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Bories vom Berg schrieb uns am 18.11.2021
Thema: Jenny Erpenbeck: Kairos

Entscheidende Momente in Liebe und Politik

Der jüngst erschienene Roman von Jenny Erpenbeck mit dem deskriptiven Titel «Kairos» bestätigt eindrucksvoll eine Kritik in der gestrigen Rede von Angela Merkel zum Tag der Deutschen Einheit, in der sich die Bundeskanzlerin dagegen verwehrt hat, Lebenserfahrungen in der DDR als Ballast zu bezeichnen. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR erzählt die in Ostdeutschland sozialisierte Schriftstellerin von der Liebe eines ungleichen Paares, die in ihrer Intensität an die Worte von Heinrich Heine erinnert: «Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei».

Genau das passiert den beiden Protagonisten dieses
Romans, der 53jährige Schriftsteller Hans und die 19jährige Katharina verlieben sich in einem Linienbus auf den ersten Blick unsterblich ineinander, ihr Kairos also, jener in der griechischen Mythologie für eine schicksalhafte Entscheidung als günstig geltende Augenblick! Leitmotivisch häufig wiederkehrend begehen sie diesen entscheidenden Moment ihres Lebens wie einen persönlichen Feiertag, indem sie an die Bushaltestelle zurückkehren und das damalige Geschehen wie bei einer Prozession wiederholen. Der nachfolgende Liebestaumel entwickelt sich mit der Zeit allerdings zur Amour fou, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Ort des Geschehens ist Ost-Berlin, wo Hans in den achtziger Jahren neben seiner Schriftstellerei als «fester Freier» beim Rundfunk arbeitet und Katharina nach dem Abitur eine Lehre als Setzerin im Staatsverlag absolviert. Hans ist zwar verheiratet, mit seiner Frau hat er sich aber dahingehend arrangiert, dem jeweils anderen seine Freiheiten zu lassen. Im Bett findet zwischen ihnen seit zehn Jahren nichts mehr statt, aber eine Trennung wollen sie beide nicht. Hans und Katharina hingegen verbindet neben rauschhaftem Sex ihr kulturelles Interesse, sie leben in einer privilegierten Boheme, interessieren sich für Kunst, lieben gutes Essen in den angesagten Restaurants Ost-Berlins.

Ineinander verschachtelt werden hier, autobiografisch grundiert, die Probleme der beiden Protagonisten und die Geschichte der untergehenden DDR erzählt. In Hans ist der überzeugte Sozialist verkörpert, der als junger Nazi-Sympatisant bewusst in die DDR gegangen ist. Auch nach der Wende noch ist der charakterlich eher widersprüchliche Literat von der prinzipiellen Überlegenheit dieses staatlichen Systems überzeugt. Katharina ist fasziniert vom Intellekt ihres Geliebten, sie hängt an seinen Lippen, wenn er zu politischen oder kulturellen Themen mit ihr spricht oder ihr aus Büchern vorliest, er beflügelt regelrecht ihr Interesse an der Kunst und beeinflusst damit ihre Berufswahl. In ihrer Beziehung ist er dominant, lebt sogar sado-masochistische Gelüste an ihr aus, bis sie ihm einen einmaligen Fehltritt mit einem jungen Kollegen beichtet. Hans zerbricht daran, für ihn stürzt eine Welt zusammen, er glaubte an die einmalige, ewige Liebe zwischen ihnen. Schließlich begibt er sich sogar in psychiatrische Behandlung, kann sich aber trotz allem nicht von ihr trennen. Jahrelang finden sie immer wieder zueinander, eine Zeit seelischer Quälerei für alle beide.

Als atmosphärisch dichte Milieustudie aus der Ostberliner Kulturszene ermöglicht «Kairos» einen tiefen Einblick in das untergegangene Staatsgebilde, dem heute noch so mancher nachtrauert. Im Prolog und Epilog enthüllt die Autorin klammerartig als Katharsis den verstörenden Charakter des intellektuellen Schriftstellers. Dieser mit vielen heute schon fast vergessenen Details aus der deutschen Vergangenheit aufwartende, beklemmende Roman ist dramaturgisch geschickt aufgebaut und sprachlich adäquat umgesetzt. Im Mittelteil stören einige Längen in der Liebesbeziehung mit ihrem ewigen Aufs und Abs, zudem auch mit häufigen szenischen Wiederholungen, ein wenig den ansonsten aber durchaus gegebenen Lesegenuss. «Kairos» ist als Wenderoman wie als Liebesdrama gleichermaßen überzeugend!

Fazit: erfreulich
04.10.2021
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Bories vom Berg schrieb uns am 15.11.2021
Thema: Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Als Mahnzeichen für den Balkankrieg missbraucht

Ich, der diese Rezension schreibt, um seine Eindrücke und Empfindungen nach erfolgter Lektüre festzuhalten, der künftige Leser, der in Erwartung hilfreicher Hinweise meine Kritik an diesem Roman liest, das Feuilleton, welches das Buch zumeist hochjubelte, Ich, den das Buch überhaupt nicht überzeugt hat, Melinda Nadj Abonji, die sich über renommierte Buchpreise freuen darf, Ich, der hinzufügt, wenn einen solche und noch deutlich längere Satzkaskaden nicht irritieren, der Leser, der fragt, lohnt sich das Lesen also doch, Ich, der antwortet, dann eventuell.

Die der Autorin biografisch ziemlich nahestehende Ich-Erzählerin Ildiko beschreibt ihre idyllisch
scheinende ärmliche Kindheit in der Vojvodina und ihr anschließendes, vergleichsweise komfortables Leben bis zum Erwachsenwerden in der Schweiz. Mir war beim Lesen oft so, als ob ich die Protagonistin und die mit ihr symbiotisch verbundene Schwester jungmädchenhaft rumalbern hörte bei dem atemlos scheinenden Stakkato des Textes, diesem sehr speziellen Schreibstil der jungen Autorin, der beim Poetry Slam vielleicht erfolgreich ist, in einem Roman auf Dauer aber ziemlich nervt, mich jedenfalls.

Der Stoff des Romans gibt einiges her. Liebevoll und berührend werden die vielen Figuren detailreich beschrieben, die engere Familie ebenso wie der große Verwandtenkreis und auch die vielen Freunde und Nachbarn. Diese mit Anekdoten reich ausgeschmückte Beschreibung einer archaischen, kunterbunten Balkanwelt mit ihren materiellen Alltagssorgen, ihren unüberschaubar großen Familienclans, ihren ausufernden Fress- und Saufgelagen, diese minutiöse Schilderung erscheint mir merkwürdig unreif, aus Sicht naiver junger Mädchen erzählt, glorifizierend und mystifizierend gleichermaßen. Es geht dabei um Familienkonflikte, Liebesbeziehungen, Landleben, Traditionen, andererseits um Wohlstandsgesellschaft, Missgunst, Ausländerfeindlichkeit, Assimilationsdruck, und ganz im Hintergrund auch um den unsäglichen Balkankrieg.

Wir erfahren nebenbei so manches, zum Beispiel dass die beliebtesten Schwarzarbeiter die Pfarrer sind (sic!), welchen Nöten eine Serviertochter in einem Schweizer Café ausgesetzt ist und vieles Anekdotische mehr. Alles das wird überaus warmherzig geschildert und ist trotz der erwähnten stilistischen Marotte durchaus angenehm zu lesen. Woran es mangelt ist eine auch nur einigermaßen interessante Handlung, von tieferen Einsichten, die manche gute Lektüre zu vermitteln vermag, ganz zu schweigen. Fehlt Handlung weitgehend und geistiger Gehalt komplett, bleibt nur die Sprache, der Schreibstil als Motiv zum Lesen. Aber der ist einfach viel zu manieriert, wovon mein einleitender Versuch einer Nachahmung künden soll. Buchpreiswürdig also ist dieser Roman in keinem Fall! Sind womöglich die Buchpreise als Mahnzeichen für den Balkankrieg missbraucht worden, frage ich mich als total irritierter Rezensent.

Fazit: mäßig
24.02.2013
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Bories vom Berg schrieb uns am 15.11.2021
Thema: Margaret Atwood: Die Zeuginnen

Misogyne Theokratie

Es passiert nicht oft, dass ein Fortsetzungs-Roman erst 34 Jahre nach dem ersten Band erscheint, die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat nun nach dieser langen Zeitspanne mit «Die Zeuginnen» einen an ‹Der Report der Magd› anschließenden Roman veröffentlicht. Mancher heutige Leser war damals noch gar nicht auf der Welt, andere hatten wahrscheinlich auch Wichtigeres zu tun, als Bestseller-Romane zu lesen. Was insoweit aber kein Manko ist, denn das neue Buch ist völlig eigenständig zu lesen, seine Handlung beginnt erst 15 Jahre nach dem Ende des erfolgreichen Vorgängers. Die Inspiration zu diesem Roman habe sie aus den Fragen der Leser des ersten Bandes erhalten, hat die Autorin
erklärt, «die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben». Damit spielt sie auf Trump an, auf die Klimakrise, auf den islamistischen Terror und anderes mehr.

Dieser dystopische Roman handelt vom Niedergang des fiktiven Staates Gilead, der als misogyne Theokratie aus den ehemaligen USA hervorgegangen ist. Atwood treibt mit diesem extrem frauenfeindlichen Staat als zentraler Thematik ihren Feminismus auf die Spitze. Sie erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Perspektive dreier Frauen, die als Ich-Erzählerinnen zunächst nur lose miteinander verbunden sind, ehe sich die Handlungs-Stränge am Ende des Buches in einem spannenden Finale vereinen. Mächtigste Figur ist ‹Tante› Lydia, die als ehemalige Richterin dazu gezwungen wird, in Gilead ein klosterartig organisiertes System aufzubauen, in dem Sitten-Wächterinnen mit äußerster Härte die Frauen unterdrücken. Dabei stehen Ehefrauen hierarchisch höher als die unverheirateten ‹Mägde›, die als haremsartige Nebenfrauen für Kindersegen zu sorgen haben und zur Hausarbeit verpflichtet sind. Da Scheidungen verboten sind, muss ein Mann, will er seine Frau loswerden, auf die Praktiken von Heinrich VIII zurückgreifen. Überhaupt geht das System brutal mit Menschen um, Verurteilte werden öffentlich hingerichtet, in besonderen Fällen wie in einer römischen Arena von ‹Mägden› in Stücke zerrissen. Lydia, die eng mit der Führungselite verbunden ist, macht heimlich Aufzeichnungen und sammelt Dokumente über den verbrecherischen Unrechtsstaat, sie will mithelfen, ihn eines Tages zu stürzen.

Die junge Agnes, deren Bericht als ‹Zeugenaussage 369A› betitelt ist, will einer drohenden Zwangsheirat entgehen und lässt sich als ‹Tante› ausbilden, sie reflektiert diesen Staat aus einer system-konformen Innensicht. Unter ‹Zeugenaussage 369B› berichtet Nicole, die als Baby von der Widerstands-Bewegung MayDay nach Kanada entführt wurde, aus einer system-kritischen Außenperspektive. Als ‹Die kleine Nicole› nimmt sie einen fast jesusartigen Status im Propagandakrieg der beiden verfeindeten Nachbarstaaten ein, ihr Konterfei hängt in allen öffentlichen Gebäuden Kanadas. Aus Angst vor einem Anschlag muss sie, vom Geheimdienst beschützt, unter falschem Namen leben.

Dieser kunstvoll konstruierte Roman ist reichlich mit Spannungs-Elementen aufgeladen, die das Buch zu einem Pageturner machen und ihm wohl auch den Booker-Price 2019 eingebracht haben. Männer spielen darin kaum eine Rolle, sie sind nur negatives Beiwerk, quasi der Grund allen Übels. Zu den Leerstellen dieser Geschichte gehört die Frage, warum die Frauen sich dem allen klaglos unterwerfen, Hinweise dazu gibt es keine. Der kreative Plot wird flüssig lesbar erzählt und ist, besonders im Bericht von Lydia, stilistisch mit schwarzem Humor angereichert. Sie ist denn auch die markanteste Roman-Figur, bei der oft die Fäden zusammenlaufen. Auffallend ist der völlige Verzicht auf psychologische Deutung der Figuren, Margaret Atwood berichtet distanziert, fast lakonisch, so als ob sie von historisch Verbürgtem spricht. Sie fügt als Epilog sogar «Historische Anmerkungen» hinzu und nennt in ihrer Danksagung auch die vielen Leserbriefe als Ideengeber für das neue Buch. Dessen literarischer Wert ist allerdings ziemlich umstritten!

Fazit: lesenswert
Meine Website: http://ortaia.de

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Bories vom Berg schrieb uns am 15.11.2021
Thema: Carlos Ruiz Zafón: Der Friedhof der vergessenen Bücher

Ein Buch wie eine Kathedrale

Der Ruhm des spanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafon gründet sich auf den ersten Band einer Tetralogie, deren geheimnisvoller Ort «Der Friedhof der vergessenen Bücher» ist, zu dem unter gleichem Namen mit dem vorliegenden Erzählband nun posthum eine Ergänzung erschienen ist. Es handelt sich um «eine tief unter Barcelona verborgene Bibliothek, in der die Bücher darauf warten, ihre Seele an ihren Leser weiterzugeben». Die vier Romane bilden einen breitgefächerten Erzählkosmos, in dem die Bücher selbst sich ihre Leser suchen, nicht umgekehrt. Mit dem vorliegenden Band weiterführender, ergänzender Geschichten sollte dieser labyrinthische Kosmos nach dem Willen des
früh verstorbenen Autors weiter wachsen.

Mit Abstand erfolgreichster Roman war der unter dem Titel «Der Schatten des Windes» erschienene, erste Teil der Tetralogie, der in 36 Sprachen übersetzt mehr als 15 Millionen Mal verkauft wurde. Einige von dessen Figuren, aber auch von den drei Folge-Romanen, finden sich hier ebenso wieder wie viele Themen und Motive der Tetralogie. Mit sieben bisher unveröffentlichten der insgesamt elf Erzählungen stellen sie ein letztes Geschenk des Autors an seine treuen Leser dar. Carlos Ruiz Zafon hat dazu erklärt: «Für mich ist der Friedhof der vergessenen Bücher so etwas wie die Verkörperung der Erinnerung, der Identität. Das geht weit über Bücher oder Literatur oder geistige Welten hinaus».

In «Blanca und der Abschied» geht es um die Liebe des angehenden Dichters David Martin , in «Namenlos» erfahren wir von dessen tragischer Geburt, die dritte Geschichte handelt von einem selbstlosen Arzt, dem es übel ergeht, und in der nächsten erzählt David Martin seinen Mitgefangenen «eine Geschichte von Büchern, Drachen und Rosen». Eine längere Erzählung handelt vom Fürst des Parnass, es folgt «Eine Weihnachts-Geschichte», wir sehen «Alicia im Morgengrauen» und erleben «Graue Männer» als Auftragskiller. Nach einer Liebesaffäre in «Die Frau aus Dunst» folgt mit «Gaudi in Manhattan» eine Hommage auf den berühmten Architekten. «Ist dir mal aufgefallen, dass die Leute immer mehr verblöden, je intelligenter die Handys werden?» fragt eine Rothaarige in Manhattan den Ich-Erzähler der kurzen, letzten Geschichte mit dem Titel «Apokalypse in zwei Minuten». Das Ende sei gekommen, aber da er «nie im Finanzsektor gearbeitet habe», gestehe sie ihm drei Wünsche zu. «Ich will wissen, was der Sinn des Lebens ist. Ich will wissen, wo es das beste Schokoladen-Eis der Welt gibt. Und ich will mich verlieben». «Die Antwort auf die beiden ersten Wünsche ist dieselbe», sagt die Rothaarige, und der Erzähler ergänzt: «Was den dritten Wunsch betraf, gab sie mir einen Kuss».

Barcelona bildet den örtlichen Ausgangspunkt fast aller Geschichten von Zafon, die er mit gedrechselten Worten in vergilbten Bildern beschreibt. Da ist von engen, labyrinthischen Gassen die Rede, von düsteren Fassaden, die in Nebelschwaden verschwinden. Fast immer fällt auch Schnee in seinen Beschreibungen, so als ob wir in Moskau sind und nicht in einer Stadt mit Mittelmeerklima, Licht und Sonnenschein passen nicht zur düsteren Welt Zafons. Ein immer wiederkehrendes Motiv sind bei ihm auch die Bücher, und meist ist ein satanischer Verleger namens Corelli in das Geschehen verwickelt, ihn mag der Autor, wie er erklärt hat, ganz besonders. Es ist diese unheimliche, geisterhafte Atmosphäre, die sein Markenzeichen darstellt und seine phantastische Erzählbühne stimmungsmäßig grundiert. Dabei gerät er mitunter deutlich in die Gefilde der Trivial-Literatur, was er durch einen Vergleich zu relativieren sucht: «Ein Roman sollte wie eine gotische Kathedrale sein, bestehend aus Worten und Geschichten und Figuren: Man geht hinein und man denkt nicht über die Mathematik oder Physik des Bauwerks nach». Und tatsächlich erzeugt er einen publikums-wirksamen Lesesog, der dafür sorgen dürfte, dass seine Bücher wohl nie auf dem «Friedhof der vergessenen Bücher» landen werden.

Fazit: lesenswert
14.11.2021
http://ortaia.de

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