Tiefgründiges Überblickswerk

Peter Fischer legt eine gelungene Einführung in die Religionsphilosophie vor

Von Josef BordatRSS-Newsfeed neuer Artikel von Josef Bordat

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der steigende Bedeutung der Religion steigt auch die Bedeutung der begleitenden Reflexion. Religionswissenschaft, Religionssoziologie und nicht zuletzt Religionsphilosophie sind akademische Disziplinen, deren Schatten- beziehungsweise Nischendasein seit dem 11. September der Vergangenheit angehört. Sie treten ins Rampenlicht einer Öffentlichkeit, die auf neutrale oder zumindest "nicht-konfessionelle" Erklärungen und Erläuterungen zum "Phänomen Religion" mehr denn je angewiesen ist. Zu wissen, was Religion eigentlich ist, kann Debatten strukturieren, Diskurse auf die entscheidenden Punkte bringen und Vorurteile gegenüber institutionellen und gesellschaftlichen Ausdruckformen von Religion zugunsten einer sachlicheren Sicht überwinden helfen.

Peter Fischer leistet dazu mit seinem handlichen Taschenbuch "Philosophie der Religion" einen wichtigen Beitrag. Dass sein Buch nicht jede Entwicklung der Religionsphilosophie bis ins Detail rekonstruieren kann, ist klar. Es handelt sich schon vom Selbstverständnis her um ein Überblickswerk, das gerade deshalb wertvoll ist, weil es dem Autor nicht auf lehrbuchtypische Vollständigkeit ankommt und er geflissentlich auf die Niederungen religionsphilosophischen Denkens verzichtet (etwa auf häufig zitierte und noch häufiger missverstandene Äußerungen der Art "Gott ist tot." von Friedrich Nietzsche), böten diese doch "nichts, was nicht durch die hier getroffene Auswahl bereits berücksichtigt wäre".

Die "getroffene Auswahl" spannt einen Bogen von der orientierenden Annäherung an die Begriffe "Religion" und "Religionsphilosophie" über die Darstellung wesentlicher Themen jeder religionsphilosophischen Betrachtung (Gottesbeweis, Theodizeeproblem, Religionskritik sowie das Spannungsverhältnis von Religion und Vernunft, insbesondere den Stellenwert des Glaubens für die praktische Vernunft) bis hin zu Aspekten, mit denen Religion zu deuten versucht wurde und wird. Zum einen wurde und wird versucht, Religion auf die Ebene der psychologischen und neurologischen Reaktion auf die Welt zu reduzieren (David Hume, Sigmund Freud), sie evolutionär (Überlebensvorteile sichernd; Andrew Newberg), geschichtsphilosophisch (moralische Besserung bewirkend; Gotthold Ephraim Lessing: "Die Erziehung des Menschengeschlechts") und funktionalistisch (Sozialsysteme bildend und stabilisierend; Émile Durkheim) zu bestimmen, zum anderen werden geltungsphilosophische (Karl Mannheim, Rudolf Carnap, Ernst Cassirer) und anthropologische (Cassirer, Friedrich Schleiermacher, Friedrich Feuerbach) Erklärungen vorgestellt.

Trotz der Kürze gelingt so eine differenzierte Darstellung, was nicht zuletzt im Literaturverzeichnis deutlich wird, das jeder, der eine religionsphilosophische Seminararbeit schreiben will, getrost als Ausgangspunkt nehmen kann (und wenn es denn sein muss, nimmt man den vermissten Nietzsche eben noch dazu). Zudem findet man sich in dem gut strukturierten Buch Dank vielsagender Überschriften und praktischem Personenindex schnell zurecht, auch wenn Fischer "notorisch selektiv Lesende" davor warnt, diese in vielen anderen Abhandlungen vermisste Übersichtlichkeit zum Anlass für allzu punktgenaues Arbeiten zu nehmen, da "ein Thema nicht immer in dem Kapitel abschließend behandelt wird, in dem es zuerst auftaucht: Oft lohnt es sich, auf eine Sache im Lichte anderer Theorien nochmals zurückzukommen." Wie wahr. Dass Fischer Zusammenhänge aufzeigt, wo man sie nicht unbedingt vermutet, ist dann auch eine der wissenschaftlichen Leistungen des Buchs, die über eine souveräne, sprachlich elegante Darstellung des ideenhistorischen Kanons hinausgehen.

Eine weitere Leistung besteht in der abschließenden, aktualisierenden Analyse des Problembegriffs "Politische Theologie", wo allein die Kürze der Ausführungen eine Schwäche darstellt, denn das Thema in Aufsatzlänge zu behandeln, lässt historisch wie systematisch zu große Lücken. Das 16. Jahrhundert, das wie kein zweites Ideen zur Verbindung von Religion und Recht, Glauben und Denken entwickelte, um die weltliche und geistliche Herrschaftskonkurrenz zu nivellieren, fällt dabei ebenso heraus wie die sich daran in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschließende Befreiungstheologie, die gerade in unserer globalisierten Zeit eine Form politischer Theologie birgt, die sich eben nicht bloß in illegitimem Machtstreben eines irrationalen Fundamentalismus' erschöpft - wie das den "zurückgekehrten" Religionen oft unterstellt wird - sondern konstruktiv der politischen Verantwortungsethik eine christliche Sozialethik beistellt, die vom weltimmanenten Ansatz ausgehend sehr gut in konkretes staatliches Handeln übersetzbar ist.

Mit Jürgen Habermas und Jacques Derrida werden dann aber die - zumindest für europäische Gesellschaften - entscheidenden Stichwortgeber einer postmodernen Beziehungskultur von Kirche(n), Religion(en) und Glaubensvorstellungen einerseits sowie des weltanschaulich neutralen, demokratischen Rechtsstaats andererseits zitiert. Das Stichwort lautet (wie vor 200 Jahren): "Vernunftkritik". Dass es hierbei nicht um eine gegenaufklärerische Reaktivierung mittelalterlicher Mythen geht, auch nicht um die romantisch-nostalgische Verklärung einer vermeintlich "guten alten Zeit", sondern dass es sich bei "Vernunftkritik" um einen aufgeklärten, kontrollierten Irrationalismus handelt, der die Kategorie der "technisch-wissenschaftlichen Vernunft unter kapitalistischen Bedingungen" kritisch übersteigt und damit fundamentalismusförderlichen Globalisierungsphänomen ("Entwurzelung", "Entortung", "Entkörperlichung") entgegenwirkt, die "allein aus säkularisierten Kräften einer kommunikativen Vernunft" nicht zu stabilisieren sind (meint Habermas), das ist etwas, das allzu eifrige Religionskritiker unserer Tage erst noch in ihr "Gott ist schuld!"-Programm einarbeiten müssen. Nicht nur ihnen sei Peter Fischers "Philosophie der Religion" empfohlen.


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Peter Fischer: Philosophie der Religion.
UTB für Wissenschaft, Stuttgart 2007.
236 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783825228873

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