Ein vorhersehbares Ende?

In Abdulrazak Gurnahs neustem Roman „Diebstahl“ erweckt der Verlag durch den Umschlagtext falsche Erwartungen

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sollte man vor der Lektüre eines Buches dessen Klappentext oder andere Werke desselben Autors lesen? Im Fall von Diebstahl lieber nicht. In Nachleben (2021) und auch in Das versteinerte Herz (2024) hatte der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah dem europäischen Leser noch das konfliktbeladene Verhältnis der schwarzen Protagonisten zu den Kolonisatoren nähergebracht. Daraus entstand die Spannung beider Romane. Im vorliegenden Diebstahl sind die Protagonisten jedoch selbst „verwestlicht“: Bis auf Badar leben sie ein „westliches“ Leben, sie studieren und machen Karriere in Wirtschaft und Schule. Karim nimmt zuletzt eine Stelle an, die ihn nach Kopenhagen führt, wo er ein riesiges, „europäisches“ Gehalt verdient. Fauzia wird Lehrerin. Die Ehe von Karim und Fauzia geht nach anfänglicher Verliebtheit vor allem an Karims Überforderung durch das ersehnte Kind (offenbar ein „Schreikind“) in die Brüche – eine Erzählung, die man auch hierzulande von allzu vielen Paaren kennt.

Doch der Klappentext der Hardcover Ausgabe von Diebstahl weckt falsche Erwartungen. Es heißt, dass alle drei Protagonisten „ihr Leben in die Hand nehmen“. Das kann man allerdings nicht von Fauzia sagen. In erster Linie trifft das auf Karim zu, dessen Geschichte den Roman bestimmt. Im Gegensatz zu den zwei anderen Hauptpersonen wird sein Leben von Geburt an geschildert; erst im Teenageralter kommt Badar hinzu, wobei sein Verhältnis zu Karim großes Konfliktpotenzial hat und eigentlich Thema der weiteren Erzählung ist. Fauzia aber spielt eine Nebenrolle; hauptsächlich ihr kurzes Leben mit Karim und das Scheitern der Beziehung werden näher beleuchtet. Von ihr erfährt man außerdem, dass sie eine begabte Schülerin und Studentin war, die, anders als Karim, auch anspruchsvolle Literatur (und sogar Gedichte!) liest und Lehrerin wird. Fauzias Leben wird jedoch von der Angst vor epileptischen Anfällen bestimmt. Sie selbst litt bis zum Alter von sechs Jahren unter dieser Krankheit und hat nun Sorge, dass auch das Baby Nazra Epilepsie hat. 

Diebstahl ist – wie die anderen Romane Gurnahs – eine verwickelte Familiengeschichte. Karim ist der einzige Spross aus der arrangierten Ehe der jungen Raya und dem viel älteren Bakari Abbas, der zuvor schon einmal verheiratet war. Nachdem Raya eine Zeit lang die sexuellen Bedürfnisse ihres Mannes widerwillig befriedigt hat, hält sie es nicht mehr aus und zieht zunächst mit dem kleinen Karim zu ihren Eltern. Aber auch da wird sie nicht glücklich. Sie sucht sich eine eigene Unterkunft und lässt Karim bei ihren Eltern zurück. Nachdem sie den Apotheker Hadji aus Daressalam kennengelernt und geheiratet hat, zieht Karim zu den beiden, um an der Universität zu studieren. In dieser Familie, in der auch Hadjis Vater lebt, trifft er den ein paar Jahre jüngeren Badar, den seine Familie als Diener angestellt hat. Karim freundet sich mit Badar an, ist hilfsbereit und aufgeschlossen, behandelt ihn allerdings immer mit einem gewissen Hochmut, was Badar ihm aber zunächst nicht übelnimmt. Als Badar von Hadjis immer mürrischem Vater vorgeworfen wird, einen Diebstahl begangen zu haben, wird er aus dem Haus geworfen. Die restlichen Familienmitglieder glauben eigentlich an seine Unschuld, müssen sich dem übelwollenden Vater jedoch unterwerfen. Erst zu dem Zeitpunkt erfährt man, dass Badar eigentlich ein Verwandter ist, der einen missratenen, kriminellen Vater hatte und dessen Mutter schon verstorben ist. Daher sah sich der Großvater verpflichtet, für ihn zu sorgen. Nach dem Rauswurf verschafft Karim Badar einen Job in einem Hotel auf Sansibar, das Ende der 90er Jahre schon sehr touristisch ist. Er erklärt ihm, dass es nicht nur ein Job sei, sondern eine „Anstellung mit Perspektive.“

Auch Karim arbeitet nach dem Studium auf der Insel. Im Studium hat er sich in die intelligente Fauzia verliebt; die beiden heiraten und beziehen bald eine recht große Wohnung, in der Badar die ersten Monate auch wohnen darf. Später findet Karim für Badar ein Zimmer. Badar fühlt eine große Zuneigung zu beiden. Er ist überzeugt,

die beiden zu lieben. Karim, weil er ihm in der Not geholfen hatte und weil er clever, gutaussehend und souverän war – es sei denn, er gab sich herrisch und dominant. Fauzia liebte er, weil sie sanft war und nachdenklich und schön, selbst in dieser anstrengenden Zeit. Bei den beiden zu sein machte Badar glücklich…

Wegen der epileptischen Anfälle hat Fauzia Angst vor einer Schwangerschaft, zu der sie sich aber dann doch durchringen kann. Das Ehepaar ist glücklich, als Nazra geboren wird, die offenbar die Krankheit nicht von der Mutter geerbt hat. Allerdings ist Fauzia aus Sorge um die Kleine immer sehr nervös und gestresst und verweigert sich Karim auch sexuell. Dieser wird immer aggressiver. Im Gegensatz zu Badar kann Karim das Kind bei ihren Schreikrämpfen nie beruhigen, sondern bringt es durch seine aggressive Art noch gegen sich auf.

Unglücklich und unzufrieden trifft er in dem Hotel, wo Badar arbeitet, eine sehr schöne Frau, eine „Freiwillige“, wobei man nicht erfährt, in welchem Sektor sie ihre ehrenamtliche Arbeit verrichtet. Sie hat es auf Karim abgesehen, der sich nur zu gerne verführen lässt.  Als Fauzia davon erfährt, zieht sie zurück zu ihren Eltern. Die Beziehung ist beendet.

In einem letzten Gespräch mit Badar vermutet man, dass Karim sich für sein aggressives Verhalten entschuldigt. Doch der tut genau das Gegenteil: Er wirft Badar Faulheit, Untätigkeit und mangelnden Ehrgeiz vor. Badar erinnert sich, dass er immer wieder Karims Belehrungen zu ertragen hatte, der mit ihm oft „wie mit einem dummen Teenager“ sprach. Bislang hat ihm das wenig ausgemacht, „nur gelegentlich setzte es Badar einen winzigen Stich, der aber schnell wieder verebbte, wenn er sich daran erinnerte, was Karim alles für ihn getan hatte.“

Ohne das Ende zu spoilern, kann man doch verraten, dass es ein an Kitsch grenzendes Happy End gibt. Aber wer mit wem?

Nach einer ersten, sehr kritischen Lektüre des Romans, finde ich nun einen Sinn in der – im Vergleich zu den oben genannten Romanen – etwas oberflächlichen Erzählung. Fauzias Mutter Khadija bringt einen darauf, indem sie auf Karim und seine Affäre verweist:

Er hat dich nicht verdient. Er ist verschwunden, um mit einer Touristin schmutzige Sachen zu machen, schamlos und vor aller Augen… Diese Frau, wer immer sie ist, muss ihm das eingeimpft haben. Eine herumstreunende Touristin mit Geld, aber ohne Ehre. Was wollen diese Leute von uns? Warum kommen sie her? Sie kommen hier an mit ihrer Unmoral und ihrem Geld, mischen sich überall ein und zerstören unser Leben, nur weil sie ihren Spaß haben wollen, und wir bringen es nicht fertig, uns ihrer dreckigen Art und ihrem Geld zu widersetzen. Was wollen sie von uns? Man sieht sie überall, selbst in den kleinsten Straßen und Gassen stehen sie und glotzen den Leuten in die Wohnung… Sie kommen hierher und verschlimmern mit ihrer Rücksichtslosigkeit unsere Probleme. Wir haben unsere eigene Art zu leben vergessen. Wir haben freiwillig der Schamlosigkeit Platz gemacht… Als Khadija endlich verstummt war, sagte Fauzia: Sie ist keine Touristin, sondern eine freiwillige Helferin. Wo ist der Unterschied? Höhnte Khadija. Die Helfer mit ihren dicken Autos und ihren guten Absichten. Sie sollen zu Hause bleiben und mit ihren guten Absichten ihre Landsleute beglücken.

Offenbar will Gurnah mit diesem Roman auch ein Augenmerk darauf legen, wie der Tourismus die Bewohner von Sansibar „verwestlicht“ und korrumpiert hat. Karim und seine gescheiterte Ehe sind dafür ein Beispiel. Badar dagegen ist derjenige, der Güte besitzt und ein Herz hat.

Titelbild

Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Roman.
Aus dem Englischen von Eva Bonné.
Penguin Verlag, München 2025.
331 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783328604389

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