Wenn die bunten Weltanschauungsfahnen wehen

Andrea de Carlos Roman "Wenn der Wind dreht" spürt der Flower-Power-Generation nach

Von Bernhard WalcherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn sich fünf überzivilisierte Großstädter mit einem Kleinbus am Abend in einer abgelegenen Gegend in den umbrischen Wäldern verirren, das Auto eine Panne hat und zudem auch die Handys keinen Empfang haben, dann könnte das der Beginn eines Schauerromans des 19. Jahrhunderts sein - wären da nicht die Handys und das Auto.

In Andrea de Carlos neuem Roman "Wenn der Wind dreht", der nach der italienischen Ausgabe ("Il giro di vento", 2004) jetzt in einer stilsicheren und überzeugenden Übersetzung von Monika Lustig auf Deutsch vorliegt, bilden Elemente der Idyllentradition wie die ländliche Abgeschiedenheit als Handlungsraum und ein überschaubarer Personenkreis den literarhistorischen Rahmen für die Darstellung verschiedener Lebensentwürfe ein und derselben Generation. Auch das Motiv der (ab)geschlossenen Gesellschaft, die wie in diesem Fall zwangsweise zusammenkommt mit der Folge, dass sich die Eigenwahrnehmung und -einschätzung vor allem durch das Korrektiv der Fremdeinschätzung zumindest kurzzeitig verändert, steht in einer langen Tradition seit Shakespeares "Sturm", Thomas Manns "Zauberberg" oder Sartres "Geschlossener Gesellschaft". Gewiss sind diese Vergleiche allzu hochgegriffen für einen Roman, dessen Lektüre man auf einer Zugfahrt von Mannheim nach München sicherlich nicht bereut, aber auch nicht unbedingt wiederholt - was zunächst einmal nicht gegen den Roman spricht.

Auf der Suche nach einem ländlichen Refugium für die Wochenenden fahren vier befreundete und erfolgreiche Mit- und Endvierziger mit einem Makler von Mailand nach Umbrien, um dort ein Anwesen zu besichtigen, dessen Geschichte bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht. Nach einigen Umbauten soll es auch ihren Luxuswünschen entsprechen. Als moderner Dandy zwischen Maniküreterminen und im Lifestyle-Magazin-Jargon geführten Kundengesprächen wird der Makler Alessio Cingaro zu Beginn des Romans als kühl kalkulierender und profitorientierter Geschäftsmann eingeführt, der jedoch durch die unvorhersehbaren Wendungen dieser Besichtigungsfahrt mehr und mehr die Kontrolle über die potentiellen Käufer und sich selbst verliert.

In der bewussten Überzeichnung als Handy-Süchtige und Ewig-Angespannte sind die vier Freunde als Karikatur der modernen (nicht nur italienischen) Business-Gesellschaft zu verstehen, die ihr Recht auf einen Ort für die Erfüllung ihrer bukolisch-friedlichen Tagträume mit teils menschenverachtender, verbaler Härte einfordern. Denn auch die Italiener wissen es, dass Italien längst das Land des Agriturismo für wohlhabende aber umweltbewusste Junggebliebene ist. Statt sich aber in pastoraler Freude von den Anforderungen des hektischen Stadtlebens zu erholen und sich an der Natur zu ergötzen, müssen sie ihr Nachtlager nach der Autopanne in einem von einer alternativen Hausgemeinschaft bewohnten Domizil aufschlagen. Das komische Moment des Romans liegt nun darin begründet, dass die vier gerade in dem Haus gelandet sind, das sie kaufen wollten, von dessen unliebsamen Besetzern der Makler aber natürlich nicht gesprochen hat.

Der kammerspielartige Charakter dieser Begegnung wird vor allem durch die präsentische Erzählhaltung und die Dialog-Struktur des Romans verstärkt, der zu einem Großteil aus Figurenreden besteht. Dabei sind die Positionen der einzelnen Lager von vornherein klar abgesteckt: da ist zum einen der erfolgreiche Architekt Enrico Guardi, der sich anders als seine von Anfang an um Schadensbegrenzung bemühte Frau Luisa nicht mit den "Halbwilden" abfinden will - zum anderen aber auch Enricos Freund Arturo Vanucci, der in Mailand mehrere Läden für Luxusmöbel besitzt und die exaltierte RAI-Uno-Moderatorin Margherita Novelli. Beide verstehen die missliche Lage noch am ehesten als Abenteuer und betrachteten die Hausbesetzer als durchaus reizvolle wenn auch skurrile 'Edle Wilde'.

Leider sind gerade die Hausbesetzer als Figuren so platt geraten und erfüllen jedes Klischee, dass die Lektüre bisweilen schwer erträglich ist - wobei natürlich die Frage erlaubt sein muss, ob der beim Leser unwillkürlich aufkommende Widerwille gegen diese Gutmenschen nicht vielmehr durch die authentische Figuren- und Charakterzeichnung ausgelöst wird: der Inder Arup trommelt am Abend vorm Kamin und Lauro ergeht sich in Verteidigungen eines naturverbundenen Lebens ohne Strom, Auto, Handy oder Telefon und schimpft auf eine Welt, in der immer die anderen die Bösen sind. Vor allem wenn sie wie Enrico Häuser für etliche Familien bauen, ohne sich darum zu kümmern, wie diese Menschen darin wohnen müssen.

Wenn auch Lauro seinen Sartre offenbar nicht aufmerksam gelesen hat - denn sonst wüsste er, dass man zur Freiheit auch verdammt sein kann und es mit der Wahl überhaupt so eine Sache ist - bringt er dennoch eine Diskussion um richtige und falsche Lebensentwürfe in Gang, um die dann im Verlauf des Romans die Dialoge der immer wieder zu anderen Paarungen zusammengeführten Mitglieder dieser geschlossenen Gesellschaft kreisen. Dass der Erzähler dabei anonym im Hintergrund bleibt und letztlich dem Leser die Bewertung dieser Kollision zweier Welten obliegt, ist als eine der Stärken dieses Romans zu benennen.

Ob beim Ziegenhüten - die bukolischste aller Tätigkeiten! -, Ausreiten oder Autoreparieren, die Dialoge sind immer gekennzeichnet von langsamem Abtasten und Fragenstellen und enden meist wie bei Lauro und Luisa.

Genauso wenig Verständnis bringt Lauro indessen für Enricos Vorwurf auf, er und seine Hausgenossen seien "Sklaven der Verweigerung" und die "Alternative zur heutigen westlichen Gesellschaft" sei nicht die "bukolische Idylle", sondern "Barbarei". In der Tat scheint die implizit von Enrico gestellte Frage der Schlüssel zum Verständnis des anderen, gleichzeitig aber auch die unüberwindliche Trennlinie zu sein: Macht es den Menschen besser, wenn er ohne Strom, Handy und Auto lebt? Vor allem am Beispiel von Lauros Tochter, Aria, die sich gerne heimlich ins Dorf davonstiehlt und dort die Sendung ausgerechnet von Margherita Novelli schaut, wird deutlich, dass die von Lauro angeprangerte Verlogenheit und Rücksichtslosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft ihre Entsprechung in der scheinbar harmonischen Hausgemeinschaft besitzt: auch hier gibt es Verbote und Gebote, nur eben unter anderen Vorzeichen.

Überhaupt mag sich mancher Süditaliener - wäre er anwesend auf diesem Dante`schen Läuterungsberg - wohl fragen, welchen Sinn die Diskussionen um Fortschritt, Weltab- und Naturzugewandtheit wohl haben: schließlich braucht man nicht ideologisch davon überzeugt zu sein, um in Süditalien manchmal keinen Strom, kein Wasser oder sonstige Errungenschaften der modernen Zivilisation nutzen zu können. Nicht zufällig spielt der Roman in Norditalien!

Andrea de Carlo erreicht zwar in seinem neuen Roman mit der antagonistischen Personenkonstellation nicht mehr jene mitreißende Spannung wie noch in seinem ebenfalls recht erfolgreichen Roman "Zwei von Zwei". Doch legt man auch diesen Roman, so locker er sich lesen mag, am Ende mit einer gewissen Unruhe und durchaus nachdenklich aus der Hand.


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Andrea De Carlo: Wenn der Wind dreht. Roman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Lustig.
Diogenes Verlag, Zürich 2007.
426 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3257861524

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