Warum Klassiker lesen?
Thomas Groß wirbt in „Warum sich weiterlesen lohnt“ für anspruchsvolle Literatur
Von Michael Duszat
Wie viele andere Bücher über das Lesen geht auch Thomas Groß’ Warum sich weiterlesen lohnt von der Beobachtung aus, dass heutzutage weniger anspruchsvolle Texte gelesen werden als früher. Der Begriff „Weiterlesen“ im Titel verweist außerdem auf die Annahme, dass die Konzentrationsfähigkeit heutiger Bücherleser oft zu schwach ausgeprägt sei, um mehr als kurze und einfache Texte zu lesen.
Um diesem Trend etwas entgegenzusetzen, möchte Groß auch jenseits von aktuellen Bestseller-Listen „Leseempfehlungen geben und für literarisches Verständnis werben“. Konkret geht es ihm um Klassiker der deutschsprachigen Literatur, nämlich um drei der bekanntesten (und wohl auch gefürchtetsten) Namen aus der Zeit der Romantik: Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist und Novalis. Ihnen widmet der Autor jeweils ein längeres Kapitel. Denn, so der Autor, diese Klassiker gehörten zu unserem „literarischen Erbe“ und könnten gerade in Zeiten, in denen sich der Blick gerne über den ganzen Globus richtet, Orientierung bieten.
Wer über Klassiker sprechen will, muss sie der Gegenwart ein Stück näherbringen. Und eine Stärke von Warum sich weiterlesen lohnt liegt tatsächlich in der unterhaltsamen Klarheit, mit der der Autor den jeweiligen historisch-biographischen Kontext vermittelt und uns damit auf eine genauere Lektüre ihrer literarischen Texte vorbereitet. Wenn wir wissen, was einen Autor wie Hölderlin umtrieb, fällt es uns leichter, seine für heutige Ohren altmodisch klingende Lyrik zu verstehen und zu schätzen. Und auch bei Kleist und Novalis gibt Groß gute Einblicke in die Zeiten und Strömungen, auf die sie schreibend reagierten.
Seine Lektüren der Texte selbst sind ebenfalls Beispiele für gelungenes Close Reading. Sie bieten interessante Einsichten, wobei sie sich durchaus an ein gebildetes, durch differenzierte Interpretationen nicht abzuschreckendes Publikum richten. Allerdings entfernen sich die Lektüren recht bald vom vermeintlichen Anliegen des Buches: Denn trotz aller Einsichten in die Poesien der drei Klassiker wird die Frage, warum wir mehr davon als jeweils nur die erste Seite lesen sollen, nur indirekt beantwortet: Das Ergebnis des Lesens – also die vorliegenden Lektüren Groß’ – scheint ausreichend zu belegen, dass sich das Lesen der Texte lohnt. Ob das aber auch jemanden dazu bringt, der nicht wie Groß geschult in Literaturgeschichte und -wissenschaft ist, nun selbst auch Novalis oder irgendeinen anderen anspruchsvollen Klassiker zu lesen?
Den drei Hauptkapiteln folgen fünf kürzere Essays zu anderen, gegenwärtigeren und auch nicht-deutschen Autoren wie Michail Bulgakow, Wilhelm Genazino und Hilary Mantel, die dem Autor zufolge ebenfalls mehr Leser verdienen. Dagegen kann man an sich nichts sagen, und auch hier gibt es einiges Wissenswerte zu entdecken. Doch dieses etwas unmotivierte Anheften weiterer Lektüren jenseits des Kontextes Klassiker verdeutlicht noch einmal, dass der Buchtitel (sowie Klappentext und Vorwort) mehr Antworten versprechen als das Buch liefert. Es bleibt dadurch nämlich am Ende doppelt unklar, warum ausgerechnet die vorher ins Zentrum gestellten Autoren Hölderlin, Kleist und Novalis beziehungsweise deren Werke zeigen können sollen, warum sich „weiterlesen“ lohne. Denn der Autor demonstriert das nun ja auch genauso bei anderen, nicht schon tief in der Literaturgeschichte vergrabenen Werken, einfach weil es sich um gute Bücher handelt – literarisches Erbe hin oder her.
Obwohl Warum sich weiterlesen lohnt sich zweifellos auch selbst zu lesen lohnt, wenn man mehr über bestimmte Autoren und ihre Zeiten erfahren will, kann es den Zusammenhang zwischen der eigenen Ausgangsfrage und den Einzellektüren nicht ganz überzeugend herstellen. Auch wenn das Buch einen indirekten Beitrag zur Debatte um das Lesen liefert, möchte es in Wirklichkeit vielleicht „nur“ eine lose Sammlung von Essays zur Literatur sein.
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