Thomas Mann und sein Mammut-Werk „Joseph und seine Brüder“
Eine literarische Parade
Von Günther Doliwa
1. Thomas Mann – Auf Weltruf bedacht
1.1. Der Patrizier – Zwischen Bürger und Künstler (1875-1955)
Der Lübecker Senatorensohn wird mit Buddenbrooks (1901) berühmt und wirtschaftlich unabhängig. Der Roman eines Verfalls bringt ihm 1929 den Literaturnobelpreis ein. Seine Emigration in die Schweiz 1933 stürzt ihn in Verwirrung. Er braucht Zeit, bis er sein Verhältnis zum Deutschland der Nazis bestimmt, weil er als Abwesender trotzdem dort veröffentlichen will. Ein Emigrant, der kein Emigrant sein will und keine „Verzweiflungsliteratur“ mag. Ein taumelnder Patriarch – zum Repräsentieren, nicht zum Märtyrer geboren. Ein Obdachloser unter vielen, die eine neue Heimat suchen, ohne die Entwurzelung verkraftet zu haben. Aufbruchsunruhe, von Provisorium zu Provisorium. Teils heiter, teils quälend, diese Vorläufigkeit unter Heimwehverdacht. Utensilien aus der verlorenen Villa lässt er heimlich nachholen. Unvorstellbar: Nur nicht unter Niveau leben. Stets auf großbürgerlichem Fuß. Der Mann fürchtet sich nicht vor Reichtum. Häuser. Autos. Pralle Konten. Geheimnisse in Tagebüchern. Verlagskontrakte. Hinter seinem Einkommen sind die Nazis her. Bei gleichzeitiger Zerstörung der heimatlichen Lebensbasis, vollzieht sich die Weiterentwicklung des Künstlers. „Wer eine Tragödie überlebt, kann nicht ihr Held gewesen sein.“ (Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht 2025)
1.2. Entwurzelung – Ausklang einer Epoche
Die Nazis sprengen die Stille. Verstoßen aus Deutschland, das der Unvernunft verfällt. Er realisiert nach und nach: es handelt sich um keine temporäre Verrücktheit. Er ist mit einer Jüdin verheiratet, also in Lebensgefahr. Besser Ausreise. Schweiz. Frankreich. Amerika. Emigration bedeutet Entwurzelung. Er beklagt jede „schlimme Behagensminderung“ (Ebd.110). Menschen werden an der Grenze durchwühlt wie Koffer, das Innere der Geflüchteten reist inkognito. Er wird als Wagnerfan verunglimpft. Als Jude verfemt und verfolgt zu sein, wird verdrängt. Will kein Migrant sein. Schweigt zunächst. Ein Mann im Schock. Unfassbar, der Kulturverlust. Lange hält er trotzdem eine Rückkehr-Option für realistisch. Der Zauberberg-Zauberer bleibt unentschlossen, verstört im Extrem des Exils. „Tiefe Lebenswehmut“. Lebensmüdigkeit zuweilen. Er hofft, melancholisch konziliant, auf Rückberufung. Stattdessen: Juni 1933 Schutzhaftbefehl von Heydrich gegen den „Judenfreund“. Das Bedauern der neuen Machthaber ist gering, ihr Hass groß. Zum Entsetzen laufen viele angebliche Freunde zum Hitler-Gespenst über. Der Patriarch hasst gesetzlose Umwälzung. Ist beleidigt, weil ausgesperrt, „verstoßen“. Der Einmalige weiß, er gehört „maßgeblich“ zur Kultur Deutschlands, aber nicht zu so einer aufziehenden Un-Kultur.
Erhebung in Deutschland? Heinrich Mann diagnostiziert: „Lügenlawine. Gewaltanwendung. Lust am fremden Leid.“ Hinrichtungen. Ekel. „Ich habe den alten Macht- und Nationalstaat verlassen, weil ein sittlicher Inhalt ihm ausgetrieben ist. Er erhält sich nur noch in Hass und Verwilderung, und der unsittliche Zwang, den er anwenden muss, ist die Ursache aller Verbrechen, von denen es in ihm wimmelt. Der nationalistischen Lüge werden die Menschen geopfert.“ (Heinrich Mann, Der Haß 1933 Paris/Amsterdam. (Illies, S.243f) „Thomas Mann ist einfach naiv. Er hat die Gnade, besser zu schreiben, als er denken kann.“ (Joseph Roth) Schärfe liegt Thomas Mann nicht. Um sein Werk zu hüten, liefert er sich dem Verlag aus, der seinen „Josef und seine Brüder“ unbedingt in Deutschland herausbringen will. Kleiner Trosttropfen für die Juden in Deutschland. Der ehemalige Großbürger begehrt nicht, auf einer Ausbürgerungsliste zu stehen. Er distanziert sich von seinem Sohn Klaus, der den politischen Umschlag in Deutschland glasklar erfasst, gleichwohl eine zerrissene Natur ist, die im Selbstmord endet. Der Vater ist „unterminiert“ von Stimmungen. „Er schont sich wie einen Sonntagsanzug.“ Sagt eine Tochter. Thomas Mann hat nicht das Zeug zum Märtyrer. Ist in seiner Eitelkeit beleidigt. Unkultur kränkt ihn. Er hadert mit dem Exil. Geschockt, schwankend, herrlich weltabgewandt. „Stille Villa“ am Mittelmeer. Sein Integrationsversuch jüdischer Geschichte, eine literarische Provokation für die Judenfeinde. „Wo ich bin, ist Deutschland!“ Wird er später behaupten. Aber wo bin ich? Fragt er sich von Etappe zu Etappe.
1.3.Gefühlsmensch und Verstandesmensch – Eine unauflösbare Spannung
Er registriert eine Perversion der Gefühlskräfte im Nationalrausch. Gefühle sind ambivalent für ihn. „Das Gefühl neigt von Natur aus zur Zügellosigkeit und einem weichlichen Kult seiner selbst; es will sich nicht verbergen, es kennt keine Verschwiegenheit, es trachtet, sich zu bekennen, sich kund zu tun, es möchte aller Welt…unter die Nase gerieben sein, auf daß sie sich damit beschäftige.“ (Josephs-Roman, S.61) In Jakobs Stamm, schreibt er, stellt man sich vor, Gott sei von „eigener Unenthaltsamkeit und majestätischer Launenhaftigkeit in Gefühlsdingen und Dingen der Vorliebe“. Auserwählung und Bevorzugung, ob ohne oder über Verdienst, sei „großherrlich, schwer begreiflich und nach menschlichem Begriff ungerecht“, dies sei mit Schrecken und Begeisterung zu verehren. „Des Gefühlsmenschen weiche Unbeherrschtheit war das Erbe, das Joseph vom Vater überkommen hatte.“ Deshalb die scharfe Kritik an der Gefühlsherrlichkeit Jakobs. Dabei ahmt der nur das Modell der Vorliebe Gottes nach. Thomas Mann ist von der Anlage her Verstandesmensch, kein Gefühlsmensch. Seine Sätze sind Schachteln, in denen Matroschka-gleich immer neue kleinere stecken, alles schön aufgeräumt, von bestechender Ordnung! Bei gleichzeitigem Chaos und Kriegstaumel ringsum. Thomas Manns Josefs-Figur ist seiner Knabenliebe nachgebildet; seine „letzte, glücklichste Leidenschaft“ (im Tagebuch verwahrt: Kläuschen Heuser). „Das Geheimnis gebietet.“ Zucht ist würdevoller als Befreiung. Leidenschaft zerstört. Schönheit „zwischen Zartheit und Kraft, eine schwebende Anmutsmitte“, wirkt betörend „zum Gaffen und Sichvergaffen für Weib und Mann. Jaakobs Gefühlsherrlichkeit“ wird bestraft. Hass (der Brüder) dagegen ist „nichts anderes als die allgemeine Verliebtheit mit verneinendem Vorzeichen.“ (Der junge Joseph, Von der Schönheit, 287f) Als höchste Tugend gilt dem Gepflegt-Korrekten und Wertbewussten: Selbstdisziplin.
1.4. Der Ernährer
Sein Leben lang hat auch Thomas Mann seine Kinder materiell versorgt und ernährt. Er konnte es sich leisten. Es gehörte zu seinem Bewusstsein. Seine Spitznamen: Zauberer. Herr Papale. Pielein. Pimperling. Großbürgerlich im Lebensstil. Schnurrbart, Zigarre, Eau de Cologne, Bibliothek. Goethe und Schiller, Wagner und Nietzsche verehrend. Klare Rollenverteilung. Fünf Hausangestellte. Drei Autos in der Garage. Chauffeur. Kinder sind beschlossen. Alle tragen Kosenamen. Erika (Eri, 1905) und Klaus (Aißi, 1906), Angelus Gottfried (Gölchen,1909) und Monika (Mönchen, 1910), Elisabeth (Medi, 1918) und Michael (Bibi, 1919). Der Bevorzugte lebt konsequent Bevorzugung. Auch materiell. Das letzte der sechs Kinder, Elisabeth, ist sein Liebling. Die andern betteln lebenslang um Anerkennung. Oder resignieren. Am Mittagstisch pflegt man kontrollierte Konversation. Er war wie ein Patriarch aus dem Alten Testament. Und so wie Jakob sein „Reh“ Rahel liebte, liebte er sein „Reh“ Katia. „Joseph, der Ernährer“ – so lautet vielsagend der vierte Band seiner Josephs-Tetralogie.
2. Thomas Mann, Joseph und seine Brüder
Erste einbändige Sonderausgabe, 1933 erstveröffentlicht, 7. Auflage 2023
2.1. Vorbemerkung
Wie bewältigt man dieses Viergipfel-Gebirgsmassiv von Literatur? Ist das nur etwas für intellektuelle Hochalpinisten? Wer kann sich vermessen, viermal je sieben Hauptstücke erobernd zu besteigen? Es gibt unendlich viele Routen zu den Gipfeln. Wie fühlt es sich an, diese schwarz-auf-weiß bibelbekannte Erzählsammlung von Vätergeschichten plötzlich in lebendigste Vielfarbenpracht verwandelt zu sehen? Schon Goethe „fühlt sich berufen, sie ins Einzelne auszumalen“. (Hermann Kurzke, Mondwanderungen 3. Auflage 2014.129) Wie ist es erklärbar, dass es einen als Leser unwiderstehlich hineinzieht in dieses Mammutwerk, „einen der größten mythischen Romane des 20. Jahrhunderts“, ein episches Gemälde, szenisch reich, figürlich faszinierend, humorvoll und voller spiritueller Weisheit? Bis zur Ratlosigkeit, da hier Gottesfragen verhandelt werden, für die das Interesse im 21. Jahrhundert schlicht erlahmt ist? Ich stelle kurz theologische und literarische Vorüberlegungen an, bevor ich, hinhorchend auf Atem, Stil und Sprache des deutschen Großschriftstellers Thomas Mann, den originell und erfindungsreich gestalteten Inhalt referiere. Die Zeiten sind längst vorbei, wo man Großromane als vorausgesetzt betrachten dürfte.
2.2. Biblischer Ansatz – Familiensagen
Thomas Mann entwickelt seinen Roman-Zyklus auf biblischer Vorlage, schert sich wenig um „Klüglinge“, die Wahrsprüche zurückdatieren und meinen, „die Segnungen Jaakobs seien nach Josua’s Zeiten verfaßt“ (1306). Der Großerzähler greift immer wieder „die Segenssprüche und fluchartigen Beurteilungen der Söhne“ (1131) (Genesis 49) auf, um die Söhne zu charakterisieren. Dabei gelten Jakobs Segnungen zwölf Stämmen, nicht Einzelpersonen. Kompliziert, wie sich Traditionen bilden. Die biblische Josephsgeschichte, die bei Sichem spielt, gilt überlieferungsgeschichtlich als Spätling, der „zu dem Zweck komponiert ist, die Lücke zwischen der Väter- und der Auszugsgeschichte zu über-brücken.“ (Otto Kaiser, Einleitung in das Alte Testament 1969/1978, S.74). Erzväter sind Offenbarungsempfänger und Kultstifter, um die sich Sagen ranken. Sie spiegeln sich in der Gattung von Sagen. Die Josephs-Geschichte ist eine Familien-Saga. Typisch dafür: Eigenschaften und Geschicke der Gemeinschaft werden in einer Figur personalisiert. Die Einzelerzählungen wirken wie eine Biografie. Während alte Sagen ein Ereignis zum Inhalt haben, entfaltet sich hier ein ganzes ungewöhnliches Leben. Das Licht ist anders. Es gibt keine Begegnung mit Gott; nicht Segen ist der Anlass zum Streit der Brüder, mehrdeutige Träume treten in den Mittelpunkt. Gottes Wille setzt sich durch, ernüchternde Erniedrigungen dienen als unumgehbarer Weg zum Aufstieg. „In der Erzählung von Josef und seinen Brüdern gibt es viele Figuren und Nebenhandlungen, dazu einen interessanten Schauplatz im fernen Ägypten. Die Freude am Exotischen, am Redeschmuck und an Verwicklungen der Handlung geben dieser Art des Erzählens ihren Reiz.“ (Annemarie Ohler, Gattungen im AT, 1972, S.118) Stets polemisch werden Fruchtbarkeitsgötter und -riten abgekanzelt. Der ugaritische Baal, mit den Frauen Anat und Astarte. Der gegensätzliche Mot, ägyptisch Osiris (Usir) als der Gott der Dürre und des Todes. Geht es bei Abraham um das Verhältnis von Mutter und Kind, stehen bei Jakob die Brüder im Fokus.
2.3. Literarischer Ansatz
Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Erich Auerbach (1940-45 staatenlos) markiert Stilgegensätze, indem er den homerischen Realismus mit alttestamentlichen Texten (AT) vergleicht. Während Homer ausformend und eindeutig beschreibt, gleichmäßig beleuchtet, lückenlos verbindet, vordergründig arbeitet, bleiben biblische Texte wie die Erzählung vom Abrahams-Opfer dunkel, hintergründig, weltgeschichtlich, problematisch, vieldeutig und deshalb deutungsbedürftig. „Man kann Homer analysieren, aber man kann ihn nicht deuten.“ (Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur 1946, 5. Auflage 1971, S.16) Das Alte Testament liefert Weltgeschichte im Gesamtsinn, wenn auch „zusammengestückt“. Wirklichkeit auffassen und darstellen heißt sie deuten. Jede auserwählte Gestalt lebt in vertikaler Verbindung und muss sich in Form bringen, um sich würdig zu erweisen. Figuren sind in Entwicklung. Der Wahrheitsanspruch der Bibel sei geradezu „tyrannisch“ (Ebd.17). Gott greift heraus, fasst hart an, bildet, biegt, knetet. Sagenpersonen sind fehlbar, unterworfen, unreif, oft symbolisch zusammengewachsen, aber stets inspirierte Träger eines Segens, einer Aufgabe im Gesamtgeschehen. Die Kurve von Abstieg und Aufstieg ist „ein Abbild der Größe Gottes.“ (Ebd.21) Homer dagegen bleibt sagenhaft, da verläuft alles glatt. Das AT aber wird geschichtlich wirksam, wenn auch oft wirr, mit schwankenden Motiven, widersprüchlich. Das Erhabene, Tragische, Problematische gestaltet sich im Alltäglichsten. Aus Eifersucht um Erwählung entspringen Konflikte. Das Leben ist durchtränkt von Konflikten. Protagonisten entwickeln sich, wissen nicht, wer sie eigentlich sind. „Vielleicht braucht es zum Reifwerden das ganze Leben.“ (Joseph-Roman, 1155) Die betroffene Person wird ausgependelt, gleichsam gewogen. Härte und Freundlichkeit scheinen sich zu widersprechen. „Das Göttliche benimmt und äußert sich auf diese zweideutige Art, – man weiß nicht, ob man es grausam oder gütig nennen soll.“ (1150) Dies mitzuerleben stellt persönliche Fragen, denen man sich stellen muss. Gelingt es, „das Übel… seines Charakters als Katastrophe zu berauben“ (1149)? Fällt vom Ergebnis her Licht auf die Tat? Auf die Deutung der Dinge kommt es an. Mann ist der Geschichte Einfälle schuldig, damit ein Fest daraus wird, wenn Tat und Ergebnis sich begegnen. Die Fragen bleiben oft ohne Antwort. Der Mensch muss „Gott all seinen Witz zur Verfügung stellen.“ (1156) Die Lösung schmücken, ausgestalten.
2.4. Ein Wegweiser – Mondwanderungen
Der Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte Hermann Kurzke (1943-2024) hat einen kenntnisreichen „Wegweiser“ durch Thomas Manns umfangreichstes Romanwerk geschrieben. Er gibt darin einen Überblick, charakterisiert die Hauptpersonen, erklärt die Göttergeschichten und informiert über Quellen, Entstehung und Wirkung der Tetralogie. Fazit: „Die Erkenntnis, daß der Joseph-Roman Thomas Manns eigentlichstes Hauptwerk ist, hat sich bis heute noch nicht durchgesetzt.“ „Er bietet eine intelligente Unterhaltung mit Mythen und Zitaten, einen Seiltanz über dem Abgrund des Nihilismus.“ (Ebd. 174.175) Quellen: Lektüre der Bibel, Buch Genesis Kapitel 25-50; Philosophie von Schopenhauer und Nietzsche, Goethes Faust und Wagners Ring (149). Eine Ägyptenreise. Die Rezeption war ratlos. Das Hauptinteresse galt Buddenbrooks, Zauberberg und Doktor Faustus. Christliche Stimmen fürchteten Glaubenszersetzung. Thomas Mann schrieb daran von 1926 bis 1943. (Erschienen: 1933; 1934; 1936 Wien; 1943 Stockholm). Keinen Roman der Dekadenz, sondern einen Sieg der Aufklärung über das Dunkel, des Vaterrechts über das Mutterrecht. Christentum sei asketisch. „Thomas Manns Gesamtwerk ist eine riesige Beichte… Die Triebfeder…ist ein fundamentales Schuld- und Sünden-bewußtsein.“ (Ebd. 122) Reich-Ranicki lobt 1987 vor allem „Thomas Manns makellose Gepflegtheit, seine elegante Umständlichkeit und Überlegenheit, seinen zärtlichen Spott und sein vielsagendes Augenzwinkern.“ (Ebd.156)
2.5. Vorspiel: Höllenfahrt
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ So fängt Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ an. Ein „Fest der Erzählung“ (Sonderausgabe von 2023, 39) verspricht der Literatur-Nobelpreisträger von 1929, wenn er hinabsteigt in den Brunnenschlund der Vergangenheit und den Mythos beschwört: Spiel jetzt! Erzählen heißt vergegenwärtigen. „Denn das Wesen des Lebens ist Gegenwart.“ (39) Der Erzähler der „Vergangenheit, ihm als Zeitfall vertraut und gemäß wie dem Fisch das Wasser“, stößt auf die grundsätzliche Schwierigkeit, dass aller Dinge Ursprung sich verliert bei schärferem Hinsehen (17). Denn Überlieferung wird beherrscht von „Zusammenziehungen, Verwechslungen und Durchblickstäuschungen“ (22). Den Neu-Erzähler beschäftigt „nicht die bezifferbare Zeit.“ (23) Wann war denn die Sintflut, „das Schwemmgericht“ (22), das in vielen Überlieferungen der Welt auftaucht? In China hieß Noah mit dem Rettungskasten „Yau“ (23). Selbst der Atlantis-Untergang wäre „nur ein Scheinhalt“. Katastrophen frischen das Gedächtnis auf. Geheimnisvoll wird Überlieferung oft mit Prophezeiung vertauscht. „Urweither“ (24), „aus den Tagen des Set“ (15) stammen die Geschichten. Zeiten sind wie Küsten nur Kulissen. Heimsuchung wird als gegenwärtig erlebt. Jederzeit war die Menschheit verdorben. Zeitlos gegenwärtig ist „das Tohu und Bohu“ (14), der Turmbau, ein „Trotzmal von Nimrods Königsvermessenheit“, alles stets „eine Mischung aus Mär und Verkündigung“ (25). „Die blöden Menschen kennen Gott nicht und nicht den Ratschluß der Unterwelt: jederzeit kann die Nachsicht sich als erschöpft erweisen, das Gericht in Kraft treten, und an einem Warner hat es wohl auch nicht gefehlt, einem Wissenden und Hochgescheiten, welcher die Zeichen zu deuten wußte und durch kluge Vorkehrungen als einziger von Zehntausenden dem Verderben entrinnt“ (22f). Wo lag das Paradies, (7) der heilige Mittelpunkt, der Weltnabel, mit seinen vier Weltwassern, vier Engelwächtern, vier heiligen Tieren? Wie kommt es zur „Doppelnatur des Menschen aus Lichtwesen“ und „Freiheit mit schwerer Verfesselung in die niedere Welt“ (29)? Wie darf man einen „Sündenfall“ verstehen (33), nicht stark moralisch überspitzt, wo doch Gott an der Weltschöpfung gelegen war? Aus welcher Höhe kann der FALL geschehen? Und liegt „die stille Hoffnung Gottes“ (35) vielleicht darin, dass Geist und Seele sich wechselseitig so durchdringen, dass Humanität entsteht mit dem Segen von oben wie von unten? Hölle wäre dann „der erste verfluchte Zustand nach dem Fall“ (28). Welche Rolle „spielt der Geist im Roman der Seele“ (31)? Der Neu-Erzähler kann historische Fragen nicht klären. Er beruft sich darauf, dass Geschichten sich zuerst erzählen und dann, in Versionen, abgelauscht und nacherzählt werden. Erzählen hält jung. Das Gestirn des Erzählers ist der wandernde Mond. „Wer erzählt, erwandert unter Abenteuern manche Station“, „weiterer Wegesweisung gewärtig“ (38) Thomas Mann rührt an das Gottesbild. Gott schafft die Welt, damit die Seele „körperliche Lüste erlange und Menschen erzeuge.“ (30) Ist der Geist beauftragt, die Seele dazu zu bringen, „sich die niedere Welt aus dem Sinne zu schlagen“ (31)? Frömmigkeit gilt dem „Es war“. Der Geist aber bringt den Stein ins Rollen, verleiht Witz, mahnt, stößt an, widerspricht, wandert, treibt ins abenteuerliche Ungewisse. „Rastlosigkeit und Würde – das ist das Siegel des Geistes“ (37). Gott, selber ist im Werden begriffen, hat Zukunftspläne. Joseph zeltet, als dürfte er nicht bleiben und wurzeln. „Joseph wußte natürlich warum. Es mußte so sein, weil man einem Gott diente, dessen Wesen nicht Ruhe und wohnendes Behagen war, einem Gott der Zukunftspläne, in dessen Willen undeutliche und große, weitreichende Dinge im Werden waren, der eigentlich selbst, zusammen mit seinen brütenden Willens- und Weltplänen, erst im Werden und darum ein Gott der Beunruhigung war, ein Sorgengott, der gesucht sein wollte und für den man sich auf alle Fälle frei, beweglich und in Bereitschaft halten mußte.“ (38) Thomas Manns Abstieg in die biblische Vergangenheit, dreitausend Jahre, ist „Todesfest, Höllenfahrt“ (39), es geht hinab unter Tag mit uns Er-bleichenden. Die Welt ist aus der Zeit gefahren. Das Leben der Seele, „wenn der Tod ihr Einzelgefängnis brach“ (39), gehört zur Allgegenwart. Feierkleid des Geheimnisses ist das wiederkehrende Fest. Erzählung beschwört Gegenwart. Wer erzählt, erwandert unter Abenteuern manche Station. Dies gesagt von einem Autor, der im Jahr der Veröffentlichung, im Februar 1933, vor einem geistfeindlichen Regime ins Ausland flieht, die Geschichte vom Juden Josef im Gepäck, der eine Hölle durchzumachen hat. „Du sollst ein Schicksal sein“ (11) – war ihm verheißen.
3. Die Geschichten Jaakobs (Buch I)
Sieben Hauptstücke: Am Brunnen. Die Brüder. Dina. Flucht. Laban. Die Schwestern. Rahel.
Abraham, der den Mond liebt, ist Gottes Freund, der den höchsten Herrn in der Wahrheit mit seinem Geist entdeckte (84). Beklemmend, die Prüfung Abrahams (76f), in der der Glaube über der Liebe steht. Er sollte erfahren, was er nicht tun sollte. Jakob gedenkt „Gottes mit Schrecken“ (76), er hätte Abrahams Prüfung nicht bestanden, „denn meine Liebe war stärker denn mein Glaube.“ (77). Sein Sohn Isaak setzt, neben Ismael, die Ahnenreihe fort mit den Zwillingen Esau und Jakob. Jaakob, der Gottesstreiter, später Bettler und Flüchtling, der den Segen zu tragen erschwindelte, seine „Segensanschlägigkeit“ (238), hat „schweren Seelenbetrug erlitten“ (237). Gott züchtigt aus „Eifersucht reinsten Wassers und eigentlichsten Sinnes“ (233). „Jaakobs Gefühlsherrlichkeit“ (232), seine abgöttische Liebe, seine „Leidenschaft“ für Rahel erzeugt Verhängnis. „Nenne man das einen Wüstenrest, so bleibt doch wahr, daß gerade erst in der Leidenschaft das tosende Wort vom ‚lebendigen Gott‘ sich recht erfüllt und bewährt.“ (233) Der Erzähler Mann formuliert unzählige Weisheits- Aphorismen. Und „die Geschichten, die uns an einem Ort widerfahren, sind Wurzeln gleich, die wir in seinen Grund senken.“ (236) Jakob, ein Gesegneter, lebt „sein kostbares Verheißungsleben“ (101). Nach dem Betrug am Bruder muss er flüchten, weinen. Er landet bei Laban und findet eine Quelle, die diesen unabhängig macht. Wo Jakob hinkommt, gedeiht es. Ein Mann des Gelingens. Der nur eins will: dessen Tochter Rahel. Als der höchste Wunsch „gegenwartsmächtig“ (217) wird, „unbeugsam gewünscht durch so viele Wartejahre“ (222), festbetäubt, eine Myrtenblüte in der Hand, und sein Geschlecht sich bewähren sollte, als er „Rührung und Lust auf einmal, Zärtlichkeit und Begehren“ (223) spürte, so dass der Himmelsstier hauchte, war ihm „die Stunde der Erfüllung geschändet“ (225).
In der Brautnacht wird ihm statt der ersehnten Rahel deren ältere Schwester Lea untergeschoben. Laban, der listige Teufel, der „Wolfsmensch“ (227) verdirbt ihm den Rausch der ersehnten Nacht. (Dieses Kapitel liest Thomas Mann laut Florian Illies erstmals im Garten der Villa in Südfrankreich vor: Jaakobs Hochzeit, Buch 1, S.213-229) Das Fest des Beilagers gerät zur Täuschung. Laban, „Drache, Tiger, teuflischer Mann“ (226) spaltet seine Seele in der Brautnacht. Jakobs ist am Boden, „weil es sich so gehörte, daß zuletzt der betrügerische Teufel spottgründlich betrogen war“ (237). Zeugen ist bei Thomas Mann ein Stück sterben. „Denn im Geschlecht ist der Tod und im Tod das Geschlecht“ (213).
Schreckliche Wiederkehr des Verdrängten: Der Betrüger erlebt es, schmählich betrogen zu werden. Der Preis, Rahel zu bekommen, verlangt weitere sieben Jahre Dienst. In aller Stille wird ihm auf der Stelle Rahel bei getan, damit sie nicht schmachten müsse. Dazu je eine Magd, Silpa zu Lea, und Bilha zu Rahel. Laban prahlt: „So hast du vier Weiber über Nacht und hast ein Freudenhaus wie der König von Babel und wie Elams König“ (229). Jakob feiert „Doppelhochzeit mit Lea und Rahel“ (230). Gottes Maßregelung deutet er als „eine belehrende Züchtigung für Jakob selbst“ (231). Gott billige keine „wählerische und weiche Selbstherrlichkeit“ (231) des Gefühls, „obgleich diese Neigung zu Auserwählung und zügelloser Vorliebe, dieser Gefühlsstolz, der sich der Beurteilung entzog und von aller Welt andächtig hingenommen zu werden begehrte, sich auf ein höheres Vorbild berufen konnte und tatsächlich die irdische Nachahmung davon darstellte. Obgleich? Eben weil Jaakobs Gefühlsherrlichkeit eine Nachahmung war, wurde sie bestraft.“ (232). Thomas Mann spricht von der „Läuterung Gottes aus trüber Tücke zur Heiligkeit“. Er betont, „daß Gott seine wirkliche Würde nur mit Hilfe des Menschengeistes erlangt, dieser aber wieder nicht würdig wird ohne die Anschauung der Wirklichkeit Gottes und die Bezugnahme auf sie“ (232).
Hier offenbart sich Thomas Manns Gottes-werde-Bild: Gott sei im Werden begriffen. Vom Kriegs- und Wetterherrn zum Bündnispartner. Gott und Mensch werden in einem „Doppelprozeß“ (232) heilig. Gott wird würdig mithilfe des Menschengeistes, und dieser nur würdig durch „die Anschauung der Wirklichkeit Gottes“ (232). Zügelloses Gefühl des Menschen für den Menschen, kurz: Leidenschaft, muss mit der Eifersucht Gottes rechnen. Leidenschaft ist nicht nur ein Wüstenrest, sondern darin erfüllt und bewährt sich „das tosende Wort vom ‚lebendigen Gott‘“ (233).
4. Der junge Joseph (Buch II)
Thot. Abraham. Joseph und Benjamin. Träumer. Fahrt zu den Brüdern. Stein vor der Höhle. Zerrissene.
1
Was ist Schönheit? „Schönheit ist magische Gefühlswirksamkeit, immer halb wahnhaft, sehr schwankend und zerstörbar“ (287) und „vielleicht nichts als Geschlechtszauber.“ (288). Der siebzehnjährige Joseph gewinnt durch zarte Anmut, macht sich beliebt, bei seinen Brüdern aber „mit verneinendem Vorzeichen.“ (289) Neid und Dünkel trüben ihr Verhältnis. Josefs Geschichte nimmt dieses Motiv wieder auf: Belohnt wird, wer Sinn besitzt für diese Lebendigkeit Gottes. Der süße „Traum vom Vorrang und von der Kindschaft“ (86) bestärkt Josef,Jakobs Lieblingssohn, darin, ihm werde glücken, was er beginnt, er werde Gnade finden und von Königen gelobt werden. Unterm Baum, der Schatten spendet und Träume, wird gelehrt. Mutter Rahel starb bei der Geburt des Jüngsten Benjamin. Dieser Verlust prägt Jakobs und Benjamins Leben. Joseph ist von mütterlicher Seite „heiter, unbesorgt und umgänglich“ geprägt. „Die Gewohnheit, geliebt und vorgezogen zu sein, entschied über sein Wesen und gab ihm die Farbe; sie entschied auch über seine Beziehung zum Höchsten“, das „bräutlich“ genannt wird, mit einem „Einschlag von spielender Phantasterei“. Jedenfalls ist seine Lebenshaltung „beweglich-stegreifmäßig“ (37), er ist ein Nabi, ein Verkünder, ein Wissender und Hochgescheiter. Seine Passion der Seele ist „freilich durch Lust aufgewogen“.
Jakob gönnt Joseph freie Zeit zum Unterricht beim ältesten Knecht Eliezer, wo er „die Ur-Schnurren und Histörchen“ (292) hört, das Weltall erlernt, die Tierkreisbilder, das Geheimnis der Zahl, Steinschrift zu lesen, die Äonen und Völker des Erdkreises, und er glänzt in Sprachkenntnissen (389), was seinen Sinn hell, scharf und heiter macht. Denn „ein Gescheiter redet mit zehn Worten mehr als ein Dummer mit hundert“ (390). Schönheit und Weisheit sind seine Lieblingsgedanken. Aber „wozu nützt Weisheit, wenn sie nicht einmal vor Hochmut zu schützen vermag?“ (301) Seit ihm seine geliebte Rahel den Sohn Dumuzi (Joseph) geschenkt hat, will er dem Elften das Erstgeburt zuspielen, zumal er zu ekstatischen Zuständen neigt. Jakob hat im Traum „Gott als großen König und seine Engel erschaut“ (305): Nichts zu tun haben will er mit Narren, Geiferern, Gottbesessenen, gar mit Sakralhurerei, Festvöllerei, wüster „Krampfkünderei“, kurz: „Aulasaulalakaula“. Der Geist nimmt den Körper in Zucht.
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Wo ist eine Geschichte zuhause? Oben oder unten? „Die Sphäre rollt“ (308). „Die Geschichten kommen herab, so, wie ein Gott Mensch wird, werden irdisch und verbürgerlichen sozusagen“ (308). „In Abraham, Vater des Erhabenen, wurde Fleisch, was vorher sternenhaft gewesen war, und auf dem Göttlichen fußte er“ (309). Wem soll der Mensch dienen? „Dem Höchsten allein.“ (310) Gott, „der unfehlbar war für des Menchen Notschrei und Lobgesang“ (312), macht sich durch Abraham einen Namen. „So hatte Abraham Gott entdeckt aus Drang zum Höchsten.“ (311) Die Welt könne nur bestehen, wenn der widersprüchliche Gott etwas milder würde. „Er war nicht das Gute, sondern das Ganze.“ (314) Der Heilige, größer als Werke, überlebendig, verlange Heiligkeit. Urvater wusste „von Gott zu lehren, aber er wußte nichts von Gott zu erzählen… Es gab von Gott keine Geschichten.“ (315) Die Gegenwart kommt der Zukunft nicht gleich, ein unerfüllter „Leidenszug“ (316) wartet auf Erfüllung in seinem Königreich. Geschichten kommen herab, werden irdisch, erzählbar, spielen unten wie oben.
3
Josephs Bruder Benjamin (Benoni) trägt „ein Gefühl tragisch schuldloser Schuld“ (322), Melancholie, mit sich herum, da seine Mutter Rahel bei seiner Geburt stirbt. Der Kleine ahnt, Joseph, dem „Rührmichnichtan“ (325), geht es um Erberwählung. Sohn, Geliebter und Opfer liegen nah beieinander im „Geheimnis der Stellvertretung“ (328). „Wie der Mensch den Sohn darbringt im Tiere, so bringt der Sohn sich dar durch das Tier.“ (328) Doch nur drei Tage (!) hält ihn die Grube, dann ist er auferstanden, der Zerrissene: Tammuz lebt! Im mythischen Bild der Auferstehung bricht das Freudenfest an. Reigen wirbeln, man schmaust, zecht und jubelt, wenn Ischtar, Morgen- und Abendstern (Venus), hinabsteigt, den Sohn zu erwecken. Das Grab ist leer. Das Leben, von Lust verlassen, erstarrt in Traurigkeit. Aber am Klügsten sei es, sich kein starres Bild zu machen. Mit solchen Lehren wächst Joseph auf.
Sie nannten ihn „Träumer“ (335). Und wie der träumt, übermäßig, und mit wie großer Freude, teils schockierend! Ein Adler „mit Hörnern des Stiers an der Stirn“ (336) raubt ihn im Traum von der Erde bis ins oberste Gewölbe mit Hallen, Heeren, Altären, bis im Saphirlicht das Alleinige Antlitz erscheint, vor dem sich alle beugen. Ein Engel kündet ihm, er solle versetzt werden. Es ist verwirrt „ob all der Willkür und Gnadenwahl“ (342). Sein „Traumorgan“ (376) ist stets gereizt. „Er war Jaakobs wahrhafter Sohn, des Würdig-Sinnenden, des Mannes mythischer Bildung, der immer wußte, was ihm geschah, der in allem irdischen Wandel zu den Sternen blickte und immer sein Leben ans Göttliche knüpfte.“ (424). Träumen ist ihm spielen. Alles Geschehen ist erst echt durch höhere Wirklichkeit. Gewiss ist ihm, dass Oben und Unten umschwingt, eins sich ins andere wandelt. Eine Anspielung genügt, Gegenwart im Umschwung als durchsichtig, urgeprägt, gestirnhaft zu erkennen (425). Worüber hinaus will der Herr mit uns? Eine große Errettung und Schonung sei Grund zum Jubelfest, denkt Jakob.
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Der Träumer erbettelt sich das prächtige Brautkleid der Mutter, darauf Gilgamesch mit dem Löwen. „Sehen ist Habenwollen.“ (350) „Ich und die Mutter sind eins, sagt Joseph.“ (364) Wie es ihm steht? „Natürlich sah er aus wie ein Gott.“ (352) Die Brüder aber schäumen und brüllen wie Stiere; „dort liegt der Bube, der Geck, der Zierbengel, der Gelbschnabel, der Grünling, der Augenverdreher und hat das Kleid.“ (356). Frechheit verleitet Joseph sich ihnen im Neidkleid zu präsentieren. Gegen den Segen ohne Verdienst kommt niemand auf. Sein Selbstbewusstsein: „Der Herr spricht: Ich gönne, wem ich gönne.“ (3623) Nicht nur, dass er dem Vater alles zuträgt, um die Brüder zu schwärzen, er bindet ihnen seine provozierenden Träume auf die Nase, die von seiner „Haupterhebung“ künden. Der Garbentraum: Seine Garbe steht in der Mitte und die der Brüder neigen sich vor ihm. Das wurmt sie und vergiftet die Beziehung. Ruben, meint resigniert, „wenn Gott im Spiele sei, so sei man ohnmächtig“ (373), und sich aus Klugheit zu neigen müsse nicht heißen sich zu beugen. Träume sind „ein Sendzeichen der Erwählung“ (374). „Gott war groß, heilig und unverantwortlich, aber Joseph war eine Viper.“ (374) Nicht genug, er erzählt, was er sah im Traum auf der Tenne: „Die Sonne, der Mond und elf Kokabim (Sterne) warteten mir auf. Sie kamen und neigten sich vor mir.“ (379) Jakob hält im Kummer über Josephs „Traumneigung und Krampfkünderei“ (380) eine Strafrede. Die Brüder knirschen und gehen freiwillig weit weg, alle zehn, von einem Ort, wo man solche Träume erzählen dürfe.
5
Jakob mutet Joseph zu, aufs Feld zu gehen und sich vor ihnen zu neigen. Die Wiederherstellung missglückt, denn „das alte Spiel, zusammengesetzt aus Jaakobs Schwäche, dem blinden Übermut Josephs und tödlicher Vergrämung der Brüder“ setzt sich heillos fort. Er tut, als würde er nach dem Rechten sehen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, alles geht schief und verquer. „Er verirrte sich nicht, er suchte; und da er nicht fand, so ward sein Suchen zum Irrgang im Leeren.“ Herumirrend begegnet er einem Fremden, mit Zügen eines Engels, einem Diener des Gottes der Diebe, der „diese Welt der Zweiheit“ (396) mit Stück und Gegenstück missbilligt. Joseph entgegnet: „Ohne Leben wäre kein Tod, ohne Reichtum die Armut nicht, und käme die Dummheit abhanden, wer wollte von Klugheit reden?“ (396) Ob er die Menschen liebe oder nur betrüge mit seinem Lächeln? Fragt der Fremdling im Tal von Dotan. Da bricht der weißen Eselin Hulda die Fessel; der Führer bietet sich als Eselswächter an, nah bei einem trockenen Brunnen. Nur das Schleiergewand nimmt Joseph mit. Als er sich darin den Brüdern nähert, entfesselt die Menge ein Stiergebrüll, ein Schrei der Wut, des Hasses. Gegen die gottgegebenen Träume können die Brüder nichts tun, wohl aber gegen den Träumer und seine „Träume herrenlos“ (404) machen. „Sie fielen auf ihn, wie das Rudel verhungerter Wölfe auf das Beutetier fällt; es gab kein Halten und kein Besinnen für ihre blutblinde Begierde“ (406). Er taumelt fassungslos, ein „Hagelgewitter wüster Brutalität“ (406) prügelt auf ihn nieder, die Eifersüchtigen reißen ihm das Kleid (die Ketonet) vom Leib, binden ihn und werfen den kläglich zugerichteten Provokateur, Vaters Lamm, in die leere Zisterne. Kein Blutvergießen wagen sie, erweisen sich ihrem Mythos gehorsam, aber sie entschließen sich, „das Weitere dem Geschehen zu überlassen.“ (411) Ruben hat Zeit gewonnen, ihn zu retten, aus Furcht vor Jakob und „grimmig verschämter Liebe zu dem Verhaßten“ (412). Ein alter Deckel, in zwei Hälften zersprungen, verriegelt das Grab. „Brüder, wo seid ihr?“ Ruft der Versenkte. „Mich dürstet!“ (Anklänge sind vertraut) Waren sie ihres Bruders Hirten? Nein! „Die Versenkung Josephs konnte nur einem Zweck dienen: das Hindernis zu beseitigen, das zwischen ihnen und dem Herzen des Vaters stand“, und es kam ihnen darauf an, „den Weg freizumachen zum Herzen des Vaters.“ (416) Dan, die Schlange, schlägt vor, Rahels Brautkleid in das Blut eines wilden Tieres zu tauchen, um den Vater zu täuschen über das wahre Geschehen. Sie gehen weg und lassen Joseph allein. Und grausame „drei Tage sollte er im Gefängnis bleiben, drei Tage und Nächte nackt und bloß und verschnürt“ (420), in denen er begreift wie taktlos sein Verhalten, wie verzweifelt die „Wölfe“ sein mussten, und sie, die Opfer der Zukunft, taten ihm leid. Überzeugt ist er, dass Gott weiterschaut als bis zur Grube. „Staunend blickte er in das Rätsel selbstverderberischen Übermuts, das ihm durch sein eigenes Benehmen aufgegeben war. Es zu lösen, ging über seinen Verstand“ (423). Warum hat Jakob vergessen vorzubeugen? Eben „weil sie ein Spiel spielten und weil Jaakob das Kleid dem Sohne ebenso wünschte, wie dieser es für sich begehrte.“ (423) Joseph hat Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu bedenken. Sein Gefängnis steht für Unterwelt. Den toten Mond sieht man drei Tage nicht. Der Sohn steigt in den Abgrund. „Es war der unterirdische Schafstall, Etura, das Reich der Toten, darin der Sohn Herr wird, der Hirte, der Dulder, das Opfer, der zerrissene Gott.“ „Gott forderte vom Vater das Opfer des Sohnes“ (426). Die Hoffnung auf Errettung nach zweiundsiebzig Stunden hilft ihm über das Unerträgliche hinweg, siegt über die Grube.
6
Ruben, gequält, sinnt auf Rettung und Flucht, aber Ismaeliter (Midianiter), Kauffahrer, kommen ihm zuvor; sie holen den Brunnenknaben heraus und merken, dass er schriftkundig und wohlerzogen ist. Joseph ist gleichsam zweimal geboren. Doch er wird als Sklave und Niemandssohn verkauft, „ein Hundejunge, den wir strafen mußten wegen Diebstahls im Rückfall, Lüge, Lästerung, Raufsucht, Halsstarrigkeit, Hurerei und gehäufter Sittenverletzung.“ (443) Juda fordert dreißig Silberlinge, aber man schlägt zu „auf zwanzig Silberlinge“ (447). Joseph benimmt sich „wie ein Lamm, das vor dem Scherer verstummt.“ (444) Das Leben bringt mehrmals Grab und Geburt, hatte der fremde Engels-Wächter am Brunnen gesagt. Geduld sei zu lernen. „Denn es geht nur langsam voran mit der Erfüllung“, vorläufig schon gegenwärtig, „nur als Versuch und Verheißung. So wälzt sich die Erfüllung dahin, mühselig, wie der Stein, wenn er schwer ist, gewälzt wird vom Brunnen.“ (452) Das Grab hält ihn nicht, einer soll den Keim der Erwartung hegen, wie die Erde das Weizenkorn. Verschworen verbeißen sich die Brüder den Mund mit einem „grimmen Eid“, nie ein Sterbenswörtchen zu sagen, was sie mit dem Träumer gemacht haben, „noch auch nur mit einem Wink, Blink und Zwink des Auges () zielen, schielen und spielen auf diese Geschichte hin, bis in den Tod!“ (458) Ein Körper, ein Mann, ein Schweigen!
7
Joseph zerrissen!? Jakob fällt nicht auf den Rücken, aber der Jammermann erhebt Wehklage vom Ausmaß eines Hiob. Wohin „sich wenden und winden in seiner Not?“ (467) Doch „die Verzweiflung erlaubte ihm mit Gott zu rechten“ (468ff). „O Gottes Sünde!“ Der Bund sei gebrochen. „Gott hat nicht Schritt gehalten -“ (470). Gottesverteidiger trifft auf Gottesankläger. Gott gottlos nennen und ungerecht den Erhabenen? Dem Schöpfer vorwerfen, er zerstöre die Welt? „Er zerscheitere mich doch gleich in seiner Willkür…“ „Hat Gott seinen einigen Sohn dahingeben müssen…?“ Was tröstet man ihn statt den Getroffenen? Jakob verdrängt seine „gefühlsstolze Narrenliebe“ für Joseph, fühlt sich missverstanden. „Denn man muß Gott verteidigen wider seine Verteidiger und ihn schützen vor seinen Entschuldigern.“ (472) Benjamin glaubt dem Zeichen nicht, dem blutgetränkten Kleid. So „hilflos und stark vor Hilflosigkeit“ (473) der Glaube ist, er verneint die Verneinung des angezeigten Todes. Jakob wählt mythische Muster, Joseph ins Leben zurückzuführen, indem er grübelt, Gott zu spielen, hinabzusteigen um ihn wiederzuholen. Doch ihm dämmert, der Zeugende ist nur Werkzeug der Schöpfung. „Zeugen ist nicht Schaffen, sondern es taucht nur Leben in Leben in blinder Lust; Er aber schafft. Oh, könnte mein Leben in den Tod tauchen…“ (475) Und die Brüder? Ein gekränktes, schlechtes Gewissen macht betrübte Figuren. Sie haben keine guten Tage. Jakob hat sie im Verdacht. Sein heilloser Argwohn muss „quängeln und lauern, sticheln, stochern und bohren (…) ohne Rast und sich selber plagen, indem er den andern zu plagen scheint“ (478). „Ihr böses Gewissen brauchte seinen Verdacht und umgekehrt auch. Sie waren aneinander gebunden in Gott und in Joseph“ (482) und nehmen es als Buße. Joseph ist ein Schatten. In Abrahams Schoß. Das sind Worte für seine letzte Abwesenheit. Der Tod hat seine Vorteile. „Der Tod bewahrt, indem er wiederherstellt.“ (483) Jakob bewahrt den eitlen, gescheiten, schmeichelnden Jungen, „unverbrüchlich, ungefährdet und unveränderlich, nicht bedürftig der Sorge und immer siebzehnjährig“ (483). Gott lässt Jakob „den Elendsübermut“ (483) durchgehen; hinter seinem Schweigen verbirgt sich „ein verwirrendes Belieben“, und da muss einer schon sehr alt werden, „um zu erfahren, daß, ausgleichshalber, Trug und Wahn war auch dein bitterstes Leid.“ (Ende)
5. Joseph in Ägypten (Buch III)
Die Reise hinab. Eintritt in Scheol. Ankunft. Der Höchste. Der Gesegnete. Die Berührte. Die Grube
„Erst muss man träumen, sag ich immer.“ Mascha Kaléko, als sie ihre totgeglaubte Schwester Lea 1956 in Berlin wiederfindet. In der Bibel umfasst die Geschichte von Josef, Jakobs Sohn, (Gen 37,1-50,26) rund 13 Kapitel. Der vierbändige Roman-Zyklus von Thomas Mann umfasst gut 1300 Seiten. Pro Kapitel 100 Seiten. Viel Raum, die Geschichte auszumalen. Was Buch Genesis in einem Kapitel (39), in 21 Versen, erzählt, packt Thomas Mann in ein ganzes Buch von 440 Seiten. Was er der Erzählung abringt, sind unglaublich gewitzte Gesänge, Landes- und Charakterstudien und gespitzte Dialoge vom Feinsten. Große Erzählkunst.
1
Neugeboren aus dem Brunnen stellt sich Joseph in die Mitte der Dinge. Er lernt Schweigen. Sein Leib ist verkauft, nicht sein Herz. Joseph nennt sich Usarsiph. Erstmals nützt er als Schreiber. Der mogelschlaue Kaufmann kündigt an, ihn nach Ägypten zu verschachern, wo Gott und Mensch sich im Tier finden. Auf Flucht verzichtet er. Er will nicht klüger sein als Gott. „So albern und jeder Gottesklugheit bar war Joseph nicht.“ (511) Klüger sein zu wollen als Gott sei der Gipfel der Dummheit. Der Verschleppte willigt ein in sein Schicksal. Folgt, wo Gott ihn haben will. Er trifft seinen engelähnlichen Führer wieder, von dem er erfährt, dass Ruben ihn retten wollte. An der Grenze, der Herrschermauer, gibt es ohne Schriftliches kein Durchkommen. Man gewährt Fremden, „Sandhasen“ (522), Einlass aufgrund von Briefen, die höhere Adressen ausweisen. Der Weg zielt auf das „Haus des Wedelträgers zur Rechten“. Feurig durchleuchtete Staubwirbel leiten wie eine „Feuersäule“ (518). Traummotive kehren immer wieder: Entrückung. Erhöhung. Nachkommenlassen.
2
Ägypten gilt Israeliten als Unterwelt (Scheol). In On, der „Stadt des Blinzelns“, lehrhaft in der Messung von Figur und Raum, lernt Usarsiph, der Schiffbrüchige, von „Sonnengelehrten die Wissenschaft vom Dreieck,“ wo der Herr des weiten Horizonts, Atum-Re, mit „Zusammenschau“ regiert, „weltweit und weltfreundlich“. Heiter geneigt, das Fremde zu lieben wie sich selbst. Im Grunde gebe es nur zwei Götter: Hor im Lichtberge, den Gott der Lebenden, Atum-Re, und Usir, das thronende Auge, den Totenherrn. Da der Sonnengott in der Fahrt der Nachtbarke von Westen nach Osten den Unteren leuchte, fielen diese beiden in eins. Die Vielheit der Götter bleibt unangetastet. Der thebanische Amun aber, der Rinderreiche von Oberägypten, werfe sich altersgewaltig „zum Richter über das auf, was als ägyptisch zu gelten habe und was nicht“ (539). Joseph hört zu und lernt mit „Neugierssympathie“ dazu. Von der Konkurrenz der Nord- und Südreiche. Von der Katzenstadt mit dem Fest von drei Tagen. Traumotive bilden „die musikalische Substanz seines geistigen Lebens“ (528). Er lernt Glaube, Sitte, Form, Tracht und Bauwerke kennen. Lebendige Wiederholung spielt eine Rolle. Pyramiden, „Grabesgebirge“, (541) „errichtet von hunderttausend Hustenden“, diese Dreiecksdome, „dies Großgerümpel des Todes“ erinnern ihn an den Turm von Babel. Die Sphinx sei lüstern nach Blut. „Gefährlich dem Gotteskinde“ (545). Ein Rätsel des Schweigens. Er träumt von der Sphinx, wie er sich wehrt gegen ihre Vereinnahmung. Im gefällt das wimmelnde Leben von Memphis, ein Menschenpferch von über hunderttausend Menschen. Eure Götter, wo sind sie? Gott als Mumie? Usarsiph denkt an Jakobs Vorbehalte gegen das Altersgewaltige.
3
Ankunft naht. Eine Wasserfahrt lacht. Er sieht, was er einst sein will. Eine würdige Unbeweglichkeit der Noblen wird er lernen müssen. Er hat „nur Eile, dahin zu gelangen, wo Gott ihn haben will.“ (561) Das später – poetisch abgerundete – Hundert-Tore-Theben. Ein Traum von einer Stadt. Er sieht dort die Menschheit. (567) Joseph kommt ins Haus des Wedelträgers zur Rechten: Potiphar. Ein Segensanwesen ohne Zweifel. Ein „Gefälligkeitskauf“ findet statt. (614) „Bleib bei uns, Sandmann!“ Sagt der ihm gewogene Zwerg, Spottname Wezir. Der andere Zwerg, Dudu, grollt. (Thomas Mann führt hier nach dem Vorbild von Richard Wagner Zwerge ein. Im Ring sind dies Alberich, der, um des Goldrings der Macht willen, die Liebe verflucht, und Mime, der ihn schmiedet.) Zwei Gnomen unter Ausgedehnten. Der Vorsteher Mont-kaw, fünfzig Jahre alt, erahnt Josephs „göttliche“ Schönheit. Der Brunnensohn, eine Schriftrolle in der Hand, gewinnt Sympathie. Gesegnet ist er, er wird dem Haus Segen bringen. Potiphar (Potifar), der Hausherr, ein massiger Turm, Rossebändiger, dick, fett, kühn, ist nur zum Schein groß. Joseph lungert zunächst herum. Er wiegt die Glücksaussichten ab. Träume sind seine Weisung. Sein „Ehrgeiz für Gott“ hilft. Er ist sprachlich begabt, nicht handlich. Die Gebieterin, „eine verhängnisvolle Person“, ist vorerst noch im Hintergrund.
4
Wie das Vertrauen des Höchsten gewinnen? In drei Jahren bis zur Katastrophe? Segen verhilft der gesellschaftlich vollkommenen Null zum Aufstieg. Vaterbindung ist Gottesbindung. Sein Leben wird erfüllt von mythischen Formen; er kopiert Jakobs Leben in gewissen Zügen. Tritt ein in das fremde Reich, „gestohlen zur Unterwelt, unmöglich geworden zuhause, flüchtig vor Bruderhass“ (600).
An vielen Stellen reflektiert Thomas Mann die Rolle und das Selbstverständnis des Erzählers. Erzähler öffnen den Raum der Geschichte. Die Geschichte erzählt sich ursprünglich selber. (607) „Sind wir vollständig ahnungslos im verwirrenden Spiel des Lebens?“ Beziehungen können verschlingen. Nähe kann furchtbar atemlos sein. Der Träumer lässt sich nicht träumen, dass sein Stern sinken könnte. Dass Joseph im Haus bleibt und nicht auf dem Feld verkümmert, ist ein Wunder. Er entgeht der Fron. (608)
Dudu aber, der böse Zwerg, Anhänger und Verteidiger der „Überlieferungsstrenge“ (609), grundsatzfromm, „altertumstreu“, „als Anhänger des Guten-Alten“ (612), betreibt die Absetzung des Emporkömmlings. Er hat seinen Stützpunkt im Frauenhaus der Gebieterin, in Gestalt des ersten Propheten des Amun: Beknechons, eine starre Person. Prototyp eines Reaktionärs. Joseph registriert „lanzenstachliche Tempelmacht“, dem Pharao ein Dorn im Auge.
Klatsch macht es unter seinesgleichen behaglich. Am Hof herrscht „Freigeisterei gegen den ägyptischen Amun“. (611) Die Stadt lebt von Importen aus Syrien und Kanaan. Selbst Baal und Astarte findet man fein. Joseph wächst in das Leben des Landes hinein. Er erschnuppert Gunst und Ungunst. Schnell durchschaut er, dass „Reichtumsglanz“ und Ämter-Würde seines Herrn Petebre hohl sind. Der ist nur ein titelreicher, aber machtarmer Höfling. Er steht zwar offiziell den Palasttruppen vor, den Scharfrichtern, den Gefängnissen, aber dem Titel nach nur. Befehligen tut ein Obersthauptmann der Leibwache, Hor-em-heb, ein Skrupelloser, der vor Mord nicht zurückschreckt. „Der versetzt in Leichenfarbe.“ Ehrenfiktion und Ehrgewissen der Tiefe widersprechen sich. Der Günstlingszwerg steuert es, dass Josephs „Schiff vor den Wind kommt“. (616) Im Park, wo Joseph Blüten bestäubt, ergibt sich ein Gespräch, in dem er beim Herrn Eindruck schinden kann. Man erteilt ihm den Auftrag, stummer Diener der Eltern des Herrn zu sein: der verehrten Greise Huij und Tuij. Er nimmt sich vor, „Herr über sie zu werden im Geist“. So betritt er die Räume der „Sonderbehaglichkeit“. (622) Als stummer Diener lauscht Joseph dem Geschwister-Ehepaar im Garten: Ihre Sorge gilt der Zukunft, wie man sich dereinst vor dem Richter rechtfertigen wolle, ihr Dunkelsöhnchen Potiphar (Petepre) dem Lichtgott geweiht zu haben, also den „Mächten der Tagesordnung“. Das „Götterpärchen“ tröstet sich, der Sohn sei zwar machtlos, dafür aber überentschädigt. Die zur Geschlechtslosigkeit bestimmte Tochter dürfe ja tanzen und singen als „mondkeusche Priesterin,“ sei aber aufgespart für den Gott auf dem Thron. Vielleicht aber grolle sie insgeheim. Joseph empört sich über die „Lebensdrolligkeit“ (639) der Alten. Er beschließt, seinem Hausherrn, „der bedürftigen Null“, Diensttreue zu halten. Zu glücklicher Stunde offenbart er sich vor Potiphar, nennt sich einen „Weh-Froh-Menschen“. Das Abstieg-Aufstieg-Motiv. Er wartet auf mit Weisheit und Geschichten, kann lesen, schreiben, Blüten reiten (bestäuben). Auch in Bäumen treibe die Schöpfung ihr Spiel. Der Schöpfer, „der Unerzeugte“, lege fruchtbare Ursachen. Joseph, wie „ein im Tempel begeistertes Kind, kündet und lehrt zum Staunen der Lehrer in angenehmer Freiheit: Gott ist erhaben über das Geschlecht, hat nichts zu schaffen mit Zerrissenheit. Gott ist nur einmal, aber des Göttlichen ist viel in der Welt.“ (655) Es winken: Wohltätigkeit, Gelingen. „Honiggold“ (655). Zwischen Erde und Himmel „ist die Grenze fließend“. Josephs „Zartsinn“ gewinnt. Weil er den Hausherrn wie seinen Vater liebt, ganz mit Seele, Herz, Gemüt, steigt er auf, wird Leibdiener hinter dem Stuhl des Hausherrn und Vorleser. Um den „Überblick des Hauses“ zu lernen, ist er im Bund mit dem Vorsteher, dereinst sein Nachfolger. Im Wort, nicht in der Hand, ist Herrschaft und Überblick.
5
Mögen Neider betreten lächeln, „halb entzückt einwilligend in die Laune des Glücks und der Oberen“, wenn ein Gesegneter über sie erhoben wird – alles ist keimweise angelegt. Joseph liest sich in das Herz seines Herrn hinein; der ist „höchst angetan von Josephs Scharfsinn und exegetischer Anlage“ (668). Der versteht es vortrefflich vorzutragen, klangvoll wie Musik. Sein Lebensgeheimnis sickert durch. Durch den Tod seiner Mutter wurde er Opfer der Anhänglichkeit des Vaters. In ihm, Joseph, liebte Jakob die Liebliche, seine Rahel. Wie ein einsamer Gott auf Treue brennt, eifersüchtig gegen die Sünde der Abtrünnigkeit, so gilt die Erwählung des Stammes als Band und Bund. Israel kennt Sünde. Da stutzt der Ägypter. Der Höchste fordert Höchstes. In Josephs Tradition ist der Paradiesgarten „dämonischer Bereich, ein Spielraum verfluchten Gebotes, von Gottes Eifersucht voll“. (671) Das Mustergültig-Einfältige, sich der Liebe zu erfreuen, könne in Konflikt geraten mit dem, was verwehrt ist. Gott leide um unserer Sünde willen, und wir leiden mit ihm. Derart gibt der Hebräer Auskunft.
Das Vertrauen zwischen Herrn und Sklave wächst, trotz alledem, Berechnung und Herzlichkeit halten sich die Waage. „Joseph wächst wie an einer Quelle.“ Der Neue tut alles, spannt die Seele an, um „auf die Höhe der Absichten Gottes“ (679) zu kommen. Unentbehrlicher von Tag zu Tag, als Leibdiener Potiphars und Stellvertreter des Hausbewahrers, der treu ist wie Gold und ergeben mit Leib und Seele. „Wie schwer ist es aber, aus sich zu machen, wozu man geschaffen ist, und sich auf die Höhe zu bringen von Gottes Absichten mit uns“ (677) Er schlägt etwa vor, Früchte für die Opfertische der Totentempel künstlich herzustellen. Zur Sorge ums Haus darf Schlummerlektüre nach vollbrachter Tafel ebenso wenig fehlen wie milde Einflüsterung zur Nacht (680). „Der süße Schlaf senke sich auf dich, über dich, fülle die Seele ganz dir mit wonniger Ruh‘“.Seine hochgebildete Art gewinnt Gefallen. Doch Amun und seine Stellvertreter blicken un-gnädig auf Joseph. Traditionalisten hüten die Grenzsteine. Der Kahlkopf Beknechons, im Leopardenfell, der über Menschen und Dinge hinwegblickt, ist der erste Prophet Amuns, Vorsteher der Priester aller Götter. Der „Über-Erste“ (688). Gefürchtet sei „der Geist der Lockerung“ (693). Schrecken müsse Sittenstrenge steuern. „Herr werden muß das Alte im Neuen“ (695). „Sein Widerwille gegen das Ausland ist unerbittlich.“ (756) Seine Wörterliste (Volksmark, Väterbrauch, lockerndes Fremdtum) ist höchst unerfreulich für Leute, die nach „mildem, feinen Sonnensinn“ verlangen (757). Für Joseph ist Amun ein Götze.
„Wo man ist, da ist die Welt – ein enger Kreis zum Leben, Erfahren und Wirken; das übrige ist Nebel.“ (697) Eine weltlustig-sittenlockere Zeit bricht an. Joseph wird mehr und mehr Ägypter, weltkindlich-angepasst, mit Vorbehalt allerdings. Im Rundlauf der Feste, „Hochstunden des Brauches“, erlebt er „Götzenfeste“, (701) Opferbetrieb an Wallfahrtsorten. Bindidi etwa, ein Bocksgott, „derb und geil“, (701) steht dem Volk näher als eine Kätzin im Delta. Trunk und Tänze gehören zum „Erstehungsjubel“ beim Fest Usiris, des Herrn der Toten. Überschwemmung, Aussaat und Ernte werden gefeiert. Der dicke Pharao – Pharao heißt „Großes Haus“ – begeht sein dreißigjähriges Regierungsjubiläum Hebset, voller Förmlichkeiten. Sein Wagen, den er lenkt, ist pures Gold. Eine blaue Tiara mit gelben Sternen und giftiger Blähschlange auf dem Kopf. Der Jubeltag als „Triumph des Glaubens über jede Erfahrung, Kult einer Gewärtigung, die keine Erfahrung ausreißen kann aus dem Menschengemüt, weil sie ihm eingepflanzt worden ist von höherer Hand.“ (705) Millionen Jahre möge er leben! Das Volk soll sich seiner „Ära des Segens“ erfreuen, denn Recht, Frieden, Lachen, Brüderlichkeit nähmen mit ihm ihren Anfang. In der Ausfahrt des Pharao-Gottes im Feuerwagen, samt Sohn und Gemahlin im Gefolge, erblickt Joseph eine Erscheinung des Höchsten, dem sein Herz gehört – allerdings dem Höchsten von morgen. „Denn Zukunft ist Hoffnung, und aus Güte ward dem Menschen die Zeit gegeben, daß er in Erwartung lebe.“ (709) Sein Schauen trachtet nach der noch nicht aufgegangenen Sonne.
Nach sieben Jahren Dienst im Haus stirbt sein Vorsteher, dessen „Mund“ er wurde. Der arme Mont-kaw, der um keinen Preis hoch hinauswollte, ist todkrank. Seine Schicksalsrolle, „begünstigt und geschlagen“ zugleich, ist es, Josephs Aufstieg zu ahnen. Joseph erschrickt, als er Gottes Absichten erkennt. (717) Menschen spielen Rollen. Da Gott schuldlos ist, nehme der Nutznießer die Schuld auf sich. Der Mensch trage Gottes Schuld, wolle Gott das je ausgleichen, „dann müßte er geradezu Mensch werden zu diesem Zweck.“ (719) Überall Vertauschung und Täuschung! Erstgeburt und Segen, Bräute und Besitzer, Sohn und Tier. Joseph spendet Geschichten aus seiner (der biblischen) Tradition. (721) Bevor der Hausmeier abdankt und ihm alles vermacht, Haus, Hof, Feld, warnt Mont-kaw ihn, der Herrin jemals zu nahe zu treten, um seinem Herrn nicht den Schmerz der Untreue zu bereiten. Joesph sagt es feierlich zu. Er spricht einen Abendsegen, lieblich abgewandelt, (726f) einen seiner „Friedenslockreden“ (720): Ausgesorgt hast du und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte!
6
Gewisse Augenblicke haben gefährlich mit Untreue zu tun. Die untadelige als Kind vermählte Mondnonne, Potiphars Gemahlin Eni (Mut-em-enet), kann nicht auf Dauer ihre Liebesnatur unterdrücken. Die Tempelbraut ist bereits rettungslos verliebt in den Schönen. Sie ist die innerlich Berührte. Als Mut Joseph anfleht: Schlaf mit mir! ist dies ein später „Schrei aus letzter Seelen- und Fleischesnot“ (729). Sie träumt, und was sie träumt, fährt ihr in die Glieder, weil der Schlag der Lebensrute sie trifft: Sie schneidet sich im Traum bei Tisch in die Hand, rubinrot wie Granatapfelsaft blutet sie, und Joseph kommt und leckt ihr die Wunde. Dem Traum mit den „vagabundierenden Lippen“ entkommt sie auch nicht, indem sie ihren Gatten um die Entfernung der Gefahr bittet. Abschieben rette nicht. Die Frau ist dem Fremden längst verfallen hinter der Maske. Im „Ziergespräch“ (753) zwischen den Gatten prallen Selbstsüchte aufeinander. Zweckloser Überfluss, elegante Zerstreuung dürfe nicht zur „Lockerung durch das Fremde“ führen, mahnt sie im Geist Atums. „Wo sind die Gaben, die die Erhöhung des Niedrigen rechtfertigen?“ (763) Josephs „Leidensgeschichte hat Geist und Witz“ (762). Er sei unentbehrlich und beliebt. Ihre „Fehlbitte“, ihn zu entfernen, sei „irrtumsgeboren“ (768), komme nicht in Frage. Es gebe ja einen Berührungspunkt der beiden. Zwei aufgesparte Gottgeweihte seien sie! Joseph sei als „Ganzopfer“ (769) ausersehen. Potiphar wünscht, sie misstraute den Lästerreden und ließe sich huldreich ein mit dem Gesegneten. Im „Sturm der Versuchung“ (672) wird Josephs Treue auf die Probe gestellt werden. Der Gatte verwehrt also die Absetzung des erniedrigten Erhöhten. Das Verlangen der Gattin nach dem Jungsklaven wird unwiderstehlich. Um seinen Mund ist ein Zauber, den sie ergründen will. Der intrigante Zuträger und Bote, Zwerg Dudu, fädelt ein Verhängnis ein, nutzt „verschwiegene Nebenwege“ (782). Ein Stelldichein mit dem Rührmichnichtan. Wie ein Mephisto arrangiert er ein Gartenhäuschen. Heimlichkeit ist zu beseufzen mit Ach. Wer über die eine Grube hinaus ist, ist nicht gefeit gegen die zweite. Joseph aber vertraut dem lebendigen Gott mehr als den toten Göttern der Ägypter.
Drei Jahre veranschlagt der Nobelpreis-Erzähler für die Herzensanbahnung. Für die eskalierende Liebesnarrheit. Meistert er die Leidenschaft? Leidenschaft begünstigt Illusion. Schönheiten begegnen sich. Eifersucht schleicht sich ein. Für Joseph ist gewiss: „Alles tut der Verborgene“ (798). Er nennt die Herrin „seines Herzens Gebieterin“. Es reizt. „In Widerstreit: Suchen und Flucht der Nähe.“ (801) Bei ihr: „Mütterliches Verlangen, beladen mit Zärtlichkeit und Schmerz“. (802) Verfallen hofft sie zu gefallen ihrem Erlöser. „Anbetung, die sich ermutigt sieht, wird zur Begierde.“ (803) Fatale Rollenspiele beginnen. Joseph verfällt auf den Plan, „vom Persönlichen aufs Gegenständliche“ abzulenken, redet meist von „der Ökonomie“ des Hauses. (805) Audienzen werden verdeckte Liebesgespräche. Wo gesündigt werden soll, lauert ein Verräter. Aus Stolz und Scham verhehlt sie zunächst, was im Herzen bebt. Kämpft mit sich, ihre Ergriffenheit geheim zu halten. „Leben steigert sich durch die Fülle der Liebe, die sie empfindet.“ Dankbar erfüllt vergöttert sie ihn. Dabei kommt alles aus der Ergriffenen selbst. „Wirr blühende Logik der Liebe!“ (809) Verliebte wie Gottentzückte segnen zugefügte Qual. „Abhängigkeit war immer und bleibt die Quelle des Gottgefühls.“ (809) Wer so anziehend wirke, müsse ein Gott sein! „Gott in Knechtsgestalt“ (810) blendet sie. Ihre Lippen liebkosen seinen Namen. „Feiere den Tag!“ (821) sagt sie. Unumschränkt übernimmt allein sie Begehren und Werben. Sie überschüttet ihn mit Geschenken, um ihn zu bestechen: Feierkleid. Ring. Da erkennt er endlich klar, was gespielt wird. „Gatte dich mit mir! Schenk mir deine Frucht!“ Wie es im Gilgamesch-Epos heißt.
Ein keuscher Joseph ist er beileibe nicht sein Leben lang. In reiferen Jahren lässt er sie fahren, seine „Jungfräulichkeit“, heiratet, zeugt zwei Söhne: Menasse und Ephraim. Jakobs „Sorgenliebling“ (824) ist „allverliebt“. „Seelenwissenschaftlich“ (825) war Joseph enthaltsam aus Gottesklugheit, Rücksichtnahme, Vorsicht. Er kann spotten über „die trüben Bande der Sucht.“ Seine Heimsuchung gilt als kollektive Strafe für „übergewaltige, großmächtige Erwählungslust.“ (825) Deutbar als Züchtigung seines Stolzes. Auch Jakob hatte sich herausgenommen, wozu Gott allein berechtigt zu sein scheint. „Die zweite Katastrophe seines Lebens, die Wiederkehr seines Untergangs (826)“ kommt. Th. Mann erfindet sieben Gründe, weshalb Joseph sich der Lust verweigert habe, der „züngelnden Versuchung“ (826). Erstens: „Er war gottverlobt.“ Zweitens: treu zu Potiphar, seinem Herrn. Seine Männlichkeit widerstrebt drittens dem Werben: er will „nicht Ziel, sondern Pfeil sein der Lust.“ Seinem Stolz graut viertens vor der verheißungslosen Greisenhaftigkeit des Landes, geil und lüstern zugleich, zudem verpönt im Denken seines Vaters, dessen „sittlicher Absage an das Land der Tier- und Leichenanbeter“ (828). „Gleichwohl war dieser Kinder Wollust nicht ärger als anderer Leute Wollust.“ (827). Vater Jakob sah darin in seinem Vorurteil, zu Unrecht, fruchtbarkeitsgötzenhafte „Vermischungswut“ wider die Gottesvernunft (828). Joseph will also fünftens „den Baalen nicht nachhuren“. Josephs Vorbehalte tauchen sechstens „Muts Liebessehnen“ in ein falsches Licht. Ein trauriges Verhängnis ist ihr „innigstes Begehren, so anständig und unanständig wie eine andere und nicht verhurter, als Liebe es eben ist.“ (828) „Das Unglück wollte es, daß über ihre Liebe nicht das entschied, was sie war, sondern was sie für Jospeph bedeutete“, nämlich ein Bund mit der Unterwelt. Die werbende Herrin erscheint Joseph als sündhafte Mischung aus Ausschweifung und Tod, „als Versuchung schamloser Unvernunft“ (829). „Zum Sündigen gehört Geist; ja, recht betrachtet, ist Geist nichts anderes als Sinn für Sünde.“ (829) Jenseits-Ausschau lehnt er ab, Liebe und Zeugung nachweislich nicht. Gott und Mensch würden sich recht nur verbünden im gemeinsamen Heiligungswillen. Zuletzt und siebtens fürchtet Joseph: „Entblößung.“ Streng hatte einst sein Vater Jakob die Zurschaustellung der Nacktheit am Brunnen getadelt. (Eine Szene, die auf die homo-erotische Seite des Joseph-Roman-Autors Licht wirft.) Das bedenkenfreie Natürliche wird leidig verfinstert. Seither gilt ihm „alles Unerlaubte in Blickesberührung, Wunsch und Tat“ (831) als Vaterentblößung, Vaterkränkung, ja, Vaterschändung. Joseph antwortet darauf sittenstreng: „Um gar keinen Preis!“ (831) Warum aber, so vielfach mit Gründen gewappnet, lässt er es darauf ankommen mit der Herrin? „Ja, das war Liebäugelei mit der Welt und Neugierssympathie mit dem Verbotenen;“ auch frevelhafter Übermut, „es aufs Äußerste zu treiben, um desto siegreicher aus der Versuchung hervorzugehen, – ein Virtuosenstück der Tugend zu vollbringen“ (832). Vielleicht ahnt er auch die Krümmung seiner Bahn, die unausweichliche Grube, „wenn sich erfüllen sollte, was vorgeschrieben stand im Buch der Pläne.“ (832)
7
„Wer die Herrin besitzt, der ist in Wahrheit der Herr.“ Heißt es. Weil der Fremdsklave nicht will wie sie will, scheinen süße Kuppelbrieflein nötig, ihn zu locken, sich zu ergeben. Offen wirbt sie mit süßen Versprechen: „Komm, daß wir uns eine Stunde des Schlafens machen!“ (838) Er ist versucht, dem Bösen die Deutung des Guten zu geben, der offenen Einladung bei ihr zu liegen – zu erliegen. Ein gewagtes Spiel mit Nachspiel. Im Salon neben ihrem Schlafzimmer, eine Stunde nach Tisch, treffen sie sich. Weil sie sich nachts auf die Zunge gebissen hat, lispelt sie als zischelte eine Schlange. Der Erzähler Mann zeigt sie verändert, rührend und erregend, als „Hexenschönheit.“ (841) „Der neue Körper der Mut war ein Hexen-, Geschlechts- und Liebeskörper“. Beklommen nimmt Joseph wahr, „daß sie aus einer Schwanenjungfrau zur Hexe geworden war.“ (842) „Verspielt ist das Spiel“ (844). Ihre Schamlosigkeit trifft auf Besonnenheit des Jüngeren. Völlig weltvergessen fordert sie ein Geständnis seiner Liebe ein; die Verschwiegenheit ist dahin. Sie kämpft wie eine Löwin für „das Leben des Herzens“ (848), er aber wehrt und wehrt ab. Was lieblich scheint im Augenblick, müsse später die bösen Folgen samt Reue aufwiegen. „Versteh mich recht – ich darf in den lieblichen Apfel nicht beißen, den du mir reichst, daß wir Missetat essen und alles verderben.“ (849) Sündenfall-Logik! Sie schwärmt von „süßer Einheit als Paar“, „zu zweien abseits der Welt“, verführerisch und selbstvergessen; dass er ihr beiwohne, welche Lust ihn erwarten würde in den Armen der Himmelsgöttin, die ihren ganzen Schatz aufgespart habe für ihn. Potiphars Gattin gesteht ihre Tragik: „Denn nie hab ich geliebt und nie den Mann empfangen in meinem Schoß“ (849). Er ringt mit ihrer Verstörung. Menschenrang und Selbstdisziplin sei es, über den Augenblick hinauszudenken, zu überlegen, was danach komme… „und willst einen Esel des Ehebruchs aus mir machen, aus dir selbst aber eine schweifende Hündin“ (859). Um Josephs Bedenken auszuschalten, verfällt sie dramenmäßig auf die Bosheit, den Gatten aus dem Weg zu räumen, damit er ihrer beider Wonne nicht mehr im Wege stehe. Was sei denn dabei? „Dann sind wir frei und allein und selige Liebesleiber“. „Isis bin ich, die große Mutter!“ Entsetzt rückt er ab, beschwört den Dämon in der Liebesbesessenen. „Im Mordhaus als Liebessklave“ enden? (853) Er besinnt sich: „Der Vater der Welt ist kein Muttersohn, und nicht von einer Herrin wegen ist er der Herr. Ihm gehöre und vor ihm wandle ich, ein Vatersohn… ich will nicht sündigen wider Gott“ (853). Die Falten des Vorhangs haben Ohren. Zwerge lauschen. „Hat’s nicht gegirrt und geflirtet da drinnen, das saubere Pärchen, gebalzt und getänzelt vor Liebeskitzel?“ (856) Im Schandplan des bösen Zwergs Dudu ist allein die Vernarrtheit der Herrin ein Trumpf, das Verderben des Aufsteigers zu veranstalten. Lüge flankiert der Intrige. Josephs gepriesene Eigenschaften sind „eine einladende Visage, Schlauheit und Redezauber“ (863). Josephs Verstoßung hat der Herr abgelehnt, damit seine Frau sich selber ausliefere. Befeuert durch Intrige bahnt sich Verhängnis an. Doch in aller Heimlichkeit liegt, wie stets, noch ein Stück schonende Liebe.
Der Zuträger meldet umgehend Gefahr: Schande und Tod drohe dem Hausherrn. Zur Ehre nicht, zur Gerechtigkeit neigt das verletzliche Herz des Herrn. „Das Fleisch war sein Feind“, der seine Frau überwältigt. Enis „Betteinsamkeit“ sei zwar zu entschuldigen, Potiphars „Furcht vor der Wahrheit“ verderblich, das „hochverbrecherische Spiel“ des im Haus gewachsenen Fremdlings sei verwerflich; es müsse strikt mit Entfernung bestraft werden, wenn nicht gleich mit Krokodil. „So ist’s die Praxis der Ordnungshüter“ (869). Unbedingt sei ein „Gespött der Residenz“ zu verhindern. Der Lohn für die hinterlistigen Spitzeldienste? Eine Tracht Prügel mit der Ehrenkeule, „da er all seine Tücke naiv gestand“ (871), angeblich, um „zündelnde Unordnung zu melden“ (864). Eine Szene, die belegt, dass der Herr die Intrige durchschaut hat. Die Herrin aber gibt Joseph nicht auf. Drohung liegt in der Luft. Wolle er ihrer beider Geheimnis nicht „selig vollstrecken“, – was für ein Ausdruck! – sei sie bereit und fähig, „ihn zu zerfleischen“, „ihn anzuklagen dessen, was er ihr verweigere.“ (875) Unermesslich, kontert er, sei nicht angedrohtes Leid, sondern „gottverlassen“ zu enden. (877)
Die Heimgesuchte „artet aus“, stachelt die Welt auf, gibt eine „Damengesellschaft“, um ihr Herzeleid, ihre unerfüllte „Affäre“, zu veröffentlichen. Traumsicher wird „ein roter Zwischenfall“ daraus: Denn Blut fließt, weil alle sich, mit überscharfen Messerchen, für das Obst ausgestattet, allzu verwirrt in die Hand schneiden, als plötzlich der schöne „Gottesfratz“ (885) herumgeht und allen Verblüfften Wein einschenkt. Mit ihrer gewieften Inszenierung demonstriert sie: „mir hat die Liebe zu seiner Schönheit das Herz zerschnitten“ (887). Der Stadtskandal ist perfekt. Sie wollen ihren Ohren nicht trauen, dass „der Rotzbube“ sich der Herrin tapfer verweigere. Josephs „Gottessprödigkeit“ (888) sei ein Affront, eine „Unbotmäßigkeit“ gegen Amun, konstatiert Beknechons einflussreiche Frau. Joseph hingegen sieht im Ganzen eine Kraftprobe zwischen Amuns Großmacht und Gott, seinem Herrn. (890) Selbst auf derben „Liebeszauber“ lässt sich die Hexenhafte ein, aus Not, um Joseph endlich gefügig zu machen. Klammert sich an Magie. Erzauberte Lust allerdings verliere die Seele, heißt es dämpfend. Am Neujahrstag kommt es zur Katastrophe. Er stürzt über seinen „Frevelmut“ (899). Muss bitter lernen, wie der Höchstgütige „die Kunst übt, zu heilen, womit er schlägt“ (900). Den äußeren Rahmen bietet das rauschende Fest, teils mit „von niemandem mehr verstandenen Förmlichkeiten“ (904). Ein Ehrentag für den Höfling: Potiphar wird befördert. Die innere Bühne ist das leere Haus, wo die liebeskranke Herrin allein ist. „Kommt das Tun aus dem Willen oder zeigt sich nicht vielmehr erst das Wollen im Tun?“ (910) Die Frage betrifft den Widerspruch zwischen Körper und Geist. Joseph, vorzeitig gerufen zur Herrin, entzieht sich ihr erneut, wenn auch erregt, mit ungewissem Hang. Sein Blick auf den Vater rettet ihn. Ihre „Enttäuschungswut“ rast. (914) „Liebesenttäuschung, halb selig schon, doch unerträglich betrogen“ (915) bringt das Fass zum Überlaufen. Sie rastet aus und hetzt demagogisch den vom Fest zurückkehrenden Hof auf den Fliehenden. Sein Oberkleid behält sie als Pfand, als Beweis ihrer Abwehr, als „unwiderlegliche Sprache der Dinge“ (924). Joseph landet zunächst in Fesselholz und Hundestall.
Der Herr kehrt heim. Hält auf der Stelle Gericht. Das Spiel ist aus. „Eine tieftraurige Geschichte“, resümiert er. (920) Will es schnell machen, da eine Feiergesellschaft für seine Beförderung ansteht. Um das Übel abzuwenden, „das Schrecknis wankender Ordnung“, „daß die Reichen arm, die Armen reich und die Tempel verödet seien“ (922). Den Verräter Dudu kostet es die halbe Zunge. Joseph wird unter „Scham, Schuld und Spottgelächter“ verurteilt zum Gefängnis des Königs. „Du mußt verstummen wie das Lamm, das vor dem Scherer verstummt“. (Immer wieder Anklänge an das Schicksal Jesu!) Dann der Trost: „Danke dem Gott der Sippe, der es nicht zum Äußersten kommen ließ mit deiner Empörung“ (924). Joseph aber sagt kein Wort. Fällt dankend nieder. Ein zweites Mal folgt der Falle die Grube. Der Schlusssatz (926) lautet überleitend: „Wie er aber wieder emporstieg aus diesem Loche zu höherem Leben, das bilde den Gegenstand künftiger Gesänge.“
6. Joseph der Ernährer (Buch VI)
Grube. Berufung. Laube. Zeit der Erlaubnisse. Thamar. Heiliges Spiel. Der Wiedererstattete.
1
Joseph landet erneut in der Grube. Dem Bösen zum Trotz dient die „Strafe als Vehikel zu anderer Größe“. Anmaßend wirkt der Gestürzte. Eben verschuldet sein Leichtsinn einen „Lebensumsturz“ (942), doch er sieht die Gefangenenbarke auf dem Weg ins Inselgefängnis als Fahrt zur Sonne. Weisheiten helfen ihm: „Der lebt nicht recht, der nicht verzweifeln kann.“ (941) „Das ist eben das Schlimme, daß nie niemand weiß, wie es mit dir gemeint ist.“ (947) Hab Gottvertrauen – und die Welt lächelt dich an!
Joseph, erneut Sklave, vertraut „auf die glücklichen Geheimnisse seiner Natur“ (949). Der Hauptmann des Straflagers, Mai Sachme, ist nicht schreckhaft, glaubt an Träume. Ein „Herzensvorkommnis“ (958) vermittelte ihm einen „Glücksgeschmack“ (957); er erhofft ein erneutes Ergriffenwerden. Aber im Lager gelte es, „jeden unerbittlich auszunutzen“ (961). Joseph, Bringer einer neuen Zeit, hat den „Nimbus des Göttlichen“ (966). Der Hauptmann hält ihm zugute: Eine Weibergeschichte, keine Pöbeltaten, brachte den „Züchtling der Liebe“ (967) zu Fall. Joseph steigt auf zur rechten Hand des Hauptmanns.
Zwei Degradierte mit Verbrechernamen werden eingeliefert. Wie mit ihnen umgehen? Joseph denkt daran, wie Sphären sich drehen können. Mag sein, dass einer das Böse mit dem Guten verwechselt. „Schicksalsrespekt“ (973) zählt. Joseph erweist sich als Traumexperte, indem er Pharaos Oberbäcker, wie dem obersten Mundschenken ihre gegensätzlichen Träume von ihrer Erhöhung deutet. Der eine, dem geträumt Vögel den Korb leerfraßen, werde gehängt, der andere, der dem Pharao den Becher füllen durfte, rehabilitiert. Gesagt, fängt es an, „in Erfüllung zu gehen.“ (978) Pharaos Geburtstag ist Tag von Gnade oder Gericht. Der Großerzähler klärt auf über politische Hintergründe. 72 Verschwörer einer Palastrevolte sind aufgeflogen, als sie anheben, die Dynastie des „müden Gottes“ (980) zu stürzen. Revolte schlägt fehl. Erwürgen, verbannen, verhaften kann Falsche treffen, auch Hofpersonal.
2
Wenn aber ein Gott träumt, flitzen die Boten, den rechten Deuter beizuholen, und sei’s aus der Grube. Verlegenheit darf nicht sein im Raum des Gebieters, der sich anschickt, die Leben strahlende Sonnenscheibe zu sein: Aton, dem ein riesiger Obelisk gebührt. Der Sonnenkönig weilt zu On im Palast und unterhält sich mit den Blankschädeln des Sonnenhauses über die Rückkehr des Phönix. Da erschrecken ihn zutiefst zwei zudringlich vertrackte Träume von fetten und gefräßigen mageren Kühen, von prallen Ähren und gefräßigen trostlosen. Er spürt die Reichswichtigkeit der Träume und Gefahr für Staat und Religion. Die mit Sorge getränkten Königsträume werden zur Staatsangelegenheit. Dem Licht drohe Gefahr von der Schwärze. Eine „Deutungs-Audienz“ (1014) wird einberufen mit dem Hofstaat. Deuter stümpern mit kläglichem Nichtwissen, faseln von sieben Prinzessinnen, Städten, Königen, Helden. Er spürt: „Eure Deutungen sind Lug und Trug…“ (1017) „Der Pharao wünschte zu wissen, ob sie sich nicht schämten.“ (1019) Tiefunglücklich und im Zorn schickt er die Traum-Pfuscher hinaus! Da erinnert sich der gerettete Obermundschenk an jenen Jüngling mit dem starken Talent zur „Traum-Exegese“. Der wahrsagende Fremdling wird auf der Stelle geholt vor Pharaos Angesicht. Geheimnis der Träumerei: Die Deutung sei früher als der Traum, „wir träumen schon aus der Deutung.“ (984)
3
Vor dem Allerhöchsten hier unten steht er – Joseph wird nicht schwindelig. Der Gottesliebling wundert sich nicht, dass Gott hoch hinauswill. Die göttliche Sonne scheine nicht nur, „sie lässt uns erscheinen.“ (1024) Pharao Amenhotep, erst siebzehn, frühreif, früh verpflichtet „auf das Weltganze“, offen für fremdländischen Geschmack, reizbar gegen Dummheit, gedämpft von seiner politisch-praktischen Mutter in seiner Schwärmerei für das Licht, erträgt schlecht das Wilde, den Aufruhr. Das Praktische langweilt ihn, er philosophiert lieber. Die Schönen seien „die Lieblinge des Lichts“ (1032), welches strahle zur Schönheit, zur Erkenntnis der Wahrheit, aus Liebe (1932). „Gottesträumer“ (1035) nennt Joseph seine Väter. Wie Goldwäscher läutern sie „das Körnchen Wahrheit aus dem Absurden“ (1035). Der „Geist des Gott-Schalks“ (1039) (griechisch: Hermes) sei ihm wohl vertraut. Er erheitert Pharao und dessen Mutter mit originellen, schelmischen Familiengeschichten, wo der falsche Rechte (Esau) ersetzt wird vom rechten Falschen (Jakob), dank Mutters Trickserei. Joseph als „das inspirierte Lamm“, vom „Mutterschaf“ Rahel, der Sternenjungfrau (1041). Dumuzi, der rechte Sohn, sei er einst geheißen. Der prophetische Jüngling schäumt nicht wie stümperhafte „Orakellaller“. Das Musterhafte sei erfüllt „mit der Gottesfreiheit des Ich“ (1034). Geschickt verhilft er dem Pharao zur Selbstdeutung der zwei Träume. Die seien im Grunde nur einer. Joseph wahrsagt, was der König insgeheim schon weiß. Der Pharao ahnt, dass „der doppelte Königstraum“ (1043) reichs- und himmelswichtig ist. Sieben Jahre Erntefülle böten Zeit, für sieben Dürrejahre vorzusorgen. „Du bist wahrlich ein inspiriertes Lamm“, bekommt er zu hören, „erst der Segen und dann die Heimsuchung, das ist das Originelle!“ (1045) Teure Zeit dürfe nicht „mit ihrer Schwere das Gedächtnis der Fülle“ (1045) verzehren. Die Göttin-Mutter hat kürzlich abgedankt, um dem Siebzehnjährigen den Thron zu überlassen; sie warnt den Schwärmer-Sohn: „verlierst du dich in schöne Unlösbarkeiten“ (1046) statt auf Maßnahmen zu sinnen, dem drohenden Übel beizeiten vorzubauen? Joseph steuert in lauten Selbstgesprächen Lösungen bei. Vorsorge könne das Verhängnis zum Segen wenden. Zeit, Fülle zu maßregeln, um später den Mangel zu nähren. Ein Mann mit Überblick, Vorsorge, Traumkennerschaft werde gesucht. Die Wahl fällt nicht zufällig auf Joseph, der erneut der Grube entkommt und das Untere mit dem Oberen vertauscht.
Thomas Manns sachkundige Ausbreitung der religiösen Denkmuster Ägyptens und der Gotteserkenntnis der Juden könnte zwei Semester Theologiestudium ersparen. Der ekstatische „Sohn Gottes“ auf dem Thron, bedacht seine Gottesweisheit zu lehren, präsentiert einen Lobpreis der Schöpfung wie man ihn aus ägyptischen Gebetsquellen kennt. Den „Thronräuber“ Amun will er zurückdrängen, den Glauben von Angst und Dämonen befreien, die Gottheit reinigen. Das Opfer bringe man nicht Usir, dem Unteren, sondern dem Oberen, was aber zusammengehöre. „Denn Gott ist das Ganze.“ (1054) Die Wahrheit sei unendlich fern, Wanderung „aus jeder Wahrheitsstation“ (1055) unumgänglich, spricht Joseph. Der „Mondwanderer“ Abraham habe entdeckt, „daß sie heilig würden der Eine im Anderen.“ Sein Bund gelte. Dem Frieden Gottes sei man Verantwortung schuldig, „daß es auf Erden halbwegs nach seinem Willen geht und nicht ganz und gar nach den Köpfen der Mordbrenner.“ (1056) Im Namen des Friedens legt er ein Wort ein für rüstige Wehrhaftigkeit, denn Räuberkönige seien dumm und böse. „Dumm ist das Schwert, doch möcht‘ ich die Sanftmut nicht klug nennen. Klug ist der Mittler, der ihr Rüstigkeit rät, daß sie am Ende nicht dumm dastehe vor Gott und den Menschen.“ (1057). Ernst und streng sei das Licht, aber es brauche Kraft von unten, nicht bloß Zärtlichkeit. Klar ist: „der Herr des Aton will kein Blut.“ (1073) Da unterhalten sich zwei Gleichwertige auf höchstem Niveau. „Gott allein ist das Sonnenrund, von dem sich Wahrheit ergießt in die Welt und verlässliche Liebe.“ (1058) So der Pharao-Jüngling auf dem Sonnenthron. Gottes Strahlen fesseln die Wesen mit Liebe. Entzücken sprengt sein Herz, wenn er an die „Sonnenschöpfung“ (1060) des Grundgütigen denke. Wer ist euer Gott? Fragt der Sonnenrund-Anbeter. Joseph erklärt, unruhvoll sah Abraham über das Rund hinaus. „Denn des Mannes Hochmut war, daß der Mensch solle allein dem Höchsten dienen.“ (1063) Die Gefahr sei zu meiden, „daß sich der Mensch zu früh und nicht vorm Letzthöchsten bücke.“ (1064) Dies sei ein Vorbehalt, nicht das Erzeugnis anzubeten, sondern Gott. Dessen Glut sei größer als die Glut der Sonne. Glücklich die Übereinkunft der Gedanken!
„Alles Sein ist Werk und vor dem Werk ist der Geist, von dem zeugt es.“ (1067) Gott habe weder Raum noch Zeit noch Stoff noch Geschichte. Die Rede vom „Vater am Himmel“ sei verbesserungswürdig. Es müsse heißen: Dein „Vater im Himmel“ (1067), ferner als fern, näher als nah, sei das Sein des Seins, die unwandelbare Quelle, aus der alles quillt. Pharao ist sein Zeuge. (Was folgt, klingt nach Johannes-Evangelium!) Der Sohn, der aus dem Vater kommt, wird sie lehren. Sohn und Vater kennen sich. Königlich belohnt würden „alle, die ihn lieben und an ihn glauben und seine Gebote halten“, und gesandt sei der Sohn, „damit alle eins werden im Lichte und in der Liebe so wie ich und der Vater eins sind…“ (1068). Lehre und Wahrheit umarmen sich. Entzückt umarmt der Pharao Joseph, küsst ihn gar. Er kündet dem Aufgesparten an, ihm bald eine Frau zu geben, damit dieser sich dieser Annehmlichkeit erfreuen könne. Die Königinmutter schaut nüchtern auf Joseph; der habe „sich ihm untergeschoben“, seine Chance genutzt, sich in Stellung zu bringen. „Du bist schmerzhaft klug“ (1070) bestätigt sie ihm.
Joseph blüht das Amt des obersten Verwalters. Frisch ans Werk, den Spreujahren, der „Fluchzeit“ (1072), vorzubeugen. „Wir haben Zeit, allein zu verlieren haben wir keine.“ (1070) Joseph erweist sich als kluger und schelmischer Diener seines Herrn; er plane, „aus Trutz-Königen Pächter“ zu machen, aber aus Vorsicht vor Auflehnung den Amun-Tempel vorerst zu schonen und wankelmütige Tributpflichtige zu binden. Wer wird der Oberste Mund des Pharaos? „Du bist dieser Mann! Du selbst bist es und kein anderer, den ich erwähle, und erhöhe dich an meine Seite zum Herrn des Überblicks, in dessen Hände oberste Vollmacht gegeben sei, daß du die Fülle züchtigst und die Länder ernährst in den Jahren der Dürre.“ (1074) Zum Zeichen für unumschränkte „Schlüsselgewalt“ (1075) seines künftigen Stellvertreters, des „Vize-Gotts“, schenkt Pharao ihm einen Lapislazuli-Ring. „Es gibt eine große Vergoldung!“ (1076) Titel höchster Art werden folgen in Fülle: Großwesir, Freund der Ernte Gottes, Schattenspender des Königs, Vater des Pharaos, Guter Hirte, Vize-Horus. Um Josephs Totennamen zu ersetzen, nennt ihn der Monarch: „Leben sei mit dir!“ „Sei ein Lebensbringer, verbreite Leben, gib Lebensnahrung den Vielen!“ Kurz: „Der Ernährer.“ (1083; Buchtitel) … „denn zum Herrn der Sättigung war Joseph ja vor allem erhoben worden.“ (1083) In Ägypten wird Chapi, der Strom, sonst so genannt.
4
Der Erzähler rühmt sich, „das berühmte und dabei fast unbekannte Gespräch“ (1077) belauscht und wiederhergestellt zu haben. Hier werde besonnen untersucht. „Hier wird nicht aufgeschnitten, sondern erzählt“ (1088). Beim „Fest der Erzählung und Wiedererweckung“ könne man manches aussparen, zumal das Leben sich Selbständigkeit bewahrt. Egal, wann man die Weissagung als erfüllt sehen will, die Erfüllung ist unanfechtbar. Wie Noah wird Joseph zum Mann der Vorsorge. Selber begünstigt, überschüttet in einem „Fest der Vergoldung“ mit einem Regen und Segen von Kostbarkeiten, Schatzkammergold, Raum, Dienerschaft, Ausstattung, Titulatur; umgekehrt vergoldet Jakobs Sohn den Pharao durch seine Geschäfte. Ein Handschreiben soll belegen, wie sehr er das Herz des Königs erfreut hat. Die „große Förmlichkeit der Investitur“, bevollmächtigt mit goldener „Gnadenkette“ (1082), bringt Volk und Hofstaat dazu, „die unbegreifliche Erwählung“ (1083) anzuerkennen, sich im Nu über alle hinausgeschwungen zu haben; so „beugte man sich, buckelte und buhlte, kußhandelte, kratzfußte, scharwenzelte und flattierte rings um Joseph herum“ (1084).
Der Romanautor diskutiert, warum bekannte Figuren von der Bildfläche verschwinden. Weder Potiphar noch der Herrin, der großen Dame, dem „Werkzeug von Josephs Prüfung“ (1087), begegnet Joseph jemals wieder. Sie werden ausgespart. (Sein Name wird übertragen auf den späteren Schwiegervater.) Thomas Mann vermutet, die einst rasend verliebte Herrin endete als Nonne, „unnahbar elegant und außerordentlich bigott.“ „Eng, streng und volksfromm zusammengezogen war ihr Horizont nun wieder“ (1088). Beknechons Einfluss wirke, jede Neuerung hassend, alle Spekulation verpönend, heiliges Beharren, ewiger Gleichstand der Waage, steinern blickende Dauer. Die Liebesleidende hat geblüht und geglüht, das ist ihr versunkener Schatz. Nun sei sie „abgeblüht“. – Im Land seiner Entrückung mustert der Agrarminister Joseph alles mit seinen Schreibern, „denn es war viel zu verzeichnen und dem Überblick zu unterwerfen“ (1091); er erlässt lebenswichtige Verfügungen, etwa ein Bodengesetz, was dem Volk gerecht vorkommt, weil es scharf vorgeht gegen verstockte Barone. Der Getreidezins von einem Fünftel wird entscheidend. Gegen den „Geist trotziger Rückständigkeit“ (1093) müssen die Bewässerungsverhältnisse der „verletzlichen Civilisation“ (1093) verbessert werden. Die Magazine, geschützt vor Mäusen, mehren und füllen sich. Joseph verlegt seinen Amtssitz nach Menfe (Memphis), der quirligen Grabesgroßstadt im Norden; aus einem Sinn für Leben und Tod, für das Fröhliche (Urim) und das Finstere, das Ja und das Nein, gefasst in dem Bild des Weh-Froh-Menschen. „Die Schritte und Entschlüsse unseres Lebens sind von Neigungen, Sympathien, Grundstimmungen, Grunderlebnissen der Seele bestimmt, die unser ganzes Wesen färben und abfärben auf all unser Tun,“ (1094) da reichen unsere Vernunftgründe nicht hin. Der König schenkt ihm „ein lachendes Lebenshaus“ mit Garten, Empfangshalle, Brunnenhof, Dienerschaft. Joseph hält Wort und holt den ruhigen Hauptmann aus dem Gefängnis von Zawi-Re, Mai-Sachme, als Hausverwalter und Freund, mit dem er die ruhigen und erregenden Stunden seiner vorzüglichen Geschichte durchstehen will. Pharao Meni verschafft ihm eine Braut, Asnath, die sechzehnjährige Tochter des Sonnenpriesters und Tempel-Betreters zu On. Eine vornehme, staatskluge Wahl. Liebreizend, sanft, fügsam, doch auch spröde versiegelt als Erstgeborene, deren Vermählung die Elternmutter als Raub empfindet. Der Bräutigam, „selbst in seiner Art eine Jungfrau“ (1103), tritt damit in ein priesterliches Verhältnis, mit Leopardenfell und Tempeleinkünften. „Aber für Joseph war offenbar die Zeit der Erlaubnisse gekommen“ (1104). Jakobs verfremdeter Liebling gründet sein Vertrauen auf die Nachsicht des Herrn der Pläne. „Seine Rolle und Aufgabe im Plan war die des in die große Welt versetzten Bewahrers, Ernährers und Erretters der Seinen“ (1104). Was Vater Jakob dazu gesagt hätte, so in die ägyptische Kultur einzutauchen, kann man nur vermuten.
Josephs Hochzeit wird gefeiert „teils fröhlich-ausgelassen, teils begräbnismäßig,“ (1107) mit Mysterien, Umzügen, Symbolen wie Sichel und Saat, Fackel- und Spiraltanz, Myrtenlaub, Masken, Musizieren und Wehklagen, einer geilen „Trösterin“, die auf einer trächtigen Sau reitet und anstößige Unzüchtigkeiten um sich wirft im Hinblick „auf die bisher verbotenen Neuigkeiten“ des Paares. „Was einst böse gewesen war und nicht hätte stattfinden dürfen, sollte nun gut sein. Betrachte aber das Wesen, durch das das Böse gut wird… und du wirst fühlen, daß du es lieben wirst, ja, daß du es schon liebst.“ (1109) Einander zugetan, fast unberührt vom Spektakel, besiegeln Joseph und Asnath die Liebe. Zwischen dem zarten Enkel der Pyramiden-Erbauer aber und Jakobs Sohn wächst herzlich-gemütliche Freundschaft. In der Epoche der Pracht- und Jubeljahre, in denen Josephs Ansehen wächst, kommt erst Menasse, dann Ephraim zu Welt, auch wenn Asnath am liebsten Töchter gehabt hätte. Pharao bekommt nur Töchter, keinen Thronfolger. Enttäuschte Nachwuchserwartungen sorgen für häusliche Ehe-Verstimmung. Es bleibt dabei, „daß der Mensch nur zeugen, aber nicht schaffen kann.“ (1114)
Der Ort der Handlung wechselt. Die Erzählung knüpft bei Josephs Zuhause an. Judas Familiengeschichte mit Tamar (Genesis 39) ist offensichtlich ein Einschub in die Josefs-Erzählungen. Judas (Jehudas) Schwiegertochter, beeindruckt von „Jaakobs Großartigkeit“ (1118), schaltet sich ein in die Erb-Geschichte. Fast alle Söhne sind vermählt, haben Kinder; Jakob bevorzugt die Rahels-Enkel. Sein „Verdacht, daß der Eber, der Joseph zerrissen, ein Tier mit zehn Köpfen gewesen sei“ (1121) mildert sich dadurch, dass er sich zerknirscht einredet, er selbst habe mit dem Verlust Josephs ein „Isaaksopfer“ (1121) gebracht – er rühmt seine „heldische Opferkraft“ aus freien Stücken. „Die Brüder mochten der zehnköpfige Kain, sie mochten Brudermörder sein, – sie waren doch Jaakobs Söhne… sie waren Israel.“ (1122) Sein am Jabbock errungener Name (Israel=Gottesstreiter) wird zum Namen von Sippe, Stamm, Volk. Da drei Söhne verflucht sind und der Liebling verschwand, geht die Verheißung über auf Juda, den mit dem Löwenhaupt, der sich zugutehalten kann, den Bruder „nur“ verkauft zu haben. Das Verbrechen geht ihm arg nach. Er leidet entsetzlich an der Tat. „Das Böse ist für die Stumpfen. Wer auch nur Spuren von Zartheit aufweist, der lasse seine Hand davon, wenn er irgend kann, denn er muß es ausbaden“ (1124). „Die Hölle ist für die Reinen“ (1125).
Tamar, eine Kanaaniterin, ein Landmädchen, hat es abgesehen auf Juda, der schon verheiratet ist, wählt dann aber dessen Erstgeborenen. Judas Ehe ist unheimlich; er ist aus Reinheitstrieb vermählt und früh verwitwet. Er büßt seine Tat in „der Geschlechtshölle.“ (1125) Tamar sitzt Jakob zu Füßen, erlernt die Welt, denn Jakob erzählt ihr die Welt. (1127) Geschichten aus der Genesis. „Einstmaligkeiten“ (1130). „Gott versprach sich zuweilen und meinte es nicht genau“ (1129). Wie Abram Gott hervordenkt. Von Noahs Rettungsvorsorge. Vom Leiter-Traum. „Sie hörte die Welt, die im Früher das Spätere barg als Verheißung“ (1131). Jakob erwähnt eine „Verheißungsfigur, die er Shiloh nannte“ (1131). Diese trägt viele Namen: Eratmen, Menschensohn. Friedreich. Herrscher. Stern des Friedens. Tamar will keinen „Gottestölpel“ (1135), sie will Vor-Mutter des Verheißenen sein. Eine dämonische „Ehrgeiz-Liebe“ (1133) treibt sie an, auf „die Bahn der Verheißung“ (1133) zu kommen.
Auf ägyptischer Seite beginnt die sieben (bzw. fünf-)jährige Dürrezeit. Joseph öffnet die vollen Magazine, hart gegen die Reichen, die Silber und Gold blechen müssen, milde gegen die Kleinen und Witwen. Seine Weitsicht bewährt sich göttlich. Er bleibt echt und humorvoll. Dem Volk gefällt’s.
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Schwillt der Nil an, Chapi, der „Ernährer-Gott“ (1146), besteht Hoffnung, die Heimsuchung der Hungersnot zu überstehen. „Sünder können äußerst reizbar sein gegen die Sünde der Welt“ (1144). Das Göttliche benimmt sich zweideutig, „man weiß nicht, ob man es grausam oder gütig nennen soll.“ (1150) Josephs Geschäfts- und Buchführung bewährt sich. In seiner Hand ist das Brot, „und nun wurde er selbst wie der Himmel, der gibt und wie der Nil, der ernährt: Er tat seine Vorratshäuser auf“ (1150), für Ägypter wie Ausländer. Es kommen auch seine Brüder, um Getreide zu kaufen. Das Heilige Spiel nähert sich seinem Höhepunkt. Gott hat die Dinge gedreht zu jedermanns Gunsten. Vielleicht ist die Tat ja nötig für das gute Ergebnis. „Ehe denn das Ergebnis vorhanden, ist nur die Tat und mag übel scheinen. Ist aber jenes da, muß man die Tat nach dem Ergebnis beurteilen.“ (1155) „Denn die Begegnung von Tat und Ergebnis ist ein Fest ohnegleichen, das gefeiert und ausgeschmückt sein will… damit die Welt unter Tränen zu lachen habe länger als fünftausend Jahre lang.“ (1158) „Daß mich die Brüder zerrissen und mich in die Grube warfen und daß sie nun sollen vor mir stehen, das ist Leben; und Leben ist auch die Frage, ob man die Tat beurteilen soll nach dem Ergebnis und soll gut heißen die böse, weil sie notwendig war fürs gute Ergebnis.“ (1161)
Kann sich der Menschengeist heiter darüber überheben, „daß er vielleicht mit innigem Spaß über das Antwortlose Gott selbst, den gewaltigen Antwortlosen, zum Lächeln bringe.“ (1161) Joseph zweifelt an sich wie er sich geben soll. Betroffene im heiligen Spiel sind gefragt, all ihren Witz zur Verfügung zu stellen, „zur Ausgestaltung dieser Gottesgeschichte“ (1156). Heiterkeit und verschlagener Scherz sind wohl das Beste, was Gott gab, um das strenge Leben zum Lächeln zu bringen. Das Verhör, mit Tuch vor dem Mund, läuft dementsprechend. Er foppt das „haßverhungerte Wolfsrudel“, – „seine Mörder durch Träume, zu ihm geführt durch Träume und das Ganze war wie ein Traum.“ (1163) Joseph.
Und Joseph „der Träumer von Träumen“ (1163), spielt originell mit im Heiligen Spiel. Der „Gott der Fügungen“ hat ihm die Chance in die Hände gespielt, die Brüder unter Verdacht zu stellen, sie seien Spione, Kundschafter. Diese behaupten steif und fest: „Wir gehen mit der Wahrheit um.“ (1168) Über ihre Harmlosigkeit hat Joseph aber seine eigenen Gedanken, er weiß, „daß ein Verdacht auf euch ruht, ein schwerer, finsterer, der bereits mehr ist als ein Verdacht“ (1167). Die Brüder geben zu, dass sie nicht vollzählig sind. Er erfährt, dass Vater Jakob noch lebt, Bruder Benjamin verheiratet ist und acht Kinder von zwei Frauen hat. Aber einer „hat sich in die Welt verloren.“ (1169)
Joseph setzt sie gefangen, behält dann aber nur Simeon als Geisel, die sie nur auslösen können, wenn sie ihm den Jüngsten bringen. Sonst würde er sie „für elf Ungeheuer des Chaos halten“ (1181), nicht für die heiligen Bilder des Tierkreises. Die Frage ist, ob Stammvater Jakob, der wert legt auf „die Vollzähligkeit Israels“ (1185), den Letzten herausgibt, um das Pfand beim Unerbittlichen auszulösen. „Aber es sei schwer, zu leben zwischen zwei Starrsinnigkeiten.“ (1182) „Größe und Unumschränktheit macht fast notwendig launenhaft und unberechenbar, – man hatte ja ein Beispiel am Allergrößten, der auch oft schwer zu begreifen war in seiner Ungeheuerlichkeit.“ (1183) Die „zehn Biedermänner“ (1187) ziehen ab, vollbepackt, und entdecken überrascht, dass in jedem Futtersack obenauf das Kaufgeld liegt. Der Vize-Gott kommt ihnen so gütig wie unheimlich vor.
Wo ist Simeon? Durchbohrt sie Jakobs Frage. Sein Sohn, verkauft, verschleudert, „als Schuldsklave dem ägyptischen Fronhaus verfallen“ (1188)? Sie müssen dem Alten erklären, dass sie „zum Beweis ihrer Unschuld“ den Jüngsten vor ihn stellen müssen, um „mit dem Zeugen den Bürgen zu lösen.“ (1188) „Ihr Wolfsherzen! Meiner Kinder beraubt ihr mich… Joseph ist nicht mehr vorhanden, Schimeon ist nicht mehr vorhanden, nun wollt ihr auch Benjamin dahinnehmen… Ihr seid abgewiesen!“ (1189) Benjamin wird neugierig auf den gestrengen Markthalter, der neugierig ist ausgerechnet auf ihn. Jakob ringt mit sich, bis er mürbe ist und sie ziehen lässt mit Benjamin. „Seht, Israel hat diese Nacht sich selbst überwunden!“ (1193) Sein Vertrauen steht in Gott und dessen Verlässlichkeit. Geschehen ist immerfort. „Man muß sich nur gleichmütig der Zeit anvertrauen und sich fast nicht um sie kümmern…“ (1196) Der Brüderzug wandert nach Ägypten. „Wie späte Vergeltung lag’s in der Luft“ (1198).
Die Begegnung wird das Ausmaß der Schuld aufdecken. Joseph spricht sie auf Hebräisch an. Sie fallen nieder auf ihre Stirnen. Genug gebeugt! „Freunde“ nennt Joseph sie. Man begibt sich zu einem „Geschäftsfrühstück“ (1203). Benjamin spürt in Josephs Nähe etwas wie „Myrtenduft“ aus der Kindheit. Zu einer Seite sitzt die „gotterlesene Familie“ (1206), gegenüber sitzen befremdete Würdenträger. Joseph unterhält sich bevorzugt mit Benjamin, recht heiter. Joseph sei tot? Dieser tröstet, es gebe keine Niederfahrt ohne Auferstehen. Eine Festgeschichte, die nur bis zur Grube reichte, wäre nur halb. „Nein, Die Welt ist nicht halb, sondern ganz, und ein Ganzes das Fest, und Getrostheit, unverbrüchlich, ist in dem Ganzen.“ (1208) Sie treten die Heimreise an, vergnügt. Bis Bewaffnete nachgejagt kommen, weil der Silberbecher stibitzt sei. Die scheinbar Gereinigten fallen erneut unter schweren Verdacht. Es ist ein durchtriebenes Spiel. Beim Unschuldigsten findet er sich, der Zauberbecher. Gleich fallen sie her über den „Sohn einer Diebin“. Juda geht dazwischen: „In der Welt waren wir anderen und wurden schuldig in ihr.“ (1217) Man bringt sie zurück unter Lanzenbedeckung. Dramaturgie der Bloßstellung. Gott und die Welt schauen dem „Verbrechen des Undanks“ zu. Juda versteht sich auf Schuld. „Schuld schafft Geist – … ohne Geist gibt es gar keine Schuld.“ (1220) Ohnmächtig verzichtet er auf Rechtfertigung, „wenn der Rächer Zahlung fordert für alte Missetat.“ Ein Krimi. Sonderlich, nämlich „harsch und huldig“, wirft der noch immer Unerkannte ihnen vor, sie hätten sich die Zauberkraft des Bechers aneignen wollen, „um zu erkunden, was aus euerem Bruder geworden ist, der nicht mehr vorhanden, der euch von der Hand gekommen“ (1221).
Juda stimmt eine gewaltige Rede an. Eigentümlich sei es, fremdes „Gottessilber im Sacke“ zu finden. Er gesteht vor allen die Schuld an Joseph, wie sein Verschwinden war, „und ein Schrei erfüllte das Weltall: Zerrissen ist er, der Schöne zerrissen!“ (1223) Er erhellt das Geheimnis des Eigentümlichen (Josephs) „durch die Offenbarung anderen Geheimnisses.“ (1223) Er bietet sich an zu sühnen für alle. „Unser Elfter, des Vaters Lamm, der Erste der Rechten, – das Tier hat ihn gar nicht zerrissen, sondern wir, seine Brüder, haben ihn einst in die Welt verkauft.“ (1224) Jetzt ist es heraus. Ringsum bleiche Erleichterung. Benjamin schreit auf. Joseph weint, und gibt sich ihnen zu erkennen. Eine erschütternde Szene! „Kinder, ich bin’s ja. Ich bin ja euer Bruder Joseph.“ Den Tod hat er umgestürzt, aufgefahren ist er, eingesetzt worden, hoch erhoben. Die zwei „Rahelssöhne“ umschlingen sich entzückt, während der Brüderkreis beschämt und entsetzt-erregt hört wie Joseph bekennt, er sei ja nur ihr Bruder, „überkleidet mit der Herrlichkeit dieser Welt.“ (1226) „Das mußte alles so sein, und Gott hat’s getan, nicht ihr“ (1226).
Ein Höheres stelle sich dar in ihm, „träumerisch-verführerisch“, aber er verdiene kein Hosianna, nur Dank als Volkswirt für die Wohltat als Ernährer. Nichtig sei der Jammer, nichtig der Wurm, der sie wurmte. Man möchte vor Aufregung mit dem Kopf durch die Decke. „Gott hat alles recht gemacht.“ Er habe ihn vor sie her gesendet und „eine schöne Errettung veranstaltet“. „Nun wollen wir alle an nichts als den Vater denken.“ (1227) Man müsse ihm behutsam und „liebesschlau“ beibringen, dass sein verloren geglaubter Sohn lebt, und dass er herziehen solle nach Goschen in Ägypten, denn die Hungersnot werde noch dauern. „Denn seinem Herzen ist übel mitgespielt worden, – nun soll ihm aufgespielt sein die süße Musik von seines Sohnes Herrlichkeit.“
An evangelischen Anklängen bis in den Wortlaut erkennt man, wie Jesus-ähnlich Thomas Mann seinen Osiris-Joseph vorstellt. Der göttliche Verfasser allen Geschehens präsentiert Höhepunkte. „Bei ihm heißt’s immer: Das Beste kommt noch, und immer stellt er etwas in Aussicht, sich darauf zu freuen.“ (1229) „Dabei gewesen zu sein, das ist’s.“ Dem Pharao, der sich eine neue Stadt bauen lässt, Achet-Aton, hüpft das Herz, bei dem heiteren Tumult der Wiederbegegnung. Das Land solle ihnen offenstehen. Die Brüder finden sich damit ab, dass Gott eben gönnt, wem er gönnt. Heimreise. Unter anderem eine Herde Esel als Geschenk für Jakob. Wie es anstellen, dass der Vater nicht stirbt „vor Glückesentsetzen“ (1234), wenn er erfährt, „daß er im Wahn sein Leben verbracht hat und seine Tage im Irrtum“? Gottes Rat machte Joseph „zum Quartiermacher in Ägyptenland“ (1235). „Gottes lebendige Wahrheit“ steht fest, ob man sie glauben könne oder wolle. Sie zu verkünden, überlassen die ratlosen Brüder einer Sängerin mit Zither: Serach, Aschers Kind, die ins Lied verkleidet Jakob die Wahrheit steckt. (Genialer Einfall von Thomas Mann) „O Wunder, nun hat sich herausgestellt,/daß es sich ganz, ganz anders verhält.“ (1239) Tod und Blutkleid waren ein Irrtum. „Joseph ist auferstanden, will sagen: er war gar nicht tot“ (1239). Ein wahrer Traum, so wirklich wie wunderbar. „Welch ein Fall erles’ner Rarheit,/ daß dies beides einerlei,/ daß das Schöne ist die Wahrheit/ und das Leben Poesei!“ (1241) Das undenkbar Schöne ist Wahrheit. Leben ist Gottespoesie! Noch zweifelt Jakob. Lieder seien nah an der Liederlichkeit, dämpft Jakob. „Schön ist das Spiel, aber heilig der Geist. Spielender Geist ist die Poesei“ (Poesie). „Gott ist eine Anstrengung, aber die Götter sind ein Vergnügen.“ (1245) Gottessorge müsse da zügeln. Jakob hat es nicht leicht mit seinem strengen Gott. „Wo wären wir und wo wäre Gott, hätten wir je uns abspeisen lassen mit dem Allenfallsigen? Die Wahrheit ist eine und ist unteilbar.“ (1248)
Benjamin, der Heimgekehrte, sprudelt die Neuigkeit heraus. Nie war er tot, meiner Mutter Sohn! Nach Ägypten geführt, wuchs er auf an der Quelle, ein wenig verfremdet, und ist der Erste geworden! Als Zeichen präsentieren sie einen Berg von Geschenken. Weisung nimmt Jakob nur von Gott an, dem Unberechenbaren, nicht von den Großen der Welt. „Gott kann striemen und lindern.“ (1247) Jakob, zieh ihn an dein Vaterherz. „Alles war nur Gottes Scherz“ (1249).
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Der geübte Gotteskenner Jakob entschließt sich, ins „ägyptische Diensthaus“ hinabzufahren, um den Wiedererstatteten wiederzusehen. Der Fromme hat die Tugend der Frömmigkeit geübt, sein Ich und sein Heil in den Mittelpunkt gesetzt. „Frömmigkeit ist eine Verinnigung der Welt zur Geschichte des Ich und seines Heils“. „Wer sich nicht wichtig nimmt, ist bald verkommen.“ (1251) Wer auf sich hält, wird vielen ein Segen sein. Die Würde des Ich hängt mit der Würde der Menschheit zusammen. „Der Anspruch des menschlichen Ich auf centrale Wichtigkeit war die Voraussetzung für die Entdeckung Gottes“ (1151). Würde, durchdrungen von eigener Wichtigkeit, steigert sich zu feierlicher Weihe. Das Motiv „Aufbruch“ kehrt wieder, in dem sich die Wanderschaft des Mondes, des „Herrn des Weges“ (1252), spiegelt. „Mondlicht-Genauigkeit“ (1254) schicke sich nicht mehr, meint Thomas Mann.
Der Wanderstamm wälzt sich gen Ägypten. Der Patriarch wird getragen in einer Sänfte. In Beerscheba, unterm heiligen Orakel-Baum Abrahams, belehrt Jakob über den Unterschied zwischen der „Vielnamigkeit“ ortsgebundener Baalsgötter und andererseits Abrahams Gottesarbeit der dreifältigen Gotteserfahrung der einzigen Gottesperson. Gott „war Einer, aber er war ausdrücklich zu dritt.“ „Der Mann von Ur hatte Abram geheißen, und dann hatte sein Name die Ehrendehnung zu Abraham erfahren.“ (1260) Vätergott, Guter Hirte und Engel – drei Gestalten für eine. „Sie machten Elohim aus, die dreifältige Einheit.“ Sind wir überhaupt begabt dafür? Er lässt es sich träumen, sein Volk werde zurückkehren. Es kommt zum ergreifenden Wiedersehen von Vater und Sohn. Der Vater hinkt ihm entgegen. Der Sohn fliegt auf ihn zu – und Jakob „weinte bitterlich.“ (1265) Joseph bittet um Verzeihung, dass „Lieblings-Übermut und heillose Schlingelei, sträflich Vertrauen und blinde Zumutung“ (1265) das alles eingebrockt haben. Die Strafe ist verbüßt, die Karenz beendet. Gott hat verziehen!
Joseph zeigt seinen „reizvollen Gottesscharfsinn“ (1266). „Er ist wie Er ist, und kann sich nicht mäßiger machen um unserer zärtlichen Herzen willen.“ Strafe Gott, so fördere dieses Mittel größeres Geschehen. „Wir sind heiß oder kalt, aber Seine Leidenschaft ist Vorsehung, und Sein Zorn weitschauende Güte.“ (1266) Wie soll man die doppelsinnigen Ratschlüsse Gottes erkunden? Joseph sei „nicht wie Issak, ein verwehrtes Opfer“ (1268); er sei erhöht nur „auf weltliche Weise“, die Erstgeburt, das Erbe sei ihm allerdings verwehrt. „Du bist gesegnet, du Lieber, gesegnet vom Himmel herab und von der Tiefe, …, gesegnet mit Heiterkeit und mit Schicksal, mit Witz und mit Träumen. Doch weltlicher Segen ist es, nicht geistlicher.“ (1268) Gott erhöht und verwirft. „Gott hat dir das Kleid zerrissen und meine Liebe zurechtgewiesen mit mächtiger Hand“, da bliebe nur Gehorsam, aber „das Herz unterliegt nicht dem Gehorsam. Er kann mir mein Herz nicht nehmen und seine Vorliebe“ (1268). Gottes Liebe bliebe, aber Jakob spricht Joseph das Erbe ab, (obwohl er es ihm heimlich zudachte!). „Es ist gut, das Schicksal mit heiter bewundernder Ruhe anzuschauen, das eigene auch.“ (1269) Joseph sei zwar weltlich gesegneter Wohltäter, Gott gönne ihm (hohen Rang), indem er (geistliche Führerschaft) verweigere. Das weltliche und das geistliche Fürstentum werden hier (ganz evangelisch) getrennt. Joseph weiß es – und ist’s zufrieden. Königlich bewirtet wird, vorgestellt wird, es gibt nachholend viel zu erzählen bei der Tafel im provisorischen Zelt. Die Jakobsleute dürfen als Fremde „hier wohnen, locker und frei und auf Widerruf wie vordem im Lande Kanaan.“ (1271) Und als tüchtige Schafhirten, gesetzt über das Vieh auch des Pharaos, dürfen sie weiden, scheren, melken, wandeln und handeln. Abrahams gesegneter Enkel, Jakob, nimmt in seiner Alterswürde die Söhne Josephs – Ephraim bevorzugt vor Menasse – als seine an und füllt mit Benjamin den Zwölferstamm auf. Seine Majestät ist aufrichtig erfreut, die ehrenwerte Sippschaft seines „Schattenspenders“, Obersten Munds, des Herrn des Brotes, Djepnuteefonech, des Ernährers, vor seinem Thron zu sehen. Der Vater der Zwölf segnet den König in Ägyptenland, „den luxuriösen Spätling und Gottesträumer“ (1276), macht ihn verlegen durch übertriebene Lebensmaße (über hundert Jahre) und sibyllinische Rede. „Ich zeugte zwölf Söhne… Fluch ist unter ihnen wie Segen und Segen wie Fluch. Etliche sind verworfen und bleiben erwählt. Wie aber einer erwählt ist, bleibt er in Liebe verworfen…“ (1277).
Der Geschichte schlägt allmählich das letzte Stündlein. „Ihre Maße in Raum und Zeit sind patriarchalisch genug.“ (1273) Sie kündet, was (angeblich) jeder schon weiß, aber mit welcher Präzision und Erfindungslust im Detail! Ganz nebenbei schenkt Thomas Mann in der grandiosen Neu-Erzählung lutherische Worterfindungen: Mäkelsucht, Gefühlsherrlichkeit, Neugiers-sympathie, Lebensdrolligkeit, Bosheitsskandal, Schicksalsrespekt, Freundlichkeitsblitz. Als Verwalter gewinnt Joseph eine „mythische Popularität“ (1278). Gewitzt wie der Sendbote (Hermes) zwischen Sonnen- und Mondgewalt, Vater- und Muttererbe, Leben und Tod, nutzt er im Umgang mit den Großgrundbesitzern und Feudalherren die Preislage aus und verteilt großzügig-schelmisch unter die hungernde Kleinbevölkerung. Dass er sie in Leibeigenschaft treibt, diesen „Vorwurf ausbeuterischer Härte“ (1280) versucht der Erzähler zu entkräften, indem er den guten Hirten betont, der darauf abzielt, „den Eigentumsbegriff zu verzaubern und ihn in einen Schwebe-Zustand von Besitz und Nicht-Besitz“ zu verwandeln, also in ein Lehensverhältnis. Mit der Abgabe von zwanzig von Hundert, habe Joseph die Ausbeutung in Grenzen gehalten. Die Reform verschont zwar die Priesterschaft des Amun, raubt ihr aber die Anerkennung als markige Kriegsmacht. „Die Neigung zu Frechheit, zum Abfall und zum Verrat griff um sich.“ (1285) Dem entzieht Joseph durch unerbittliche Fesselung und Geiselnahme tributpflichtiger Vasallen den Nährboden. Rücksichtnahme auf die Pietät des kleinen Mannes und harter Zugriff auf die Widerspenstigen „erregte Lachen und Bewunderung, die… zur Heiterkeit befreit.“ (1286)
Joseph, dessen schwarze „Rahelsaugen sich den Freundlichkeitsblitz bewahrten“ (1287), war seit dem Traum auf der Tenne, wo sich die elf vor ihm neigten, nicht umsonst verkauft an die Welt. Er sollte hinfort kein Stamm sein. Bei aller gegenseitigen Zurückhaltung zwischen Vater und Sohn stehen noch drei Besuche an beim greisen Vater. Jakob teilt ihm seinen letzten Willen mit, bei seinen Vätern zu liegen, in der Höhle zu Hebron, wo Abraham und Sarai, Isaak und Rebekka und seine Erst-Erkannte Lea ruhen, nicht am Weg nach Ephrata (Bethlehem), wo er seine geliebte Rahel einbettete. „Ich habe sie zu sehr geliebt, aber nicht nach dem Gefühle geht es und nach des Herzens üppiger Weisheit, sondern nach Größe und nach dem Gehorsam.“ (1293) Ahnen und Erbe verpflichten zum Gehorsam gegenüber dem göttlichen „Quell unendlicher Güte“ (1297). Jakob nimmt in einer feierlichen Zeremonie Ephraim und Menasse in seinen Stamm auf. „Ohne Segensbetrug ging es in seinen Augen nicht ab. Vertauscht mußte sein“ (1297), und so überkreuzt er die Arme und segnet mit der Rechten den Zweiten, Ephraim. Joseph meint, er habe sich „versegnet“ (1298), aber der Alte weist ihn zurecht, er regiere nach Stammvater Art. Bevor er stirbt und sich bei den Vätern versammelt, versammelt er seine Söhne: „daß ich euch künde, wer ihr seid und was euch begegnen wird in zukünftigen Zeiten!“ (1299)
Auf dem Sterbebett wird mit Wahrheitssinn dem Sohneskreis unterm Sternenkreis aufgetischt. Es wird verflucht unterm Segen und gesegnet, Vorrecht entzogen oder gewährt. Ruben, der Wassermann; Juda, der Löwe; Juda erfährt: Er sei’s, der Erwählte! In ihm sollen alle den Gesalbten preisen, der kommen soll; Schilo sei sein rätselhafter Name! Der sei „der Friedensbringer, der Mann des Sternes“ (1308), ihm hingen alle Völker an. Gesichte (Träume) dionysischer Segensfülle verheißen. „In seine Stadt ritt ‚er‘ ein auf einem Esel… – da war nichts als trunkene Lust wie von rotem Weine bei seinem Anblick“ (1308). (Christen wissen, wer gemeint ist.) Jakob knöpft sich alle vor: Issakhar, den Krebs; Dan, die Waage; Naphtali, den Widder; Benjamin, den Skorpion; Joseph, den Stier, dessen seltener Segen es war, „Gunst zu finden vor Gott und den Menschen.“ (1311). Sein teures Leben, das zu besingen sei, war heiliges „Spiel und Anspiel.“ (1311) Er litt, konnte aber verzeihen! Rühmt ihn der Sterbende. Der Zwangsverkaufte, Verschollene, Wiedererstattete legte eine Erfolgskarriere hin im Exil in Ägypten und büßte doch seinen Vorzug ein. „Gott verzeihe uns allen.“ (1311) Es ist „ausgesegnet“ (1308.1309). Der Tod unterbricht Jakob, sein Leben steht still. Jakob wird in eine ägyptische Osiris-Mumie verwandelt, eine „Dauerpuppe des Todes“ (1314), „prunkvoll ausgestopft und verschnurrt“ (1313), gebadet und gesalzen haltbar gemacht, geschmückt und vergoldet. Das hochfeierliche Staatsbegräbnis für den großen „Schelm“, angeordnet vom Herrn der Kronen, der inzwischen in königlichem Luxus dem Volk entfremdet ist und „in hoffnungslosem Zerwürfnis“ (1317) lebt mit den Glaubensmächten und Priesterschaften, gestaltet sich, auf Wunsch des Patriarchen, als Prozession zum Grab der Erzväter in Hebron. Der Zug ist gewaltig, ehrenhaft ausgedehnt, zeit-kostspielig und mühsam für „die Crème Ägyptens“ (1318) samt „Schranzengewimmel“ und Waffenvolk. Als der Vater bestattet ist, der für die Brüder Schirm und Schutz war „zwischen ihnen und der Vergeltung“ (1322), bitten sie um Vergebung ihrer Bosheit im Namen des Vaters: „Laß sie ihre Schafe scheren, sie aber laß ungeschoren!“ (1323) Joseph beugt sich zu den Niedergeworfenen und bittet umgekehrt sie um Verzeihung. Sie möchten doch die ganze Geschichte verstehen, „daß es mit mir nur ein Spiel gewesen sei“, Jakob „war auch im Spiel, dem Spiele Gottes“, und „ihr mußtet die Bösen spielen, damit es alles so käme.“ (1324) Nun soll er sie „wieder böse machen, was Gott gut gemacht? Daß ich nicht lache!“ Was für eine heitere Auflösung der Knoten in dieser voluminösen Neu-Erzählung von Joseph! Alle lachen und weinen und herzen sich. „Und so endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern.“ (Finis)
Reminiszenz: Marc Chagall hat 1962 im Hadassah Krankenhaus in Jerusalem auf einem Synagogen-Fenster Josef (in orange) mit Brotkorb dargestellt. Der rote Teil interpretiert die Träume des Pharaos von sieben fetten und mageren Kühen. Joseph verkauft Brot an seine Brüder.










