Was man schon immer über Žižek wissen wollte
Dominik Finkelde hat mit dem „Žižek-Handbuch“ ein gelungenes Einführungs- und Nachschlagewerk zum slowenischen Philosophen herausgegeben
Von Thomas Merklinger
Die von Metzler verlegten Personenhandbücher Philosophie bieten seit Jahren Überblicksartikel zu Werk und Kontext zentraler Namen der Philosophiegeschichte. In den meisten Fällen sind die Denker (und mit Hannah Arendt die bislang einzige Denkerin) bereits verstorben. Mit dem von Dominik Finkelde herausgegebenen Žižek-Handbuch liegt nun allerdings ein zweites Kompendium vor, das – nach dem 2009 erschienenen Habermas-Handbuch – einem noch lebenden Philosophen gewidmet ist. Während Slavoj Žižek für das Werk des 20 Jahre älteren deutschen Sozialphilosophen schon aus Altersgründen weniger relevant ist und sein Name nur ein einziges Mal im Habermas-Handbuch auftaucht, findet sich Habermas umgekehrt doch immerhin auf 15 Seiten im Žižek-Handbuch erwähnt. Das liegt nicht nur an der kritischen Lektüre des Jüngeren, sondern auch daran, dass der deutsche Philosoph im kommunistischen Jugoslawien schon recht früh rezipiert worden ist.
So ergeben sich Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre, während Žižek in Ljubljana Philosophie und Soziologie studiert, Kontakte zwischen der Zagreber „Praxis-Gruppe“ und der Frankfurter Schule, die unter anderem in mehreren Jugoslawien-Reisen von Habermas mündeten. Dessen Schriften sind im damals vergleichsweise liberalen kommunistischen Land gelesen worden. Žižek dürfte daher bereits recht früh mit dem Denken Habermasʼ in Berührung gekommen sein. Sein Interesse am Diskurs im Westen – so ist er wohl häufiger mit dem Zug nach Deutschland und Frankreich gefahren, um Bücher zu kaufen – bringt ihn daneben allerdings auch in Kontakt mit dem französischen Strukturalismus (der zum Thema seiner Magisterarbeit wird) und führt ihn schließlich zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (was in einer zweiten, auf Französisch verfassten Promotionsarbeit bei Jacques-Alain Miller resultiert). Schon weil Lacan für die diskursethische Gesellschaftsphilosophie „als Anti-Philosoph“ (Finkelde) gilt, ergeben sich schließlich unterschiedliche Gesellschafts- wie Subjektkonzeptionen bei Žižek und Habermas. Für Žižek bewegt sich die Theorie kommunikativen Handelns innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses: Sie mache echte politische Veränderung kaum möglich (wogegen er seine Konzeption des politischen ‚Akts‘ setzt); zudem werde die dunkle Seite des ‚Realen‘ in der gesellschaftlichen Ordnung wie im Menschen bei Habermas ausgeblendet.
Die metapsychologische Theorie Lacans wird zum Kern der philosophischen Analysen Žižeks. In einem rückblickenden Interview mit Jones Irwin und Helena Motoh heißt es, das Studium Lacans „was the closest thing one could get to an authentic religious experience!“ In Slowenien gehört Žižek dann zu den Gründungsmitgliedern der Ljubljana-Schule für Psychoanalyse (Ljubljanska šola za psihoanalizo), für die neben Lacan zudem der Marxismus sowie der Deutsche Idealismus (und hier insbesondere Georg Wilhelm Friedrich Hegel) – immer durch eine psychoanalytische Brille gelesen – weitere wichtige Elemente der philosophischen Beschäftigung sind. Mit Le plus sublime des hystériques. Hegel passe von 1988 führt Žižek erstmals vor, wie „eine fruchtbare exegetische Wechselbeziehung zwischen Hegel und Lacan“ aussehen kann (Seraphin Frimmer). Eine thematische Ergänzung ergibt sich schließlich durch ideologiekritische Gegenwartsanalysen, sodass Žižek in Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! „die Lacansche psychoanalytische Theorie, die Hegelsche Dialektik und die ‚post-marxistische‘ Ideologiekritik“ als die „drei theoretischen Ringe“ beschreiben kann, die „in der Art eines Borromäischen Knotens“ die zentralen Dimensionen seines Denkens ausmachen.
Mit dem Ende des Kommunismus und dem beginnenden Siegeszug der liberalen Demokratie erscheint im Dezember 1989 The Sublime Object of Ideology. In diesem Theorieband eröffnete Žižek nun auf Englisch die These, dass Ideologie nicht mit einem falschen, illusionären Bewusstsein verwechselt werden dürfe, das eine quasi objektive Wirklichkeit verzerrte und verstellte, sondern dass sich die gesellschaftlich-politische Wirklichkeit selbst um ‚erhabene Objekte der Ideologie‘ gruppiere. Liberale Gesellschaften sind daher nicht weniger ideologisch als die kommunistischen. Dass er die aus einer umfassenden Praxis des Alltags geformte phantasmatische Struktur der Wirklichkeit dabei gerne durch amerikanische Filme, (obszöne) Witze und popkulturelle Phänomene veranschaulicht, führt zu einer gewissen Bekanntheit. Parallel zu seinen Gesellschaftsanalysen zur Popkultur entwickelt sich Žižek nicht nur in akademischen Kreisen selbst zu einem Pop-Phänomen. Dazu trägt sicherlich auch sein exzentrisches Auftreten bei, das aufmerksamkeitsförderlich in Dokumentationsfilmen wie Žižek! (2005) aufscheint, wenn der peritextuell als „Elvis der Kulturtheorie“ bezeichnete Philosoph unter anderem halbnackt in seinem Bett liegend die Welt erklärt. Aber auch The Pervertʼs Guide to Cinema (2006) sowie die Fortsetzung The Pervertʼs Guide to Ideology (2012) erhöhen seine Bekanntheit. Inzwischen kursieren jede Menge Videoclips und -beiträge von ihm im Internet. So wird dann beispielsweise auch das Hegel-Buch Less than Nothing (2013) zum Anlass genommen für ein großes Interview-Porträt von Decca Aitkenhead im Guardian, in dem es dann weder um Hegel noch um eine der anderen Schriften Žižeks geht, die zusammen mit ihren Übersetzungen zum damaligen Zeitpunkt einen ganzen Raum der Wohnung in Ljubljana füllen, wie man aus dem Artikel erfährt. Žižek selbst ist das kulturelle Ereignis, von dem man schon gehört hat, ohne allzu viel von ihm gelesen zu haben.
Allein weil man inzwischen von einem weiteren Raum mit Werken ausgehen könnte, ist das Žižek-Handbuch als Einführung geeignet, um einen sachlichen und fundierten Zugang zu dem anschwellenden Œuvre zu erhalten oder sich innerhalb des umfangreichen Spektrums an Themenfeldern zurechtzufinden. In zehn Teilen und insgesamt 101 Artikeln werden wichtige Themen, Einflüsse, Werke und Werkaspekte vorgestellt. Die zentralen Texte Žižeks werden von unterschiedlichen Fachleuten in fünf Abteilungen zu Ideologie, Deutschem Idealismus und Hegel, Christentum und Atheismus, Politik sowie Kunst, Film und Technik vorgestellt. Da Žižeks Schriften nicht klar analytisch strukturiert sind, sich häufig über Beispiele entwickeln und es thematische Überschneidungen und Wiederholungen gibt, orientieren sich viele Inhaltsdarstellungen im Handbuch zumeist chronologisch, statt thesenorientiert. Explizit und exemplarisch verweisen Benedikt Wissing (zu Absoluter Gegenstoß) und Martin Eleven (Die Tücke des Subjekts) darauf, dass „Žižek seine Gedanken sehr sprunghaft entwickelt und nicht immer klar ist, wie einzelne Kapitel aufeinander bezogen sind“, beziehungsweise er „kein systematisches Werk vorgelegt hat und zudem seine Thesen unter mannigfachen Perspektiven darlegt“. Hinzu kommt eine häufig benannte Repetitivität, indem er auf gleiche Beispiele und Gedanken zurückgreift. Reinhard Heil schreibt in seiner Darstellung von Weniger als Nichts, dass die meisten Inhalte bereits in vorangegangenen Werken geäußert worden sind, und man daher vieles „teils in neuem Gewand, teils als Wiederholung oder Variation“ finden könne. Žižek ringe „in all seinen Büchern damit, dass das, was er ausdrücken möchte, dem Gesagtwerden entgegensteht bzw. sich ihm entzieht.“ Das führt dazu, dass auch in dem Handbuch einige Gedanken wiederkehren, ohne dass sie dabei jedoch zu lästigen Wiederholungen verkommen. Die oftmals als ‚essayistisch‘ beschriebenen Denkbewegungen der Bücher Žižeks greifen zwar auf Bekanntes zurück. Entscheidend ist allerdings die Perspektivierung. So ergeben sich aus einer Verschiebung der Blickrichtung – einer methodischen „Schrägsicht“ – neue Einsichten. Auch weil dabei unterschiedliche Kontexte aufeinander bezogen werden, weist das Denken Žižeks über die Philosophie hinaus und generiert auch für andere Disziplinen wie Literatur- und Filmwissenschaften, Politik oder Theologie Impulse.
Der Herausgeber Dominik Finkelde hat sich bereits seit Jahren in mehreren Veröffentlichungen mit dem Denken Žižeks auseinandergesetzt und dabei auch mit Žižek zusammen einen Band zu den Filmen David Lynchs publiziert. Ähnlich verhält es sich mit den insgesamt 51 internationalen Autorinnen und Autoren des Handbuchs. Nahezu alle haben sich zumindest mit einigen Werkaspekten intensiv beschäftigt, wenn sie nicht gar wie Rex Butler, Hyun Kang Kim und Reinhard Heil selbst Einführungen in das Denken Žižeks verfasst haben. Im Mittelpunkt des Handbuchs steht eine breite „Auswahl“ der wichtigsten Monographien des Philosophen. Von den deutlich mehr als 50 Büchern sind 29 Titel bis 2020 direkt berücksichtigt, wobei es den internationalen Beiträgerinnen und Beiträgern überlassen blieb, welche Auflage und Ausgabe der Werke sie verwenden. Daneben finden sich Übersichtsartikel, die zentrale Themen der Werke übergreifend betrachten und Diskurskontexte einordnen. Hierzu gehören etwa die Hegel-Kontroverse mit Richard Brandom, aber auch Artikel zu Religion, zur ‚radikalen Demokratietheorie‘ um Ernesto Laclau und Chantal Mouffe oder zur Ontologie und dem ‚Neuen Realismus‘. Hinzu treten Themen am Randbereich, wie die Rezeption Žižeks in China sowie die slowenischen Anfänge. Zu letztgenanntem Thema finden sich nicht nur zwei Artikel zur Slowenischen Kunstavantgarde, sondern insbesondere die philosophische Darstellung dieser Zeit durch den Weggefährten Mladen Dolar, der gemeinsam mit Slavoj Žižek und Alenka Zupančič zu den zentralen Köpfen der Ljubljana-Schule für Psychoanalyse zählt.
Die letzten beiden Abteilungen bieten schließlich einen Überblick zu Namen und Themen. Es werden 17 als „Einflüsse“ betitelte Persönlichkeiten vorgestellt, die von Louis Althusser, Alain Badiou, Judith Butler über Alfred Hitchcock, Wladimir Lenin bis Karl Marx und Friedrich Schelling reichen. Gemeinsam mit dem letzten Teil zu Zentralbegriffen ergibt sich damit ein gut konsultierbares Lexikon grundlegender Zusammenhänge, was gerade für die aus der Lacan- und Hegel-Lektüre herstammenden Konzepte hilfreich ist. In übersichtlicher Weise lassen sie sich hier erschließen. Hinzu kommen Begriffe wie „Parallaxe“ sowie Positionen zu Diskursfeldern wie „Queere Theorie“, „Gewalt“ oder „Christentum“. Als Einführungs- und Vertiefungsband bietet das Handbuch so umfassende und grundlegende Informationen zu den wesentlichen Werkaspekten. Um sich mit dem komplexen Denken Žižeks vertraut zu machen oder einzelne Inhalte und Bezüge fachkundig nachzulesen, wird das Handbuch daher zukünftig sicherlich eine wertvolle erste Anlaufstation sein.
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