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Martin A. Hainz schrieb uns am 25.08.2018
Thema: Nicola Tams: Geschriebene Freundschaft

„Es gibt wohl hier und da auf Erden eine Art Fortsetzung der Liebe, bei der jenes habsüchtige Verlangen zweier Personen nacheinander einer neuen Begierde und Habsucht, einem gemeinsamen höheren Durste nach einem über ihnen stehenden Ideale, gewichen ist: aber wer kennt diese Liebe? wer hat sie erlebt? Ihr rechter Name ist Freundschaft.“

Diese Idee eines Denkens, das das Gedachte nicht aufzehrt, hier von Nietzsche formuliert, ist ein rekurrentes Motiv bei Derrida. Seine Politik der Freundschaft handelt hiervon, formal sind es Texte, die dialogisch sind, explizit „Postkarten“, wenn man die beiden Bände dieses Titels nimmt.

Nicola Tams hat nun etwas bislang fast gänzlich Unterlassenes
unternommen, das eigentlich, wie man sieht, naheläge: Sie hat im Nachlass Derridas und bei seinen Korrespondenzpartnern Briefen nachgespürt. Sie wurde fündig, Geschriebene Freundschaft, ihre nun erschienene Promotion, erzählt hiervon und analysiert das Textcorpus.

Der Band, worin übrigens auch das einleitende Zitat sich findet, zitiert umfänglich daraus, die französischen Texte in den Fußnoten ergänzen die Beinahe-Edition, die belegend und kommentierend Derrida indirekt oft sehr genau zu fassen vermag, über das, was ihm und seinen Briefpartnern gemein ist, wie das, was ihn mit Tams verbunden hätte: „Die Bedingung der Möglichkeit der Schrift ist zugleich ihre Unmöglichkeit.“  – Gilt das auch für die und diese Freundschaft?

„Das Lesen der Freunde spaltet den Lesenden. Einerseits in den Freund, der einen Freund liest, andererseits, wenn wir an Blanchot denken, an denjenigen oder diejenige, der oder die sich und die Freundschaft vergisst, um lesen zu können, der oder, anders gesagt, die Autorität des Autors untergräbt.“

Also sagt Tams (bzw. sagt es der Text fast selbst, oder auch die Freundschaft): „Diese Freundschaft ist und ist nicht.“

Die Freundschaft besteht, auch dieses Buch betreffend, in den Umwegen, in den Besuchen und den Recherchen. Während manche Erläuterung für sich blass bliebe, sind die Zitate und die Kontextualisierungen, Kommentare, Anspielungen das, was dieses Buch von der Freundschaft zu einem freundlichen machen, das man gerne und mit Gewinn liest.

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Connie Ruoff schrieb uns am 23.08.2018
Thema: Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit

GENRE SACHBÜCHER
2. ZUM INHALT
Als ich “Die Illusion der Gewissheit“ von Siri Hustvedt bei Rowohlt im sah und den Klappentext las, war ich sofort interessiert. Das Leib-Seele-Problem fand ich schon immer spannend. Ich war gespannt auf Siri Hustvedts Herangehensweise. Zu welchem Ergebnis würde sie kommen?

DIE ZENTRALE FRAGE DES LEIB-SEELE-PROBLEMS ODER MODERNER GESAGT: KÖRPER-GEIST-PROBLEMS IST
die Frage nach der Beziehung zwischen Körpern und Geist. Der Geist umfasst in dieser Problemstellung die Seele.
(Enzyklopädie Philosophie, Meiner)

Siri Hustvedt führt den Leser in die Philosophiegeschichte des Körper-Geist-Problems ein. In einer dialektischen Form stellt sie Leib und Seele,
Körper und Geist, Gott und Welt, angeboren und erworben (Nature/Nurture), Form und Materie, Mann und Frau, Psyche und Soma und noch weitere Gegensätze gegenüber. Diese Gegensatzpaare sind mit dem Problem verwoben. In vielen Fällen handelt es sich um Dichotomien.

Dabei entsteht ein Menschenbild, dass sich im Laufe der Zeit verändert. Vor allem das Frauenbild hat sich stark gewandelt. Vom Jäger und Sammler Menschenbild bis heute war ja auch ein weiter Weg. Aber was ist der „Mensch“ heute? Was macht uns aus? Genau diese Fragen stellt Siri Hustvedt in ihrem Essay.

Siri Hustvedt macht einen kleinen Ausflug in die Antike zu den Pythagoreern, zu Platon und Aristoteles, um dann bei Rene Descartes zu verweilen, erwähnt Hobbs, Wir machen zwischendurch bei Kant, Hegel, Schopenhauer und auch Freud Station.

Immer wieder stellt sich die Frage: Haben Leib und Seele ein gleich starkes Verhältnis oder ist einer stärker?

Ist der Geist Herr über den Körper? Oder hat der Körper die Übermacht? Dazu verweist die Autorin auf mehrere Studien.

Besonders belustigt hat mich die These mit dem angeborenen Dominanzverhalten der Männer. Oder die These, dass der Herrschaftsanspruch bei Männern in den Genen zu finden sei. Tja, was sagst du dazu?

Hirnforscher, Evolutionspsychologen, Genetiker, Psychiater, Computerwissenschaftler. befassen sich mit dem Leib-Seele-Problem. Auch der viel zitierte Kognitionswissenschaftler Steven Pinker konnte genauso wenig wie Steven Ray eine wirkliche Lösung bieten.

4/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Das Essay verlangt einen aufmerksamen Leser, der bei Bedarf auch mal bereit ist, Definitionen nachzulesen. Es ist kein Buch, dass ich an ein oder zwei Tagen durchlese und alles verstanden habe. Aber durch die herangezogenen Studien, fand ich den Weg sehr interessant und wie schon erwähnt, hat mich einiges zum Schmunzeln gebracht..

Trotz des schwierigen und umfangreichen Themas lässt sich das Buch gut lesen.

4/5 Punkten

4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNg
„Die Illusion der Gewissheit“ von Siri Hustvedt, aus dem Amerikanischen von Bettina Seifried, hat 416 Seiten, einen Festen Einband und ist am 15.05.2018 unter der ISBN 9783498030384 bei Rowohlt im Genre: Sachbücher erschienen.

Erstveröffentlichung von „The Delusions of Certainty“  bei Simon & Schuster (17. Oktober 2017) veröffentlicht.

4/5 Punkten

5. WAS SAGT SIRI HUSTVEDT?
Links dazu auf Connies Schreibblogg

6. FAZIT
Siri Hustvedt zitiert im letzten Kapitel Blaise Pascal aus seinem Werk „Gedanken“. Und dieses Zitat bringt das Ergebnis auf den Punkt.

– Ich weiß immer noch nicht, wer oder was mich in die Welt gesetzt hat.
– Ich weiß immer noch nicht, was die Welt ist.
– Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.
– Ich weiß immer noch nicht, was der Geist ist.
– Ich weiß immer noch nicht, was die Seele ist.
– Ich weiß immer noch nicht, was das Bewusstsein ist.

Siri Hustvedt kann das Problem zwar nicht lösen, aber sie hat das im mittelalterlichen Universalienstreit gipfelnde Problem ins Hier und Jetzt – in die Gegenwart – geholt. Sie nimmt den Leser dabei mit und lässt ihn daran teilhaben. Der Leser mag gerne eigene Schlüsse daraus ziehen.

Die Frage ist natürlich: Benötigen wir überhaupt die Trennlinie zwischen Körper und Geist? Und genau hier kommt die Lösung:

Was bedeutet das für uns? Was will uns Siri Hustvedt mit ihrem Essay sagen?

Wir müssen einen ganzheitlichen Blick entwickeln. Die Frage des Körper-Geist-Problem hat keine Relevanz. Die Trennung ist auch immer ein Ausgrenzen und genau das möchte Siri Hustvedt nicht.

Das Buch aus dem Genre Sachbücher gefällt mir gut. Es ist eine fachübergreifende Sammlung an Fakten, Studien, Philosophiegeschichte, Neurowissenschaften und noch vielen zum Thema.

Ich vergebe insgesamt 4/5 Punkten

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Martin A. Hainz schrieb uns am 22.08.2018
Thema: Max Czollek: Desintegriert euch!

Max Czollek hat mit Desintegriert Euch! einen glänzenden Essay zur Frage verfasst, was heute das Judentum sein könne. Ausgangsthese ist dabei, dass der deutsche (und deutschsprachige) Leser wohl schon „alles“ wisse, was man zum Judentum wissen könne. Das ist auch das Grundproblem heute, denn durch dieses Wissen, das so umfassend wie fragwürdig ist, nicht zufällig ist die Kursivierung, dass alles bekannt sei, wird vielmehr definiert, was gefälligst jüdisch sein solle, wobei der heteronormative Diskurs mehr über die verrät, die ihn führen. Unter anderem verrät es eine Umstandslosigkeit und empfundene Normalität, welche man in jenem Deutschland empfinde, wo AfD, Pegida und NSU indes Czollek schließen lassen: „Es gibt wenig in diesem Land, das ich für normal halte.“

Angesichts dessen wünscht sich Czollek Differenzierung und Distanzierung, weil Begrifflichkeiten wie „jüdisch-christlichem Abendland“ eher eignet, wenig humanistisch, im jedenfalls nicht besten Sinne christlich und jüdisch sowieso nicht zu sein. Was mache denn den Juden überhaupt aus, nämlich für Deutsche? „Ist man Jude, weil man neurotisch ist?“ Funktional ist es der, der „die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen“ hat…

Hieraus darf und muss man sich also desintegrieren; und man dürfe „die 12,6 Prozent AfD-Wähler*innen der letzten Bundestagswahl“ ebenso „aus(schließen).“ Vor diesem Hintergrund zerlegt Czollek Phantasien über die „Leitkultur“ und die „Heimatministerien“, die gleichermaßen besagen, dass die einen sich gar nicht integrieren können, weil die anderen es bedingungslos seien. Denn wer wagte die Frage: „Ab wann gilt man nicht mehr als Integrationsverweigerer, sondern als frustrierter Deutscher?“ Die Verteidiger des Deutschen erkennt man ja in der Tat oft an einem mangelhaften Deutsch, wie es jene denen vorwerfen wollten, die ja nicht deutsch seien.

Das Unbehagen an derlei wäre jene Kultur, die man entschärft und entwertet, etwa, indem man Adornos Satz, es sei nach Auschwitz barbarisch, Gedichte zu schreiben, mit jedem Gedicht Paul Celans, Rose Ausländers oder Nelly Sachs‘ als widerlegt bezeichnet – als würden diese Texte das Dilemma nicht austragen, nicht zum Impetus haben, dass nichts nach Auschwitz ist. Denn diese Vergangenheit ist nicht so vergangen, so bewältigt. Aber das ignorieren jene, die diesen Texten es stattdessen zudem aufhalsen, „eine Entlastung oder Befähigung der Deutschen für deren eigenes Sprechen“ zu liefern.

Diese Sprache kann nun also wieder über „Waggons“, die „Rampe“ und „Au-schw-itz“ reden, wie es die damit preiswürdig gewordene Nora Gomringer tat, zu deren Gedicht indes Czollek sagt, es sei „Holocaust-Kitsch“ – und ebenso die Laudatio, der zufolge „reine Freude an der Kraft der Poesie“ zuletzt bleibe. Czollek da zu widersprechen ist schwer, ich wüsste nicht, wie oder warum man beeinspruchen sollte, was er hierzu bemerkt. „Ich fahre nach Auschwitz“, lautete ein ARD-Beitrag, der vor lauter Einfühlung dem Opfer es nahm, dass eine Differenz zwischen Klassenfahrten und der Deportation vielleicht doch zu bedenken wäre.

Dagegen ist nur mehr die Desintegration bis hin zu „jüdische(n) Parallelgesellschaften“ zu formulieren. Man kann und muss nicht bedienen, was die deutsche Leitkultur da fordert, wie Czollek in close readings und seinem A.H.A.S.V.E.R.-Text (s. auch das Gespräch auf fixpoetry mit u.a. Czollek) zeigt, oder auch mit Moshe Kahn, der gegen den Antisemiten nicht einfach als – klagendes und dann in einem quasi-juristischen Diskurs anzuerkennendes, aber vielleicht sprachlich auch schon sabotiertes – Opfer und darum mit der Möglichkeit spöttischer Unversöhnlichkeit formuliert, ob jener nicht „betrübt“ sei: „über die dreizehn Millionen, die noch leben“…

Dieser Diskurs und Czolleks Essay insgesamt verdienen Beachtung. Das, was Czollek irritiert, muss jeden irritieren und sollte jeder beherzigen, der ahnt hat, was Sprache, Kultur (ohne Leit-) und Menschsein meinen könnte.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 31.07.2018
Thema: Sperrig, aber spannend: Brandstätters Filmanalysen

Mitunter erscheinen Bücher, die Beachtung verdienen, von denen man aber auch weiß, dass sie diese kaum bekommen können. Markus Brandstätters Abhandlung ist solch ein Fall, spannend, aber in der Themenwahl „speziell“, durch die Methode, eine Art technik-affiner Phänomenologie, außerhalb jeder Schule und sprachlich wohltuend jargonfrei, aber mitunter doch auch sperrig.

Der Experimentalfilmer, der sich mit dieser Studie promovierte, behandelt in seiner Arbeit David Lynchs Lost Highway, Moby Dick als Text und in der Verfilmung, dann Dsiga Wertow bzw. Dziga Vertovs Man with a Movie Camera – Brandstätters Schreibung des Namens des Regisseurs variiert – sowie Orson Welles‘ Citizen Kane,
wobei er immer wieder „Einstellungen“ analysiert; dabei seien Satzmodelle Modelle von Einstellungen.

Das klingt verwirrend und ist es zunächst auch, weil erstens der Verfasser die Idee hatte, „Zeichenbewegungen“ teilweise in eckige Klammern zu setzen, wo sie „[begrifflich] und als [Modell] zu gebrauchen sind“, was er dann intensiviert: bis zu Ungetümen wie „[A][[[[]]]][B]“ … was immer die Leere da im Zentrum macht, es scheint enorm zu sein… Zweitens irritiert zunächst, dass und wie Voraussetzungen hier zum Teil implizit bestehen, was auch für die Forschung gilt, deren Stand Brandstätter nicht übermäßig interessiert – allerdings steht dann sein Text auch einigermaßen quer zum Bekannten.

Dennoch ist das Buch dann spannend, weil hier sehr präzise gezeigt wird, wie Orte gerade Übergänge sind, die es sonst nicht gäbe: Aus Bildanalysen und Deleuze-Lektüren resultieren immer bessere Bildanalysen und Deleuze-Lektüren, Werkzeug und Problem sind zueinander instabil, bis sozusagen der Film Begriffe für das gibt, was die Theorie zeige. Die Stills der besprochenen Filme ergeben Diskurse, wo die Zeichensetzung die Begriffe poetisiert: „Die [Begriffe] [treten] in [Resonanzräume] ein“, wie Brandstätter schreibt.

Alles kulminiert in Moby Dick als einer Rekonstruktion dessen, was ein „Netz Strömungen und Wirbeln“ (so Melville) sucht und in diesem Meeresungeheuer findet – oder fände, wenn der Wal nicht wieder „[Umschlagplatz] von [Problemen]“ wäre.

Bis dahin ist es ein gar nicht leichter Weg für Ahab und den Leser; aber der Wal wird zuletzt neu sichtbar, in einem jedenfalls erstaunlichen Text.

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.07.2018
Thema: Annalee Newitz: Autonom

„AUTONOM“ VON ANNALEE NEWITZ
2. ZUM INHALT VON „AUTONOM“
Der Klappentext hat mich sofort angezogen. Dystopie oder Utopie? Wie schaut die Welt in hundert Jahren aus? Wer hat das Sagen? Wie hat sich die Gesellschaft entwickelt? Sind wir vom Fortschritt überfahren worden?

Die amerikanische Journalistin, Autorin, Bloggerin und Analystin zeigt in „Autonom“, ein Setting, das nicht nur mit neuen Techniken, KI, Robots usw glänzt sondern auch eine Welt, die von Pharmafirmen beherrscht wird, die ihre Macht mithilfe neuer Techniken und Gewalt durchsetzen.

Gesundheit können sich nur Reiche leisten. Jack kopiert Zacuity, ein Medikament, das die Menschen zu Höchstleistungen anspornt. Der Konzern gibt nun
Jack die Schuld an der fatalen Wirkweise des Produkts. Sie wird zum Freiwild und versucht, nun ihre Unschuld zu beweisen, indem sie an dem Medikament mit Gleichgesinnten weiterforscht.

Elias und Paladin sind das Team, das Jack eliminieren soll. Ein Agent und ein Kampfroboter.


Wer nun glaubt, mit Technik überhäuft zu werden, liegt vollkommen falsch. Annalee Newitz betrachtet das „Zwischenmenschliche“ bzw. das „Zwischen-Maschine-und-Mensch-liche der Seite und die daraus resultierenden Probleme.

Wie entwickelt sich Bewusstsein? Ab welchem Zeitpunkt wird aus Lernfähigkeit Transferfähigkeit und letztendlich wann beginnt es, sich selbst bewusst zu sein? Ist es dann immer noch Hardware mit der zugehörigen Software oder hat hier die Evolution einfach ihren Gang genommen?

Robots werden mit dem Wunsch programmiert, ihrem „Herrn“ zu gefallen. Kann es sich zu einem Bedürfnis nach Liebe entwickeln. Ab welchem Punkt beginnen erotische Gefühle?

Wer gerne im Kopfkino versinkt, ist hier genau richtig. Wird so die Zukunft der Menschheit aussehen?

Wird es Menschen geben, die versklavt sind und genauso wenig Rechte wie Robots haben? Wird es Robots geben, die bei Familien aufwachsen, promovieren und autonom ihr Leben führen?

Wer ist in dieser Zukunft überhaupt noch autonom?

5/5 Punkten

3. PROTAGONISTEN
Paladin, ein Kampfroboter, der sein Gender wechselt, um seinem Partner nahe zu sein.

Eliasz, Paladins Partner, ein Agent des Konzerns. Fühlt sich körperlich von Paladin angezogen. Er sieht Paladin als Partner an und schätzt die Vorzüge des Robots.

Jack, eine Produktpiratin, die gegen die Ungerechtigkeit und mangelnde Gesundheitsfürsorge des Systems revoltiert.

Die Charaktere haben Tiefe. Sie reflektieren, fühlen sich schuldig und haben widersprüchliche Gefühle. Eben so, wie wir es von Menschen kennen.

4. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Das Buch lässt sich locker lesen, technische Begriffe halten sich im Rahmen. Zwischendurch ebbt die Spannung etwas ab, was sich zum Schluss hin ändert.

Die Kapitel haben eine angenehme Länge.

5/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Autonom“ von von Annalee Newitz, aus dem Amerikanischen von Birgit Herden hat 352 Seiten, einen Flexibler Einband Einband und ist am 23.05.2018 unter der ISBN 9783596702589 bei FISCHER Tor, im Genre: Sciencefiction erschienen.

5/5 Punkten

6. FAZIT
Das ist intelligente Sciencefiction mit Action und Gefühlen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Vision durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Im Ereignishorizont?

Wir werden sehen!

Können wir problemlos mit Robots zusammenleben?

Wer „Peripherie“ von William Gibson (Rezension) mag, ist hier richtig.

@FISCHER Tor,
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

Auf Connies Schreibblogg findet ihr weiterführende Links

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Felix Haas schrieb uns am 30.07.2018
Thema: Franz Hessel: Heimliches Berlin

Berlins 1920er - Arm aber Sexy

Kabarett, Tanzsäle, eine Welt zwischen zwei Kriegen. Viele Bilder kommen uns in den Sinn, wenn wir an das Berlin der 20er Jahre denken; viele davon finden sich in Franz Hessels kleinem Großstadtroman "Heimliches Berlin" aus dem Jahre 1927 wieder.

Als Schriftsteller und Übersetzer lebte Hessel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin, Paris und München. Als Soldat überlebte er den ersten Weltkrieg, um schließlich 1941 an den Folgen seiner Lagerhaft im südfranzösischen Exil zu sterben. Hessel war vielen Großen seiner Zeit nahe, zählte Alfred Polgar, Walter Benjamin und Ernst Rowohlt zu seinen Freunden. "Heimliches Berlin" ist nicht nur Hommage
an das Berlin der 20er Jahre, sondern in weiten Teilen auch Aufarbeitung Hessels eigenen Lebens.

Hessels Roman ist wie der Pulsschlag jener Zeit: schnell, unerbittlich, immer am Abgrund. In dreizehn kurzen Kapiteln führt er uns eine Schar von Figuren vor, von denen viele ebenso schnell wieder in der Berliner Nacht verschwinden, wie sie aus ihr hervorgetreten sind. Bohemiens, Studenten, Tänzerinnen und Lebemänner reihen sich aneinander.
Im Zentrum dieses Geflechts steht die Dreiecksbeziehung von Clemens und Karola Kestner mit dem Studenten Wendelin von Domrau, der so etwas wie ein Protagonist ist, sollte man dem Roman einen solchen zusprechen wollen. Fokuspunkt der verschiedenen Charaktere ist Karola, die nicht nur von Clemens und Wendelin geliebt, sondern auch von dem wohlhabenden Geschäftsmann Eißner begehrt wird. Dieser möchte sie nach Italien entführen, macht jedoch den "Eindruck eines der frühen Bibeltyrannen". Karola lebt zwischen diesen zwei Welten. Auf der einen Seite hat sie ihr Leben als Mutter und Ehefrau, auf der anderen die Tanzsäle und Kneipen der Berliner Nächte. Ihr Mann Clemens ist ihr in vielem grundsätzlich verschieden. Was Karola in ihrer Außenwelt sucht, sucht er in seiner inneren. Er ist Professor für Philologie und scheint das Leben mehr zu beobachten und zu kommentieren, als sich ihm wie seine Frau auszuliefern. Nicht nur in dieser Beobachterrolle zeigt er gewisse Ähnlichkeiten zu Gustav von Aschenbach, Thomas Manns Held aus dem "Tod in Venedig", sondern auch in seiner Beziehung zu Wendelin, den er zwar nicht im gleichen Maße liebt wie Aschenbach den jungen Tadzio, jedoch ihm gleichwohl gesteht: "Ich brauche dich […]. Deine Jugend macht mir Lust, 'noch im Leben zu verbleiben'."

Die Handlung des Romans umspannt 24 Stunden eines Tages im Frühjahr 1924, einer Zeit, in der wir viele Parallelen im Leben des Autors zu denen seiner Charaktere finden: Über ein Jahrzehnt lebte dieser in einer Dreiecksbeziehung mit seiner Ehefrau Helen Grund und seinem Freund Henri-Pierre Roché.
Doch sollten Clemens, Karola und Wendelin nicht die einzige Romanadaptation dieses Verhältnisses bleiben. François Truffauts Nouvelle Vague Klassiker "Jules und Jim" aus dem Jahre 1962 basiert auf Rochés gleichnamigen Roman, welcher von eben derselben Beziehung inspiriert ist. Während Hessel seinen drei Charakteren nur einen Tag und eine Nacht gibt und ihre Umstände merklich von denen ihrer Vorlagen entrückt, bleibt Roché in seinem Roman der wirklichen Beziehung zu Helen und Franz treuer und schildert sie über ein ganzes Jahrzehnt hinweg. Interessant ist auch, dass Jules – Hessels Counterpart bei Roché – eine deutlich aktivere Rolle einnimmt, als Clemens dies ins Hessels Eigendarstellung tut. Dieser bleibt den "Spelunken und Tanzhöhlen", in denen ein wichtiger Teil Karolas und Wendelins Leben spielt, fern, schafft dem Leser und Hessels Charakteren durch seine Beobachtungen aber Klarheit über ihre Wünsche und Motivationen. Diese sind dabei nicht nur für Karola und Wendelin wichtig, sondern scheinen auch für Clemens selbst entscheidend. So erwidert Karola ihm etwas theatralisch gegen Ende des Romans: "…[I]ch Arme muß wieder auf Abenteuer in dunkler Nacht. Was ich auch auf mich nehme, ist nur ein Spiel zu deiner Unterhaltung."  

In einem seiner Gespräche mit Wendelin ist es abermals Clemens, der den Ursprung jenes Verlangens festhält, welches diesen kurzen Roman durchzieht: "Das Leben ist überall für dich da, gratis zu jeder Tageszeit, […] genieße alles, besitze nichts." Auf nahezu jeder Seite verspürt der Leser diese verzweifelte Gier nach dem Leben, als ob die Charaktere wüssten, in welcher Katastrophe ihr Jahrzehnt enden würde. In diesem Sog bilden Clemens reflektierende, monologartige Konversationen mit Wendelin eine der wenigen Ruhepunkte. Hier versucht der Autor auch dem Leser Einblick in den Grund dafür zu gewähren, warum er und sein Charakter einen weiteren Mann neben sich dulden müssen: "Ich habe es wohl nie begriffen, daß zum Lieben Besitzen gehört. Da müsste man sich ja das geliebte Wesen aneignen […], und was man mit sich vereint, das ändert man. Ich aber möchte alles erhalten". Wir erkennen dieses Laissez-faire jedoch schnell als deutlich weniger altruistisch wie es zunächst scheinen mag. Clemens braucht Karola sowohl ihrer selbst wegen als auch als Brücke in jene andere Welt, in der Wendelin lebt und die ihm so viel Schönheit gibt.

Trotz der Dreiecksbeziehung in seinem Zentrum bleibt "Heimliches Berlin" eine Collage aus Episoden, deren Ambition sicher hinter den großen autobiographischen Großstadtromanen seiner Zeit – Hemingways "Paris - Ein Fest fürs Leben" oder Millers "Wendekreis des Krebses" etwa – zurückbleibt. Dennoch ist der schnell gelesene Roman die Zeit seiner Leser wert, denn dort tanzen wir mit Karola und Eißners Freundin Freo, spazieren mit Clemens und Wendelin am Landwehrkanal und leben mit ihnen in ihrem "heimlichen Berlin, hier im alten Westen" in dem "nur Jugend […] schön" und das "einzige[…] Laster [die] Armut" ist.

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Connie Ruoff schrieb uns am 26.07.2018
Thema: Robert Seethaler: Das Feld

„DAS FELD“ VON ROBERT SEETHALER
2. ZUM INHALT
In diesem Bestseller entwirft uns Robert Seethaler das Porträt einer kleinen Stadt und deren verstorbenen Bewohner. Paulstadt hat einen alten Friedhof, der das Feld genannt wird. Jeden Tag kommt ein alter Mann und setzt sich immer auf die gleiche Bank. Er glaubt, die Toten sprechen zu hören.

Robert Seethaler macht die Stimme dieses alten Mannes, des auktorialen Erzählers, Einblick in das Schicksal von dreißig Menschen.

Was ist Leben? Was ist der Tod? Was ist Sterben? Was bleibt von einem Individuum übrig?

Der Erzähler, später erfahren wir, dass sein Name Harry Stevens ist, hört die Toten reden. Worüber sprechen sie?
/> Der Autor erzählt keine vollständigen Schicksale. Es handeln sich eher um einen Episodenroman, der uns Momentaufnahmen eines Lebens aufzeigt, die für diesen Menschen eine Bedeutung hatten.

Teilweise sind einige Leben miteinander verwoben. Einige hatten Erinnerungen mit dem Hotel „Schwarzer Bock“:


Louise Trattner erzählt von ihrer Arbeit in einer Absteige wie dem Schwarzen Bock.

Heribert Kraus und Heide Friedland erzählen uns, wer noch im Schwarzen Bock abgestiegen war.

Karl Jonas ging im schwarzen Bock zum Tanztee und fand eine Frau.

Immer wieder treffen wir auf Verflechtungen, zwischenmenschlichen Beziehungen.

Einige unserer „Protagonisten“ lieben einander, manche sind verwandt. Diese miteinander verknüpften Schicksale machen den Roman lebendig. Das Bild der kleinen Stadt vervollständigt sich. Wir erfahren private Dinge, die in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und heute stattfanden. So gesehen sind es auch Dokumente von Zeitzeugen.

5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Das erste Kapitel „Stimmen“ ist aus der Perspektive von Harry Stevens geschrieben, die restlichen 29 Kapitel sind in der Ichform aus dem Blickwinkel der Toten geschrieben.

Robert Seethaler hat einen außergewöhnlichen Schreibstil. Er verpackt „Aphorismen“ in diesen Lebensepisoden und macht sie zu Lebensweisheiten. Ich zitiere:

„Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Auf die Frage, was nach dem Sterben kommt, gibt Seethaler keine Antwort. Die Toten dürfen nicht darüber sprechen.

„Als Lebender über den Tod nachdenken. Als Toter vom Leben reden. Was soll das? Die einen verstehen vom anderen nichts. Es gibt Ahnungen. Und es gibt Erinnerungen. Beide können täuschen.“

Auch das letzte Kapitel handelt von Harry Stevens, der nicht nur erzählt, sondern auch den Rahmen bildet.

Hand halten oder reichen, spielt in einigen Episoden eine Rolle, nicht nur bei Hanna Heim, deren Hand verkrüppelt ist. Dieses Bild gefällt mir sehr gut und möchte ich gerne in meinen Gedanken behalten.

5/5 Punkten

4. ROBERT SEETHALER LIEST DEN BESTSELLER „DAS FELD“ SELBST
Ich liebe es, zu lesen und dabei dem ungekürzten und somit hoffentlich identischen Hörbuch zu lauschen. Hier gibt es die ungekürzte Autorenlesung aus dem

Das Hörbuch wurde am 4. Juni 2018 veröffentlicht. Es ist eine Multibox von 4 CDs mit der ISBN 978-3-86484-503-1 und bei Roof Music erschienen.

Einige kennen Robert Seethaler aus der TV-Serie „Ein starkes Team“. Er hat eine schmeichelnde Stimme, der man gerne zuhört. Nicht irritieren lassen, er verändert zwei- bis dreimal den Text, bzw. den Satzaufbau, was beim Hören nur auffällt, wenn man darauf achtet. Und ein Name war anders. Der Sinn des Textes wird nicht verändert.

Ich kann immer wieder nur empfehlen, Hörbuch und Text zu lesen. Ich lasse mich ins Geschehen fallen, kann aber auch nochmals genau nachlesen, was mir als wichtig erscheint und ich liebe mein Bücherregal, was keinesfalls zu kurz kommen sollte. Und eine Autorenlesung ist zudem für mich ein Nonplusultra. Der Autor selbst gibt mir die Möglichkeit, seiner Akzentuierung des Satzes mit seiner Stimme zu lauschen.

Das Hörbuch ist im BookBeat Katalog enthalten. Cool! Spiegel Bestseller bei BookBeat.

5/5 Punkte

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Das Feld“ von Robert Seethaler, hat 240 Seiten, einen Festen Einband und ist am 28.02.2018 unter der ISBN 9783446260382 bei Hanser Berlin im Genre: Romane erschienen.

Das Cover finde ich dem Thema entsprechend nüchtern gehalten. Es ist die krumm gewachsene Birke worunter Harry Stevens täglich sitzt.

5/5 Punkten

6. WAS SAGT ROBERT SEETHALER SELBST ZU SEINEM BUCH „DIE MASKE“?
Auf meinem Blog findet ihr noch weiterführend Links.

7. FAZIT
Das Buch steht auf Platz 1 der Spiegel Bestseller Liste! Ich kann nur sagen: Und das zu Recht.

Es war mein erstes Buch von Robert Seethaler, aber mit Sicherheit nicht das letzte. Ich bin immer skeptisch gegenüber der Spiegel Bestseller Liste, weil ich der Meinung bin, wenn man das Geld für viel Werbung aufbringen kann, landet das Buch weiter vorne, als wenn das nicht möglich ist. Ich habe in den letzten Monaten einige Indieautoren, Selfpublisher oder von kleinen Verlagen gelesen, die mehr Aufmerksamkeit verdienten, weil sie auch eine entsprechende Qualität aufweisen.

Aber bei dem Bestseller „Das Feld“ war ich schnell hin und weg, weil das Buch ein Menschenleben in vielen Facetten zeigt. Es macht betroffen, es bringt einen zum Lachen, es weckt Bedauern, es zeigt Glück und das Gefühl etwas Wichtiges verpasst zu haben. Robert Seethaler zeigt es, indem er den Leser interaktiv werden lässt. Er zeigt nur Momentaufnahmen, Polaroids eines Lebens. Der Leser fügt sie zu einem Menschen bzw. einem Menschenleben zusammen. Ich glaube, dass jeder Leser seinen eigenen Schluss daraus zieht. Das Buch gefällt mir sehr gut.

@Hanser Verlage
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 09.07.2018
Thema: Fuminori Nakamura: Die Maske

„DIE MASKE“ VON FUMINORI NAKAMURA
2. ZUM INHALT
Der japanische Schriftsteller Fuminori Nakamura erzählt uns eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Es ist die Geschichte eines alten desillusionierten und überdrüssigen Mannes, der als Vermächtnis Schrecken und Terror in der Welt zurücklassen möchte, um seine Macht zu demonstrieren.

Es ist die Geschichte eines Kindes, das mit elf Jahren seiner Kindheit beraubt wird und der letztendlich in einem Drama die Hauptrolle spielt. Der Vater inszeniert dieses Drama, indem er ein junges Mädchen adoptiert und der Natur ihren Lauf lässt..

Fumihiro liebt Kaori, die von seinem Vater missbraucht wird. Schnell erkennt Fumihiro, dass die
Hölle, die ihm sein Vater zeigen will, mit Kaori zu tun hat. Er will seine erste Liebe schützen und entwirft Pläne, seinen Vater zu töten.

Fumihiro lebt mit dem Wissen, für das Böse bestimmt zu sein. Kann er aus dieser Rolle ausbrechen? Und zu welchem Preis?


Als ein schreckliches Highlight des Romans, empfand ich die Szene im Keller, als sich Fumihiro seinem Vater entgegenstellt und er erkennt, dass auch dieser Schritt zum Plan seines Vaters gehört. Er kommt nicht aus diesem Fahrplan raus.

„Verfluche das Glück! Menschen, die einen Menschen getötet haben, können unmöglich wieder vollkommen werden. Aber ganz böse, das geht. Das ist dein Lebensweg!

Das Höllenfeuer ist eine lodernde teuflische Kraft, die alles Glück in der Welt zerstört. Sich ihr hinzugeben bedeutet ein unvergleichliches und berauschendes Vergnügen – wenigstens für einen kurzen Moment.“

Der Vater wird von seinen nihilistischen und zerstörerrischen Gedanken zerfressen und geht unter mit der Hoffnung, die Familientradition mit Fumihiro weiter getragen zu haben.

Fumihiro, der seinem Vater äußerlich immer ähnlicher wird, hat Angst, es auch innerlich zu werden. Er lässt sich operieren, hat nun das Gesicht eines Toten und nimmt dessen Identität an. Fumihiro, die Spielfigur seines Vaters, ist zerstört. Er hat sich seinem Schicksal entzogen.

Sicherlich ist es auch als Gesellschaftskritik zu lesen. Firmen, die durch Krieg und Waffen ein hohes Einkommen erzielen,

Diese Thematik, das „in der Rolle bleiben“, finden wir auch bei Haruki Murakami, sei es in 1Q84 oder Naokos Lächeln.

Ich glaube, besonders in Asien hat das eine große Bedeutung,

5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Schon im Prolog erfahren wir, zu welchem Zweck Fumihiro gezeugt wurde. Das war für mich, wie ein Granateneinschlag. Kann ein Mensch den Willen haben, das Böse in die Welt zu setzen und sein eigenes Kind damit zu instrumentalisieren? Ich musste wissen, wie die Geschichte weitergeht. Ich war gefesselt.

Dem Autor gelingt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die dem Leser den Atem raubt. Es ist nicht alleine diese Unausweichlichkeit, sondern auch die Hilflosigkeit von Fumihiro und Kaori, die ich selbst beim Lesen empfand. Trotzdem hofft der Leser, dass es noch ein einigermaßen gutes Ende nimmt. Am meisten hat mich dabei beeindruckt, wie der Autor dem Leser diese unglaubliche Macht des Vaters vorführt. Das ist „Show ist, don’t Tell it“ vom Allerfeinsten.

Der Roman spielt in einem Milieu des Kriminellen: Zuhälter, Mafia, korrupte Polizisten und Kriegstreiber. Der Krieg als Wirtschaftsmotor.

Das Buch ist aus der Sicht Fumihiros und in der Ichform geschrieben. STOP! Eigentlich erzählt Schintani, die Identität seines neuen Gesichts. Er erzählt aus der Gegenwart (aus der Figur Schintani) von der Vergangenheit Fumihiros.  Mit seinem neuen Gesicht hat er Fumihiro abgelegt (Nihilismus?) Trotz der Ichform kommt das Geschehen nüchtern beim Leser an – geradezu emotionslos distanziert. Zumindest erging es mir so. Der Roman wird dem japanische Genre Noir zugeordnet.

5/5 Punkten

4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUN
„Die Maske“ von Fuminori Nakamura, aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg, hat 352 Seiten, einen Festen Einband und ist am 28.02.2018 unter der ISBN 9783257070217 bei Diogenes im Genre: Romane erschienen.
Das Covermotiv ist ein Foto von Dan Winters. Ja! Ein schönes Motiv!

Aber warum ein Weißkopfseeadler?

Ich recherchierte über Dan Winters und über den Weißkopfseeadler. Dieser Adler hat eine lange Lebensdauer. Er hat außer dem Menschen keine natürlichen Feinde. Und er ist das Symbol der USA. Einem freiheitsliebenden Land. In Europa ist der Adler das Symboltier für Herrschaft, in Japan ist es der Drache.

Ich glaube, der Weißkopfadler steht hier für Fumihiro, der aus seinem Schicksal „aussteigt“, die Identität eines Anderen annimmt und dessen Leben kopiert. Er allein hat es in der Hand, in welche Richtung die Zukunft geht. Wobei es bestimmt unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten gibt.

5/5 Punkten

5. WAS SAGT FUMINORI NAKAMURA SELBST ZU SEINEM BUCH „DIE MASKE“?
Filme und weitere Links

6. PAPEGO
Diogenes nimmt mit diesem Buch am Papego Verfahren teil. Der Leser hat die Möglichkeit durch eine kostenlose App, das gedruckte und das digitale Buch zu lesen. Der Leser wählt zwischen Print und eBook.

Das funktioniert so: Der Leser scannt die aktuelle Seite ein und die App öffnet die nächsten 100 Seiten. Die Darstellung ist minimalistisch – aber ausreichend. Ich lese tagsüber gerne Print – aber abends im Bett lieber digital. Man braucht kein Licht und stört den Partner nicht. Dafür gebe ich 6 von 5 Punkten. Einfach genial!

Voraussetzung ist, dass die Verlage ihre Bücher für Papego freigeben. Als Kennzeichen liegt eine weiße Postkarte mit dem Schriftzug „Diogenes“ und „Lesen Sie jetzt, wie Sie wollen“ bei

Es ist trotzdem kein eBook, sondern nur ein max. 25%iger Auszug daraus..

7. FAZIT
Friedrich Nietzsche sagt in „Jenseits von Gut und Böse“:

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“.

Das Buch „Die Maske“ füllt dieses Zitat mit Leben. Ein Buch, das fasziniert und gleichzeitig Ekel hervorruft. Es ist ein Buch über menschliche Abgründe und auch als Warnung zu verstehen, sich nicht in eine Rolle pressen zu lassen, sondern sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Ich werde den ersten Roman von Fuminori Nakamura „Der Dieb“ auf meine Leseliste setzen. Nakamura ist ein Autor, der bestimmt noch einiges zu sagen hat. Sicherlich erinnert er an Haruki Murakami, weil beide Kritik an der japanischen Gesellschaft üben. Beide weisen darauf hin, dass Japan eine sehr hohe Selbstmordrate hat. Menschen verzweifeln an den Ansprüchen der Gesellschaft.

Wie schon gesagt, werde ich von Fuminori Nakamura weitere Werke lesen. Ich kann ihn nur empfehlen! „Die Maske“ ist ein einzigartiges Buch..

@diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

Connies Schreibblogg

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Connie Ruoff schrieb uns am 15.06.2018
Thema: Josefine Rieks: Serverland

„SERVERLAND“ VON JOSEFINE RIEKS
2. ZUM INHALT
Der Klappentext hat mich sofort angesprochen. Die Idee einer Zukunft ohne Internet fand ich interessant. Sowohl politisch, als auch gesellschaftlich und philosophisch.

Josefine Rieks hat diese Idee in „Serverland“ verwendet. Zusammen mit anderen Jugendlichen versucht Reiner, das Internet wiederherzustellen. Das Lesen von alten Facebook Accounts und ihren Posts wird zu deren Lieblingsbeschäftigung.

Der Roman spielt in den Niederlanden und in Deutschland gegen Ende des Jahrhunderts.

Wir erfahren viel über Laptops und PC’s und warum Apple Geräte besser und manchmal schlechter als andere Computer sind. Reiner ist ein technischer Nerd.
/> Für die Grundidee gebe ich 5 Punkte.

Die erste Frage, die ich mir beim Lesen stellte: Wie hat die Autorin das Setting entworfen? In 60 Jahren hat sich ja doch viel verändert!
Ich empfand keine Veränderung zur heutigen Zeit! Es werden Markennamen genannt, die wir heute auch kennen!
Wenn ich mir heute Tatsachenfilme aus den 50er Jahren anschaue, finde ich, dass sich sehr viel verändert hat.
Marken ändern sich, Techniken entwickeln sich weiter. Wenn es kein Internet gibt, wie verwenden die Menschen stattdessen die Zeit. Womit trösten sie sich?


Die zweite Frage war: Warum gibt es kein Internet mehr? Und wenn es weltweit kein Internet mehr gibt und die Regierung es abgeschafft hat, welche Regierung?

Und letztendlich, warum ließen Millionen Menschen zu, dass eine so riesige Einnahmequelle versiegt? Wurde es verboten?

Die Gruppe um Reiner ist weder visionär noch revolutionär, geschweige denn politisch oder philosophisch.

Was ist letztendlich die Aussage? Ich weiß es nicht!

2/5 Punkten

3. PROTAGONISTEN
Reiner ist ein Computer Nerd, der keine Ambitionen hat, Karriere zu machen. Er sucht ein Gemeinschaftsgefühl, dass er glaubt, in seiner Gruppe zu finden.

Außer Computer und Computerspiele interessiert ihn nichts. Wirkliche Freunde kann ich nicht erkennen. Gefühlsmäßig ist Ebbe.

Ich kann das nicht genau sagen, woran es liegt. Reiner weckt keine Sympathie bei mir..

3/5 Punkten

4. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Deutsche Umgangssprache und Englisch. Ich nehme an, das soll untersttreichen, dass Englisch die internationale Sprache im Internet ist. Ich fand es eher komisch.

2/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUN
„Serverland“ von Josefine Rieks hat 176 Seiten und ist am 19.02.2018 unter der ISBN 978-3-446-25898-3 als E-Buchtext bei Hanser Verlag im Genre: Romane erschienen.

Das Cover hat Schriftzüge aus Neongelb oder Neongrün auf schwarzem Hintergrund. Vielleicht einen alten Computer auf der Dos-Ebene imitierend.

3/5 Punkten

6. FAZIT
Ich bin enttäuscht. Ich finde die dahinterliegende Idee genial! Aber die Idee ist leider in kein passendes Setting eingebettet. Ich glaube an den Lateiner Spruch „Tempera mutantur – nos mutamur in illis.“ Die Zeiten ändern sich und wir uns mit oder in ihnen bzw. durch sie. 60 Jahre in der Zukunft muss sich etwas verändert haben!

Und wie ist diese Ausgangssituation entstanden?

Ich muss Geschichten durchdenken, überdenken, reflektieren und mir vorstellen können. Das gelingt mir hier nicht.

Aber: Wenn sich jemand einfach nur auf das Gedankenspiel einlässt, der findet es vielleicht ganz nett:

Internet wurde abgeschafft
– Gruppe von Jugendlichen wollen das Internet und die sozialen Medien wieder „anschalten“,
– und das alles nur mit dem Zweck die abgelichteten Menschen zu beobachten – zu stalken?

MACH DIR DEIN EIGENES BILD – LESE DAS BUCH – SCHREIB MIR DEINE MEINUNG!
@Hanser Verlag: Vielen Dank für das Rezensionsexemplar

Ich vergebe insgesamt 2,5/5 Punkten.

Connies Schreibblogg

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 01.06.2018
Thema: Marianne Brentzel (Hg.): 1968 – Bilanz eines Aufbruchs

"Das wahre Problem unserer Zeit, das Problem meiner Generation, ist nicht, dass es uns nicht gutginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Nein, das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können."

Die Herausgeberin Marianne Brentzel stellt dieses Zitat des jungen Historikers und Bestsellerautors aus den Niederlanden namens Rutger Bregmann leitmotivisch voran und betont: "Ich kann nicht glauben, dass die Generation unserer Kinder und Enkel genau das nicht verändern wird."
Aus der seit Jahresbeginn zu verzeichnenden, schier unüberschaubaren Flut von Publikationen zu 1968 ragt der von Marianne Brentzel herausgegebene Band angenehm heraus. In ihrem Roman 'Rote Fahnen Rote
Lippen' hatte sie bereits von ihrem Engagement in der Berliner Studentenbewegung und ihrer aktiven Zeit in einer K-Gruppe berichtet, die sie als Irrweg bezeichnete. Nun legt sie einen Sammelband mit Beiträgen von Zeitzeugen vor, die sich an die Zeit um das Jahr 1968 erinnern und berichten, welche Bedeutung dieses für sie einschneidenden Jahres für ihr weiteres Leben hatte. Bei ihrer Auswahl ging es nicht um Prominenz – als einzige Autorin, die man als prominent bezeichnen könnte, ist Gretchen Dutschke, Jahrgang 1942, mit einem Beitrag vertreten: "’68 ist Aufruf auch für heutige Veränderungen“.
Es ist die 68er Bilanz einer spannenden, aufregenden Zeit:
Ein halbes Jahrhundert ist seit diesem für viele der zwischen 1940 und 1950 Geborenen sehr bedeutsamen Jahr vergangen, doch eine Art kollektiver Erinnerung scheint geblieben zu sein.
Wenn die mehr als 30 Zeitzeugen über ihre individuellen Erinnerungen und persönlichen Werdegang berichten, wird deutlich: Wenngleich alle beteiligten Autoren durchaus unterschiedliche Kindheits- und Jugendjahre verbracht haben, sind doch allen die Erfahrungen aus den Jahren der Nachkriegszeit gemeinsam.
Auch noch zwei Jahrzehnte nach dem Ende der NS - Ära wurden Verbrechen unter den Teppich gekehrt, ehemalige Nazi-Richter waren nach wie vor in Amt und Würden. Das Verschweigen all dieser ungesühnten Straftaten provozierte einen Teil der damals aufbegehrenden Jugendlichen – Lehrlinge und Studenten. Andere rebellierten gegen die Engstirnigkeit in der autoritären Erziehung im Elternhaus oder versuchten, etwa den weit verbreitetenAmtsmissbrauch der katholischen und protestantischen Kirchen offenzulegen.
Es entstand ein tiefes Misstrauen gegenüber der Glaubwürdigkeit von Parteimitgliedern und Ordnungsmächten. Die Legitimation von Politikern wurde angezweifelt, auch in bestimmten Presseorganen, vor allem bei der einflussreichen Springerpresse, wurden Falschmeldungen und Verdrehungen von Tatsachen aufgedeckt.
Viele Eltern der interviewten Zeitzeugen versuchten, die erlebten Kriegserlebnisse zu vergessen und zu verdrängen. Auch in den Schulen wurde die Nazizeit weitgehend ausgeblendet, die Themen waren tabu. Die Erziehung in den damaligen Zeiten bestand vor allem aus Anweisungen und Verboten. Kinderfragen waren nicht beldoch noch nicht!“.
Bei solch einer Art von Pädagogik entstand häufig eine emotionale Kälte. Ein Protagonist berichtete: "Ich buckelte vor der väterlichen Macht.“
Der 2. Weltkrieg forderte seinen Tribut. Einige Eltern der Autoren mussten fliehen, um in den Westgebieten eine neue Heimat zu finden, und von den Zugezogenen wurde eine hohe integrative Anpassung erwartet. Manche fühlten sich gar als Bittsteller, die nicht gelernt hatten, das zu fordern, was ihnen zustand. Die soziale Kontrolle landesweit war stark. "Nur nicht auffallen!“ – lautete die damalige Devise. Die verklemmten Elternhäuser mussten ihre Kinder entlassen, die deutlich andere, alternative Lebensentwürfe hatten als sie selbst. Also hieß es für viele mit schelmischem Lächeln: "Raus aus der Enge, rein in das Chaos!"
Es erwuchs ein Spaß an der Provokation gegen die bürgerliche Zufriedenheit und die Kultur wurde zum verbindenden Element, ob nun in Form hämmernder Beats oder wachrüttelnder Liedermachertexte von Degenhard, Wader und Wecker. Die Musik gab ebenso wie die Literatur von Außenseitern neue Impulse. Viele waren auf der Suche nach der politischen Wahrheit und machten es sich zur Aufgabe, auch andere zu Kritikfähigkeit und produktiver Unruhe aufzurufen.
Die Studentenproteste begannen bereits 1961 und breiteten sich bis zur 68er -  Bewegung europaweit aus - es wurde agitiert, protestiert und demonstriert. Die theoretische Arbeit war intensiv, aber auch die auf anderen Alltagsebenen zutage tretende 'Power', eine Wucht der Gefühle, die gemeinsame Stärke, die geteilte Empörung verbanden einen Großteil der Jugend, so unterschiedlich die konkreten Erwartungen auch sein mochten.
Rudi Dutschkes Idee eines ‚'Langen Marsches', eines Geduld erfordernden weiten Weges durch die Institutionen fand nicht bei allen Gehör. Aber auch in den diversen dogmatischen Gruppierungen, den Trotzkisten, Marxisten, Leninisten oder Maoisten fühlten sich nicht alle aufgehoben.
Durch das Attentat auf Rudi Dutschke radikalisierte sich dann allerdings die Szene. Rüchblickend lässt es sich leicht sagen, dass die RAF durch ihre Radikalität und die Straftaten im Grunde der gesamten Bewegung schadete, denn übergriffige Polizeieinsätze und der Abbau demokratischer Rechte waren die Folge.
Die 'große APO-Politik' und die Weltrevolution in all den theoretischen Ausprägungen kam eindeutig zunächst eher männlich daher. So mussten sich die Frauen auch von den eigenen Partei- und Politikgenossen der 68er Bewegung befreien. Selbst Gretchen Dutschke urteilt kritisch über die Verhaltensweisen ihres Mannes und seiner Parteifreunde, sie konstatiert "eine menschliche Härte, eine Intoleranz und Überheblichkeit in der Bewegung, die sich ...negativ auswirkte. Das zeigte sich besonders in Bezug auf die Frauen, die als gleichwertige Beteiligte von vielen Männern nicht akzeptiert waren."(ebd. S. 124)
Frauen mussten sich ihre Rechte für ein besseres Leben selber erkämpfen. Der Paragraf 218, der Kuppelparagraf, die Stigmatisierung alleinerziehender Mütter, die Einrichtungen von Frauenhäusern und Notrufzentralen waren konkrete soziale Projekte, die bis heute Bestand haben. Doch was ist aus den Polit-Maximen geworden?
Verschwundene sozialistische Länder, prekäre Arbeitsverhältnisse und eine fortschreitende Militarisierung zeichneten zunächst ein düsteres Bild - war also alles umsonst?
Die AKW-, die Friedensbewegung oder die Ostermärsche, die Zeit des Aufbruchs und des Umdenkens hat zweifellos auch nachhaltig so einiges bewirkt und die politische Auseinandersetzung hat Spuren hinterlassen.
Nahezu übereinstimmend berichten die Autoren, dass ihr politisches Bewusstsein auch noch heute - rund 50 Jahre danach - ihr Leben bestimmt. Konkrete Arbeitszusammenhänge, ob bei der Stadtteilarbeit, beim Mieterkampf, als Flüchtlingshelfer, im Hospiz oder beim Überarbeiten pädagogischer Konzepte - für nahezu alle angesprochenen Autoren gehört die gesellschaftliche Arbeit integral zu ihrem  Selbstverständnis dazu. Die Aufbruchstimmung hat Spuren hinterlassen, und für viele scheint - wenn man den Autoren Glauben schenken darf - die sog. Sinnsuche nun wohl tatsächlich geglückt zu sein.

Christoph Ludszuweit

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Connie Ruoff schrieb uns am 30.05.2018
Thema: Juli Zeh: Leere Herzen

„LEERE HERZEN“ VON JULI ZEH
2. ZUM INHALT
Stell dir vor, du lebst immer noch in Deutschland, aber es sind schon ein paar Jahre vergangen: Du hast die Wahl, dein Kind im Sinne der Silicon Valley Pädagogik zu erziehen oder du meldest es in einem musischen Kinderkolleg mit Klavierzwang an. Wir alle erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Dies sind Konzepte der neuen Welt, in der du lebst. Angela Merkel ist zurückgetreten. Was geschieht mit Menschen, die in diesem Lebensmodell keinen Platz haben möchten? Juli Zeh erschafft in ihrem Buch „Leere Herzen“ ein beklemmendes Szenario. Die Demokratie hat sich selbst abgeschafft. Die Menschen kennen die Welt, die sie umgibt, sie stellen sie nicht in Frage, sondern stellen nur die
Frage: Cui Bono? Wem nützt es? Sie richten es sich behaglich in ihrem Habitat nein und machen es, zu ihrer Wohlfühlzone. Es gibt keinen öffentlichen Diskurs mehr. Wir passen uns an.


Juli Zeh warnt uns! Die politisch passive Haltung des Einzelnen birgt Gefahren.

“Deutschland war das glücklichste Land der Welt, ohne das auch nur im Ansatz selbst zu merken.”

Leere Herzen

„Die Bewegung besorgter Bürger“, die man keineswegs demokratisch nennen kann, regiert Deutschland. Rutschen wir immer weiter nach rechts?

Juli Zeh stellt uns in diesem Buch ein Geschäftsmodell vor, das so zynisch, unethisch und dennoch letztendlich genial ist. Es ist ein Geschäft mit dem Tod und dem Terrorismus. Anscheinend macht es den Terrorismus berechenbarer. Es gibt weniger Kollateralschaden. Im Buch spielen Kinder mit Mega-Super-Figuren gewaltsame Szenarien durch und schreien erfreut auf, sobald K o l l a t e r a l s c h a d e n entsteht. Diese Figuren sind ein Verkaufsschlager.

Wir alle wollen eine Welt, die berechenbar ist! Aber doch nicht durch solche oder ähnliche Geschäftsmodelle. Wenn man sich die Logik dahinter durchdenkt, fragt man sich: Gibt es solche Modelle schon in unserer Welt und wir wissen es nicht?

5/5 Punkten

3. PROTAGONISTEN
Britta ist eine Geschäftsfrau, die ihr angenehmes luxuriöses Leben liebt. Dennoch gefällt ihr auch der Kitzel des Gefährlichen und Unmoralischen. Sie geht für ihr Geschäft weit über ihre Grenzen.

Für Britta ist es auch wichtig, dass sie der Motor des Geschehens ist. Sie finanziert Familie und wenn es nötig ist, auch mal Freunde.

Ein Kontrahent bedroht nicht nur Babaks und Brittas Unternehmen, sondern auch deren Leben. Britta zerbricht fast an dieser Ausnahmesituation.

5/5 Punkten

4. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Juli Zeh nimmt den Leser gleich mit ins Geschehen. Ein wenig Sarkasmus, gewürzt mit zynischen Worten schaffen schnell die richtige Atmosphäre für diese beängstigende Vision. Die Kapitellänge ist lesefreundlich.

5/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Leere Herzen“ von Juli Zeh hat 320 Seiten, einen festen Einband und ist am 13.11.2017 unter der ISBN 9783630875231 bei Luchterhand im Genre Romane erschienen.

5/5 Punkten

6. LINKS ZUM BUCH
Juli Zeh spricht mit Denis Scheck über ihren Roman “Leere Herzen”ARD / “Druckfrisch” (30.10.17)

Beitrag zum Buch und Gespräch mit Juli Zeh in der SendungZDF / “aspekte” (10.11.17)

Beitrag zum Buch und Interview mit der AutorinNDR / “Kulturjournal” (13.11.17)

Buchpräsentation von “Leere Herzen” in Berlin im Großen Sendesaal des rbbmeinbrandenburg.tv (14.11.17)

Lesungen Termine

7.FAZIT
Das Buch hat mich hervorragend unterhalten. Es bleibt bis zur letzten Seite spannend. Juli Zeh hat die Schwachstellen unseres Menschseins hervorgelockt. Wir gewöhnen uns an alles. Und wir nutzen alles für unsere Zwecke. Ist der Mensch unserer Zeit tatsächlich jenseits von Gut und Böse?

Liegt es daran, dass der Mensch über seine Welt die Kontrolle haben will? Wo sind unsere Werte? Was ist mit unserer Ethik?

Ein lukratives Geschäft mit dem Tod? Klingt das wirklich so abwegig? Das macht die Waffenindustrie seit Jahrzehnten. Warum sollte es dieses fiktive Modell nicht schon in der Realität geben? Ein verstörender Gedanke!

L E S E E M P F E H L U N G gegen Politikverdrossenheit

@Luchterhand
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

Connie’s Schreibblogg https://schreibblogg.de

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Felix Haas schrieb uns am 30.05.2018
Thema: John Burnside: Haus der Stummen

Die Suche eines psychopathischen Faust

"Niemand kann behaupten, es hätte mir freigestanden, die Zwillinge zu töten, so wenig wie es mir freistand, sie auf die Welt zu bringen." Mit diesem Paukenschlag beginnt der schottische Autor John Burnside 1997 seinen Debütroman "Haus der Stummen", welcher seit 2014 in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben vorliegt.  

Das "Haus der Stummen" fasst die Erinnerungen eines Psychopathen, der außer seine Mutter nie einen anderen Menschen als eigenständig fühlendes Subjekt begriffen hat. Burnsides Erzähler, dessen Namen "Luke" wir erst auf den letzten Seiten des Romans erfahren, ist besonders von den Ursprüngen der Sprache
eingenommen. Sowohl Subjekt als auch Methodik seiner Faszination sind dabei auf merkwürdige Weise von seiner Mutter inspiriert. Obwohl er von seiner Liebe zu ihr spricht, begreift er sie auch als einen "jener Parasiten, die ihren Wirtskörper infizieren und darin leben". Sie war es, die begann ihn auf Wanderungen mit zu nehmen, um Tierkadaver zu suchen. Und sie war es auch, die ihm die Geschichte des Hauses der Stummen erzählte, nach der ein Mogulenkönig Kleinkinder isoliert von einer Schar Stummer aufziehen lässt, um zu klären, ob Sprache angeboren oder erlernt ist. Nach ihrem Tod fasst Luke den Beschluss das Experiment des Moguls nachzuempfinden, diesmal aber alles sauber zu dokumentieren.

Akribisch beginnt er verschiedene Kasper Hauser ähnliche Sprachexperimente zu studieren und schaltet gleichzeitig eine Annonce in der lokalen Zeitung. Während seiner Zeit in der Präsenzbibliothek des Nachbarortes lernt er Lilian kennen, die schließlich Mutter seiner Zwillinge wird. Auf die Annonce nach persönlichen Erfahrungen mit Sprachverlust meldet sich Karen, Mutter eines verstörten stummen Jungen. Beide Frauen sind sonderbar einsame und willenslose Gestalten, tief gezeichnet von ihren Schicksalen. Mit Karen beginnt Luke eine quasi-nekrophile Beziehung, in der sie ihn oft - sich leblos stellend - erwartet, wenn er ihr Haus betritt. Lilian befreit er aus den Fängen ihres Peinigers, um sie in seinem Haus systematisch von ihrer Umwelt abzuschotten. In dieser Isolation stirbt sie schließlich als Folge von Komplikationen der Geburt der Zwillinge. Alleingelassen mit den Neugeborenen, beginnt Luke sein Experiment. Doch bald beginnen die Zwillinge miteinander wie Vögel zu fiepen, und Luke entscheidet sich, ausgeschlossen von ihrer Kommunikation, ihre Kehlköpfe zu entfernen. Ein Schritt, der letztendlich in Lukes Eingeständnis seines Scheiterns mündet und in der Notwendigkeit "dieses Experiment zu seinem Abschluss zu bringen und ein neues vorzubereiten."

In Burnsides Roman Noir, der in seinem englischen Original den Untertitel "A Chamber Novel" trägt (was der deutschen Übersetzung leider verloren gegangen ist), bleiben Schilderungen weitestgehend sauber, sachlich, distanziert. Es ist diese Distanz der Sprache, sowie die darunter liegende Dissonanz zwischen der emotionalen Welt des Erzählers und seinen Taten, die bei dem Leser einen gewissen Widerwillen auslösen und einige Rezensenten dazu gebracht hat, sich mit Abscheu über Burnsides Erstlingswerk zu äußern. Und so ganz Unrecht haben sie damit nicht: Abscheulich ja, doch abscheulich schön.

Während die meisten Geschehnisse in kurzen und klaren Sätzen gefasst sind, wird Luke's Sprache ausschweifender, wenn er durch Fleisch und Knorpel schneidet oder sich ein letztes Mal zu seiner toten Mutter legt: "Ich wollte sie nackt wissen während unserer letzten gemeinsamen Nacht. […] wollte […] mich in der Stille unseres verschlossenen Hauses zu ihr legen und unter dem weißen Laken schlafen, wollte sie wärmen mit der Bluthitze meines lebendigen Körpers, beide vor dem Tode gleich."

Aber die Schönheit von Burnsides Erstlingswerk liegt nicht nur in seiner Sprache. Er schafft es, einen Raum zu konstruieren, in dem seine Charaktere losgelöst von der Zeit existieren. Die geschilderten Ereignisse scheinen zwar in der Gegenwart des Autors zu leben, doch müsste man kaum mehr tun als Autos durch Kutschen zu ersetzen, um die Handlung ein Jahrhundert in die Vergangenheit zu rücken. Einerseits reflektiert diese Entkopplung von jeglichen Geschehnissen außerhalb seiner Welt die emotionale Losgelöstheit des Protagonisten von seinen Mitmenschen. Andererseits unterstreicht sie die Nähe des Romans zur Gothic Novel des 19. Jahrhunderts, ohne jedoch jene metaphysische Ebene zu evozieren, in welcher ein Doktor Victor Frankenstein etwa sein Monster zum Leben zu erwecken vermag.

Wie erklären wir aber, unabhängig von der Erzählung des Mogulenkönigs, Lukes Faustsche Obsession mit dem Ursprung von Sprache? Es ist wieder seine Mutter, omnipräsent in Lukes Leben auch nach ihrem Tod, die uns hierüber Aufschluss gibt: "Ein Geschöpf ohne Sprache ist ein Geschöpf ohne Seele. Wollte ich die Seele kennen, musste ich die Sprache kennen." Nachdem er bereits Mäuse, Ratten und Kaninchen mehrfachen Vivisektionen unterworfen hatte und sah, wie "Alles […] bis ins Kleinste geordnet" war, wird ihm bewusst, dass er nicht "wusste […], wo die Seele hauste".

Unfähig zu jeglicher Empathie basiert Lukes Verständnis Anderer lediglich auf seinen minutiösen Beobachtungen ihrer Handlungen. Doch weder durch seine Vivisektionen, noch durch die Akkuranz seiner Observationen vermag er das zu verstehen, was den Kern unseres Menschseins ausmacht. Über ein Verständnis von Sprache, einem unserer fundamentalsten Definientia, hofft er das zu begreifen, was ihm seine Natur nicht erlaubt zu verstehen: unsere Emotionen, unsere Seele.

Bei allem Grauen bleibt das "Haus der Stummen" ein wunderbarer, ein fesselnder Roman, dem man trotz Vorwegnahme seines Endes mit Spannung folgt. Sicherlich war sein Autor vor ihm bereits als Lyriker wohl etabliert, dennoch bleibt es besonders als prosaisches Erstlingswerk durchaus bemerkenswert.

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Connie Ruoff schrieb uns am 16.05.2018
Thema: Martin Geck: Beethoven

2. ZUM INHALT
Martin Geck stellt uns nicht nur den Komponisten Beethoven vor, sondern lässt uns auch einen kleinen Blick auf den Menschen Beethoven werfen, indem er ihn mit seinen Zeitgenossen und deren Beziehung oder was sie mit Beethoven gemeinsam haben zeigt. Auch die  Liebe kommt nicht zu kurz: Zeit seines Lebens war Beethoven auf der Suche nach „der unsterblichen Geliebten“. Gefunden hat er sie nicht. Dafür verrät uns Martin Geck

„die Geschichte des berühmten „Neffenkonflikts““.

Und schon sind wir dabei:

– Was haben Goethe, Hegel und Hölderlin mit Beethoven gemeinsam?
– Oder wer weiß, wer das Orchester geleitet (dirigiert) hat bevor es
Beethoven gab?
– Wen hat Hegel gesehen, als er den „Weltgeist“ zu Pferde sah?
– Hat Beethoven bei Bach geklaut?

Das sind nur einige nette Episoden, aus Beethovens Zeit! Aber der Autor lässt uns nicht nur über die Zeitgenossen des großen Komponisten staunen und lächeln, sondern zeigt auch, welch bedeutenden Einfluss und welche Wirkung er und seine Musik auf die nachfolgenden Generationen bis heute, nicht nur im Bereich der Musik, sondern auch der Literatur, Tanz, Malerei, Philosophie und wahrscheinlich noch viele weitere kulturelle Bereich hatte.


Der Leser lernt Furtwängler kennen, der

„sich zeitlebens als ein Dirigent gesehen hat, der nach eigenem Verständnis nicht nur Musik, sondern als Vertreter Beethovens auch die Seelen seiner Zuhörer dirigiert.“

Martin Geck weist den Leser auf den Zusammenhang zwischen Mathematik und Musik hin. Er zeigt uns, dass Harmonie aus Verhältnissen zueinander besteht.

5/5 Punkten


3. ICH HABE HIER EINE PLAYLIST ZUSAMMENGESTELLT
mit Künstlern, die im Buch benannt werden. Furtwängler, Leonard Bernstein, Strawinsky, Clara Schumann, Lydia Goehr.

Viel Spaß!


4. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Martin Geck ist es gelungen ein Buch zusammenzustellen, das Zusammenhänge präzise darstellt und zugleich analysiert und dabei  das Thema so dicht und vollkommen fokussiert schildert, dass kein Wort zu viel ist. Aber das wirklich Beachtliche ist, dass es sich spannender als mancher Roman liest. Das hat richtig Spaß gemacht!

Die Kapitel haben eine angenehme Länge und selbst schwierigere Sachverhalte werden verständlich dargestellt.

5/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Beethoven“ von Martin Geck hat 496 Seiten, einen festen Einband und ist am 22.09.2017 unter der ISBN 9783827500861 bei Siedler im Genre Biografien erschienen.

5/5 Punkten

6. LINKS
MARTIN GECK, MUSIKWISSENSCHAFTLER

Mediathek-Bayern alpha 22.03.2016 | 45 Min. | Quelle: Bayerischer Rundfunk 2016


08.06.2018 | FRANKFURT
Vortrag und Gespräch im Rahmen des Literaturfestivals literaTurm

literaTurm

7. FAZIT
Ich freue mich sehr, ich habe durch die Lektüre, neue Buchtipps zu Beethoven bekommen.
Ein Buch in dem Beethovens dritte Sinfonie eine Rolle spielt, ist „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers.
Eine Erzählung von Aldous Huxley „Young Archimedes“.
Und ich möchte jetzt nur noch den Rat geben: Lest das Buch über Beethoven. Der war gar nicht so langweilig!

Der Autor entwirrt komplexe Beziehungen und zeigt auch vielen Beethovenkennern noch Neues.

@Siedler: Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

Connies Schreibblogg

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 01.05.2018
Thema: Des Rätsels letzter Schluss? Zu Jan-Christoph Hauschild: B. Traven – Die unbekannten Jahre

Zur Entmythisierung des Traven-Mythos, das "größte literarische Geheimnis des [letzten] Jahrhunderts“ (die Londoner „Times“)

Ist mit Jan-Christoph Hauschilds Teilbiografie über B. Traven alias Ret Marut alias Otto Feige das Rätsel und die Herkunft des Autors nun wirklich gelöst?


von Christoph Ludszuweit


Die bereits 2012 erschienene, bis auf einige Rezensionen und Zeitungsartikel nur wenig beachtete quellengestützte Teilbiographie ist das Ergebnis einer durchaus verdienstvollen und auch erfolgreichen dreijährigen Forschungsarbeit. Sie beschreibt das Leben und Werk des Gewerkschafters, Schriftstellers, Schauspielers und revolutionären Journalisten Otto Feige, der sich
ab 1907 Ret Marut und ab 1924 als Schriftsteller Traven Torsvan nannte. Aus Archiven trägt Hauschild akribisch bislang kaum bekannte Details zusammen, die in mühsamer Recherchearbeit gewonnenen werden konnten - lückenlos sind die zahlreichen, oft winzigen Puzzleteile freilich nicht.
In der Literaturkritik stieß die Fleißarbeit des Travenforschers Hauschild auf ein geteiltes Echo, innerhalb der Travenforschung allerdings auf einige Skepsis und Kritik.
Für Johann Georg Lughofer etwa auf der einen Seite "verifiziert (Hauschild) mit beeindruckendem Detailreichtum und großer Indiziendichte die These des britischen TV-Journalisten Will Wyatt aus den 1970er–Jahren: Hinter dem Pseudonym Ret Marut, dem späteren B. Traven, steckt Otto Feige, ein Maschinenschlosser aus Schwiebus. Diese Überzeugung präsentierte Hauschild zwar schon 2009 in der „F.A.Z.“, doch führte dies noch zu starken Zweifeln, die mit dieser Teilbiografie nun ausgeräumt sein dürften.“
Durchgesetzt hatte sich in den letzten Jahrzehnten die schon von Oskar Maria Graf und Erich Mühsam in den 1930er Jahren geäußerte und gemutmaßte Anschauung, dass es sich bei B. Traven um den individual-anarchistischen Publizisten und aktivem Mitarbeiter an der Münchner Räterepublik namens Ret Marut handelte. Bereits 1966 belegte der DDR-Literaturwissenschaftler Rolf Recknagel diese These erstmals ausführlich. Nach Travens Tod, bestätigte dies auch die Witwe des Schriftstellers.
Jan-Christoph Hauschild, seit 1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heinrich-Heine- Institut in Düsseldorf, blickt in seinem 700 Seiten starken Wälzer hinter die Maske eines ‚Virtuosen des Verschwindens’, eines Maskenträgers und ‚Liebhaber(s) des Halbschattens’, auf der Suche nach der Herkunft des deutschstämmigen Autors B.Traven/ Ret /Marut, den er nun als Otto Feige endgültig identifizieren zu können meint.

2009 gelang Hauschild ein interessanter Fund – dieser Exkurs sei gestattet. Er entdeckte im Bundesarchiv in Berlin bei seinen Nachforschungen zum Lebenslauf B. Travens eine als Schreibmaschinen -Manuskript aufgetauchte Detektiv-Story Travens mit dem Titel "Der Täter wird gesucht". Sie war bisher nur aus den Briefen des Autors bekannt.
Traven hatte die Erzählung 1925 aus seinem Exil im mexikanischen Tampico an seinen Hausverlag, die Büchergilde Gutenberg nach Berlin geschickt. Dort sei das Werk kaum beachtet und vom Verlag an das Feuilleton der SPD-Tageszeitung "Vorwärts" weitergereicht worden, so Hauschild.
Das Manuskript sei zusammen mit weiteren ungedruckten Schriften von Joseph Roth und Stefan Zweig, in Briefstapeln "verschwunden".
Die Dokumente mit verschiedensten SPD-Parteiunterlagen hatten trotz der Zerstörungen während des Kriegesdurch die Zeit überdauert und gelangten schließlich ins Berliner Bundesarchiv. Hauschild war bei seinen Recherchen aufgefallen, dass in Travens Schriften auffallend häufig öfter das Ruhrgebiet erwähnt wird. Als Reaktion auf gut zwei Dutzend Briefe an Stadtarchive im "Revier" sei er dann überraschend im Archiv der Stadt Gelsenkirchen fündig geworden.
Ab Sommer 1906 war Otto Feige höchstoffiziell dort gemeldet. Der gelernte Maschinenschlosseer war dort als kulturell besonders ambitionierter Leiter der Geschäftsstelle des Metallarbeiterverbandes tätig, bis Feige im Herbst 1907 "verschwand" und dann als Autor und Provinz-Schauspieler Ret Marut wieder auf der Bildfläche bzw. auf der Bühne erschien.
Laut Hauschild hilft uns seine in Gelsenkirchen nun also zweifelsfrei nachweisbare intensive Beschäftigung mit zeitgenössischem Theater, Musik und Literatur "zu verstehen, wie aus dem brandenburgischen Arbeitersohn der weltgewandte Schriftsteller B. Traven hat werden können".
Skepsis ist allerdings geboten, wenn er kühn behauptet, er habe nun weitgehend lückenlos die Herkunft Travens geklärt und ihm sei der Nachweis gelungen, dass Travens Wunsch nach Anonymität keineswegs „eine Geste der Bescheidenheit“ war: „Die Verdunkelung seiner proletarisch-künstlerischen Vergangenheit sollte sein Etablierung als Abenteuerschriftsteller mit reichem Erfahrungshorizont erleichtern.“

Hauschild rekonstruiert – bienenfleißig wie einst der ‚Nestor der Travenforschung’, der LeipzigerTravenforscher Rolf Recknagel, welcher schon vor einem guten halben Jahrhundert erstmals die Identität von Ret Marut und B. Traven fundiert untermauert hatte – mit Auswertung seiner Erkundungen bei den Behörden im Ruhrgebiet weitgehend präzise die ersten Lebenstationen eines Autors, der sich kein Gesicht geben wollte. Denn lebenslang beanspruchte B. Traven sein Recht auf Anonymität und nahm damit lt. Hauschild das vorweg, was der amerikanische Politaktivist und Mitbegründer der Youth International Party Abbie Hoffmann 1968, ein Jahr vor Travens Tod in Mexiko, zu einem Leben außerhalb des etablierten System aufrufend, als Parole ausgab:
„Destroy your name, become unlisted, go underground!“

Nun beansprucht Hauschild ziemlich vollmundig, die Lebensstationen des rätselhaften Autors bis zu seiner Flucht nach Mexiko durch umfangreiche Archivrecherchen so lückenlos dokumentiert zu haben, dass sich die Zweifel der Mehrheit der Travenforscher wohl zerstreuen würden – wirklich? Weit gefehlt. Er konstatiert mit leicht bitterem Unterton, dass die Literaturwissenschaft sich „mit anhaltendem Eifer“ um Traven bemühe – wer sich mit Travens Rezeptionsgeschichte beschäftigt, kommt aber zu anderen Schlüssen. Lange Zeit wurde das Werk Travens sogar streng in die mit dem Makel des Trivialen behaftete Schublade ‚Abenteuerliteratur’ geschoben. Von der einst von uns ‚bürgerliche Literaturwissenschaft’ genannten Fachwelt wurde es jahrzehntelang schlicht ignoriert- Erst im Zuge der 68er Bewegung kam es zu einer Art Wiederentdeckung und –aneignung im deutschsprachigen Raum. Heute hat sein Werk unbestrittenen einen gesicherten Platz in der deutschen, amerikanischen und mexikanischen Literaturgeschichte. Seine überaus erfolgreichen Bücher, ein gutes Dutzend Romane, von 1926 bis 1960 erschienen, fanden weit über dreißig Millionen Leser weltweit und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Er zählte zu den Lieblingsautoren von Albert Einstein, Willy Brandt und Kurt Tucholsky. Seine Erzählungen und Romane sind inzwischen auch Gegnstand von internationalen und interdisziplinären Konferenzen.
Hauschild beobachtet dennoch ein „"Misstrauen an seinem Werk". Grund dafür sei unsere literarische Überlieferung: In den deutschsprachigen Ländern gelte "das Exotische seit jeher als Grund des Trivialen“.

Mit seiner Behauptung, dass die deutsche Literatur "keine koloniale Tradition" kenne, liegt er jedenfalls deutlich daneben. Hätte er etwa die diesbezüglichen Untersuchungen eines H.C. Buch zur Kenntnis genommen, der seit Jahrzehnten zur ‚Poetik des kolonialen Blicks’ in der deutschen Literatur forsch und veröffentlicht, wäre ihm diese Fehleinschätzung kaum unterlaufen. Allein der Blick auf die reichhaltige deutsche Kolonialliteratur zum ehemaligen Deutsch-Südwestafrika hätte ihn eines Besseren belehren müssen.
Ein weiteres Felhlurteil Hauschilds ist in seiner stark überzogenen Kritik an der internationalen Travenforschung enthalten, vor allem an K.S. Guthke, der bislang die umfangreichste Travenbiographie vorgelegt hatte, die - leicht überarbeitet - später auch noch als Taschenbuch erschienen ist. So wenn er meint, „dass sich die meisten Travenologen zu Erfüllungsgehilfen von Travens Verdunkelungsstrategie machten und er ihnen "eine Mischung aus Ahnungslosigkeit, Ignoranz und Verstocktheit" vorwirft. Leicht süffisant vergleicht er die bisherige biografische Travenforschung mit dem Berliner Ensemble unmittelbar nach dem Tode Brechts: „
"Der Intendant-Regisseur ist gestorben, aber die Inszenierungen finden in seinem Geist und mit Hilfe seiner Anweisungen statt, sie sind museal.“
Fast jeder Protagonist der Travenforscher bekommt sein Fett ab – und diese Passagen haben machmal etwas Kleinmütig-Verzagtes.
Die Ergebnisse seiner Auswertung von deutschen Archiven bringen ihn jedenfalls dazu, eine Hypothese zu untermauern, die bereits 1977 der BBC-Journalist Will Wyatt in seiner TV-Dokumentation mit dem Titel ‚'A Search for B. Traven' äußerte: Nachdem Travens Witwe eine Freigabeerklärung erteilt hatte, stellte Wyatt Anträge auf Akteneinsicht beim State Department, bei FBI und CIA, weiterhin beim britischen Home Office in London. Er konnte in jenen Akten, die 1923/1924 zum Fall Marut angelegt worden waren, sein Geständnis lesen, er heiße in Wahrheit Feige und sei in Schwiebus geboren, wo laut ihm laut einer Auskunft des dortigen Standesamtes bestätigt wurde, dass dort im Jahre 1882 ein Hermann Albert Otto Max Feige geboren worden sei. Später stellte sich heraus, dass das Kind zunächst den Namen seiner ledigen Mutter ‚Wienecke’ erhalten hatte; erst drei Monate später erfolgte mit der Eheschließung seiner Mutter mit dem Töpfer Adolf Feige die Anerkennung der Vaterschaft durch seinen Erzeuger.

Hauschild bezeichnet die Argumente der Gegner von Wyatts These innerhalb der Travenforschung als „"fadenscheinig" und insgesamt haltlos. Nun meint er, definitiv des Rätsels Lösung vorlegen und belegen zu können.
Danach wurde Traven am 23. Februar 1882 als Otto Feige in Schwiebus geboren, wo er bei den Großeltern aufwuchs. 1896 absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser in Schwiebus (heutiges Polen), wo er bis Oktober 1902 als Maschinenschlosser arbeitete. Von Oktober 1902 bis Herbst 1904 absovierte er seine Dienstzeit im Königlich Preußischen Westfälischen Jäger-Bataillon Nr. 7 in Bückeburg, arbeitete danach als Betriebsschlosser im niedersächsischen Wallensen und war für den Deutschen Metallarbeiterverband tätig.
Am 6. August 1906 meldete er sich polizeilich in Gelsenkirchen an und begann seine publizistische Arbeit bei der ‚Metallarbeiter-Zeitung’. Im Oktober 1907 meldete er sich in Gelsenkirchen ab und begann unter dem Namen Ret Marut mit seiner Schauspielertätigkeit, die ihn durch zahlreiche Provinzen Deutschlands führte.
Am 20. März 1912 wurde seine Tochter Irene Zielke in Danzig geboren. Im August 1912 meldete er sich in Düsseldorf an, wo er am Schauspielhaus Düsseldorf einen Drei-Jahres-Vertrag erhielt.
Im November 1915 meldete er sich in München an, wo er sich am10. Juli 1917 als Inhaber eines Zeitschriften- und Buchverlages in die Gewerbeliste eintragen ließ. Am 1. September erschien Heft 1 des ‚Ziegelbrenner’. Alle weiteren Lebensdaten zu Ret Marut sind inzwischen schon seit langem relativ gut erforscht. Hauschilds Daten dazu erhalten im Wesentlichen nicht viel Neues.
Beweiskräftig sind für Hauschild vor allem die nun aus verschiedenen Lebensphasen des Autors vorliegenden, im Mittelteil abgebildeten Fotografien und Handschriften des Autors. In den Gesichtern von Otto Feige, Ret Marut und B. Traven erkennt er eine gleichbleibende Geometrie, um – sozusagen als Höhepunkt seiner kriminalistischen Recherchen - zu betonen: „Auch die Plastik der Ohrmuschel, die beim Menschen nicht weniger ausgeprägt ist als sein Fingerabdruck, erlaubt eine eindeutige Identifizierung.“

Referate auf den letzten internationalen Traven-Kongressen beschäftigten sich (m.E. auch aus gutem Grund) in Stockholm 1999, in Eutin 2003 und in Marbach 2010 zumeist lieber mit der Werkanalyse als mit der Klärung noch offener biographischer Fragen.

Wenn Hauschild beansprucht, mit seiner Arbeit, den letzten Beweis für die These Will Wyatts angetreten zu haben, dass Ret Marut in Wirklichkeit ursprünglich Otto Feige aus Schwiebus war, 1882 als Sohn eines Töpfers und einer Fabrikarbeiterin geboren, dann kann dies trotz einiger wertvoller Fundstellen als ziemlich vermessen bezeichnet werden.
Er versucht dann noch, Maruts schon lange weitgehend bekannten Aufenthalte bis zur Verhaftung in London zu eruieren, aber auch hier bleiben noch viele Fragen offen - aus dem Untergrund heraus gab Marut ja noch Flugblätter und Zeitschriften heraus. Mit der Ankunft „"Traven Torsvans" in Mexiko 1924 endet allerdings Hauschilds Arbeit.
Hauschilds Hauptargumente stützen sich auf die bloße zeitliche Übereinstimmung des Abtauchen Feiges und des Auftauchens Maruts, auf Travens Londoner Geständnis und auf die Vertrautheit des rätselhaften Autors mit deutschen Landstrichen, in denen Feige lebte. Er sieht Parallelen zwischen den publizistischen Gehversuchen und Äußerungen Feiges und Maruts finden sich inhaltliche und stilistische Parallelen. Höchste Beweiskraft hat für ihn aber ein Schriftvergleich und die Übereinstimmung in der Gesichtsgeometrie für den Forscher, vor allem die nun aus verschiedenen Lebensphasen des Autors vorliegenden, im Mittelteil abgebildeten Fotografien und Handschriften des Autors. In den Gesichtern von Otto Feige, Ret Marut und B. Traven erkennt er eine gleichbleibende Geometrie, um – sozusagen als Höhepunkt seiner kriminalistischen Recherchen - zu betonen: „Auch die Plastik der Ohrmuschel, die beim Menschen nicht weniger ausgeprägt ist als sein Fingerabdruck, erlaubt eine eindeutige Identifizierung.“

Insgesamt lässt sich als Verdienst Hauschilds festhalten, dass er sich zweifellos mit neuen Erkenntnisse über die frühen Jahre Ret Maruts für die internationale Travenforschung verdient gemacht hat, besonders auch durch intensive Nutzung von bislang kaum erforschten Dokumentenkopien der B. Traven Collections an der University of California, Riverside. Die dort aufbewahrten Sammlungen (Archive of Ret Maruth & Der Ziegelbrenner, B. Traven Collection odf Gerd Heidemann, Edgar Pässler Archive) scheinen eine Fundgrube zu sein, wenn man versuchen will, zahlreiche Forschungslücken zu schließen, die immer noch vorherrschen.
Dennoch sollte er – bei aller kriminalistischer Forschungslust –  bedenken, was Torsten Seifert in seinem spannenden, 2017 mit dem Blogbuster-Preis der Literaturblogger ausgezeichneten Roman ‚Wer ist B. Traven?’ dem Autor in den Mund legte:

"Als seine Asche über dem Rio Jatate im Dschungel von Chiapas aus einem Flugzeug geschüttet wird, prallt ein Knochen, der nicht gänzlich verbrannt war, an die Scheibe der Chessna. So, als wollte Traven einen letzten Gruß senden und sagen: ‚"Macht’s gut und zerbrecht euch nur weiter den Kopf über mich. Aber was ihr auch anstellt - die letzten Geheimnisse werdet ihr niemals erfahren.’"

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 23.04.2018
Thema: Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage

Unterwegs im Denken

"Zeilen und Tage": Der Philosoph Peter Sloterdijk öffnet seine Notizhefte

Keine Frage: Peter Sloterdijk ist en vogue. Seine 2012 unter dem Titel "Zeilen und Tage" veröffentlichten Denktagebücher wurden vom Feuilleton gefeiert, kaum ein kritischer Ton fand sich in den zahlreichen Besprechungen. Wenn ein Buch die Bedürfnisse des feuilletonistischen Zeitalters bedient, um ein Wort Hermann Hesses zu bemühen, dann sind es die "datierten Notizen" des rastlosen Philosophen aus Karlsruhe, der damit auch sein bislang persönlichstes Buch veröffentlichte.

Entstanden sind sie aus tagebuchartigen Notaten, die Peter Sloterdijk handschriftlich "in linierten
DIN-A4-Heften" Morgen für Morgen festgehalten hat. Eine Publikation war nicht vorgesehen. Ende des Jahres 2011 entschloss sich der Tagebuchschreiber allerdings doch zur Veröffentlichung, indem er sich Heft 100 vornahm, das am 28. Mai beginnt, und seine Niederschriften bis zum Heft 111, das am 8. Mai 2011 endet, transkribierte.

Innerhalb dieser Hefte arbeitet sich die Sloterdijk'sche "Themen-Maschine" ab an dem, was ihm aufgefallen war und noch bevorstand: Begegnungen, Lektüreeindrücke, Zeitdiagnose von der Euro-Krise bis Fukushima, immer wieder Reiseerlebnisse, Reflexionen und Entwürfe, Gedanken über Gott und die Welt, Polemiken.

Entstanden ist ein assoziationsreiches und selbstreflexives, komplexes und heterogenes, zum Teil widersprüchliches und vor Neologismen nur so strotzendes Denktagebuch, ein Glasperlenspiel, das zuweilen zum geisteswissenschaftlichen Quiz gerät und gelegentlich vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckt. Bedenkt man, dass im Zeitraum der Notizen vier Bücher Sloterdijks erschienen, so erstaunt schon die rein quantitative Produktion des Karlsruher Philosophen und seine Kreativität nötigt Respekt ab.

Positiv zu konstatieren ist die weitgehend durchgängige Weigerung Sloterdijks, voyeuristische Wünsche des Publikums zu bedienen. Wir erfahren zwar einiges über den begeisternd Rad fahrenden Philosophen, seine Vorliebe für TV-Fußballübertragungen, die er mit Heidegger teilt, und seine unverdrossenen, zuweilen etwas pingeligen Schilderungen der ihn anscheinend faszinierenden Interieurs der Luxushotels während seiner zahllosen Reisen rund um den Globus, nach Stanford und Abu-Dhabi, nach Boston, Paris und New York; ein unentwegt fliegender Händler in Sachen Philosophie. Er notiert die Preise, Ehrungen und Einladungen, die er erhält, Größe der Auditorien und Zuschauerquoten des Philosophischen Quartetts werden akribisch festgehalten.

Die Themen, die er in seinen Vorträgen verhandelt, sind so weit voneinander entfernt wie die Standorte, an denen er redet, in immer neuen Anläufen unterwegs zu einer "Umwandlung von Metaphysik in Allgemeine Immunologie und in den diversen Anläufen zu einer Theorie der Psychopolitik", die er als roten Faden seiner Denkbewegungen konstatiert. Im gleichen Kontext attestiert er seinem ersten Biografen Hans-Jürgen Heinrichs, davon kaum etwas wahrgenommen zu haben.

An der "Kritischen Theorie" und den 68ern müht er sich nach wie vor ab, und seine Reaktion auf Kritik an seinen Zeitdiagnosen gerät nicht immer souverän.

Seine etwas abseitigen Vorschläge zur Steuerpolitik, von ihm selbst überschwänglich als "thymotische Steuerreform" deklariert, der Ersetzung der Steuern durch freiwillige "Gaben" der Wohlhabenden, haben Axel Honneth alarmiert, exponierter Schüler von Jürgen Habermas und zugleich einer der wichtigsten Vertreter der "Frankfurter Schule".

In einem Beitrag "Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe" wirft Honneth seinem Kollegen die Verletzung der Normen intellektueller Redlichkeit vor, dessen Thesen zum Sozialstaat bezeichnet er als "verschroben" und "baren Unsinn, der sich einer Mischung aus historischer Ignoranz und theoretischer Chuzpe verdankt". In diesem philosophischen Klassenkampf, abwechselnd in der "Zeit" und FAZ ausgefochten, steckte Sloterdijk nicht zurück und warf Honneth seinerseits einen "Lektürerückstand von sechstausend bis achttausend Seiten" bezüglich seiner Arbeit vor, wie er in den Notizen referiert.

Dies alles macht "Zeilen und Tage" für den zum Vergnügen, der derartige Dehnübungen goutiert, der Philosophie als geistiger Disziplin und Übung wird allerdings ein Bärendienst erwiesen, zu kleingeistig und ressentimentverdächtig sind hier die Attacken.

Dies schmälert insgesamt den intellektuellen Gewinn nicht, der aus der Lektüre dieses Denktagebuchs gezogen werden kann, nicht wenige der Aphorismen, Essays und Rezensionen sind sprachliche Preziosen und treffende philosophische Analysen zugleich.

Unübertrefflich das Fichte-Zitat und Sloterdijks Kurzkommentar zur Neurophilosophie vom 22. November 2010: ",Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.? Sag statt Lava Gehirn, und Du bist auf der Höhe der Diskussion."

Unter dem 26. Juni 2010, Sloterdijk hat Geburtstag, findet sich das Notat: "Lagebestimmung, datumsgemäß. Der Philosoph ist unter der Decke eingerollt, der Autor unauffindbar, der Hochschullehrer reif für die Klinik." Der letzte Eintrag vom 8. Mai 2011 lautet: "Ein Freund sagt: Halte auf Dich, bleib gesund, die Welt braucht uns noch eine Weile." Die Geister werden sich auch in Zukunft an Peter Sloterdijk scheiden, doch auch das kann ein Zeichen philosophischen Ranges sein.

Dieter Kaltwasser

Für den November 2018 ist von seinem Verlag ein Fortsetzungsband mit Notizen Sloterdijks angekündigt: Peter Sloterdijk "Neue Zeilen und Tage - Notizen 2011-2013"



Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Suhrkamp, 639 S., 24,95 Euro.

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Connie Ruoff schrieb uns am 18.04.2018
Thema: Juli Zeh: Unterleuten

„UNTERLEUTEN“ VON JULI ZEH


2. ZUM INHALT
Der Trailer

Juli Zeh stellt uns ein fiktives Dorf vor: Unterleuten im Jahr 2010. In ständig wechselnden Perspektiven lernt der Leser die Dorfgemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Bewohnern und deren Ziele dahinter kennen.

Ein Teil ist aus dem Westen zugezogen, ein anderer Teil sind Alteingesessene. Alle wollen nur das Beste für das Dorf.

Der Roman ist in sechs Teile mit jeweils 13 Kapiteln gegliedert. Die Teile tragen die Überschrift der Person, aus deren Blickwinkel bzw. Perspektive erzählt wird.

Zur Orientierung kann der Leser auf das Personenglossar oder die Internetseite zurückgreifen.

Der Investor aus
dem Westen weckt viele Konflikte.
Es geht um Familiengeheimnisse, DDR-Vergangenheit, Ehekrisen, persönliche Probleme.

„Die Wahrheit war das, was die Leute erzählen. Und immer wieder stellt sich die Frage, was ist die Wahrheit?“


Zwei Männer polarisieren das Dorf Unterleuten in zwei Lager. Und schon wird aus der idyllischen Gemeinde ein Kampfplatz der Lokalmatadore.

Wie weit gehen die Eigeninteressen?

Es ist eine Gesellschaftsstudie, die eine vorgetäuschte Realität durch Facebook, Xing Account und Homepages entwickelt.

Rache, kriminelle Aktionen, Selbstjustiz, Tratsch und Verleumdung, soziale Verstrickungen, Abhängigkeiten beeinflussen mögliche Investoren genauso, wie Dorfbewohner, die einen Gewinn aus dem Landverkauf ziehen möchten.

Bei diesen Nachbarn braucht man keine Feinde. Alles das, was in der Großstadt geschieht, passiert auch hier in der Anonymität des Dorfes, die für die meisten so transparent ist, dass diejenigen nicht selten am Pranger enden. Eine Gemeinschaft, die ihrer Gemeinschaft selbst das Ende bereitet.

5/5 Punkten

3. PROTAGONISTEN
Linda Franzen war mit Frederic Wachs zusammen, liebt aber Bergamotte, einen Oldenburger Hengst. Sie verehrt die Schriften von Manfred Gortz.

Besondere Merkmale: blond, hübsch, knallhart. Sie ist Stolz darauf eine Rolle in Unterleuten innezuhaben. Sie strebt danach, das eigene Schicksal zu optimieren. Das Prinzip des unbewegten Bewegers

Rudolf Gombrowski war Landwirt und Geschäftsführer der Ökologica GmbH. Auf den ersten Blick wirkt er ungeschickt, auf den zweiten Blick ist er ziemlich schlau. Sein Mot

„Der größte Vorteil entsteht, wenn jeder bekommt, was er sich wünscht – dieser Satz war für Gombrowski keine Masche, sondern eine Philosophie. Wenn alle zufrieden seien, sagte Gombrowski, hätten am Ende auch alle den größten Nutzen. Das sei das Schöne in Unterleuten. Man schaffe es immer, sich gütlich zu einigen.“

Sein größtes Vermögen war, dass ihm jeder im Dorf etwas schuldete.

Bodo schaller ist Automechaniker und Kleinkrimineller. Seine besonderen Merkmale: dick und dubios.

Kron ist ein ehemaliger Brigadeführer und schon immer Gombrowskis Erzfeind.

Die Rollen der Protagonisten sind ständig im Wandel. Sie entwickeln sich und reagieren auf jedes Ereignis.

5/5 Punkten

4. LINKS ZU UNTERLEUTEN
Juli Zeh erweckt das fiktive Brandenburgische Unterleuten zum Leben durch geschickte fingierte Internetauftritte.

Zu Manfred Gortz und Dein Erfolg:
manfred-gortz.de
youtube
Der Autor auf randomhouse.de
Das Hörbuch auf randomhouse.de
Dein Erfolg auf amazon.de
Der Autor auf Twitter
Der Autor auf facebook

Extra angelegte Homepages von im Roman auftauchenden Institutionen und Firmen:
vogelschutzbund-unterleuten.de
maerkischer-landmann-unterleuten.de
ventodirect.de

Zur Diskussion über pferdevernarrte Partnerinnen auf reiterrevue.de

Profile der genannten Romanfiguren:
Lucy Finkbeiner auf facebook
Kathrin Kron-Hübschke auf facebook
Jule Fließ auf facebook
Sebastian Pilz auf Xing

Alle Romanfiguren und Schauplätze im Überblick:
unterleuten.de

Interview mit Juli Zeh

Juli Zeh zu Unterleuten

5. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Juli erzählt humorvoll, ironisch, manchmal auch mit Untertönen – bisweilen gar sarkastisch. Helene Grass moduliert mit ihrer Sprache und setzt die Untertöne, die bei Juli Zeh fast immer fast immer mitklingen. Die wechselnden Erzählperspektiven offenbaren dem Leser die unterschiedlichen Beweggründe der Parteien.

In der Mitte zieht es sich ganz schön, deswegen ziehe ich einen Punkt ab. Allerdings gebe ich den Punkt als Extrapunkt für die gelungenen Fake Accounts im Internet. Sehr amüsant.

5/5 Punkten

6. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Unterleuten“ von Juli Zeh hat 656 Seiten, einen flexiblen Einband und ist am 11.09.2017 unter der ISBN 9783442715732 bei btb im Genre Romane erschienen.

5/5 Punkten

7. FAZIT
Zwanzig Hauptakteure zeigen auf 656 Seiten ein Abbild der Gesellschaft. Es ist ein Roman, der digitale Komponenten hat, eine Art gesellschaftliches Rollenspiel. Die Leser sind herzlich eingeladen, einzusteigen.

Es ist wirklich ein Buch, das durchaus zwischendurch einen Ausflug ins Internet schätzt, um Unterleuten und die Bewohner näher kennenzulernen. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.

Deswegen „Leseempfehlung!



@btb Ich bedanke mich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 18.04.2018
Thema: Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

„WIR SAGEN UNS DUNKLES“ VON HELMUT BÖTTIGER


2. ZUM INHALT
Helmut Böttiger zeigt uns eine Beziehung, die gepflastert mit Stolpersteinen war.

Im Focus steht die Zeile „Wir sagen uns Dunkles“ aus „Corona“

Beide waren bedeutende Lyriker der Nachkriegszeit. Leo Antschel (ein rumänischer Name wird mit c geschrieben. Anagramm von Celan.) und Ingeborg Bachmann waren sehr unterschiedlich. Bachmann galt als eine nach außen gerichtete Person, die sich immer wieder neu erfindet und wahrscheinlich keiner der übernommenen Rollen entspricht. Allerdings könnte man ihr Liebesleben als chaotisch oder durcheinander bezeichnen.

Ihre Gemeinsamkeit waren sechs Wochen
Liebesreigen.

Celans Gedichte zeigen dir seine Trauer und elegisch das Verzichten müssen.

Lyrik wird zur Sprache und zum Spielzeug.


Ihre Bezugsgröße ist Wien.
Der Kommunismus erscheint als utopisches Ideal – eine Leitvorstellung. Celan sang Revolutionslieder mit.
Seine Freunde betrachteten ihn als Mimose, als Narziß, unduldsam ja geradezu hochmütig.
Die Nacht, in der Celans Eltern verhaftet wurden, verbrachte dieser bei einem Mädchen. Diese „Schuld, überlebt zu haben“ wird ihn sein ganzes Leben begleiten. Er selbst war 1 1/2 Jahre lang ein Zwangsarbeiter.

Zuvor hatte er ein Studium Romanistik, Russisch und Anglistik angefangen.

Sein Sprachtalent war außerordentlich. Englisch, russisch, rumänisch und französisch.

Sein wohl berühmtestes Gedicht ist die Todesfuge.

You Tube Schwarze Milch der Frühe,

„Ich nehme die Frauen wie Zigaretten, die ich Ausrauche und wegwerfe.“

Auch dieses Zitat ist von Paul Celan



Ich habe „Die Todesfuge“, „Corona“, „Die gestundete Zeit“, ein Filmbericht über Ingeborg Bachmann und Trailers „Die Geträumten“ zusammengestellt.

Paul Celan liest selbst aus „Corona“. „Die gestundete Zeit“ wird von Katharina Thalbach gelesen.



Ich habe mir den Film von Suhrkamp gekauft und war enttäuscht. Gedichte werden gelesen und wir hören die Gedanken der Sprecher dazu. Es hat mich überhaupt nicht angesprochen. Die Atmosphäre war mir zu clean.

Gleichzeitig bekommt der Leser ein Porträt der Gruppe 47 und die gespannte Atmosphäre zwischen Celan, Bachmann und der Gruppe.

Termine der Lesung



5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Helmut Böttiger nimmt kapitelweise Bachmann und Celan in den Focus. Aber daraus entstehen letztendliche nicht nur die Biographien zweier Menschen, sondern Böttiger zeigt uns ein verworrenes und komplexes Beziehungsgeflecht.

Zwei Alphatiere, die zugleich Mimosen sind und denen Normalität und Mittelmäßigkeit ein Gräuel sind, finden keine beständige Brücke zueinander. Ihre Welt ist die Lyrik und nicht die Banalität des Alltags.

5/5 Punkten

4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger hat 250 Seiten, einen festen Einband und ist am 28.08.2017 unter der ISBN 9783421046314 bei DVA im Genre Biografien erschienen und kostet 22 €.

Auf dem Cover sind Fotografien von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Das Buch ist auch im Scoobe Katalog enthalten.

5/5 Punkten

5. FAZIT
Ich freue mich sehr, Ingeborg Bachmann und Paul Celan näher kennengelernt zu haben. Es hat mich bewegt, Ingeborg Bachmann und Paul Celan, und ihr Gedichte wie „Corona“ und „Gestundete Zeit“ vortragen zu lassen, durch das Wissen, dass die beiden nicht nur Absender sonder auch Adressaten sind.

Helmut Böttiger ist es gelungen, den Leser die Emotionen fühlen zu lassen und ihm die Leidenschaft, ja die Abhängigkeit voreinander, aufzuzeigen.

@Randomhouse und @dva
Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 07.04.2018
Thema: Botho Strauß: Der Fortführer

Es überrrascht nicht, wie der Autor Botho Strauß in diesem Band mit literarischer und philosophischer Minimalprosa versucht,  sich selbst neu zu erfinden, indem er die Vergangenheit und ihre Retrotopien preist. Er pfeift zwar mit Hilfe der Kirchenväter und antiker Großtestimonials vernehmlich auf die Welt, doch es ist einmal mehr die Melodie des Ressentiments, die dabei ertönt. Es gelingen mitunter feine literarische Miniaturen des Heute, doch machen die nachfolgenden reaktionären Reflexionen alles zunichte. Da hilft Strauß auch kein Sound der Skepsis: „Mein Weg war der der konsternierten Nachfrage. Wie denn? Wie ist’s nur möglich?“ Die poetische Diktion wird gegen den theorieversessenen Diskurs in Stellung gebracht. Doch mitten im Gewühl behält selten einer den Kopf frei über dem Gewühl: „Die Welt ist insipide geworden. Debilwerden als Rasseschicksal.“ Wie wahr. Wie falsch.

(Rowohlt, 208 S., 20 Euro)

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 07.04.2018
Thema: Francois Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität

Das Wesen der Kultur, so formuliert es der französiche Philosoph und Sinologe François Jullien in seinem neuen Buch, ist die Veränderung. Der Glaube an eine kulturelle Identität beruht auf einer Illusion. Jullien plädiert leidenschaftlich dafür, Traditionen, Bräuche und eine gemeinsame Sprache als Ressourcen zu nutzen, die allen zur Verfügung stehen. Überall auf der Welt hat zurzeit der Nationalismus als Reaktion auf die Globalisierung Konjunktur; insbesondere in Europa ist von einem Schutzwall „der kulturellen Identität gegenüber einer Uniformisierung“ die Rede. Der Autor hingegen legt die Betonung nicht auf die kulturellen „Unterschiede“, sondern auf die „Abstände“ zwischen den Kulturen, die diese in „Spannung zueinander aufrechterhalten“. Sie bringen, so Jullien, das Gemeinsame zwischen ihnen im Dialog zum Vorschein. Sehr empfehlenswerte Lektüre!

(Suhrkamp, 80 Seiten, 10 Euro)

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.04.2018
Thema: Bernhard Schlink: Olga

„Olga“ von Bernhard Schlink
2. Zum Inhalt
Bernhard Schlink gehört zu meinen Lieblingsautoren und ich habe mich sehr auf den neuen Roman „Olga“ gefreut.

Der Roman ist dreigeteilt.

Der erste Teil wird aus der Perspektive eines allwissenden (auktorialen) Erzählers geschrieben und schildert Olgas Leben bis zu ihrer Flucht. Der Autor beschreibt mit wenigen nüchternen Worten, geradezu wohltemperiert das Geschehen. Olga ist eine Frau, Autodidaktin, die immer auf sich selbst gestellt war und ist. Herbert bildet dazu eine Kulisse, die nichts mit dem Alltag zu tun hat. Es sind gemeinsame Stunden, die der Liebe und nicht der Auseinandersetzung miteinander dienen. Allerdings nehmen Herbert und das Leben
ihr oft die Entscheidungskompetenz ab und sie kann nur noch das Beste in der Situation suchen.

Im zweiten Teil stellt uns Ferdinand Olga aus seiner Perspektive vor, so wie er sie kannte. Bernhard Schlink liebt starke Frauen. Er beweist es immer wieder. Wie schon in „Der Vorleser“ sehen wir hier einen jungen Mann, der eine große Nähe und Bewunderung zu einer älteren Frau empfindet. Wenngleich in der Beziehung zu Olga die erotische Komponente fehlt. Dennoch ist es eine prägende Beziehung. Besonders gut gefallen mir folgende Worte des Autors:



„Meine Großeltern waren gestorben, bei denen ich die glücklichsten Ferien verbracht hatte. In meinem Leben war ein Platz frei.“ Olga S. 138

Der dritte Teil besteht aus Olgas Briefen an Herbert.

Um welche Fragen geht es?

Bernhard Brink zeigt mit Olgas Leben, eine erzählte Zeit von über 90 Jahren. Er zeigt auch, wie diese Zeit den Menschen prägte. Der Kolonialismus,  Nationalsozialismus, die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau sind nur drei Themen daraus und natürlich geht es, wie bei fast allen Büchern von Schlink, um die Frage der Schuld.

Es ist aber auch ein Buch, das sehr viel Mut macht oder mit meinen eigenen Worten: Du bist selbst deines Glückes Schmied. Wenn du etwas mit aller Kraft möchtest, erreichst du es auch.

5/5 Punkten

3. Protagonisten
Olga ist eine Frau, die etwas im Leben erreichen möchte.  Sie kämpft mit aller Kraft, um die Ausbildung zur Lehrerin. Sie liebt Herbert, erkennt aber zugleich, dass er ein Träumer und ein Suchender ist, der mit dem Erreichten nie zufrieden sein wird. Dasselbe denkt sie über Deutschland und den "deutschen Mann".

Olga ist aber zugleich auch sehr unerbittlich und verbannt Eik, wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung und seinem Festhalten daran, aus ihrem Leben. Sie ist traurig darüber, dass sie ihm nicht vermitteln konnte, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Sie schreibt Herbert regelmäßig Briefe, in denen sie ihre Entscheidungen begründet und erklärt. Es ist für sie nicht wichtig, dass Herbert tot ist und die Briefe niemals ihren Adressaten erreichen. Es ist für sie persönlich eine Aufarbeitung ihres Lebens. Durch einen letzten Paukenschlag begehrt sie noch einmal gegen das Schicksal auf und der Kreis schließt sich.

Auch Bernhard Schlink schließt durch Ferdinands Begegnung mit Adelheid den Kreis.

5/5 Punkten

4. Sprachliche Gestaltung
Bernhard Schlink schreibt nüchtern und dennoch mit Metaphern durchzogen. Er zeigt Eckpunkte, die der Leser selbst mit Inhalten füllt.

5/5 Punkten

5. Cover und äußere Erscheinung
„Olga“ von Bernhard Schlink hat 320 Seiten, einen festen Einband und ist am 12.01.2018 unter der ISBN 9783257070156 bei Diogenes im Genre Romane erschienen.

Das Buch hat eine leserfreundliche Größe und das integrierte rote Lesezeichenband. Also das perfekte Mitnahmebuch. Der Schutzumschlag zeigt einen Ausschnitt des Ölgemäldes von „A Dark Pool“ von Laura Knight.

Das Motiv gefällt mir gut. Die Weite des Meeres und die Frau auf den Felsen, die bodenständig zuschaut.

5/5 Punkten

6. Fazit
Bernhard Schlink hat Olga, und somit vielen Frauen aus dieser Generation, die in ihrer Rolle als Frau, männliche Aufgaben übernehmen mussten, aber keineswegs die entsprechende Anerkennung erhielten; Frauen denen eine akademische Bildung aufgrund ihres Geschlechts versagt wurde.

Ich hätte Olga gerne kennengelernt. Olga, die kühl Frederik als langweilig bezeichnet und vernarrt Herberts Träumereien nachsieht. Eine Olga, die selbst nur am Ende ihres Lebens vom „richtigen Weg“ abweicht und sich dennoch nie verbiegt. Sie bleibt sich immer treu. Eine starke Frau!

Für mich eines der beeindruckendsten Bücher, die ich bislang gelesen habe.

Leseempfehlung

Ich bedanke mit herzlich beim Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.



Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 30.03.2018
Thema: Michael Sontheimer / Peter Wensierski: Berlin – Stadt der Revolte

»Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt«:

zum Versuch einer Topographie der Revolte

oder: Die Vermessung der Revolte in beiden Teilen Berlins

von Christoph Ludszuweit


„Time will tell!“ (Bob Marley)

Im 50. Jahr nach der Studentenrevolte rücken die Berliner Orte der Protestbewegung so langsam, aber sicher in das öffentliche Bewusstsein. Man muss hier ja nicht sehr weit fahren, um Orte zu finden, die damals Schauplätze von Revolten waren, Spuren der Revolte in Ost und West und Hinweisen auf legendäre und weniger bekannte Schlachtorte der sog. Studentenbewegung im Westen sind die Autoren in jahrelanger Recherchearbeit nachgegangen. Sie stießen auf teils
verschlungene, rizhomhaft sich kreuzende Pfade der damaligen Subkulturen von Feministinnen, Hausbesetzern und Punks, die - zwar auf unterschiedliche Weise - deutlich sichtbar durchaus in BEIDEN Teilen Berlins beheimatet waren.

Sontheimer war 1978/79 Mitgründer der taz, in den 1980er-Jahren Redakteur und Autor bei der Zeit und arbeitet seit 1995 beim Spiegel. Wensierski war ab 1979 Reisekorrespondent für verschiedene Medien aus der DDR, von 1986 bis 1993 Fernsehjournalist bei der ARD und arbeitet seitdem auch beim Spiegel. Er wurde u.a. mit dem Bundesfilmpreis, dem Europäischen Fernsehpreis und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – beides also gestandene Journalisten.

Sie erzählen facettenreich, erfreulich unideologisch, ohne großen Firlefanz und theoretischen Überbau, gut lesbar (und mit nur wenigen – verzeihbaren - sachlichen Fehlern) eine spannende Geschichte. die Geschichte einer widerborstigen und aufsässigen Metropole. Sie werfen mit fast fotografisch geschultem Blick (sozusagen als teil- und Anteil-nehmende Beobachter) kurze, einprägsame Schlaglichter auf Häuser, in Wohnungen, auf Straßen und Plätze. Gestützt auf Interviews und Gespräche mit vielen unmittelbar und aktiv Beteiligten entwerfen sie so eine empfehlenswerte, weil vieles im Rückblick erklärende Topographie der Revolte. Wie in einem historischen Reiseführer laden sie zum Flanieren und staunenden Entdecken ein. Weitere Stichworte: friedliche Revolution, Häuserkampf - an Orten der Revolte fehlt es in Berlin wahrlich nicht. Sie erkunden die Welt der einstigen Rebellen, von denen schon viele längst gestorben sind. Wer  - außer vielleicht einstige Alternative und Dissidenten – weiß denn heute noch, wo etwa die legendäre Kommune 1 zuallererst beheimatet war? Zweite Preisfrage: Wo entstand der erste Kinderladen? Dritte Frage: was passierte genau mit Andreas Baader in der Miquelstraße 83?
Letzte Preisfrage:  Was passierte wann und wo in den bewegten Monaten von 1967/68 - wieso rief etwa ein rhetorischer Feuerkopf wie Rudi Dutschke zum Sieg der vietnamesischen Revolution im Audimax der TU auf und wo hatte die RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof ihre letzte legale Wohnung?" Anfangs zitieren sie den italienischen Professor Johannes Agnoli: „Revolten kennen im Allgemeinen nur das Scheitern, sonst wären sie Revolutionen", so der überaus sympathische, längst und viel zu früh verstorbene Professor vom einst als linke Hochburg gerühmten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität.
Fast 60 Orte zeigt das Buch mit kleinen roten Fähnchen auf einer Karte, die vom Auditorium Maximum der FU in der Garystraße in Dahlem bis nach Pankow reichen. Dort, in der Elsa-Brandström-Straße 18 verfasste die Liedermacherin Bettina Wegner ihre Flugblätter gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei.
Aber auch im Osten gab es Kommunen und einen Piratensender, wie Sontheimer und Wensierski rekonstruierten, die von einem kleinen subversiven Westberliner Kassettenverlag namens STECHAPFEL VERLAG in der Görlitzerstr. 74 in Kreuzberg 36 redaktionell betreut wurden.
Mehrere Adressen sind auch Orte von Pioniertaten. In der Suarezstraße 41 residierte etwa die erste Redaktion der "tageszeitung" ("taz"), in der Bülowstraße 17 der erste Schwulenbuchladen, in der Neuköllner Kopfstraße 12 der erste Kinderladen. Und ein deutsch-spanischer Kindergarten ist heute in der Charlottenburger Wielandstraße 13 untergebracht. Im Herbst 1968 zogen dort der kürzlich verstorbene "Bommi" Baumann, Eckhard Siepmann und Georg von Rauch ein, der Anwalt Otto Schily (später von Wiglaf Dorste als „Otto-Abschiebe-Anthroposoph tituliert) war deren Nachbar. Die "Wielandkommune" wurde eine der ersten Wohngemeinschaften, später formierte sich daraus der "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen", eine der ersten militanten Gruppen der West-Berliner Subkultur.
Ein anderer geschichtsträchtiger Ort ist auch eine Wohnung in der Knesebeckstraße 89 in Charlottenburg, wo Ingrid Schubert residierte, die wenige Monate vorher bei der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader in der Miquelstraße mitgemacht hatte. Bei einer späteren Hausdurchsuchung fand die Polizei eine Pistole, Autonummern und Molotowcocktails. Die Wohnung gilt – so zumindest in der unvermeidlichen  Legendenbildung - als Keimzelle der Roten-Armee-Fraktion (RAF).

An gleicher Adresse ist heute übrigens eine schnieke Cocktailbar und eine Naturheilpraxis untergebracht. Jedenfalls ist der Band unterhaltsam und das Lesen macht endlich mal wieder auch etwas Spaß!

Michael Sontheimer, Peter Wensierski: Berlin - Stadt der Revolte, Ch. Links Verlag, Berlin, 448 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-86153-988-9.

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