XXVI

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Mnemosyne, Zweite Fassung)

*

Regentage. Mairegen, der das Land mit üppigem Grün überzieht, keinen Aufschub mehr duldet, dafür sorgt, dass sich nun auch auf sechshundert Metern Höhe der Frühling geradezu überholt, das Gras hoch werden lässt, hellviolettes Wiesenschaumkraut, dottergelben Hahnenfuß, leuchtend rote Lichtnelken und himmelblaue Vergissmeinnicht zutage bringt, den Nadelwald mit einem hellen Teppich aus Moos, Sauerklee und frisch grünenden Heidelbeerbüschen überzieht – und dir somit aufzeigt, dass sich die Zeit auf dem „Zauberberg“, die du dir hier für dich selbst angehalten hast, ihrem Ende entgegen neigt.

Die große Versuchung: Einfach vergessen abzureisen. Vielleicht merkt es keiner. Hierbleiben, bis niemand mehr weiß, wann und woher du gekommen bist. Als ewige Bewohnerin des Zauberbergs. Ein Hans Castorp in weiblicher Ausführung. Eine Johanna Castorp? Du stellst dir vor, dass es solche bereits geben muss. Dass es nur gilt, sie zu finden, um sich ihnen anzuschließen.

Da ist die freundliche, stets auffallend elegant gekleidete Dame im benachbarten Zimmer am Ende des Flurs. Die selten zu hören ist und sich nie durch andere gestört zu fühlen scheint. In deinem Fall weder am Gitarrenspiel – „Ach, spielen Sie doch mal wieder, ich höre so gerne zu!“ – noch an Teeküchen-Wanderungen über selbst im Schleichgang knarrende Holzböden zur Unterbrechung nächtlichen Schreibens. Macht sie dir nicht so ganz den Eindruck einer zeitlosen Bewohnerin? Scheint sie doch von Anfang an da gewesen zu sein und keine Anstalten zu machen, je abzureisen. Du weißt nichts Näheres über sie. Im Speisesaal sitzt sie weitab und merkwürdigerweise ist sie dir bei keiner Anwendung je über den Weg gelaufen. Beinahe ängstlich vergewisserst du dich nach den wöchentlichen Abreisetagen, ob sie dir erhalten geblieben ist. Stellst immer wieder erleichtert fest: Sie ist noch da. Wenn sie ahnte, wie viel für dich davon abhängt! Und du wirst sie nicht fragen, seit wann sie hier ist und wie lange sie zu bleiben gedenkt, willst den Zauber nicht zerstören, stellst dir vor, dass sie nicht wirklich ist: Eine Gestalt, einem Roman entstiegen, die einfach hierhergehört.

Aber du selbst gehörst nun einmal leider nicht hierher, du bist keinem Roman entstiegen, merke dir das, meine Liebe! Das könnte dir so passen, dir wird dieser Ausweg nicht offenstehen! Es ist an dir, deine eigene Geschichte weiterzuschreiben.

Die Kurve kriegen. Nur, fragt sich, wie? Dieser Ort, er war dir Zuflucht auf Zeit, bot dir alle Voraussetzungen, mit dir selbst in Einklang zu kommen, deinen Rhythmus zu finden. Du weißt, was dafür nötig ist. Die Frage nur: Wie es hinüberretten? In den Alltag – welchen Alltag? Du hast das Band zerschnitten, ohne zu wissen, wie es weitergehen kann, befindest dich im Schwebezustand. Auch dies entbehrt nicht eines gewissen Reizes. Wenn die Angst nicht wäre! Noch lässt sie sich niederzwingen, holt dich nur manchmal ein, hauptsächlich in den Morgenstunden, in denen du, vom Grauen geschüttelt, dich fragst, ob es dir je noch einmal möglich sein würde, unter der Decke hervor zu finden. Besseres Wissen sagt dir, dass es dir dein bisheriges Leben lang ja immer wieder gelungen ist, dich aufzurappeln und dass nach der dritten Tasse Kaffee die Welt wieder einigermaßen begehbar aussehen wird. Nur hilft dieses Wissen im besagten Moment nicht, die Panik hat für gewisse Zeit die Oberhand und raubt dir wertvolle Kraft.

Von hier weggehen bedeutet ferner, Menschen wieder loszulassen, an die du – eher die geborene Eremitin, allerdings zu neugierig auf Menschen, um Gefahr zu laufen, als Misanthropin zu enden – dich erst gewöhnt, an deren Leben und Schicksal Anteil zu nehmen du erst begonnen hast. Menschen, mit denen du in verschiedensten Gruppen an spannenden Themen und Entwicklungen gearbeitet hast, von denen du gern gewusst hättest, wie es weitergeht. Das gemeinschaftliche Erleben und Erfahren: Vielleicht sind es gar nicht wir, mit denen etwas nicht stimmt!

Die junge, zerbrechlich wirkende Frau, fast ein Mädchen noch, Mitte Zwanzig. Ein Jahr lang ging sie kaum mehr vor die Tür, konnte nicht mehr arbeiten. Diagnose: Soziale Phobie. Angst, unter die Leute zu gehen. In der Gruppe stellte sie geradezu erstaunt fest, damit gar nicht allein zu sein. Denn ihr kennt es doch alle: Sich in Gesellschaft unwohl oder verunsichert zu fühlen.

Das Grübeln darüber, was andere Leute über einen denken könnten. Wobei ein Großteil der so gefürchteten „Leute“ zunächst schon einmal vermutlich gar nichts denkt. Weil sie zur Genüge mit sich selbst beschäftigt sind! Mit ihren eigenen Befindlichkeiten, Sorgen und Ängsten. Während jene anderen, die sich die Mäuler zerreißen wollen, das auf jeden Fall tun werden. Ob du ihnen einen Anlass gibst oder nicht. Wenn sie nichts des Durchhechelns Wertes an dir finden, werden sie sich notfalls Lügengeschichten über dich ausdenken! Du wirst es nicht steuern können – und du musst es auch nicht. Aber um dies zu durchschauen, hast du viele Jahre gebraucht.

Nach wenigen Wochen erklärt jene junge Frau sich bereit, die Hausführung für die Neuangekommenen zu übernehmen. Die Angst ist noch nicht weg – oh nein! Aber sie hat ihren Schrecken verloren. Die Angst vor der Angst ist immer das Schlimmste. Plötzlich feststellen: Es ist sehr normal, Angst zu haben! Auch andere haben Angst. Sich fragen:  Wer legt denn fest, was normal ist und was krank? Mit wem etwas nicht stimmt? Und – mit welchem Recht?

Der ältere Mann von auffallend ruhigem, sympathischem Auftreten. Seine Arbeit bedeutet ihm viel. Er ist stolz darauf, an großen Projekten beteiligt gewesen zu sein. Stellt nun zunehmend fest, dass ihm die vielen Überstunden kräftemäßig zusetzen, ebenso die Trennung von der Familie, die er nur am Wochenende sieht, weil sein Arbeitsplatz zu weit vom Wohnort entfernt liegt. Nun fürchtet er, nicht mehr dieselbe Leistung bringen zu können wie die Jüngeren. Wer fragt nach seinem Wissen, seiner langjährigen Erfahrung? Er sieht sich mehr und mehr aus dem Erwerbsleben gedrängt, verzweifelt zusehends daran. Mit wem stimmt hier etwas nicht?

Einige Frauen, die meisten älter als du, die in ihrem Leben bereits schwere Krankheiten überstanden, überlebt haben, jedoch noch an den lange nachwirkenden körperlichen und seelischen Folgen tragen. Eine von ihnen sagt: „Der Krebs hat mir die ganze Energie genommen, ich bin nicht die, die ich einmal war.“ Dennoch suchen sie die Ursache, weshalb ihnen alles schwerer fällt als anderen, bei sich selbst. Eine von ihnen erzählt: „Ich sage immer meine Meinung frei heraus. Vielleicht ist das falsch? Ich mache mir nicht immer Freunde damit. Und ich war mal attraktiv. Das glaubt ihr mir bestimmt nicht, wenn ihr mich heute seht. Ich war mal schlank! Und jetzt…“

Du traust deinen Ohren kaum, denn sie ist weder auffallend übergewichtig noch womöglich unansehnlich, überdies geschmackvoll gekleidet und frisiert! Für dich hat sie etwas geradezu Pfiffiges, das du bewunderst, und ihre lebhafte, offene Art wird von den anderen als warmherzig und erfrischend empfunden. Welches Selbstbild hat sich in ihr festgefressen? Und welchen Anspruch stellt sie an sich? Dass sie sich nach ihrer überstandenen schweren Krankheit das eigentlich selbstverständliche Recht abspricht, kürzer zu treten. Nicht wagt, „Stopp!“ zu sagen, wenn es zu viel wird. Dass sie glaubt, Akzeptanz nur dann zu verdienen, wenn sie sich anpasst. Einer Norm entspricht? Und wer legt diese Norm fest? Etwa die Gesunden und vermeintlich Erfolgreichen? Wo und mit wem – bitte? –  stimmt hier etwas nicht?

Ihr wagt es, euch diese Fragen zu stellen. Und euch ihnen zu stellen. So manche Erkenntnis tritt zutage. Sehr oft unter Tränen, immer öfter jedoch unter befreiendem Gelächter. Ihr lasst selbst die Psychologen hinter euch. Sie leben euer Leben nicht! Aber ihr alle wisst, wovon ihr redet. Oh ja, ihr wisst es!

Fremd sein, zum Fremden werden, selbst in vertrauter Umgebung. Zu einer Zeit, die es mit ihren Errungenschaften doch jedem ermöglichen sollte, sich frei zu entfalten und zu verwirklichen. Sich stattdessen nicht mehr in ihr zurechtfinden. Sich nur in schwer deutbaren Zeichen mitteilen können. Die Kluft zwischen sich und anderen nicht mehr überbrücken. Außerhalb der Gesellschaft stehen. Dein Dichter hatte diese Erfahrung zweihundert Jahre zuvor gemacht. Zu seiner Zeit, die ihm nichts schenkte.

Wenn du etwas hier gelernt hast, dann für dich zu sorgen. Deine Fähigkeiten, aber auch deine Grenzen zu erkennen, herauszufinden, welche Wege für dich begehbar sind. Die Balance suchen, zwischen dem Wunsch, alles, was dir lieb und wert geworden ist, mit einem nahestehenden Menschen zu teilen, und dem dringenden Bedürfnis, für sich allein zu sein. Zeit und Raum für sich selbst benötigen, um frei atmen, sich entfalten zu können.

Liebe und Selbstheit – Herder!

Der unlösbare Konflikt. Der jedoch – für sich genommen – alles im Gleichgewicht hält.

Lieber Philosophenfreund, Du fehlst! Du warst mein Adamas, um es mit Hyperion auszudrücken. Der große weise Freund, der mir neue Horizonte öffnete. Ich: Hyperion, der Eremit? Der sich stets Menschen sucht, erwählt, die ihm neue Wege weisen, der aber zur Vergesellschaftung nicht taugt? Merkwürdig: Immer doch eher die Identifikation mit männlichen Helden in der klassischen Literatur. In Ermangelung weiblicher Entsprechungen. Die literarischen Frauengestalten hingegen – auch die bewunderte Diotima – waren mir stets zu tugendhaft; davon bin ich allzu weit entfernt, bin zu ungeduldig, zu wütend, zu fordernd, hätte schlecht in diese Zeit gepasst.

Ein wenig waren wir doch auch wie Hyperion und Alabanda: Kampfgenossen mit ähnlichen Zielen, manchmal unterschiedlicher Ansicht darüber, wie jene zu erreichen wären, die sich jedoch im Wesentlichen ergänzten. Die beiden trennten sich schließlich unter großem Schmerz. Fanden sich wieder, trennten sich abermals. Konnten nicht miteinander, jedoch genauso wenig ohneeinander. Ihr Dilemma. Unseres?

Zweifel. Die Angst, sich fremd geworden zu sein, die Ungezwungenheit verloren zu haben, von Belastendem befangen zu sein. Sie wird euch nicht so schnell loslassen. Eure tausend Arten, am Leben zu verzweifeln, euch selbst im Wege zu stehen, euch auszubremsen, euch platt machen zu lassen vom Banalen. Einfach darüberstehen: Wunschzustand – unerreicht!

Wenige gemeinsame Tage, die euch vergönnt waren auf dem „Zauberberg“, wo ihr einträchtig die Wälder durchstreiftet, euch täglich auf dem von deinen geliebten Birken gesäumten Weg am Bach begegnetet. Abends im Dunkeln die Sterne betrachtend, die Frühlingsbilder aufsuchend: den markanten Löwen auf seinem höchsten Stand, den Raben am südlichen Horizont. „Bereits der zweite Philosoph, dem ich den Sternenhimmel erläutern muss“, stellst du belustigt fest, „was ist los mit euch? In der Antike wäre so etwas nicht vorgekommen! Da drückte man sich tagsüber noch in verständlichen Sätzen aus und irrte nachts nicht desorientiert durch die Gegend!“ Fröhliches Geplänkel. Es spielte keine Rolle! Es war euer Himmel, der nur euch allein gehörte. Wenigstens für Augenblicke, flüchtig eingefangene. Zwecklos der Versuch, sie festhalten zu wollen.

Befangenheit anfangs, vor der ersten Begegnung nach wiederum langer Zeit. Würde wieder alles so sein, wie ihr es kanntet? Unbelastet? Die Befürchtungen – unbegründet, wie sich herausstellt. Ein Blick, eine Berührung und es ist, als wäret ihr nie getrennt gewesen. Eure Körper – ausgehungert nach Zärtlichkeit – finden sich wie längst eure Seelen, versenken sich ineinander in glühender Hitze. Ihr scheint zusammengewachsen und ihr strahlt es nach außen aus, hört andere oft euch als „schönes Paar“ bezeichnen. Und ihr lacht und genießt es. Macht den Schwarzwald unsicher, besucht nun endlich auch Hermann Hesse in Calw – oder das, was dort noch von ihm zu finden ist. Fotografiert euch gegenseitig, jeweils Arm in Arm mit dessen Bronzeskulptur auf der Nikolausbrücke über der rauschenden Nagold – was müssen längst verstorbene Dichter so alles erdulden! Bilder, die den Moment einfangen und bannen, spätere Erinnerungen an glückliche Augenblicke heraufbeschwören. Belagert ganze Tische in Cafés mit Büchern und Papier. Bevorzugt bei Johannisbeerkuchen, wieder mit einem Haufen Schlagsahne! Tauscht euch aus über zuletzt Gelesenes, brütet gemeinsam über euren Texten, entzündet eure Gedanken aneinander, als hättet ihr seit Jahren nichts anderes getan.

Die Tage – sie sind wie immer zu kurz, wären es selbst, wenn jeder von ihnen achtundvierzig Stunden hätte! Sie vergehen wie im Fluge und schon wieder steht ihr auf dem Bahnsteig, müsst Abschied nehmen, immer in der Vorahnung, dass es bis zum nächsten Wiedersehen länger dauern wird als vorgesehen, dass die Umstände widrig sind und bleiben werden. Eine nervös gerauchte Zigarette vor Eintreffen des Zuges. Prompt ein ohrenzerfetzendes, blechern schepperndes Dröhnen aus dem Lautsprecher: „Wir weisen Sie darauf hin, dass auf diesem Bahnsteig striktes Rauchverbot herrscht!“ Mein Gott! Big Brother is watching you? Deutschland, deine Sklavenseelen! Gewitterschauer. Das Wetter besinnt sich auf seinen Symbolgehalt. Wasserströme rinnen unablässig die Waggonfenster herunter, die euch trennen, bis das Abfahrtssignal ertönt. Eure traurigen Gesichter – auch sie nass vom Regen. Oder von Tränen? Ihr wisst es nicht und es macht keinen Unterschied – entschwinden, verschwimmen hinter verregneten Scheiben. Und diese entschwinden mit, als der Zug sich langsam entfernt, den Abstand zwischen euch stetig vergrößert und schließlich um die letzte Kurve verschwindet.

Zurück bleibst du, wieder allein. Eine Verlorene. Und fragst dich, ob alles nur ein Traum gewesen sein sollte. Die Sehnsucht – ist es vielleicht ein Gesetz, muss sie unerfüllt bleiben? Ist sie Voraussetzung, dass Geschichten überhaupt geschrieben werden können? Wenig tröstliche Ahnung in solchen Momenten.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.