedeutend, die 1829 eine ´Geschichte der Moden` verfasst. Andere Archivquellen für Kraft sind (Zubringens)-Inventare und Testamente sowie originale Kleidungstücke (obwohl nach 200 Jahren kaum noch vorhanden). Technische Innovationen (z.B. Webstühle) haben die Fabrikation von Stoffen und die Herstellung der Kleidung revolutioniert. Dabei stellt die Entwicklung des Maßbandes 1815 eine enorme Arbeitserleichterung dar, sind sie doch Ersatz für die zuvor benutzten eingekerbten Papierstreifen. Auch die hölzerne und starre Elle war zur Vermessung des Körpers ungeeignet gewesen. (Während der Französischen Revolution war das metrische System 1799 gesetzlich als Urmeter in Frankreich festgelegt worden, in Deutschland erfolgt die offizielle Einführung erst 1872.)

Ein Medium politischer Gesinnung

Eng mit der Französischen Revolution verbunden ist die Aufhebung der Ständeordnung und damit auch die ständische Kleidervorschrift. „Die ´Neuerfindung` der Gesellschaft sollte sich auch äußerlich zeigen, und die Rollenfindung betraf neben der – nicht mehr ständischen – Gruppenzugehörigkeit sowohl die Nationalstaaten als auch das Geschlecht, das Alter und die Lebensweisen.“ Wenn also ständische Merkmale hinterfragt und aufgehoben wurden, war dem „Lügen“ mit Kleidung mehr Freiraum gegeben. Die ständische Kleiderordnung ändert sich, wird allerdings durch die Mode – in Modemagazinen propagiert – ersetzt. Auch wird Kleidung als „Medium politischer Gesinnung“ benutzt, was sich am Beispiel der phrygischen Mütze zeigt. Im Gegensatz dazu ist die bäuerliche Kleidung in der Zeit des Vormärz weiterhin geprägt von Funktionalität, Haltbarkeit und auch regionalen Unterschieden, was sich als „Tracht“ darstellt. Hierbei ist besonders Alltag (Werk-Tag) und Sonn- bzw. Festtag zu unterscheiden. Während der Alltag gedeckte Farben und einfache Schnitte bevorzugt, sind es an den Festtagen bunte Farben, Verzierungen und Accessoires. Städtische Mode und konservativere Bauernkleidung, ein neues Erscheinungsbild für Kinderkleidung und die Trennung von Kleidung in öffentlicher und häuslicher Sphäre, all dem wird vermehrt Aufmerksamkeit entgegengebracht.

Autorin Kraft betont, dass die Quellenlage noch zu dürftig ist, um „die Kleidung der unteren Schichten und die Alltagskleidung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinreichend zu analysieren. […] Zudem interessiert sich die Geschichtsschreibung erst seit relativ kurzer Zeit für alltagskulturelle und materielle Phänomene.“ Dies ließe sich auf viele Bereiche der Alltagskultur übertragen. 

Zum Schluss geht die Autorin auf die in der Überschrift erwähnten „Lügen“ ein. Im letzten Absatz der Abhandlung erklärt sie: „Kleidung ist Bestandteil des kultivierten Lebens, Ausdruck von Geschmack und Schönheitssinn. Im Vormärz ist sie Zeichen der sich etablierenden bürgerlichen Tugenden und wird für ihre Kontrolle und Erhaltung eingesetzt. Sie dient der Abgrenzung, der Selbstvergewisserung, der Selbstdarstellung und damit der Lüge.“ Als berühmte „Lügner“ werden der Hauptmann von Köpenick und der Schneidergeselle in ´Kleider machen Leute` zitiert. In der heutigen Zeit der Körpermodifikation und Fashion ist es interessant, den Blick 200 Jahre zurückzuwerfen und zu erkennen, wie die Französische Revolution die Initialzündung für einen Wandel der Kleidung war und wie dieser sich im Vormärz auswirkte.

Nostalgie und Kritik

„Sofa“ und „Kleidung“ sind zwei spezielle Themen, an denen Aspekte des Vormärz deutlich werden. Umfassender sind die Beschreibungen des westfälischen Alltags bei Annette von Droste-Hülshoff in ihren „Westphälischen Schilderungen“, die 1845 erscheinen, und zwar anonym, denn die Verfasserin ahnt, dass ihre Arbeit auf Kritik stoßen würde, reflektiert sie doch die sozialen Zustände zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Autorin des Beitrags über „Brauchtum, Aberglaube und Rituale in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs“ ist Patricia Czezior (Literaturwissenschaftlerin in München). In ihrem klar strukturierten Artikel stellt Czezior die Publikation von Droste-Hülshoff vor. Die Schriftstellerin beschreibt die karge Landschaft, das einfache Leben der Landbevölkerung, der Köhler und Bergleute sowie die Konflikte um Forst- und Jagdgesetze im damaligen Westfalen.

Die Abhandlung ist ein Porträt der westfälischen Topografie und ihrer Bewohner am Übergang von der ländlichen Gesellschaft in eine Zeit der industriellen, technischen und sozialpolitischen Neuerungen. Im Zentrum stehen das Paderborner Land, das Münsterland und das Sauerland. Czezior betont eine „Idyllisierung, in der Mensch und Natur sich zu einer gleichsam der Zeit enthobenen Symbiose ineinanderfügen“. Dass Natur und Menschen einem für Annette von Droste-Hülshoff geradezu irritierenden Wandel unterworfen sind, formuliert sie erschreckend weitsichtig: „Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie.“ Sie schreibt von der Zerstörung der Natur, der Umgestaltung der Landschaft durch Getreidemonokultur, vom ertragreicheren Nadelholz und von Bewohnern, die von ihren Sitten und Gebräuchen ablassen.  Sie sieht ihre Schrift als eine Bestandsaufnahme, „ehe die schlüpfrige Decke, die allmählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.“

Allein diese Passage zeigt die Problematik, die Konflikte und die Herausforderung im Alltag zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Patricia Czesior beschreibt die „für den Einzelnen mitunter tief verstörenden Umbrüche und deren Folgen, die die Gesellschaft unwiderruflich zeichnen.“ Die Zeit festhalten, Traditionen und Brauchtum sichern, den „Fortschritt“ aufhalten, das ist schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Anliegen, aber zum Scheitern verurteilt. Und so fasst Czesior zusammen, die „Westphälischen Schilderungen“ können als ein „vielschichtiges Dokument der Beschreibung des Alltags gelesen werden.“ Die soziale Frage und die Problematik der Verarmung aufgrund der Veränderungen der Besitzverhältnisse habe nicht nur deutsche Staaten getroffen, sondern weite Teile Europas. Es seien „Ohnmachtserfahrungen“, denen die Menschen ausgeliefert sind. In dem Band „Alltagskultur im Vormärz“ ist dieser Bericht bestens aufgehoben, wirft er doch einen Blick auf die Menschen abseits der Universitäten und Salons.

Fazit

Nach den hier besprochenen Artikeln im Jahrbuch 2024 soll nicht vergessen werden, die weiteren Themen zu nennen, die zu der Vielfalt der Aspekte des Vormärz beitragen und den Band lesenswert machen. Zu nennen sind „Das Trinklied als Quelle der Alltagskultur“, „´Die kleine Hausfrau`– ein Bilderbuch“, „Fanny Lewald und Adolf Stahr in ihren Briefen“, „Der rheinische Karneval“, „Musikalische Alltagskultur“, „Weibliche Erwerbsarbeit“ und „Das Leben der Gesellschafterin Betty Paoli“.

Die Herausgeber dieses Bandes sind sich bewusst, dass in Anbetracht des ausgedehnten Themenbereichs zur Alltagskultur ein einziger Band nur einen Bruchteil aller Gesichtspunkte abbilden kann. Und so schreiben sie: „Keineswegs ist die Geschichte der vormärzlichen Alltagskultur mit dem vorliegenden Band so auch auserzählt. Zu vielfältig, zu heterogen sind die Themen und Phänomen, als dass sie mit dem Vorliegenden auch nur annähernd erschöpfend behandelt wären. Aber ein Anfang ist damit gemacht.“ Man kann gespannt sein, was ein weiterer Band zu dieser Thematik bringt.

Titelbild

Norbert Otto Eke / Detlev Kopp (Hg.): Alltagskultur im Vormärz. Jahrbuch Forum Vomärz Forschung 2024.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2025.
277 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783849820756

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