Das immer wiederkehrende Böse

In „Die Beschützerin” von Sergej Lebedew herrscht Gewalt

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich studiert Shanna in Charkow. Doch als ihre Mutter Marianna schwer an Krebs erkrankt, kehrt sie zurück in den Donbass, in die Bergbausiedlung Marat. Es ist das Jahr 2014. Am 8. März schießt eine russische Boden-Luft-Rakete über einer Bergbausiedlung in der Ostukraine ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines ab. Alle 239 Passagier:innen werden für tot erklärt, offiziell gilt die Maschine bis heute als vermisst. Am selben Ort im Donbass befindet sich auch Schacht 3/4, ein stillgelegter Grubenschacht. Drinnen liegen Opfer der Revolution von 1905 und des Bürgerkriegs, ebenso von Deutschen erschossene Soldaten der Roten Armee sowie zahllose Juden und Jüdinnen. Im Dorf herrscht Schweigen. 2014 ist auch das Jahr des Euromaidan, der Proteste in Kiew sowie Putins Annexion der Krim.

In diesem Jahr also kehrt Shanna ins Dorf zurück, um ihre Mutter Marianna zu pflegen – neun Monate wird das Sterben dauern. Marianna leidet entsetzliche Qualen, bis sie endlich gehen kann. Stärker als ihre Trauer ist aber Shannas Wut und Abneigung gegenüber der Mutter. 

Jetzt aber empfindet sie nur böse Bitterkeit. Das Flugzeug, lockend und unzugänglich, erinnert sie an alles, was die Krankheit ihrer Mutter überdeckt und verschlungen hat. An den Krieg. An die russischen Soldaten, die heimlich aus dem Osten gekommen sind. Daran, dass ihre Hochschule in Charkow nun hinter der Frontlinie liegt. Und dass sie hier festsitzt und wegen ihrer Mutter jede Gelegenheit verpasst hat wegzugehen, solange es noch möglich war. 

Die Frau, die alle im Dorf kannten, die für viele als Respektsperson galt und als unnahbar, war über dreißig Jahre Leiterin der örtlichen Wäscherei. 

Ihr Leben lang hatte Marianna mit starken, geschickten Händen die Wäsche gewrungen und gemartert. Sie hatte sie gequält, sie gezwungen, sich zu einem festen Zopf zusammenzudrehen und danach hinzustrecken, sich unter einem hitzeströmenden Eisen glätten zu lassen, neu und unschuldig zu werden. Nun war da die Kraft der Krankheit, die sie wie aus Rache wrang und niederstreckte. Und der gesamte Schmutz, den sie weggewaschen hatte, schien zurückzukehren, sich in ihrem schwarz werdenden Körper und ihrem sich trübenden Geist festzusetzen. 

Gewalt durchdringt die Geschichte und die Menschen. Sie gibt diesem Roman den Unterton, auf ihr bauen Beziehungen auf, sie macht die Menschen misstrauisch und rücksichtslos. Und in der Konsequenz ihrerseits gewalttätig. 

Das Buch beginnt mit der Rückkehr Shannas nach Marat und beschreibt die fünf Tage rund um den Flugzeugabsturz aus der Perspektive von vier Figuren, nämlich Shanna, ihrem Nachbarn Valet, dem General Korol und einem Ingenieur. Letzterer schwebt als Geist über dem Ganzen und ist so etwas wie der Erzähler der Geschichte, der mehr als ein Jahrhundert überblickt. In dieser Funktion übernimmt er jeweils den Kapitelabschluss. Er ist deutscher Staatsbürger und Jude und war mit seinem Bergbaustudium am Bau des Schachtes beteiligt. Er erlebte sowohl die Revolution wie die Hungersnot von 1933/34, später wurde er zu fünf Jahren Straflager verurteilt.

Valet ist im gleichen Alter wie Shanna. Er ist ebenfalls im Dorf aufgewachsen, musste dann den Ort verlassen und wurde von seinem Onkel in ein Moskauer Sonderregiment der Polizei gesteckt. Von dort kehrte er als harter Mann zurück, dem alles zustand, was er wollte. So meint er auch, ein Recht zu haben, Shanna zu besitzen. Vor Gewaltanwendung – das hat er gelernt – schreckt er nicht zurück, weder als er sich über eine weibliche Leiche hermachte, auf die er am Ort der Flugzeugüberreste stieß, noch als er sich Shanna gefügig machen wollte. Wobei er sich durchaus auch in sanften Gewaltformen auskennt, etwa wenn er Shanna den Lippenstift schön verpackt überreicht, den er zuvor in den Trümmern entdeckt und an sich genommen hat.

Korol, der Veteran aus dem Tschetschenienkrieg, war der Vorgesetzte von Valet. Er diente bereits in den 1970er-Jahren als KGB-Offizier und ist bis in die Romangegenwart dieser Ideologie treu geblieben – verbunden mit den entsprechenden Handlungsansätzen und Überzeugungen.

Aus diesen verschiedenen Lebensgeschichten, Erfahrungswelten und historischen Fakten schafft Sergej Lebedew einen großen Roman, der die Leser:innen von der ersten Seite an in seinen Bann zieht – dies nicht zuletzt dank der starken Übersetzung von Franziska Zwerg, die neben den Werken Lebedews weitere Werke von russischen Autor:innen dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich macht. Überzeugend ist Lebedews Kunst, verschiedene Erzählstränge und damit auch verschiedene Zeiten miteinander in Verbindung zu bringen. Ebenso beeindruckend ist, wie er seine Figuren zeichnet. Sie leben, Emotionen sind überall unterschwellig dabei. Die gewaltdurchdrungene Geschichte und Gegenwart übertragen sich auf die Leserin. In aller Konsequenz zeigt der Autor, wie die Menschlichkeit an Bedeutung verliert, wie mit Schweigen beharrlich neue Realitäten geschaffen werden, wie aus dem unterschwellig und seit langem brodelnden Schacht, der sogar hermetisch abgedichtet wurde, alles wieder hochkommt und aus dem Kalten Krieg ein heißer Krieg wird. Das ist keine schöne Lektüre, eine notwendige jedoch umso mehr.

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau in eine Geologenfamilie geboren und interessierte sich schon früh wie seine Vorfahren für alles, was sich in den Gesteinen verbarg. Bereits als Jugendlicher stieß er auf Reste aus ehemaligen Lagern des GULAG und fand in den Lebensgeschichten seiner Vorfahren Spuren aus dieser Vergangenheit. Als Wissenschaftler hat er die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland, erforscht, seine Erkenntnisse gibt er als Autor in zahlreichen Romanen wieder. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.

Titelbild

Sergej Lebedew: Die Beschützerin. Roman.
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
255 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783103975215

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