Eine "Herausforderung der Unentwegten"?

Kurt Pätzolds Schilderung des Nürnberger Prozesses erfreut und enttäuscht

Von Christian WerthschulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Werthschulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Daß Taten, die nur noch die ganze Menschheit abwehren oder ächten kann, den Rahmen der Strafgesetzbücher sprengen, wissen in Wahrheit alle", schreibt Dietmar Dath in seinem Briefessay "Die Salzweißen Augen", "und deshalb sind die Begriffe, die uns helfen sollen, einen passenderen Rahmen für diese Katastrophen zu finden, die politisch scharfumkämpften des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts."

Auch dem emeritierten Historiker und Faschismusforscher Kurt Pätzold ist dies bewusst, wenn er im Hinblick auf den 60. Jahrestag des Beginns des Nürnberger Prozesses vom ausbleibende Gedenken als "nicht einmal so etwas wie ein Erinnerungsscharmützel" spricht: "Wer heute an Nürnberg erinnert und an der Gegenwart nicht vorbeidenkt [....], muss von der Politik Washingtons reden." Gemeint sind der Irak-Krieg und die Täuschung der UN in der Generalhauptversammlung, die Pätzold in einer von den Konsequenzen her nicht nachvollziehbaren Parallelisierung mit den deutschen Kriegslügen bei den Überfällen auf Polen 1939 und die UdSSR 1941 an die Geburt des internationalen Strafrechts im Nürnberger Gerichtssaal erinnern.

Pätzold scheinen die Ereignisse der jüngsten Geschichte jedoch wichtig genug, eine bereits in der Tageszeitung "Junge Welt" erschienene Artikelserie über den Hauptkriegsverbrecherprozess und seine Protagonisten in erweiterter Form als Buch zu veröffentlichen. Die kaum mehr zu überblickende Anzahl juristischer Abhandlungen, geschichtswissenschaftlicher Darstellungen sowie journalistischer und persönlicher Erinnerungsbücher wird damit um eine 250 Seiten kurze Einführung erweitert, die inhaltlich wenig Neues bietet, deren Akzentsetzungen jedoch Interesse wecken.

Pätzold schildert in Porträts der Angeklagten und wichtiger Zeugen den Verlauf der elf Monate andauernden Verhandlungen. Der Wandel des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus vom Anhänger Hitlers zum Mitglied des Nationalkomitees "Freies Deutschland" ist ihm ein ebenso langes Dossier wert wie der Auftritt von Hjalmar Schacht, den er als den "interessantesten Angeklagten" bezeichnet und ihm damit gegenüber dem auf diese Rolle abonnierten Albert Speer den Vorzug gibt. Speers Rolle werde in der Regel dazu genutzt, den Aufstieg des NS-Faschismus und den Weg in den Krieg zu verschweigen und unter Nichtbeachtung des Forschungsstandes über "die Schwächen und die Verführbarkeit des Menschen, eines kultivierten Bürgers zumal, geschwätzig, unterhaltsam und folgenfrei zu philosophieren." Schacht, dessen Freispruch Pätzold mit seiner "herausragenden" Intelligenz und dem von ihm und seinen Verteidigern gut vorbereiteten Auftreten vor Gericht erklärt, steht dagen sinnbildlich für die Einverständnis von Wissenschaft, gebildetem Bürgertum und Wirtschaftsführern mit dem nationalsozialistischen Regime. Damit ist sein Porträt auch beispielhaft für eine in der öffentlichen Diskussion nur noch wenig beachtete Forschungsperspektive auf den Nationalsozialismus, die den Fokus auf die gemeinsamen Klasseninteressen von Faschismus und Kapital richtet. Pätzold weist deutlich darauf hin, dass es 1945 "als unabdingbar zur Geschichte von Faschismus und Krieg gehörend allgemein anerkannt war", dass sich die deutschen Großkonzerne vor dem Nürnberger Gericht hätten verantworten sollen.

Die Versuche, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und seinen Sohn Alfried zur Verantwortung zu ziehen, sind ihm daher einen langen Exkurs wert, der noch einmal vor Augen führt, dass die Essener Waffenschmiede sowohl propagandistisch als auch logistisch an der Kriegsvorbereitung beteiligt waren und die Umwandlung in ein Familienunternehmen nur durch die guten Beziehungen zu den Nationalsozialisten möglich war. Pätzold nutzt diese Perspektive auch zu einer kurzen Polemik gegen Götz Alys These von "Hitlers Volksstaat", die er als verkürzte Version der Nazi-Propaganda vom "Staat der Volksgenossen" bezeichnet. Ein weiterer langer Exkurs beschäftigt sich mit der geschichtswissenschaftlichen Leistung des Hauptkriegsverbrecherprozesses und seiner Nachfolgeprozesse, die Pätzold in Übereinstimmung mit vielen seiner Kollegen als grundlegend für das Verständnis des "Dritten Reichs" einstuft.

Im Hinblick auf die Bedeutung der Hauptkriegsverbrecherprozesses für die Öffentlichkeit der BRD schließt der 76-Jährige jedoch pessimistisch: "Im Geschichtsdenken der Deutschen hat der Nürnberger Prozess [...] auch nach sechs Jahrzehnten noch keinen festen Platz gefunden." Die Gründe dafür lägen im Vermächtnis der Nürnberger Prozesse. Wolle man nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von seiner Bedeutung sprechen, müsse man zuerst "auf die Politik der USA und deren weltweiten Führungs- und Machtanspruch kommen. Permanent werden propagandistische Nebelwerfer in Stellung gebracht und in Aktion gesetzt, um Ursachen und Ziele der Kriege gegen Jugoslawien und den Irak zu verhüllen. Unangesetzt dauern die Anstrengungen fort, frei erfundene und auch in den Menschenrechten wurzelnde Gründe für deren Unausweichlichkeit glaubhaft zu machen."

Leider vergisst Pätzold, dass dieser Vorwurf nicht nur die USA trifft. Von erfundenen Massenvernichtungswaffen zu sprechen und dabei Rudolf Scharpings Hufeisenplan und Josef Fischers "Nie wieder Auschwitz"-Rhetorik nichtmal zu streifen, hinterlässt den unangenehmen Beigeschmack einseitiger US-Kritik und wirft leider einen Schatten auf ein durchaus lesenswertes Buch.


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Kurt Pätzold: Im Rückspiegel: Nürnberg. Der Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher 1945/46.
PapyRossa Verlag, Köln 2006.
254 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3894383550

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