15.-23.5.2017 – Kalabougou

15.5.2017

Eine kleine Vogelstimme
am Ufer der Nacht
und die Maus

Da ist eine gewaltige Kraft am Werk, wenn ein Vogel nicht einfach herunterfällt. Ich spüre noch die Bewegung der Luft an meinem Ohr, mit der die Meise mich aufgeweckt hat. Gottseidank.
Es war eine Rettung. Habe ich doch gerade noch vergeblich versucht, „meinen“ Analytiker zu finden, der inzwischen umgezogen ist, was ich vergessen habe, und den Bescheid, auf dem seine Adresse steht, habe ich nicht bei mir. Die Zeit. Die Stunde hat schon angefangen, ich stelle ihn mir wartend vor, was denkt er sich jetzt? Frage Leute in einem Café nach ihm, aber keiner kennt ihn. Immer diese Zeit, es ist, als nähmen mir die Minuten das Leben. Da kam die Meise. Ich kann wieder atmen.
Ich werde die Klavierstunde absagen, weil ich mit dem Knie nicht autofahren kann. Vielleicht ist es ja die Meise, die die Löcher in mein Laken gepickt hat.
Wo sind eigentlich die Rotkehlchen? Sie sind in allen Jahren jeden Morgen an meinem Bett vorbei gehüpft. Als mir das einfällt, stehe ich schnell auf, gehe ums Haus herum, wo ich die Starenkobel im Blick habe, bei denen am Morgen jetzt immer viel Leben ist. Um zu trösten oder zu vergessen. Eine Klammerbewegung, die zugreift, wenn ich mal wieder zu hören kriege, dass es vor zwanzig Jahren doppelt so viele Vögel gab wie heute. Kann man sich da noch aussuchen, ob man das Glas halb voll oder halb leer sieht?

Ich nehme das Rad für die Runde mit dem Hund, das Knie läuft nur mit Schmerzen. Schade, weil doch die Beine die Räder der Gedanken sind – the legs are the wheels of the thoughts. Es gibt eben Sätze, die vergisst man nie. Also: was würde ich denken, wenn ich laufen würde?
Kalabougou. Und wie ich mir dort – in dem Dorf der Töpferinnen an einem Seitenarm des Niger – meinen Kaffee gekocht habe.

Mali 2008

Kalabougou

8.2.2008

Morgens um sieben, nach Sonnenaufgang, suche ich Feuer. Gehe mit dem Kohleöfchen am Henkel durchs Dorf, es ist ruhig bis auf das gleichmäßige Klopfen in den Höfen, so müssen die Frauen schon aufgestanden sein. Aber ich sehe sie nicht, nur die waschenden Frauen am Brunnen. Ein Junge kommt mir entgegen, den frag ich mein kaltes Öfchen schwenkend, und er zeigt auf den nächsten Hof, das sei sein Haus, da gebe es Feuer, ja, da soll ich hingehen. Das mache ich, trete mich umschauend zaghaft in den Hof und sehe ganz in der Ecke das Feuer brennen. Sage anasogoma, eine Frau begrüßt mich strahlend, weiß sofort, was ich brauche, nimmt ein Löffelsieb und holt damit Glut aus dem Feuer, das sie mir in mein Öfchen gibt. Ich danke – inice - ich brauche nicht viel, nur für den Kaffee. Sie strahlt noch mehr, ich auch, denn ich habe gerade wieder einen Stern aufgefangen. Ein Glück. Komme ich mir hier doch oft wie das Sterntaler-Mädchen vor.

© H. Tarnowski

Heute dasselbe. Es gibt noch nicht soviel Glut, die Frau muss die glühenden Spitzen von den Zweigen in mein Öfchen klopfen, doch es reicht. Ich schwenke es hin und her auf dem Weg zu meiner Matte, stelle das Teekesselchen darauf, das gerade noch voller Blätter war. Das Wasser ist gleich warm für die erste Tasse, die zweite möchte ich dann heiß. Die Glut wird weniger, ich puste und puste, hole die am stärksten glühenden Stücke in die Mitte unter den Kessel, doch die Glut wird noch weniger, geht schließlich ganz aus. Ich trinke den zweiten Kaffee fast kalt, na ja, muss wohl was falsch gemacht haben.
Binas kleiner Bruder steht auf. Als er von der Toilette zurück ist und sich gewaschen hat, nimmt er den Teekessel und schüttelt den Kopf. Zeigt mir ein winziges Loch im Boden. Das war’s also. Das Glück. Auch afrikanisch.
An drei Tagen habe ich zwei Autos gesehen. Mittags im Schatten eines Mangobaums sitzen, in einem Dorf, durch das ein warmer Wind zieht, auch das war ein Traum, ein Wunsch, der mir hier einfach erfüllt wird.
Aber von den tiefsten Empfindungen möchte ich die Wörter fast lassen. Wie es ist, wenn ich fest auf meinen beiden Beinen stehe und durch sie eine Kraft aus der Erde in mich steigt, meinen Bauch, meine Brust, meinen Kopf. Der Strom fließt zurück in den Boden unter mir und von Neuem wieder in mich herauf.
Oder es kommt durch die Augen. Dann ist mehr Herzklopfen dabei. Das will mich auch in den Boden drücken.
Was da geschieht, nehme ich in mich auf und mit mir mit.
Denke, die Mystikerinnen müssen solche Erlebnisse gehabt haben.
Für mich kommen sie aus der Erde, die so offen ist, so unverschlossen, dass auch die Häuser für die Menschen daraus wachsen können.

Mitgenommen habe ich den doppelten Boden unter meinem Land.

18.5.2017

Drei Tage Rücken + fünf Tage Knie = ? Tage Kopf.
Wenn mein Körper nicht mehr tut, was ich will, steht auch der Kopf in Frage. Dann traue ich mir von Kopf bis Fuß nicht mehr.
Dazu noch das Herz oder wie man den Platz nennen mag, wo man traurig ist.
Von meinem Fenster aus, an dem mein Schreibtisch mit dem Rechner steht, habe ich den Blick auf den Giebel vom Holzhaus nebenan.
Da habe ich es gestern klopfen hören und eine Meise gesehen, die wild auf das Holz pickt. Das Klopfen habe ich schon am Abend zuvor gehört und es für einen weiter entfernten Specht gehalten. Es war die Meise. Ich sehe sie picken und zappeln, als würde sie wegfliegen wollen und käme nicht los. Hole schnell die lange Leiter und stelle sie neben dem Vogel an, klettere hinauf. Ein Fuß ist in einer Fuge gefangen. Ich wieder hinunter und mit einem dünnen Messer wieder hinauf. Schiebe vorsichtig das Messer in dem Schlitz bis zu dem Füßchen und noch langsamer weiter – und schon fliegt die Meise weg und in die Birke. Die Stelle, wo der Fuß gesteckt hat, ist voller Blut.
Ich könnte froh sein. Wenn ich nicht immer das Klopfen im Ohr hätte und mir vorstellen müsste, wie lange das Tier um sein Leben gekämpft hat, bis ich es kam und es befreite.
Dreimal bin ich gequält und verstört aufgewacht in der Nacht, weil ich eine tote Meise vor meinen Füßen gesehen habe.

Das Klavier fühlt sich an, als wollte ich rückwärts spielen. Da gebe ich auf.
Wenn ich zu schwach für mein Leben bin, geht auch das Schreiben nicht. Wann ist es soweit?

20.5.2017

Heute noch nicht.
Die Nacht war laut vom Quaken der Frösche. Einer fängt an und alle machen mit, da bist du wach. Und hörst nichts als das Quakkonzert.
Plötzlich: aus. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Es ist, als wäre nichts gewesen. Bis wieder einer anfängt.
Und die Stare sind flügge. Tagelang hat sich ein graues Köpfchen durch das Loch im Haus herausgestreckt und schreiend den Schnabel aufgerissen, wenn ein „Elternteil“ angeflogen kam. Im Haus nebenan hatte inzwischen neue Aktivität eingesetzt: ständig flog einer mit dem Schnabel voller Grünzeug hinein und mit Trockenem wieder heraus. In den Pausen dann wieder das pfeifende Rufen. Heute morgen sah es aus, als würden sich alle Stare – manchmal waren es fünf – um die beiden Häuser streiten.

Als sich der Regen gestern etwas zu verdünnen schien, wollte ich dem Hund noch eine kleine Runde geben und habe dafür das Fahrrad genommen. Weit bin ich nicht gekommen, da hat das Hinterrad blockiert. Ich konnte nicht erkennen warum und musste schiebend umkehren.
In Ouaga hätte ich nicht weit schieben müssen. Da waren die kleinen Werkstätten mit allem, was man brauchte, überall am Straßenrand zu finden. Auch in der Nacht, die ja um sechs Uhr schon einbrach. Da konnte es sein, dass ich den Monteur aufwecken musste, damit er mir meinen Reifen flickte.

Wie in Ouaga, als meinem Mofa das Benzin ausging.
Dort ist eine Mobilette Allgemeinbesitz und jeder fährt, solange sie läuft. Mir fällt ein, wie viele geschobene Mofas ich gesehen habe. Mein Benzin ging auf der Straße zum Platz der Vereinten Nationen aus. Ein junger Mann zeigte mir den Hebel für den Reservetank. Ach so!

Ein afrikanisches Sprichwort: Ein Mann hat seine Zukunft vor sich. Nur wenn er sich umwendet, hat er sie hinter sich.
Als ich das zu meiner Großen sagte, hat sie nur müde gelächelt. Sie ist nie nach Afrika gekommen.

22.5.2017

Der Spalt in der Holzwand ist eine Falle für die Meisen, die unter das Dach schlüpfen wollen. Wahrscheinlich haben sie dort ein Nest. Gestern hing wieder der Vogel mit dem Fuss darin fest, diesmal habe ich es gleich gesehen und bin die Leiter mit einem feinen Messer hinauf. Das Tierchen hatte sich auch schon blutig gezappelt, war aber sofort ruhig, als ich die Hand darum legte. Aber das Füßchen hing fester als beim ersten Mal, wir – gestern hatte ich eine sehr geschickte Hilfe – mussten die Bretter auseinander stemmen, dann war es leicht für die Meise fortzufliegen. Wir haben den Spalt mit Pappe verstopft.
Und ich habe mich nicht alleine freuen müssen, wie meistens hier in meiner kleinen Welt.

23.5.2017

Als ich gestern Abend noch den Abwasch mache, höre ich es ans Küchenfenster klopfen und denke, dass es eine Motte ist, die da ins Licht will. Später mache ich mir zum Lesen Licht im Bett, blase eine Raupe von einer Seite des Buches über die Geschichte Palästinas und merke eine kleine Bewegung am Haus. Mit der Taschenlampe erkenne ich eine kleine Kröte unter dem Küchenfenster. Na gut. Bis morgen wird sie schon wieder mit ein paar Sprüngen ins Gras gefunden haben.
In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, war sie vielleicht mal ein König? Dann sollte ich sie an die Wand werfen. Tu ich natürlich nicht, trage sie unter die Hecke, damit sie nicht in den Mäher gerät. In den neuen Zeiten werfe ich Schnecken, die sich in ihr Haus zurückgezogen haben, über die Hecke in die Wiese mit dem hohen Gras, weil sich hier bei mir so vieles gegenseitig bekämpft: die Schnecken fressen meine Blumen, die die Mäuse noch nicht geholt haben, und die Vögel holen sich die Samen, die mir meine Tochter zu Ostern geschenkt hat und die Schlingpflanzen die Wand hochwachsen lassen sollten. Kein einziges Pflänzchen ist herausgekommen, aber jedes Mal, wenn ich aus dem Haus gehe, fliegt ein Buchfink oder eine Meise von dem Beet weg. So leer war es da noch nie. Und so still. Kein Summen in der Luft.
Nur die Kröten machen nichts kaputt.
Von unserer Morgenrunde kommen wir mit einer Todesnachricht zurück. Ein Hundefreund ist nicht mehr dabei. Er war lange schon da, bevor Yalla kam. Ach, Sammy.