14.-19.4.2017 – Ostermäuse

14.4.2017

Karfreitag. Zwei Stare schaukeln auf der alten Telefonleitung.

Dass ich gestern, am Gründonnerstag, nichts geschrieben habe, lag am Wäschewaschen. Ich kann an meiner Arbeit am Schreibtisch nicht weitermachen, solange die Wäsche nicht trocken und wieder verräumt ist. Das war immer so. Ich fand es lächerlich, konnte aber nicht anders als alle zwei Stunden nach der Wäsche fassen, sie umhängen, damit die andere Seite Sonne und Wind bekam, bis ich endlich mit dem Abnehmen und Zusammenlegen anfangen konnte.
Dabei ist Wäsche zu waschen ja nicht mehr meine Arbeit, seit es die Maschine gibt. Die Windeln von meiner Großen habe ich noch auf dem Herd gekocht.
Dann kam die Constructa, die man von oben befüllte, und von da an war immer eine Waschmaschine da, bis ich hier draußen angekommen bin. Jetzt also Waschsalon. Das musste ich erst mal lernen, habe dabei ungewöhnlich hilfsbereite Menschen getroffen. Wer in der Stadt keine Waschmaschine hat, ist hilfsbereit.

Ist das, was ich hier mache, Arbeit? Warum soll es Arbeit sein? Wann ist Schreiben überhaupt Arbeit? Wenn man dafür Geld bekommt oder wenn man davon müde ist?
Und warum mag ich es nicht, dass das, wofür ich mich anstrenge, dazulerne, um Neues in die Welt zu geben – wie meine Fotobücher –, Hobby genannt wird? Wann wird, was früher Arbeit war, zum Hobby? Wenn es nicht mehr sein muss? Ganz und gar freiwillig und, was den Broterwerb angeht, sinnlos ist? Gestern war ich richtig müde nach dem Vormittag am Rechner, nachdem ich darin Ordnung gemacht habe. Jetzt gibt es ohnesinn ein Vierteljahr und es ist wichtig, dass ich die Übersicht behalte, um in Ruhe weiterzumachen.

Paul ist im Krankenhaus und gibt Aufträge an Freunde, in seinem Garten Blumen zu säen. Und streitet sich mir seinem Sohn über den Verkauf seiner Autos nach seinem Tod. Ich verstehe beides nicht.
Wie war das mit Luther und dem Apfelbäumchen, das er heute pflanzen würde, wenn er wüsste, dass er morgen stirbt?

Ich habe Lucji in Wartenburg/Barcewo angerufen, um ihr frohe Ostern zu wünschen. Sie klang sehr müde und schwach. Kann nicht mehr aus der Wohnung gehen, auch nicht in die Kirche, der Priester aus ihrem Kloster nebenan kommt jeden Tag zu ihr. Früher ging sie jeden Tag mindestens einmal zu ihm. Beim Reden wird sie lebhafter, klingt wie immer, spricht auch so. Über die Zeiten und das Wetter. Das Gespräch wird unterbrochen, ich rufe nochmal an. Wir reden weiter, bis wieder abgebrochen wird. Beim dritten Versuch kommt gar keine Verbindung zustande. Ich gebe auf und suche eine Schmuckkarte heraus, in die ich alles schreibe, was ich noch gesagt hätte. Und ich kann mir vorstellen, wo sie diese hinstellen wird.

15.4.2017

Keine gute Nachricht aus Timbuktu: Mamadou schreibt, dass er bei der ONG nur auf die Warteliste gekommen ist. Und wie hart sein Leben ist. Er versteht es nicht.
Inzwischen habe ich unseren Außenminister in Gao gesehen. Er bleibt nicht lange, nicht so wie die, die dort gestrandet sind.

19.4.2017

Ostern: einmal Coburg und wieder zurück. Wie die Maus. Mein blinder Passagier. Ich fahre gerne nach Coburg.
Da hatte ich erst einen Ferienbruder, er ist drei Jahr jünger als ich, später waren es zwei Brüder und zwei Ferienschwestern. Und dazu natürlich Ferieneltern und eine Omi und eine Oma. Jetzt besuche ich den großen Ferienbruder und seine inzwischen große Familie. Seine Eltern waren die Ersten, die Briefe von mir bekamen und mehr davon wollten. „Du schreibst gut, das solltest du weitermachen!“ sagten die, die mussten es wissen, waren sie doch Lehrer. Das war vor vielleicht 60 Jahren.
Und fast 50 Jahre später höre ich: „Bleib, wie du bist!“ Was sagt die da?!? Das hat es noch nie gegeben. Unglaublich. Aber ich will lernen, es zu glauben, und fahre immer wieder gerne dorthin, wo es das gibt.
Diesmal mit dem Vorhaben, von ohnesinn zu erzählen und dort daran weiterzuschreiben. Mir fiel gleich soviel ein, was da einmal war. Und doch ging es nicht. Ohnesinn gehört hierher. Ein Eisberg kann nicht fliegen und nicht in der Welt herumfahren. Das habe ich jetzt verstanden.
Wie die Abschiedsworte meines Ferienbruders „Mach weiter an deinem Lebenswerk!“
Was für ein Gewicht solche Worte haben, wenn sie von einem kommen, der mich sein ganzes Leben lang kennt.
So sind wir durchs blühende Franken heimgefahren, am See ausgestiegen, um Sonnensterne über flinke Wellen hüpfen zu sehen, und durch lange Obstbaumalleen spaziert.
Ich mag Oberfranken. Frage mich, warum meine Eltern eigentlich von dort weggegangen sind, wo wir nach dem Krieg angekommen und gut aufgenommen worden waren. Sie glaubten wahrscheinlich, dass das überall so sein würde. Warum sollten sie da nicht ein Haus hier kaufen können, um wieder Boden unter den Füßen zu haben. Aber hier waren wir dann die Hura-Flichtling. Da fahre ich nun wieder hin – stimmt nicht: nicht in diese Stadt, sondern in die Büsche.
Schnee fliegt mir schräg entgegen, bleibt im Garten liegen, die Löwenzähne machen zu.
Und dann traf mich dort, wo der Schnee getaut war, ein Schock: meine „Kinder“ haben den Bach radikal geräumt und dabei die kurzen Schilfpflanzen vernichtet, die ich in den letzten Wochen freigeschnitten habe, damit die Blüten wachsen können. Sie müssen es gemacht haben, gleich nachdem ich abgefahren bin. Ich bin wütend und traurig. Ich hatte mich gefreut, als die Spitzen herausgekommen sind. Dieses Jahr ist es damit vorbei. Ich mag gar nicht hinschauen, weil es mir graust. Es ist furchtbar. Auch die Korkenzieherweide, die ich von der Nachbarin, die mich hier so gerne lachen hört, geschenkt bekommen, erst eingesetzt und dann an den Bach gepflanzt habe, ist nicht mehr da.
An dem Schock hängt ein Gewicht von 40 Jahren. Da hatte meine Mutter das Biotop mähen lassen, das die Kinder hinten zwischen den Weihern und dem Wald wachsen lassen wollten, als wir in den Ferien auf Sylt waren. Sie war gekränkt über unser Entsetzen, hatte sie es doch gut gemeint und uns eine, wie sie meinte, notwendige Arbeit abgenommen. „Was habt Ihr denn, das war doch nichts Gescheites!“