Vorbemerkung zur neuen Veröffentlichung der Ausgaben von 1991 und 1995

Der 18. März 2019, an dem Christa Wolf 90 Jahre alt geworden wäre, sowie das Ende der deutschen Teilung und der epochale Zusammenbruch des totalitären Sozialismus in Osteuropa vor 30 Jahren sind ein Anlass, die Dokumente und Kommentare zu jenem Aufsehen erregenden Literaturstreit erneut zu veröffentlichen, der der letzte im geteilten und der erste im vereinten Deutschland war. Sie sind 1991 in der edition spangenberg und 1995 mit einem Nachwort erweitert als Fischer Taschenbuch erschienen, doch seit vielen Jahren vergriffen. 2004 wurde das Buch in einem anderen Land übersetzt und veröffentlicht, das immer noch geteilt ist: in Korea.

Der Literaturstreit begann Anfang Juni 1990 mit scharfen Angriffen auf Christa Wolf und ihre Erzählung Was bleibt. Frank Schirrmacher, einer der Initiatoren des Streits und schärfsten Kritiker der Autorin, befand damals in seinem Beitrag: „im Augenblick, da die DDR untergeht, scheint ihre berühmteste Dichterin präsent wie nie zuvor.“ In westdeutschen Feuilletons entfacht, beschäftigte der Streit über Christa Wolf bald auch Leitartikel auf den politischen Seiten der großen Zeitungen, und seine Resonanz reichte rasch über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus. In Paris berichtete am 3. August Le Monde über die „Polemik um Christa Wolf“, und einen Monat später griff der französische Kulturminister Jack Lang persönlich in die Debatte ein. In London hatte schon am 8. Juli der Observer seine Leser über den Streit informiert, und am 24. August erschien in der New York Times ein Artikel zum Thema.

Das Titel-Zitat der Dokumentation „Es geht nicht um Christa Wolf“ ist einem damaligen Beitrag zu dem Streit entnommen, den Wolf Biermann in der Zeit veröffentlichte. Um Biermann ging es in dem Streit auch insofern, als dabei die Reaktionen Christa Wolfs auf seine Ausbürgerung im Jahr 1976 aus der DDR und ihre Beteiligung an den vehementen Protesten dagegen hinterfragt wurden – Proteste in der DDR, die von manchen nachträglich als Anfang vom Ende des SED-Regimes eingeschätzt wurden. Lew Kopelew hatte 1990 Biermann darum gebeten, Christa Wolf gegenüber ihren Kritikern zu verteidigen. Biermann entsprach dem Wunsch seines „allerliebsten Russen aus Köln“ und erklärte: „Ich soll der miesen FAZ-Kritik eines Frank Schirrmacher entgegentreten und soll dem perfiden Artikel des Ulrich Greiner in der ZEIT widersprechen. Christa Wolf wird Feigheit vor einem Feind vorgeworfen, der allerdings nicht ihr Feind war und unter dessen Regime die Kritiker nie leben mußten. Heikel!“ Und gleich am Anfang seines Beitrags zu dem Streit schrieb er mit paradoxer Zwiespältigkeit: „Es geht um Christa Wolf, genauer: Es geht nicht um Christa Wolf.“

Es ging nicht nur um Christa Wolf in diesem Streit, sondern um Probleme und Fragen, die der Buchrückentext der Dokumentation 1991 so zusammenfasste: „Mit polemischer Wut, doch zugleich auf hohem Niveau wurden die Kernfragen debattiert: Was bleibt von der Literatur der DDR und der alten Bundesrepublik? Sind die moralischen Ansprüche engagierter Literatur unglaubwürdig geworden? Haben die deutschen Intellektuellen politisch und ästhetisch versagt? Oder etablieren sich in westdeutschen Feuilletons eine selbstgerechte Siegermentalität und ein neuer Konservativismus?“ Es ging weiterhin „um die Vergleichbarkeit des SED-Regimes mit dem NS-Staat“, um den „Utopieverlust“ der Linken und um den „Umgang westdeutscher Literaturkritik mit der DDR-Kultur“. Die Protagonisten der Debatte, unter ihnen renommierte Schriftsteller und die Prominenz des deutschen Feuilletons, hatten die Möglichkeit, in diesem Band mit neuen Originalbeiträgen noch einmal pointiert Stellung zu beziehen. Der damalige Dank in der Einführung des Herausgebers an sie und an alle, die ihre Genehmigung zum Nachdruck ihrer Beiträge erteilt haben, sowie an jene, die an der Arbeit für die Dokumentation hilfreich beteiligt waren, sei hier wiederholt.

Die Dokumentation des Streits war, wie die damalige Einleitung des Herausgebers erklärte, „weder gegen Christa Wolf noch gegen einzelne Kritiker gerichtet“. Sie verstand und versteht sich nach wie vor „auch als Gegengewicht gegen das rasche Vergessen. In Erinnerung zu behalten ist und zu bedenken bleibt ein paradoxes Phänomen: daß das Ende der politischen Spaltung Deutschlands die literarische und literaturkritische Intelligenz in diesem Lande so stark wie schon lange nicht mehr entzweite.“

In der erneuten Veröffentlichung des Bandes als Sonderausgabe von literaturkritik.de sind inzwischen alle damaligen Beiträge enthalten. Zusendungen nachträglicher Einschätzungen zu dem Streit aus heutiger Sicht oder Vorschläge zu Nachträgen mit früheren Artikeln über den Literaturstreit sind willkommen. Sie können als Leserbriefe oder im Anhang zu dieser Dokumentation veröffentlicht werden.

Die Ausgabe ist nur für Online-Abonnenten der Zeitschrift zugänglich. Vorgeschlagene Nachträge im Anhang sind für alle einsehbar.  Als E-Book (pdf-Datei) ist die Ausgabe für 7,00 Euro erhältlich. Bestellungen bitte an buchbestellung@literaturkritik.de schicken! Eine gedruckte Buch-Ausgabe erscheint im Herbst 2019.

Thomas Anz

Aus Thomas Anz (Hg.): „Es geht nicht um Christa Wolf“. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland. Marburg 2019 (siehe Verlagsseite)