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Günter Rinke schrieb uns am 11.07.2020
Thema: Christoph Nix: Lomé – Der Aufstand

Auftragsmord in Togo

Christoph Nix erzählt in „Lomé – der Aufstand“ von deutsch-togoischen Verstrickungen

von Günter Rinke

Die Anzahl an neueren Afrika-Romanen aus dem deutschen Sprachraum ist sehr überschaubar. Diese Feststellung trifft vor allem dann zu, wenn man sich bei der Suche auf solche Romane und Erzählungen konzentriert, die auf dem Buchmarkt erfolgreich waren. Bereits Jahrzehnte zurück liegt das Erscheinen des Maßstäbe setzenden Romans Morenga von Uwe Timm über den Herero-Aufstand im damaligen Deutsch Südwestafrika. Ein großer Erfolg war auch der Roman Eine Frage der Zeit von Alex Capus über eine kuriose Episode aus dem Ersten
Weltkrieg in Tansania. Zu nennen sind noch der Roman Hundert Tage des Büchner-Preisträgers Lukas Bärfuss über den Bürgerkrieg in Ruanda und vielleicht die Sammlung von Erzählungen und Dokumentartexten Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern von Hans Christoph Buch.

Wollen wir über unseren Nachbarkontinent nichts Genaueres wissen oder erscheinen den VertreterInnen unserer schreibenden Zunft die Verhältnisse dort als so komplex und unüberschaubar, dass sie sich lieber nicht erzählend auf sie einlassen? Das deutsche Lesepublikum tut es durchaus, denn es gibt ja immer mehr Bücher von afrikanischen Autorinnen und Autoren, die auch auf dem deutschen Buchmarkt erfolgreich sind. Der umtriebige Christoph Nix versucht die Lücke zu füllen, indem er nun schon seinen zweiten Afrika-Roman veröffentlicht hat. Zuerst legte er den Roman Muzungu vor, der in Uganda spielt. Jetzt erschien mit Lomé – der Aufstand  eine spannende Erzählung aus dem heutigen Togo, die von genauen Kenntnissen der Verhältnisse im Land und seiner jüngeren Geschichte zeugt.

Als umtriebig kann Nix vor allem deshalb gelten, weil er mehreren Professionen zugleich nachgeht und es schwer zu sagen ist, welchen Beruf er eigentlich ausübt. Er ist Rechtsanwalt, Hochschullehrer, Theatermacher und Schriftsteller. Lang ist die Liste seiner juristischen Fachpublikationen. Nebenbei schrieb er Erzählungen und hatte mit dem autobiographischen Roman Junge Hunde2008 einen ersten Achtungserfolg als Romancier. In Nordhausen, Kassel und Konstanz arbeitete er, der auch gelernter Clown ist, als Theaterintendant, provozierte  Skandale, hatte aber auch fulminante Erfolge. Zugleich entwickelte er Theaterprojekte in mehreren afrikanischen Staaten, sodass er für seine dort spielenden Romane aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte.

Was wissen die Deutschen heute über das kleine Land Togo, das einmal eines der vier deutschen „Schutzgebiete“ in Afrika war? Trotz der in universitären Kreisen und in Zeitungsfeuilletons stattfindenden Debatten über Kolonialismus dürfte es recht wenig sein. Am ehesten richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Namibia und die Kolonialverbrechen, die dort geschehen sind. Nix zeigt in seinem Roman, dass die deutsche Politik nach 1945 enger in die problematischen Herrschaftsverhältnisse des heutigen Togo verstrickt ist, als die meisten von uns ahnen. Das Buch, das zugleich Kriminalroman und Politthriller ist, klärt uns darüber auf.

Weil ein junger deutscher Schauspieler namens Hans Keuthen auf bestialische Weise umgebracht worden ist, reist der Theaterleiter Menz nach Lomé. Er will versuchen, den Mord aufzuklären, denn er fühlt sich mitschuldig, hat er doch den jungen Mann zu dem Engagement in Togo überredet. Schon im Flugzeug macht Menz die Bekanntschaft eines Mannes, der sich später als Spitzel der togoischen Regierung entpuppt. Bei den Nachforschungen, die er zusammen mit seinem afrikanischen Kollegen Menes anstellt, entsteht zunächst der Verdacht, Hans könne wegen seiner Homosexualität getötet worden sein. Homophobie ist in dem Land verbreitet und Teil der Regierungspolitik. Bald stellt sich aber heraus, dass mehr hinter der Affäre stecken muss.

Die Leserinnen und Leser des Romans sind erzähltechnisch auf dieses Mehr schon vorbereitet. In einer in Ich-Form gehaltenen Vorbemerkung erzählt der pensionierte, jetzt in Lomé lebende Bundeswehrpilot Carl Hummler von einer Togoreise des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der es vermieden hatte, dem Putschpräsidenten die Hand zu geben und dafür von ihm verflucht worden war. Der Fluch, in afrikanischer Stammessprache ausgesprochen, ist dem Buch als Motto vorangestellt. Wir erfahren, dass Lübke mit dem vormaligen legitimen Präsidenten Sylvio Olympio befreundet gewesen war und dessen Ermordung nicht verwinden konnte.

Kontrastfigur zu Lübke ist der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß, der keine Scheu vor Kontakten mit Diktatoren, darunter auch dem von Togo, hatte und dafür in dem Land gefeiert wurde. Bis heute gibt es in Lomé eine Gaststätte Alt-Munchen, in der man, unter Porträts von Strauß, Haxen essen und bayerisches Bier trinken kann. Nach Straußʼ Tod führte die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in dessen Sinn die „deutsch-togoische Entwicklungszusammenarbeit“ fort. Als Menz nach seiner Rückkehr nach München dort ermitteln will, stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Wahrscheinlich weiß man dort bereits, dass er in Togo Kontakt zur dortigen Opposition gehabt hat. Deren Aufstände werden immer wieder von Soldaten und Polizei gewaltsam niedergeschlagen.

Die Nachbemerkung, „natürlich“ seien alle Personen, bis auf die Ereignisse um Heinrich Lübke und Sylvio Olympio, frei erfunden, kann nur ironisch verstanden werden. Der langjährige Präsident und sein ihm nachfolgender Sohn, der jetzige Präsident, erhalten im Roman fiktive Namen. Gestützt wird das Regime durch die Chinesen, die viel investieren, und die Franzosen, für die im Roman stellvertretend der Investor Charles-Henri Dellore steht. Ihm gehören große Teile von Togos Hafenanlagen. Allerdings wird ihm ein Bericht einer taz-Journalistin zum Verhängnis, der auch in der französischen Zeitung Libération erscheint. Nach seinem Rückflug nach Paris wird er dort wegen Verstrickung in Menschenrechtsverletzungen verhaftet.

Der Roman enthält mehrere überraschende Wendungen, bis am Ende klar wird, in welchem Maß der Mord an dem jungen Schauspieler mit der großen Politik verquickt ist. Nix erzählt das zügig in kurzen Kapiteln und wechselt dabei unbekümmert die Erzählperspektive. Das Schlusskapitel ist, wie die Vorbemerkung, in Ich-Form erzählt. Dass manche Figuren nur recht flüchtig skizziert sind, mag als Schwäche erscheinen. Etwas knapp, nur andeutend wird zudem von den Stammeskonflikten zwischen Ewe und Kabiyé, vom Einfluss des Voodoo-Kults und von Kinderverschleppungen berichtet. Um dies alles umfassend und differenziert darzustellen, wäre ein umfangreicherer Roman nötig gewesen. Diese Schwächen werden aber dadurch kompensiert, dass die Spannung bis zum Schluss gehalten wird und dass politische Hintergründe des Plots für das deutsche Lesepublikum interessant und überzeugend ausgeleuchtet werden.

Christoph Nix: Lomé – der Aufstand
Transit Verlag, Berlin 2020
160 Seiten, 18,00 EUR
ISBN-13: 9783887473761

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Richard Meier schrieb uns am 18.05.2020
Thema: "Das zweite Schwert" von Peter Handke: Afrika als Ausweg aus der Schuld-Rechenschaft

Mit der Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke im Herbst kochte die Kritik an seiner Parteinahme für Serbien im Balkankrieg hoch. Seine danach erschienene Erzählung Das zweite Schwert soll zwar keine Reaktion darauf sein, denn sie wird auf den Mai 2019 datiert, trotzdem passt sie dazu. Die Mutter des Ich-Erzählers beging Selbstmord, weil sie in einem Zeitungsartikel als frühere Befürworterin des Hitler-Regimes hingestellt worden war – womit die Mitschuld am Holocaust verbunden ist. Zeitungsjournalisten schmäht der Erzähler als "Fernschreiber", und man darf annehmen, dass dies Handkes Ansicht über all jene Multiplikatoren in der westlichen Öffentlichkeit entspricht, die den Zerfall Jugoslawiens aus der Ferne beurteilten, während er Serbien höchstselbst bereiste. Auch in dieser Auseinandersetzung wurden die Nazi-Verbrechen ins Spiel gebracht: Interventionsbefürworter sprachen von einen neuen Holocaust, den es zu verhindern gelte.

In der Erzählung wird die aus der historischen Schuld erwachsene Obsession auf die Spitze getrieben: "Vergleichbares (nein, nichts ist 'vergleichbar') war mir lang vorher einmal, ein einziges Mal, begegnet: ein anonymer Brief mit der Drohung, mein Kind zu töten, schaffte ich es nicht, die sechs Millionen von meinen Vorfahren (das nur zwischen den Zeilen) getöteten Juden zum Leben zu erwecken."

Der Erzähler setzt allerdings selbst die Folge aus Schuld und Vergeltung fort: Er beschließt, an der Autorin des Zeitungsartikels, der den Tod der Mutter verursacht hat, Rache zu nehmen und sucht ihr Haus in der Ile-de-France auf. Die Schilderung dessen, was er auf diesem Weg durch das Weichbild von Paris sieht und reflektiert, macht einen Gutteil des Buches aus.

Was die äußeren Eindrücke angeht, kann man sich punktuell an Houellebecq erinnert fühlen: Der Westen als eine Mischung aus Verwahrlosung und Hypermoderne; eine Spaßgesellschaft, die sich andeutet, wenn auf den ersten Seiten "die im Lauf der Jahre, nicht bloß in Frankreich, zahlreich gewordenen Ferien" angemerkt oder gegen Ende eine für Bridge-Spiele umfunktionierte Kirche beschrieben werden. Bei Handke, der früher schon einen "müden Blick" propagierte, steigern sich diese Dekadenz-Beobachtungen freilich nicht zur selben Eindringlichkeit wie in Houellebecqs Prosa. Handkes Erzähler sagt von sich selbst, ihm fehle "jeder wissenschaftliche Blick und Ehrgeiz"; seine Sache sei, "etwas, ohne ein Zutun, gewahr zu werden" und in seiner eigenen "Einbildung" damit "wegzudriften". Zu dieser Kombination aus Zurückhaltung und Eigenmächtigkeit passt der Sprachstil: Nicht wenige Passagen zieht der Erzähler in die Länge, indem er sich mit Einschüben vortastet, seine Worte durch Wiederholungen bestärkt, durch Variationen und Neuschöpfungen erweitert oder auch (wie im obigen Zitat vom Drohbrief) verwirft.

Diese Struktur erfordert beim Lesen Geduld, zumal sie auch die Plotebene prägt: Der Rachwillige macht Umwege, zögert die Bluttat hinaus, um sie letztlich durch etwas anderes zu ersetzen. Vordergündig mag sich das damit erklären, dass er in einer Kneipe und in weiblicher Gesellschaft landet. Liebe überwindet Hass, sozusagen. Zuvor begegnet aber ein stärkeres Motiv: Im Abendbus erblickt der Protagonist eine "dunkelschwarze Gestalt", die ihn spontan an einen Attentäter denken lässt, bevor er Augen bekommt "für den auf das emporgezogene Knie gestützten Arm der Afrikanerin und die Hand mit dem Buch; nein, was sich so sehen ließ, war das Gegenteil von einem Gespenst oder Schreckensbild. Und das kam von dem Weiß der Buchseiten, wie es aufleuchtete beim Umblättern". Drei Farben fügen sich zu einem "Friedensbild"; es sind Farben einer "Friedensflagge": "Hier nun, am Grün hinterm Busfenster, am Weiß der Buchseiten und am Schwarz-in-Schwarz dieser Leserin, kamen solche Fahnenfarben erstmals nicht aus der Natur allein. Und ich stellte mir vor, wie im tiefen Afrika dereinst das Lesen weitergehen würde."

Afrika als Ort des Friedens und der literarischen Zukunft – diese Vision stellt zumindest einen Gegenentwurf zur gewaltsamen und stets rückwärtsgerichteten Abrechnung von Schuld dar. Ein Wunschbild vielleicht auch dafür, Europas Erblasten ablegen zu können.

In der Bibel ist die Erbsünde mit der Schlange verbunden. Auch Handke greift dieses Symbol auf, nur kehrt er es um: Nicht die Schlange verführt zur Sünde, sondern sie ist das Opfer schuldhaften Tuns. So in der Lebensgeschichte des Wirts, den der Erzähler zu besuchen pflegt. Dieser hatte in seiner Soldatenzeit eine Urwaldschlange geschenkt bekommen und sie im Schlaf erdrosselt. "Meine ewige Schuld!", bekennt er. Auf ihrem „Rachefeldzug“ erinnert sich die Hauptfigur an eine "tiefschwarze" Schlange in einer "Grabenwildnis", die für den Bau einer Bahnstrecke beseitigt wurde, weshalb auch die Schlange verwunden ist – bis sie hinter der entweihten Kirche noch einmal auftaucht.

Die Umdeutung der Schlange, deren Afrika-Bezug hier auf der Hand liegt, ließe sich als eine Abkehr von der biblischen, also abendländischen Schuld-Tradition verstehen. Doch worin besteht diese Wendung konkret? Im Zug beobachtet der Erzähler die Gesichtsbewegungen eines Afrikaners: "Ober- und Unterlippe einander sich nähernd, aber ohne Berührung, und wenn einmal, dann so zart, und zarter nicht möglich; wie seit jeher fraglos und seit jeher auch keine Antwort erwartend, ohne ein Bewusstsein überhaupt von Wort wie Sachverhalt 'Antwort' und 'Antworten': er betete." Im Gegensatz zu dieser milden, bittenden, keine Rechenschaft verlangenden Haltung steht die Journalistin, "eine der Myriaden öffentlich agierender Frauen", wie sie am Schluss in einer Talkrunde auf dem Bildschirm der Kneipe erscheint. Drei Paar Brillen hat sie auf: "eine oben auf dem Kopf, eine vor den uneinsehbaren Augen und eine an einer Schnur vor der Brust, und sie schrieb immer wieder etwas auf, mit einem überlangen Bleistift". Ein abwertendes Sinnbild für den Anspruch, alles zu sehen und zu erfassen.

Man kann über diese Zuschreibung und Kontrastierung geteilter Meinung sein wie über Handkes politische Positionierungen überhaupt, überraschend und risikofreudig ist seine Afrika-Projektion jedenfalls – sie könnte im politisch korrekten Klima als kolonialistisches (oder gar rassistisches) Klischee angegriffen werden. Der Schluss dieser Geschichte legt allerdings nahe, diesem Impuls nicht zu folgen, sondern gelassen zu bleiben.

Ohnehin ist das Afrika-Motiv zwar bedeutsam, aber keineswegs vorherrschend; es tritt nur an wenigen Stellen in diesem an Bildern, akustischen Impressionen, mythologischen Anspielungen reichen Bändchens hervor. Wer als Leser an solchen poetischen Qualitäten Gefallen hat, wird verzeihen, dass das Eingangs-Versprechen einer spannenden Rache-Handlung nicht eingelöst wird.

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Maria Behre schrieb uns am 28.04.2020
Thema: Marica Bodrožić: Das Wasser unserer Träume

Maria Behre, 28.4.2020

„Ohne Farben keine Fragen“.

Rezension Marica Bodrožić, Das Wasser unserer Träume. Roman, München 2016
(im Folgenden bei Zitaten und Seitenzahlen abgekürzt mit der Sigle „WT“)

Über diesen Roman eines Patienten ohne Namen im Koma oder im Locked-In-Syndrom zu schreiben, fällt in Corona-Zeiten mit medial schonungslosen Blicken in Intensiv-Stationen mit extremen Triage-Herausforderungen nicht leicht.

Einerseits ist das Thema an der Grenze zwischen Leben und Tod kein komfortables, und nicht jede/r ist bereit, sich ihm auf über 220 Seiten zuzuwenden. Andererseits ist der Plot auch nicht gänzlich unbekannt, wird er doch in verschiedenen
Medien aufgegriffen, wie z.B: im Film „Während Du schliefst“ (1995), dem Krimi von Brigitte Aubert, „Im Dunkel der Wälder“ (1998), dem Bericht von Julia Tavalaro und Richard Tayson „Bis auf den Grund des Ozeans. Sechs Jahre galt ich als hirntot. Aber ich bekam alles mit" (Freiburg: Herder 2000), den Filmbiographien „Das Meer in mir“ (2004) nach einer wahren Begebenheit oder „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007) nach einem autobiographischen Roman, der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Erinnerungsroman „Du stirbst nicht“ (2009) von Kathrin Schmidt.

Deshalb soll hier ein anderer Zugang gewählt werden, vom Werk der Autorin her, denn im
Veröffentlichungsjahr 2016 erschien gleichzeitig die zweite, fast unveränderte Auflage des Werkes „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ (Berlin: btb 2016, bis auf vernachlässigungswürdige Details identisch mit der Erstausgabe Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2007, im Folgenden abgekürzt mit der Sigle „SESF“, bei Häufungen auch einfach in runden Klammern).

Schon vom Titel her gibt es eine Besonderheit: den Vergleich des Lebens im Koma mit der Wasser-Metapher, sogar Meer-Metapher oder allgemein dem Wortfeld des Liquiden. Ebenso wie das Meer als Sinnbild des Herausschwimmens in die Unendlichkeit des Todes imaginiert werden kann, weist es nicht nur auf das Ende des Lebens, sondern auch auf den Anfang, auf die Quelle des Lebendigen, den Ursprung der Lebensenergie.

Das Motiv des Liquiden zieht sich als wiederkehrender Topos, also leitmotivisch-musikalisch, auch durch andere Werke: So erschließt Bodrožić in ihren autobiographischen Essays „Sterne erben, Sterne färben“ ihren Vornamen Marica von einem gleichnamigen Fluss her. Damit gewinnt das Motiv des Lebens zwischen der Geburt, dem ‚Sternenerbe‘, und dem Lebenslauf als einem Fließen, dem ‚Sternefärben‘, bis zu einer Form von ‚Mündung‘ in Formen der Vervollkommnung und Vollendung bis zur Erinnerung als Überwindung des Todes, eine besondere Dimension der Selbstvergewisserung in einem tradierten Mythos. Die Autorin nennt es „[d]ie Entdeckung meiner selbst als Flußexistenz“ (SESF, 159). Diese Erfahrung macht sie aber erst in Deutschland, im Land ihrer zweiten Sprache nach der kroatischen, die mit der Nähe zum Mediterranen in Südosteuropa auf die Antike zurückverweist: „Erst zwei Jahrzehnte nach der Ankunft in Deutschland fand ich heraus, daß ‚Marica‘ im thrakischen Plovdiv [der zweitgrößten Stadt Bulgariens] der Name für einen Fluß war“. Gestützt durch einen Text mit dem Titel „Die sieben Quellen der Marica“ geht der Weg zurück zu Ovid, der den Fluss unter dem weltberühmten Namen Hebrus in seinen „Heroiden“, fiktiven Briefen von mythischen Frauen an ihre abwesenden Männer, als Quelle rühmt. Die Autorin zitiert aus dem zweiten Brief die „heiligen Wasser des Hebrus“ in lateinischer Sprache. Daraufhin beschwört sie auch die offensichtliche Nähe der ersten drei Buchstaben des Eigennamens zum Gattungsnamen „mar“ (lateinisch „Meer“). Die von der Autorin selbst angesprochenen „Eitelkeit“ sei ihr zugestanden, aber die Parallelisierung der Vornamensdeutung mit dem weltliterarischen Text aus dem Kulturraum ist eine ästhetisch höchst spannende Methode, die die Autorin „Dual“ nennt, nämlich das Gehen in Spuren, um die Würde des Namens in dieser Doppelung zu entfalten. („Der Name ist mehr ein Echo als ein wirkliches Wort“, SESF, 123, hier ein Echo der Antike in der Aktualität) Die grammatische Form des Duals zwischen Singular und Plural gibt es im Deutschen nicht, aber sie wird hier im Ästhetischen, dem Wahrnehmen des paarigen Kontaktes zwischen Selbst und Wirklichkeit, verwendet. Die Antike gewinnt die Autorin wieder in dem von ihr neu benannten mittelmeerischen Prinzips Albert Camus‘, eine Sphäre, die sowohl Zeit als auch Raum ist: der „Mediterran“, der dem deutschen Sommer unvergleichliche Sommer des Südens (SESF, 18), der deutschen Landschaften unvergleichliche gastfreundliche Bereich „[a]lle Ufer Europas“ als Ursprungsraum der kulturfördernden Schifffahrt friedlicher Völker im Mittelmeer (SESF, 51).

Wie kommt die Autorin dazu, Doppelungen, Paarungen, Duale wie die Kulturdyade von Antike und europäischer Gegenwart im Mittelmeerraum zu gestalten? Zur Klärung dieser Methode gibt der Roman „Das Wasser unserer Träume“ Anlass. Alle grammatischen Kategorien als Ordnungssysteme sind aufgehoben: z.B. zwischen den Genera verbi Aktiv und Passiv („Wir können das Leben nicht machen, es hat uns gemacht“, WT, 123, „Und wer ist mein Erzähler, wer hält mich und dich zusammen“, 122). Wir sind ständig mit dem Ich-Erzähler in dem Dual von Innen- und Außenwelt, Leben in einem „Innenleben“ (122) und einem Leben im Außen, zwischen Akteur und Zuschauer (142), in einem Dual zwischen Wach- und Traumzustand, innerhalb und außerhalb eines Körpers, sowie in einem „Meer unserer Innerlichkeit“ (144), das aber in höchst präzisen medizinischen Metaphern entfaltet wird, vor allem einer Vision von ‚Blutbildern‘. Es handelt sich nicht um eine tabellarische Liste, den Fachbegriff des Hämogramms als in der Medizin standardisierte Zusammenstellung wichtiger Befunde aus einer Blutprobe, sondern um echte Bilder photographischer Art zu roten und weißen Blutkörperchen. Hier möchte man eine Parallele ziehen zu Robert Musils „Mathematik und Mystik in einem“ oder Gottfried Benns Chiffren. Der Ich-Erzähler vermag aktuell einen Menschen um ihn herum durch eine „Reise in seine inneren Farben“ (110) zu erkennen, er vermag es genauso wie sein „eigenes Blutbild im Geist heranzuziehen und es in Ruhe zu betrachten“ (92). Er sieht rote Blutzellen als „riesige Granatäpfel, leuchtend rote Kerne, rot wie Lava heißester Vulkane.“ Er kann auch bei anderen deren ‚Blutbild in sein Bewusstsein heranholen‘ (Snegi, den er als Pfleger „Internaut“ parallel zum kosmischen Astronauten nennt, 91, 152, 132, 117) und damit seine Lebensenergie mit eigener Diagnostik einschätzen: „Dabei bin ich so sehr am Leben, dass ich ihn lesen kann, ihn und seine roten und seine weißen Blutkörperchen. An der Dichte und an den Farben kann ich genau erkennen, ob er gut beisammen ist oder nicht.“ (110). Einander so zu lesen – diese Kunst bezeugt die Menschlichkeit auch an diesen Ort der Intensivstation.

Immer wieder wird der Zustand des „Inneren“ aufgerufen: etwas ist „vor meinem inneren Auge aufgetaucht“ (77), „Statt einer Biographie habe ich nun innere Augen“ (123). Mit dieser Metapher beschreibt die Philosophin Martha Nussbaum ihre Gefühlstheorie der mitfühlenden Phantasie als Sehen mit den Augen eines Anderen, die Solidarität des Nicht-Wegsehens als Basis des wieder zu gewinnenden Bürgersinns heutiger Zeit. Eine solche sinnenbasierte Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für den Anderen, philosophisch fundierte Ästhetik der Phänomene des Sehens, verbunden mit der ethischen Haltung einer Einsicht in Zusammenhänge, der Verbundenheit und Verwandtschaft der Menschen, macht den Faden der Erzählung im Roman aus. Es ist die Erzählung eines Lebenslaufes, der durch einen Unfall an eine Grenze gekommen ist und der im Krankenhaus neu beginnen wird. Wie ein Fluss sich ein neues Bett sucht, ist hier der scheinbar starre Körper aufgewühlt und aufbrechend zu einer „inneren Farbenreise“(57), immer wieder einer „Reise“ (65, 187, 198), einer „Durchreise“ (203), „wie ein Mensch auf einem Pilgerweg“ (33), er nennt sich „Pilger meines Lebens“ (33 ,77), im Vollzug des ‚Herzpilgerns‘ („Ich herzpilgere in die Erinnerung zurück, muss gehen lernen, ohne meinen Körper bewegen zu können“, 129).

Durch das Stichwort „Erinnerung“ ist ein zentrales Poetologem aufgerufen, welches in „Sterne erben, Sterne färben“ mit der Sprache als einem Erzählfluss verbunden wird: „Im Deutschen ist die Erinnerung ein Schutzgewand, eine Fügung; ein Fluß, in dem ich schwimmen kann und der mich ins Offene eines großen, gewaltigen Meeres hinausträgt, aber nie zu einem tränenden Sprach-Menschen macht.“ (SESF, 146) Die Bildstruktur, ja man könnte sagen, der Dual zwischen „Fluss“ und „Meer“, ist hier die Vollzugs-Einheit von aktivem Schwimmen und gelassen-geschenktem ‚Hinausgetragenwerden‘, ein Lebenslauf im Sinne des Hölderlinschen „Komm! ins Offene!“. Die Harmonie des Duals ist möglich, weil die Sprache Erinnerungen ‚kanalisiert‘, zum Ausdruck bringt, und die Sprechende davor schützt, „sich in der Trauer zu verstricken“ (SESF, 146).

In dem Roman „Das Wasser unserer Träume“ ist diese Bedeutung der Sprache durch das Setting in der extremen Schmerzzone zwischen Leben und Tod noch deutlicher spürbar als in der Adoleszenzphase einer Auswanderung von Kroatien nach Deutschland, wenn auch strukturell ein analoger Übergangsritus. Der Übergang auf der Ebene der horizontalen Lebensbewegung wird durch den Balanceakt zwischen den vertikalen Dimensionen von Tiefpunkten und Höhepunkten, Depression und Erhabenheit, gestaltet: „die Sprache hebt mich in die Höhe, läßt mich aber zugleich immer auf dem Boden, von der Erde aus betrachten“ (SESF, 146).

Der Ich-Erzähler im Roman erhebt sich, sich und seine Welt erzählend, gleichsam aus seiner liegenden Position, beginnt jetzt, in Sprache sein Inneres, das „Blutbild“ (WT, 91), zu sehen: „Aus hunderttausenden von Granatapfelkernen besteht mein Blut“ (92). Er entwickelt daraus ein Heilungsbild in der Farbe Rot: „Was könnte mich besser gesund machen als die Farbe selbst?“ (93), und beschwört diese Sicht als ‚Schirm und Schild‘-Energie: „Die soll von nun an und für alle Zeiten mein Granatapfelbund heißen“ (93).und Schließlich folgt daraus für ihn, dass „alle Menschen große Granatapfelgruppen bilden“ (96), und dieses Gesehene  eine ethische Grundqualität des Menschseins ist: „Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben“ (96), also im schutzlosen Raum des Patientseins im Krankenhaus.

Was heißt aber „inneres Sehen“? Vor allem, wenn das Werk in den vier Jahreszeiten gegliedert ist, mit dem Winter beginnend? Lassen sich die Farben der Jahreszeiten ohne den Blick aus dem Fenster, da der Ich-Erzähler ja ans Bett gefesselt ist, als wirklich „innere Farben“ gewinnen? Parallel dazu ist in „Sterne erben, Sterne färben“ ein Song zitiert, dessen Titel lautet: „Die Farben sind in uns“ (SESF, 145). Daran anknüpfend wird im Roman viel komplexer formuliert: „jeden Gedanken sehe ich als Farbe“ (WT, 97). Der Ich-Erzähler hat keine Kommunikationsmöglichkeit mit dem Außen, er ist gefesselt an sein inneres Sprechen, sein inneres Denken, seine innere Wirklichkeit als seine Welt. Ludwig Wittgensteins Tractatus-Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ gewinnt hier eine physische Vertiefung bis ins Abgründige, ist aber für den Prozess der Kunstschöpfung eine Chance.

Die philosophische Fundierung der Farbe ist dabei ihre Denkkraft: „Ideas are substitutes for sorrows […]. Wie Sterne am Himmel strahlt der Satz mich von der Zimmerdecke an. [...] wie Ideen stärker leuchten als der Schmerz“ (WT, 82). Der Ich-Erzähler bekennt: „Es ist kein Satz von mir, ganz viele Sätze, die mir zuarbeiten, sind nicht von mir. Sie meinen mich […] Woher er kommt, weiß ich nicht.“ Das Internet weiß dies, er stammt von Marcel Proust: „Happiness is salutary for the body, sorrow develops the powers of the spirit. Ideas are substitutes for sorrows.“ Warum Proust in englischer Sprache zitiert wird, muss hier offenbleiben, der Protagonist ist nach Flucht aus Europa „offenbar längst Amerikaner“ (WT, 220). Die Farben sind beim Ich-Erzähler mit den Sorgen verbunden: „das Wirbeln der Farben. Die Farben sind wirklichwilde Sprachen“ (WT, 84), „die Sorgen sind hungrige Leute, ihre Farben irren in dunkeldicken Spiralen umher wie hungernde Hunde“ (85), die Farben spiegeln deutlicher seine Gedanken wider, als Worte es könnten, da sie energisch aufgeladen sind und die Menschen in die gefährlich Zone einer Zerreißprobe führen, an Emotionen heran, denen sie sich aussetzen müssen, die sie nicht rational beherrschen und unterdrücken können.

Welche Farben sind im Innern? Offensichtlich ist bei dieser erforschend-entdeckenden Frage der Schritt vom Kapitel „Winter“ zum „Frühling“ der entscheidende. Während im Kapitel „Winter“(WT, 7-70) die Schwarz-Weiß-Schattierungen nur ahnend wahrgenommen werden („als ich noch keine inneren Farben sortieren und nur in Schattenabstufungen denken konnte“, 122), dienen im Kapitel „Frühling“ (WT, 71-114) die Farben, vor allem die Komplementärfarben Rot (Granatapfel, 92) und Grün, im Kapitel „Sommer“ (WT, 115-180) das Hören und Riechen und schließlich im Kapitel „Herbst“ (WT, 181-221) das Tasten („Meine Finger kribbeln. Ich spiele Luftklavier mit ihnen“, 181) dem Ausdruck seiner sich entfaltenden Gefühlswelt über seine Sinne.

Die Jahreszeit des Frühlings steht für das Wieder-Aufleben nach der Wintererstarrung, das Wachsen als genetischen Prozess. Das Wieder-Leben-Lernen des Protagonisten durch die erwachenden Sinne hat eine Parallele im Sprechenlernen, wie es die Autorin in „Sterne erben, Sterne färben“ beschreibt: „In Berlin fing ich an, die Sprache der Farben [...] zu lernen. […] Sobald ich an einem Text arbeitete, meldete sich das Spiel der Farben im Unterpfand der Wörter.“ (SESF, 144) Diese individualgeschichtliche Sprach-Genese führt die Autorin zu komplexen Thesen zum Thema „Sprache – Denken – Wirklichkeit“ und Einblicken in den Prozess ästhetischer Produktivität, der Kunst-Genese: „in dem das Schreiben Hand in Hand mit dem Glauben an die denkerischen Fähigkeit der Farben einherging. […] wie ein Lichtfaden zu den Sternen wirkte das manchmal, dieses Bild gab sich mir ein, war mein Führer durch die Weltgegend der Farben. Auf diese Weise bin ich schreibend zu den Sternen gereist.“ (SESF, 155) Neben diesem elaborierten Sprechen und Denken beherrscht Bodrozic dabei auch die knappsten Formen als Formeln: „Ohne die Farben läuft sprachlich nichts ab.“ (SESF, 157)

Somit sind „Farben“ wie „Sterne“ leitend. Die These ist durch die F-Alliteration sinnlich verbunden: „Ohne Farben keine Fragen“ (WT, 82) – und vice versa? Keine Fragen ohne den persönlichen Farbton? Das möchte man öfter fragen in diesem Roman: Körper und Kopf, Leib und Seele, Ursache und Wirkung, Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv, Anfang und Ende, Augenblick und Dauer, Punkt und Fläche, diese dianoetisch-grammatischen Kategorien wanken und lösen sich auf.

Die wichtigste Frage ist die nach der Beziehung zwischen Ich und Du, ihrer Nähe und Distanz, ihrer Verschmelzung und Trennung, die Relation der Liebe. Welche Farbe sich eignet, um diesen lebensbestimmenden Kontakt zur Sprache zu bringen, zwischen Liebesfreud und Liebesleid, ist naheliegend und vielleicht deshalb durch die Komplementärfarbe innovativ gebrochen. Im Mittelpunkt steht im Roman einerseits die Frucht des Mediterran bis zum Iran: der Granatapfel und sein blutendes Rot. Daneben aber erscheint durch ein als Lied populäres Federico Garcia Lorca-Gedicht „Romance sonambulo“ (1928) die Farbe Grün, der Kontakt zu ihr ist hier Flucht aus dem Schmerz. Zunächst summt seine Pflegerin „schmerzgrüne Zeilen“ (WT, 64, vgl. 54), um ein neues Leben als „Aufblühen“ zu beschwören, und dann vermag er: „ich sah in mein Gehirn hinein, bevor ich innerlich auf grüne Wiesen auswich, dem herrlich verlockenden Grün mich zuwandte, den hellen Farben dort, die mich liebten. Verde. Que te quiero verde“ (75f., vgl. 95). Diese Farbe kann gewonnen werden, weil ihr inneres Sehen physiologisch-psychologisch vorbereitet ist: „Zum ersten Mal seit meinem Unfall hat mein Bewusstsein sich in meinem Inneren wie in einem unermesslich großen grünen Wald ausgeruht, und ich habe aufgehört, in Sprache zu denken. Verde, que te quiero verde.“ Dieses Bild und die Wiederholung dieses Gedichtverses offenbart, was es heißt: „mich mit meiner inneren Farblandschaft zu verbrüdern“ (92). Die Kontaktaufnahme über Farben ist bezeugt in der Erinnerung an das Gesicht der Geliebten, „tief und wie aus einem Meer voller Farben sieht sie dich an“ (78). Die Menschen, die ihn verstehen, äußern sich analog, die ihn betreuende Frau Agni, seine sensible „Gedichtefrau“ mit ihrer „Büchertasche“ in Gestalt eines Kelims (100): „Seine Venen sind blau wie Flüsse“ (110), sie glaubt an die Lebenskraft des Patienten, hofft an die Fortsetzung seines Lebenslaufes nach der im Krankenhaus behandelten Krise.

Wie genau die Autorin die Farben aus dem kunstgeschichtlichen Zusammenhang kennt und ihrem Protagonisten als Gedanken eingibt, offenbaren Stellen wie: „Ich bleibe im Grün. Die Farbe ist ein Ort. Ich wachse langsam aus der Welt der Stille in die Öffnung der Worte hinein […]. Ungetarnt ist hier alles Gesang. […] Und weil das so ist, ist dies kein Vorhaben, wie das Bild einer Pfeife auch keine Pfeife ist“ (87), ein direktes Zitat des Klassikers der Sprachkritik: René Magrittes Bild „Der Verrat der Bilder“ (1928). Die Autonomie der Farbe – Chiffre eines freien Lebens „im Grün“, aber auch im Rot wie im Blau –, ist nicht durch eine normierte Sprache mit pragmatisch-utilitaristischer Verzweckung und Vereindeutigung auszudrücken. Was dieses Grün sein soll und wie man ‚in ihm bleiben‘ kann, ist die Ausdrucks-Aufgabe entweder eines kurzen Gedichts oder eines langen Romans bzw. einer Romanfolge. So benennt Bodrožić die Differenz literarischer Gattungen mit Farbennuancierungen, mit den Genres geht man gleichsam in einen Farbton hinein. „Das Alphabet hat ein Land. Jeder kann es betreten. Aber es gibt dort ein Tor zu durchschreiten. Je nachdem, aus welcher Richtung man auf es zugeht, verändert es seine Farbe (die eine Farbe führt zum Gedicht, die nächste zur Erzählung, die ihr folgende zum Roman und dann auch zu etwas Hybridem).“ (SESF, 123)

Insofern ist auch die Ehefrau des Protagonisten, die er vergessen hatte, Milena mit der Profession einer Philosophin (WT, 133), im Kapitel „Sommer“ eine „Frau mit den großen grünen Augen“ (118), „das unermesslich tiefe Grün dieser fordernden Frauenaugen“ (124), eine Auseinandersetzung des Paares ist angedeutet, warum werden sie nicht weiter miteinander leben, oder doch? Was ist aus der Vergangenheit noch klärend aufzugreifen? Hier endet der Roman mit offenen Fragen. Aber er ist der dritte Teil einer Romantrilogie, und deshalb wäre dann ein Blick auf die diesem Roman vorausgehenden Romane: „Das Gedächtnis der Libellen“ (2010) und „Kirschholz und alte Gefühle“ (2012) möglich und nötig.

Überhaupt bleibt das, was dem Unfall des Ich-Erzählers direkt vorausgegangen ist, unklar. Wenn es ein äußerer Anlass war, dann korrespondiert er auch mit einer inneren Zäsur. Denn die Kraft des Farbsehens und Färbens als ‚Farbsprechens‘ im Sinne der Essays „Sterne erben, Sterne färben“ hat eine Quelle, die zugleich Ende und Anfang ist: „Der Körper bricht zusammen, wenn die Sterne keinen Zugang zu unserem Brustland haben. Dieses Brustland hat sich bei mir nicht nur als ein Geysir der Gesundheit betätigt. Es hat auch Sprache magnetisch angezogen.“ (SESF, 92)

Erst durch ein scheinbares Ende findet man eine andere, eine innere wie äußere Sprache - diese magnetische Kraft der Sprache durch Marica Bodrožić wiederzugewinnen, dafür lohnt es zu lesen und mit offeneren, inneren Augen zu leben.

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Connie Ruoff schrieb uns am 14.04.2020
Thema: Siri Hustvedt: Wenn Gefühle auf Worte treffen

Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt bietet im Gespräch mit Elisabeth
Bronfen in »Wenn Gefühle auf Worte treffen« einen Zugang zu ihrem Werk und ihren
Gedanken. Elisabeth Bronfen zeigt sich sehr vertraut mit Siri Hustvedts Büchern. Es
ist eine Freude zuzuhören.

Elisabeth Bronfen ist Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen
Seminar der Universität Zürich. Sie promovierte über den literarischen Raum und
habilitierte über Darstellungen von Weiblichkeit und Tod. Seit 2007 ist die Kultur- und
Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin, Global Distinguished Professor an der
New York
University.

Der Aufbau „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
Das Gespräch wurde in sieben Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegliedert. Die Gliederung ist gut gewählt:
Anfänge
Das Abenteuer New York
Engagement für Feminismus
Der Zauber der Malerei
Das magische Reich der Fiktion
Das verwundete Selbst
Für eine Kultur der Sorgsamkeit im politischen Handeln
Der Leser erkennt die Vielseitigkeit und Tiefe, die in den Werken Siri Hustvedts vorhanden sind. Ich bin versucht, es einen ganzheitlichen literarischen Anspruch zu
nennen.

Anfänge „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt wuchs in Minnesota auf. Der Großvater stammte aus Norwegen. Die
Autorin erzählt über ihre Familie und ihr Leben als Selfmade Wissenschaftlerin und
Autorin. Ich bin immer wieder erstaunt, auf welch großen Wissensfundus oder Literaturfundus die Autorin zurückgreifen kann. Von „Jane Eyre“ über „Tristam Shandy“, „Middlemarch“ zu »Les Fleurs du mal«. Von Simone de Beauvoir über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, bei Edmund Husserl und den Phänomenologen verweilend zu
Georg Lacan und seinen Theorien, kann Siri Hustvedt mitreden.
Die Autorin liest viel und ist für alles offen, reflektiert ihren Erkenntnisfortschritt und
recherchiert weiter. Es ist Wissens erweiternd, ihre Spur aufzunehmen und mit zu
wandeln.

Das Abenteuer New York „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt beleuchtet in diesem Punkt ihre Faszination zu New York. Die Stadt
New York hat nicht nur für Siri Hustvedt eine große Bedeutung, sondern auch für
ihren Ehemann Paul Auster. Das lässt sich aus ihren Büchern lesen. Bei Paul Auster
sind es u. a. die »New York Trilogie« und bei Siri Hustvedt, denke ich umgehend, an
„Damals“.

Die junge S. H. als literarische Anfängerin, die nach ihrem Herkunftsort Minnesota
genannt wird, ist nicht mehr der gleiche Mensch, nachdem sie Jahre in New York ge- und erlebt hat.
Engagement für Feminismus „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Die Autorin hat schon als junge Frau Simone de Beauvoir gelesen. In der Einführung
zu »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen« stellt sich die Autorin mit
folgenden Worten vor:
»Ich liebe Kunst, Geistes und Naturwissenschaften. Ich bin Schriftstellerin und Feministin.«
Sie interessierte sich schon als junges Mädchen für die Rechte der Frau. Feminismus bedeutet für sie immer auch Freiheit. Und zwar die »Freiheit zu« genauso, wie
die »Freiheit von«.
Einige berühmten Künstlerinnen, die Nachteile daraus hatten, Frauen zu sein,
widmet sich die Autorin immer wieder in ihren Büchern, so z. B in „Damals“ Baroness
Elsa von Freytag-Loringhoven. Sie war eine deutsche Künstlerin des Dadaismus und
das als Muse, Aktmodell, Malerin, Bildhauerin, Dichterin und Rezitatorin. Das
berühmte Kunstwerk „The Fountain“ wird bis heute Marcel Duchamp zugeordnet,
obwohl es Beweise gibt, dass die Baroness die Schöpferin des Werkes war.

Der Zauber der Malerei „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ An dieser Stelle möchte ich auf einen ganz besonderen Raum eingehen, dessen
Bezeichnung Siri Hustvedt von ihrem Vater übernommen hat: »Yonder«, der Raum
zwischen Erinnerung und Phantasie, eröffnet ein tiefgehenderes Verständnis für Literatur im Zusammenhang mit dem eigenen Selbst. Vielleicht findet genau hier auch
die Begegnung zwischen Kunst und Betrachter statt. Als ich »Damals« und »Eine
Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen« rezensierte, habe ich mich mit Siri
Hustvedts Gedanken zu Kunst und Betrachter auseinandergesetzt.
Kunst entsteht in diesem Raum durch den Betrachter und das Werk. Mittels eigener
Vergangenheit und den erlittenen positiven wie negativen Schicksalsschlägen und
der jeweiligen Befindlichkeit zum Zeitpunkt der Betrachtung. Das ist der strukturierte
Raum, in dem dieses Kunsterlebnis entsteht und sich manifestiert. Gute Kunst
ermuntert den Betrachter, die Struktur aufzubrechen und neu zusammenzusetzen.
Vgl. Rezension „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen
Näheres dazu findest du im Essay »Meine Louise Bourgeois«. Hier entwirft die Autorin, wie Kunst und Betrachter interagieren. Sie schrieb auch Essays über Vermeer,
Goya, Chardin oder Morandi. Der Zauber besteht für Siri Hustvedt, die Werke dieser
Künstler immer wieder ergründen zu wollen und dann doch nicht ganz zu begreifen
und dabei oftmals mit neuen Eindrücken überrascht zu werden. Vermeer, Goya und
Louise des Bourgeois sind Künstler bei deren Werken die Autorin immer wieder
etwas Neues entdeckt, und die Analyse unter anderen Gesichtspunkten erneut einordnet.
Besonders beeindruckt hat mich Siri Hustvedts Essay über Pedro Almodovar und
Robert Mapplethorpe, aus »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Mir war Robert Mapplethorpe nicht bekannt. Über die Recherche zu Mapplethorpe, entdeckte ich Patti Smith wieder. Aber nicht als Godmother of Punk, sondern als einfühlsame Poetin in »Just Kids«.
Mit den Essays über Kunst gelingt es Siri Hustvedt, ihre in »Yonder« entstandene
Kunst empfindsam und lebendig an den Leser weiterzureichen. Beim »Lauschen«
des vorliegenden Gesprächs konnte ich viele Gedankengänge schrittweise nachvollziehen und verstehen.

Das magische Reich der Fiktion „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Zum magischen Reich der Fiktion passt besonders gut das Essay »Warum diese
Geschichte und nicht eine andere?«. Woher nimmt der Autor seine Ideen? Aus der
eigenen Biografie? Oder sind wir wieder an dem Punkt Erinnerung? An dem Punkt
zwischen Erinnerung und Fiktion? Besonders das
Z W I S C H E N
ist ein Bereich, den die Autorin immer wieder beleuchtet.
Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Vorstellung, unsere Erinnerungen werden in
einem Apothekerschrank verwahrt und wir müssen sie nur einfach aus der Schublade holen, ist das Erinnern ein komplexer Vorgang, dessen Ergebnis variabel ist.
Unsere Erinnerung wird mittels unserer Erfahrungen neu zusammengesetzt und
damit auch bewertet. Dadurch ist Erinnerung nicht statisch, sondern dynamisch.
Wenn unsere Erinnerungen dynamisch sind, was ist dann wahr? Wie wahr sind
unsere Erinnerungen. Die Erinnerung von gestern ist nicht identisch mit der Erinnerung von heute.
Jeder der schreibt, kennt das Gefühl, dass die Protagonisten ein eigenes Leben und
einen eigenen Willen zeigen und dass die Geschichte sich ungeplant weiter entwickelt.
Siri Hustvedt unterscheidet zwischen Sujet, bewusste Entscheidungen (Beispiele
hiefür sind: In welches Genre die Geschichte eingeordnet wird, die Erzählperspektive, sprachliche Gestaltung und das spätere Layout) und Fabula, dem was sich
in einer Geschichte ereignet. Fabula steckt im Autor, er weiß vielleicht noch nichts
Genaues, aber er ahnt ihr Vorhandensein und muss sie nur greifen. Das erinnert
mich an Platons Ideenlehre. Wir haben die Ideen in uns (a Apriori vor jeder Erfahrung), müssen sie erkennen und darauf zugreifen.
Deswegen wissen wir intuitiv, dass die Geschichte so nicht stimmt und ändern sie, im
Glauben, dass sich die Handlung verselbständigt hat, oder die Protagonisten
machen, was sie wollen. Und das wissen wir, obwohl wir im Schreibprozess zeitweilig die Welt einer anderen Person betreten. Nur dann wirkt es authentisch.

Das verwundete Selbst „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
In »Die zitternde Frau« verarbeitet Siri Hustvedt eigene Erfahrungen. Ausgelöst
durch den Tod des Vaters, überfiel die Autorin zeitweise ein unerklärliches Zittern.
Woher kommt das? Was sagen die Neurologen?
Indem sich die Autorin selbst als Fallbeispiel nahm, beleuchtete sie das Symptom
aus Richtung der Psychoanalyse, der Psychiatrie und den Neurowissenschaften.

Für eine Kultur der Sorgsamkeit im politischen Handeln „Wenn
Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt bemängelt, dass niemand ihre Zeichnungen zum Beispiel in »Damals«
kommentiert. Also ich finde gerade diese Zeichnung des »Mächtigsten Manns der
Welt« treffend. Als Siri Hustvedt im Frankfurter Schauspiel las, bekam sie Standing
Ovations, wegen ihrer politischen Haltung. Ich kann mich hier nur anschließen.
Die Autorin wuchs in Zeiten, in denen die Bürgerrechtsbewegung Thema der Abendnachrichten war, auf. Sie erinnert sich an Jimmy Carter und seinen unermüdlichen
Einsatz für die Bürgerrechte und ihr Entsetzen über die Wahl Ronald Reagans zum
Präsidenten.
Ich will jetzt gar nicht weiter spoilern, weil es sich alleine für diesen Punkt lohnt, einen
Blick ins Buch zu werfen.
Als Abschluss des Buches findet der Leser eine kleine Vita zu Siri Hustvedts Leben
und Werk.

Fazit zu »Wenn Gefühle auf Worte treffen«
»Wenn Gefühle auf Worte treffen« zeichnet ein lebendiges Bild von Siri Hustvedt. Ein
Bild, das genau das verkörpert, womit ich Siri Hustvedt verbinde. Wissen, Inspiration
und Motivation. Die Autorin erkennt die Bedeutung von Wissen, dass Wissen Macht
ist, nicht in dem Sinne jemanden zu beherrschen, aber in dem Sinne, dass man mit
Wissen, Probleme lösen oder vermindern kann. Wissen ist das Fenster zur Weisheit.
Wie schon erwähnt, war war ich April 2019 bei Siri Hustvedts Lesung im Schauspiel
Frankfurt. Sie zeigte sich genau so, wie ich mir »meine Siri Hustvedt« vorstellte. Ich
habe inzwischen ein paar Bücher von Siri Hustvedt und Paul Auster gelesen und
rezensiert und ich kann mich der Faszination beider Autorin nicht entziehen.
Ich werde bei meinen Ausführungen zu Siri Hustvedt und ihren Büchern und Essays
immer wieder zu Paul Auster, Siri Hustvedts Ehemann blicken, weil ich finde, dass
die Werke der beiden Autoren sich gegenseitig ergänzen. Beide profitieren voneinander, man könnte an einen Synergieeffekt denken.
Ich freute mich sehr auf das Buch »Wenn Gefühle auf Worte treffen«. Ich habe mich
über drei Monate mit dem Buch beschäftigt, weil es Siri Hustvedt immer wieder
gelingt, mich mit einem mir neuen bzw. unbekannten Thema zu begeistern, und mich
neugierig macht, dass ich mehr darüber wissen möchte.
Nun, bei »Wenn Gefühle auf Worte treffen«, habe ich mich nicht nur intensiver mit
der Autorin und ihren Werken auseinandergesetzt, sondern auch mit den »LacanTheorien«.
Siri Hustvedt ist für mich Inspiration und Motivation

Kampa Salon „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
Das Buch erschien im Züricher Kampa Verlag in der Reihe „Kampa Salon“, eine
Reihe, die ich leider erst durch dieses Buch entdeckt habe. Bei der Reihe handelt es
sich um interessante Gespräche, zwischen Künstlern, Schriftstellern, Menschen
denen man gerne lauscht. Aus dieser Reihe habe ich mir gerade Margaret Atwood
bestellt, weil ich „Der Report der Magd“ lese und recherchiere und Daniel Kehlmann
auf meine Leseliste gesetzt.

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Connie Ruoff schrieb uns am 02.04.2020
Thema: Eugen Ruge: Metropol

Josef Stalin, Lion Feuchtwanger und Lotte Germaine

oder


Es gibt in Moskau keine Hunde mehr.

Zum Inhalt »Metropol« Eugen Ruge
Eugen Ruge erzählt in »Metropol« einen weiteren Teil der Geschichte seiner Familien. Dieser Teil ergänzt »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Großmutter Charlotte wird zur Protagonistin des Romans.

Zeitgeschehen und Hintergrund
Der Leser wird in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten Weltkrieg entführt. Die Habsburger Monarchie ist gestürzt. Die russische Oktoberrevolution 1917 endete mit der Machtübernahme der linksrevolutionären Bolschewiki. Das Ziel war die Oktoberrevolution auf eine Weltrevolution
zu erweitern und die »Diktatur des Proletariats« zu errichten. Dafür wurde die Komintern, als straff organisierte kommunistische Weltpartei gegründet, um die Koordination und Leitung mit dem Ziel »Weltrevolution«, zu übernehmen.

Zu Beginn der 1920er Jahre, nach der Konsolidierung der Sowjetmacht, war die Partei für den Staat und das Ziel Weltrevolution verantwortlich. Das ändert sich wiederum 1924 nach dem Tod Lenins und dem folgenden Machtkampf, den Josef Stalin gewann. Ab 1927 war Stalin der alleine Herrscher. Die Komintern wurde zu seinem persönlichen Instrument und Werkzeug. Er trieb die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft voran und forcierte die Industrialisierung.

Ab 1934 begannen die Moskauer Schauprozesse mit den »Säuberungen«. Seine politischen Gegner, ein Großteil der höheren Parteifunktionäre und Minister wurden in diesen öffentlichen Prozessen, die von der Weltöffentlichkeit als Inszenierung entlarvt wurden, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Jegliche Opposition wurde ausgeschaltet. Der Personenkult um Stalin wurde immer größer.

Auch der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger spielt eine Rolle in »Metropol«. Er war 1937 zwei Monate Ehrengast, Gesprächspartner Stalins und Beobachter im zweiten Moskauer Schauprozess. Während dieser Zeit erschien in der Sowjetunion eine Gesamtausgabe seiner Werke und der Roman »Die Geschwister Oppenheim« wurde verfilmt. Lion Feuchtwanger schrieb darüber das Buch »Moskau 1937«, das er selbst einen »Reisebericht für meine Freunde« nannte.

Lotte und Jean Germaine
Charlotte, die in Deutschland mit Haftbefehl gesucht wurde, gehörte zu den deutschen Kommunisten, die aus Angst vor den Nationalsozialisten nach Russland flohen. Nun in Moskau sind Charlotte und ihr Lebensgefährte Wilhelm für die Komintern tätig. Aus Charlotte und Wilhelm werden Lotte und Hans Germaine.

Stalin weitet seine Macht aus und verfolgt gnadenlos alle Gegner. Lotte und Hans erleben die zweite Säuberungswelle. Mit Schrecken erfahren die beiden, dass einer dieser »Volksfeinde« M. Lurie – Mossej Lurie, der eigentlich Alexander Emel hieß, sein soll.

»Charlotte hört ihr Herz pochen, so laut, dass es Wilhelms Schnarchen ein paar Schläge lang übertönt. Vorbereitung von Anschlägen auf Stalin, Molotov, Woroschilow … Unglaublich, was vor sich geht. Fast spürt sie etwas wie Wut. Wozu die ständigen Parteisäuberungen und Überprügungen?«

Kurze Zeit später werden die Beiden ohne Angabe von Gründen von ihren Aufgaben bei der Komintern freigestellt und im berühmten Moskauer Hotel »Metropol« interniert. Eineinhalb Jahre in einem Hotel fast schon eingeschlossen. Nun gibt es eine Zweiklassengesellschaft im Metropol. Zahlende Gäste und internierte Genossen. In dieser Zeit werden aus Genossen schnell Volksfeinde und von denen wird die Partei gesäubert.

Gegen Ende des Buchs erfährt der Leser, dass Wilhelm und Charlotte denunziert wurden.

Eugen Ruge - Metropol Weltkugel
Der Aufbau »Metropol« Eugen Ruge
Im Prolog bereitet Eugen Ruge den Leser auf die Geschichte von Charlotte vor. Im Epilog erzählt der Autor die Hintergründe und die erstaunliche Entstehungsgeschichte des Buchs.

Der Schriftsteller zeigt das Geschehen aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Der Leser nimmt die Position von Hilde (der ersten Frau Wilhelms), Wassili Wassiljewitsch Ulrich, Vorsitzender des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR und Vorsitzender dieser Schauprozesse.

»Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, was er denkt. Vermutlich ist das seine Stärke. Lehnt sich zurück, hört zu. Raucht sein Pfeifchen … Das konnten sie alle nicht, Trotzki, Sinojew, Kamenew: schweigen. Mussten immer reden, sich in den Vordergrund spielen. Während Stalin im Hintergrund seine Fäden spinnt.«

Der Schwerpunkt liegt aber auf der Perspektive von Charlotte.

Alle drei haben ihre persönlichen Probleme, aber auch Schwierigkeiten mit dem System und Stalins Säuberungsaktionen.

Im Buch wurden die im Text vorkommenden Briefe als Bild, entweder von Hand, oder mit der Maschine geschrieben, eingefügt. Das gefällt mir gut. Das wirkt sehr authentisch.

Das Ebook ist im Scoobe Katalog enthalten.

"Metropol" Eugen Ruge 1
Das Hörbuch »Metropol« Eugen Ruge

Die ungekürzte Hörbuchfassung »Metropol« wird wirkungsvoll und beeindruckend von Ulrich Noethen und Ulrike Krumbiegel gelesen. Der Audioinhalt hat eine Länge von 12 Stunden und 29 Minuten. Das Hörbuch wurde am 8. Oktober 2019 im Argon Verlag veröffentlicht.

Ich habe »Metropol« mit Audible gehört. Der andere Teil der Geschichte der Familie Ruge trägt den Titel »In Zeiten des abnehmenden Licht«, und ist ungekürzt im Bookbeatkatalog enthalten.

Eugen Ruge

Der Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor Eugen Ruge ist der Sohn von Wolfgang Ruge, der selbst gegen Mitte und Ende der 1930er Jahre in Moskau Geschichte studierte und den selbst Stalins Terror erlebte, bis er wegen seiner deutschen Herkunft nach Kasachstan deportiert wurde und ein Jahr später als Zwangsarbeiter in ein Straflager des Gulags in den Nordural verschickt wurde. Erst 1956 gelang Wolfgang Ruge mit Frau und Sohn, die Ausreise in die DDR und er wurde einer der bekanntesten Historiker, der sich intensiv mit dem Aufstieg des Faschismus beschäftigte.

1988 siedelte Eugen Ruge in die Bundesrepublik über. 2011 veröffentlichte er seinen mit dem deutschen Buchpreis gekrönten Debütroman »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Darin trägt der Historiker Kurt Umnitzer die Züge von Wolfgang Ruge.

Kritik »Metropol« Eugen Ruge

»Grand Hotel Abgrund« von Stuart Jeffries war das letzte Buch, das ich rezensierte. Es ist ein Buch über die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Die Frankfurter Schule beschäftigt sich mit den Theorien des Marxismus. Deswegen war es für mich unheimlich interessant, ein Buch über die praktische Umsetzung dieser Theorien zu lesen. Wie lebt man in einem Staat, der von einem machthungrigen Faschisten regiert wird. Eugen Ruge hat vor Ort recherchiert. Er hat sich intensiv mit der Geschichte seiner Großmutter beschäftigt. Eine Großmutter, deren Geheimnis er erst langsam entblättert.

Der Autor gibt einfühlsam die Resignation, Angst und Handlungsstarre der Beteiligten wieder. Hotelgäste in einem Grand Hotel, die in Schockstarre auf ihre Abholung, Verhandlung und im schlimmsten Fall sogar Hinrichtung warteten. Keiner kann dem Anderen trauen.

»Metropol« von Eugen Ruge ist ein Buch, das aufhorchen lässt. Ein Buch, das den Leser daran erinnert, wie wichtig es ist, unsere Demokratie zu stärken und gegen jeglichen Faschismus, unabhängig davon in welchem Kleid dieser erscheint, Links oder Rechts, zu schützen.

Ich wusste nicht viel über diese Zeit und habe beim Lesen viel über den Zeitgeist und der Ära des Marxismus unter Stalin erfahren, das mich ermunterte, ein wenig weiter über diese Zeit zu recherchieren.. Eugen Ruge hat einen Roman geschrieben, der sich nicht nur mit den historischen Daten dieser Zeit beschäftigt, sondern auch mit dem Elend der Menschen.

Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

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