Ambivalente Chronistin der Gegenwart
Der von Necia Chronister, Sonja E. Klocke und Lars Richter herausgegebene englischsprachige Sammelband „Juli Zeh. A Critical Companion“ wirft einen bilanzierenden Blick auf die Autorin
Von Thomas Merklinger
Juli Zehs Bücher haben sich in den knapp 25 Jahren, seit dem Erscheinen ihres Debütromans Adler und Engel (2001), zu einem international verkauften Werk der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur entwickelt. Neuerscheinungen von ihr werden breit rezipiert und besprochen. Neben ihren Romanen ist Zeh zudem durch Beiträge und Wortmeldungen zu Politik und Gesellschaft als öffentliche Intellektuelle medial präsent und wirkt als Juristin in der Funktion einer ehrenamtlichen Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht. Sie vereint damit unterschiedliche Rollen, die sich mit ihren Texten verbinden und dann auch bei der Auseinandersetzung mit ihrem Schreiben aufgegriffen werden. Neben einer beachtlichen Fülle an Einzelbeiträgen gibt es bereits fünf Sammelbände, die sich mit diesen unterschiedlichen Facetten von Werk und Person befassen. Exemplarisch kann hierfür der Titel des ersten, auch didaktisch angelegten Bands von 2020 stehen, der sich, herausgegeben von Jan Standke, der Schriftstellerin, Juristin, Zeitgenossin widmet. Die folgenden Aufsatzsammlungen titeln mit dem Namen der Autorin: 2021 erschien Juli Zeh. Divergenzen des Schreibens (herausgegeben von Klaus Schenk und Christina Rossi), 2023 ein Band der Zeitschrift TEXT+KRITIK unter der Herausgeberschaft von Heinz-Peter Preußer. Juli Zeh. Text und Engagement, 2024 von Erik Schilling herausgegeben, versammelt Beiträge einer Tagung im Literaturarchiv in Marbach.
Der bislang jüngste Band unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht von seinen Vorgängern. In Juli Zeh. A Critical Companion haben Necia Chronister, Sonja E. Klocke und Lars Richter einerseits eine rein englischsprachige Veröffentlichung herausgegeben, die in elf Beiträgen unter anderem Perspektiven der anglo-amerikanischen Auslandsgermanistik zusammenführt. Der informative Überblick sowie die in vier Gruppen gegliederten Aufsätze, die exemplarisch einige Diskussionslinien aufgreifen und abbilden, bieten auch für englischsprachige Studierende der Germanistik einen muttersprachlichen Zugang zur Autorin. Andererseits artikuliert der Herausgeberkreis einleitend direkt Unbehagen und Unverständnis angesichts jüngster Entwicklungen in Juli Zehs Schaffen. Als ‚critical companion‘ will der Band nicht verhehlen, dass ihre letzten Romane Über Menschen und Zwischen Welten sowie öffentliche Positionierungen, etwa zur Corona-Pandemie oder zum Krieg in der Ukraine, für kritische, stirnrunzelnde Reaktionen gesorgt haben.
Der vorliegende Aufsatzband blickt auf eine zweijährige Vorlaufzeit zurück. 2022 hat es bereits ein Symposium auf der 46. Jahrestagung der German Studies Association zu der Frage gegeben, wie man aufgrund der Entwicklungen im Werk und ihrem öffentlichen Wirken mit Juli Zeh umgehen soll. Daraus ist ein Meinungsteil in der amerikanischen Zeitschrift The German Quarterly (96.4/2023) entstanden, worin unter der fragenden Überschrift „What do we do with Juli Zeh?“ erste Positionierungen einiger auch am Critical Companion Beteiligter erschienen sind, die nun in einem größeren Rahmen aufgegriffen und fortgeführt werden:
So, what do we do with Juli Zeh? To many scholars who have long enjoyed Zeh’s play with genre, intertextuality, conflict, and medium, the rather simplistic turn in her writing and libertarian public persona during the Covid-19 pandemic have been jarring.
Die ursprüngliche Begeisterung für das Schreiben Juli Zehs hat zumindest bei einigen Germanistinnen und Germanisten deutlich abgenommen, so dass sich bei ihnen die Frage stellt, ob es sich noch auszahle, persönliche Ressourcen aufzuwenden, um sich weiterhin mit der Autorin zu beschäftigen. Man kann für das Critical Companion daher wohl auch von einer Art Bilanz sprechen, die auf die spannenden und lohnenswerten Aspekte der Auseinandersetzung mit den politischen Dimensionen von Juli Zehs Person und ihrem Schreiben Bezug nimmt, ohne die kritischen Punkte unter den Tisch fallen zu lassen. Dieser ambivalenten Anlage folgend, fokussieren nicht alle der versammelten Beiträge auf kontroverse Momente, sondern beschäftigen sich im Sinne des Einführungsgedankens in ihrer Mehrheit schlaglichtartig mit einigen Diskurslinien zu ihrem Werk.
Neben einer anschaulichen Einordnung der politischen Autorin wird in der Einleitung auch die Kritik an ihr auf den Punkt gebracht:
Engaging with Zeh […] requires that we check the white privilege and fragility of her positioning and that we call her out on her skewed notion of fairness, her alarmist rhetoric, and her characterization of people by types.
Drei Essays im Besonderen vertiefen einige der angeführten Punkte. Mit Blick auf die Pandemie arbeitet Sonja E. Klocke in Erweiterung eines im German Quarterly auf Deutsch verfassten Beitrags heraus, wie Juli Zeh die dystopische Gesundheitsdiktatur in Corpus Delicti mit dem realen Regierungshandeln während der Coronapandemie überblendet und in krisenhaftem Ton davor warnt, mit den Pandemiemaßnahmen könne „die freiheitliche Gesellschaft womöglich unheilbar erkranken“. Im Kontrast zu den angeführten Einschätzungen zweier Verfassungsrechtler erscheint die von Zeh beschworene Gefahr allerdings einseitig, da sie sich nur auf rechtsstaatliche, nicht aber auch sozialstaatliche Erwägungen beziehe. Thomas B. Fuhr sieht (ebenfalls in Erweiterung eines vorherigen Aufsatzes) in Juli Zeh eine moderne Heimatschriftstellerin, die mit den Brandenburg-Romanen einen klassischen Stadt-Land-Gegensatz reaktiviere und sich in ihrer deutlichen Sympathielenkung zu Ungunsten eines als ‚woke‘ und links gelabelten städtischen Milieus zur Stimme der anderen Seite der Bevölkerung mache. Mit der von Juli Zeh und Simon Urban wohl nicht intendierten, aber doch allgemein so bewerteten unangenehmen Figur des Großstadtjournalisten Stefan Jordan in Zwischen Welten ergebe sich auch eine Delegitimierung der von ihm vertretenen Haltung; und während die Dorfgemeinschaft in Über Menschen durchaus rechtsradikale Positionen in Person des „Dorf-Nazis“ miteinzuschließen vermag, blende die einseitige Fokalisierung durch Dora aber aus, dass ihre Erfahrungen für Menschen mit anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Religion anders ausfallen dürften. Bei der fremdsprachendidaktischen Vorbereitung einer dramatischen Lesung des Theaterstücks Der Kaktus wiederum ist Robert Lemon damit konfrontiert gewesen, dass es hierin einige Stellen gibt – passend als „prickly“ bezeichnet –, die Unwohlsein auslösen können. In seinen ausgewogenen und reflektierten Essay legt er dar, wie er mit islamophoben und rassistischen Figurenaussagen, vor allem aber der stereotypen Figurenzeichnungen des Streifenpolizisten Cem umgegangen ist. Im Vergleich erscheine die absurde, satirische Überspitzung von Gegensätzlichkeiten allerdings doch weniger irritierend als die naive Harmonie der Beerdigungsszene in Über Menschen.
Darüber hinaus werden in einer ersten Abteilung unter der Überschrift „Into the Juliverse“ allgemeine und narrative Aspekte verhandelt. Der Begriff verweist auf den Aufsatz von Lars Richter, in dem dieser für die romanübergreifenden intertextuellen und -medialen Querbezüge den Begriff des „Juliverse“ einführt. Für das teilweise über Figuren- oder Ortsnamen verbundene Text-Multiversum der Romane Zehs, deren narrative Welten einerseits für sich stehen, andererseits über Anspielungen wie Zitate, Figuren- und Ortsnamen aber entgrenzt werden, ergibt sich zusammen mit metatextuellen Begleitmedien (einem Song, einem Lebensratgeber oder einer Webseite zu ihren Romanen) eine offene Netzwerkstruktur, wodurch relationale Bezüge zwischen Text und Rezeption geschaffen werden. Die anderen beiden Artikel dieses Abschnitts stellen Zehs Rolle als „the quintessential literary chronicler of the German present“ (Stephen Brockmann) in den Mittelpunkt. Jenseits der von Jean-François Lyotard verabschiedeten Metaerzählungen findet dieses gegenwartschronistische Schreiben im Kleinen statt, wie Brockmann herausstellt. Als „chronicler“ wird Zeh nicht nur in der Einleitung bezeichnet, das Lemma ist ausweislich des Glossars aufsatzübergreifend eines der am häufigsten verwendeten Schlagworte. Es greift dabei nicht bloß das in Treideln benannte „Zeitalter des Chronisten“ auf, sondern wird dann insbesondere auf die immer stärker an die Gegenwart heranrückenden brandenburgischen Gesellschaftsromanen bezogen. Diesen Aspekt arbeitet Kevin Drews in einer anschaulichen narrativen Analyse der chronistischen Darstellung von Zeit und Zeitgeschichte heraus und zeigt, dass Gegenwart zunehmend nicht mehr im Spiegel der Vergangenheit, sondern in ihrer Brüchigkeit und Ambivalenz präsentiert wird – was dann eben auch andere politische Vorstellungen einschließt, die man nicht mit denen Zehs verwechseln sollte.
Weitere thematische Einzelbetrachtungen ergeben sich hinsichtlich des Forschungsfelds ‚Recht und Literatur‘(Law and Literature), der Diskurslinie der Care-Ethik sowie des Ecocriticism. Dabei zeigt sich die andere Seite Juli Zehs, die als ‚Chronistin der Gegenwart‘ politisch virulente Themen aufgreift und deren Romane für aktuelle Diskussionsfelder herangezogen werden können. In rechtstheoretischer Hinsicht geht Kylie Giblett mit Spieltrieb und Corpus Delicti auf das Gewaltfundament des Gesetzes ein. Brian Tucker analysiert mit Blick auf eine feministische Ethik der Fürsorge, getragen von den Überlegungen Joan Trontos, die Care-Thematik in Neujahr sowie die Beziehung zwischen Gote und Dora in Über Menschen, wobei er hinsichtlich asymmetrischer Machtbeziehungen eine Fürsorge auf gemeinschaftlicher Ebene als bessere Option vorgeschlagen sieht.
Im Thementeil „Society in/and/of Nature“ werden, unter anderem mit Bezug auf den Theorieband Material Ecocriticism von Serenella Iovino und Serpil Oppermann sowie Arbeiten von Stacy Alaimo feministische und ökokritische Lesarten der Romane Zehs erprobt. So benennt Shreya Gaikwad in dem multiperspektivisch erzählten Roman Unterleuten im Kontext der Animal-Human-Studies eine nicht-anthropozentrische Sichtweise, sind doch Tiere von dem zentralen Konflikt um ein Stück Land ebenfalls betroffen. Ähnlich kann Necia Chronister mit dem von Jason W. Moore popularisierten Konzept des Kapitalozäns für Nullzeit und Neujahr anschaulich zeigen, wie kapitalistische Strukturen der Natur eingeschrieben sind. Für die Figur der als Hexe gelabelten Grenzgängerin Mia Holl in Corpus Delicti stellt Melissa Sheedy die kulturellen Dichotomien von Zivilisation und Natur heraus, deren normierende und moralische Hierarchisierung durch die Figuren der Hexe und der idealen Geliebten in ihrer klaren Grenzziehung verwischt werden, und verbindet das mit dem ökokritischen „material turn“.
Der Sammelband artikuliert so angesichts jüngerer Äußerungen und Veröffentlichungen Zehs auch Kritik, bietet aber zugleich Anknüpfungspunkte an Diskurslinien, die das Werk Zehs interessant und wertvoll („valuable“, Einleitung) machen. Juli Zeh erscheint damit als eine ambivalente Chronistin ambivalenter Zeiten. Dabei gelangt der Critical Companion zu keinem abschließenden Verdikt, sondern ordnet das Werk schlaglichtartig in einen literarischen wie theoretischen Zusammenhang ein, so dass er als Einführung für Studierende der Germanistik an anglo-amerikanischen Universitäten einen kenntnisreichen Zugang bieten kann, aber auch für die Forschung mit Impulsen aufwartet. Nicht nur die dankenswerte achtseitige Zusammenstellung von Sekundärtexten in einer „Selected Bibliography“ mit einem Fokus auf englischsprachige Aufsätze mag beiden Gruppen Hinweise und Anregungen für eine vertieftere Beschäftigung eröffnen.
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