Lebenshilfe vom Rande des Nochdaseins

Der von Volker Michels herausgegebene Briefband „Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende“ zeigt Hesse auch in seinen letzten vier Lebensjahren (1958-62) als zugewandt-empathischen Briefschreiber – bis zum letzten Tag

Von Martin ErnstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Ernst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im jüngst erschienen Hesse-Handbuch des Metzler Verlages (2025) schreibt Volker Michels, Herausgeber des zehnbändigen Briefwerks (Suhrkamp), das Werk Hesses werde in Zukunft „in drei großen Bereichen wahrgenommen werden.“ Neben dem literarisch-essayistischem und den Aquarellen stehe dann die „in ihrem Umfang noch nicht absehbare Sozialarbeit“, welche sich in den Antwortschreiben auf die rund 44.000 Briefen ausdrückt, die Hesse im Laufe seines Lebens erreichten.

Ältere Suhrkamp-Ausgaben zitieren im Anhang den Lyriker Karl Krolow, der Hesse einen der „gewissenhaftesten Briefschreiber“ der deutschen Literatur nannte und an die „Eindringlichkeit“ und „unermüdbar scheinende Lebhaftigkeit der Anteilnahme“ erinnerte, die dieser als Briefpartner gezeigt habe. Die Rezensentin eines früheren Briefbandes bemerkte diesbezüglich, Hesses Briefe verwandelten sich im Zuge des Lesens, „richten sich, während die einstigen Adressaten zurücktreten, an uns persönlich, als Briefe eines vertrauten Freundes“.

Die Psychologie umschreibt die Fähigkeit, sich empathisch in die Perspektive anderer zu versetzen und eine positive Beziehung aufzubauen, mit dem Konzept der Zugewandtheit. Hesses Briefe sind, selbst dort, wo es sich um die zahlreichen eher pflichtgemäßen Einzelantworten an Studenten, Schüler oder Ratsuchende handelt, dem Adressaten stets zugewandt: prinzipiell offen, bemüht um einen Austausch auf Augenhöhe, jedes Anliegen ernstnehmend. 

Korrespondenz als Dienst am Menschen 

Der nun erschienene neunte und vorletzte Band der Briefe Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende umfasst die letzten vier Lebensjahre des Dichters von 1958-62 und birgt inhaltlich nur noch wenig Neues: Die körperlichen Gebrechen, der eigene Kultstatus, das zugebaute Montagnola – die Themen der Vorjahre setzen sich fort. Er zeigt uns Hesse aber nochmal in seiner ureigensten Haltung: als empathischen Gesprächspartner bis zum letzten Tag. An wertvollen Hinweisen, welche die Korrespondenztätigkeit als Dienst am Menschen ganz im Sinne seiner protestantisch-missionierenden Vorfahren verstanden, hat es in der Forschung nicht gefehlt. 

Es lohnt sich, kurz zu rekapitulieren: 1942 hatte Hesse mit dem Glasperlenspiel seinen letzten Roman abgeschlossen. Die 20 Jahre bis zu seinem Tod beschäftigten den Dichter nur noch kleine Formen: Gedichte, Essays, Erzählungen – und eben die äußerst umfangreiche Korrespondenz mit bis zu 500 Zuschriften täglich. Den Großteil seiner noch verbleibenden Kräfte verwendete Hesse auf das Verfassen von Briefen, deren Prosa dem literarischen Werk an Präzision, Eleganz und Musikalität in kaum etwas nachsteht. 

„Freund Hein“ ist nah

Dabei nehmen die Berichte über die nachlassende Sehkraft oder die Gicht nach wie vor viel Raum ein. Ein Brief an Peter Suhrkamp vom Januar 1958 ruft das Leitmotiv der Todesnähe auf und setzt den Ton: „[W]ir spüren beide die etwas kühle Nähe von Freund Hein“, schreibt er dem Freund und Verleger, der 1959 selbst an den Folgen der Nazifolter sterben wird. Hesse selbst verortet sich in diesem Jahr mit einer der für ihn typischen Wortbildungen „am Rande des Nochdaseins“. 

Auch der anwachsende Personenkult ist seit dem Nobelpreis ein Thema, das im letzten Band seine Fortsetzung findet. In Calw will man 1960 das Geburtshaus in ein Museum umwidmen und im fernen Kalifornien schwärmt „seit einigen Jahren die avantgardistische Jugend für Steppenwolf und Demian.“ In Deutschland ist Hesse seit dem Nobelpreis ohnehin ein Klassiker, woran ihn die zahlreichen Anfragen von Schülern und Studenten erinnerten, die nach dem Sinn seiner Werke fragen. 

Lob für Jünger und Benn 

Weniger Pflichtprogramm sind jene Briefe, die ihn mit den Akteuren des literarischen Betriebs verbinden: Hesse korrespondiert mit Theodor Heuss, Erika Mann, Oskar Maria Graf und jüngeren Kollegen wie Max Frisch und Peter Weiss. Doch die jüngeren Generationen kennen nicht nur Verehrung: Nach Karlheinz Deschners Polemik in den 50ern schmäht 1958 auch der Spiegel Hesses Werk als „romantischen Kitsch“. Hesse begegnet dem mit Gelassenheit. In mehreren Briefen, unter anderem auch an Unseld, beschreibt er die Situation gleichnishaft: 

Ich habe einmal ein paar Zeilen über Meng Hsiä geschrieben, der als alter Mann von einem Landbuben mit Dreck beworfen wird. Man fragt ihn: Wird er dem Buben nachlaufen, um ihn zu verhauen, wird er zu des Buben Eltern oder zu einem Anwalt gehen, damit der Bengel bestraft wird? Er schüttelt den Kopf und sagt: Alter Mann wird nachhause gehen und seinen Rock ausbürsten und zu seinen Beschäftigungen zurückkehren. So verhalte ich mich […] 

Hesses Beschäftigungen: Das ist vor allem die Literatur. Unverändert agil und meinungsfreudig ist er dort, wo es um neue Bücher geht. Eines der am meisten gelobten ist Ernst Jüngers Zeitmauer („tief geblickt“), dessen erdgeschichtlicher Ansatz Hesses Beifall findet. Auch die späten Briefe Gottfried Benns werden ausführlich gelobt. Solche Selbstpositionierungen gehören inhaltlich zu den überraschenden Momenten. Vor allem, wenn man bedenkt, wie diametral entgegengesetzt diese Autoren sonst wahrgenommen wurden. 

Moderne-Paradigma und Stilübungen 

Weniger überraschend ist die Zustimmung zu Adorno, dessen Noten zur Literatur der Autor im Herbst 1961 lobt. Und nicht nur Hesses Äußerungen einer jungen Germanistin gegenüber lesen sich wie Kunstreflexionen des befreundeten Frankfurter Philosophen und scheinen in ihrer ratiokritischen Haltung dem enigmatischen Moderne-Paradigma zu folgen: „Das, was die Schullehrer etwa an einem Gedicht erklären, gilt immer nur den sekundären Inhalten und Werten […] Das Eigentliche des Gedichts, seine Einmaligkeit ist unerklärbar.“ 

Im Sommer 1961 bereits hatten Hesse und Adorno sich zum Urlaub im Engadin getroffen. Gerne hätte man Genaueres erfahren, die von Hesse humorvoll präsentierte Stilübung dürfte aber ein Ergebnis der gemeinsamen Abneigung gegen Heidegger sein. Ohne Häme, aber wohl verschmitzt imitiert der 84-Jährige den Duktus des Schwarzwaldphilosophen in einem Brief an den Musikjournalisten Willi Schuh, drei Jahre bevor Adorno seine Kritik am „Jargon der Eigentlichkeit“ publizieren wird: 

Wir sind im Engadin, auch Adornos sind wieder hier. Wir lesen viel, und zuweilen vergnüge ich mich mit kleinen Stilübungen. Als Probe ein Satz, dem Stil Heideggers nachgebildet:
Die Zahl im Zustand des Zustandekommens des Innewerdens ihrer Zahlheit hört auf, als Zahl zu zählen. 

Memotechnik: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 

Besondere Beachtung verdienen die offenen Briefe, die Hesse selbst ein bis zweimal im Jahr in der Zürcher Zeitung veröffentlicht – und die man heute wohl Blog nennen würde. Sie enthalten längere Textpassagen darüber, was ihn beschäftigt (zum Beispiel den Nachruf auf Peter Suhrkamp), aber auch – und hier zeigen sich zwei Züge der späten Briefe – Erinnerungssequenzen, denen eine eigens gepflegte Memotechnik zugrunde liegt. Schon im ersten, dem offenen Sommerbrief von 1959, begegnet Hesse seiner zunehmenden Immobilität mit mentalen Wanderungen, dem „Aufrufen, Beschauen und Kontrollieren des Schatzes an Bildern, die mein Gehirn aus frühen oder frühesten Stufen aufgenommen hat.“ Dieses sich an Proust orientierende „Bilderspiel“ wird eindrucksvoll demonstriert, als Hesse eine Straße seiner Kindheit fast Haus für Haus wiederauferstehen lässt. 

André Gide tanzt: Offene Briefe und Traumbilder 

Dazu gesellen sich Traumbilder, die an die Poetik des Steppenwolf erinnern. Während dort Goethe und Mozart zum Zwiegespräch erscheinen, kommt es hier zu einer eher wortlosen Begegnung mit dem tanzenden Andre Gide, die den Träumenden ratlos zurücklässt. Doch Hesse drängt nicht mehr auf eine Aufschlüsselung. Das neue Plus an Gelassenheit zeigt sich an dieser Stelle in der Aufgabe eines endgültig-logozentrischen Verstehens, eines im Dunkel-Lassens von Stellen:

Ohne dass ich mit Freud und Jung gebrochen hätte, bin ich doch – Ausnahmen zugegeben – des Verstehen- und Deuten-Wollens müde geworden und zu der naiven und kindlichen Weise zurückgekehrt, mit der die Künstler die Welt und also auch die Traumwelt betrachten […] 

Man denkt an den erleuchteten Schulmeister im Glasperlenspiel, der, wortlos entrückt, kurz vor seinem Tod in einem „Zustand heiterer Sammlung“ beschrieben wird. Ganz im Moment, den Dingen hingegeben zeigt sich Hesse in vielen Briefen als Beobachter der kleinen Lebensphänomene, „das Aufblitzen eines Wassertropfens am dürren dünnen Zweig eines erstorbenen Zwergbäumchens […], aber auch die Ameise, die mir beim Stehenbleiben über den Schuh rannte […]“. Und über den spätesten Briefen liegt ein latenter Frohsinn, der am Ende überwiegt. Im letzten Brief vom 7.8.1962 heißt es: „Wir sind ein Spitälchen geworden. Geblieben ist die Fähigkeit […] Lektüre und Musik zu genießen.“ 

Nachlese: Neue Briefe an Finkh, Fischers und Sohn Martin 

Die Briefe von 1958-62 nehmen etwa 265 Seiten ein, die Nachlese mit in der Zwischenzeit neu entdeckten Briefen von 1897-1932 umfasst nochmal circa 250 Seiten. Für den chronologischen Leser passiert Hesses Leben „somit ein weiteres Mal Revue“, wie Herausgeber Michels schreibt. Durch das Prinzip der Wiederholung/ Reprise entfaltet sich nochmal das Echo dieses 85-jährigen Lebens, entsteht aus der doppelten Diachronie ein synchroner Effekt, springt man als Leser nochmal „zurück auf Start“, in das Jahr 1897.

Exemplarisch lassen sich zwei Schreiben an den Heimatdichter Ludwig Finkh anführen. Die Freundschaft ragt wie ein Relikt aus einer anderen Epoche in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die Altersbriefe haben den Jugendfreund, der seit dem Ersten Weltkrieg ins patriotisch-nationalistische Lager gewechselt war, bereits abgeschrieben – auch wenn Hesse 1961 in einem offenen Brief zu dessen 85. Geburtstag gratuliert und an den „Glanz, der über unserer Jugend lag“, erinnert. 

Reprise: „Glanz der Jugend“ 

Im Anhang dann finden sich die jüngsten Fundstücke dieser Briefbeziehung aus dem Stadtarchiv Reutlingen, sodass man rund 50 Seiten später etwas von jenem Glanz in einem Schreiben von 1899 liest, als Hesse euphorisch die gemeinsam verbrachte Sommerfrische in Kirchheim (Teck) und den schöpferischen Impuls beschwört: „Wir haben unser Ziel gefunden, mit heißen Opfern.“ Weitere Briefe aus dem Jahr 1931 zeigen Bekehrungsversuche („Daß du nur deutsche Ahnen hast, überschätzest du“) und wachsende Distanz, aber auch, dass Hesse nie endgültig mit dem verirrten Jugendfreund gebrochen hat. 

Noch umfangreicher sind die neuen Funde bei den Briefen an Samuel und Hedwig Fischer oder an den Sohn Martin. Der 10. und abschließende Band wird weitere Nachlese bringen: Große Überraschungen sind kaum zu erwarten, aber detailreicher, genauer und lebendiger dürften uns die Beziehungen vor die Augen treten.

Titelbild

Hermann Hesse: »Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende«. Die Briefe 1958-1962.
Herausgegeben von Volker Michels.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
643 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432273

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