Zwölf Einblicke ins oghusische Mittelalter

Zur Erstübersetzung von Dede Korkuts alttürkischen Heldensagen

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hierzulande ist er ein Unbekannter. In der turksprachigen Welt dagegen ist Dede Korkut jedermann ein Begriff. Er gilt ihr als der Vater aller "Aschuks", derjenigen Dichter, die die Turkvölker lange Zeit nicht nur als Verfasser von Liebesgedichten gepriesen, sondern auch als Historienschreiber und Botschafter geschätzt haben. Nun sind die aus dem "Buch des Dede Korkut" bekannten zwölf türkischen Heldenerzählungen erstmals in einer deutschen Übersetzung erschienen - und zu entdecken.

Dabei spielt es keine Rolle, was der Anlass gewesen ist, der den Reclam Verlag dazu bewogen hat, diese nur durch zwei erhaltene Handschriften überlieferte Sammlung zu veröffentlichen. Ob es nun das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse war oder das seit einigen Jahren konstant große Interesse des hiesigen Lesepublikums an allem, was mit dem Mittelalter zu tun hat. Die erste vollständige Übertragung dieses, vor allem in der Türkei und in Aserbaidschan als Nationalepos reklamierten "Buches des Dede Korkut" war längst überfällig. Und das nicht nur, weil es sich dabei um ein Stück Weltliteratur handelt, sondern auch und vor allem, da es einen seltenen Einblick in eine Welt gibt, von der wir wenig wissen: nämlich in die des oghusischen Mittelalters.

Wer oder was sind nun diese Oghusen? Bei ihnen handelt es sich um eine frühere türkische Stammeskonföderation, deren Name von dem legendären Heerführer Oghus Chan stammt. Heutzutage wird der Völkername Oghus vor allem als Sammelbegriff für eine der zwei großen Gruppen unter den Turkvölkern verwendet, so der Türken, Aserbaidschaner und Turkmenen, die durch ihre enge geschichtliche Verwandtschaft heute noch Sprachen sprechen, die ein und derselben Gruppe zugeordnet werden. Die andere große Gruppe bilden die so genannten Kiptschak-Türken, zu denen die Tataren und Kasachen gehören.

Nach dem Ende der großen türkischen Steppenreiche in der Mongolei und im Siebenstromland zogen die Kiptschak-Türken im 7. Jahrhundert in nordwestliche Richtung und ließen sich nördlich des Aralsees und des Kaspischen Meeres nieder. Auch die Oghusen zogen westwärts, allerdings südlicher und siedelten in Afghanistan und Persien, in Anatolien und dem Kaukasus. Im Laufe des 11. Jahrhunderts traten diese mehrheitlich dem Islam bei und drangen weiter nach Kleinasien in byzantinisches Territorium vor - in der Hoffnung, neue Weideplätze für ihre Herden zu finden. Und genau diese halbnomadische Lebensweise der Oghusen wird im "Buch des Dede Korkut" porträtiert.

Eingeleitet wird die Sammlung von einem Prolog, in dem der - unbekannte und vermutlich frühneuzeitliche - Autor oder Redaktor die Geschichten zeitlich verortet, nämlich in die Jahre "nicht lange nach dem Tod des Propheten" Mohammed. Dargestellt wird diese Epoche als ein goldenes Zeitalter, in dem die Oghusen sich beizeiten nicht nur erbitterte Kämpfe mit ihren ostanatolisch-kaukasischen Nachbarn, den christlichen Georgiern, lieferten. Denn auch untereinander herrschte nicht selten Unruhe und Streit. Schließlich handelte es sich bei ihnen um einen Doppelstamm, der in getrennten Zeltlagern lebt, wobei die Innen-Oghusen (die Uç Oq oder "Drei Pfeile") die Außen-Oghusen (Boz Oq oder "Graue Pfeile") mit anführen.

Es ist nun stets an Dede Korkut, diese Grenzkonflikte, Überfälle und internen Machtkämpfe nach ihrer Beendigung textlich - episch wie lyrisch - festzuhalten. Interessant dabei ist der Umstand, dass er vom Redaktor nicht nur als ursprünglicher Autor angesehen wird, sondern auch selbst als handelnde Person auftritt, so dass sich in ihm mehrere Funktionen, nämlich die des Dichters, Ratgebers und Barden vereinen.

Will man die Erzählungen zusammenfassend vorstellen, so ergibt sich folgendes Bild: Neun der zwölf Geschichten zeigen einen heranwachsenden Helden. Dabei weisen dessen Erlebnisse epische Züge auf: Die Geburt desselben, der schon als Knabe übernatürliche Kräfte besitzt, nach seiner ersten Heldentat einen Namen erhält und schließlich um eine Frau wirbt. Stets geht es dabei um eine Expedition zur Befreiung eines gefangenen Familienmitglieds aus der Hand des Feindes. Nach dem Sieg des oft einzigen Sohnes eines älteren Ehepaars - ein altes zentralasiatisches Motiv - kehrt wieder Frieden ein. Die restlichen Erzählungen sind von anderer Art: Während die letzte Geschichte vom Bürgerkrieg zwischen den Innen- und Außen-Oghusen handelt, besitzt die fünfte Sage einen original anatolischen Hintergrund, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Todesengel Asrael. Schließlich hat die achte Geschichte vom Zyklopen Depegös ganz eigene Züge, ist aber mehr in das Ganze des Buches integriert.

Lesenswert ist das "Buch des Dede Korkut" dabei nicht nur wegen der zahlreichen Abenteuer, die die unterschiedlichen, aber immer wieder auftretenden Figuren bestehen müssen. Es ist es insbesondere, weil es einen detaillierten Einblick in Alltagsleben, Sozialorganisation und Weltanschauung der türkischen Nomaden gewährt. So werden verschiedene Zelttypen einschließlich technisch-terminologischer Einzelheiten genannt. Oder man erfährt, dass sie gesonderte Sommer- und Winterweiden besaßen, was einem Nomadentum entspricht, wie er noch heute in der Türkei, vor allem aber im Iran anzutreffen ist. Schließlich lässt sich mit ihrer Präferenz für Zweiteilung (beginnend mit dem ihres Stammes) ihr starker Hang zur Exogamie erklären: So lebten die Oghusen meist in kleineren Gruppen, hüteten sich aber vor Inzucht, indem sie Ehen zwischen getrennten Stammesblöcken arrangierten.

Schließlich noch einige Anmerkungen zu der hier vorgestellten, in der neuen Reclam Bibliothek erschienenen Edition: Die vom Turkologen Hendrik Boeschotens vorgelegte, erste vollständige deutsche Erstausgabe basiert auf einer eigenen, früheren niederländischen Übersetzung, die seinen Angaben nach im Vergleich zu früheren Übertragungen eine ganze Reihe von Neuinterpretationen aufweist. Dabei enthält die Ausgabe neben dem Text der zwölf Heldensagen auch eine Karte, die den Lebensraum der Oghusen im "Dede Korkut" lokalisiert, ferner ein Verzeichnis mit den wichtigsten Textausgaben und schließlich Angaben zur internationalen Forschungsliteratur.

Bedauerlich ist einzig, dass kein Glossar angelegt worden ist, in dem die Namen der - für das deutsche Lesepublikum meist völlig unbekannten - Personen näher erläutert werden. Dies geschieht im Haupttext zwar in einigen, aber nicht in allen Fällen. Darüber hinaus wäre zu überlegen, ob es nicht sinnvoll sei, zukünftig eine zweisprachige Ausgabe zu veröffentlichen. Auf diese Weise würde man dem Publikum nicht nur die Einsicht ins Original, sondern den der türkischen Sprache mächtigen Lesern auch die Möglichkeit eines Vergleichs mit der hier vorgelegten Übersetzung gewähren - und damit die Authentizität der zwölf Einblicke ins oghusische Mittelalter noch steigern.


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Hendrik Boeschoten (Hg.): Das Buch des Dede Korkut. Heldenerzählungen aus dem türkischen Mittelalter.
Übersetzt aus dem Türkischen von Hendrik Boeschoten.
Reclam Verlag, Ditzingen 2008.
300 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783150106662

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