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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 01.06.2026
Thema: Margret Schepers: … und wir träumten vom Matriarchat
https://mittelhaus.com/2026/05/31/margret-schepers-und-wir-traeumten-vom-matriarchat/
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Armin König schrieb uns am 31.05.2026
Thema: Sinkende Sterne: ein Mix aus Sintflut, Klimakatastrophe, Lebenskrise, Alpenmythen, Philosophie, Gend
Eine Naturkatastrophe im Wallis, eine Sintflut mit Untergang eines ganzen Tals in Zeiten der Klimakatastrophe, eine Regression des eidgenössischen Dorfes Leuk ins Archaisch-Faschistisch-Machtpolitische Kleinklein, Fremdenfeindlichkeit, martialische Grenzkontrollen, Kultur- und Wissenschafts- und Gender-Kritik, eine veritable männliche Sinn- und Lebenskrise, Künstlergeschichte eines einsamen Autors, zarter Liebesroman, grandioses Alpenpanorama, Phantastik und Schattengeister, Archäologie der Erinnerungen: Das ist das fulminante Setting des neuen Romans von Thomas Hettche: »Sinkende Sterne«. Die Kritiker haben gejubelt – bis auf einige Wenige.
Darf man den Autor und die ihn lobenden Kritiker trotzdem hart kritisieren? Wo es doch um existenzielle Fragen unserer Zeit geht, in der Grenzziehungen, Abschottungen, Fremdenfeindlichkeit, Diversität, Religionskritik, Männerschwäche, Identität, faschistische Machtfantasien die Schlagzeilen beherrschen. Man darf.
Hat Hettche denn nicht alles aufgenommen, was derzeit am Wegesrand der Tagespolitik zu finden ist? Das hat er. Aber genau das ist das Problem: Die Überladenheit, die Überfrachtung, die fehlende Tiefe. Alles und nichts kommt vor. Es ist eine Art philologisch-philosophischer Druckbetankung mit In-Themen, letzten Sinn-Fragen und erotisierender Sehnsucht. Es soll klug und massentauglich daherkommen – im bequemen Häppchenstil erzählt.
Cui bono? Wem nutzt dies?
Am Schluss des Romans, der nahezu fragmentarisch im Offenen endet, bleibt vielfach Ratlosigkeit der Leserinnen und Leser. Die Erfahrenen unter ihnen posten dies auch in Literaturzirkeln.
Kritisch darf man die Kritikerinnen und Kritiker fragen, ob sie den Roman denn tatsächlich zu Ende gelesen haben oder ob sie pars pro toto die spannendsten Teilstücke ausgewählt haben, um darauf ihr Urteil fürs Ganze zu begründen. Nehmen wir an, dass es nicht so war. Es ist dann trotzdem legitim, zur herrschenden Kritikermeinung ein abweichendes Urteil vorzulegen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich einer gegen alle stellt.
Einer gegen alle – Der Dichter und sein Henker
„Der Dichter – und sein Henker“, so hat die Süddeutsche Zeitung ihre Buchkritik zum Roman Woraus wir gemacht sind in Anlehnung an Friedrich Dürrenmatts Richter und sein Henker überschrieben. Der prominente Dichter ist Thomas Hettche, der prominente »Henker« ist der SZ-Kritiker Thomas Steinfeld. Die Kritik, die man böse nennen kann, ebenso wie den Titel der Kritik, beginnt mit den Worten: »Alle Kritiker beugen ehrfürchtig die Knie vor Thomas Hettches neuem Buch ›Woraus wir gemacht sind‹. Alle Kritiker? Nein. Einer nicht. Unserer.« 2010 war das. Hettche stand gerade auf dem ersten Platz der SWR-Bestenliste, ausgewählt von »zweiunddreißig der bekanntesten deutschen Literaturkritiker« Deutschlands, für die es »das beste literarische Werk dieses Monats« September 2010 war. Die Jury des Deutschen Buchpreises hatte den Roman in ihre Shortlist aufgenommen. Für sie gehörte »Woraus wir gemacht sind« nach den Regeln des Preises »zu den sechs besten Büchern der jüngsten Zeit«.
Steinfeld war überhaupt nicht einverstanden mit dem Votum seiner Kolleginnen und Kollegen. „Kann es sein, dass sich so viele tüchtige Menschen irren?« fragte der ebenso tüchtige SZ-Kritiker. Seine Antwort: Ja. Er kritisiert schiefe Metaphern, schlechtsitzende Sätze, Kitsch, den Versuch, »die Metapher als Knalleffekt benutzen zu können« und präzisiert dies auch: » Wenn Thomas Hettche nur beschreibt, eine Landschaft, ein Auto, ein Pferd im Regen, wenn er sich ganz seinen Gegenständen überlässt, ist er anschaulich, lebendig, präzis. Leider geschieht das selten. Eine Gier sitzt ihm im Nacken, ein fataler Ehrgeiz, es nicht bei einer angemessenen Beschreibung bewenden zu lassen, sondern sie - und sich selbst - in einem fort übertreffen zu wollen […].« (Steinfeld 2010)
Und nicht nur das: »Das alles aber ließe sich ertragen, wenn es nur um die paar Stunden trivialer Unterhaltung ginge. Doch dieses Buch will nicht nur sprachlich, sondern auch konzeptionell anspruchsvoll sein, es will auch intellektuell überzeugen.«
Steinfeld kritisiert die »Versatzstücke und Erkennungsmarken« für den »Kreis der Bescheidwisser und Erfahrenen«, die so typisch für die Internet-Google-Twitter-X-Generation sind. Der Verriss wird aber noch härter, wenn der Kritiker bei Hettche die Mischung aus Philosophie, Erotik und Metaphysik aufs Korn nimmt: »Immer, wenn es spannend werden soll, versteigt sich Thomas Hettche in metaphysische Gemeinplätze, in einen sauren, poststrukturalistischen Kitsch, der sich seine Inspiration bei Michel Foucault abgeholt hat, in der längst bis an den Grund der Peinlichkeit zerredeten Metapher vom Menschen, der hinwegspült wird wie ein Gesicht im Sand.«
Im neuen Roman »Sinkende Sterne« ist es nicht der Sand, sondern das Wasser des neuen Sees, der durch die Sintflut und den Bergrutsch im Rhonetal entstanden ist. Steinfelds gnadenlose Einschätzung: »Thomas Hettche unternimmt in diesem Buch - nicht zum ersten Mal übrigens - den Versuch, intellektuell und trivial zugleich zu sein, mit dem ganzen großen Anspruch eines deutschen Schriftstellers in die Welt der Unterhaltungsliteratur vorzudringen.
Er will den Erfolg, er will ein richtiger Dichter sein, der die Massen betört. Es wird dieses Motiv sein, das die Kritik an ihm schätzt: dass es da einen gibt, der den Sprung hinaus tun will, hinaus aus dem Ernsten und Schwierigen in das Leichte und Beliebte, aber so, dass er doch den seriösen Charakter nicht ganz verliert. An der Überzogenheit dieser Anstrengung zum Tiefsinn aber geht das Buch zugrunde.«
Was dieser brutale Verriss mit Hettches neuem Roman »Sinkende Sterne« zu tun hat? Alles. Wieder haben viele Kritiker den Roman gelobt – von Hubert Winkels (SZ) über Cornelia Geißler (FR) bis Philipp Theison (FAZ), Roman Bucheli (NZZ) und Dennis Scheck (ARD). Nur Angela Gutzeit (Deutschland) wagt es, den Hettche-Roman zum Schluss ermüdend zu finden. Und wieder kann man ähnliche Kritikpunkte anbringen wie Thomas Steinfeld 2010. Und auch das große Thema taucht ja wieder auf: Woraus wir gemacht sind. Und vielleicht auch: wie wir verschwinden – als sinkende Sterne. Seriöse Überzogenheit und kitschige Heimattümelei – ist das das neue Problem? Wir wollen dem populären Dichter nicht Unrecht tun.
Hettches Zitier- und Linkwut
Hat Hettche als etablierter Autor die Freiheit, an seinen Ambitionen zu scheitern? An seiner Belesenheit? An seiner Zitierwut? An seinen Links und Querverweisen?
Darf er, was man jedem Debütanten, jeder Debütantin ankreiden würde: allzu ambitioniert alles und jedes in einen 208-Seiten-Roman packen, um am Schluss den Faden zu verlieren, den er in »Herzfaden« so brillant zusammengebunden hatte?
Hettche will alles: Sein Ausgangspunkt ist einerseits die Sintflut der Bibel (Noah taucht als Noe auf), andererseits Homers Odyssee mit der Blendung des Polyphem und Bezirzung durch Kirke als Heldenreise. Das ist das Muster, aus dem große und kleine Romane gewebt sind. Auch Hollywood liebt die Heldenreise als Konstruktionsplan dramatischer Geschichten. Bald folgt der Link zu Dantes Göttlicher Komödie und zu den Geschichten aus tausendundeiner Nacht mit der um ihr Leben erzählenden Sherezad (Sheherezade). Seinem Schüler Dschamil, dem Einzigen, der ihm geblieben ist an der Uni, bevor er als Dozent »entsorgt« wird, legt der Ich-Erzähler Hettche die Sindbad-Erzählung ans Herz, um durch Lektüre und Umsetzung des Gelesenen in Literatur selbst zum Künstler zu werden. Odysseus Hettche selbst landet nach einem für ihn schrecklichen Vorladungs-Termin (er soll ausgewiesen, das Chalet seiner Eltern zwangsversteigert werden) beim neuen anachronistischen Faschisten im Wallis , dem Kastlan, der nach einer Umweltkatastrophe die Macht in einer abgeschiedenen Bergregion im Rhonetal übernommen hat.
Hettche findet seine Jugendliebe Marietta und deren bezaubernde Tochter Serafina wieder und lässt sich auf deren Märchen, Mythen und Dialekt-Erzählungen ein, hat Sex mit Marietta, geht mit ihr auf die Alpe, um Käse herzustellen, kehrt zurück in die karge, kalte Behausung seines verstorbenen Vaters. Hettche lässt einen Vater-Sohn-Komplex aufblitzen, eine unverarbeitete Schuld, weil er nicht zur Beerdigung seines Vaters ins Wallis gekommen ist. Zu den Ankerpunkten gehört die Serafina-Geschichte. Auf den ersten Blick ist es nur die Story einer unangepassten Tochter, die im Lebensmittelladen ihrer Mutter Marietta aushilft, merkwürdige Sätze spricht und Sagen des Wallis rezitieren kann. Auf den zweiten Blick verbergen sich hinter dem Namen Serafina andere Bedeutungen: Da sind die Serafinen der Göttlichen Komödie, die im Paradiso zu Hause sind, dem dritten Teil des bedeutenden Werkes. Die Engel spielen auch in den Duineser Elegien Rilkes eine Rolle, die dieser im Wallis fertiggestellt hat.
Es folgt ein furios-fantastisches Intermezzo bei einer schwarzen transsexuellen Bischöfin, die ihrer Soutane lüstern öffnet. Später landet Hettche an Rilkes Grab, dessen Lebensgeschichte ebenso angerissen wird wie die Duineser Elegien, die die Chateau-de-Muzot-Zeit Rilkes mit seiner Geliebten Balladine Klossowska und deren Sohn Balthus, um schließlich im allerletzten Abschnitt des Romans auch noch das Chalet Balthus, die Gräfin Setsuko und David Bowie ins Spiel zu bringen.
Es ist eine geradezu schwindelerregende Kopräsenz all der Figuren, die real und erfunden, mythisch und mystisch als Schatten und Wiedergänger durch den Roman fliegen, auftauchen und wieder unterzutauchen und im Heideggerschen Sinne zu nichten. Manche tauchen nur kurz auf wie Sternschnuppen, um kurz darauf zu sinken und wieder zu verschwinden, andere haben wie in einem schnell geschnittenen Filmclip wiederkehrende Auftritte. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Hettches Männer- und Lebenskrisenroman (»Männer sind sinkende Sterne«) nimmt Anleihen bei der Film- und Seriengeschichte (Fritz Lang, Ich denke oft an Piroschka, Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jean Luc Godard, Isabelle Huppert, Star Wars, The Sopranos) und zappt sich durch die Jahrzehnte. Philosophisch bezieht sich Hettche auf Thomas Hobbes, Nietzsche, Jean-François Lyotard, den heiligen Michel »Saint Foucault«, und Judith Butler und auch Heidegger (Todtnauberg) und der unselige Nazi-Jurist Carl Schmitt tauchen kurz auf der Leinwand auf, was angesichts des Settings einer Naturkatastrophe mit der Regression des Walliser Tälchens zu einem faschistischen Retro-Fürstentum durchaus schlüssig ist.
Proust wäre zu nennen, Kafka, Virginia Wolfe, der Dichter Hettche, der sich selbst zitiert, die Buchrücken von Willi Heinrich, Heinz G. Konsalik, Proust, Cronin, Danella, Knef, Simmel, die allesamt im verlassenen Chalet der toten Eltern stehen sowie die neueren Bücher bei Dschamil: Colson Whitehead, Leila Slimani, David Foster Wallace, Fuad Rifka, Gottfried Benn, Cormack Mc Carthy, Wolfgang Herrndorf, Georg Büchner, Giuseppe Tomaso de Lampedusa. Schließlich fehlen noch die von Hettche nicht Genannten, die aber doch durch Querbezüge eine Rolle spielen: Esther Kinsky, Christian Kracht, Hermann Hesse, Thomas Mann…
Vor allem aber muss man Hettches großes Vorbild nennen, Wilhelm Raabe, den Vorkämpfer des poetischen Realismus, der mit Stopfkuchen, Die Innerste, Das Odfeld gesellschaftskritische Romane und Erzählungen schrieb.
Sind all diese Verweise, Querbezüge und Links nicht ein bisschen viel für einen Roman, den man wegen seines Umfangs und seiner Thematik auch eine Novelle nennen könnte? Er ist es ja auch – auf der Grundlage eines unerhörten, einmaligen Ereignisses bei Heinrich von Kleists Erdbeben von Chili.
Ja, es ist ein bisschen zu viel des Guten. Ein schöner Roman ist es trotzdem. Und viel Gutes ist ja auch unterhaltsam und bildend.
Armin König
Thomas Hettche: Sinkende Sterne
Kiepenheuer&Witsch 2023
224 Seiten
ISBN: 978-3-462-05080-6
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Johannes Chwalek schrieb uns am 13.05.2026
Thema: Adalbert Stifter: Sämtliche Erzählungen
Das feine weiße Linnen
Über Adalbert Stifters Erzählung „Kalkstein“
Viel ist geschrieben worden auch über diese Erzählung Stifters, die zuerst unter dem Titel „Der arme Wohltäter“ erschienen war und dann in überarbeiteter Form und mit neuem Titel in die Sammlung „Bunte Steine“ aufgenommen wurde. Die Rezensenten nennen den Pfarrer vom Kar – womit eine trostlose Gegend bezeichnet ist, zu der sich keiner seiner Amtsbrüder gern versetzen lässt – einen Menschen, der am Leben vorbeilebt, weil er sich übertriebene Sparsamkeit auferlege, mit der Bibel als Kopfkissen auf einer Holzbank nächtige, die Mahlzeiten äußerst frugal halte und immer die gleiche einfache und graue Kleidung trage – mit einer feinen Besonderheit, auf die ich zurückkomme! Andere Rezensenten heben die Gewitterszene hervor, bei welcher der Pfarrer eine brennende Kerze ins Fenster stellt und in stiller Betrachtung so lange verharrt, bis das Gewitter vorübergezogen ist, und bringen diese Szene in Zusammenhang mit der berühmten literarischen Fehde, die Stifter mit Friedrich Hebbel geführt hat. Wieder andere Rezensenten sprechen von Ähnlichkeiten mit Werken späterer Autoren, etwa Kafkas „Schloss“ oder Erzählungen von Thomas Bernhard. Ich beschreibe hier einen Aspekt, den ich als entscheidend erachte: Stifters Erzählung ist eine Liebesgeschichte, eine der zartesten und zugleich nüchternsten, die ich kenne. Nüchtern deshalb, weil die Frau, um die es geht, längst aus dem Umkreis des Pfarrers verschwunden ist. Sie war ein Nachbarmädchen, die er in seiner Jugend sah, wenn sie schöne weiße Wäsche im Garten zum Trocknen aufhängte. Er verliebte sich in sie, konnte ihr jedoch allenfalls verstohlen die Hände durch den Zaun reichen; mehr erlaubten die Konventionen nicht. Kurze Zeit später wurde das Nachbarmädchen verheiratet, und der künftige Pfarrer wollte sich die Seele aus dem Leib weinen. Er geht seinen Weg und hat nichts dagegen, sich in eine einsame Gegend – das sogenannte Kar – beordern zu lassen. Dort versieht er Jahr um Jahr seinen Dienst und gilt als Sonderling und Geizhals. Der Ich-Erzähler, ein Landvermesser, sieht den Pfarrer zum ersten Mal bei einer Festgesellschaft, wovon sich dieser aber früh verabschiedet. Er kann noch beobachten, dass der Pfarrer unter den Ärmeln seines abgetragenen grauen Rockes feines weißes Linnen trägt, das er stets von neuem verschämt in den Ärmel zurückschiebt. Was hat es damit auf sich? Jahre später, als der Landvermesser beruflich ins Kar geschickt wird, erneuert und vertieft er die Bekanntschaft mit dem Pfarrer. Er erfährt, dass die Kinder im Kar einen weiten und gefährlichen Schulweg haben, bei dem ihnen der Pfarrer hilfreich zur Seite steht, etwa wenn der Fluss über die Ufer getreten ist, den die Kinder durchqueren müssen. Ohne auf seine Gesundheit zu achten, steht der Pfarrer im strömenden eiskalten Wasser, bis jedes der Kinder sicher ans Ufer gelangt ist. Die Gleichgültigkeit gegenüber den äußeren Dingen seines Lebens, wozu ihm anscheinend selbst noch sein Körper zählt, korrespondiert mit der einzigen Liebeserfahrung seines Lebens. Kinder konnte der Pfarrer mit seiner Jugendliebe nicht haben, aber es gibt andere Kinder, für die er nun alles geben kann. Sein angeblicher Geiz hat den einzigen Hintergrund, dass er für eine Schule sparen will, um den Kindern den langen Weg abzunehmen. Dem Landvermesser, der wieder in andere Gegenden muss, berichtet er von seinem Testament und gibt ihm eine Kopie zur Absicherung, falls sein Exemplar auf irgendeine Weise verschwinden sollte. Nach dem Tod des Pfarrers erfahren alle wenigstens zum Teil, wer er gewesen ist. Das regelrecht vom Mund abgesparte Geld reicht nicht für den Bau einer Schule, auch nicht der Verkauf der Habseligkeiten des Verstorbenen, wenn sich darunter auch das feine weiße Linnen befindet. Aber die Angelegenheit spricht sich herum und es finden sich Gönner, die gerührt spenden.
Die Rezensenten, die den Pfarrer hoffnungsloser Resignation zeihen, verstehe ich, aber haben sie nicht Unrecht? Vergessen sie nicht das feine weiße Linnen?
Johannes Chwalek
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Johannes Chwalek schrieb uns am 12.05.2026
Thema: Thomas Berger: Das andere Jahr. Literarische Streifzüge. Königshauses & Neumann 2026
Bleiberecht im unerschöpflichen Raum der Worte
Thomas Bergers Resümee-Schrift „Das andere Jahr. Literarische Streifzüge“
Der Haupttitel von Thomas Bergers Alterswerk erschließt sich nicht sogleich – und erfüllt damit seinen Zweck; „Das andere Jahr“ eröffnet Assoziationsräume. Wird eine Handlung beschrieben, die unerhört ist und deshalb der Erinnerung und des Nachdenkens wert ist? Die einer spannenden Dramaturgie folgt mit einem atemberaubenden Höhepunkt? Der Untertitel „Literarische Streifzüge“ scheint weniger für derartige Überlegungen zu sprechen. Denn Streifzüge ereignen sich auf der realen oder metaphorischen Ebene in verschiedene Richtungen, sie sind offen für Überraschungen, legen es sogar regelrecht darauf an. Der Plural deutet zudem auf das Bestreben nach mehreren oder vielen Überraschungen hin. Die beiden Mottos, die Thomas Berger seiner Schrift voranstellt, grundieren weiterhin die Idee, welche die Leserschaft vom vorliegenden Werk gewinnen mag. Der Gedanke Goethes, dass nur derjenige eine Chronik schreibe, dem die Gegenwart wichtig sei, charakterisiert die grundsätzliche Haltung, welche der Verfasser seinem Schreibvorhaben entgegengebracht hat, nämlich aufmerksam und offen zu sein für das, was sich ereignet in der Gegenwart des Jahres 2025, seinem Hier und Jetzt. Der Leitspruch Lichtenbergs, sich zu bemühen, nicht unter seiner Zeit zu sein, setzt der bloßen Aufmerksamkeit und Offenheit noch eins drauf, indem das Bemühen eingefordert wird, aktive Teilhabe den Vorkommnissen und Ereignissen zu widmen.
Die Hinleitung der Leserschaft für das fünfhundertfünfundsiebzig Seiten umfassende Buch kulminiert im Eintrag zum 1. Januar 2025. Dort ist von einem hybriden Werk die Rede, welches „Elemente einer Chronik mit denen eines Tagebuchs“ vereine. Es ergäben sich „Bezüge zu öffentlichen Vorgängen und Entwicklungen im Verlauf des Jahres“ wie „persönliche Beobachtungen und Erlebnisse, Stimmungen und Aktivitäten sowie Reflexionen über verschiedenartige Themen.“ (S. 11) Ein denkbar weiter Rahmen ist damit skizziert, der vieles umfassen kann, so wie ein Jahr die unterschiedlichsten Vorkommnisse zeitigt.
Abgeschlossen wird der erste Eintrag im Diarium von der Überlegung, dass die sprachliche Fixierung unterschiedlichster Inhalte auch vom archivarischen Gedanken motiviert ist: „Nicht wenige der Vorkommnisse, Gedenktage, Jubiläen, Veranstaltungen, Eindrücke und Gedanken würden, gelängen sie nicht zur Sprache, im Fortgang der Zeit verblassen oder gar dem Vergessen anheimfallen. Im unerschöpflichen Raum der Worte gewinnt, was ist, ein Bleiberecht – weit über den Tag hinaus.“ (Ebd.) Mit diesem methodischen Rüstzeug ausgestattet, kann der „weiße Vogel“, wie es im Einleitungsgedicht zum Monat Januar heißt, seine „weite Reise / durch das Jahr […] beginnen“. (S. 12) (Gedichte des Autors leiten jeden Monat ein, auch werden teilweise fremde Gedichtzeilen zitiert, was den Streifzug-Charakter des Buches betont und ihm eine poetische Note verleiht.) Es soll – um im Bild zu bleiben und diesen Gedanken noch hinzuzufügen – ein resümierender Abschiedsflug werden. Thomas Berger blickt dabei zurück auf seinen bis dato beinahe zehnjährigen Ruhestand, der mit großer Umtriebigkeit hinsichtlich Publikationen und öffentlichen Auftritten als Redner, Rezitator und Projektleiter gefüllt war, sowie auf sein gesamtes Leben. Er merkt: „das Alter fordert, spürbar im Körper, vernehmlich seine Rechte ein.“ (Ebd.) Er will das „Aufhören“ einüben. Dies unternimmt er mit der Abfassung seines dickleibigen Alterswerkes auf nachdrückliche Weise. Die Vermutung liegt nahe, Thomas Berger wolle sich mit einem letzten großen Werk aus der Literaturszene verabschieden. Zeitlich schließt sich die Abfassung von „Das andere Jahr“ unmittelbar an die Veröffentlichung seiner Schriftsteller-Trilogie über Stefan George, Franz Kafka und Eduard Mörike an; es handelte sich – wenn die letztgenannte These von den Umständen des Abschieds aus der Literaturszene aufrechterhalten wird und um die Schriftsteller-Trilogie erweitert werden mag – tatsächlich um eine höchst beachtliche Energieleistung. Bei näherem Hinsehen scheint diese Energieleistung jedoch beide Möglichkeiten plausibel zu machen: Den Schlusspunkt zu setzen nach einem letzten gewaltigen Arbeitsergebnis von vier veröffentlichten Büchern innerhalb von drei Jahren (2024 bis 2026) – oder Zweifel zu säen, dass ein Autor mit diesem Schreib-Vermögen es tatsächlich fertigbrächte, die Tastatur seines Laptops zu schließen. So bleibt zu hoffen, dass die zweite Möglichkeit eintritt und Thomas Berger auch in Zukunft Proben seiner Feder vorlegen wird.
Thematisch deckt Berger bei seinem speziellen, Tag für Tag vorgenommenen Gang (oder Flug) durch das Jahr 2025 ein Feld ab, das mit folgenden Stichworten umrissen werden kann: Literatur und Kunst; Natur und Wissenschaft; Philosophie und Religion sowie Zeitgeschehen und Politik. Einige wenige Hinweise sollen genügen, um das inhaltliche Arsenal zu umreißen. Sie können nicht mehr als Streiflichter sein, die eine Ahnung vermitteln, was sich alles hinter ihnen verbergen mag. Viele prominente Namen begegnen uns beim ersten Begriffspaar. Gleich am Anfang (4. Januar) erinnert sich der Autor daran, wie er vor einem Jahr, also im Januar 2024, viereinhalb Wochen auf „der größten nordfriesischen Insel“ verbrachte und dort sein Buch über Stefan George „weitgehend abschließen“ konnte. Es folgt eine knappe Charakterisierung der Poetik Georges, die Berger im „Streben nach Schönheit“ und der „Betonung der Einheit von sprachlichem Kunstwerk und Lebensführung“ erfüllt sieht. (Vgl. S. 19 f.)
Friedrich Schiller taucht an mehreren Stellen im Buch auf; mit seiner Ode an die Freude, die zur Europahymne wurde; mit Briefstellen, die sein Krankheitsmartyrium „seit Januar 1791“ nachzeichnen (am 9. Mai 2025, seinem 220. Todestag) oder anlässlich der „Vollendung eines editorischen Großprojektes nach achteinhalb Jahrzehnten: der historisch-kritischen Nationalausgabe zu Schiller mit Werken, Briefen und Lebenszeugnissen.“ (S. 304)
Am 13. Juni berichtet Berger ausführlich von einer „bis zum 12. Oktober geöffneten Jubiläumsausstellung in der Hamburger Kunsthalle“ mit dem Titel „Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik“ und legt die Verbindungen beider Kunstanschauungen dar. (Vgl. S. 317 ff.)
Kommen wir zum zweiten Begriffspaar „Natur und Wissenschaft“: „Im Rückgriff auf das 18. Jahrhundert“ bezeichnet der Verfasser einen „naturkundlichen Raum“ seiner „Wohnung […] gerne als Naturalienkabinett“. (S. 15) Dort verbringt er manche Stunden des Tages mit der Begutachtung und Pflege vieler Exponate aus der oologischen (Vogeleier-Kunde), koleopterologischen (Käfer-Kunde), limakologischen (Schneckengehäuse- und Schneckeneier-Kunde), lepidopterologischen (Schmetterlingskunde) oder arachnologischen (Spinnenkunde) Abteilung. Eine weitere Seite dieser auf den ersten Blick überraschenden Leidenschaft ist es, dass der Autor regelmäßige Fußmärsche in die Natur unternimmt und dabei, neben dauernder genauer Beobachtung von Flora, Fauna und atmosphärischen Vorgängen, zuweilen Gegenstände sammelt, sie zu Hause präpariert, mit wissenschaftlichen Bezeichnungen etikettiert und ausstellt. Die Leserschaft des „anderen Jahres“ wird vom Autor mitgenommen bei diesen Aktivitäten und erhält mancherlei Einsichten in naturkundliche Zusammenhänge.
Im Bereich der Wissenschaft will ich die Äußerungen Bergers zur KI-Technik beleuchten. Er steht ihr skeptisch gegenüber, erwähnt am 14. Januar den „üblen Beigeschmack“ der in sozialen Netzwerken kursierenden „russischen und chinesischen Falschmeldungen“, die den deutschen Bundestagswahlkampf verzerren und „durch Künstliche Intelligenz (KI) generiert werden.“ (S. 40) Oder er referiert am 19. Januar einen Artikel aus der „Süddeutschen Zeitung“, der das Stresspotenzial von Plagiatssoftware für Studierende untersucht, die fürchten, „zu Unrecht des Abschreibens beschuldigt zu werden.“ (S. 49) Nachdem es ihm mithilfe einer Bekannten gelungen ist, auf seinem Laptop einen lästigen „KI-Copiloten“ zu deaktivieren, der ihm unablässig seine Dienste aufdrängen wollte, bleibt ihm „ein beträchtliches Missbehagen“ und er fragt sich, „wie lange sich ein derartiger Begleiter noch außer Funktion setzen“ lasse. „Wird die allenthalben als Zukunftstechnologie bejubelte KI uns eine Schöne neue Welt bescheren, wie sie der britische Schriftsteller und Philosoph Aldous Huxley (1894−1963) literarisch entworfen hat? Wie ist es um die dreiundzwanzig KI-Grundsätze (AI-Principles) bestellt, die im Januar 2017 auf der Asilomar Conference on Beneficial AI (Asilomar-Konferenz für eine nützliche KI) in Kalifornien verabschiedet wurden, um mögliche Gefahren der Künstlichen Intelligenz ins allgemeine Bewusstsein zu rücken und angemessen zu berücksichtigen?“ (S. 50 f.) – Wir fragen uns, wie sich derartige Äußerungen aus dem Abstand der Jahre, wenn die Folgen von KI überblickt werden können, ausnehmen werden. Als übertrieben pessimistisch, als prophetisch? Eine solche Möglichkeit, Bergers Buch als Gradmesser zu begreifen und für spätere Vergleiche heranzuziehen, bietet sich noch manche an, nicht nur im Themenfeld „Natur und Wissenschaft“.
„Philosophie und Religion“ – hier operiert Berger als evangelischer Theologe und Verfasser vieler Schriften mit philosophischer und religiöser Thematik in seinem angestammten Gebiet. Eine der Beschreibungen seines öffentlichen Wirkens betrifft die Projektleitung beim „UNESCO-Welttag der Philosophie“ an einem Gymnasium, wo er mit den Schülerinnen und Schülern über „Toleranz bei G. E. Lessing – Darstellung und Kritik“ forschte und diskutierte. (Vgl. S. 329 f.)
Am 24. Januar sehen wir dem Autor bei der Zeitungslektüre zu, wozu er anmerkt: „Ein längerer Zeitungsartikel informiert über das neue Halbjahresprogramm des Kulturreferates [der Stadt Kelkheim am Taunus. Anm. J. Ch.]. Erwähnt wird auch der Bildvortrag im nächsten Monat über das Wahrzeichen der Stadt, die auf dem Mühlberg gelegene Klosterkirche. Dabei präsentieren wir zugleich die aktuelle Veröffentlichung über die Kirche und das Wirken der früheren Franziskaner, die wir, die ehemalige Leiterin des Kulturreferates und ich, erarbeitet haben.“ (S. 64)
Ein solch umtriebiger Mensch, als der uns der Autor in seinem „anderen Jahr“ 2025 begegnet, hat es seit Jugendtagen immer wieder zur Besinnung in Klöster oder ehemalige Klöster gezogen. Die Stille, Schlichtheit der Lebensführung und der sakrale Geist wirkten stets anziehend auf ihn. Sein einziger Roman „Der fremde Archivar“, erschienen im Jahr 2022, thematisiert u.a. diesen Aspekt. Achim, die Hauptfigur, schätzt einerseits den „musealen Reiz“ der „steinernen Überreste […] einer längst versunkenen Epoche“, hegt aber andererseits gegenüber der monastischen Lebensweise erhebliche Zweifel. Ein Selbstzitat aus dem Roman lautet: „Beim Blick auf die Abtei sagte er sich: Welchen Sinn hatte es ehemals, hat es heute, Tag für Tag mehrmals die sogenannten Stundengebete zu verrichten, sich an ein imaginäres Gegenüber zu wenden in Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet? Das waren die lateinischen Namen der über den Tag verteilten Gebete. Die Klosterleute, hieß es, würden, erfüllt von übernatürlicher Liebe, für die Welt beten. Unter übernatürlicher Liebe vermochte Achim sich nichts vorzustellen, und Gebete für die Welt muteten ihn gänzlich sinnlos an.“ (S. 101) Angesichts dieser Textstelle, die Berger wichtig sein muss, weil er sie sonst kaum zum zweiten Mal zum Abdruck gebracht hätte, verwundert es, wie oft im „anderen Jahr“ die Rede von religiösen Belangen ist in Form von Gedenktagen, Heiligenfiguren der Kirchengeschichte, Päpsten, Liturgie, Exegese etc. „Das andere Jahr“ erweist dem Thema Religion in unterschiedlichsten Facetten immer wieder tiefgründige Reverenz.
Am 4. März findet sich ein Eintrag, wo Berger von seiner Buchung „eines zweiwöchigen Aufenthaltes im März in Bad Wimpfen“ berichtet. Im dortigen Bildungshaus „im früheren Kloster der Benediktiner“, sucht er Abgeschiedenheit und neue Eindrücke. Alles, was ihm begegnet, wird ihm zum Anlass für Sprache und Verschriftlichung. Dies ist zwar ein Kennzeichen für das gesamte Buch, wird in den Abschnitten über den Aufenthalt in Bad Wimpfen aber noch einmal in besonderer Weise deutlich. Erinnerungen an das 1979 erschienene Journal „Das Gewicht der Welt“ von Peter Handke werden wach. Im Unterschied zum Werk des österreichischen Schriftstellers sind Bergers „literarische Streifzüge“ neben allen subjektiven Blickrichtungen, die bei Handke dominieren, von einer starken bildungsbürgerlichen Komponente geprägt. Um welche Gegenstände es sich handeln mag, aus welchen unterschiedlichen Bereichen sie auch kommen mögen, Berger versieht sie gerne mit Assoziationen aus der Geistes- und Kulturgeschichte. Sein Buch liefert damit Anregungen zuhauf fürs Weiterlesen und -forschen. Die Anreise mit der Bahn nach Bad Wimpfen am 13. März nimmt sich in Bergers Diktion etwa so aus: „Im Intercity-Express von Frankfurt am Main nach Mannheim gegen 10:15 Uhr Getöse vieler Handys – landesweiter Warntag unter anderem in Hessen, mit dem geprüft werden soll, ob die Warnsysteme für den Ernstfall funktionieren.
In der Spitze erreichte der Zug die Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern pro Stunde. Was hätte Goethe, der den Neologismus des Veloziferischen im Hinblick auf die Beschleunigungstendenzen seiner Zeit prägte, dazu gesagt?“ (S. 138) Eine Belegstelle für Goethes Neologismus liefert Berger in einer Fußnote mit. (Fußnoten sind ein weiteres, eher ungewöhnliches Kennzeichen, das auf einem Großteil der Seiten von „Das andere Jahr“. zu finden ist.) Der Autor macht seiner Leserschaft kein X für ein U vor. Die Überprüfbarkeit einer erklecklichen Anzahl der Aussagen changiert „Das andere Jahr“ in die Nähe eines umfangreichen Essays. Aber auch das ist eine These, welche bei aller Berechtigung Widerspruch oder zumindest eine Ergänzung hervorrufen mag, bedenkt man die vielen intimen Stimmungsmalereien, welche der Autor im Ansehen der Natur oder bei persönlichen Assoziationen zu entwerfen imstande ist.:
„In vorgerückter Nachtstunde“, heißt es am 5. Januar, „geraume Zeit wachgelegen. Wie von selbst kamen verschiedene Gedanken; unter ihnen die Vorstellung, für die Jugendzeit sei Weite charakteristisch, für das Alter hingegen Enge; das Meer an Möglichkeiten in der Zeit wird abgelöst durch deren Begrenztheit. Später, beim Erwachen, bin ich froh, wieder eingeschlafen zu sein. Ich öffne das Fenster. Es schneit.“ (S. 24)
Er berichtet von seiner sich aufhellenden Gemütslage beim Näherkommen zum Zielort Bad Wimpfen, von der freundlichen Begrüßung im Exerzitien- und Gästehaus durch den Klosterleiter; von der Geschichte des Stiftshauses; den beiden „größeren Skulpturen“ über der Eingangstür; von der Kapelle; den Stundengebeten; dem Frühstück im Refektorium; dem „gotischen Kreuzgang (13. bis 15. Jahrhundert)“; dem alten Steinbrunnen“ mit dem „daneben stehenden hohen Magnolienbaum“. (S. 142) Noch nie, will es dem Rezensenten erscheinen, hat Berger so genau und hingebungsvoll beschrieben wie in diesem Alterswerk. In einer Breite und Ruhe, die an Adalbert Stifter denken lässt, entwirft er ein literarisches Bild des 1919 säkularisierten Zisterzienserklosters, dass die Leserschaft sich vorkommen mag, als sei sie selbst mit vor Ort.
Dem Arbeitsduktus für seine Hauptarbeit am Manuskript „Das andere Jahr“ bleibt er auch in Bad Wimpfen treu. Er notiert am 15. März den Tod des „Autors und Kolumnisten Peter Bichsel (1935–2025)“ und lässt seine Erinnerungen an ihn Revue passieren; beschreibt die Küchenkräuter des Klostergartens oder notiert (am 20. März) die „überraschende schriftliche Anfrage eines Mannes, der sich als passionierter Hobbysammler vorstellt; er sammle Autogrammkarten und Visitenkarten von Personen, die (im weitesten Sinne) dem öffentlichen Leben zuzurechnen sind – so auch von Autoren“ (S. 161) – wie Thomas Berger. Die in Bad Wimpfen durch die neue Örtlichkeit sich ergebenden Schreibgelegenheiten bestehen zu den bisher im Plan zum „anderen Jahr-Manuskript“ vorhandenen, mit denen sie sich überlappen: Die Umgebung im Wort zu erfassen, Augenblicke (wie die Begegnung mit zwei Schwänen) zu beschreiben, ebenso aktuelle Nachrichten, Erinnerungsdaten und Assoziationen auf allen Ebenen.
„Mit dem Leiter des Hauses, der seit 2015 die Verantwortung für die Bildungsstätte trägt, gesprochen, der mir nach dem Frühmahl raschen Schrittes auf dem Weg zum Ruhestandskurs entgegenkam; Anfang nächster Woche wollen wir eine mögliche Veranstaltung durch mich hier im Kloster planen, den Themenbereich (literarisch oder historisch, philosophisch oder theologisch) und den Zeitpunkt (ich vermute 2026, da das Programm für das laufende Jahr bereits feststeht)“ (S. 162), heißt es in einer Notiz zum 21. März. Ein Notiz- und Arbeitsbuch ist „Das andere Jahr“ nebenbei auch. Die erwähnte „Veranstaltung […] hier im Kloster“ fand an jeweils vier Tagen im Januar und Mai 2026 unter dem Titel „Vorbilder des Schweigens – Impulse aus der Mystik“ unter der Leitung Thomas Bergers statt.
„Zeitgeschehen und Politik“ – dieses Themenfeld ist präferiert für die Arbeitsweise, Gedenktage und aktuelle Nachrichten aufzugreifen und zu kommentieren. So heißt es am 23. März: „Vor genau zweiundneunzig Jahren begründete der SPD-Vorsitzende und Reichstagsabgeordnete Otto Wels (1873−1939) in einer mutigen Rede vor dem Parlament die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch alle anwesenden Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands stellte sich als einzige Partei gegen die mit dem Gesetz verbundene unumschränkte Herrschaft der Nationalsozialisten. Das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich, welches die für die Verfassung eines Rechtsstaates konstitutive Gewaltenteilung aufhob, trat am nächsten Tag in Kraft.“ (S. 171)
Der Bundestagswahlkampf Anfang des Jahres frustriert den Autor: „Als Bürger fühlt man sich nicht ernstgenommen; denn die Parteien überbieten sich in haltlosen Versprechungen, die weder solide durchgerechnet noch in einer Koalitionsregierung umsetzbar sind. Erschwerend kommen die demokratiefeindlichen Slogans einer Partei hinzu, die das bisherige stabile Gefüge des Staates und dessen Einbindung in die westliche Welt zu unterminieren trachtet. Die programmatischen Ankündigungen nehmen in den Informationssendungen breiten Raum ein. In gewisser Hinsicht fühlt man sich an das Alte Rom erinnert, als um Stimmen mit Brot und Spielen (panem et circenses) geworben wurde.“ Die Slogans auf den Wahlplakaten – „Mehr für Dich – Besser für Deutschland oder Zusammen. Ein Mensch. Ein Wort oder Holen wir uns die Zukunft zurück“ (S. 40) – erscheinen ihm als Gipfel der Stupidität. (14. Januar)
Die Abwendung vom liberalen Rechtsstaat unter dem wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump kritisiert Berger häufig. „Schon hundert Tage nach [dessen] Amtseinführung am 20. Januar“ zeichne sich deutlich ab, „dass sich die Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft von Donald Trump (geb. 1946) in einem Niedergang als liberale Weltmacht befinden – auch darin ist 2025 das andere Jahr. Die republikanische Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat setzt dem autokratischen Gebaren des Präsidenten nichts entgegen. Der beispiellose Umbau der USA ist unter anderem durch folgende Merkmale charakterisiert: ausländerfeindliche Migrationspolitik, Regieren vornehmlich über präsidentielle Erlasse (Executive Orders), Abkehr von Diversität, Gleichstellung und Inklusion, Schließung der Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung (United States Agency for International Development, USAID), Streichung von Finanzmitteln und Entzug von Studentenvisa für Eliteuniversitäten (Harvard, Columbia, Princeton) mit dem Ziel, Einfluss zu nehmen auf deren Zulassungs-, Lehrplan- und Einstellungsmaßnahmen, Rückzug per Dekret aus dem Pariser Klimaabkommen (Paris Agreement) sowie der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), geopolitisches Dominanzstreben, zum Beispiel das Ansinnen, Grönland zu kaufen und dabei mögliche militärische Gewalt anzudrohen, sowie die Idee, Kanada solle sich als 51. Bundesstaat den USA anschließen, Isolationismus, erratische Zollpolitik, Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, etwa Unterstützung der AfD in Deutschland.“ (S. 240 f.)
Bergers Alterswerk sperrt sich gegen eindeutige thematische Zuschreibungen, nur eine Mehrfachbenennung der inhaltlichen Ebene ist möglich. Dazu gehört die Aussage, dass es sich bei dem „anderen Jahr“ auch um ein Geschichtsbuch handelt, schließlich lässt der Autor oft den Blick in die Vergangenheit wandern, erzählt vom Herkommen aktueller Erscheinungen oder gleich ganz von Ereignissen in der Vergangenheit. In Zukunft werden die zur Zeit der Abfassung aktuellen politischen Begebenheiten von historischem Firniss überzogen sein und der Rubrik Geschichtliches zugerechnet werden.
Das „Dokument der Wachsamkeit“, als das Bergers Alterswerk außerdem bezeichnet werden kann, schließt nicht allein die Fülle der Belange des öffentlichen Lebens ein, soweit ein einzelner Mensch gesonnen und befähigt ist, sie zu registrieren, zu beschreiben und zu kommentieren, meint nicht allein zufällige Begebenheiten, die sich jeden Moment ereignen können und die Berger ebenfalls zuhauf notiert, sondern betrifft auch den Gesundheitszustand bei sich und anderen. Am 4. Februar notiert er: “Gründliche Untersuchungen durch die Augenärztin. Die Diagnose auf dem Überweisungsschein für die Klinik lautet für die linke Seite Cataracta nuclearis, Kernstar, für die rechte Cataracta corticalis, Rindenstar. Bei der anstehenden Operation Grauer Star wird die eingetrübte natürliche Linse durch eine Kunstlinse ersetzt. Ziel der minimalinvasiven Cataract-Operation ist die Verbesserung des Sehvermögens. Der März wird meinen beiden Augen, dem Tor zur Welt, gewidmet sein. Hinzu kommt eine Behandlung des Chalazions, einer entzündlichen Auftreibung am Lidrand des linken Auges. Dass ich im Hinblick auf diesen Monat frei von unbehaglichen Gefühlen sei, kann ich nicht sagen. Das Offenwinkelglaukom, der Grüne Star, wird weiterhin bestehen und medikamentös behandelt.“ (S. 88) Natürlicherweise verfolgt ihn die Angelegenheit. Fünf Tage später, am 9. Februar, heißt es: „Als ich in der Nacht erwachte, begannen die Gedanken um die bevorstehende Augenoperation zu kreisen. Die schon im Alten Testament vorkommende Redewendung wie den Augapfel hüten [5. Buch Mose 32, 10; Psalm 17,8] hat ihre Berechtigung. Ich musste mich ermannen, ehe ich wieder einschlafen konnte.“ (S. 91)
Die Aufmerksamkeit für alle Vorgänge mit dem Autor und um ihn schließt gesundheitliche Probleme in seinem Bekanntenkreis ein. „Tag der gesundheitlichen Beeinträchtigungen“, heißt es am 30. Januar. „Eine Dreiundachtzigjährige, die mich in mancherlei Hinsicht gefördert hat, bekam das Ergebnis der Biopsie: bösartige Tumore in der Brust. Brustentfernung (Mastektomie) unvermeidlich. Das für den nächsten Tag geplante Treffen mit dem greisen Professor, der mir wertvolle Bücher schenkte, muss ausfallen und auf unbestimmte Zeit verschoben werden: Ich erreichte am Telefon dessen herbeigeeilten Sohn, der berichtete, der Vater sei ins Krankenhaus gekommen. An den beiden Ereignissen gemessen ist mein spontaner Besuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt kaum erwähnenswert – eine Entzündung im Knorpel des rechten Ohres hat zu Wärme und Schwellung sowie leichtem Druckschmerz des äußeren Ohres geführt. Ein Kombinationspräparat mit den Wirkstoffen Betamethasondipropionat und Gentamicinsulfat, letzterer ein Antibiotikum, soll Abhilfe schaffen.“ (S. 76)
Mit dem „anderen Jahr“ schreibt Thomas Berger auch – um den Titel des letzten Grass-Buches zu bemühen – „Vonne Endlichkait“. Im Unterschied zu diesem Text steht die Hinfälligkeit menschlicher Physis jedoch nicht im Mittelpunkt, sondern wird nur als ein Phänomen neben beinahe unzähligen anderen wahrgenommen und beschrieben. Das nimmt dem Thema die Bedrücktheit, die sich sonst ergeben könnte. Richtig ist aber auch, dass die Vergänglichkeit des Menschen nicht ausgespart wird. Sie ist ein zum Leben gehörendes Phänomen, das folglich in Bergers Jahreschronik einen Platz hat; vor allem drängt es sich dem alten Menschen auf, auch wenn er dabei die Erfahrung machen muss, dass es eine gedankliche Lösung für dieses kardinale Rätsel unserer Existenz nicht gibt.
„Beim Mittagsgang spielerisch vorausgedacht. Wie lange werde ich nach dem Mahl noch die vertrauten Wege gehen?“, fragt sich der Autor am 9. Februar. „Was wird sich an der Umgebung wie verändern, wenn es diesen Spaziergänger nicht mehr gibt? Fragen, auf die es keine Antwort gibt – jedenfalls momentan nicht – und die sich dennoch einstellen.“ (S. 95) Auf der Rückfahrt von der gründlichen Untersuchung durch die Augenärztin und der dabei zutage getretenen Notwendigkeit einer Operation an beiden Augen zählt der Autor für sich zusammen, was er noch alles bewältigen müsse „- wie dieses Alterswerk, an dem ich arbeite- [...] Dann, wenn das meiste erledigt ist, mag das Unvermeidliche kommen.“ (S. 88)
Das Rätsel der Zeit und der menschlichen Existenz nicht mehr lösen zu wollen, sondern es mit einigen Überlegungen auf sich beruhen zu lassen, ist ein Vorschlag, den Berger am 2. Mai im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit Epikurs Diktum, der Tod ginge uns nichts an, unterbreitet. Die einprägsame Textstelle dazu lautet:
„Ob es ein jenseitiges ‚Leben‘ gibt, wird man auf agnostische Weise auf sich beruhen lassen müssen. Dass uns aber der Tod nichts angehe, darf bezweifelt werden, da er untrennbar zum Leben gehört. Vergänglichkeit ist die Seinsweise der Existenz, betrifft uns mithin unmittelbar. Freilich: Da wir die Rätsel des Daseins, zum Beispiel die Fragen nach dessen Sinn und der Entstehung und Relevanz unseres Bewusstseins nicht lösen können (allenfalls durch bloße Spekulation), bleibt auch der Tod, der uns nicht weniger betrifft als das Leben, rätselhaft. Immerhin: das, was Epikur mit seiner kühnen Feststellung bewirken wollte, die Gemütsruhe, vermag sich auch einzustellen, wenn man bedenkt, dass Ewigkeit, empirisch betrachtet, ein inhaltsleerer Begriff ist; der Tod ist keine Grenze für uns, denn das würde ein Jenseits der Grenze voraussetzen; die Einheit von Leben und Tod besteht, bis ihr eine Krankheit, Altersschwäche oder ein Unfall ein Ende setzt. Es wäre töricht, sich von dem Gedanken an den Tod, den wir doch in uns tragen, tyrannisieren zu lassen; ein ewiges Leben wäre, mit dem Maßstab der Erfahrung gemessen, unerträglich, eher Fluch als Segen.“ (S. 242 f.)
Welches Fazit lässt sich ziehen? Es handelt sich bei Thomas Bergers Werk um einen literarischen Text, der als Hybridform zwischen Tagebuch und intellektuell anspruchsvoller Chronik des Jahres 2025 angelegt ist. Neben die Chronik tritt der Kommentar, der die Ereignisse wertet. Bergers Schreibstil ist im hohen Maß intertextuell. Eine hohe Zahl der Einträge wird mit Zitaten oder Referenzen auf bedeutende Schriftsteller wie Goethe, Fontane oder Kafka untermauert. Der Effekt dieses Verfahrens besteht darin, dass auch das Alltägliche in einem universellen, kulturhistorischen Kontext erscheint. Das Diarium über das Jahr 2025, das oben noch als „Geschichtsbuch“ und „Vergleichswerk“ für die Zukunft hinsichtlich politischer oder technologischer Entwicklungen gesehen worden ist, was keinesfalls zurückgenommen werden soll – erscheint es nicht, aufs Ganze betrachtet, als ein Buch über das Wesen der Zeit und die menschliche Existenz, die in die Zeit gestellt ist?
Der Rezensent scheut sich nicht, „Das andere Jahr. Literarische Streifzüge“ als das Opus magnum Thomas Bergers zu bezeichnen.
Johannes Chwalek
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Projektgruppe Literarische Bilder unserer Zeit schrieb uns am 06.05.2026
Thema: Olga Tokarczuk: Empusion
Monika Hartkopf 2025-11-03
Wer erzählt?
Die Erzählperspektive als Schlüssel zum Verständnis des Romans
Tokarczuks Roman Empusion ist nicht in der Ich-Perspektive geschrieben, der nach ihrer Ansicht häufigsten Form in der Gegenwartsliteratur. Sie erkennt in ihrer Rede zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises durchaus die Leistung dieser subjektiven Perspektive bei der Entwicklung der modernen Literatur an, betont aber zugleich deren Begrenztheit und Unzulänglichkeit. Durch die Ich-Perspektive entstehe ein Chor aus lauter Solisten, so dass es der Literatur an Universalität ihrer Aussagen, [k:]an der parabolische[n] Dimension der Erzählung mangele. In einer Parabel ist die zentrale Figur nämlich einerseits sie selbst […], andererseits aber tritt sie weit aus diesem Rahmen hinaus, sie wird zu Jedermann an jedem Ort[:k]. Zu den Eigenschaften einer literarischen Parabel gehört neben ihrer Lehrhaftigkeit vor allem die Analogie zu einem anderen Vorstellungsbereich, der nicht wie beim Gleichnis direkt mit der erzählten Welt verbunden ist. Das erzählte Geschehen hat eine übertragene, allgemeine Bedeutung.
Im ersten Kapitel des Romans wird die Ankunft des Protagonisten im Lungenkurort erzählt. Hier finden wir fast durchgängig die personale Perspektive, also das Erzählen in der 3. Person, in der das Erleben von Mieczyslaw Wojnicz dargestellt wird. So heißt es bei der Kutschfahrt hinauf nach Görbersdorf: Eine wohlbekannte Melancholie erfasst ihn, die Schwermut der Menschen, die um ihr baldiges Lebensende wissen. (13) Die personale Perspektive wird mit Abstand am häufigsten in Tokarczuks Roman verwendet, zumal das dargestellte Geschehen sich ausschließlich um den Protagonisten dreht, es gibt nur eine Szene, die ohne ihn auskommt , sonst werden sowohl die Szenerie wie auch alle Figuren aus seiner Sicht geschildert.
Nun ist das Erzählen in der personalen Perspektive in der modernen Literatur kaum weniger häufig als die Ich-Perspektive, so dass beide nicht die von Tokarczuk gesuchte Form des Erzählens sein können. Sie lösen nämlich nicht die von ihr gesuchte Erzählung: Dass man die Parabel heutzutage kaum noch antrifft, zeugt von unserer Ratlosigkeit.
Eine dritte Form der Perspektive erkennen wir gleich zu Beginn des Romans, nämlich das Erzählen in der 1. Person Plural. So heißt es bei der Vorstellung des Protagonisten: [k:]Wenn wir uns für einen Augenblick konzentrieren, erkennen wir die phantasievoll geschwungene Handschrift eines galizischen Beamten, der die Rubriken des Dokuments ausgefüllt hat: Mieczyslaw Wojnicz, Katholik, Student […], Augen: blau, […] Haare: blond.[:k] (12) Diese Erkenntnis gewinnt das erzählende „wir“, obwohl sich der Reisepass unter dem Mantelstoff […] verbirgt. (12) Hier ist der Leser erstmals überrascht, welche hellseherischen Fähigkeiten er dem Erzähler zutrauen soll. Der in der 1. Person Plural sprechende Erzähler steht im Plural im wörtlichen Sinne; es ist nicht ein Erzähler, der sich des Pluralis Majestatis aus Selbsterhöhung oder bescheidener Vermeidung des Ich bedient, sondern es sind mehrere Erzähler. Schon im 2. Kapitel heißt es genauer: Ja, wir weiblichen Wesenheiten erzählten noch nicht … (49) und die Hauptfigur wird als unser Wojnicz (48) bezeichnet.
Offensichtlich handelt es sich also um eine Form des auktorialen Erzählens, bei der der Erzähler als allwissend erscheint, womit allerdings nur ein Kennzeichen dieser Perspektive erfasst wird.
[k:]Die auktoriale Erzählsituation […] zeichnet sich durch die Anwesenheit eines Erzählers aus, der nicht zur Welt der handelnden Figuren gehört und der so […] als Mittelsmann der Geschichte einen Platz sozusagen an der Schwelle zwischen der fiktiven Welt des Romans und der Wirklichkeit des Autors und des Lesers einnimmt […] .[:k]
Die Anwesenheit eines auktorialen Erzählers wird dem Leser bewusst, da die Erzählsituation selbst thematisiert wird und der Erzähler den zeitlichen und kausalen Überblick über das Erzählte hat, das er auch kommentieren kann. Der Leser wird gewissermaßen vom Erzähler an die Hand genommen und durch die Handlung geführt. Wegen der dadurch entstehenden Unselbständigkeit des Lesers ist diese Erzählsituation in der Gegenwartsliteratur, in der Verunsicherung des Lesers häufig vorkommt, eher selten.
Dass Tokarczuks Erzählerinnen sich deutlich von der üblichen Form des auktorialen Erzählers unterscheiden, kann der Leser beim Vergleich mit Thomas Manns Zauberberg feststellen, zu dem Empusion vielfältige Parallelen aufweist. Hier steht der Erzähler, der sich selbst den raunenden Beschwörer des Imperfekts nennt, in direktem Kontakt zum Leser, aber außerhalb der Erzählung. Es geht ihm nicht in erster Linie um die Figuren, sondern um die Geschichte, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint . Der Erzähler überblickt das Geschehen von seinem Ende her und präsentiert es dem Leser quasi als Rechenschaftsbericht . Dabei werden die Figuren und ihr Handeln mit – kühler, teilweise ironischer – Distanz beschrieben; so heißt es zum Beispiel über das Skilaufen des Protagonisten: Die Beine bepudert stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan … . Die Figuren sollen dem Leser Einsichten vermitteln, sie sind also nicht Selbstzweck.
Tokarczuks Erzählerinnen unterscheiden sich abgesehen von ihrem weiblichen Geschlecht gleich zu Beginn auch durch ihren auffallenden Standort, sie befinden sich nämlich unten und betrachten ihre Figur zunächst aus dieser Perspektive. Auf dem Bahnsteig lichten sich die Rauchwolken und ihr Blick fällt auf den Boden: Jetzt erkennen wir die Bahnsteigplatten […] eine Fläche, die um jeden Preis ihre Ordnung und Symmetrie bewahren möchte. (11) Die Personifikation lässt Verständnis der Erzählerinnen für den Boden, mit dem sie verbunden zu sein scheinen, erkennen. Hier könnte man noch meinen, dass der Boden von oben betrachtet wird, aber der folgende Satz widerlegt dies: Und sogleich erscheint ein linker Schuh … (11). Die Beschreibung des Protagonisten geschieht aus der Position des Fußbodens, denn sie beginnt bei den Schuhen und wandert dann allmählich nach oben, bis die Figur als ganze zu sehen ist. Dieses Verfahren findet sich auch an einer anderen, sehr wesentlichen Stelle:
Wir sehen sie [gemeint sind die Männer], [k:]wie immer, von unten. Als mächtige Säulen, auf deren Spitze sich ein redender Auswuchs befindet – der Kopf. Mechanisch zertreten ihre Füße den Waldboden, zerbrechen kleine Pflänzchen, reißen am Moos, zerquetschen winzige Insektenleibe. (141) Den Waldboden bezeichnen die Erzählerinnen als das weitverzweigte, urmütterliche Geflecht, durch das jetzt die Botschaften fließen […][:k]. (141)
Hier entsteht beim Leser der Eindruck einer Konfrontation des weiblichen, mütterlichen Prinzips, das die natürliche Quelle des Lebens ist, und der Gewalttätigkeit und Blindheit des männlichen Prinzips. Diese Konfrontation durchzieht den gesamten Roman und ist das vielleicht wichtigste Leitmotiv.
Die mehrfach auftauchende Perspektive von unten wird auch im Text begründet, wenn es heißt: Wir aber glauben, dass das Interessanteste stets im Schatten verbleibt, im Unsichtbaren. (50) In dem diesem Satz folgenden Abschnitt wird der Blick des Lesers auf die Schuhe der Männer unter dem Tisch gelenkt, mit der die Vorstellung der Hauptfiguren eingeleitet wird. Dazu passend heißt es an anderer Stelle: Wir schauen uns gern Schuhe an. (96)
Es verhält sich allerdings nicht so, dass die Erzählerinnen immer aus der Perspektive von unten erzählen. Das genaue Gegenteil, nämlich die Übersichtsperspektive von oben, findet sich ebenso:
An dieser Stelle möchten wir sie verlassen, […] wir verlassen das Haus, durch den Kamin, durch eine Ritze zwischen den Schindeln – um aus der Entfernung, aus der Höhe herabzuschauen. (61)
Dazu passen die zwanghaften Ängste des Protagonisten,jemand könnte ihn voyeuristisch beobachten. […] [k:]In jedem Raum, in dem er die Nacht verbringen sollte, prüfte er genauestens die Vorhänge, stopfte Papierkügelchen ins Schlüsselloch, […] untersuchte die Ritzen zwischen den Dielenbrettern […] [:k](18).
Die Erzählerinnen sind auch nicht ausschließlich am Protagonisten interessiert. Ein deutlicher Beleg für ihre örtliche Unabhängigkeit findet sich gegen Ende des 10. Kapitels, in dem ein nächtliches Treffen der üblichen Männergruppe, zu der auch Wojnicz gehört, geschildert wird. August hat den jungen Mann in die Erzählung seiner Lebensgeschichte hineingezogen und gelangt schließlich an einen Punkt, an dem er die Knabenliebe in Platons Symposion anspricht und dabei zu weinen beginnt. Daraufhin verlässt Wojnicz fluchtartig den Raum. Der folgende Abschnitt beginnt wie folgt: Wir Wesenheiten machen jetzt eine Ausnahme und lassen Wojnicz auf diesem Weg allein. (251) Stattdessen folgen sie August in sein Zimmer und sind die anderen Augen, die ihn […] beobachten (252). Die kurze Szene endet mit der Beschreibung, wie er sich wäscht und dann selbst befriedigt. Dem Leser wird klar, dass August homosexuell ist, was der Protagonist erahnt hat und wovor er geflüchtet ist. Die Stelle kann auch als Hinweis auf die sexuelle Identität von Wojnicz verstanden werden. Die psychische Verfasstheit beider Figuren wird von den Erzählerinnen sachlich und ohne Wertung dargestellt.
Die umfangreichste Einmischung der Erzähler-Stimmen findet sich im letzten Kapitel, in dem der Protagonist gegen seinen Willen vom Diener des Gästehauses in den Wald geführt und dort von den Köhlern weitgehend entkleidet und gefesselt wird. Auf dem Boden liegend erkennt er Gestalten im Gewirr der Zweige, […] [k:]biegsame Leiber, ein wenig den Menschen ähnlich, ein wenig den Tieren […] [:k](356). Und es folgt die Schilderung der entscheidenden Begegnung zwischen dem Protagonisten und den Erzählerinnen:
[k:]Hier sind wir, ein wenig verändert, doch immer noch die Gleichen. Warm und kalt, sehend und blind. Hier sind wir, mit unseren Händen aus morschen Zweigen. […] Siehst du uns endlich, Mieczyslaw Wojnicz, du wackerer Ingenieur […] du schwankendes Menschenwesen, das Blätter trocknet, um sie einzukleben und solcherart vor Tod und Zerfall zu bewahren? [:k](356)
Es wird deutlich, dass die Erzählerinnen überlegen sind, ihm aber nichts Böses (357) antun, sondern ihm die Lebenszusammenhänge zeigen wollen. Sie zeigen sich nur ihm und haben offenbar eine Zuneigung zum Protagonisten, obwohl sie seine Schwächen erkennen.
So folgt dann auf den letzten Seiten des Romans der Rollenwechsel des Protagonisten, der die sexuelle Identität der verstorbenen Klara Opitz annimmt. Dabei heißt es: Er fühlte sich vielfach, vielschichtig, vielgestaltig, er war ein Korallenriff, war ein Pilzgeflecht, dessen eigentliches Wesen weit unter der Erde sich verzweigte. (371) Besonders das schon mehrfach gewählte Motiv des Pilzgeflechts verweist auf Wojnicz‘ Nähe zur naturhaften, weiblichen Welt. Außerdem wird der Sinn des Titels immer verständlicher, denn die Wortneuschöpfung Empusion verweist auf die antike Figur der Empuse, die auch an einer Stelle im Roman erwähnt wird (vgl. 115). Die Bedeutung des Begriffs ist schwer zu bestimmen, die erste Verwendung des Wortes findet sich in der antiken Komödie Die Frösche von Aristophanes, aus dem August auf einer Waldwanderung rezitiert. Die Empuse gehört zu den Gespenstern, die den Wanderer erschrecken und in unterschiedlichster Gestalt, u.a. als schöne Frau, immer aber in Verbindung mit der Natur auftreten. Der zweite Teil des Wortes Empusion verweist offenkundig auf den griechischen Begriff Symposion, womit das gemeinsame, gesellige Trinken bei philosophischem Gespräch gemeint ist.
Es zeigen sich hier deutliche Parallelen zu den Überlegungen der Autorin im Rahmen ihrer Vorlesung zur Nobelpreis-Verleihung. Am Schluss der Vorlesung heißt es:
[…] mein Traum ist ein neuer Erzähler – ein Erzähler in der . […] ein Erzähler, der die Perspektive sämtlicher Figuren mit einnimmt und zugleich den Horizont jeder einzelnen überschreitet, der mehr und weiter sieht […]. [k:]Die Literatur soll im Geist des Lesers einen Sinn für die Ganzheit anregen, […] die Gabe in ihm wecken, Bruchstücke zu einem Muster zu vereinen […] in kleinsten Ereignissen die Konstellationen des Ganzen zu erkennen [:k][…].
Ihre Arbeitsweise beschreibt Tokarczuk wie folgt:
Jedes Ding und jede Person betrachte ich lange und aufmerksam, um sie zu verkörpern, zu personifizieren. Dazu dient mir ein liebevoller Blick – denn liebevoll zu sein ist die Kunst der Verkörperung, der Einfühlung, der fortwährenden Suche nach Gemeinsamkeiten.
Das Ergebnis solcher Bemühung zeigt die Welt als lebend und lebendig, als ineinander verbunden, voneinander abhängend, zusammenwirkend. Diese Überlegungen erklären ganz besonders die Waldszenen, in denen Mensch und Natur sich auf besondere Weise als miteinander verwoben zeigen. Sie stehen andererseits im Kontrast zu den zahlreichen Diskursen der Männer, die sich darin gefallen, in scharfem Kontrast zu den anderen zu stehen.
Fraglich bleibt für mich, ob der Leser wirklich erkennen kann, dass die Erzählerinnen alle Figuren mit einem liebevollen Blick sehen. Dagegen spricht die deutliche Trennung von männlichen und weiblichen Figuren. Während letztere eine sehr untergeordnete Rolle spielen und nur als Randfiguren vorkommen, stehen die Männer bildfüllend im Mittelpunkt, werden aber auch ziemlich deutlich in all ihren Schwächen gezeigt. Davon ausgenommen ist allein der Protagonist, durch dessen Brille die anderen gesehen werden. Wojnicz ist fraglos Gegenstand des liebevollen Erzählens, während die übrigen immer wieder auch in ihrer Ignoranz und Frauenfeindlichkeit gezeigt werden, auch wenn ihre Schwächen meist erklärt und damit entschuldigt werden. Die Frauenfeindlichkeit steht dagegen vor allem in scharfem Kontrast zu Wojnicz‘ Wechsel zur weiblichen Identität. Unter diesem Blickwinkel könnte man den Text auch als feministischen Roman verstehen.
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Anita Bisculm schrieb uns am 04.05.2026
Thema: Floris Tschurr: Sonnenblick
Trotz Vorurteilen gegenüber Altenheimen: hier könnte man sich seinen Lebensabend gut vorstellen. Soviel Aktivität hatten manchen während ihres Berufs- und Familienlebens nicht, obwohl Freiwilligkeit seitens des Personals hochgehalten wird im Sonnenblick.
Der Roman entwirft eine glaubwürdige Alternative des «guten Lebens» zur oft beklagten Einsamkeit von hochaltrigen Menschen.
In zahlreichen Geschichten aus dem Alltag der charakterstarken Bewohnenden, mitsamt ihren Schrullen und Liebenswürdigkeiten, entwickelt der Autor, der selbst eine Altersinstitution geleitet hatte, ein Panoptikum der Potenziale im Alter. Er beschönigt nicht, dass Schmerzen und Trauer zu dieser Lebensphase gehören, die aber aufgewogen werden können, wenn die Gemeinschaft trägt und individuelle Fertigkeiten gefördert werden. Und weil die Unterschiede zwischen Menschen mit fortschreitendem Alter zunehmen, ist man unwillkürlich mit dem Entscheid konfrontiert, ob die Vielfalt eine Störung oder eine Bereicherung ist. Die skurilen Bewohner*innen beantworten diese Frage mit grosser Klarheit positiv.
Zwischendurch hangelt man sich durch Szenen des Pflegeberufes hindurch, während man gerne beim spannenden Plot um den Tod der liebenswerten Bewohnerin Nelly verbleiben würde. Dass die Kriminalpolizei so schlecht wegkommt, muss man wohl hinnehmen und hoffen, nicht eigene Erfahrung habe den Autor geführt.
Ausserdem werden mehrere Erzählstränge aufgenommen, aber nicht alle aufgelöst, was vielleicht der Haupthandlung zuliebe so gewollt war, aber manchmal offene Fragen zurücklässt.
Der Sonnenblick gibt einen ungetrübten Einblick in den Kosmos einer Altersinstitution und macht Mut, das eigene Älterwerden mit Zuversicht anzugehen. Erzählt wird chronologisch aus einer Aussenperspektive, die aber nahe bei den Protagonist*innen bleibt. Lesenswert!
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Ingbert Jüdt schrieb uns am 12.03.2026
Thema: Bernd Pröschold: Die Substanz des Universums
Die Idee, dass das, was wir als Realität erleben, vielleicht nur eine Simulation sein könnte, ist uns im Abendland geläufig, seit René Descartes die Idee eines »boshaften Genius, ebenso allmächtig wie verschlagen,« formulierte, der es bewirken könne, dass alle Sinneswahrnehmung nur eine Täuschung ist: »ich werde meinen, der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und die Gesamtheit des Äußeren seien nichts anderes als Gaukeleien der Träume, durch die er meiner Leichtgläubigkeit eine Falle gestellt hat.« Das 20. Jahrhundert hat diese Idee als das Gedankenexperiment vom »Gehirn im Tank« neu aufgegriffen. Die Gehirn-im-Tank-Idee stellt die Begriffe von Realität und Simulation in Opposition zueinander: die Simulation ist nicht die Realität, sie tut bloß auf überzeugende Weise so, als ob sie es sei, und der reale Mensch kann sich nur im Gedankenexperiment, also in einer »suspension of disbelief«, auf den Standpunkt des im Tank isolierten Gehirns stellen. Das Buch von Bernd Pröschold entwickelt ein ausführliches Argument für die These, dass die Privilegierung einer »Realität« gegenüber einer »Simulation« im Sinne dieses Gedankenexperiments trügerisch ist. Unserem geläufigen Verständnis zufolge beruht eine Simulation auf Information (einem Strom von Signalen), und Information kann nur Simulationen erzeugen – die Realität beruht dagegen auf Substanzen und einem Strom kausaler Ereignisse. Pröschold kehrt diese Vorstellung um: »Das vorliegende Buch verfolgt die Idee, dass Information diejenige Substanz ist, die unserem Universum auf fundamentaler Ebene zugrunde liegt.« (S. 11) Aus dieser Perspektive fällt der Gegensatz von Realität und Simulation in sich zusammen: Realität und Simulation sind nicht unterscheidbar, und zwar nicht nur epistemologisch, sondern auch ontologisch ununterscheidbar. Der Weg, auf dem Pröschold dieses Argument entfaltet, ist ein kosmologischer: er marschiert mit den Siebenmeilenstiefeln des Begriffs durch Quantentheorie, Astronomie, Evolutionstheorie und die Philosophie des Geistes, um den Leser an die explanatorischen Grenzen des reduktionistischen Paradigmas der Naturwissenschaften heranzuführen. Zu dieser Problemstellung gehört auch die Frage nach dem Anfang des Universums: »Wie kann ein Universum aus dem Nichts hervorgehen und was sagt uns das über das Verhältnis von Geist und Materie?« (S. 10)
A. Synopse der Kapitelinhalte
1. Der Anfang: Im ersten Kapitel resümiert Pröschold, wie das Ursprungsproblem in die Naturwissenschaften gelangte: indem das in der Astronomie physisch beobachtbare Universum nach der Entdeckung der stellaren Rotverschiebung auf einen Ursprung zurückgerechnet wurde, der in der Idee des »Urknalls« (Big Bang) Ausdruck fand. Die Kette der physikalischen Kausalität hat damit einen Anfang, und sofort fragt das logische Denken danach, was diesen Anfang verursacht haben könnte. Damit steht die Erkenntnis der Realität vor einem Paradox, denn ein verursachter Anfang ist keiner mehr. Begrifflich drückt sich das im Unvermögen aus, »Nichts« ohne »Etwas« und umgekehrt zu denken. Der Autor zitiert Gottfried Wilhelm Leibniz' Frage, warum es »überhaupt« etwas gibt, und nicht vielmehr nichts. Steht der Philosophie, wie im Falle Leibniz', ein Gottesbegriff zur Verfügung, ist die Lösung einfach: die menschlichen Denkbegrenzungen werden rein deklarativ überwunden, indem man Gott zuschreibt, auch das zu vermögen, was den Horizont des menschlichen Verstehens überschreitet. So kann Gott zu seinem eigenen Entstehungsgrund, zur »causa sui«, deklariert werden. Ein naturwissenschaftliches Weltbild hat diese Möglichkeit nicht mehr. In diesem Rahmen kann die Verhandlung ohne praktische Folgen auf unbestimmte Zeit vertagt werden, das Problem wird aber gleichwohl in der Philosophie zum Wiedergänger. Hier setzt Pröscholds erster Argumentationsschritt an: wenn das Universum ursprünglich eine Informationsstruktur ist, dann kann es nicht nur auf mathematischem Wege verstanden werden, sondern es ist selbst eine Form von Mathematik. »In der Welt der Mathematik gibt es keine Substanz, die mit mechanischen Kräften vorangetrieben werden muss. Universen entstehen, weil es ausgehend von der Paradoxie möglich ist zu rechnen. Universen bestehen aus nichts anderem als mathematischen Operationen. Wir sind nichts anderes als Rechenvorgänge, Rechenvorgänge, die so komplex sind, dass ihnen eine Welt erscheint. Nur eine Mathematik, die auf Paradoxie beruht, ist in der Lage, ein Universum hervorzubringen.« (S. 31) Die Mathematik ist nicht nur epistemologisch, sondern auch ontologisch von Belang. Unter diesem Postulat kann man nach einem formalen Kalkül suchen, das mit einer Paradoxie beginnt. Ein solches Kalkül findet der Autor in George Spencer Browns Gesetzen der Form, die mit folgender Operation beginnen: »Triff eine Unterscheidung. Nenne sie die erste Unterscheidung. Nenne den Raum, in dem sie getroffen wird, den Raum, der durch die Unterscheidung geteilt oder gespalten wird.« (S. 3) Spencer Brown beginnt also nicht mit einem Zustand, sondern einer Operation, die von einem Operateur ausgeführt wird, den wir als Beobachter verstehen können. Der Anfang ist bereits als ein System von Relationen konzipiert, und der Schöpfungsakt besteht nicht in einem Erzeugen, sondern in einem Trennen. »Indem Spencer Brown Selbstbezüglichkeit zur Grundlage seines Kalküls macht, schafft er eine Mathematik, die sich selbst ans Laufen bringen kann.« (S. 30)
2. Das Allerkleinste: Die weitere Argumentation des Buchs macht sich die Rolle des Beobachters zunutze, denn in der Quantentheorie ist das Beobachten eine Operation, die einen Zustand festlegt. Damit ist der Übergang ins zweite Kapitel vollzogen. Hier resümiert der Autor die kosmologischen Konsequenzen der Quantentheorie, die zu einer Auflösung des Materiebegriffs geführt haben. Das Ur-Experiment der Quantenphysik ist das Doppelspalt-Experiment, das auf dem Verhalten eines Lichtstrahls beruht, an dessen Ambivalenz zwischen Welle und Teilchen wir uns sozusagen gewöhnt haben. Beunruhigender ist es, wenn uns der Autor anhand eines Experiments von Anton Zeilinger zeigt, dass auch Kohlenstoff-Nanopartikel, die wir eindeutig als Materie auffassen, dasselbe ambivalente Verhalten aufweisen und sich wie das Licht in »Geisterteilchen« mit dem Verhalten einer Wahrscheinlichkeitswelle verwandeln. Entscheidend ist nicht die Wahl des Objekts, sondern die Isolation des Versuchsaufbaus von äußeren Einflüssen. Die Bausteine der Materie nach herkömmlichem Verständnis, die Atome, sind folglich gar nicht selbst »materialistisch« interpretierbar: »Ein Atom, das nicht mit seiner Umgebung wechselwirkt, ist identisch mit seinem mathematischen Modell.« (S. 44) Was wir als physikalische Realität verstehen, kommt erst durch Systeme von Wechselwirkungen zustande, in denen sich Wahrscheinlichkeitswellen gleichsam gegenseitig beobachten. Pröschold schildert das Unbehagen, in das Physiker des frühen 20. Jahrhunderts wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Niels Bohr, Max Planck und Erwin Schrödinger durch solche Implikationen ihrer Experimente gestürzt wurden. »Was genau geschieht, wenn Quantensysteme miteinander wechselwirken, ist seit 100 Jahren Gegenstand hitziger Debatten.« (S. 51) Die einfachste Lösung, sich auf das praktische Arbeiten mit Messergebnissen zurückzuziehen und das »An-sich-Sein« der Quantenwelt außen vor zu lassen, ist dabei auf lange Sicht unbefriedigend geblieben. Pröscholds Skizze der verschiedenen Interpretationen der Quantentheorie leitet den Leser zu derjenigen Auffassung hin, die er in seinem Buch verteidigt: dass sich das Verhältnis von Wellenfunktion und Beobachter informationstheoretisch verstehen lässt, indem es als »Anzeige einer Unterscheidung« darstellbar ist. Der Beobachter ist nicht (in den Begriffen der Substanzmetaphysik formuliert) ein Akzidens, das zu der Substanz eines beobachteten Gegenstandes hinzutritt, sondern »Beobachtung« ist eine Operation auf der zweistelligen Relation von Beobachter und Beobachtetem, die gemeinsam ein System bilden. In einem auf diese Weise radikal relational verstandenen System wird der Begriff einer privilegierten Substanz hinfällig. An ihre Stelle tritt ein endloser Prozess, der als Rechenvorgang beschrieben werden kann. »Alles, was scheinbar aus Materie besteht, ist das Konstrukt komplexer Prozesse der Informationsverarbeitung, die in Strukturen auflaufen, die uns als Gehirne erscheinen.« (S. 62)
3. Das Allergrößte: Hatte das zweite, mit dem Mikrokosmos befasste Kapitel die Rolle des Beobachters direkt den Konzepten der Quantentheorie entnommen, führt das mit dem Makrokosmos befasste dritte Kapitel diese Rolle über den Begriff der Entropie ein. Dies erläutert der Autor anhand Charles Bennetts Lösung des Problems des Maxwellschen Dämons: Maxwells Dämon beobachtet die Geschwindigkeit von Gasmolekülen und ordnet sie separaten Kammern zu, wodurch – im Gedankenexperiment – zwischen beiden Kammern ein Wärmeunterschied entsteht, der sich zur Energieerzeugung nutzen ließe, was dann gegen die Gesetze der Thermodynamik verstieße. Bennetts informationstheoretische Lösung des Problems beruht darauf, den Beobachter nicht als neutral zu verstehen: im Akt der Beobachtung des vom Dämon kontrollierten Systems überträgt sich die Entropie des beobachteten Systems auf den Beobachter. Er ist Teil des Systems anstatt nur unbeteiligter Zuschauer: »Indem ein Beobachter Kenntnis über eine Zustandsgröße erlangt, überträgt er deren Entropie auf sich selbst«. (S. 77) Da Entropie als die Anzahl der Zustände definierbar ist, die ein geschlossenes System annehmen kann, verbindet der Begriff die Mikroebene mit der Makroebene: die Zustände der Partikel können nicht verstanden werden ohne Kenntnis des Zustandsraums des Gesamtsystems, zu dem sie gehören. Der Kenntniszuwachs des Beobachters ist Information, die er zugleich mit der Entropieübertragung erlangt. Entropie und Information stehen daher in umgekehrtem Verhältnis zueinander. Mit dem Informationsbegriff kann der Autor erneut Rechenvorgänge beanspruchen, um die Entstehung komplexer Strukturen zu erklären, ohne zum Zufall Zuflucht nehmen zu müssen: ein durch reinen Zufall entstehendes (gedankenexperimentelles) »Boltzmann-Gehirn« ist um viele Größenordnungen unwahrscheinlicher als eines, das durch Rechenvorgänge zustande kommt. Pröschold verweist hier auf die von Stephen Wolfram entwickelten mustergenerierenden Regeln, von denen einige in der Lage sind, bei genügend tiefer Iteration eine Irregularität und Komplexität hervorzubringen, die man der Regel selbst nicht ansieht. Ähnlich wie bei dem um einige Jahrzehnte älteren »Game of Life« von John Conway lässt sich an Wolframs zellulären Automaten die Entstehung von Komplexität aus simplen Regeln beobachten. Ein geeigneter realer Gegenstand, an dem sich die Frage nach der Entstehung von Komplexität weiter verfolgen lässt, ist daher die Entstehung und Entwicklung des Lebens: das Thema des vierten Kapitels.
4. Leben: Das Leben, also auch die biologische Evolution, scheint den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu verletzen: in einem Universum zunehmender Entropie erzeugt Leben lokal isolierte Bereiche, in denen die Entropie abnimmt oder zumindest stabil gehalten wird. Das ist gleichbedeutend damit, Information lokal zu erhalten. »Wir können Leben also als Prozess der Informationserhaltung definieren, der in der Lage ist, sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen.« (S. 97) Im Sinne der These vom Universum als einem Rechenvorgang bedeutet das: »Die Herausforderung besteht demnach darin, einen Rechenvorgang vom Rest des Universums abzukoppeln, ohne dass er unterbrochen wird.« (S. 98) Oder mit der Formulierung von William H. Calvin: die Evolution ist ein Fluss, der bergauf fließt. Die Fähigkeit von Rechenvorgängen, komplexe, sich selbst erhaltende und entwickelnde Muster hervorzubringen, illustriert der Verfasser an Conway's Game of Life, einem schon erwähnten zellulären Automaten: die Zellen dieses Automaten berechnen ihren Zustand, indem sie den Zustand ihrer Nachbarzellen beobachten und gemäß einer vorgegebenen Regel auswerten. Mit frei verfügbaren Programmen wie "Golly" können diese Experimente auf jedem PC nachvollzogen werden: sie veranschaulichen, wie aus einfachen Regeln und geschickt konstruierten Ausgangskonstellationen sich selbst reproduzierende oszillierende, sich bewegende, sich vermehrende und auch wieder aufhebende Muster hervorgehen, die bei hinreichend langer Iteration auch enorm komplex werden können: Die einzelne Zelle ist nichts, die Dynamik des Musters ist alles, Stillstand ist Tod. Pröschold leitet von dort zum Konzept der autopoietischen, also selbstorganisierenden Systeme über, wie es von Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelt worden ist. Das sind Systeme, die über die Fähigkeit verfügen, die Bausteine, aus denen sie bestehen, selbst zu erzeugen bzw. zu reproduzieren, mit dem Befund: »Alle lebenden Systeme sind autopoietische Systeme.« (S. 105) Das Leben »entkommt« gleichsam dem generellen Prozess des Universums in einen relativ autonomen Bereich: »Leben ist somit ein Rechenvorgang, der sich vom Rest des Universums abgekoppelt hat und dadurch in der Lage ist, das Universum zu beobachten.« (S. 106) Es kommt nicht auf die Substanzen des Lebens an, sondern auf die Strukturen, die in der Lage sind, den Untergang ihrer Substanzen zu überleben. Fast alle Atome, aus denen der menschliche Körper besteht, sind nach einigen Jahren ausgetauscht (hier lässt sich der Begriff des »Stoffwechsels« ganz buchstäblich verstehen), aber die Struktur des Körpers bleibt erhalten, bzw. macht eine gerichtete Entwicklung durch. Entstehen dabei neue Beziehungsmuster zwischen Elementen einer niederen Stufe, die sich stabilisieren, entstehen »emergente« Strukturen einer neuen Komplexitätsstufe. Kommt es schließlich dazu, dass sich interne Bereiche lebender Wesen so verselbständigen, dass sie ihre eigenen Zustände beobachten und intern repräsentieren können, entsteht das, was wir »Bewusstsein« nennen.
5. Bewusstsein: Für die Charakterisierung des Bewusstseins (im fünften Kapitel) übernimmt Pröschold die knappe Formel Thomas Metzingers: »Bewusstsein ist das Erscheinen einer Welt.« Das bedeutet, dass das, was die Sinnesorgane wahrnehmen, im Organismus intern in eine Informationsstruktur transformiert wird. Bewusstsein hat einen physiologischen Preis: »Nur hinreichend große Gehirne können interne Systemzustände nochmals in sich selbst repräsentieren und große Gehirne brauchen jede Menge Zucker - Zucker den der Organismus zunächst irgendwo in seiner Umwelt gewinnen muss.« (S. 118) Die Entstehung eines Hochleistungsgehirns mit innerer Repräsentationsfähigkeit muss also beträchtliche evolutionäre Vorteile bieten. Ein solcher Vorteil besteht darin, von Reiz-Reaktions-Mustern determinierte Verhaltensweisen zu überwinden. Ein Organismus, der seinen sensorischen Input nicht unmittelbar in Verhaltens-Output übersetzt, erhöht seine Unabhängigkeit von der Umwelt. Das bedeutet aber, dass die interne Repräsentation der Umwelt einer Eigengesetzlichkeit folgt: ein repräsentierendes Gehirn konstruiert seine inneren Zustände. Repräsentation ist Konstruktion. Pröschold ist Fotograf, und so illustriert er das am Beispiel von Farbe und Licht: »In unserem Gehirn ist es dunkel. Das, was wir wahrnehmen, ist nicht das Licht, welches durch die Augen in unser Gehirn fällt, sondern ein Konstrukt unseres Gehirns. Licht ist nicht hell. Helligkeit ist eine Qualität, die ein System intern erzeugt, wenn es seine Umwelt auf eine bestimmte Art von Informationen abtastet.« (S. 125) Auch Farbensehen ist eine Konstruktion des Gehirns. Eine Kamera »sieht« anders. Zur inneren Autonomie der Konstruktion gehört auch ein leistungsfähiges Gedächtnis als eines »Sinnesorgans«, das es ermöglicht, Wahrnehmung mit bereits gemachter Erfahrung abzugleichen. Auch das trägt zum evolutionären Größenwachstum der Säugetiergehirne und letztlich des Gehirns von Homo sapiens bei. Aber nicht nur die erscheinende Welt, sondern auch das Selbst als Zentrum des Wahrnehmens und Handelns ist eine Konstruktion, und Handlungsfähigkeit ist eine Selbstzuschreibung. »Die Erfindung des 'Ich' ist ein Meilenstein der Sozialisation und ein Erfolgsmodell der kulturellen Evolution.« (S. 127) In der von Pröschold bevorzugten Terminologie lautet die Definition: »Bewusstsein entsteht, wenn ein rechnendes System eine virtuelle Instanz erzeugt, die Beobachtungen der Umwelt auf dieser Instanz abbildet.« (S. 129) Der Autor beruft sich in diesem Kapitel neben George Spencer Brown auch auf die Soziologie Niklas Luhmanns, genauer: auf dessen ab 1984 entwickelte »Systemtheorie II«, die als Theorie autopoietischer Systeme konstruiert ist und auch auf der Rezeption von Spencer Browns »Gesetzen der Form« beruht. Auf den gegen diese Systemtheorie vorgebrachten Einwand, dass soziale und kommunikative Systeme tatsächlich nicht autopoietisch, sondern allopoietisch sind, werde ich in der abschließenden Diskussion des Buchs eingehen. Der Rückgriff des Autors auf Luhmann ist aber im Kontext seiner eigenen Rezeption von Spencer Brown folgerichtig.
6. Das Leib-Seele-Problem: Mit der Erörterung des (menschlichen) Bewusstseins kann der Autor nun, im sechsten Kapitel, zur philosophischen Diskussion selbst zurückkehren und das Leib-Seele-Problem aufgreifen, das im eingangs erwähnten genius malignus von Descartes seine erste moderne Gestalt gefunden hatte: um mir gegen den Verdacht der arglistigen Täuschung meiner Sinne Selbstgewissheit zu verschaffen, kann ich mich nur auf die subjektive Gewissheit der phänomenalen Welt verlassen, die mir erscheint, und mich als reine res cogitans begreifen, die von aller res extensa getrennt ist (und die ich getrost den Naturgesetzen überlassen kann, die sich zwischen Descartes und Kant erstmals im Triumph der Newton-Laplaceschen Himmelsmechanik geltend machten). Das Phänomen des Bewusstseins widersetzt sich jedoch dem historischen Erfolg des reduktionistischen Programms der Naturwissenschaften und fordert es heraus. Auf reduktionistischem Wege lässt sich nicht erklären, warum dem Menschen eine Welt erscheint. Von der Außenperspektive der naturwissenschaftlichen Beschreibung lässt sich nicht in die Innenperspektive des wahrnehmenden Bewusstseins hinüberwechseln. Um ein Wortspiel mit dem Begriff der »Operation« zu treiben: Das operierende Gehirn, das mir Dinge zur Erscheinung bringt, ist nicht das operierte Gehirn, das ich im Operationssaal bei geöffnetem Schädel wahrnehme, weil mir auch diese Wahrnehmung vom operierenden Gehirn gegeben wird. Zwischen externer Beschreibung und phänomenaler Wahrnehmung liegt ein unüberbrückbarer hiatus irrationalis. Descartes' Dualismus von Geist und Materie wurde alsbald als philosophisch unbefriedigend empfunden. Der naturwissenschaftliche Reduktionismus insistiert demgegenüber auf einem naturalistischen Monismus: dem Physikalismus. Gegen beide Ansätze setzt Pröschold auf eine informationstheoretische Überarbeitung des Idealismus. Demnach ist Bewusstsein nur eine besonders komplexe Form von Selbstbeobachtung beziehungsweise Selbstreferenz, die eine Unterscheidungsoperation voraussetzt. Bewusstsein tut nur auf besondere Weise, was auch das Leben generell schon tut, nämlich eine Unterscheidung zwischen Selbst und Umwelt zu treffen. Bewusstsein bringt das Treffen solcher Unterscheidungen dem lebenden Organismus selbst zur Erscheinung. Idealistisch ist daran die Idee, dass das Universum ein Rechenvorgang ist. Damit ist seine »Substanz« diejenige des Geistes, nicht der Materie.
Pröschold ist sich dessen bewusst, dass er damit eine metaphysische Position bezieht: »Der in Paradoxien verstrickte Beobachter kann keine empirische – also keine auf Erfahrung gegründete – Aussage darüber treffen, aus welcher Substanz er besteht. Er kann also nicht feststellen, ob er aus Geist, Materie oder etwas anderem besteht. Die Welt, die erscheint, kann nicht die Welt sein, die sie ist. Die in der Welt erscheinenden Gehirne können nicht die Gehirne sein, die sie sind. Wir machen daher die metaphysische Annahme, dass die dem Universum zugrundeliegende Paradoxie aus Einheit und Differenz nur Rechenoperationen hervorbringen kann und nichts anderes. Somit bestehen der Mensch und sein Gehirn, genau wie der Rest des Universums, aus Rechenoperationen. Die Programme, die diese Operationen erzeugen, nennen wir Naturgesetze.« (S. 154) Descartes ursprüngliches Problem, das für den »cartesischen Dualismus« namensgebend war, ist der Philosophie trotz aller Versuche, darüber hinaus zu gelangen, erhalten geblieben. Die Option des Verfassers für einen informationstheoretischen Monismus ist somit ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel hin zu einem Weltbild, das die zuvor als schlechteste aller Möglichkeiten betrachtete Sichtweise zum Favoriten erhebt.
7. Ein neues Weltbild: Im siebten und letzten Kapitel fasst Pröschold die Merkmale eines solchen Weltbilds zusammen. Er erinnert daran, dass in der Geschichte der Naturwissenschaften schon mehrfach Substanzbegriffe gescheitert sind, die als Platzhalter für unverstandene Prozesse gedient hatten: das Phlogiston in der Chemie und der Äther in der Physik. Der Autor hegt zudem den Verdacht, dass auch die heute viel diskutierte »Dunkle Materie« ein solcher zum Scheitern verurteilter Substanzbegriff sein könnte. Der Physik sind die Substanzen gemeinsam mit dem Materiebegriff abhandengekommen. In der Philosophie sind Substanzbegriffe weitgehend durch Prozessbegriffen abgelöst worden. Aber das philosophische Grundproblem ist im Wesentlichen immer noch dasjenige des Descartes: »Wie lässt sich die Existenz von physischen und psychischen Phänomenen in ein und derselben Welt erklären?« (S. 167) Der Paradigmenwechsel, um den es Pröschold zu tun ist, stellt den Substanzbegriff radikal in Frage: die Vorstellung von Substantialität entfällt gänzlich, wenn man das Universum als Rechenvorgang versteht, der Unterscheidungen in einem Informationsraum prozessiert. »Ein solcher Informationsraum entsteht zwangsläufig aus dem Umstand, dass nicht einmal das Nichts Substanz hat. Sich selbst negierend, beginnt es zu rechnen.« (S. 169) Der Verfasser ist sich dessen wohl bewusst, was für eine Provokation dies darstellt: »Die Erkenntnis, ein Rechenvorgang zu sein, ist wohl mindestens so schockierend wie die Erkenntnis, nackt zu sein.« (S. 173) Dies erschüttert die Orientierungserwartungen, die in der Moderne an die Wissenschaft gerichtet werden wie zuvor an die Religion. Auf der anderen Seite wird die Idee der menschlichen Autonomie von der Bedrohung durch einen physikalischen Determinismus erlöst. »Indem sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden, können sich hochgradig komplexe Systeme als autonome Agenten erleben, die in einer realen Welt zu Hause sind. (…) Erst in den virtuellen Realitäten bewusster Lebensformen kann die Welt als Welt erscheinen und der Mensch ist diejenige Daseinsform auf Erden, in der dieser Prozess seine bislang facettenreichste, tiefgründigste und sonderbarste Ausgestaltung gefunden hat. Nur der Mensch hat die ihm erscheinende Welt systematisch untersucht und Hypothesen über ihren Ursprung aufgestellt.« (S. 176 f.)
B. Kritische Würdigung
1. Das Gehirn-im-Tank-Problem
Man kann Pröscholds Antwort insgesamt als eine paradoxe Negation des Gehirn-im-Tank-Problems verstehen: Es ist nicht das Gehirn, das sich im Tank befindet. Die ganze Welt, das ganze Universum ist eine Daseinsform »im Tank«, insofern sie im Innersten auf der Verarbeitung von Information und Signalen beruht. Die Gegenüberstellung von »realer« Erfahrung und solcher, die bloß durch Signale simuliert wird, ist eine falsche Alternative. Man kann das anhand des klassischen Einwands von Hilary Putnam gegen die Gehirn-im-Tank-Idee erläutern: Putnam macht geltend, dass ein Gehirn-im-Tank (fortan als GiT abgekürzt) ein Referenzproblem hat: es kann sich nicht auf dasselbe beziehen wie Nicht-GiTs. Denn »GiT« bedeutet, dass die äußere Welt als Realität aus dem Modell subtrahiert wird, und nur welt-äquivalente Signale ans GiT gesendet werden, die aber nicht aus der »originalen«, das heißt »realen« Quelle stammen. Der Simulator kennt keine Bäume, er kennt nur Datenströme, die im GiT die Erscheinung von Bäumen auslösen. Die Sinneswahrnehmung des GiT referenziert daher keine echten Bäume. Die Wahrnehmung hat keinen Referenten, keinen empirischen Realitätsbezug. Anstelle eines Baums existiert nur ein Datenmuster, das die Wahrnehmung von »Baum« auslöst. Von GiTs zu reden, setzt also die Kenntnis eines Unterschieds in der referenzierten Realität bei GiT und Nicht-GiT voraus. Beim GiT ist der Tank zu berücksichtigen, in dem es schwimmt. Der Tank jene »Bedingung der Möglichkeit« des GiT, die (per definitionem) nicht als Sinneswahrnehmung vom Simulator geliefert wird, der Tank kann also nur ein hergeleitetes Gedankenkonstrukt des GiT sein. Denn der Simulator vermeidet um der Illusion willen gerade, dass der reale Tank eine Wahrnehmung des GiT sein kann.
Wenn der Satz »Ich bin ein GiT« vom GiT formuliert (gedacht oder »gesprochen«) wird, dann hat er somit keine empirische Referenz. Er ist gleichsam transzendental. Das GiT kann also von sich als einem GiT nicht aufgrund einer validen empirischen Referenz sprechen. Die Behauptung, ein GiT zu sein, widerspricht jeglicher Erfahrung, die es tatsächlich macht. Dieser hiatus irrationalis ist derselbe, der die cartesische res cogitans von der res extensa trennt. Er ist nur überwindbar, wenn man (entgegen der Konsequenz, die Putnam zieht) das Konzept des Simulators nicht abschafft, sondern es stattdessen ausdehnt. Der Simulator liefert in diesem Verständnis einen »baumförmigen« Datenstrom ans GiT dadurch, dass er den Baum selbst erzeugt. Dann kommt es freilich zu einem infiniten Regress der Existenzbedingungen des Baums. Es müssen mithin Schildkröten aufeinander stehen »bis ganz nach unten«. Der ontologische Hiatus der GiT-Idee ist also nur überwindbar, wenn der Simulator das ganze Universum simuliert. Dann hat man freilich die Idee der Realität insgesamt durch die Idee der Simulation ersetzt, allerdings wäre der Unterschied phänomenologisch gar nicht mehr vorhanden: Simulation, die weit genug fortgeschritten ist, ist von Realität nicht unterscheidbar. Dann es gibt keine Realität jenseits der Informationsverarbeitung mehr, und insbesondere gibt es keine »Substanz« mehr, die von ontologisch höherem Rang wäre als Information. In diesem Sinne ist Information die »Substanz des Universums«.
In der Gegenüberstellung von Substanz und Information geht allerdings ein anderes Merkmal von Pröscholds Argument beinahe unter: aufgrund der systematischen Integration der Funktion des Beobachters ist das informationelle Universum zugleich ein radikal relationales Universum. Jedwede Realität wird ausschließlich als Relation von Beobachter und Beobachtetem realisiert. Es gibt keine primitiven Washeiten, es gibt nur Eigenschaften, die die Kraft haben, Kausalbeziehungen einzugehen. Damit vertritt Pröschold einen naturphilosophischen Strukturenrealismus, wie wir ihn beispielsweise auch bei Michael Esfeld finden. Esfeld schreibt: »Statt … zu vertreten, dass den Kausalrelationen intrinsische und kategoriale Eigenschaften (reine Qualitäten) zugrunde liegen, kann man eine Metaphysik von Eigenschaften entwickeln, der zufolge die Eigenschaften als solche kausal sind. Statt dass das Wesen einer Eigenschaft eine primitive Washeit ist, handelt es sich um die Kraft, bestimmte Kausalbeziehungen einzugehen. Folglich zeigt sich das, was die Eigenschaften sind, in den Kausalbeziehungen, in denen sie auftreten bzw. in denen Objekte aufgrund der Eigenschaften, die sie haben, stehen. Man kann die Kausalbeziehungen und die Eigenschaften nicht voneinander trennen. (…) Wir schlagen vor, diese Sicht folgendermaßen zu präzisieren: Insofern Eigenschaften bestimmte Qualitäten sind, sind sie Kräfte, bestimmte Wirkungen hervorzubringen. Deshalb geben die Kausalbeziehungen zu erkennen, was die Eigenschaften sind, und der qualitative Charakter der Eigenschaften ist nichts Primitives.« (Esfeld 2010, S. 53) Auch in Esfelds Metaphysik kausaler Relationen ist der Substanzbegriff ein abgeleiteter Begriff. Auch diese ist auf eine kosmologische Epoche vor der Entstehung von Raum, Zeit und Materie anwendbar. Auch Pröscholds Information ist eine substanzlose Relation, die darum als »Substanz des Universums« aufgefasst werden kann, weil sie gleichsam übrigbleibt, wenn man die klassischen Substanzen in reine Relationsbegriffe aufgelöst hat.
Zwei Aspekte des Buchs sehe ich kritisch: Pröschold überschätzt erstens die Bedeutung Niklas Luhmanns, und hinsichtlich Spencer Browns »Gesetzen der Form« wird zweitens nicht deutlich genug, ob sie für das Anfangsproblem (den paradoxen Ursprung des Alls in einer »Unterscheidung« des Nichts) mehr als bloß eine aufschlussreiche Metapher liefern.
2. Überschätzung Niklas Luhmanns
Zum ersten Punkt: Pröschold lässt sich aufgrund seiner Wertschätzung für Spencer Brown sowie für Maturana und Varela davon überzeugen, dass Luhmanns ab 1984 entwickelte Theorie sozialer Systeme (die »Systemtheorie II« in Abgrenzung zu seiner früheren strukturfunktionalistischen Systemtheorie) als Theorie autopoietischer Systeme stichhaltig ist. Er übernimmt von Luhmann die Überzeugung: »Analytisch betrachtet, operiert Kommunikation allerdings autonom. Soziale Praktiken, wie zum Beispiel die Sprache, reproduzieren sich nämlich unabhängig von den konkreten Personen, die sie ausüben.« (S. 130) Dieser These ist zu widersprechen. Denn indem Sprache eine soziale Praxis ist, ist sie auf das Handeln sozialer Akteure, in diesem Fall: auf die Reproduktion von Sprechakten angewiesen. Sprache reproduziert sich im Vollzug von konkreten Sprechakten, nicht unabhängig von ihnen. Sprache als ein Regelsystem ist davon zwar unabhängig, aber das Regelsystem reproduziert sich eben nicht im Sinne einer Autopoiese, sondern ist in einem geschriebenen Text (der einzigen Möglichkeit, Sprache unabhängig von Sprechern zu konservieren) bloß impliziert. Nur durch die Praxis des Sprechens kann sich ein sprachliches Regelsystem im Zeitverlauf ändern. Sprache ohne Sprecher ist tot. Texte sind gleichsam mumifizierte Sprache: ein Text kann tausend Jahre lang in einem Tonkrug in einer trockenen Höhle verborgen liegen, ohne einen einzigen Gedanken zu generieren. Während die Wiederbelebung von menschlichen Mumien nur im Kinofilm möglich ist, kann mumifizierte Sprache dann – aber nur dann – wiederbelebt werden, wenn sie neue Sprecher findet. Alle Kommunikation ist von konkreter, praktischer Intentionalität belebt. Darum stirbt mündliche Überlieferung mit ihrem letzten Sprecher und seiner Erinnerung aus. Hat sie das Glück, als Text fixiert worden zu sein, kann sie tausend Jahre später als virtuelle Kommunikation zwischen einem lebenden und einem verstorbenen Sprecher in dem Maße wiederbelebt werden, in dem die Rolle des verstorbenen Sprechers von einem lebenden Textinterpreten neu besetzt wird.
Das gilt analog auch für Kommunikationssysteme, die sich nicht in der Weise von »psychischen Systemen« (intentionalen Individuen) abkoppeln lassen, wie Luhmann das behauptet. Psychische Systeme wie die der Menschenaffen, die nicht über die geteilte Intentionalität verfügen, welche die Voraussetzung für menschliche Kommunikation ist, reihen sehr viel weniger Gedanken aneinander als psychische Systeme, die sich in kommunikativen Beziehungen befinden, wie Homo sapiens. Dessen Gedankenreichtum wird erst dadurch möglich, weil er Gedanken denkt, die nur dann überhaupt entstehen, wenn sie sich in mehr als einem kommunikativ gekoppelten Gehirn befinden. Menschliche Kommunikation ist ein Vehikel, um sozial stabilisierte Gedanken zu denken. Anders als Pröschold das mit Luhmann das annimmt, ist der Mensch nicht »in autopoietische Teilsysteme zerfallen«, die »nicht länger sinnvoll als Einheit aufgefasst« (S. 177) werden können, sondern kommunikative und psychische Systeme sind wechselseitig konstitutiv verschränkt. Kommunikation fungiert direkt als externe Stabilisierung psychischer Zustände von Akteuren (Sprechern), und ihr Inhalt ist die geteilte Intentionalität zweier oder mehrerer psychischer Systeme.
Auch soziale Systeme sind evidenterweise allopoietisch: das soziale System des römischen Reichs zerfällt, wenn bestimmte römische Praktiken wie das Besiegen von Barbaren und der Wiederaufbau von durch Barbaren geplünderten Provinzen durch den Staat und die Armee nicht mehr im Handeln von Römern reproduziert werden. Ebenso erlischt das Muster des Kaisertums, wenn kein Kaiser einem verstorbenen oder abgesetzten Kaiser mehr nachfolgt. Zwar bietet das System Anreize in Form der Position des Kaisers, aber diese erzeugt die Kandidaten nicht im Sinne einer Autopoiesis: ein ehrgeiziger General entsteht nicht erst dadurch, dass in ihm Ambitionen auf den Kaiserthron geweckt werden. Autopoietische Prozesse sind nur in Systemen möglich, in denen die Elemente des Systems so eng an das Muster des Systems angekoppelt sind, dass sie den Untergang des Musters nicht überleben können. Aus der römischen Kommune kann sich jedoch die italienische und speziell die lombardische Kommune auch ohne das römische Reich entwickeln – vielleicht sogar besser als mit dem römischen Reich (das wäre die These von Walter Scheidel in Escape from Rome).
3. Stellenwert von Spencer Browns »Laws of Form«
Zweitens kann man nach dem systematischen Stellenwert von Spencer Browns »Laws of Form« fragen: ist seine Lösung des Anfangsproblems tatsächlich so einzigartig, wie Pröschold das suggeriert? Als die Philosophen des Deutschen Idealismus, erst Schelling und dann Hegel, darangingen, über das hinauszudenken, was sie als die Grenzen der Kantschen Philosophie betrachteten, griffen sie dabei auf das Werk eines Philosophen zurück, der in ihrer Jugendzeit neu entdeckt worden war: Baruch de Spinoza. Mit Spinoza verpflichteten sie sich darauf, ihre eigenen Denksysteme im Sinne eines philosophischen Monismus anzulegen und das Ganze der erkennbaren Welt aus einem ursprünglichen All-Einen heraus entwickelt zu betrachten. Sie hatten darum das Problem zu lösen, wie sich Spinozas ursprüngliche Substanz gleichsam in Bewegung setzen ließe. Hegels Formel aus der Jenaer Zeit besteht darin, die »Substanz als Subjekt« zu verstehen, also bereits den Anfang selbst als eine relational gegliederte Entität aufzufassen, und seine Wissenschaft der Logik beginnt mit ausführlichen Meditationen über den Zusammenhang von Sein, Nichts und Werden. Schellings und Hegels Naturphilosophie war kein Erfolg beschieden: im 19. Jahrhundert wurde die Kantsche Erkenntnistheorie zum Paradigma der Naturwissenschaften, während die Entwürfe des Deutschen Idealismus in Vergessenheit und Verruf gerieten. Für solche Schwierigkeiten gab es gute Gründe: die Naturwissenschaften befanden sich zur Zeit Schellings und Hegels nicht auf einem Stand, der es gestattet hätte, die Natur selbst in empirisch verankerte Systembegriffe zu fassen, wie uns das heute in Gestalt von Theorien dynamischer Systeme fern vom Gleichgewichtszustand geläufig ist. Kants vergleichsweise bescheidenes Verständnis wissenschaftlicher Begriffsbildung war dagegen dem Siegeszug der reduktionistischen Forschungsprogramme im 19. Jahrhundert zuträglich. Aber das Anfangsproblem könnte sich für jeden monistischen Denkansatz stellen, und Spencer Browns »Gesetze der Form« böten dann nur die formallogische Variante einer Antwort darauf.
Denn auch Spencer Browns »Gesetze der Form« sind kein naturwissenschaftlicher, sondern in erster Linie ein naturphilosophisch deutbarer Text. Das Postulat, dass das Universum in seinem tiefsten Grunde Mathematik ist, mag zutreffen, wird aber rein als solches vermutlich keinen Physiker zufriedenstellen. Soweit ich das als Nicht-Naturwissenschaftler (Soziologe) überhaupt einschätzen kann, könnte eine naturwissenschaftlich diskutable Version der Antwort möglicherweise in der Protyposis-Theorie von Thomas und Brigitte Görnitz zu finden sein, die abstrakte Quantenbits und »bedeutungsfreie Information« an den Anfang der Welt stellt. Anstatt (wie Spencer Brown vorgehalten wurde) bloß eine Variante der booleschen Algebra zu bieten, müsste ein formaler Ansatz vermutlich den besonderen Anforderungen einer Quantenlogik genügen. Diese Frage zu beantworten übersteigt jedoch die Kompetenz des Rezensenten.
C. Fazit
Diese Einwände vorgebracht, möchte ich zusammenfassend sagen, dass sie die wesentliche Leistung von Pröscholds Buch nicht mindern: der Verfasser zeigt überzeugend auf, dass dem heutigen naturwissenschaftlichen Wissen, soweit es materialistischen und reduktionistischen Paradigmen folgt, Aporien immanent sind, die einer Auflösung harren: wie lassen sich reduktionistische Modelle der Natur mit dem Phänomen des Bewusstseins vereinbaren? Bewusstsein mit einer Simulationshypothese zu verbinden, ist seit einiger Zeit in philosophische Mode gekommen. Die Simulationstheorie des Bewusstseins ist jedoch mit dem Stigma der gnostischen Täuschung behaftet: der boshafte Dämon des Descartes ist ein spätes Echo des betrügerischen Schöpfergotts der Gnosis, der die Menschenseelen in der materiellen Welt als einem Kerker oder Grab festhält und sie um die Erkenntnis ihres wahren göttlichen Seelenfunkens betrügt. Pröschold zeigt uns auf, dass der Simulationsbegriff obsolet wird, wenn man das Universum als Ganzes und in seiner innersten Verfassung als informationelle Struktur auffassen kann. Dass der Verfasser dabei den Begriff der Substanz in den Titel stellt, darf gleichermaßen als intelligente Provokation wie als didaktischer Kunstgriff verstanden werden, denn im Verlauf seiner Argumentation hat er dessen geläufige Bedeutung Schritt für Schritt überzeugend aufgelöst. Der cartesische Dualismus ist ungeachtet aller Versuchen seit Kant, ihn aufzulösen, ein hartnäckiges Problem der modernen Philosophie geblieben. Bernd Pröschold schlägt uns hierfür eine kenntnisreiche und wohlüberlegte und zugleich lesbare und allgemeinverständliche Antwort vor.
D. Literatur
Descartes, René (2008), Meditationes de prima philosophia. Lateinisch-deutsch. Hg. v. Christian Wohlers. Hamburg: Felix Meiner
Esfeld, Michael; Sachse, Christian (2010), Kausale Strukturen. Einheit und Vielfalt in der Natur und den Naturwissenschaften. Berlin: Suhrkamp
Förster, Eckart (2018), Die 25 Jahre der Philosophie. Eine systematische Rekonstruktion. 3., verbesserte Auflage. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann
Görnitz, Thomas; Görnitz, Brigitte (2016), Von der Quantenphysik zum Bewusstsein. Kosmos, Geist und Materie. Berlin, Heidelberg: Springer
Putnam, Hilary (2004), Brains in a Vat. In: Hilary Putnam: Reason, Truth and History. Cambridge: Cambridge University Press, S. 1–21
Scheidel, Walter (2021), Escape from Rome. The Failure of Empire and the Road to Prosperity. Princeton, Oxford: Princeton University Press
Spencer-Brown, George (1999): Laws of Form. = Gesetze der Form. Lübeck: Bohmeier
Wirsching, Günther; Schmitt, Ingo; Wolff, Matthias (2025): Quantenlogik Band 1. Eine Einführung für Ingenieure und Informatiker. 2. Auflage. Berlin: Springer Vieweg
Wolfram, Stephen (2002), A New Kind of Science. Champaign, Ill.: Wolfram Media
Golly (Conway's Game of Life Simulator): golly.sourceforge.io/
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