Durchgeheult und durchgeschwitzt
Filmkritik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht selten über eine Servicefunktion hinaus in die fundierte Analyse. Begünstigt durch das PR-Instrument ‚Starinterview‘ ist die Trennlinie zwischen Vermarktung und Rezension häufig unscharf
Von Sigrid Fischer
„Kurz und knapp, kaum differenziert“, schreibt Herbert Hoven in dieser Zeitschrift über die Literaturkritik im Radio. „Sie wird immer mehr zur Serviceleistung.“ Um es gleich vorweg zu sagen: Für die Filmkritik im Radio gilt das gleiche. Wobei die Bezeichnung „Filmkritik“ oft gar nicht zutrifft, denn in Radio- und Fernsehprogrammen der ARD kursieren „Filmtipps“, beziehungsweise „Filmempfehlungen“. Damit ist der Servicecharakter dieser Rubriken schon definiert. Anders als nicht-professionelle KinogängerInnen, die sich beim Bier anschließend über das Gesehene auch kritisch austauschen, sollen RezensentInnen mancher öffentlich-rechtlicher (ö-r) Formate keine differenzierte, gegebenfalls kritische Auseinandersetzung mit Form und Inhalt eines Films liefern, sondern eine wohlwollende bis positive Betrachtung.
Erstaunlich viele AutorInnen halten sich an diese Vorgabe. Und scheinbar können sie zaubern. Denn jede Woche starten zwar um die zehn neue Filme im Kino, aber nicht jede Woche finden sich darunter auch uneingeschränkt empfehlenswerte. Schon gar nicht, wenn in einem Beitrag gleich drei untergebracht werden sollen, wie bis Ende Februar dieses Jahres im Primetime-Magazin „Mosaik“ des Kulturradios WDR3. Anfangs in vier, nach Einspruch in fünf Minuten. Inklusive Anmoderation, drei Zwischenfragen der jeweiligen ModeratorInnen und drei Audio-Filmausschnitten. Blieben ca. 70 Sekunden pro Film für die „Rezension“. Das Ganze in Form eines live geführten, geskripteten – also nur scheinbaren – Kollegengesprächs. In anderen Fällen hinterlegen AutorInnen vorproduzierte Antworten im Sendespeicher. So können unterschiedliche ModeratorInnen in Wiederholung das gleiche „Gespräch“ simulieren. Warum dann überhaupt die Gesprächsform? Weil der „gebaute Beitrag“ ziemlich out ist, im Radio dominiert der Dialog. Vermutlich, weil er den HörerInnen weniger Konzentration abverlangt. Oder, weil es dann mehr nach Podcast klingt? Die Zeiten jedenfalls, in denen gut vorbereitete/r ModeratorIn und FilmkritikerIn on air einen echten Gedankenaustausch hatten, sind wohl nicht nur im WDR inzwischen eher die Ausnahme.
Drei Filme in fünf Minuten (Bayern1 „Kino kompakt“ schafft die sogar in drei Minuten), das bedeutet: mindestens sechs Stunden Filme schauen, plus Anreisen zu den Pressevorführungsterminen, sich in drei gegebenenfalls komplexe Themen einarbeiten, Film-O-Töne auswählen und schneiden, „Gesprächs“-Manuskript verfassen, es vorproduziert oder live abliefern. Summasummarum: zwei bis drei Tage Arbeit. In WDR- Kulturredaktionen gibt es dafür ein Honorar von ca. 295 Euro brutto (umsatzsteuerbereinigt). Ohne Mehrfachverwertung lohnt sich der Aufwand für Freiberufliche MitarbeiterInnen (FMs) kaum. (Eine Umfrage unter Mitgliedern des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) aus diesem Jahr belegt prekäre Arbeitsbedingungen in dieser Zunft. Nur noch wenige der befragten Personen können demnach dem Beruf in Vollzeit nachgehen.) Seit circa 2 Jahren gibt es wöchentlich einen ARD-Kulturpoolbeitrag „Film“. Sechs Sender beauftragen reihum AutorInnen mit einem ungefähr dreieinhalbminütigen „gebauten“ Filmbeitrag, der vom News- bis zum Kulturmagazin in allen Sendeformaten einsetzbar sein soll. Synergieeffekt, kostensparend. Für die AutorInnen gibt’s dafür im WDR 50% Zuschlag aufs Regelhonorar. Das Verfahren schränkt die potenzielle Vielfalt an ARD-weit besprochenen Filmen und an Sichtweisen dazu ein.
Drei Filme in fünf Minuten, das ist auch dreifach unwürdig: einer denkenden, filminteressierten Hörerschaft, dem Film als Kunstform und der AutorInnen, von denen einige substanziell mehr zu bieten hätten. Wünscht der Sender dazu noch positive Urteile, gefällt das nicht nur den Filmverleihern. Es entsteht auch ein Glaubwürdigkeitsproblem.
In den „Filmtipps“ des Breitenprogramms WDR2 wird pro Woche ein neuer Film in immerhin gut drei Minuten vorgestellt. Mit Online-Punktebewertung. Dabei fällt auf, dass immer dann fünf Sterne vergeben werden, wenn Kultfaktor und entsprechender PR-Hype im Spiel sind, viele HörerInnen also wahrscheinlich ein Ticket kaufen werden. Beispiele dafür sind Wiederauflagen erfolgreicher Vorgänger nach rund 15 oder 20 Jahren wie Der Teufel trägt Prada, Indiana Jones oder Bully Manitu Herbig. Oder wenn die erfolgreiche Mission Impossible-Reihe nach rund 30 Jahren endet. Oder wenn eine pinkfarbene Barbie-Hysterie ausbricht – von der PR-Kampagne des Filmverleihs heftig befeuert. Und – jede Wette gewinnt – auch Christopher Nolans Odyssee. Mit den Filmen an sich haben diese Bewertungen und Besprechungen wenig zu tun, man hängt sich an das Event als Massenphänomen, mit Sätzen wie: „gute Unterhaltung im besten Sinne!“ „Unterhaltungskino erster Klasse“. Zwischentöne kommen nicht vor, offensichtliche Mankos werden nicht gesehen, zumindest nicht benannt. Das Programm wird zum verlängerten Arm der Marketingagenturen. „‘Filmtipps‘“, wetterte der letzte WDR-Filmredakteur Helmut Merker,
die in Morgen-, Mittags-, Boulevard- und Kulturmagazinen flott zusammengeschnipselt wuchern, (…) dienen nicht der Kritik, nicht dem Zuschauer, nicht dem Film; der behauptete ‚Service‘ ist nichts anderes als Liebedienerei und besinnungsloses Mitklappern bei aufwendigen Kinokampagnen.
(Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de, 2010)
Tiefgründiges wird und muss von Mainstreamwellen wie BR1, NDR2, SWR3 oder WDR2, die weniger konzentriert als nebenbei gehört werden, niemand erwarten. Im etwas flüchtigen Medium „Radio“ soll kein Filmhochschulseminar abgehalten werden, auch der subjektiv-emotionale Zugang zu einem Film gehört zur Besprechung – ganz im Sinne des „Michael Althen-Preises für Kritik“ der FAZ, mit dem über Jahre eine Form der Kritik gewürdigt werden sollte, „in welcher analytische Schärfe und Emotion einander bedingen und ergänzen“.
HörerInnen verdummen soll Filmkritik dagegen nicht. Die Kulturwellen, in die die störende und kostspielige Wort- und Gedankenlast aus den populären Programmen ausgelagert wird, sind in besonderem Maße für Kultur, Bildung und Information zuständig. Auf sie strahlt das gefällige Niveau der „Flagschiffe“ allerdings immer mehr aus. Schon, indem ihre ModeratorInnen und AutorInnen hier wie da zum Einsatz kommen. Anstatt das eigene Publikum ernst zu nehmen, schielt man neidisch auf die Einschaltquoten der anderen. Denn auch die Kulturradios wollen jetzt „für alle“ senden, nicht nur für ein speziell interessiertes Publikum, das darf gerne zum Deutschlandfunk abwandern.
„Kultur wird nur noch als elitär verstanden“, schreibt Katrin Röggla, Schriftstellerin und Professorin an der Kunsthochschule für Medien Köln, 2025 in der FAZ über ihre Erfahrung als Mitglied des RBB-Rundfunkrats. Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf äußert sich 2024 über den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) in der Süddeutschen Zeitung ähnlich: „Es macht sich Hochkultur-Feindlichkeit, Literatur-Allergie, Bewusstseinserweiterungs-Verhinderung breit.“
Selbst wer die Auffassung teilt, Kultur sei elitär, der müsste zugestehen, dass in sechs Radiowellen, wie sie unter anderem der WDR bespielt, Raum genug wäre für Differenzierung – nicht nur in der Musikfarbe, sondern auch in Zielgruppenbedürfnissen. Beim „für alle senden“ werden eben nicht „alle“ angesprochen, sondern die vergessen beziehungsweise bewusst ignoriert, die beim (Kultur)Radiohören ein Erkenntnisinteresse antreibt. Denen es nicht um drei oder fünf Sternchen geht, sondern um die Auseinandersetzung mit einem künstlerischen Werk, und darüber auch mit der komplizierten Welt, mit dem Menschsein. Auch sie entrichten ihren monatlichen Rundfunkbeitrag. Ihnen sollten RezensentInnen komplexere Sichtweisen anbieten, anstatt nur zu „empfehlen“ wie der Küchenchef im Restaurant.
Film ist nicht nur Story, Thema, Handlung, sondern eine eigene künstlerische Ausdrucksform. Rezensionen im ÖRR beschäftigen sich aber häufig mit Inhaltserzählung, und wenig mit filmischen Mitteln und ihrer Wirkung auf ZuschauerInnen. Eine angemessene und unabhängige Besprechung, die sich als Mittler zwischen Film und Publikum versteht, muss jenseits von Gefallen oder Nichtgefallen auch darüber reden, und gegebenenfalls über historische oder gesellschaftspolitische Implikationen, ebenso darüber, woran ein Filmprojekt scheitert, so ambitioniert und thematisch wichtig es auch sein mag. Ein 6-7 minütiges Rezensionsgespräch wie etwa in der WDR3/5-Sendung „Westart“ oder in „Kultur heute“ im Dlf kann den Blick in solche Richtungen schärfen, kann auf Details hinweisen, die gelegentlichen KinogängerInnen möglicherweise nicht auffallen würden, die ihr Kinoerlebnis aber aufwerten. Nicht zuletzt im Sinne einer dringend notwendigen Medienkompetenz in einer von Bewegtbildern überfluteten Gegenwart. Und vor dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Netflixisierung der Filmrezeption, wo vier Zeilen Inhalt beim durchzappen als Orientierung reichen müssen.
Dem im Weg steht die große Angst der Führungskräfte, ö-r Radio könnte ihre HörerInnen belehren. Zunehmend vermittelt sich der Eindruck, man schäme sich für sachkundige und kompetente Arbeit. Motto: Expertise unerwünscht, FachautorInnen damit auch. Mit der jüngsten Entscheidung, FMs bei Erreichen des Rentenalters nicht weiter zu beschäftigen, entfernt die ARD derzeit jede Menge „Expertise“ aus ihren Programmen, das Kernstück ö-r Sendens. ARD und ZDF hätten die Aufgabe, zitiert der Dokumentarfilmer Andres Veiel 2024 in der SZ das Bundesverfassungsgericht im Gebühren-Urteil von 2018, „in ihren Programmen Aspekte aufzugreifen, die über das Standardformat von Sendungen für ein Massenpublikum hinausgehen, und solchen ein eigenes Gepräge zu geben“.
Tatsächlich sind mehr und mehr GeneralistInnen gefragt. Man gibt sich mit dem unprofessionellen Blick auch auf die Kunstform „Film“ zufrieden, oder bevorzugt ihn hier und da sogar. Denn über Filme kann schließlich jeder reden. Diese Haltung führt zu Rezensionstexten wie: „In diesem Film ist eigentlich alles anders, als Zuschauer das erwarten.“ „One Battle After Another ist mit 2 Stunden und 42 Minuten lang.“ „Leonardo DiCaprio springt über Dächer, wie Zuschauer das aus so vielen Filmen gewohnt sind…“ Fazit: „Was bleibt also von Revolution, von Widerstand? Tja, ganz so einfach ist das alles eben nicht.“ (WDR5 zum Streamingstart des Oscargewinners One Battle After Another).
Beitragsmanuskripte durchlaufen ein redaktionelles Redigat. Wenn RedakteurInnen von Programmchefs nur noch als „Inhaltskoordinatoren, Distributoren, Datenanalysten, Contentproduzenten“ betrachtet werden, und immer weniger als „tatsächliche Journalisten“, wie Elmar Pott, Programmbereichsleiter Wirtschaft, Wissen und Verbraucher des WDR auf dem jährlichen Kongress für alle Freien MitarbeiterInnen der öffentlich-rechtlichen Sender im vergangenen April erklärte, „da geht auch ein Stück weit Inhalt und Qualität verloren.“ RedakteurInnen stellen erfahrungsgemäß inhaltlich und fachlich kaum noch ein Korrektiv dar. Hauptsache, der Film wird positiv besprochen. Warum sollte man schließlich sonst im Radio drüber reden?
GeneralistInnen sind auch FrankreichkorrespondentInnen, die aus Spargründen aufs Filmfest Cannes angesetzt werden, von dem sie verständlicherweise wenig Ahnung haben, und etwa der richtigen Feststellung der Moderatorin widersprechen, dass der deutsche Film über Jahrzehnte im dortigen Wettbewerb kaum vertreten ist. (Seit 1966 waren es zwölf, darunter fünf von Wim Wenders) Ähnlich unbedarft sind KulturredakteurInnen, die mal den Schreibtisch verlassen und an die Côte d’Azur reisen dürfen, und dann – wahrscheinlich verzückt vom Ort des Geschehens – die Beiträge im Cannes-Wettbewerb beschwärmen. Was ausdrücklich nicht ihnen anzukreiden ist, sondern denen, die sie damit beauftragen: AbteilungsleiterInnen.
Es gibt auch Gegenbeispiele für tiefergehende Reflexionen über das Filmgeschehen in wöchentlichen ein- bis zweistündigen Fachmagazinen oder Podcasts wie: „12 Uhr mittags“ (RBB radioeins), „Vollbild“ (Dlf Kultur), „Eine Stunde Film“ (Dlf Nova, bis Februar 2025). Moderiert von FilmjournalistInnen, die mit KollegInnen über neue Kinofilme sprechen, die in der Regel beide gesehen haben. Zwei ExpertInnen reden also über ihr Fachgebiet. Dabei irritiert doch sehr, dass einer dem anderen Fragen stellt, die er selbst beantworten könnte: „Erklär uns doch mal, warum ….“ „Erzähl doch mal, was Regisseur X ausmacht …“ und so weiter, um sich am Ende manchmal mit eigener Meinung zu outen. Warum treten die zwei nicht in einen spannenden Diskurs, tauschen ihre Sichtweisen aus? Mit kurzer Einführung zum jeweiligen Film, damit HörerInnen folgen können.
Sie nutzen ihre Sendezeit auch, wann immer möglich, für Interviews mit Filmschaffenden zu den Kino-Neustarts der Woche. Mit Gästen live im Studio, oder vorab geführt als Beitrag zugespielt. Kino King Knut von radioeins z.B. bespricht drei Filme in 6-7- Minuten am Donnerstagmorgen, und weist darauf hin, dass RegisseurIn X oder SchauspielerIn Y dieser Filme Gäste in seiner kommenden Samstagsendung sein werden.
Dort, wie auch in „Vollbild“ und multithematischen Kulturmagazinen, treten die Interviews in aller Regel an die Stelle der Rezension, anstatt sie zu ergänzen. Es sind freundliche Verneigungen vor dem „zauberhaften“, „herzerfrischenden“ Werk, das die Studiogäste den HörerInnen im Gespräch erklären. Widerspruch, Einwände von ModeratorInnenseite hört man tendenziell nicht. Kritische Auseinandersetzung findet kaum statt.
Je hochkarätiger die KünstlerInnen, desto wahrscheinlicher hat das extern geführte Interview in einer Gruppe von mehreren RadiojournalistInnen stattgefunden, die maximal 20 Minuten lang am runden Tisch sitzen und die Ellenbogen ausfahren, um ihre Frage zu platzieren. Beispiel: Vier-Sterne-Hotel Berlin, Quentin Tarantino, 8 MedienvertreterInnen am „Roundtable“, 15 Minuten Zeit, erste Frage: „How do you like Berlin?“ Nicht selten sitzen Verleih-AgentInnen mit im Raum, zur Kontrolle. Es wird kaum kritisch nachgefragt, keine Filmanalyse betrieben, sondern das „talent“ hinterher um ein Selfie für den eigenen Instakanal oder die Webseite des Senders gebeten. Die Antworten entsprechen oft dem, was bereits im Pressedossier zum Film zu lesen war. Von alldem erfahren die HörerInnen nichts.
Eine Handvoll deutscher Hörfunk-JournalistInnen betreibt dieses Geschäft ausgiebig, einige werden gelegentlich von den Filmfirmen in die USA, nach London oder Paris geflogen, streuen ihre Beute hinterher möglichst breit und prägen mit ihren Beiträgen das Filmressort im ÖRR. Auch sie sind gewissermaßen „Zirkulationsagenten“, von denen Herbert Hoven in seinem Beitrag „Fünf Minuten für E.T.A. Hoffmann“ in dieser Zeitschrift bezogen auf den Buchmarkt schreibt. Bestimmte Formen der Filmkritik sind Teil des Vermarktungssystems, sodass sich die Frage aufdrängt: arbeitet AutorIn X oder Y für ein unabhängiges Medium oder den Produktions- und Verleihfirmen in die Hände? Diese haben kein Interesse an Filmanalyse, und stellen als Audiomaterial für Radiobeiträge oft nur noch den Werbetrailer zur Verfügung, und knackige Oneliner, beide derart mit Sound zugeballert, dass sie kaum einsetzbar sind. Sie zielen auf Social Media ab, auf Werbung, Fanevents sollen den Start des Films kommunizieren, nicht fundierte Rezensionen. Muss der ÖRR das mitmachen?
Die Verzahnung von Produktanbieter und Presse, das Geben und Nehmen, ist in der Filmbranche sehr ausgeprägt. Besonders, wenn Starkontakt im Spiel ist. Interviews sind die Währung, böse gesprochen, das Schmiermittel für positive oder zumindest neutrale Kritiken. Es gehört viel Standfestigkeit dazu, trotzdem unabhängig über die jeweiligen Filme zu sprechen. In der finalen Podcastfolge von „Eine Stunde Film“ bei Dlf Nova im Februar 2025 beklagt Präsentator Tom Westerholt die „massive Flut an Bewegtbild“, mit der er von den Verleihern und betreuenden Agenturen jede Woche überschwemmt werde. “Wir sollen dieses und jenes am besten sofort in den Podcast reinnehmen.“ Im Wort „sollen“ manifestiert sich die Erwartung von Filmverleihern an die „KritikerInnen“. Darin stecken aber auch die Geister, die Westerholt und seine Co-Moderatorin Anna Wollner allzu oft riefen. Denn auch dieses Format platzierte in möglichst jeder Folge Interviews mit zum Teil namhaften RegisseurInnen und DarstellerInnen. Wer als FilmkritikerIn hauptsächlich davon lebt, steht in der Gefahr, vereinnahmt zu werden, und darf den Filmen gegenüber nicht zu kritisch sein, sonst bekommt er/sie keine.
Und so wirkten Sendung und Podcast in 11 Jahren und 571 Folgen oft mehr als Verkaufs-, denn als Rezensionsplattform. Wenig genaues Hinschauen, kaum kontroverse Diskussionen zwischen den beiden. Begeisterung bestimmte die Tonlage: „fulminant“, „großartig“, „zauberhaft“, „herausragend“, „alles groß“, „nicht nur ein Film, ein Meisterwerk“. „Ich habe durchgeschwitzt“. „Ich habe durchgeheult“. Schlusswort einer Ausgabe: „Drei herausragende Filme ab Donnerstag (sehr unwahrscheinlich!), und nächste Woche Angelina Jolie bei uns zu Gast.“ Zwei Filmfans schwärmten überwiegend im Deutschlandfunk (!), und hatten für Analyse und Differenzierung wenig übrig. Nicht unähnlich den noch geschmeidigeren InfluencerInnen, die in der Gunst der Verleihfirmen gestiegen sind. Sie liefern eine größere Reichweite, und bei ihnen besteht noch weniger die Gefahr, dass sie ein schlechtes Wort über den jeweiligen Film verlieren, wenn sie vorher ein One-on-One im Hotelzimmer mit „007“ Daniel Craig hatten. Grundprinzip im ÖRR müsste in Abgrenzung dazu sein: Interview und Rezension gehören in getrennte Hände, erst recht, wenn große Namen im Spiel sind.
„It’s only a movie, and, after all, we‘re all grossly overpaid“ (Alfred Hitchcock). Sind doch nur Filme, also alles nicht so wichtig? Doch. Denn Glaubwürdigkeit ist ein wichtiges Pfund für den ÖRR. Durch Interessenkollisionen unterschiedlicher Art wird sie aufs Spiel gesetzt. Da stehen ö-r FilmautorInnen auch auf der Honorarliste von Filmverleihern, als PodcastmoderatorIn oder VerfasserIn von Pressedossiers, besprechen die Filme dieses Verleihs aber auch im Radio. Oder sie begrüßen bei der Deutschland-Premiere den Star auf der Bühne, und sein Film bekommt in der Startwoche 4 von 5 Punkten. Oder sie arbeiten eng mit der Berlinale zusammen, z.B. als ProgrammberaterIn oder ModeratorIn von Gesprächsreihen, bei gleichzeitiger Reportertätigkeit von dort, bzw. späterer Rezension von Festivalfilmen in ihren Sendungen. Auch hier trennt der ÖRR nicht sauber zwischen Rezension, Beraterfunktion und Medienpartnerschaft, die mit der Berlinale ja mehrere Sender eingehen.
Die Serviceorientierung der Sender mit ihren entsprechenden Formaten, und die – wie auch immer motivierte – Bereitschaft der AutorInnen zu ‚Liebedienerei‘ greifen ineinander und begünstigen die Neigung zur gefälligen, undifferenzierten Berichterstattung über Filme im ÖRR. Beidem zugrunde liegt ein zweifelhaftes Verständnis sowohl von Kultur als nettem, gegebenenfalls verzichtbarem Beiwerk, als auch von Journalismus. Der gerät in dieser Gemengelage unter die Räder. Und weil sich die Sender in ihrer Programmgestaltung selbst von Marketingstrategien leiten lassen, (s.a. Herbert Hoven in dieser Zeitschrift), fehlt das Korrektiv für diese Entwicklung.
1973 zeigte sich die legendäre US-Filmkritikerin Pauline Kael im US-Nachrichtenmagazin Newsweek davon überzeugt: “In the arts, the critic is the only independent source of information. The rest is advertising.” Bezogen auf ihr Fach, die Filmkritik, würde sie diese Aussage heute vielleicht überdenken.













