Auf der Suche nach einer Wahrheit

Kristiane Kondrats „Das Nadelöhr“ als Reizüberflutung

Von Carina MergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carina Merg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Identitätsverlust und Erinnerungsschwund. In der heutigen Zeit, in der alle den Anspruch haben, so individuell wie möglich zu sein und alle wichtigen Informationen doppelt und dreifach auf Smartphone, Tablet oder PC zu speichern, ist das schwer vorstellbar. Genau diese Aspekte greift Kristiane Kondrat in ihrem Roman „Das Nadelöhr“ auf, wenn sie eine dystopische Gesellschaft schildert, deren Wissen so klein und deren Zugang zur Wirklichkeit so eng wie die Öffnung eines Nadelöhrs ist.

Sie hat gelernt, immer nur an das zu glauben, was sie heute und hier sieht. Was sie gestern oder an einem anderen Tag in diesem abgegrenzten Raum oder draußen auf dem Flur gesehen hat, zieht sie immer mehr in Zweifel. Manchmal fragt sie sich, ob das, was sie sieht, wahrhaftig oder nur in ihrer Vorstellung existiert.

Im dargestellten Jahr 2225 spielen angesichts einer verheerenden Umweltkatastrophe 80 Jahre zuvor weder Ländergrenzen noch Nationalität eine Rolle. Stattdessen teilt sich der Lebensraum in drei Zonen: Die besiedelten Gebiete, die Zwischenzone und das Dorfareal. Die „Neueste Ordnung“ – eine Vereinigung Machtausübender, legitimiert durch Großkonzerne – beherrscht die besiedelten Gebiete und die Zwischenzone. Status, Macht oder Geld sind hier vordergründig nicht von Bedeutung für den Sozialrang der Individuen – was zählt, ist vorrangig körperliche Gesundheit, die durch die Umweltkatastrophen gefährdet wurde: Gesunde hängen sich das Zertifikat über ihren Gesundheitszustand gerahmt an die Wand, Kranke oder Schwache dagegen werden entweder zu Menschenexperimenten in die Zwischenzone oder zur Entsorgung in das von der „Neuesten Ordnung“ unabhängige Dorfareal deportiert. Den Leser*innen wird eine an das Euthanasie-Denken der NS-Zeit anknüpfende Ideologie präsentiert – differenziert dargestellt oder kritisiert wird sie allerdings nur spärlich.

Stattdessen steht die Gegenüberstellung zweier Lebenswelten im Vordergrund, von denen die eine dystopisch und die andere utopisch angelegt ist. Die besiedelten Gebiete und die Zwischenzone – auch Nadelöhr genannt – charakterisieren sich durch auf die Spitze getriebene Symmetrie in Wohnsiedlungen, Straßen und Gebäuden, visueller Hauptreiz ist die Farbe Grau, wodurch eine Atmosphäre von Kälte und Künstlichkeit geschaffen wird. Autonomes Fahren hat sich durchgesetzt, das Wetter wird durch die allgegenwärtigen naturwissenschaftlichen Institute kontrolliert, der Wortschatz der Menschen von überflüssigen Wörtern wie beispielsweise „schlendern“ gereinigt. Man pflegt oberflächliche Freundschaften und liest Sammelbände über die Kunst des Lächelns. Das Leben dient dem Funktionieren des Systems, Individualität und Identität des Einzelnen spielen keine Rolle. Im Dorf dagegen herrscht ein anderer, altertümlich anmutender Lebensstil: Die Gemeinschaft ist in Zünften organisiert, naturgegebene Herausforderungen werden akzeptiert statt bekämpft. „Es sind dort nicht nur die technischen Gegebenheiten für unser Verständnis archaisch, die Leute selbst sind es auch. Die Art, wie sie die Dinge sehen, wie sie sich verhalten, wie sie sprechen.“

Das Nadelöhr präsentiert blockweise nacheinander drei Schauplätze, an denen sich die zahlreichen Figuren des Romans Gehör verschaffen: Sie berichten vom Leben in der Zwischenzone, im Dorf und den besiedelten Gebieten. Erzählt wird personal aus den verschiedenen Figurenperspektiven, wobei sich die Handlung um ein Figuren-Dreieck aus Alma, Lotte und Alfred verdichtet. Lotte und Alfred stammen aus den besiedelten Gebieten, Alma aus dem Krankenhaus in der Zwischenzone. Im Dorfareal treffen die drei aufeinander und das individuelle Suchen einer Wahrheit beginnt: Die Wahrheit der Identität, des eigenen Daseins, der Vorgänge im Nadelöhr. „Vielleicht erfahren wir eines Tages, wer wir wirklich sind.“

Lotta, Alma und vor allem Alfred durchlaufen Prozesse der Adoleszenz und Freiheitsbildung. Daneben zeichnen sich die drei allerdings nur wenig über individuelle Stimmen aus, was anfangs noch der geschilderten antiindividuellen Wirklichkeit geschuldet sein mag, am Ende aber gegenteilig als Zeichen für die Identitätsbildung der drei Protagonisten konsequent gewesen wäre. Kondrats Schreibstil imponiert dagegen: Immer wieder schafft sie sanfte Verbindungen durch Repetition bereits erzählter Elemente und scheinbar fließende Übergänge des Erzählers von einer zur nächsten Figurenperspektive. „Lotte aber wusste nichts von Elisabeths Enttäuschung, sie wusste auch nichts davon, dass Leon jeden Tag durch das Dorf und die Umgebung streifte, in der Hoffnung sie zu sehen. Alma jedoch wird sich eine unglaubliche Geschichte anhören müssen.“ 

Das Nadelöhr zeichnet sich durch eine bildreiche, verdichtete Sprache aus, was in Anbetracht des Renommees Kondrats nicht verwundert: Die rumäniendeutsche Autorin ist vor allem für ihre Lyrik, wie ihren Gedichtband Ein großer Buchstabe fällt von der Wand (2014) odereinzelne Veröffentlichungen in Zeitschriften, bekannt, aber ebenso im belletristischen Bereich, etwa mit ihrem Roman Abstufungen dreier Nuancen von Grau (1997), tätig. Aufgrund ihrer Flucht aus Rumänien und einer im Zuge dessen unterschriebenen Erklärung ist die Autorin – inzwischen Preisträgerin des Förderpreises der Citee der Friedenskulturen für Lyrik 2011 und des Publikumspreises des Spiegelungen-Lyrikpreises 2017 – gezwungen, unter einem Synonym zu schreiben.

In ihrem im Hybrid-Verlag erschienenen Roman nutzt sie viele Elemente, die erfahrene Leser*innen von Dystopien wenig überraschen dürften: Sowohl der technische Fortschritt als auch Repression bzw. eine diktatorisch anmutende Herrschaftsform sowie aus heutiger Sicht fehlschlagende Kommunikationswege der Protagonisten finden sich im Nadelöhr. Das vorgestellte traditionelle Rollenbild irritiert dagegen: Während die Frau schwanger im Dorfareal verweilt, schwingt sich Alfred als Romanheld auf, um einen Regierungsskandal aufzudecken. Moderner und effektvoller würde eine weibliche Heldin wirken, wie beispielsweise in Atwoods The Handmaids Tail (1985) oder Dalchers Vox (2018). Darüber hinaus beschränkt sich Kondrat in weiten Strecken auf die reine Abbildung einer erschreckenden Wirklichkeit, statt diese zu kritisieren und die Umstände, die dazu führten, zu beleuchten. Nur an einer Stelle schafft sie einen Bezug zur heutigen Zeit, dem allerdings ebenfalls die Fokussierung und Ausdifferenzierung fehlt: 

„[…] Dann vor 200 Jahren die ökologischen Parteien.“ „Die das nur gepredigt, nicht gelebt haben“, setzt Alfred hinzu. „Sie haben sich nur halbherzig dafür eingesetzt. Alles halbherzig. Hatten wohl gehofft, dass es sich von allein löst. G a n z muss man sich dafür einsetzten. Dezidiert. Ohne Wenn und Aber.“ „Ich glaube eher, sie hatten das Ziel aus den Augen verloren“, wendet Alfred ein.

Auffällig sind die typografischen Eingriffe in den Buchstabensatz mittels Leerzeichen in einigen Dialogen, wodurch die Aufmerksamkeit auf hervorgehobene Wörter gelenkt wird. Durch die sporadische Verwendung – ca. 2 Mal auf 100 Seiten – wirkt es für das Textganze nicht überfrachtend, sondern vermittelt den Leser*innen vielmehr an bestimmten Stellen Dialoggefühl. Ein weiteres Detail fällt ins Auge: Häufig werden die Überschriften im Wortlaut wieder im Kapitel  aufgegriffen. Ebenso besticht Kondrats Dystopie mit der leitmotivischen Verwendung von Identitätsverlust und Erinnerungsschwund, die häufig mit der oben bereits genannten bildreichen Sprache korrespondiert:

Alma versucht immer wieder, die beiden Frauen von ihren eigenen Erinnerungen an dieses Krankenzimmer zu überzeugen, um eine gemeinsame einheitliche Vergangenheit zu schaffen, an der sie sich festhalten können, um nicht abzudriften und schwerelos in einem fremden Meer zu schweben.

Beeindruckend ist außerdem die Kontrastierung der Zonen durch die Schaffung unterschiedlicher Atmosphären: Während in der ersten und letzten Episode vor allem die Haltlosigkeit der Figuren spürbar ist, rückt in der Dorfidylle vor allem Zeitlosigkeit in den Vordergrund. „Als wir hierher kamen, wohnten wir in derselben Straße. Die Zeit ist so schnell vergangen, sie ist einfach abgelaufen, sodass wir es gar nicht gemerkt haben. Besondere Ereignisse gab es wenige […].“ Allerdings wirkt sich die Zeit- und Haltlosigkeit zunehmend auf das Leseempfinden aus: Leser*innen, die handlungs- und spannungsreiche Romane bevorzugen, sind mit dem Nadelöhr nicht gut beraten. Behäbig und blass erstreckt sich die Handlung über 352 Seiten hinweg. Der Monotonie entgegen wirken die außerordentlich kurzen Kapitel und häufigen Perspektivwechsel, die neue Nebenhandlungen, aber leider nur selten innere Erlebnishorizonte eröffnen. Auf den letzten 100 Seiten verdichtet sich die Handlung dann rasant, ein verrückter Professor tritt als Antagonist Alfreds und Verursacher allen Übels auf. Die Autorin aber bricht sich aufbauende Spannungsbögen durch den Einsatz bisweilen komischer Elemente. „Damit beginnt ein Wettlauf zwischen dem berühmten Professor und dem Hobby-Detektiv Alfred Börne, den dieser Alfred Börne auf seine Art, als naiver Läufer mit unbedarften Behelfsmitteln, wird laufen müssen.“

Schlussendlich scheint die Auflösung eher lächerlich als nachvollziehbar, der Epilog fast unrealistisch. Einzelne Figurengeschichten bleiben bis zum Schluss offen oder sind nur halbherzig zu Ende geführt. Die im Laufe des Romans angestoßenen, durchaus auch gesellschaftskritischen Themen wie beispielsweise die Erschaffung eines perfekten Menschen, Ökobewegungen, Terrorismus, das Verhältnis von Zeichen und Bezeichnetem, Bruderschaften und Sekten, Naturkontrolle, Euthanasie, Länderspaltung und autonome Maschinen wirken leider aufgrund ihrer Vielzahl und der fehlenden Ausdifferenzierung eher als Spots dieser neuen Weltwirklichkeit statt Aufschlüsse über deren Vorgänge und Umstände zu geben. Die im Laufe des Romans immer wiederkehrenden Motive von Identitätsverlust und Erinnerungsschwund stellen sich am Ende als Kollateralschaden auf der Suche nach einem perfekten Menschen heraus. Dabei soll der Verlust des eigenen Selbst reinigend wirken und als Auslöser für die neue Identität dienen. Letztendlich wird aber weder das Gelingen dessen noch die Durchführung aus ethisch-moralischer Perspektive kritisiert. Aus einzelnen Teilen puzzelt sich der Leser ein Bild zusammen, das überladen, skurril und irreal wirkt. Die Vorgänge, die zu dieser Welt führten, sowie die Absichten der Figuren und des Romans als Gesamtwerk, bleiben im Verborgenen. Leser*innen, die Freude an Reizüberflutungen empfinden und Leerstellen gerne eigenhändig füllen, dürften mit Das Nadelöhr auf ihre Kosten kommen – wer allerdings Romane nach dem „Weniger-ist-mehr“-Prinzip bevorzugt, sollte die Finger von Kondrats Dystopie lassen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Kristiane Kondrat: Das Nadelöhr. Ein Zukunftsroman.
Hybrid Verlag, Homburg 2018.
352 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783946820437

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