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Richard Meier schrieb uns am 18.05.2020
Thema: "Das zweite Schwert" von Peter Handke: Afrika als Ausweg aus der Schuld-Rechenschaft

Mit der Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke im Herbst kochte die Kritik an seiner Parteinahme für Serbien im Balkankrieg hoch. Seine danach erschienene Erzählung Das zweite Schwert soll zwar keine Reaktion darauf sein, denn sie wird auf den Mai 2019 datiert, trotzdem passt sie dazu. Die Mutter des Ich-Erzählers beging Selbstmord, weil sie in einem Zeitungsartikel als frühere Befürworterin des Hitler-Regimes hingestellt worden war – womit die Mitschuld am Holocaust verbunden ist. Zeitungsjournalisten schmäht der Erzähler als "Fernschreiber", und man darf annehmen, dass dies Handkes Ansicht über all jene Multiplikatoren in der westlichen Öffentlichkeit entspricht, die den Zerfall Jugoslawiens aus der Ferne beurteilten, während er Serbien höchstselbst bereiste. Auch in dieser Auseinandersetzung wurden die Nazi-Verbrechen ins Spiel gebracht: Interventionsbefürworter sprachen von einen neuen Holocaust, den es zu verhindern gelte.

In der Erzählung wird die aus der historischen Schuld erwachsene Obsession auf die Spitze getrieben: "Vergleichbares (nein, nichts ist 'vergleichbar') war mir lang vorher einmal, ein einziges Mal, begegnet: ein anonymer Brief mit der Drohung, mein Kind zu töten, schaffte ich es nicht, die sechs Millionen von meinen Vorfahren (das nur zwischen den Zeilen) getöteten Juden zum Leben zu erwecken."

Der Erzähler setzt allerdings selbst die Folge aus Schuld und Vergeltung fort: Er beschließt, an der Autorin des Zeitungsartikels, der den Tod der Mutter verursacht hat, Rache zu nehmen und sucht ihr Haus in der Ile-de-France auf. Die Schilderung dessen, was er auf diesem Weg durch das Weichbild von Paris sieht und reflektiert, macht einen Gutteil des Buches aus.

Was die äußeren Eindrücke angeht, kann man sich punktuell an Houellebecq erinnert fühlen: Der Westen als eine Mischung aus Verwahrlosung und Hypermoderne; eine Spaßgesellschaft, die sich andeutet, wenn auf den ersten Seiten "die im Lauf der Jahre, nicht bloß in Frankreich, zahlreich gewordenen Ferien" angemerkt oder gegen Ende eine für Bridge-Spiele umfunktionierte Kirche beschrieben werden. Bei Handke, der früher schon einen "müden Blick" propagierte, steigern sich diese Dekadenz-Beobachtungen freilich nicht zur selben Eindringlichkeit wie in Houellebecqs Prosa. Handkes Erzähler sagt von sich selbst, ihm fehle "jeder wissenschaftliche Blick und Ehrgeiz"; seine Sache sei, "etwas, ohne ein Zutun, gewahr zu werden" und in seiner eigenen "Einbildung" damit "wegzudriften". Zu dieser Kombination aus Zurückhaltung und Eigenmächtigkeit passt der Sprachstil: Nicht wenige Passagen zieht der Erzähler in die Länge, indem er sich mit Einschüben vortastet, seine Worte durch Wiederholungen bestärkt, durch Variationen und Neuschöpfungen erweitert oder auch (wie im obigen Zitat vom Drohbrief) verwirft.

Diese Struktur erfordert beim Lesen Geduld, zumal sie auch die Plotebene prägt: Der Rachwillige macht Umwege, zögert die Bluttat hinaus, um sie letztlich durch etwas anderes zu ersetzen. Vordergündig mag sich das damit erklären, dass er in einer Kneipe und in weiblicher Gesellschaft landet. Liebe überwindet Hass, sozusagen. Zuvor begegnet aber ein stärkeres Motiv: Im Abendbus erblickt der Protagonist eine "dunkelschwarze Gestalt", die ihn spontan an einen Attentäter denken lässt, bevor er Augen bekommt "für den auf das emporgezogene Knie gestützten Arm der Afrikanerin und die Hand mit dem Buch; nein, was sich so sehen ließ, war das Gegenteil von einem Gespenst oder Schreckensbild. Und das kam von dem Weiß der Buchseiten, wie es aufleuchtete beim Umblättern". Drei Farben fügen sich zu einem "Friedensbild"; es sind Farben einer "Friedensflagge": "Hier nun, am Grün hinterm Busfenster, am Weiß der Buchseiten und am Schwarz-in-Schwarz dieser Leserin, kamen solche Fahnenfarben erstmals nicht aus der Natur allein. Und ich stellte mir vor, wie im tiefen Afrika dereinst das Lesen weitergehen würde."

Afrika als Ort des Friedens und der literarischen Zukunft – diese Vision stellt zumindest einen Gegenentwurf zur gewaltsamen und stets rückwärtsgerichteten Abrechnung von Schuld dar. Ein Wunschbild vielleicht auch dafür, Europas Erblasten ablegen zu können.

In der Bibel ist die Erbsünde mit der Schlange verbunden. Auch Handke greift dieses Symbol auf, nur kehrt er es um: Nicht die Schlange verführt zur Sünde, sondern sie ist das Opfer schuldhaften Tuns. So in der Lebensgeschichte des Wirts, den der Erzähler zu besuchen pflegt. Dieser hatte in seiner Soldatenzeit eine Urwaldschlange geschenkt bekommen und sie im Schlaf erdrosselt. "Meine ewige Schuld!", bekennt er. Auf ihrem „Rachefeldzug“ erinnert sich die Hauptfigur an eine "tiefschwarze" Schlange in einer "Grabenwildnis", die für den Bau einer Bahnstrecke beseitigt wurde, weshalb auch die Schlange verwunden ist – bis sie hinter der entweihten Kirche noch einmal auftaucht.

Die Umdeutung der Schlange, deren Afrika-Bezug hier auf der Hand liegt, ließe sich als eine Abkehr von der biblischen, also abendländischen Schuld-Tradition verstehen. Doch worin besteht diese Wendung konkret? Im Zug beobachtet der Erzähler die Gesichtsbewegungen eines Afrikaners: "Ober- und Unterlippe einander sich nähernd, aber ohne Berührung, und wenn einmal, dann so zart, und zarter nicht möglich; wie seit jeher fraglos und seit jeher auch keine Antwort erwartend, ohne ein Bewusstsein überhaupt von Wort wie Sachverhalt 'Antwort' und 'Antworten': er betete." Im Gegensatz zu dieser milden, bittenden, keine Rechenschaft verlangenden Haltung steht die Journalistin, "eine der Myriaden öffentlich agierender Frauen", wie sie am Schluss in einer Talkrunde auf dem Bildschirm der Kneipe erscheint. Drei Paar Brillen hat sie auf: "eine oben auf dem Kopf, eine vor den uneinsehbaren Augen und eine an einer Schnur vor der Brust, und sie schrieb immer wieder etwas auf, mit einem überlangen Bleistift". Ein abwertendes Sinnbild für den Anspruch, alles zu sehen und zu erfassen.

Man kann über diese Zuschreibung und Kontrastierung geteilter Meinung sein wie über Handkes politische Positionierungen überhaupt, überraschend und risikofreudig ist seine Afrika-Projektion jedenfalls – sie könnte im politisch korrekten Klima als kolonialistisches (oder gar rassistisches) Klischee angegriffen werden. Der Schluss dieser Geschichte legt allerdings nahe, diesem Impuls nicht zu folgen, sondern gelassen zu bleiben.

Ohnehin ist das Afrika-Motiv zwar bedeutsam, aber keineswegs vorherrschend; es tritt nur an wenigen Stellen in diesem an Bildern, akustischen Impressionen, mythologischen Anspielungen reichen Bändchens hervor. Wer als Leser an solchen poetischen Qualitäten Gefallen hat, wird verzeihen, dass das Eingangs-Versprechen einer spannenden Rache-Handlung nicht eingelöst wird.

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Maria Behre schrieb uns am 28.04.2020
Thema: Marica Bodrožić: Das Wasser unserer Träume

Maria Behre, 28.4.2020

„Ohne Farben keine Fragen“.

Rezension Marica Bodrožić, Das Wasser unserer Träume. Roman, München 2016
(im Folgenden bei Zitaten und Seitenzahlen abgekürzt mit der Sigle „WT“)

Über diesen Roman eines Patienten ohne Namen im Koma oder im Locked-In-Syndrom zu schreiben, fällt in Corona-Zeiten mit medial schonungslosen Blicken in Intensiv-Stationen mit extremen Triage-Herausforderungen nicht leicht.

Einerseits ist das Thema an der Grenze zwischen Leben und Tod kein komfortables, und nicht jede/r ist bereit, sich ihm auf über 220 Seiten zuzuwenden. Andererseits ist der Plot auch nicht gänzlich unbekannt, wird er doch in verschiedenen
Medien aufgegriffen, wie z.B: im Film „Während Du schliefst“ (1995), dem Krimi von Brigitte Aubert, „Im Dunkel der Wälder“ (1998), dem Bericht von Julia Tavalaro und Richard Tayson „Bis auf den Grund des Ozeans. Sechs Jahre galt ich als hirntot. Aber ich bekam alles mit" (Freiburg: Herder 2000), den Filmbiographien „Das Meer in mir“ (2004) nach einer wahren Begebenheit oder „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007) nach einem autobiographischen Roman, der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Erinnerungsroman „Du stirbst nicht“ (2009) von Kathrin Schmidt.

Deshalb soll hier ein anderer Zugang gewählt werden, vom Werk der Autorin her, denn im
Veröffentlichungsjahr 2016 erschien gleichzeitig die zweite, fast unveränderte Auflage des Werkes „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ (Berlin: btb 2016, bis auf vernachlässigungswürdige Details identisch mit der Erstausgabe Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2007, im Folgenden abgekürzt mit der Sigle „SESF“, bei Häufungen auch einfach in runden Klammern).

Schon vom Titel her gibt es eine Besonderheit: den Vergleich des Lebens im Koma mit der Wasser-Metapher, sogar Meer-Metapher oder allgemein dem Wortfeld des Liquiden. Ebenso wie das Meer als Sinnbild des Herausschwimmens in die Unendlichkeit des Todes imaginiert werden kann, weist es nicht nur auf das Ende des Lebens, sondern auch auf den Anfang, auf die Quelle des Lebendigen, den Ursprung der Lebensenergie.

Das Motiv des Liquiden zieht sich als wiederkehrender Topos, also leitmotivisch-musikalisch, auch durch andere Werke: So erschließt Bodrožić in ihren autobiographischen Essays „Sterne erben, Sterne färben“ ihren Vornamen Marica von einem gleichnamigen Fluss her. Damit gewinnt das Motiv des Lebens zwischen der Geburt, dem ‚Sternenerbe‘, und dem Lebenslauf als einem Fließen, dem ‚Sternefärben‘, bis zu einer Form von ‚Mündung‘ in Formen der Vervollkommnung und Vollendung bis zur Erinnerung als Überwindung des Todes, eine besondere Dimension der Selbstvergewisserung in einem tradierten Mythos. Die Autorin nennt es „[d]ie Entdeckung meiner selbst als Flußexistenz“ (SESF, 159). Diese Erfahrung macht sie aber erst in Deutschland, im Land ihrer zweiten Sprache nach der kroatischen, die mit der Nähe zum Mediterranen in Südosteuropa auf die Antike zurückverweist: „Erst zwei Jahrzehnte nach der Ankunft in Deutschland fand ich heraus, daß ‚Marica‘ im thrakischen Plovdiv [der zweitgrößten Stadt Bulgariens] der Name für einen Fluß war“. Gestützt durch einen Text mit dem Titel „Die sieben Quellen der Marica“ geht der Weg zurück zu Ovid, der den Fluss unter dem weltberühmten Namen Hebrus in seinen „Heroiden“, fiktiven Briefen von mythischen Frauen an ihre abwesenden Männer, als Quelle rühmt. Die Autorin zitiert aus dem zweiten Brief die „heiligen Wasser des Hebrus“ in lateinischer Sprache. Daraufhin beschwört sie auch die offensichtliche Nähe der ersten drei Buchstaben des Eigennamens zum Gattungsnamen „mar“ (lateinisch „Meer“). Die von der Autorin selbst angesprochenen „Eitelkeit“ sei ihr zugestanden, aber die Parallelisierung der Vornamensdeutung mit dem weltliterarischen Text aus dem Kulturraum ist eine ästhetisch höchst spannende Methode, die die Autorin „Dual“ nennt, nämlich das Gehen in Spuren, um die Würde des Namens in dieser Doppelung zu entfalten. („Der Name ist mehr ein Echo als ein wirkliches Wort“, SESF, 123, hier ein Echo der Antike in der Aktualität) Die grammatische Form des Duals zwischen Singular und Plural gibt es im Deutschen nicht, aber sie wird hier im Ästhetischen, dem Wahrnehmen des paarigen Kontaktes zwischen Selbst und Wirklichkeit, verwendet. Die Antike gewinnt die Autorin wieder in dem von ihr neu benannten mittelmeerischen Prinzips Albert Camus‘, eine Sphäre, die sowohl Zeit als auch Raum ist: der „Mediterran“, der dem deutschen Sommer unvergleichliche Sommer des Südens (SESF, 18), der deutschen Landschaften unvergleichliche gastfreundliche Bereich „[a]lle Ufer Europas“ als Ursprungsraum der kulturfördernden Schifffahrt friedlicher Völker im Mittelmeer (SESF, 51).

Wie kommt die Autorin dazu, Doppelungen, Paarungen, Duale wie die Kulturdyade von Antike und europäischer Gegenwart im Mittelmeerraum zu gestalten? Zur Klärung dieser Methode gibt der Roman „Das Wasser unserer Träume“ Anlass. Alle grammatischen Kategorien als Ordnungssysteme sind aufgehoben: z.B. zwischen den Genera verbi Aktiv und Passiv („Wir können das Leben nicht machen, es hat uns gemacht“, WT, 123, „Und wer ist mein Erzähler, wer hält mich und dich zusammen“, 122). Wir sind ständig mit dem Ich-Erzähler in dem Dual von Innen- und Außenwelt, Leben in einem „Innenleben“ (122) und einem Leben im Außen, zwischen Akteur und Zuschauer (142), in einem Dual zwischen Wach- und Traumzustand, innerhalb und außerhalb eines Körpers, sowie in einem „Meer unserer Innerlichkeit“ (144), das aber in höchst präzisen medizinischen Metaphern entfaltet wird, vor allem einer Vision von ‚Blutbildern‘. Es handelt sich nicht um eine tabellarische Liste, den Fachbegriff des Hämogramms als in der Medizin standardisierte Zusammenstellung wichtiger Befunde aus einer Blutprobe, sondern um echte Bilder photographischer Art zu roten und weißen Blutkörperchen. Hier möchte man eine Parallele ziehen zu Robert Musils „Mathematik und Mystik in einem“ oder Gottfried Benns Chiffren. Der Ich-Erzähler vermag aktuell einen Menschen um ihn herum durch eine „Reise in seine inneren Farben“ (110) zu erkennen, er vermag es genauso wie sein „eigenes Blutbild im Geist heranzuziehen und es in Ruhe zu betrachten“ (92). Er sieht rote Blutzellen als „riesige Granatäpfel, leuchtend rote Kerne, rot wie Lava heißester Vulkane.“ Er kann auch bei anderen deren ‚Blutbild in sein Bewusstsein heranholen‘ (Snegi, den er als Pfleger „Internaut“ parallel zum kosmischen Astronauten nennt, 91, 152, 132, 117) und damit seine Lebensenergie mit eigener Diagnostik einschätzen: „Dabei bin ich so sehr am Leben, dass ich ihn lesen kann, ihn und seine roten und seine weißen Blutkörperchen. An der Dichte und an den Farben kann ich genau erkennen, ob er gut beisammen ist oder nicht.“ (110). Einander so zu lesen – diese Kunst bezeugt die Menschlichkeit auch an diesen Ort der Intensivstation.

Immer wieder wird der Zustand des „Inneren“ aufgerufen: etwas ist „vor meinem inneren Auge aufgetaucht“ (77), „Statt einer Biographie habe ich nun innere Augen“ (123). Mit dieser Metapher beschreibt die Philosophin Martha Nussbaum ihre Gefühlstheorie der mitfühlenden Phantasie als Sehen mit den Augen eines Anderen, die Solidarität des Nicht-Wegsehens als Basis des wieder zu gewinnenden Bürgersinns heutiger Zeit. Eine solche sinnenbasierte Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für den Anderen, philosophisch fundierte Ästhetik der Phänomene des Sehens, verbunden mit der ethischen Haltung einer Einsicht in Zusammenhänge, der Verbundenheit und Verwandtschaft der Menschen, macht den Faden der Erzählung im Roman aus. Es ist die Erzählung eines Lebenslaufes, der durch einen Unfall an eine Grenze gekommen ist und der im Krankenhaus neu beginnen wird. Wie ein Fluss sich ein neues Bett sucht, ist hier der scheinbar starre Körper aufgewühlt und aufbrechend zu einer „inneren Farbenreise“(57), immer wieder einer „Reise“ (65, 187, 198), einer „Durchreise“ (203), „wie ein Mensch auf einem Pilgerweg“ (33), er nennt sich „Pilger meines Lebens“ (33 ,77), im Vollzug des ‚Herzpilgerns‘ („Ich herzpilgere in die Erinnerung zurück, muss gehen lernen, ohne meinen Körper bewegen zu können“, 129).

Durch das Stichwort „Erinnerung“ ist ein zentrales Poetologem aufgerufen, welches in „Sterne erben, Sterne färben“ mit der Sprache als einem Erzählfluss verbunden wird: „Im Deutschen ist die Erinnerung ein Schutzgewand, eine Fügung; ein Fluß, in dem ich schwimmen kann und der mich ins Offene eines großen, gewaltigen Meeres hinausträgt, aber nie zu einem tränenden Sprach-Menschen macht.“ (SESF, 146) Die Bildstruktur, ja man könnte sagen, der Dual zwischen „Fluss“ und „Meer“, ist hier die Vollzugs-Einheit von aktivem Schwimmen und gelassen-geschenktem ‚Hinausgetragenwerden‘, ein Lebenslauf im Sinne des Hölderlinschen „Komm! ins Offene!“. Die Harmonie des Duals ist möglich, weil die Sprache Erinnerungen ‚kanalisiert‘, zum Ausdruck bringt, und die Sprechende davor schützt, „sich in der Trauer zu verstricken“ (SESF, 146).

In dem Roman „Das Wasser unserer Träume“ ist diese Bedeutung der Sprache durch das Setting in der extremen Schmerzzone zwischen Leben und Tod noch deutlicher spürbar als in der Adoleszenzphase einer Auswanderung von Kroatien nach Deutschland, wenn auch strukturell ein analoger Übergangsritus. Der Übergang auf der Ebene der horizontalen Lebensbewegung wird durch den Balanceakt zwischen den vertikalen Dimensionen von Tiefpunkten und Höhepunkten, Depression und Erhabenheit, gestaltet: „die Sprache hebt mich in die Höhe, läßt mich aber zugleich immer auf dem Boden, von der Erde aus betrachten“ (SESF, 146).

Der Ich-Erzähler im Roman erhebt sich, sich und seine Welt erzählend, gleichsam aus seiner liegenden Position, beginnt jetzt, in Sprache sein Inneres, das „Blutbild“ (WT, 91), zu sehen: „Aus hunderttausenden von Granatapfelkernen besteht mein Blut“ (92). Er entwickelt daraus ein Heilungsbild in der Farbe Rot: „Was könnte mich besser gesund machen als die Farbe selbst?“ (93), und beschwört diese Sicht als ‚Schirm und Schild‘-Energie: „Die soll von nun an und für alle Zeiten mein Granatapfelbund heißen“ (93).und Schließlich folgt daraus für ihn, dass „alle Menschen große Granatapfelgruppen bilden“ (96), und dieses Gesehene  eine ethische Grundqualität des Menschseins ist: „Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben“ (96), also im schutzlosen Raum des Patientseins im Krankenhaus.

Was heißt aber „inneres Sehen“? Vor allem, wenn das Werk in den vier Jahreszeiten gegliedert ist, mit dem Winter beginnend? Lassen sich die Farben der Jahreszeiten ohne den Blick aus dem Fenster, da der Ich-Erzähler ja ans Bett gefesselt ist, als wirklich „innere Farben“ gewinnen? Parallel dazu ist in „Sterne erben, Sterne färben“ ein Song zitiert, dessen Titel lautet: „Die Farben sind in uns“ (SESF, 145). Daran anknüpfend wird im Roman viel komplexer formuliert: „jeden Gedanken sehe ich als Farbe“ (WT, 97). Der Ich-Erzähler hat keine Kommunikationsmöglichkeit mit dem Außen, er ist gefesselt an sein inneres Sprechen, sein inneres Denken, seine innere Wirklichkeit als seine Welt. Ludwig Wittgensteins Tractatus-Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ gewinnt hier eine physische Vertiefung bis ins Abgründige, ist aber für den Prozess der Kunstschöpfung eine Chance.

Die philosophische Fundierung der Farbe ist dabei ihre Denkkraft: „Ideas are substitutes for sorrows […]. Wie Sterne am Himmel strahlt der Satz mich von der Zimmerdecke an. [...] wie Ideen stärker leuchten als der Schmerz“ (WT, 82). Der Ich-Erzähler bekennt: „Es ist kein Satz von mir, ganz viele Sätze, die mir zuarbeiten, sind nicht von mir. Sie meinen mich […] Woher er kommt, weiß ich nicht.“ Das Internet weiß dies, er stammt von Marcel Proust: „Happiness is salutary for the body, sorrow develops the powers of the spirit. Ideas are substitutes for sorrows.“ Warum Proust in englischer Sprache zitiert wird, muss hier offenbleiben, der Protagonist ist nach Flucht aus Europa „offenbar längst Amerikaner“ (WT, 220). Die Farben sind beim Ich-Erzähler mit den Sorgen verbunden: „das Wirbeln der Farben. Die Farben sind wirklichwilde Sprachen“ (WT, 84), „die Sorgen sind hungrige Leute, ihre Farben irren in dunkeldicken Spiralen umher wie hungernde Hunde“ (85), die Farben spiegeln deutlicher seine Gedanken wider, als Worte es könnten, da sie energisch aufgeladen sind und die Menschen in die gefährlich Zone einer Zerreißprobe führen, an Emotionen heran, denen sie sich aussetzen müssen, die sie nicht rational beherrschen und unterdrücken können.

Welche Farben sind im Innern? Offensichtlich ist bei dieser erforschend-entdeckenden Frage der Schritt vom Kapitel „Winter“ zum „Frühling“ der entscheidende. Während im Kapitel „Winter“(WT, 7-70) die Schwarz-Weiß-Schattierungen nur ahnend wahrgenommen werden („als ich noch keine inneren Farben sortieren und nur in Schattenabstufungen denken konnte“, 122), dienen im Kapitel „Frühling“ (WT, 71-114) die Farben, vor allem die Komplementärfarben Rot (Granatapfel, 92) und Grün, im Kapitel „Sommer“ (WT, 115-180) das Hören und Riechen und schließlich im Kapitel „Herbst“ (WT, 181-221) das Tasten („Meine Finger kribbeln. Ich spiele Luftklavier mit ihnen“, 181) dem Ausdruck seiner sich entfaltenden Gefühlswelt über seine Sinne.

Die Jahreszeit des Frühlings steht für das Wieder-Aufleben nach der Wintererstarrung, das Wachsen als genetischen Prozess. Das Wieder-Leben-Lernen des Protagonisten durch die erwachenden Sinne hat eine Parallele im Sprechenlernen, wie es die Autorin in „Sterne erben, Sterne färben“ beschreibt: „In Berlin fing ich an, die Sprache der Farben [...] zu lernen. […] Sobald ich an einem Text arbeitete, meldete sich das Spiel der Farben im Unterpfand der Wörter.“ (SESF, 144) Diese individualgeschichtliche Sprach-Genese führt die Autorin zu komplexen Thesen zum Thema „Sprache – Denken – Wirklichkeit“ und Einblicken in den Prozess ästhetischer Produktivität, der Kunst-Genese: „in dem das Schreiben Hand in Hand mit dem Glauben an die denkerischen Fähigkeit der Farben einherging. […] wie ein Lichtfaden zu den Sternen wirkte das manchmal, dieses Bild gab sich mir ein, war mein Führer durch die Weltgegend der Farben. Auf diese Weise bin ich schreibend zu den Sternen gereist.“ (SESF, 155) Neben diesem elaborierten Sprechen und Denken beherrscht Bodrozic dabei auch die knappsten Formen als Formeln: „Ohne die Farben läuft sprachlich nichts ab.“ (SESF, 157)

Somit sind „Farben“ wie „Sterne“ leitend. Die These ist durch die F-Alliteration sinnlich verbunden: „Ohne Farben keine Fragen“ (WT, 82) – und vice versa? Keine Fragen ohne den persönlichen Farbton? Das möchte man öfter fragen in diesem Roman: Körper und Kopf, Leib und Seele, Ursache und Wirkung, Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv, Anfang und Ende, Augenblick und Dauer, Punkt und Fläche, diese dianoetisch-grammatischen Kategorien wanken und lösen sich auf.

Die wichtigste Frage ist die nach der Beziehung zwischen Ich und Du, ihrer Nähe und Distanz, ihrer Verschmelzung und Trennung, die Relation der Liebe. Welche Farbe sich eignet, um diesen lebensbestimmenden Kontakt zur Sprache zu bringen, zwischen Liebesfreud und Liebesleid, ist naheliegend und vielleicht deshalb durch die Komplementärfarbe innovativ gebrochen. Im Mittelpunkt steht im Roman einerseits die Frucht des Mediterran bis zum Iran: der Granatapfel und sein blutendes Rot. Daneben aber erscheint durch ein als Lied populäres Federico Garcia Lorca-Gedicht „Romance sonambulo“ (1928) die Farbe Grün, der Kontakt zu ihr ist hier Flucht aus dem Schmerz. Zunächst summt seine Pflegerin „schmerzgrüne Zeilen“ (WT, 64, vgl. 54), um ein neues Leben als „Aufblühen“ zu beschwören, und dann vermag er: „ich sah in mein Gehirn hinein, bevor ich innerlich auf grüne Wiesen auswich, dem herrlich verlockenden Grün mich zuwandte, den hellen Farben dort, die mich liebten. Verde. Que te quiero verde“ (75f., vgl. 95). Diese Farbe kann gewonnen werden, weil ihr inneres Sehen physiologisch-psychologisch vorbereitet ist: „Zum ersten Mal seit meinem Unfall hat mein Bewusstsein sich in meinem Inneren wie in einem unermesslich großen grünen Wald ausgeruht, und ich habe aufgehört, in Sprache zu denken. Verde, que te quiero verde.“ Dieses Bild und die Wiederholung dieses Gedichtverses offenbart, was es heißt: „mich mit meiner inneren Farblandschaft zu verbrüdern“ (92). Die Kontaktaufnahme über Farben ist bezeugt in der Erinnerung an das Gesicht der Geliebten, „tief und wie aus einem Meer voller Farben sieht sie dich an“ (78). Die Menschen, die ihn verstehen, äußern sich analog, die ihn betreuende Frau Agni, seine sensible „Gedichtefrau“ mit ihrer „Büchertasche“ in Gestalt eines Kelims (100): „Seine Venen sind blau wie Flüsse“ (110), sie glaubt an die Lebenskraft des Patienten, hofft an die Fortsetzung seines Lebenslaufes nach der im Krankenhaus behandelten Krise.

Wie genau die Autorin die Farben aus dem kunstgeschichtlichen Zusammenhang kennt und ihrem Protagonisten als Gedanken eingibt, offenbaren Stellen wie: „Ich bleibe im Grün. Die Farbe ist ein Ort. Ich wachse langsam aus der Welt der Stille in die Öffnung der Worte hinein […]. Ungetarnt ist hier alles Gesang. […] Und weil das so ist, ist dies kein Vorhaben, wie das Bild einer Pfeife auch keine Pfeife ist“ (87), ein direktes Zitat des Klassikers der Sprachkritik: René Magrittes Bild „Der Verrat der Bilder“ (1928). Die Autonomie der Farbe – Chiffre eines freien Lebens „im Grün“, aber auch im Rot wie im Blau –, ist nicht durch eine normierte Sprache mit pragmatisch-utilitaristischer Verzweckung und Vereindeutigung auszudrücken. Was dieses Grün sein soll und wie man ‚in ihm bleiben‘ kann, ist die Ausdrucks-Aufgabe entweder eines kurzen Gedichts oder eines langen Romans bzw. einer Romanfolge. So benennt Bodrožić die Differenz literarischer Gattungen mit Farbennuancierungen, mit den Genres geht man gleichsam in einen Farbton hinein. „Das Alphabet hat ein Land. Jeder kann es betreten. Aber es gibt dort ein Tor zu durchschreiten. Je nachdem, aus welcher Richtung man auf es zugeht, verändert es seine Farbe (die eine Farbe führt zum Gedicht, die nächste zur Erzählung, die ihr folgende zum Roman und dann auch zu etwas Hybridem).“ (SESF, 123)

Insofern ist auch die Ehefrau des Protagonisten, die er vergessen hatte, Milena mit der Profession einer Philosophin (WT, 133), im Kapitel „Sommer“ eine „Frau mit den großen grünen Augen“ (118), „das unermesslich tiefe Grün dieser fordernden Frauenaugen“ (124), eine Auseinandersetzung des Paares ist angedeutet, warum werden sie nicht weiter miteinander leben, oder doch? Was ist aus der Vergangenheit noch klärend aufzugreifen? Hier endet der Roman mit offenen Fragen. Aber er ist der dritte Teil einer Romantrilogie, und deshalb wäre dann ein Blick auf die diesem Roman vorausgehenden Romane: „Das Gedächtnis der Libellen“ (2010) und „Kirschholz und alte Gefühle“ (2012) möglich und nötig.

Überhaupt bleibt das, was dem Unfall des Ich-Erzählers direkt vorausgegangen ist, unklar. Wenn es ein äußerer Anlass war, dann korrespondiert er auch mit einer inneren Zäsur. Denn die Kraft des Farbsehens und Färbens als ‚Farbsprechens‘ im Sinne der Essays „Sterne erben, Sterne färben“ hat eine Quelle, die zugleich Ende und Anfang ist: „Der Körper bricht zusammen, wenn die Sterne keinen Zugang zu unserem Brustland haben. Dieses Brustland hat sich bei mir nicht nur als ein Geysir der Gesundheit betätigt. Es hat auch Sprache magnetisch angezogen.“ (SESF, 92)

Erst durch ein scheinbares Ende findet man eine andere, eine innere wie äußere Sprache - diese magnetische Kraft der Sprache durch Marica Bodrožić wiederzugewinnen, dafür lohnt es zu lesen und mit offeneren, inneren Augen zu leben.

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Connie Ruoff schrieb uns am 14.04.2020
Thema: Siri Hustvedt: Wenn Gefühle auf Worte treffen

Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt bietet im Gespräch mit Elisabeth
Bronfen in »Wenn Gefühle auf Worte treffen« einen Zugang zu ihrem Werk und ihren
Gedanken. Elisabeth Bronfen zeigt sich sehr vertraut mit Siri Hustvedts Büchern. Es
ist eine Freude zuzuhören.

Elisabeth Bronfen ist Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen
Seminar der Universität Zürich. Sie promovierte über den literarischen Raum und
habilitierte über Darstellungen von Weiblichkeit und Tod. Seit 2007 ist die Kultur- und
Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin, Global Distinguished Professor an der
New York
University.

Der Aufbau „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
Das Gespräch wurde in sieben Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegliedert. Die Gliederung ist gut gewählt:
Anfänge
Das Abenteuer New York
Engagement für Feminismus
Der Zauber der Malerei
Das magische Reich der Fiktion
Das verwundete Selbst
Für eine Kultur der Sorgsamkeit im politischen Handeln
Der Leser erkennt die Vielseitigkeit und Tiefe, die in den Werken Siri Hustvedts vorhanden sind. Ich bin versucht, es einen ganzheitlichen literarischen Anspruch zu
nennen.

Anfänge „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt wuchs in Minnesota auf. Der Großvater stammte aus Norwegen. Die
Autorin erzählt über ihre Familie und ihr Leben als Selfmade Wissenschaftlerin und
Autorin. Ich bin immer wieder erstaunt, auf welch großen Wissensfundus oder Literaturfundus die Autorin zurückgreifen kann. Von „Jane Eyre“ über „Tristam Shandy“, „Middlemarch“ zu »Les Fleurs du mal«. Von Simone de Beauvoir über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, bei Edmund Husserl und den Phänomenologen verweilend zu
Georg Lacan und seinen Theorien, kann Siri Hustvedt mitreden.
Die Autorin liest viel und ist für alles offen, reflektiert ihren Erkenntnisfortschritt und
recherchiert weiter. Es ist Wissens erweiternd, ihre Spur aufzunehmen und mit zu
wandeln.

Das Abenteuer New York „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt beleuchtet in diesem Punkt ihre Faszination zu New York. Die Stadt
New York hat nicht nur für Siri Hustvedt eine große Bedeutung, sondern auch für
ihren Ehemann Paul Auster. Das lässt sich aus ihren Büchern lesen. Bei Paul Auster
sind es u. a. die »New York Trilogie« und bei Siri Hustvedt, denke ich umgehend, an
„Damals“.

Die junge S. H. als literarische Anfängerin, die nach ihrem Herkunftsort Minnesota
genannt wird, ist nicht mehr der gleiche Mensch, nachdem sie Jahre in New York ge- und erlebt hat.
Engagement für Feminismus „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Die Autorin hat schon als junge Frau Simone de Beauvoir gelesen. In der Einführung
zu »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen« stellt sich die Autorin mit
folgenden Worten vor:
»Ich liebe Kunst, Geistes und Naturwissenschaften. Ich bin Schriftstellerin und Feministin.«
Sie interessierte sich schon als junges Mädchen für die Rechte der Frau. Feminismus bedeutet für sie immer auch Freiheit. Und zwar die »Freiheit zu« genauso, wie
die »Freiheit von«.
Einige berühmten Künstlerinnen, die Nachteile daraus hatten, Frauen zu sein,
widmet sich die Autorin immer wieder in ihren Büchern, so z. B in „Damals“ Baroness
Elsa von Freytag-Loringhoven. Sie war eine deutsche Künstlerin des Dadaismus und
das als Muse, Aktmodell, Malerin, Bildhauerin, Dichterin und Rezitatorin. Das
berühmte Kunstwerk „The Fountain“ wird bis heute Marcel Duchamp zugeordnet,
obwohl es Beweise gibt, dass die Baroness die Schöpferin des Werkes war.

Der Zauber der Malerei „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ An dieser Stelle möchte ich auf einen ganz besonderen Raum eingehen, dessen
Bezeichnung Siri Hustvedt von ihrem Vater übernommen hat: »Yonder«, der Raum
zwischen Erinnerung und Phantasie, eröffnet ein tiefgehenderes Verständnis für Literatur im Zusammenhang mit dem eigenen Selbst. Vielleicht findet genau hier auch
die Begegnung zwischen Kunst und Betrachter statt. Als ich »Damals« und »Eine
Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen« rezensierte, habe ich mich mit Siri
Hustvedts Gedanken zu Kunst und Betrachter auseinandergesetzt.
Kunst entsteht in diesem Raum durch den Betrachter und das Werk. Mittels eigener
Vergangenheit und den erlittenen positiven wie negativen Schicksalsschlägen und
der jeweiligen Befindlichkeit zum Zeitpunkt der Betrachtung. Das ist der strukturierte
Raum, in dem dieses Kunsterlebnis entsteht und sich manifestiert. Gute Kunst
ermuntert den Betrachter, die Struktur aufzubrechen und neu zusammenzusetzen.
Vgl. Rezension „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen
Näheres dazu findest du im Essay »Meine Louise Bourgeois«. Hier entwirft die Autorin, wie Kunst und Betrachter interagieren. Sie schrieb auch Essays über Vermeer,
Goya, Chardin oder Morandi. Der Zauber besteht für Siri Hustvedt, die Werke dieser
Künstler immer wieder ergründen zu wollen und dann doch nicht ganz zu begreifen
und dabei oftmals mit neuen Eindrücken überrascht zu werden. Vermeer, Goya und
Louise des Bourgeois sind Künstler bei deren Werken die Autorin immer wieder
etwas Neues entdeckt, und die Analyse unter anderen Gesichtspunkten erneut einordnet.
Besonders beeindruckt hat mich Siri Hustvedts Essay über Pedro Almodovar und
Robert Mapplethorpe, aus »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Mir war Robert Mapplethorpe nicht bekannt. Über die Recherche zu Mapplethorpe, entdeckte ich Patti Smith wieder. Aber nicht als Godmother of Punk, sondern als einfühlsame Poetin in »Just Kids«.
Mit den Essays über Kunst gelingt es Siri Hustvedt, ihre in »Yonder« entstandene
Kunst empfindsam und lebendig an den Leser weiterzureichen. Beim »Lauschen«
des vorliegenden Gesprächs konnte ich viele Gedankengänge schrittweise nachvollziehen und verstehen.

Das magische Reich der Fiktion „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ Zum magischen Reich der Fiktion passt besonders gut das Essay »Warum diese
Geschichte und nicht eine andere?«. Woher nimmt der Autor seine Ideen? Aus der
eigenen Biografie? Oder sind wir wieder an dem Punkt Erinnerung? An dem Punkt
zwischen Erinnerung und Fiktion? Besonders das
Z W I S C H E N
ist ein Bereich, den die Autorin immer wieder beleuchtet.
Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Vorstellung, unsere Erinnerungen werden in
einem Apothekerschrank verwahrt und wir müssen sie nur einfach aus der Schublade holen, ist das Erinnern ein komplexer Vorgang, dessen Ergebnis variabel ist.
Unsere Erinnerung wird mittels unserer Erfahrungen neu zusammengesetzt und
damit auch bewertet. Dadurch ist Erinnerung nicht statisch, sondern dynamisch.
Wenn unsere Erinnerungen dynamisch sind, was ist dann wahr? Wie wahr sind
unsere Erinnerungen. Die Erinnerung von gestern ist nicht identisch mit der Erinnerung von heute.
Jeder der schreibt, kennt das Gefühl, dass die Protagonisten ein eigenes Leben und
einen eigenen Willen zeigen und dass die Geschichte sich ungeplant weiter entwickelt.
Siri Hustvedt unterscheidet zwischen Sujet, bewusste Entscheidungen (Beispiele
hiefür sind: In welches Genre die Geschichte eingeordnet wird, die Erzählperspektive, sprachliche Gestaltung und das spätere Layout) und Fabula, dem was sich
in einer Geschichte ereignet. Fabula steckt im Autor, er weiß vielleicht noch nichts
Genaues, aber er ahnt ihr Vorhandensein und muss sie nur greifen. Das erinnert
mich an Platons Ideenlehre. Wir haben die Ideen in uns (a Apriori vor jeder Erfahrung), müssen sie erkennen und darauf zugreifen.
Deswegen wissen wir intuitiv, dass die Geschichte so nicht stimmt und ändern sie, im
Glauben, dass sich die Handlung verselbständigt hat, oder die Protagonisten
machen, was sie wollen. Und das wissen wir, obwohl wir im Schreibprozess zeitweilig die Welt einer anderen Person betreten. Nur dann wirkt es authentisch.

Das verwundete Selbst „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
In »Die zitternde Frau« verarbeitet Siri Hustvedt eigene Erfahrungen. Ausgelöst
durch den Tod des Vaters, überfiel die Autorin zeitweise ein unerklärliches Zittern.
Woher kommt das? Was sagen die Neurologen?
Indem sich die Autorin selbst als Fallbeispiel nahm, beleuchtete sie das Symptom
aus Richtung der Psychoanalyse, der Psychiatrie und den Neurowissenschaften.

Für eine Kultur der Sorgsamkeit im politischen Handeln „Wenn
Gefühle auf Worte treffen“ Siri Hustvedt bemängelt, dass niemand ihre Zeichnungen zum Beispiel in »Damals«
kommentiert. Also ich finde gerade diese Zeichnung des »Mächtigsten Manns der
Welt« treffend. Als Siri Hustvedt im Frankfurter Schauspiel las, bekam sie Standing
Ovations, wegen ihrer politischen Haltung. Ich kann mich hier nur anschließen.
Die Autorin wuchs in Zeiten, in denen die Bürgerrechtsbewegung Thema der Abendnachrichten war, auf. Sie erinnert sich an Jimmy Carter und seinen unermüdlichen
Einsatz für die Bürgerrechte und ihr Entsetzen über die Wahl Ronald Reagans zum
Präsidenten.
Ich will jetzt gar nicht weiter spoilern, weil es sich alleine für diesen Punkt lohnt, einen
Blick ins Buch zu werfen.
Als Abschluss des Buches findet der Leser eine kleine Vita zu Siri Hustvedts Leben
und Werk.

Fazit zu »Wenn Gefühle auf Worte treffen«
»Wenn Gefühle auf Worte treffen« zeichnet ein lebendiges Bild von Siri Hustvedt. Ein
Bild, das genau das verkörpert, womit ich Siri Hustvedt verbinde. Wissen, Inspiration
und Motivation. Die Autorin erkennt die Bedeutung von Wissen, dass Wissen Macht
ist, nicht in dem Sinne jemanden zu beherrschen, aber in dem Sinne, dass man mit
Wissen, Probleme lösen oder vermindern kann. Wissen ist das Fenster zur Weisheit.
Wie schon erwähnt, war war ich April 2019 bei Siri Hustvedts Lesung im Schauspiel
Frankfurt. Sie zeigte sich genau so, wie ich mir »meine Siri Hustvedt« vorstellte. Ich
habe inzwischen ein paar Bücher von Siri Hustvedt und Paul Auster gelesen und
rezensiert und ich kann mich der Faszination beider Autorin nicht entziehen.
Ich werde bei meinen Ausführungen zu Siri Hustvedt und ihren Büchern und Essays
immer wieder zu Paul Auster, Siri Hustvedts Ehemann blicken, weil ich finde, dass
die Werke der beiden Autoren sich gegenseitig ergänzen. Beide profitieren voneinander, man könnte an einen Synergieeffekt denken.
Ich freute mich sehr auf das Buch »Wenn Gefühle auf Worte treffen«. Ich habe mich
über drei Monate mit dem Buch beschäftigt, weil es Siri Hustvedt immer wieder
gelingt, mich mit einem mir neuen bzw. unbekannten Thema zu begeistern, und mich
neugierig macht, dass ich mehr darüber wissen möchte.
Nun, bei »Wenn Gefühle auf Worte treffen«, habe ich mich nicht nur intensiver mit
der Autorin und ihren Werken auseinandergesetzt, sondern auch mit den »LacanTheorien«.
Siri Hustvedt ist für mich Inspiration und Motivation

Kampa Salon „Wenn Gefühle auf Worte treffen“
Das Buch erschien im Züricher Kampa Verlag in der Reihe „Kampa Salon“, eine
Reihe, die ich leider erst durch dieses Buch entdeckt habe. Bei der Reihe handelt es
sich um interessante Gespräche, zwischen Künstlern, Schriftstellern, Menschen
denen man gerne lauscht. Aus dieser Reihe habe ich mir gerade Margaret Atwood
bestellt, weil ich „Der Report der Magd“ lese und recherchiere und Daniel Kehlmann
auf meine Leseliste gesetzt.

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Connie Ruoff schrieb uns am 02.04.2020
Thema: Eugen Ruge: Metropol

Josef Stalin, Lion Feuchtwanger und Lotte Germaine

oder


Es gibt in Moskau keine Hunde mehr.

Zum Inhalt »Metropol« Eugen Ruge
Eugen Ruge erzählt in »Metropol« einen weiteren Teil der Geschichte seiner Familien. Dieser Teil ergänzt »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Großmutter Charlotte wird zur Protagonistin des Romans.

Zeitgeschehen und Hintergrund
Der Leser wird in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten Weltkrieg entführt. Die Habsburger Monarchie ist gestürzt. Die russische Oktoberrevolution 1917 endete mit der Machtübernahme der linksrevolutionären Bolschewiki. Das Ziel war die Oktoberrevolution auf eine Weltrevolution
zu erweitern und die »Diktatur des Proletariats« zu errichten. Dafür wurde die Komintern, als straff organisierte kommunistische Weltpartei gegründet, um die Koordination und Leitung mit dem Ziel »Weltrevolution«, zu übernehmen.

Zu Beginn der 1920er Jahre, nach der Konsolidierung der Sowjetmacht, war die Partei für den Staat und das Ziel Weltrevolution verantwortlich. Das ändert sich wiederum 1924 nach dem Tod Lenins und dem folgenden Machtkampf, den Josef Stalin gewann. Ab 1927 war Stalin der alleine Herrscher. Die Komintern wurde zu seinem persönlichen Instrument und Werkzeug. Er trieb die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft voran und forcierte die Industrialisierung.

Ab 1934 begannen die Moskauer Schauprozesse mit den »Säuberungen«. Seine politischen Gegner, ein Großteil der höheren Parteifunktionäre und Minister wurden in diesen öffentlichen Prozessen, die von der Weltöffentlichkeit als Inszenierung entlarvt wurden, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Jegliche Opposition wurde ausgeschaltet. Der Personenkult um Stalin wurde immer größer.

Auch der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger spielt eine Rolle in »Metropol«. Er war 1937 zwei Monate Ehrengast, Gesprächspartner Stalins und Beobachter im zweiten Moskauer Schauprozess. Während dieser Zeit erschien in der Sowjetunion eine Gesamtausgabe seiner Werke und der Roman »Die Geschwister Oppenheim« wurde verfilmt. Lion Feuchtwanger schrieb darüber das Buch »Moskau 1937«, das er selbst einen »Reisebericht für meine Freunde« nannte.

Lotte und Jean Germaine
Charlotte, die in Deutschland mit Haftbefehl gesucht wurde, gehörte zu den deutschen Kommunisten, die aus Angst vor den Nationalsozialisten nach Russland flohen. Nun in Moskau sind Charlotte und ihr Lebensgefährte Wilhelm für die Komintern tätig. Aus Charlotte und Wilhelm werden Lotte und Hans Germaine.

Stalin weitet seine Macht aus und verfolgt gnadenlos alle Gegner. Lotte und Hans erleben die zweite Säuberungswelle. Mit Schrecken erfahren die beiden, dass einer dieser »Volksfeinde« M. Lurie – Mossej Lurie, der eigentlich Alexander Emel hieß, sein soll.

»Charlotte hört ihr Herz pochen, so laut, dass es Wilhelms Schnarchen ein paar Schläge lang übertönt. Vorbereitung von Anschlägen auf Stalin, Molotov, Woroschilow … Unglaublich, was vor sich geht. Fast spürt sie etwas wie Wut. Wozu die ständigen Parteisäuberungen und Überprügungen?«

Kurze Zeit später werden die Beiden ohne Angabe von Gründen von ihren Aufgaben bei der Komintern freigestellt und im berühmten Moskauer Hotel »Metropol« interniert. Eineinhalb Jahre in einem Hotel fast schon eingeschlossen. Nun gibt es eine Zweiklassengesellschaft im Metropol. Zahlende Gäste und internierte Genossen. In dieser Zeit werden aus Genossen schnell Volksfeinde und von denen wird die Partei gesäubert.

Gegen Ende des Buchs erfährt der Leser, dass Wilhelm und Charlotte denunziert wurden.

Eugen Ruge - Metropol Weltkugel
Der Aufbau »Metropol« Eugen Ruge
Im Prolog bereitet Eugen Ruge den Leser auf die Geschichte von Charlotte vor. Im Epilog erzählt der Autor die Hintergründe und die erstaunliche Entstehungsgeschichte des Buchs.

Der Schriftsteller zeigt das Geschehen aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Der Leser nimmt die Position von Hilde (der ersten Frau Wilhelms), Wassili Wassiljewitsch Ulrich, Vorsitzender des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR und Vorsitzender dieser Schauprozesse.

»Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, was er denkt. Vermutlich ist das seine Stärke. Lehnt sich zurück, hört zu. Raucht sein Pfeifchen … Das konnten sie alle nicht, Trotzki, Sinojew, Kamenew: schweigen. Mussten immer reden, sich in den Vordergrund spielen. Während Stalin im Hintergrund seine Fäden spinnt.«

Der Schwerpunkt liegt aber auf der Perspektive von Charlotte.

Alle drei haben ihre persönlichen Probleme, aber auch Schwierigkeiten mit dem System und Stalins Säuberungsaktionen.

Im Buch wurden die im Text vorkommenden Briefe als Bild, entweder von Hand, oder mit der Maschine geschrieben, eingefügt. Das gefällt mir gut. Das wirkt sehr authentisch.

Das Ebook ist im Scoobe Katalog enthalten.

"Metropol" Eugen Ruge 1
Das Hörbuch »Metropol« Eugen Ruge

Die ungekürzte Hörbuchfassung »Metropol« wird wirkungsvoll und beeindruckend von Ulrich Noethen und Ulrike Krumbiegel gelesen. Der Audioinhalt hat eine Länge von 12 Stunden und 29 Minuten. Das Hörbuch wurde am 8. Oktober 2019 im Argon Verlag veröffentlicht.

Ich habe »Metropol« mit Audible gehört. Der andere Teil der Geschichte der Familie Ruge trägt den Titel »In Zeiten des abnehmenden Licht«, und ist ungekürzt im Bookbeatkatalog enthalten.

Eugen Ruge

Der Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor Eugen Ruge ist der Sohn von Wolfgang Ruge, der selbst gegen Mitte und Ende der 1930er Jahre in Moskau Geschichte studierte und den selbst Stalins Terror erlebte, bis er wegen seiner deutschen Herkunft nach Kasachstan deportiert wurde und ein Jahr später als Zwangsarbeiter in ein Straflager des Gulags in den Nordural verschickt wurde. Erst 1956 gelang Wolfgang Ruge mit Frau und Sohn, die Ausreise in die DDR und er wurde einer der bekanntesten Historiker, der sich intensiv mit dem Aufstieg des Faschismus beschäftigte.

1988 siedelte Eugen Ruge in die Bundesrepublik über. 2011 veröffentlichte er seinen mit dem deutschen Buchpreis gekrönten Debütroman »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Darin trägt der Historiker Kurt Umnitzer die Züge von Wolfgang Ruge.

Kritik »Metropol« Eugen Ruge

»Grand Hotel Abgrund« von Stuart Jeffries war das letzte Buch, das ich rezensierte. Es ist ein Buch über die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Die Frankfurter Schule beschäftigt sich mit den Theorien des Marxismus. Deswegen war es für mich unheimlich interessant, ein Buch über die praktische Umsetzung dieser Theorien zu lesen. Wie lebt man in einem Staat, der von einem machthungrigen Faschisten regiert wird. Eugen Ruge hat vor Ort recherchiert. Er hat sich intensiv mit der Geschichte seiner Großmutter beschäftigt. Eine Großmutter, deren Geheimnis er erst langsam entblättert.

Der Autor gibt einfühlsam die Resignation, Angst und Handlungsstarre der Beteiligten wieder. Hotelgäste in einem Grand Hotel, die in Schockstarre auf ihre Abholung, Verhandlung und im schlimmsten Fall sogar Hinrichtung warteten. Keiner kann dem Anderen trauen.

»Metropol« von Eugen Ruge ist ein Buch, das aufhorchen lässt. Ein Buch, das den Leser daran erinnert, wie wichtig es ist, unsere Demokratie zu stärken und gegen jeglichen Faschismus, unabhängig davon in welchem Kleid dieser erscheint, Links oder Rechts, zu schützen.

Ich wusste nicht viel über diese Zeit und habe beim Lesen viel über den Zeitgeist und der Ära des Marxismus unter Stalin erfahren, das mich ermunterte, ein wenig weiter über diese Zeit zu recherchieren.. Eugen Ruge hat einen Roman geschrieben, der sich nicht nur mit den historischen Daten dieser Zeit beschäftigt, sondern auch mit dem Elend der Menschen.

Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2020
Thema: Paul Nizon: Canto

„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“
Suhrkamp veröffentlicht 56 Jahre nach der Erstausgabe eine Neuausgabe von „Canto“, anlässlich des 90. Geburtstages von Paul Nizon. Dieses Werk steht schon lange auf meiner Leseliste.

Ich hörte schon einiges über „Canto“, wusste nichts Konkretes, aber dieser Kommentar auf Seiten des Verlags,

„Paul Nizon nennt für sich zwei Geburtsdaten: das Jahr, in dem er in Bern zur Welt gekommen ist, und das Jahr, in dem er sich mit dem Canto selber zur Welt gebracht habe. 1929 und 1963.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

hat mich neugierig gemacht. Warum hat es dem Autor dieses Gefühl gegeben? Und ich begann zu lesen. />
Schon nach wenigen Seiten geriet ich in einen Strudel der Emotionen und konnte nicht glauben, dass dieses Werk tatsächlich Anfang der sechziger Jahre entstanden ist.

„Canto“ verstehe ich als Teil von Paul Nizon. „Canto“ kommt man nur dann nahe, wenn man sich auch mit seinem Autor beschäftigt.

Also beginnen wir erst einmal mit Paul Nizon.

Wer ist Paul Nizon?
1959 veröffentlicht der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon bei Scherz in Bern seinen Erstling, den Prosaband, „Die gleitenden Plätze“. Einige Persönlichkeiten des Literaturbetriebs, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Carl Seelig und weitere, werden auf ihn aufmerksam. Er wird mit einem Stipendium des Schweizer Instituts nach Rom eingeladen.

Diese „römischen“ Erlebnisse verändern sein Leben. Er kehrt zurück in die Schweiz, wird leitender Kunstkritiker bei der Neuen Zürcher Zeitung. Aber er kann die Enge des Berufs- und Ehelebens nicht dauerhaft ertragen. Seine Frau verlässt ihn, er kündigt bei der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt „Canto“ – über sein römisches Jahr. 1962 gibt er das Manuskript dieser Auftragsarbeit bei Suhrkamp ab. Siegfried Unseld (Verleger / Suhrkamp) hält ihn für ein Genie.

Doch entgegen der Voraussage bleibt Paul Nizon in Deutschland ein Geheimtipp. Die Franzosen lieben ihn.

Zu einer ausführlicheren Zeittafel über Paul Nizons Vita verweise ich auf die Suhrkamp Verlagsseite.

Jan Küveler („Welt“ Feuilleton) schrieb über ihn:

„Es wäre ein Irrtum, Nizon für eitel zu halten. Nizon pflegt stattdessen ein erotisches Verhältnis zum eigenen ich, eins von der unstillbaren Art, er spürt in sich hinein, tastet sich ab und wird mit der Skulptur doch nie fertig.“

Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon
Dieser Prosaband erzählt das Jahr in Rom, das Paul Nizon so beeindruckte. Es ist keine Geschichte, es hat keinen Plot – und doch bin ich beim Lesen unglaublich nah beim Autor. Ich glaubte, selbst zu spüren, was Paul Nizon beschreibt.

Worum geht es dann?
Es geht um Paul Nizon. Er durchlebt Rom, mit allen seinen Sinnen. Es ist ein manisches Aufsaugen sämtlicher Gefühlswallungen und Empfindungen, erzeugt von einer sich immer schneller drehender Helix mit Namen Paul Nizon. Wirklich außergewöhnlich dabei ist, dass er den Leser nicht nur beim Lesen auf diese Reise mitnimmt, sondern auch beim Fühlen. Man könnte versucht sein zu sagen, die Spiegelneuronen springen umgehend auf Paul Nizons Worte an und lassen dich die Emotionen umgehend spüren.

„Den wir als Ich leben ließen, den lassen wir laufen, uns zu suchen. Zusammenzusuchen aus den Plätzen für Lebensminuten, den Minutenplätzchen in Rom. Der ist Stipendiat in Rom. Der liegt auf dem Bauch unter dem Baum mit dem Ding. Der möchte hinaus aus dem Bann, der ihn auf Bauch warf und hinein in das Ding. Das hier Rom heißt.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

Der Autor schlendert durch Rom. Wie ein Minnesänger betet er die Geliebte an. Wer aber ist die Geliebte? Die Stadt Rom? Oder sind es die (geliebten) Gefühle, Empfindungen, Reize und Begegnungen, ihm die diese Stadt beschert?

Die sprachliche Gewalt in „Canto“ von Paul Nizon – oder Literarisches Action Painting

Paul Nizon spricht eine bildgewaltige Sprache. Er bereichert und formt die Sprache in einer Art Rausch zu überwältigenden Bildern, denen man nicht fliehen kann.

Dieser Text ist für jeden Sprachwissenschaftler ein Füllhorn an literarischen Stilmitteln. Der Autor erzählt uns von „zirpender Milch“ und „fauchender Maschine“. Und er beschreibt Rom, wie er die Stadt empfindet. Er erzählt auch von Frauen, Huren, Gabriella.

„Lacht. Mit Schluchzern in der Stimme. Über sich, über Mauro, über die Rosen, über dies verrückte, heiße, schöne Tier Rom, dessen Glieder von dunkel gekleideten Menschen wimmeln, dessen Kadaver von losgelassenen Wagen juckt, dessen Leib dampft, kocht, blendet. Und sie muß nun wirklich zurück. Um die Koffer zu holen. Mit dem Rosenstrauß in durchsichtigem Zellophan. Wie eine Gefeierte. Allein nach dem Applaus.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“


Warum bezeichnet sich Paul Nizon in „Canto“ als „Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“?
Er selbst sagt, es sei „ein vorübergehendes Amt ehrenhalber“. Der Hurenhirt „kennt die Stunden des Schichtwechsels“. Er kennt die Mädchen und sieht keine Huren, sondern Frauen, Menschen.

Ja, wie man sehen kann, ist der Text so aussagekräftig, dass ich eigentlich gar nicht zum Ende kommen kann. Ich höre jetzt damit auf und sage nur noch: „Canto“ ist der erste Teil der siebenbändigen Ausgabe der „Gesammelten Werke“.

„Ich klammerte mich an fühlbare, greifbare Dinge, weil ich durch mein Fehlen von Handlung und Einfall nichts anderes besaß. Ich hatte nicht den geringsten Plan, und ich ersetzte diesen Mangel durch eine mu-sikalische Struktur, die an eine Sonate in drei Sätzen denken läßt.“
Auszug aus „Die Republik Nizon“

„Canto“ – Warum dieser Titel?
Der Titel bedeutet: Ich singe. Was hat das mit dem Inhalt zu tun? Es ist mir unbegreiflich, dass es kein Hörbuch zu „Canto“ gibt. Wenn man den Text laut liest, hört man, dass sich der Text in eine Art Ballade verwandelt. Aus dem rein visuellen Text, wird eine hörbare Botschaft. Ich stelle es mir als Hörbuch, gelesen von einem Sprecher, wie z. B. Burghart Klaußner, großartig vor.

Kritik „Canto“ von Paul Nizon
Eine Buchbewertung finde ich immer schwierig. Habe ich wirklich alle Fakten objektiv gesehen und bewerte ich angemessen? Aber dieses Buch ist so außergewöhnlich, dass man es nur lieben oder schrecklich finden kann. Ich liebe es, wenn ein Autor mit der Sprache spielt. Ich liebe es, wenn der Autor mit Worten malt, und sich vor meinem inneren Auge, andere nennen es Kopfkino, ein Film entwickelt, der einzigartig ist. Aber hier entwickelt sich noch dazu eine Filmmusik! Also halten wir fest: Es ist ein einzigartiges Buch. Paul Nizon steht in dem Ruf, ein Egomane, ein Erotomane zu sein, der sich um die „Nizon-Republik“ dreht.

Ich würde es ein klein wenig anders sehen. Paul Nizon liebt die Abgründe und Höhen, die Gefühle, Begegnungen, das Leben überhaupt und vor allem, wie der „Mensch Paul Nizon“, darauf reagiert, und das möchte Paul Nizon „in einer Sonate ähnliche Struktur“ dem Leser darreichen. Und er liebt die Freiheit, die für ihn über Allem steht.

Du, als Leser, musst entscheiden, ob du dieser Form eine Chance geben möchtest. Ich empfehle es, du triffst einen sehr offenen empathischen Autor, dem es sehr wichtig erscheint, im Hier und Jetzt des Augenblicks zu leben und alles aus diesem Wimpernschlag herauszusaugen und für die Ewigkeit festzuhalten und zu verschriften.

Ein Leseerlebnis, der etwas anderen Art, eine Lautmalerei der Gefühle.


Bei der Recherche zu „Canto“ stieß ich auf das Buch „Die Republik Nizon“
Eine Biographie in Gesprächen, geführt mit Philippe Derivière.“, zur Hilfe. In diesem Buch spricht Paul Nizon selbst über seine Bücher. Das Buch ist im Haymon Verlag erschienen.

Ein herzliches Dankeschön geht an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Horst Strelow schrieb uns am 27.01.2020
Thema: Wilhelm Solms / Hubert Speidel (Hg.): Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia in neuem Licht

Zum Beitrag:
"Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia in neuem Licht".
Ich hab's gekauft und gelesen. Zu Golz sage ich nichts.
Sie, sehr geehrte Herren Farrelly, Solms und Speidel diskutieren das Thema wissenschaftlich ehrenvoll, jedoch in einem viel zu engen Bereich von Zeit und Goetheischer Schriften. Die Rätsel werden Sie in dieser Einengung nie befriedigend lösen, ohne mein Buch "Goethes Geheimnisse um Anna Amalia" gelesen zu haben! Nicht wissend:
- daß Goethe und Anna Amalia sich bereits im September 1772 trafen, und beide sich hierbei unsterblich ineinander verliebten,
- daß sich beide 1774 noch zweimal in Ems/Nassau und Mainz trafen,
- daß im Dezember 1774 in Mainz Anna Amalia sich Goethe
hingab, und
-daß Goethes vorweimarer Werke "Götz", "Werther" und "Urfaust" Anna Amalia verherrlichen. Auch Gretchen ist Anna Amalia!
- Vor allem dieses alles mußte unbedingt geheim bleiben. Anderenfalls hätte Goethe nicht nach Weimar kommen dürfen. Auch hätte später niemand an Frau von Stein als Goethes "Geliebte" geglaubt!
Ich weiß, Sie glauben mir auch heute noch nicht!
Horst Strelow

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Connie Ruoff schrieb uns am 16.01.2020
Thema: Ian McEwan: Die Kakerlake

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan (Rezension)

Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat sich nun, ein halbes Jahr nach „Maschinen wie ich“, mit „Die Kakerlake“ eine Antwort auf den Brexit-Ausstieg einfallen lassen.

In Form einer dystopischen Novelle bediente er sich bei Franz Kafka und schrieb die „Verwandlung“, diese Metamorphose neu.

Während Kafka die Geschichte in drei Kapiteln geschehen lässt, nimmt sich McEwan vier Kapitel lang Zeit.

Schon die ersten Worte zeigen die Richtung an.



„Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten
Kakerlaken wäre rein zufällig.“
Die Kakerlake, Seite 7.



Aber erinnern wir uns zuerst nochmal an die „Metamorphose“ von Kafka.

Gregor Samsa wacht eines morgens auf und stellt fest, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. Seine Familie zieht sich immer weiter von ihm zurück. Nur seine Schwester Grete kümmert sich noch um ihn. Aber auch Grete wendet sich von ihm ab und Gregor stirbt einsam und wird wie Müll entsorgt.

Zurück zu „Die Kakerlake“

„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ (Franz Kafka)



Genau wie Gregor Samsa setzt sich Jim Sams im ersten Kapitel damit auseinander, dass er in anderer Gestalt erwacht. Während Gregor ein Mensch war und zum Käfer wurde, ist Jim eine Kakerlake, die als Mensch aufwacht.

„Und er fand heraus, dass es bequemer war, die Zunge im trieffeuchten Mundkerker zu verwahren, statt sie einfach über die Lippen hängen zu lassen, so dass es hin und wieder auf seine Brust tropfte. Grässlich. Allmählich bekam er ein Gefühl dafür, wie sich seine neue Gestalt steuern ließ.“ (Ian McEwan S. 14)

Der geneigte Leser hat natürlich sofort die Namensähnlichkeit zwischen Gregor Samsa und Jim Sams entdeckt. Der britische Premier wird sozusagen von einer Kakerlake unterwandert. Aber schnell erfährt der Leser, dass ganz Groß-Britannien von Kakerlaken regiert wird. Es könnte sogar sein, dass Amerikas Präsident der gleichen Spezies angehört.

Ian McEwan ändert das Wirtschaftssystem in den „Reversalismus“. Ein Gedankenspiel, das „Schrödingers Katze“ vor Neid erblassen lässt.

Wie sehe mein Alltag im System des Reversalismus aus?

Ich gehe zuerst in den Bioladen und „kaufe“ mir Lebensmittel und was ich noch so benötige ein. An der Kasse bezahlt mich die Verkäuferin für meine Waren.

Dann gehe ich zur Arbeit und gebe meinem Chef erst einmal Geld dafür, dass ich arbeiten darf. Und wenn ich kein Geld für Arbeit ausgeben möchte? Ja, dann fangen die Probleme an, weil ich kein Geld sparen oder sammeln darf. Das ist bei Strafe verboten.

Jeden Monat bezahlt mir mein Vermieter die „Miete“. Damit der Vermieter genügend Geld verdient, um meine Miete zu bezahlen, kann er z. B. die Wohnung hochwertig einrichten und renovieren, denn dafür erhält er von den Handwerkern Geld, wenn er sie beauftragt.

Den Rest dürft ihr euch zusammenreimen und den Wirtschaftskreislauf darstellen, ich habe jetzt Kopfweh!

„Die Kakerlake“, eine böse Satire, Blödsinn oder Beleidigung?

Das muss der Leser selbst entscheiden, wie viel künstlerische Freiheit und moralisches Fingerspitzengefühl er dem Autor zugesteht. Ich finde es sprachlich gut gelungen.

Jim Sams der fiktive britische Premier bricht Verträge. Ein Politiker bricht Verträge oder Vereinbarungen? Fiktion oder trauriges Zeitgeschehen?

McEwan zeigt uns ein fiktives Groß-Britannien, das in zwei Lager gespalten ist. Die Brexit-Gegner und -Anhänger. Bei McEwan haben die Brexit Gegner, die Vor-Dreher, keine Stimmen mehr. Und wir, das Volk, lassen uns von den Reversalisten einlullen.

Auch hier frage ich, „Ein Land, das in zwei Lager gespalten ist?“, ist das Phantasie oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Letztendlich gibt es nur einen Gewinner: die Kakerlaken. Ohne Moral, Skrupel oder Rechtsempfinden haben sie erkannt:

„In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Volk einen verlässlichen Feind.“

„Die Kakerlake“ ist ein McEwan, den der Leser noch nicht kennt. Aber ich finde das Buch lesenswert, amüsant und böse. Man muss nicht lange darüber nachdenken, ob McEwan ein Brexit-Gegner ist.

Ich finde es sehr mutig, Kafkas „Verwandlung“ als Bühne zu benutzen. Der Autor hat Kafkas Stil faszinierend umgesetzt. Respekt! Der Text ist wirklich kafkaesk.

Die Novelle ist hoch aktuell und es macht ein wenig betroffen, dass manche „Kakerlake“ uns bekannt vorkommt, bzw. dass es Menschen gibt, deren Verhalten unmoralisch, böse, hetzerisch und kriminell ist. Erinnern wir uns daran, dass wir in einer Demokratie die Wahl haben!



@Diogenes Verlag

Herzlichen Dank für die Bereitstellung dieses erbaulichen Rezensionsexemplars.

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Hardcover Leinen

144 Seiten

erschienen am 27. November 2019

„Die Kakerlake“ als Hörbuch gelesen von Burghart Klaußner

Burghart Klaußner hat in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und eine Schauspielausbildung an der Max-Reinhard-Schule absolviert. Ende März 2019 war er in der ARD im zweiteiligen Dokudrama „Brecht“ von Heinrich Breloer zu sehen. Viele kennen ihn vielleicht aus Filmen wie „Rossini“, „Good Bye Lenin“ und „Das weiße Band“, oder aus Serien wie „Solo für Schwarz“ und „Adelheid und ihre Mörder“. Und er spielte die Titelrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde.

Burghard Klaußner spielt Theater. „Kaufmann von Venedig“. Auch mit folgenden Stücken „Der Gott des Gemetzels“, „Das weite Land“, „Iphigenie“ und „Don Carlos“ stand er schon auf der Bühne.

Am 8.8.2019 liest er auf den Salzburger Festspielen „Ulyssys“.

Burghart Klaußner singt. Im Repertoire hat er Lieder von Charles Trenet, Cole Porter, Tom Waits, den Stones, Karl Valentin und Johnny Cash.

Burghard Klaußner hat einige Hörbücher gesprochen: „Warte nicht auf bessere Zeiten“ von Wolf Biermann, „Solar“ von Ian McEwan, „F“ von Daniel Kehlmann, „Stoner“ von John Williams, mehrere Bücher von Ferdinand von Schirach und natürlich von Paul Auster.

Also du siehst, Burghart Klaußner ist ein sehr begabter und vielseitiger Künstler. Ich empfehle einen Besuch seiner Website. Besonders das Video „Ein Koffer für Berlin“ lohnt sich nicht nur musikalisch, sondern auch der Text ist eine Bereicherung.

Ein Besuch auf seiner offziellen Seite lohnt sich.

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Robert Steffani schrieb uns am 29.12.2019
Thema: Im Spiegel der Gegenwart nimmt sich die Zukunft düster aus

Smartphones, das Internet, selbstfahrende Autos – schöne Erfindungen, aber auch auf Kosten unserer Autonomie? Viele können sie nicht mehr hören, diese ewige Technologiekritik. Roger Willemsen formuliert sie in einer posthum erschienenen Zukunftsrede mit neuer Dringlichkeit.

Eine Rezension von Robert Steffani


Die Zukunft ist präsent – was widersprüchlich klingt, ist längst zum Topos des Alltags geworden. Ob in Filmen, Werbung, Literatur oder Computerspielen, überall manifestiert sie sich als unser Sorgenkind. Nicht umsonst versteht sich die Science-Fiction seit jeher am besten auf die Darstellung von Dystopien. Wenn es in Roger Willemsens Buch Wer wir waren. Zukunftsrede also heißt, dass
„vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden“ sei, klingt das dem Pessimisten wie eine altbekannte Wahrheit. Doch was bleibt übrig für jene, die noch hoffen wollen?

Willemsens Zukunftsrede macht keine Freude. Wer liest schon gerne über Verfehlungen einer Gattung, der man selbst angehört – der Hominide nicht und der Homo sapiens schon gar nicht. Und trotz seiner ungenießbaren Botschaft ist dieses Buch lesenswert. Warum? Um einen falschen Eindruck gleich vorwegzunehmen: Willemsen spricht nicht als der verbitterte alte Mann, der die Welt nicht mehr versteht, im Gegenteil, er versteht sie erschreckend gut. Das wird etwa deutlich, wenn er über die Digitalisierung sagt: „Keine Zeit hat je eine Öffentlichkeit so mikroskopisch genau zerlegen und detailvergrößern können wie diese.“ Solche Feststellungen sind berückend klar. Mit Willemsen sehen wir auf die Phänomene des digitalen Alltags und wohin sie uns führen: in die Vereinzelung von Eigenschaften, die verlernt haben, ein Ganzes zu sein. Der Mensch lebt atomisiert, ist Fragment, eine Information im Daten¬-Pool der unbegrenzten Möglichkeiten.  

Das alles zieht also an uns vorbei, unerkannt, weil die Pop-up-Nachricht uns gerade mehr bedeutet als die eigene Nicht-Existenz. Wenn schon das Weltgebäude über uns zusammenbricht, machen wir daraus eine Instagram-Story. Vielleicht gibt es ja einen Filter, der die Szene noch dramatischer wirken lässt, noch mehr Klicks generiert. So formuliert klingt das ziemlich zynisch. Bei Willemsen ist es anders, denn er lehnt die Entwicklung ab und fordert auf: Seid dagegen! Sein Begriff des „Durchgangsmenschen“ soll jenen eine Warnung sein, die hätten handeln müssen und es nicht taten, jenen, „die wussten, aber nicht verstanden, […] voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung.“ Hierin steckt bereits eine Lösung des Problems, nämlich die Entbehrungen unserer Moderne wiederaufzunehmen: zu verstehen, erkennen, erfahren.

Der Publizist und Moderator plädiert daher für den romanhaften Menschen, den wachen Träumer, den Flaneur, den genauen Beobachter. Die Avantgarde aber liebt die Kurzform. Kein Wunder also, dass ein Teil der literarischen Nachwuchsgeneration unabhängig auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken publiziert. Diese Entwicklungen vorurteilsfrei zu betrachten, steht außer Frage. Doch unter solchen Bedingungen hat etwa das komplexe Menschenbild eines Bildungsromans keine Chance, und das ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die den Blick für das scheinbar Unwichtige verlernt hat. Nach Willemsen ist das Unwichtige existentiell, wer sich dem entzieht, gibt sich selbst auf.  

Man könnte einwenden, die geschilderten Probleme seien struktureller Natur, an erster Stelle stehe die Veränderung des Systems und die führe ein Einzelner sicher nicht herbei. Wie ein Gespräch im 2015 erschienenen Band Der leidenschaftliche Zeitgenosse zeigt, hätte der Autor das früher genauso gesehen. „Ich hätte als junger Mann über den, der Brunnen in Afghanistan bohrt, gelacht“, so Willemsen, „hätte gemeint, dies sei ein Herumdoktern an Symptomen, das vor allem die politischen Akteure entlastet.“ Damit gibt er aber das beste Beispiel dafür, dass eine Veränderung der eigenen Sichtweise möglich und wichtig ist. Denn als ein Jahr später die Nachrufe auf einen der „beliebtesten Intellektuellen Deutschlands“ die Feuilletons schwemmten erinnerten sie an einen Gutmenschen, der in Afghanistan Schulen baute und dessen Bücher vom Interesse an Einzelschicksalen bestimmt waren.

Nach den knapp 60 Seiten der Zukunftsrede bleibt das meiste offen, insbesondere die große Frage: Ja, wer waren wir nun eigentlich? An dieser Stelle sollte man aber nicht die besonderen Umstände außer Acht lassen, unter denen der Text veröffentlicht wurde. Als Roger Willemsen Ende 2015 seine Krebsdiagnose bekam, arbeitete er gerade an einem Buch mit dem programmatischen Titel Wer wir waren. Aus der Perspektive der „Nachzeitigkeit“ sollte es einen kritischen Blick auf unsere Gegenwart werfen. Mehrere noch im selben Jahr gehaltene Reden gaben erste Arbeitsproben preis, aus denen sich der nun vorliegende Text zusammensetzt. Die Entscheidung, diesen nach Willemsens Tod zu veröffentlichen, lag bei seiner Nachlassverwalterin Insa Wilke. Dass der Publikationswille also nicht vom Autor selbst kam, der Text zudem nur eine Ahnung des ursprünglichen Projekts geben kann, sollte man in die Beurteilung einbeziehen.

Und wenn man sich nach so fordernder Lektüre einen Hoffnungsschimmer wünscht, wird man auch da nicht enttäuscht. Beinahe versöhnlich bietet Willemsen uns die Supertotale an – wenn er beschreibt, wie die ersten Menschen, am Zenit ihres technologischen Erfolgs angekommen, die Erde verlassen. Die extraterrestrische Perspektive wird hier zum Gleichnis. Der Anblick des kleinen blauen Planeten, der unsere bislang einzige Lebensgrundlage ist, lehrt Demut. Wurde zuvor geschildert, wie der Mensch zugunsten der technologischen Vernunft bereitwillig seine Autonomie veräußert, so rehabilitiert er sich nun als ethisches Wesen. Mit ihm dürfen die LeserInnen also doch hoffen, handeln müssen sie selbst.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 21.12.2019
Thema: Veronika Koller / Susanne Kopf / Marlene Miglbauer (Hg.): Discourses of Brexit

Als es zur Abstimmung über den Brexit kam, erschien das nicht wenigen – auch im United Kingdom – unwirklich. Inzwischen weiß man, dass das, worüber auch nur ernstlich abzustimmen schon unwirklich schien, politische Realität wird. Die Reaktionen hierauf sind unbefriedigend, der Populismus ist immer der der anderen, so scheint es, über Europa und die Europäische Union wird auf einmal so gesprochen, als wären jene, die es sich von Boris Johnson nicht madig machen lassen wollen, glühende Anhänger und sowieso Kenner der EU. Und über die, die dennoch dagegen stimmten, in der EU zu verbleiben, wird in einer Weise geredet, die frei von jedem Erkenntnisgewinn scheint: Man macht die Verächter der EU verächtlich und hält das für hinreichend.

Wer sich, und dafür gäbe es genug Gründe, mit dem Brexit und den Diskursen, die hierzu führten, hingegen eingehend und ertragreich befassen will, dem sei indes der vorliegende Band empfohlen. Die Diskursanalysen zeigen, wie es hier vermehrt den Rekurs auf scheinbare Naturgrößen, die begriffslogisch offensichtlich nichts taugen, gab. Im United Kingdom fühlte und fühlt man sich vor allem wieder britisch, „British navel-gazing“, wie eine irische Stimme kommentierte, wiewohl dies nur ein Teil des UK ist, während man „Europa“ und „EU“ in den Brexit-Diskursen sowieso synonym gebrauchte, für den „enemy from outside“ nämlich sozusagen.

Der Populismus, den der Brexit zeigt, wird zum Symptom einer Bildungskrise, die in Ressentiments Bildungsferner gegen alles, was ein komplexes Konstrukt ist, umschlägt – ähnlich wurde in den USA aus dem „Konstrukt“ der Vereinigten Staaten das pseudo-natürliche „America“, das „great again“ werden sollte. Man wolle es wieder einfach, man wolle wieder Herr im Hause sein, so sagen die Befragten. Sie selbst suchen das Gespräch freilich nicht, sie fragen kaum zurück, in der Kommunikation durch Tweets ist das „conversation-like fragment“ zu beobachten.

Dieses Fragment besagt, was der Wille einer imaginierten Volksnatur sei: Man wolle man selbst sein, sowieso sei „Britain […] full to bursting point“, das Boot sei voll: „I don’t want to lose sovereignity“, so heißt es zuletzt, weshalb der Souverän dann alles, was ihm nicht gleiche – wörtlich „Arabs, Browns, Negros, and Jews“ –, vertreiben will. Die Entschuldigung, die stereotyp vorweg formuliert wird, lautet, man sei ja nicht rassistisch, aber…: „The phrase »I’m not a racist, but …« […] is usually analysed as an argumentative disclaimer followed by a racist statement“, wie es in einem Aufsatz, der sich hier auf frühere Arbeiten beziehen kann, heißt.

Relativ spät mobilisierte man gegen diese Politik etwas, das Politik im affirmativen Sinne ist und also seine Ansprüche an die eigene Praxis stellt. Freilich war der Brexit schon 2012 von hellhörigen Kommentatoren befürchtet worden, etwa vom Guardian, schon damals als mögliche Reaktion auf ein Popularitätsproblem, damals Camerons. Die Frage, welchen Mandats es dazu bedürfte, ist inzwischen ungut beantwortet worden.

Warum Fragen wie diesen nachzugehen ist, ist also ebenso beantwortet. Und dieser Band zum Brexit wird unter anderem darum zu lesen sein, nämlich vor allem auch als Lektion über die eigenen Krisen, denn deutschen und österreichischen Leserinnen und Lesern müssen die zitierten Wendungen und Diskurse, kurzum: die Probleme, bekannt erscheinen. Außerdem weiß man nach der Lektüre, dass mit dem Brexit das Thema EU im erodierenden UK nicht erledigt sein wird: Europa wird weiter als Sündenbock herhalten.

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