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Ich will dir sagen, ich habe einen Ansatz von meinen Knabenjahren, von meinem damaligen Herzen, und der ist mir noch der liebste, das war so eine wächserne Weichheit… aber eben dieser Teil meines Herzens wurde am ärgsten mißhandelt, so lang ich im Kloster bin, selbst der gute lustige Billinger kann mich ob einer wenig schwärmerischen Rede geradezu einen Narren schelten, und daher hab ich nebenher einen traurigen Ansatz von Roheit, daß ich oft in Wut gerate, ohne zu wissen warum, und gegen meinen Bruder auffahre, wenn kaum ein Schein von Beleidigung da ist…

Friedrich Hölderlin
(Aus einem Brief an Immanuel Nast)

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Du hattest darauf hingelebt, es war euer Aufhänger, sozusagen im Zuge der ersten Begegnung. Jene unwirklich anmutenden Abende am Rhein. Als ihr auf die Klöster der Umgebung zu sprechen kamt: Nonnenwerth, Maria Laach. Oder die Wirkungsstätten der Hildegard von Bingen. Eine Heilige? Das setzt freilich Glauben voraus. Als mittelalterliche Philosophin und außergewöhnliche Frau ihrer Zeit jedoch findet sie auf jeden Fall deine Verehrung. Erst wenige Wochen zuvor war der Kinofilm mit Barbara Sukowa angelaufen. Als du deinen Philosophenfreund fragtest: „Waren Sie schon einmal in Maulbronn?“ Und überrascht ein Nein vernahmst. Besagte weiße Flecken auf seiner literarischen Landkarte.

Maulbronn. Das einzig vollständig erhaltene ehemalige Zisterzienserkloster nördlich der Alpen. Aus diesem Grund auch Drehort für viele Außenaufnahmen zu besagtem Film. Denn an den eigentlichen Wirkungsstätten Hildegards – dem Disibodenberg, dem Rupertsberg und auch dem ursprünglichen Tochterkloster in Eibingen bei Rüdesheim – sind die Bauten aus dem Mittelalter entweder Ruinen oder sie wurden im Laufe der Zeit bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Die neue Abtei St. Hildegard in Eibingen hingegen, in der ebenfalls Szenen des Films spielen, wurde, was ihr nicht ohne Weiteres anzusehen ist, erst in viel späterer Zeit gegründet und gänzlich neu erbaut, wobei man den romanischen Stil nachkopierte.

Euer Übereinkommen, dass es dann doch wohl höchste Zeit wäre, Maulbronn gemeinsam aufzusuchen. Im Hinblick darauf, dass viele eurer verehrten Großen dort das Evangelische Seminar besucht hatten, welches die Klostermauern seit dem sechzehnten Jahrhundert beherbergen. Viele ehemalige Mönchsklöster – darunter auch Denkendorf, wo euer Dichter vor den Maulbronner Tagen zunächst die niedere Klosterschule besuchte, Blaubeuren, Bebenhausen und Urach – wurden im Zuge der Reformation zu theologischen Ausbildungsstätten für angehende evangelische Pfarrer. Eine Laufbahn, die sich für begabte Söhne aus dem gebildeten protestantischen Bürgertum des Landes, der sogenannten „Ehrbarkeit“, geradezu anbot, bedeutete sie doch – bei bestandenem Landesexamen als Voraussetzung – kostenfreie Ausbildung und zugleich für die Zukunft ein gesichertes Auskommen. Darin konnte sich gewiss mancher gut einrichten und später über das im Leben Erreichte hinlänglich zufrieden sein. Es sei denn, er tat sich schwer mit den starren Dogmen und fühlte sich alsbald mehr der Philosophie und Dichtung als der Theologie zugeneigt, wie euer Dichter. Oder er hatte Angst vor dem Predigen von der Kanzel, wie später Eduard Mörike. Der zwar zunächst gehorsam Pfarrer wurde, aber sehr viel lieber dichtete, alte Sagen und Erzählungen sammelte, sich mit Hingabe der Übersetzung griechischer und römischer Poesie widmete – und daher alles in Bewegung setzte, um noch vor Erreichen des vierzigsten Lebensjahrs seine vorzeitige Pensionierung auf den Weg zu bringen. Oder einer beschloss gar konsequent, wie später Hermann Hesse, nach einer kurzen Kostprobe gar nicht weiter in den sauren Apfel zu beißen und stattdessen „Dichter zu werden oder gar nichts“.

Ihr hingegen hieltet an der Hoffnung fest, euren gefassten Vorsatz eines Tages in die Tat umzusetzen. Dieser wurde zu eurem Slogan, stellvertretend für „nächstes Jahr in Jerusalem“: „Nächstes Jahr in Maulbronn!“ Selbst zu Zeiten, als sich Zweifel einschlichen. Als die altbekannte Angst zu deiner hartnäckigen Begleiterin wurde. Wieder einmal den Rhythmus ihrer Schritte im Ohr – oder war es nur das Sausen des eigenen Blutkreislaufs, jenes stete Hämmern, vertraut und gefürchtet aus Fiebernächten, vor dem es in denselben kein Entkommen gab? Angst. Angst, Entscheidungen könnten anders fallen als erhofft. Angst, eigene Entschlüsse – wie auch immer gefasst – könnten sich als falsch erweisen. Angst, zerstörerische Kräfte könnten die Oberhand gewinnen und es könnte alles enden, bevor es beginnen konnte. Bevor überhaupt eine Chance zu einem möglichen Beginn geschaffen wäre. In einem deiner wirren, nächtlichen Träume dieser Zeit jedoch zeichnete sich immer deutlicher ein bestimmtes Bild ab und dies zeigte dir euch beide zusammen im Kreuzgang von Maulbronn. Daran klammertest du dich. Konntest es nicht oft genug wiederholen: „Ich sehe uns dort!“ Und dies hielt euch aufrecht bis zum Tag eures lang ersehnten Wiedersehens.

Deine besondere Beziehung zu diesem Ort. Du suchst ihn immer wieder auf. Gerne im Frühjahr, wenn der alte Magnolienbaum im Kreuzganghof in Blüte steht und dem stillen Viereck einen besonderen Zauber verleiht. Wenn am Klosterberg, an dem einst die Mönche Terrassen angelegt und mittels eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, dessen steinerne Röhren noch zu bewundern sind, Weinbau betrieben hatten, sich die blühenden Obstbäume und Hecken zur schönsten Frühlingspracht entfalten. Seltener im Sommer, wenn zahllose Reisebusse für allzu große Besucherströme sorgen, die den Ort mit Lärm überziehen, so dass du ihn kaum wiedererkennst. Eher dann doch im Herbst oder Winter, wenn sich die Stille wieder über das Tal breitet. Du hast es erwandert aus verschiedenen Richtungen. Durch Wälder mit verwunschenen Seen. Entlang an Wiesen und Weiden mit mächtigen alten Eichen. Über Feld- und Hohlwege, gesäumt von alten Birnbäumen, Hainbuchen und Heckenrosen. In der stilleren Jahreszeit kaum Laute im Ohr, außer knisterndem Laub oder knirschendem Schnee unter den Stiefeln. Manchmal der Wintergesang eines Rotkehlchens oder der Stundenschlag der Turmglocke. Immer wieder für einen kurzen Augenblick versetzt in alte, längst versunkene Zeiten. Liebtest es, den nahezu menschenleeren Klosterhof zu überqueren und schließlich das Paradies, die Vorhalle zu betreten. Jenes Meisterwerk der Frühgotik, mit seinem kunstvollen Kreuzrippengewölbe und den hohen, durchbrochenen Rundbogenfenstern, in Form und Anordnung den Übergang zum Spitzbogen bereits andeutend.

Hier habt auch ihr euch nun eingefunden, den Schriftzug eures jungen Dichters bestaunend, welcher eingemeißelt in das Mauerwerk die Jahrhunderte überdauert haben soll. Das Bedürfnis der Schüler, den eigenen Namen zu verewigen, mag einst ebenso dringlich gewesen sein wie heute, nur dass in jenen Zeiten – mangels wasserfester Faserschreiber – hierzu einiges mehr an Mühe und handwerklichem Geschick erforderlich war. Und so entstand, sofern nicht als Werk eines Späteren, der einfach nur einritzte, was Besucher lesen wollten, – skeptisch bist du stets! – in akkuraten Buchstaben, groß und einprägsam der Namenszug desjenigen, auf dessen Spuren ihr seid: „Hölder“.

Hölder. Seine Kommilitonen und Freunde nannten ihn so, sie behielten dies auch in späteren Jahren bei. Abkürzungen des Nachnamens sind ja, sofern sich kein passenderer Spitzname findet, auch heute als Anrede unter Schülern durchaus üblich. Im Falle eures Dichters gefällt sich die Nachwelt darin, es seinen Freunden gleichzutun, ohne danach zu fragen, ob ihm das angenehm wäre. So auch der Titel eines Vortrags, den ein Tübinger Professor am Geburtsort des Dichters hielt: „Was der Hölder uns zu sagen hat“. „Eine Respektlosigkeit sondergleichen“, findet dein Philosophenfreund, der solches viel unnachsichtiger zu betrachten pflegt als du selbst. Die Kulturbeauftragte des Ortes, hierzu befragt, versetzt hingegen lachend: „Es ist halt unser Fritz!“ – „Nun ja“, sagst du, zögernd. „Geht gar nicht!“, meint dein Philosophenfreund. Fritz. Es wäre dir in der Tat nie in den Sinn gekommen, diese Kurzform zu verwenden, obwohl dies tatsächlich sein Rufname in der Familie war, wie auch aus dem Briefwechsel mit Mutter und Geschwistern hervorgeht: „… Ewig Ihr gehorsamer Sohn Fritz“.

Also: Hölder. Die Kurzfassung, die dem Ursprung des Nachnamens näherkommt, welcher sich schlicht von Holunder ableitet. Der Begriff „Holder“ für „Holunder“ – in früheren Zeiten sehr gebräuchlich. Erinnerung an alte Kinderreime, welche noch die Großmutter wusste:

Ringel, Ringel, Reihe,
wir sind der Kinder dreie,
sitzen unterm Holderbusch,
machen alle husch, husch, husch!

Holunder. Seit ältesten Tagen häufig in nächster Nähe des Menschen zu finden. Am Haus, an Ställen und Scheunen. Kein Gehöft ohne Holunderstrauch. Schutz bedeutete er für Haus und Hof, unter anderem vor Blitzschlag und bösen Geistern, liest du, auf der Suche nach seiner mythologischen Bedeutung. Er galt als Baum der Königin, der germanischen Göttin Holda – Frau Holle! –, wurde aber auch stets in engen Bezug zu Hexen und Geistern gebracht. Sein Holz durfte nicht für die Herstellung von Möbeln verwendet werden, weil man fürchtete, sich dadurch Gespenster ins Haus zu holen! Hexenbesen wurde nachgesagt, aus Holunderholz zu bestehen. Der Strauch, der am Ende des Winters als erster, wenn andere Gehölze noch weit davon entfernt sind, auszuschlagen, grüne Knospen hervorbringt und vom Vorfrühling erzählt. Ende Mai lässt er dann die cremeweißen, schirmartigen, honigsüß duftenden Blütendolden folgen, gern verwendet für Süßspeisen und Tee, zahlreich besucht von Bienen, deren Summen die warme Luft erfüllt. Klang des Sommers. Schließlich, Ende August, die kleinen, herben,  schwarzen Beeren, leicht bitter schmeckend vom nahen Herbst kündend. Die Übelkeit auslösen konnten, wenn man als Kind zu viel davon kostete. Ihr roher Verzehr ist nicht anzuraten, denn sie enthalten ein leichtes Gift, das beim Einkochen jedoch verschwindet. Der Saft, der gern aus ihnen bereitet wird, schmeckt nicht minder bitter, aber man schätzt ihn bis heute als Heilmittel gegen Erkältungen.

Und wirklich finden sich, erinnert ihr euch von eurem Museumsbesuch her, Holunderblüten im Familienwappen des Dichters. Nichts deutet bei den kunstvoll dargestellten Blüten auf bittere Beeren. Doch deren Zeit sollte kommen.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.