Der wiedergefundene Schriftsteller

Interpretationen von Werken Karl Gutzkows

Von Stephan LandshuterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Landshuter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Literaturbetrieb des 19. Jahrhunderts kannte ihn jeder, er übererfüllte die Metapher des bunten Hundes in jeder Hinsicht. Er war ein egomanisches Enfant terrible mit paranoischen Phasen, jemand, der keine Gelegenheit zum Streit ausließ, und ein Vielschreiber obendrein. Die Rede ist von Karl Gutzkow (1811-1878), der in fast fünfzig Schaffensjahren so viel an Text ausstieß, dass einem schwindlig werden könnte. Etliche Riesenromane befinden sich darunter, die "Ritter vom Geiste" (1851) waren bis vor kurzem in einer wundervollen Edition bei Zweitausendeins greifbar, an der Edition eines anderen berüchtigten Romans - "Der Zauberer von Rom" (1858/61), der Gutzkow endgültig berühmt machte, wird im Rahmen des "Editionsprojekts Karl Gutzkow" gearbeitet.

Im 20. Jahrhundert geriet Gutzkow allerdings weitgehend in Vergessenheit. Lange Zeit wurde er lediglich als der Autor von "Wally, die Zweiflerin" (1835) wahrgenommen und dies auch nur, weil ihn dieser Text drei Monate ins Gefängnis brachte und er dadurch gewissermaßen als Kopf des "Jungen Deutschland" betrachtet wurde - einer Vereinigung von freiheitlich gesonnenen Schriftstellern, die sich teilweise kaum kannten und lediglich durch einen Gerichtsbeschluss von 1835 zwangsweise zur literarischen Gruppierung erklärt wurden, um so vom restaurativen Staat leichter verfemt werden zu können. Das ganze restliche Lebenswerk ging für lange Zeit verschütt, nur Arno Schmidt rief in den 1960er Jahren einsam in der Wüste die Namen der "Ritter" und des "Zauberers", was Gutzkow zumindest bei einem Spezialpublikum im Gedächtnis erhielt.

Am Ausgang des 20. Jahrhunderts, und keiner vermag so recht zu sagen warum, begann eine regelrechte Gutzkow-Renaissance. Im Jahre 1998 erschienen besagte "Ritter" sowie eine Ausgabe von Novellen ("Die Selbsttaufe", Karl Stutz Verlag, Passau), und es beschloss eine Gruppe von englischen und deutschen Germanisten, als "Editionsprojekt Karl Gutzkow" im Verlauf der nächsten Jahrzehnte die Werke Gutzkows sowohl digital als auch in Buchform herauszugeben (mehr dazu unter "www.gutzkow.de"). Bei so vielen Bemühungen um die verdiente Wiederbelebung eines Schriftstellers konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Literaturwissenschaft wieder auf diesen Autor aufmerksam wurde. Im September 2000 fand am Berliner Wannsee eine Konferenz statt, die sich ausschließlich Karl Gutzkow widmete. Die Beiträge sind nun in dem von Gustav Frank und Detlev Kopp herausgegebenen Sammelband "Gutzkow lesen!" zugänglich.

Es sind großenteils erstklassige Interpretationen, die darin dargeboten werden. Wolfgang Lukas zeigt in einer glänzenden Analyse des frühen Romans "Seraphine" (1837), wie gut man einen auf den ersten Blick etwas verwirrenden Text mittels eines rationalen semiotisch-strukturalistischen Ansatzes in den Griff bekommt. Ähnliches gilt für Marianne Wünschs Beitrag über die Religionsthematik in Gutzkows Werken von 1835 bis 1856 zu sagen. Hans Krahs Interpretation des Dramas "Patkul" (1841) steht den eben erwähnten Aufsätzen in nichts nach, und Gustav Franks Versuch über ein weiterers Opus magnum "Hohenschwangau" (1867/68) bricht als wohl erster Beitrag über diesen Text überhaupt in völlig unbestelltes Neuland auf. An dieser Stelle sei auch auf Gustav Franks nichts weniger als bahnbrechende Analyse von "Romanen des Nebeneinander" hingewiesen, die 1998 unter dem Titel "Krise und Experiment" im Wiesbadener Deutschen Universitätsverlag erschienen ist. Darin finden sich auch ausführliche Interpretationen der "Ritter" und des "Zauberers". Kurt Jauslin vergleicht in seinem Beitrag in durchaus fruchtbarer Weise Gutzkows letzten Roman "Die neuen Serapionsbrüder" (1877) (seit kurzem wieder erhältlich im Oktober Verlag) und Friedrich Spielhagens "Sturmflut" (1877), die sich beide an einer epischen Ausführung der Gründerzeit des deutschen Reiches versuchen. Gert Vonhoff schließlich wirft ein neues, interessantes Licht auf den schon erwähnten "Wally"-Roman.

Alles in allem ist dieser Band ein sehr positiver Beitrag zur Gutzkow- bzw. Vormärzforschung. Wären alle Sammelbände von so hohem Niveau, es wäre vielleicht besser um den Ruf der deutschen Literaturwissenschaft bestellt.

Titelbild

Gustav Frank / Detlev Kopp (Hg.): Gutzkow lesen! Beiträge zur Internationalen Konferenz des Forum Vormärz Forschung vom 18. bis 20. September 2000 in Berlin.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2001.
416 Seiten, 44,99 EUR.
ISBN-10: 3895283258

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