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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2020
Thema: Paul Nizon: Canto

„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“
Suhrkamp veröffentlicht 56 Jahre nach der Erstausgabe eine Neuausgabe von „Canto“, anlässlich des 90. Geburtstages von Paul Nizon. Dieses Werk steht schon lange auf meiner Leseliste.

Ich hörte schon einiges über „Canto“, wusste nichts Konkretes, aber dieser Kommentar auf Seiten des Verlags,

„Paul Nizon nennt für sich zwei Geburtsdaten: das Jahr, in dem er in Bern zur Welt gekommen ist, und das Jahr, in dem er sich mit dem Canto selber zur Welt gebracht habe. 1929 und 1963.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

hat mich neugierig gemacht. Warum hat es dem Autor dieses Gefühl gegeben? Und ich begann zu lesen. />
Schon nach wenigen Seiten geriet ich in einen Strudel der Emotionen und konnte nicht glauben, dass dieses Werk tatsächlich Anfang der sechziger Jahre entstanden ist.

„Canto“ verstehe ich als Teil von Paul Nizon. „Canto“ kommt man nur dann nahe, wenn man sich auch mit seinem Autor beschäftigt.

Also beginnen wir erst einmal mit Paul Nizon.

Wer ist Paul Nizon?
1959 veröffentlicht der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon bei Scherz in Bern seinen Erstling, den Prosaband, „Die gleitenden Plätze“. Einige Persönlichkeiten des Literaturbetriebs, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Carl Seelig und weitere, werden auf ihn aufmerksam. Er wird mit einem Stipendium des Schweizer Instituts nach Rom eingeladen.

Diese „römischen“ Erlebnisse verändern sein Leben. Er kehrt zurück in die Schweiz, wird leitender Kunstkritiker bei der Neuen Zürcher Zeitung. Aber er kann die Enge des Berufs- und Ehelebens nicht dauerhaft ertragen. Seine Frau verlässt ihn, er kündigt bei der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt „Canto“ – über sein römisches Jahr. 1962 gibt er das Manuskript dieser Auftragsarbeit bei Suhrkamp ab. Siegfried Unseld (Verleger / Suhrkamp) hält ihn für ein Genie.

Doch entgegen der Voraussage bleibt Paul Nizon in Deutschland ein Geheimtipp. Die Franzosen lieben ihn.

Zu einer ausführlicheren Zeittafel über Paul Nizons Vita verweise ich auf die Suhrkamp Verlagsseite.

Jan Küveler („Welt“ Feuilleton) schrieb über ihn:

„Es wäre ein Irrtum, Nizon für eitel zu halten. Nizon pflegt stattdessen ein erotisches Verhältnis zum eigenen ich, eins von der unstillbaren Art, er spürt in sich hinein, tastet sich ab und wird mit der Skulptur doch nie fertig.“

Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon
Dieser Prosaband erzählt das Jahr in Rom, das Paul Nizon so beeindruckte. Es ist keine Geschichte, es hat keinen Plot – und doch bin ich beim Lesen unglaublich nah beim Autor. Ich glaubte, selbst zu spüren, was Paul Nizon beschreibt.

Worum geht es dann?
Es geht um Paul Nizon. Er durchlebt Rom, mit allen seinen Sinnen. Es ist ein manisches Aufsaugen sämtlicher Gefühlswallungen und Empfindungen, erzeugt von einer sich immer schneller drehender Helix mit Namen Paul Nizon. Wirklich außergewöhnlich dabei ist, dass er den Leser nicht nur beim Lesen auf diese Reise mitnimmt, sondern auch beim Fühlen. Man könnte versucht sein zu sagen, die Spiegelneuronen springen umgehend auf Paul Nizons Worte an und lassen dich die Emotionen umgehend spüren.

„Den wir als Ich leben ließen, den lassen wir laufen, uns zu suchen. Zusammenzusuchen aus den Plätzen für Lebensminuten, den Minutenplätzchen in Rom. Der ist Stipendiat in Rom. Der liegt auf dem Bauch unter dem Baum mit dem Ding. Der möchte hinaus aus dem Bann, der ihn auf Bauch warf und hinein in das Ding. Das hier Rom heißt.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

Der Autor schlendert durch Rom. Wie ein Minnesänger betet er die Geliebte an. Wer aber ist die Geliebte? Die Stadt Rom? Oder sind es die (geliebten) Gefühle, Empfindungen, Reize und Begegnungen, ihm die diese Stadt beschert?

Die sprachliche Gewalt in „Canto“ von Paul Nizon – oder Literarisches Action Painting

Paul Nizon spricht eine bildgewaltige Sprache. Er bereichert und formt die Sprache in einer Art Rausch zu überwältigenden Bildern, denen man nicht fliehen kann.

Dieser Text ist für jeden Sprachwissenschaftler ein Füllhorn an literarischen Stilmitteln. Der Autor erzählt uns von „zirpender Milch“ und „fauchender Maschine“. Und er beschreibt Rom, wie er die Stadt empfindet. Er erzählt auch von Frauen, Huren, Gabriella.

„Lacht. Mit Schluchzern in der Stimme. Über sich, über Mauro, über die Rosen, über dies verrückte, heiße, schöne Tier Rom, dessen Glieder von dunkel gekleideten Menschen wimmeln, dessen Kadaver von losgelassenen Wagen juckt, dessen Leib dampft, kocht, blendet. Und sie muß nun wirklich zurück. Um die Koffer zu holen. Mit dem Rosenstrauß in durchsichtigem Zellophan. Wie eine Gefeierte. Allein nach dem Applaus.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“


Warum bezeichnet sich Paul Nizon in „Canto“ als „Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“?
Er selbst sagt, es sei „ein vorübergehendes Amt ehrenhalber“. Der Hurenhirt „kennt die Stunden des Schichtwechsels“. Er kennt die Mädchen und sieht keine Huren, sondern Frauen, Menschen.

Ja, wie man sehen kann, ist der Text so aussagekräftig, dass ich eigentlich gar nicht zum Ende kommen kann. Ich höre jetzt damit auf und sage nur noch: „Canto“ ist der erste Teil der siebenbändigen Ausgabe der „Gesammelten Werke“.

„Ich klammerte mich an fühlbare, greifbare Dinge, weil ich durch mein Fehlen von Handlung und Einfall nichts anderes besaß. Ich hatte nicht den geringsten Plan, und ich ersetzte diesen Mangel durch eine mu-sikalische Struktur, die an eine Sonate in drei Sätzen denken läßt.“
Auszug aus „Die Republik Nizon“

„Canto“ – Warum dieser Titel?
Der Titel bedeutet: Ich singe. Was hat das mit dem Inhalt zu tun? Es ist mir unbegreiflich, dass es kein Hörbuch zu „Canto“ gibt. Wenn man den Text laut liest, hört man, dass sich der Text in eine Art Ballade verwandelt. Aus dem rein visuellen Text, wird eine hörbare Botschaft. Ich stelle es mir als Hörbuch, gelesen von einem Sprecher, wie z. B. Burghart Klaußner, großartig vor.

Kritik „Canto“ von Paul Nizon
Eine Buchbewertung finde ich immer schwierig. Habe ich wirklich alle Fakten objektiv gesehen und bewerte ich angemessen? Aber dieses Buch ist so außergewöhnlich, dass man es nur lieben oder schrecklich finden kann. Ich liebe es, wenn ein Autor mit der Sprache spielt. Ich liebe es, wenn der Autor mit Worten malt, und sich vor meinem inneren Auge, andere nennen es Kopfkino, ein Film entwickelt, der einzigartig ist. Aber hier entwickelt sich noch dazu eine Filmmusik! Also halten wir fest: Es ist ein einzigartiges Buch. Paul Nizon steht in dem Ruf, ein Egomane, ein Erotomane zu sein, der sich um die „Nizon-Republik“ dreht.

Ich würde es ein klein wenig anders sehen. Paul Nizon liebt die Abgründe und Höhen, die Gefühle, Begegnungen, das Leben überhaupt und vor allem, wie der „Mensch Paul Nizon“, darauf reagiert, und das möchte Paul Nizon „in einer Sonate ähnliche Struktur“ dem Leser darreichen. Und er liebt die Freiheit, die für ihn über Allem steht.

Du, als Leser, musst entscheiden, ob du dieser Form eine Chance geben möchtest. Ich empfehle es, du triffst einen sehr offenen empathischen Autor, dem es sehr wichtig erscheint, im Hier und Jetzt des Augenblicks zu leben und alles aus diesem Wimpernschlag herauszusaugen und für die Ewigkeit festzuhalten und zu verschriften.

Ein Leseerlebnis, der etwas anderen Art, eine Lautmalerei der Gefühle.


Bei der Recherche zu „Canto“ stieß ich auf das Buch „Die Republik Nizon“
Eine Biographie in Gesprächen, geführt mit Philippe Derivière.“, zur Hilfe. In diesem Buch spricht Paul Nizon selbst über seine Bücher. Das Buch ist im Haymon Verlag erschienen.

Ein herzliches Dankeschön geht an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Horst Strelow schrieb uns am 27.01.2020
Thema: Wilhelm Solms / Hubert Speidel (Hg.): Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia in neuem Licht

Zum Beitrag:
"Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia in neuem Licht".
Ich hab's gekauft und gelesen. Zu Golz sage ich nichts.
Sie, sehr geehrte Herren Farrelly, Solms und Speidel diskutieren das Thema wissenschaftlich ehrenvoll, jedoch in einem viel zu engen Bereich von Zeit und Goetheischer Schriften. Die Rätsel werden Sie in dieser Einengung nie befriedigend lösen, ohne mein Buch "Goethes Geheimnisse um Anna Amalia" gelesen zu haben! Nicht wissend:
- daß Goethe und Anna Amalia sich bereits im September 1772 trafen, und beide sich hierbei unsterblich ineinander verliebten,
- daß sich beide 1774 noch zweimal in Ems/Nassau und Mainz trafen,
- daß im Dezember 1774 in Mainz Anna Amalia sich Goethe
hingab, und
-daß Goethes vorweimarer Werke "Götz", "Werther" und "Urfaust" Anna Amalia verherrlichen. Auch Gretchen ist Anna Amalia!
- Vor allem dieses alles mußte unbedingt geheim bleiben. Anderenfalls hätte Goethe nicht nach Weimar kommen dürfen. Auch hätte später niemand an Frau von Stein als Goethes "Geliebte" geglaubt!
Ich weiß, Sie glauben mir auch heute noch nicht!
Horst Strelow

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Connie Ruoff schrieb uns am 16.01.2020
Thema: Ian McEwan: Die Kakerlake

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan (Rezension)

Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat sich nun, ein halbes Jahr nach „Maschinen wie ich“, mit „Die Kakerlake“ eine Antwort auf den Brexit-Ausstieg einfallen lassen.

In Form einer dystopischen Novelle bediente er sich bei Franz Kafka und schrieb die „Verwandlung“, diese Metamorphose neu.

Während Kafka die Geschichte in drei Kapiteln geschehen lässt, nimmt sich McEwan vier Kapitel lang Zeit.

Schon die ersten Worte zeigen die Richtung an.



„Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten
Kakerlaken wäre rein zufällig.“
Die Kakerlake, Seite 7.



Aber erinnern wir uns zuerst nochmal an die „Metamorphose“ von Kafka.

Gregor Samsa wacht eines morgens auf und stellt fest, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. Seine Familie zieht sich immer weiter von ihm zurück. Nur seine Schwester Grete kümmert sich noch um ihn. Aber auch Grete wendet sich von ihm ab und Gregor stirbt einsam und wird wie Müll entsorgt.

Zurück zu „Die Kakerlake“

„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ (Franz Kafka)



Genau wie Gregor Samsa setzt sich Jim Sams im ersten Kapitel damit auseinander, dass er in anderer Gestalt erwacht. Während Gregor ein Mensch war und zum Käfer wurde, ist Jim eine Kakerlake, die als Mensch aufwacht.

„Und er fand heraus, dass es bequemer war, die Zunge im trieffeuchten Mundkerker zu verwahren, statt sie einfach über die Lippen hängen zu lassen, so dass es hin und wieder auf seine Brust tropfte. Grässlich. Allmählich bekam er ein Gefühl dafür, wie sich seine neue Gestalt steuern ließ.“ (Ian McEwan S. 14)

Der geneigte Leser hat natürlich sofort die Namensähnlichkeit zwischen Gregor Samsa und Jim Sams entdeckt. Der britische Premier wird sozusagen von einer Kakerlake unterwandert. Aber schnell erfährt der Leser, dass ganz Groß-Britannien von Kakerlaken regiert wird. Es könnte sogar sein, dass Amerikas Präsident der gleichen Spezies angehört.

Ian McEwan ändert das Wirtschaftssystem in den „Reversalismus“. Ein Gedankenspiel, das „Schrödingers Katze“ vor Neid erblassen lässt.

Wie sehe mein Alltag im System des Reversalismus aus?

Ich gehe zuerst in den Bioladen und „kaufe“ mir Lebensmittel und was ich noch so benötige ein. An der Kasse bezahlt mich die Verkäuferin für meine Waren.

Dann gehe ich zur Arbeit und gebe meinem Chef erst einmal Geld dafür, dass ich arbeiten darf. Und wenn ich kein Geld für Arbeit ausgeben möchte? Ja, dann fangen die Probleme an, weil ich kein Geld sparen oder sammeln darf. Das ist bei Strafe verboten.

Jeden Monat bezahlt mir mein Vermieter die „Miete“. Damit der Vermieter genügend Geld verdient, um meine Miete zu bezahlen, kann er z. B. die Wohnung hochwertig einrichten und renovieren, denn dafür erhält er von den Handwerkern Geld, wenn er sie beauftragt.

Den Rest dürft ihr euch zusammenreimen und den Wirtschaftskreislauf darstellen, ich habe jetzt Kopfweh!

„Die Kakerlake“, eine böse Satire, Blödsinn oder Beleidigung?

Das muss der Leser selbst entscheiden, wie viel künstlerische Freiheit und moralisches Fingerspitzengefühl er dem Autor zugesteht. Ich finde es sprachlich gut gelungen.

Jim Sams der fiktive britische Premier bricht Verträge. Ein Politiker bricht Verträge oder Vereinbarungen? Fiktion oder trauriges Zeitgeschehen?

McEwan zeigt uns ein fiktives Groß-Britannien, das in zwei Lager gespalten ist. Die Brexit-Gegner und -Anhänger. Bei McEwan haben die Brexit Gegner, die Vor-Dreher, keine Stimmen mehr. Und wir, das Volk, lassen uns von den Reversalisten einlullen.

Auch hier frage ich, „Ein Land, das in zwei Lager gespalten ist?“, ist das Phantasie oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Letztendlich gibt es nur einen Gewinner: die Kakerlaken. Ohne Moral, Skrupel oder Rechtsempfinden haben sie erkannt:

„In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Volk einen verlässlichen Feind.“

„Die Kakerlake“ ist ein McEwan, den der Leser noch nicht kennt. Aber ich finde das Buch lesenswert, amüsant und böse. Man muss nicht lange darüber nachdenken, ob McEwan ein Brexit-Gegner ist.

Ich finde es sehr mutig, Kafkas „Verwandlung“ als Bühne zu benutzen. Der Autor hat Kafkas Stil faszinierend umgesetzt. Respekt! Der Text ist wirklich kafkaesk.

Die Novelle ist hoch aktuell und es macht ein wenig betroffen, dass manche „Kakerlake“ uns bekannt vorkommt, bzw. dass es Menschen gibt, deren Verhalten unmoralisch, böse, hetzerisch und kriminell ist. Erinnern wir uns daran, dass wir in einer Demokratie die Wahl haben!



@Diogenes Verlag

Herzlichen Dank für die Bereitstellung dieses erbaulichen Rezensionsexemplars.

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Hardcover Leinen

144 Seiten

erschienen am 27. November 2019

„Die Kakerlake“ als Hörbuch gelesen von Burghart Klaußner

Burghart Klaußner hat in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und eine Schauspielausbildung an der Max-Reinhard-Schule absolviert. Ende März 2019 war er in der ARD im zweiteiligen Dokudrama „Brecht“ von Heinrich Breloer zu sehen. Viele kennen ihn vielleicht aus Filmen wie „Rossini“, „Good Bye Lenin“ und „Das weiße Band“, oder aus Serien wie „Solo für Schwarz“ und „Adelheid und ihre Mörder“. Und er spielte die Titelrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde.

Burghard Klaußner spielt Theater. „Kaufmann von Venedig“. Auch mit folgenden Stücken „Der Gott des Gemetzels“, „Das weite Land“, „Iphigenie“ und „Don Carlos“ stand er schon auf der Bühne.

Am 8.8.2019 liest er auf den Salzburger Festspielen „Ulyssys“.

Burghart Klaußner singt. Im Repertoire hat er Lieder von Charles Trenet, Cole Porter, Tom Waits, den Stones, Karl Valentin und Johnny Cash.

Burghard Klaußner hat einige Hörbücher gesprochen: „Warte nicht auf bessere Zeiten“ von Wolf Biermann, „Solar“ von Ian McEwan, „F“ von Daniel Kehlmann, „Stoner“ von John Williams, mehrere Bücher von Ferdinand von Schirach und natürlich von Paul Auster.

Also du siehst, Burghart Klaußner ist ein sehr begabter und vielseitiger Künstler. Ich empfehle einen Besuch seiner Website. Besonders das Video „Ein Koffer für Berlin“ lohnt sich nicht nur musikalisch, sondern auch der Text ist eine Bereicherung.

Ein Besuch auf seiner offziellen Seite lohnt sich.

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Robert Steffani schrieb uns am 29.12.2019
Thema: Im Spiegel der Gegenwart nimmt sich die Zukunft düster aus

Smartphones, das Internet, selbstfahrende Autos – schöne Erfindungen, aber auch auf Kosten unserer Autonomie? Viele können sie nicht mehr hören, diese ewige Technologiekritik. Roger Willemsen formuliert sie in einer posthum erschienenen Zukunftsrede mit neuer Dringlichkeit.

Eine Rezension von Robert Steffani


Die Zukunft ist präsent – was widersprüchlich klingt, ist längst zum Topos des Alltags geworden. Ob in Filmen, Werbung, Literatur oder Computerspielen, überall manifestiert sie sich als unser Sorgenkind. Nicht umsonst versteht sich die Science-Fiction seit jeher am besten auf die Darstellung von Dystopien. Wenn es in Roger Willemsens Buch Wer wir waren. Zukunftsrede also heißt, dass
„vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden“ sei, klingt das dem Pessimisten wie eine altbekannte Wahrheit. Doch was bleibt übrig für jene, die noch hoffen wollen?

Willemsens Zukunftsrede macht keine Freude. Wer liest schon gerne über Verfehlungen einer Gattung, der man selbst angehört – der Hominide nicht und der Homo sapiens schon gar nicht. Und trotz seiner ungenießbaren Botschaft ist dieses Buch lesenswert. Warum? Um einen falschen Eindruck gleich vorwegzunehmen: Willemsen spricht nicht als der verbitterte alte Mann, der die Welt nicht mehr versteht, im Gegenteil, er versteht sie erschreckend gut. Das wird etwa deutlich, wenn er über die Digitalisierung sagt: „Keine Zeit hat je eine Öffentlichkeit so mikroskopisch genau zerlegen und detailvergrößern können wie diese.“ Solche Feststellungen sind berückend klar. Mit Willemsen sehen wir auf die Phänomene des digitalen Alltags und wohin sie uns führen: in die Vereinzelung von Eigenschaften, die verlernt haben, ein Ganzes zu sein. Der Mensch lebt atomisiert, ist Fragment, eine Information im Daten¬-Pool der unbegrenzten Möglichkeiten.  

Das alles zieht also an uns vorbei, unerkannt, weil die Pop-up-Nachricht uns gerade mehr bedeutet als die eigene Nicht-Existenz. Wenn schon das Weltgebäude über uns zusammenbricht, machen wir daraus eine Instagram-Story. Vielleicht gibt es ja einen Filter, der die Szene noch dramatischer wirken lässt, noch mehr Klicks generiert. So formuliert klingt das ziemlich zynisch. Bei Willemsen ist es anders, denn er lehnt die Entwicklung ab und fordert auf: Seid dagegen! Sein Begriff des „Durchgangsmenschen“ soll jenen eine Warnung sein, die hätten handeln müssen und es nicht taten, jenen, „die wussten, aber nicht verstanden, […] voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung.“ Hierin steckt bereits eine Lösung des Problems, nämlich die Entbehrungen unserer Moderne wiederaufzunehmen: zu verstehen, erkennen, erfahren.

Der Publizist und Moderator plädiert daher für den romanhaften Menschen, den wachen Träumer, den Flaneur, den genauen Beobachter. Die Avantgarde aber liebt die Kurzform. Kein Wunder also, dass ein Teil der literarischen Nachwuchsgeneration unabhängig auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken publiziert. Diese Entwicklungen vorurteilsfrei zu betrachten, steht außer Frage. Doch unter solchen Bedingungen hat etwa das komplexe Menschenbild eines Bildungsromans keine Chance, und das ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die den Blick für das scheinbar Unwichtige verlernt hat. Nach Willemsen ist das Unwichtige existentiell, wer sich dem entzieht, gibt sich selbst auf.  

Man könnte einwenden, die geschilderten Probleme seien struktureller Natur, an erster Stelle stehe die Veränderung des Systems und die führe ein Einzelner sicher nicht herbei. Wie ein Gespräch im 2015 erschienenen Band Der leidenschaftliche Zeitgenosse zeigt, hätte der Autor das früher genauso gesehen. „Ich hätte als junger Mann über den, der Brunnen in Afghanistan bohrt, gelacht“, so Willemsen, „hätte gemeint, dies sei ein Herumdoktern an Symptomen, das vor allem die politischen Akteure entlastet.“ Damit gibt er aber das beste Beispiel dafür, dass eine Veränderung der eigenen Sichtweise möglich und wichtig ist. Denn als ein Jahr später die Nachrufe auf einen der „beliebtesten Intellektuellen Deutschlands“ die Feuilletons schwemmten erinnerten sie an einen Gutmenschen, der in Afghanistan Schulen baute und dessen Bücher vom Interesse an Einzelschicksalen bestimmt waren.

Nach den knapp 60 Seiten der Zukunftsrede bleibt das meiste offen, insbesondere die große Frage: Ja, wer waren wir nun eigentlich? An dieser Stelle sollte man aber nicht die besonderen Umstände außer Acht lassen, unter denen der Text veröffentlicht wurde. Als Roger Willemsen Ende 2015 seine Krebsdiagnose bekam, arbeitete er gerade an einem Buch mit dem programmatischen Titel Wer wir waren. Aus der Perspektive der „Nachzeitigkeit“ sollte es einen kritischen Blick auf unsere Gegenwart werfen. Mehrere noch im selben Jahr gehaltene Reden gaben erste Arbeitsproben preis, aus denen sich der nun vorliegende Text zusammensetzt. Die Entscheidung, diesen nach Willemsens Tod zu veröffentlichen, lag bei seiner Nachlassverwalterin Insa Wilke. Dass der Publikationswille also nicht vom Autor selbst kam, der Text zudem nur eine Ahnung des ursprünglichen Projekts geben kann, sollte man in die Beurteilung einbeziehen.

Und wenn man sich nach so fordernder Lektüre einen Hoffnungsschimmer wünscht, wird man auch da nicht enttäuscht. Beinahe versöhnlich bietet Willemsen uns die Supertotale an – wenn er beschreibt, wie die ersten Menschen, am Zenit ihres technologischen Erfolgs angekommen, die Erde verlassen. Die extraterrestrische Perspektive wird hier zum Gleichnis. Der Anblick des kleinen blauen Planeten, der unsere bislang einzige Lebensgrundlage ist, lehrt Demut. Wurde zuvor geschildert, wie der Mensch zugunsten der technologischen Vernunft bereitwillig seine Autonomie veräußert, so rehabilitiert er sich nun als ethisches Wesen. Mit ihm dürfen die LeserInnen also doch hoffen, handeln müssen sie selbst.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 21.12.2019
Thema: Veronika Koller / Susanne Kopf / Marlene Miglbauer (Hg.): Discourses of Brexit

Als es zur Abstimmung über den Brexit kam, erschien das nicht wenigen – auch im United Kingdom – unwirklich. Inzwischen weiß man, dass das, worüber auch nur ernstlich abzustimmen schon unwirklich schien, politische Realität wird. Die Reaktionen hierauf sind unbefriedigend, der Populismus ist immer der der anderen, so scheint es, über Europa und die Europäische Union wird auf einmal so gesprochen, als wären jene, die es sich von Boris Johnson nicht madig machen lassen wollen, glühende Anhänger und sowieso Kenner der EU. Und über die, die dennoch dagegen stimmten, in der EU zu verbleiben, wird in einer Weise geredet, die frei von jedem Erkenntnisgewinn scheint: Man macht die Verächter der EU verächtlich und hält das für hinreichend.

Wer sich, und dafür gäbe es genug Gründe, mit dem Brexit und den Diskursen, die hierzu führten, hingegen eingehend und ertragreich befassen will, dem sei indes der vorliegende Band empfohlen. Die Diskursanalysen zeigen, wie es hier vermehrt den Rekurs auf scheinbare Naturgrößen, die begriffslogisch offensichtlich nichts taugen, gab. Im United Kingdom fühlte und fühlt man sich vor allem wieder britisch, „British navel-gazing“, wie eine irische Stimme kommentierte, wiewohl dies nur ein Teil des UK ist, während man „Europa“ und „EU“ in den Brexit-Diskursen sowieso synonym gebrauchte, für den „enemy from outside“ nämlich sozusagen.

Der Populismus, den der Brexit zeigt, wird zum Symptom einer Bildungskrise, die in Ressentiments Bildungsferner gegen alles, was ein komplexes Konstrukt ist, umschlägt – ähnlich wurde in den USA aus dem „Konstrukt“ der Vereinigten Staaten das pseudo-natürliche „America“, das „great again“ werden sollte. Man wolle es wieder einfach, man wolle wieder Herr im Hause sein, so sagen die Befragten. Sie selbst suchen das Gespräch freilich nicht, sie fragen kaum zurück, in der Kommunikation durch Tweets ist das „conversation-like fragment“ zu beobachten.

Dieses Fragment besagt, was der Wille einer imaginierten Volksnatur sei: Man wolle man selbst sein, sowieso sei „Britain […] full to bursting point“, das Boot sei voll: „I don’t want to lose sovereignity“, so heißt es zuletzt, weshalb der Souverän dann alles, was ihm nicht gleiche – wörtlich „Arabs, Browns, Negros, and Jews“ –, vertreiben will. Die Entschuldigung, die stereotyp vorweg formuliert wird, lautet, man sei ja nicht rassistisch, aber…: „The phrase »I’m not a racist, but …« […] is usually analysed as an argumentative disclaimer followed by a racist statement“, wie es in einem Aufsatz, der sich hier auf frühere Arbeiten beziehen kann, heißt.

Relativ spät mobilisierte man gegen diese Politik etwas, das Politik im affirmativen Sinne ist und also seine Ansprüche an die eigene Praxis stellt. Freilich war der Brexit schon 2012 von hellhörigen Kommentatoren befürchtet worden, etwa vom Guardian, schon damals als mögliche Reaktion auf ein Popularitätsproblem, damals Camerons. Die Frage, welchen Mandats es dazu bedürfte, ist inzwischen ungut beantwortet worden.

Warum Fragen wie diesen nachzugehen ist, ist also ebenso beantwortet. Und dieser Band zum Brexit wird unter anderem darum zu lesen sein, nämlich vor allem auch als Lektion über die eigenen Krisen, denn deutschen und österreichischen Leserinnen und Lesern müssen die zitierten Wendungen und Diskurse, kurzum: die Probleme, bekannt erscheinen. Außerdem weiß man nach der Lektüre, dass mit dem Brexit das Thema EU im erodierenden UK nicht erledigt sein wird: Europa wird weiter als Sündenbock herhalten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 14.11.2019
Thema: Fuminori Nakamura: Der Revolver

„Der Revolver“ von Fuminori Nakamura (Rezension)
„Der Revolver“ war der Debütroman von Fuminori Nakamura und mein zweiter Roman von ihm. Ich hatte 2018 „Die Maske“ gelesen und rezensiert. Schon damals hatte er mich begeistert und dementsprechend neugierig und gespannt war ich auf „Der Revolver“. Fuminori Nakamura hat mich nicht enttäuscht.

Der Inhalt in drei Sätzen
Ein junger Mann, Tooru Nishikawa, findet eine Leiche, bei der ein Revolver liegt. Er nimmt diesen Revolver an sich, der fortan sein Leben und die Handlung bestimmt. Nishikawa wird in einen Strudel der Ereignisse hineingerissen.

Beim Lesen erinnerte mich die Konzeption an das Musikstück „Bolero“ von Maurice
Ravel. Genauso inszeniert Fuminori Nakamura das Geschehen.

Tooru Nishikawa ist ein ganz normaler durchschnittlicher Student mit Freunden und Affären, über den es am Anfang nicht viel zu sagen gibt. Der Lesen lernt ihn durch seine Handlungen, Gefühle und Gedanken kennen. Nicht nur der Protagonist wird von der Handlung mit gerissen, sondern mir ging es als Leser genauso.

Tooru ist nicht pessimistisch, er neigt sich immer mehr einem Nihilismus zu, außer diesem Revolver hat nichts mehr einen Sinn oder Wert für ihn.

„Der Revolver war mein Ein und Alles. Ohne ihn hatte mein Leben keinen Sinn. Ich liebte ihn leidenschaftlich.

Worum geht es?
Es geht um kriminelle Energie, die einmal entzündet, wie ein schwarzes Loch, jeden der ihr zu nahe kommt, den Ereignishorizont betritt, unweigerlich in die Verdammnis führt. Es ist das Aufzeigen einer unausweichlichen Kausalität. Ich würde ihn als einen Crime Noir einordnen, die fast schon Züge einer griechischen Tragödie aufweist.

Es geht um eine Art Besessenheit oder Hörigkeit. Kann man von Objekten besessen sein? Kann man tote Dinge lieben? Diese Hingabe ist auch als Objektsexualität, eine Art der sexuellen Orientierung, bekannt. Der Besessene sieht die Objekte als perfekt, ohne jeglichen Mangel oder Fehler.

„Dazu kaufte ich ein Taschentuch aus dem gleichen Stoff, aber in Schwarz. Um den Revolver zu polieren. Mein Revolver glänzte so sehr, dass es eigentlich gar nicht nötig war, aber durch den Akt des Polierens, davon war ich überzeugt, würde unsere Beziehung immer tiefer und enger werden.“

Seite 40

Tooru verändert sich, vor allem sein Sozialverhalten ändert sich.

Wird sich Tooru aus diesem Strudel noch befreien können?
Obwohl Tooru durchaus, wie schon erwähnt, einen Freundeskreis und mehr als eine Beziehung hat, zeigt das Buch die Einsamkeit in der Großstadt. Es sind eher oberflächliche Beziehungen. Tooru wurde von seinen Eltern als kleines Kind adoptiert, vielleicht ist das der Grund! Fehlendes Urvertrauen. Die Angst, verlassen zu werden. Obwohl Tooru rückblickend, seine Adoption als Rettung betrachtet. In seinem Leben und den Beziehungen fehlt die Intimität.

„Der Revolver“ ist durchgehend aus der Perspektive Tooru Nishikawas und in der Ichform geschrieben. Der Roman wird geradezu zu einem Psychogramm.

Die Spannung ist extrem hoch. Ich musste auf den letzten Seiten mehrfach das Buch aus der Hand legen, weil es mich so ergriffen hat und ich glaubte vorherzusehen, wie es ausgeht und ich wollte nicht, dass es auf diese Weise endet. Tooru rennt mit offenen Augen ins Messer.

Der Autor wählt so eindringliche, Beschreibungen, dass sich der Leser nicht entziehen kann:

„Der Ausdruck auf dem Gesicht der Katze war kläglich. Unverwandt starrten mich ihre Augen an, ließen nicht mehr von mir ab. Auch ihr Schreien hörte nicht auf. Je länger, je mehr glaubte ich, das Schreien müsse aus meinem eigenen Kopf kommen, und auf einmal erlosch alles.“

Das Covermotiv ist Andy Warhols „Gun“. Sehr passendes Motiv! Gefällt mir außerordentlich gut!

Der Text wurde aus dem Japanischen, wie schon „Die Maske“ von Thomas Eggenberg übersetzt, der selbst einige Jahre in Japan gelebt und gearbeitet hat.

Was nehme ich aus der Lektüre mit?
Fuminori Nakamura zeigt hier eine meisterhafte Choreografie, ohne dass es konstruiert wirkt. So würde ich gerne schreiben können.

Wer kennt nicht das Gefühl, einer Sache oder einem Menschen verbunden zu sein, das oder der einem selbst nicht gut tut und dennoch kann man sich nicht lösen?

Steckt in jedem von uns das Böse? Ja! Ich, ich glaube schon! Ich glaube auch an einen freien Willen, der uns die Möglichkeit bietet, dem Bösen die Stirn zu bieten und uns abzuwenden. Sicherlich ist es hilfreich, wenn man den eigenen Platz im Leben gefunden hat. Schwierig wird es für die, die von der Gesellschaft ausgegrenzt leben, oder sich selbst ausgrenzen. Auch eine liebevolle Kindheit trägt positiv dazu bei. Aber der Einzelne muss sich selbst für das Gute entscheiden und diszipliniert die Verführungen abwehren. Jeder von uns wird täglich verlockt, verführt oder aufgefordert, unsere eigenen Grenzen in eine Richtung zu verlassen, die nicht „gut“ ist.

Es ist nicht einfach, täglich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist die Komplexität des Lebens. Genau das will der Autor aufzeigen, und dass es schwierig ist, die einmal eingeschlagene Richtung zu ändern.

Von mir gibt es eine riesengroße

L E S E E M P F E H L U N G

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Connie Ruoff schrieb uns am 11.11.2019
Thema: Raymond Chandler: Der große Schlaf

„Der große Schlaf“ habe ich mir ausgesucht, weil ich bislang noch nichts von Raymond Chandler gelesen hatte und es ein Klassiker der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist. Das Buch wurde 1939 vom Autor mit dem Originaltitel „The big Sleep“ veröffentlicht. 1950 wurde der Roman in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter dem Namen „Der tiefe Schlaf“ herausgegeben.

Der Krimi spielt Ende der 30er Jahre in Los Angeles. General Sternwood bestellt den Privatdetektiv Philipp Marlowe zu sich nach Hause. Schon in diesem ersten Kapitel erfahren wir zusammen mit Marlowe, dass der General alt, sehr krank und äußerst wohlhabend ist. Die zwei Töchter Carmen und Vivienne machen durch ihren unseriösen
Lebenswandel die Familie immer wieder angreifbar.

Marlowe bekommt den Auftrag, herauszufinden, wer hinter der Erpressung der jüngeren Tochter Carmen, steckt. Und damit beginnt ein komplexes Durcheinander von Motiven, Verdächtigen und Geheimnissen. Das ist nicht die erste Erpressung im Hause Sternwood. Marlowe erkennt schnell, dass keiner der Beteiligten, auch sein Auftraggeber nicht , mit offenen Karten spielt.

Die ältere Tochter Vivienne will von Marlowe Informationen über seinen Auftrag. Sie hofft, dass er nach ihrem verschollenen Mann Rusty suchen soll.

Als Marlowe dem Erpresser Geiger auf den Zahn fühlen möchte, ist dieser nicht in seiner Buchhandlung anzutreffen.

Marlowe findet eine Leiche, die aber kurz darauf wieder verschwindet. Und plötzlich entwickelt sich aus einer Erpressung, eine weitere Erpressung und es wird ein komplexer Kriminalfall mit Toten.

Mehr von der Handlung möchte ich nicht preisgeben, weil genau das beim Lesen Spaß macht: die Verwicklungen zu entwirren, oder von den Verwicklungen verwirrt, nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Worum geht es?
Es geht um die amerikanische Gesellschaft dieser Zeit. Es geht um Prüderie. Es geht um eine Welt, die mehr Schein als Sein ist. Glücksspiel!! Es ist die Welt nach der Prohibition, die als „Noble Experiment“ von 1920 – 1933, letztlich nichts änderte. Es geht um ein Frauenbild, das den Leser in der heutigen Zeit mit einem Auge weinen und mit dem anderen Auge herzhaft lachen lässt.

Raymond Chandler hat diesen Roman, wie eine Schnitzeljagd mit einigen Sackgassen und Umleitungen, inszeniert. Nichts ist so, wie es zuerst scheint. Auch Carmen scheint auf irgendeine Art und Weise in den Fall verwickelt zu sein. Und wie sieht es mit Vivienne aus?

Die Kapitel sind nicht zu lang und die Spannung bleibt, auch durch das ständige Entschlüsseln eines Hinweises und zeitgleichen Findens einer neuen Spur, hoch!

Die Sprache ist einfach und gut zu lesen. Diese Kriminalgeschichte lebt nicht von der Handlung, sondern von der Atmosphäre des Crime Noirs.

Was macht diesen Roman zu einem Klassiker?
Dieser Kriminalroman wurde aus zuvor veröffentlichten Kurzgeschichten, „Killer in the Rain“ (erschienen 1935) und „The Curtain“ (veröffentlicht 1936), kombiniert und neu zusammengebaut.

Auch der Privatdetektiv Philipp Marlowe wurde übernommen. Dieser Ermittler ist fernab von den bis dahin erfolgreichen Detektiven, wie Sherlock Holmes. Miss Marple oder Hercule Poirot. Philipp Marlowe ermittelt in einem Los Angeles, das korrupt ist, in dem das Gesetz der Straße gilt und die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht mehr eindeutig sind. Es ist auch die Welt des Glückspiels und des Scheins.

Der Detektiv ist desillusioniert. Er betracht das Geschehen zynisch aus einer unbeteiligten Position. Er lebt nach eigenen Gesetzen, die er konsequent einhält. Sein Verhalten gegenüber Frauen ist rücksichtslos, Er schlägt auch mal zu.

„Das blechern Glucksen kam immer noch aus ihr heraus. Ich ohrfeigte sie. Sie blinzelte und hörte auf zu glucksen. Ich ohrfeigte sie nochmal.“ S.49
Marlowe benutzt seine Schusswaffe. Er raucht und trinkt. Er ist weiblichen Reizen gegenüber immun, außer er will es zulassen.

Seine Wortwahl und Ausdrucksweise würde man heute mit dem Zusatz NO GO! Kennzeichen.

„Wer war das?“ „Miss Carmen Sternwood, Sir.“ „Sie sollten sie abstillen. Kommt mir alt genug vor.“
Das Hörbuch
Mein Hörbuch „Der große Schlaf“, in der Fassung vom 11.09.2009 wird von Christian Brückner gesprochen und wurde von Gunar Ortlepp aus dem Amerikanischen übersetzt. Diese Übersetzung wirkt auf mich schärfer, bissiger und politisch weniger korrekt.

Christian Brückner ist ein phantastischer Sprecher. Er lässt Philipp Marlowe genauso so arrogant, zynisch und abgebrüht auftreten, wie man es sich vorstellt.

Von der neuen Übersetzung gibt es bislang kein Hörbuch.

Zur Übersetzung von Frank Heibert
Wenn es möglich ist, lese ich das Buch und lasse es mir gleichzeitig vorlesen. Ich habe immer das Gefühl, dass mir das Innere des Buches dadurch mehr preisgibt. Diesmal fand ich es besonders interessant, weil ich zwei unterschiedliche Übersetzungen hatte und ich manche Passagen dadurch mehrfach las oder hörte.

Die neue Übersetzung von Frank Heibert empfand ich, wie man so schön sagt, politisch korrekter. Mein Englisch ist nicht gut genug, um zu beurteilen, ob sie näher beim Original oder entfernter vom Original ist.

Filmische Adaptionen
Der Roman, der in Los Angeles spielt, wurde zwei Mal verfilmt; 1946 hatte Humphrey Bogart die Rolle Philipp Marlowes und 1978 mit Robert Mitchum.

Meine Antwort: Dieses Buch ist ein Klassiker, weil
Dieses Buch ist ein Klassiker, weil Philipp Marlowe der Prototyp eines „Hard-boiled“ Ermittlers ist. Lediglich Sam Spade aus dem „Malteser Falken“ von Dashiell Hammitt ist ihm ebenbürtig. Bemerkenswert ist noch, dass in den filmischen Adaptionen beider Filme die Rolle des Ermittlers von Humphrey Bogart gespielt wurde.

Mit dieser Interpretation des Kriminalgenres setzte er neue Maßstäbe. Das waren keine Fälle, die durch Nachdenken und geistreiche Puzzeleien gelöst wurden. Diese Fälle wurden mit Waffen, Fäusten geradezu martialisch gelöst.

Es ist Crime Noir, in dem Frauen mehr als Zierde dienen. Die Morde geschehen nicht in britischen Herrenhäuser oder Gütern, sondern in der Großstadt, zwischen Glücksspiel und Buchläden. Erst im Laufe der Geschichte enthüllt sich Gut und Böse mit allen Variationen – 50 Shades of Grey.

Ich stellte mir beim Lesen und vor allem beim Hören die Frage, ist das Buch heute noch aktuell?

Ja! ich glaube schon. Wenn wir von der Grundstruktur ausgehen, ist es immer noch aktuell. Die individuellen Inhalte, z. B. wofür man erpressbar ist, müssten ausgetauscht werden.

Spannung und Humor dieses Romanes sind zeitlos.

Die Entrüstung über dieses chauvinistische und machohafte Verhalten Philipp Marlowes ist bis heute sicherlich gewachsen. Dennoch sollte man den Krimi mit den Augen der Zeit, in welcher er spielt, sehen.

Ich habe mir „Der große Schlaf“ ausgesucht, weil ich bislang noch nichts von Raymond Chandler gelesen hatte und es auf meiner Unbedingt-Lesen-Liste steht. Allerdings sind Chandler und ich keine Freunde geworden, auch wenn er handwerklich sehr gut ist. Ich mag sein Frauenbild überhaupt nicht und das ging mir alles ein wenig zu durcheinander. Ich mag es doch strukturierter.

Aber, wie ich immer sage, das ist eine ganz persönliche Angelegenheit! Lest selbst und schreibt eure Meinung!

Wer mehr Informationen über Raymond Chandler möchte, dem empfehle ich folgenden Link von Zauberspiegel

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Martin Weimer schrieb uns am 25.10.2019
Thema: Klaus Heinrich: Dahlemer Vorlesungen und Studien: Tertium datur

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Connie Ruoff schrieb uns am 09.10.2019
Thema: The Godmother of Punk kann auch Belletristik - Patti Smith: Just Kids

„Just Kids“ von Patti Smith

Mit diesem Buch habe ich bei MonerlS-bunte-Welt auf der Linkparty Juli mitgemacht!

Wer sind Patti Smith und Robert Mapplethorpe?
Das Oeuvre des Künstlers ist mit den Begriffen Sex und Exzess, Begierde und Dominanz untrennbar verbunden, was ihn auch heute noch zu einem der höchst umstrittenen, aber dennoch größten Fotografen unserer Zeit macht.

Wikipedia
Robert Mapplethorpe (1946 – 1989)

Robert Mapplethorpe ist ein amerikanischer Fotograf und bildender Künstler. Es begann mit einer Polaroid Kamera. Zu Beginn der Achtzigerjahre ließen sich viele Prominente von ihm fotografieren: Andy Warhol, Paloma Picasso, Peter Gabriel, Richard Gere und
einige andere.

Robert Mapplethorpe wählte oft kontroverse Themen. Berühmt wird er durch seine Akte, die oft homoerotischen Motive, klassisch aber auch aus dem BDSM-Bereich, die oftmals mit der Zensur zu kämpfen hatten. Seine Schwarz/Weiß Fotografien sind ästhetisch, wenn auch oft mit einem polarisierenden Hintergrund.



Im Dezember 1988, als bekannt geworden war, dass er sich mit dem HIV-Virus infiziert hatte, verkaufte er Fotos im Wert von 500.000 US-Dollar. Mit dem Geld gründete er die Robert Mapplethorpe Fundation.

„Es wurde vieles über Robert gesagt, und so vieles ist noch zu sagen. Junge Männer werden seinen Gang imitieren. Junge Mädchen in weißen Kleidern werden um seine Locken weinen. Man wird ihn verdammen oder verehren. Seine Exzesse geißeln oder romantisch überhöhen. Am Ende wird man die Wahrheit in seinem Werk finden, der eigentlichen Verkörperung des Künstlers. Sein Werk wird nicht vergehen. Es entzieht sich dem menschlichen Urteil. Denn die Kunst besingt Gott und ist letztlich sein.“

Smith, Patti. Just Kids (German Edition). Kiepenheuer & Witsch eBook. Kindle-Version. Robert Mapplethorpe (1946 - 1989)
Patti Smith

Patti Smith gilt heute als Godmother des Punks. Tatsächlich aber hat sie in den Sechzigerjahren als Lyrikerin begonnen. Erst 1975 hat sie mit ihrer Band das erste Album „Horses“ aufgenommen. Das war der Anfang! Es folgte „BecauseThe Night belongs to Lovers“, eine Singleauskopplung von Easter, die in Zusammenarbeit mit Bruce Springsteen entstand. Für Tribute of Panem nahm sie den Song „Capitol Letter“ auf.

In vielen ihrer Texte verarbeitet sie ihr Leben und auch ihre Verluste. Ja, die ist Eine Lyrikerin, die ihre Worte mittels Rockmusik transportiert.

Sie ist Lyrikerin, Punk- und Rockmusikerin, Singer-Songwriterin, Fotografin und Malerin.

Sie las Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Musikalische Vorbilder waren Jimi Hendrix, Brian Jones und Jim Morrison.

Sie kannte sie alle, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Alan Ginsberg, Kurt Cobain oder John Coltrane, Andy Warhol. Aber nur wenige ihrer Helden leben noch.

Ihr Mann – der MC5-Gitarrist Fred Sonic Smith starb 1994. Patti Smith kehrte nach Jahren der Zurückgezogenheit zurück auf die Bühne und dort findet man sie heute noch.

Übrigens gibt es zwei ganz tolle Coverversionen den Rockklassikern „Smells Like Teen Spirit“ der Band Nirvana und „Gimme Shelter“ der Rolling Stones.

Mein Lieblingslied ist „Hey, Joe“.





REZENSION "JUST KIDS" VON PATTI SMITH

Wie wurde ich auf „Just Kids“ aufmerksam?

Ich habe „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist“ von Siri Hustvedt gelesen und rezensiert. Dieses Buch animierte mich, den Spuren der einzelnen Essays zu folgen. Insbesondere das Essay, „Mapplethorpe / Almodóvar: Punkte und Kontrapunkte“ weckte den Wunsch in mir, mich eingehender damit zu beschäftigen. Im Rahmen der Recherche zu Robert Mapplethorpe kam ich zu Patti Smith und diesem Buch.


„JESUS DIED FOR SOMEBODY’S SINS BUT NOT MINE.“

Aus „Gloria“ Written by Patti Smith and Van Morrison




Als Patti Smith Robert Mapplethorpe begegnete, waren die beiden noch weit davon entfernt Ikonen der Kunst oder Musik zu sein. Beide waren aber schon mit der Leidenschaft zur Kunst durchdrungen. Die Kunst war ihr Leben. Ohne Kunst war ihr Leben für die beiden nicht zu meistern.

Robert Mapplethorpe hatte seine sexuelle Identität noch nicht gefunden. Sex war in dieser Beziehung nicht der Bezugspunkt. Ihre Beziehung hatte etwas viel Tiefgründigeres. Sie waren für einander Ankerpunkte, die einander erdeten.

Einer von beiden passte immer auf den anderen auf. Lange Zeit wohnten die Beiden im legendären Chelsea Hotel. Robert Mapplethorpe dröhnte sich oft mit psychedelischen Drogen wie LSD zu. Ohne Patti Smith wäre er weitaus früher gestorben.

Später würde er sagen, dass die Kirche ihn zu Gott, das LSD aber zum Universum geführt habe. Er sagte auch, Kunst habe ihn zum Teufel geführt, und Sex habe dafür gesorgt, dass er dort blieb.

Smith, Patti. Just Kids (German Edition) . Kiepenheuer & Witsch eBook. Kindle-Version.

Künstlerhotel
Im Chelsea Hotel übernachteten beziehungsweise wohnten zahlreiche Musiker, Schriftsteller und Künstler wie Salvador Dalí, Thomas Wolfe, Arthur Miller, Dylan Thomas, Charles R. Jackson, Nico, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Catherine Leroy, Falco, Valerie Solanas und Leonard Cohen (der dem Hotel mit dem Lied Chelsea Hotel #2 auf dem Album New Skin for the Old Ceremony ein musikalisches Denkmal setzte).

Das Chelsea ist vor allem in den 1960er-Jahren durch die New Yorker Underground-Kunstszene (unter anderem Andy Warhol) bekannt geworden, die das Hotel als „Spielwiese“ für ihre Film- und Kunstaktivitäten entdeckt hatten.

Das Hotel wurde durch Andy Warhols Experimentalfilm The Chelsea Girls (1966) weltweit bekannt. Viele Maler haben ihre Hotelrechnungen mit ihren Bildern bezahlt, die teilweise noch heute im Foyer hängen. Für Patti Smith war das Hotel „wie ein Puppenhaus in der Twilight Zone, mit Hunderten von Zimmern, von denen jedes ein eigenes kleines Universum barg.“

In die Schlagzeilen kam das Hotel, als im Oktober 1978 mutmaßlich der Punk-Musiker Sid Vicious im Zimmer Nummer 100 seine Freundin Nancy Spungen erstach und im folgenden Februar im selben Zimmer an einer Überdosis verstarb.

Wikipedia

Because The Night Belong To Lovers

Because the Night belong to Lovers - Take me now, baby, here as I am - Pull me close, try and understand - Desire is hunger is the fire I breathe - Love is a banquet on which we feed -

Patti Smith und Bruce Springsteen
Die Jahre ziehen vorüber und hinterlassen viele Opfer. Menschen, wie Martin Luther King wurden ermordet. Menschen, wie Jim Morrison und Janis Joplin töteten die Drogen. Andere töteten sich selbst. Die Lebenden müssen mit den Erinnerungen an die, die es nicht geschafft haben, weiterleben.


Mein letztes Bild von ihm glich also dem ersten. Ein schlafender Junge, von Licht umspielt, der seine Augen aufschlug und mir mit seinem Lächeln sagte, dass wir niemals Fremde füreinander gewesen waren.

Smith, Patti. Just Kids (German Edition) . Kiepenheuer & Witsch eBook. Kindle-Version.
Eigentlich möchte ich gar nicht mehr viel dazu sagen – das Buch spricht für sich selbst.

Der Schreibstil von Patti Smith hat mich beeindruckt. Patti Smith hat mich als Mensch bewegt. Ihr Leben und wie sie ihr Leben reflektiert und annimmt. Sie hält ihre Person in diesem Buch ganz zurück und dient oft als Nebendarstellerin. Es geht in erster Linie, um die gemeinsame Zeit mit Robert Mapplethorpe.

Patti Smith schreibt genauso, wie man sie aus ihren Songs kennt. Manchmal mit staunender Ehrfurcht, manchmal mit unnachahmlicher Begeisterung, die fast schon kindlich wirkt, düster, aber vor allem mit Hingabe. „Hingabe“ lautet auch der Titel ihres 2019 erschienenen Buchs, das soeben auf meiner Leseliste landete.

Ich fühle mich bereichert, Patti Smith nicht nur als Musikerin, sondern auch als Lyrikerin kennengelernt zu haben.“

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Connie Ruoff schrieb uns am 09.10.2019
Thema: Wie wurde ich zu dem, der ich heute bin? - Paul Auster: Bericht aus dem Inneren

Meine Gedanken zu "Bericht aus dem Inneren" von Paul Auster
Wie bin ich zu dem geworden, was ich bin?
Struktur „Bericht aus dem Inneren“
„Bericht aus dem Inneren“ von Paul Auster ist der zweite Teil seiner Autobiografie und vervollständigt den ersten Teil „Winterjournal“. Das Buch ist in vier Teile geteilt, auf die ich später einzeln eingehen möchte. Dieses Buch zeigt nicht nur viel Privates von Paul Auster, sondern ist auch ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft, Politik und Medienlandschaft. Eben ein Bildnis der USA.

Der erste Teil „Bericht aus dem Inneren“ zeigt die Erinnerungen des Autors an sein kindliches Ich bis zum Alter von 12 Jahren.

Im zweiten Teil
„Zwei Schläge an den Kopf“ beschreibt Paul Auster ausführlich zwei Filme, die ihn außerordentlich geprägt haben.

Der dritte Teil „Zeitkapsel“ beinhaltet Auszüge aus dem Briefverkehr mit seiner langjährigen Freundin und späteren ersten Ehefrau, der Autorin Lydia Davis.

Abschließend kommt das „Album“ mit Fotografien samt Bildnachweisen zu den ersten zwei Teilen.

Erster Teil „Bericht aus dem Inneren“
Paul Auster erzählt aus der Erinnerung. Die eigene Erinnerung bewertet die Dinge oft aus heutiger Sicht und mit der Erfahrung von heute. Der Autor erzählt uns nicht nur diese Erinnerungen, sondern er untersucht ganz genau, welche Auswirkungen diese Vorkommnisse auf sein kindliches Ich hatten. Diese Analyse ist gleichzeitig ein Zeitbild des amerikanischen Lebens.

Paul Auster war in der frühen Kindheit nicht bewusst, dass er ein Jude war. Seine Eltern praktizierten ihren Glauben nicht. Erst durch den Großvater eines Freundes erfuhr er, dass er ein Jude war und dass „Jude sein“ für manche Menschen ein Makel war oder eine negative Konnotation hatte.

Er erzählt von der größten Angst der Gesellschaft in dieser Zeit. Das war nicht die Angst vor dem Krieg, sondern die Angst vor Polio.

Der Autor erzählt Erlebnisse aus dem Sommer-Ferienlager. Er erkannte, dass jeder Geheimnisse hatte. Das war wohl die Basis für seine spätere Leidenschaft fürs Schreiben. Das Entwickeln der Charaktere. Figuren mit Geheimnisse, die er den Leser entdecken lassen kann.

Das sind natürlich bei weitem nicht alle Ereignisse seiner Kindheit und Jugend, an die sich Paul Auster im „Bericht aus dem Inneren“ erinnert. Das ist lediglich eine kleine Auswahl. Wer den Schriftsteller ein wenig näher kennenlernen möchte, hat hier die Gelegenheit dafür. Vor allem versteht man, weswegen Paul Auster immer wieder mit den gleichen Motiven arbeitet.

Zweiter Teil „Zwei Schläge an den Kopf“
Diese Kapitelüberschrift sagt viel über die Wirkung aus, die folgende zwei Filme,  Die unglaubliche Geschichte des Mr. C. von 1957 (Regie: Jack Arnold) und Jagd auf James A. von 1932 in der Regie von Mervyn LeRoy, auf Paul Auster hatten.

Paul Auster beschreibt und interpretiert diese Filme sehr genau im Hinblick auf diese angesprochene Wirkung.

Ein Mensch, der feststellt, dass er schrumpft. Das erschreckt! Ist es tatsächlich nur ein philosophischer oder metaphysischer Schrecken? Kann man tatsächlich nicht schrumpfen? Und wenn es doch so wäre? Der Autor identifiziert sich mit Scott Carrie.

Letztendlich führt es zur zweifelsfreien Erkenntnis: Es gibt kein Nichts! Scott Carrie ist nie auf ein Nichts reduzierbar. Die Welt war nach diesem Film für Paul Auster nicht mehr dieselbe.

Auch der zweite Film war für den Schriftsteller eine prägende Erfahrung. Es war für ihn die erste bewusste Begegnung mit dem Zufall. Diese Faszination für den Zufall und die darin verknüpften Geschehnisse sind immer wieder in seinen Romanen zu finden.

Die Geschichte des Heimkehrenden vom großen Krieg ist bitter, traurig und tragisch.

Der Autor beschreibt nicht nur diesen Film, sondern kritisiert gleichzeitig, wie die USA mit den Veteranen des Ersten Weltkriegs umging.

Paul Auster beschreibt dieses Sträflings-Arbeitslager aus dem Film. Die Chain Gangs so greifbar, dass ich es kaum ertragen habe. Er bezeichnete diese Gefangene als „Lebende Tote“.

Der Anglizismus Chain Gang (englisch „Kettenbande“) bezeichnet Arbeitsgruppen von Gefangenen, die als besondere Form von Bestrafung, gelegentlich aber auch als besondere Chance der Wiedereingliederung, aneinandergekettet körperliche Arbeiten ausführen müssen. Typisch sind Einsätze außerhalb von Gefängnissen im Straßenbau und der Abfallbeseitigung, die traditionell auch abschreckende Wirkung für die Öffentlichkeit in Bezug auf Straftaten haben sollten.

Wikipedia Chain Gang
Dritter Teil „Zeitkapsel“
„Zeitkapsel“ beinhaltet Briefe an Lydia Davis, seine erste Ehefrau.

Paul Auster war zwischen 19 und 22 Jahren, als er diese Briefe schrieb. Es war Ende der Sechziger. Der Autor beschäftigte sich in diesen Jahren mit Philosophie. Vor allem Merleau-Ponty und seine „Vorstellung vom leiblichen Ich“.  Das war vielleicht der Grundstein, dafür „Geist und Körper auf tiefster Ebene zusammenzudenken“, eben nicht dualistisch.

Paul Austers Gedanken zum 6-Tage-Krieg und die unterschiedliche Haltung damals und zum Zeitpunkt des Schreibens des vorliegenden Buches finde ich sehr interessant.

„Als ich dann meine eigenen Briefe las, hatte ich das Gefühl einem Fremden zu begegnen, einem Jungen, den ich nur vage kannte und völlig aus den Augen verloren hatte.“

Paul Auster in "Ein Leben in Worten"
Vierter Teil „Album“
Dieser Teil beinhaltet Bilder, die einige Erinnerungen visualisieren und dadurch nachvollziehbar machen. Ich finde, mit diese Bilder hauchen dem Buch sehr viel Leben und Realität ein.

Was sagt Paul Auster selbst über „Bericht aus dem Inneren“
Bei der Recherche zu „Das rote Notizbuch“ von Paul Auster, stieß ich auf einen weiteren Text des Autors „Ein Leben in Worten – Ein Gespräch mit Inge Brigitte Siegumfeldt“. Frau Siegumfeldt ist Professorin für Literaturwissenschaft in Kopenhagen und hat für eine Studie über Paul Austers Werk, über eine Dauer von drei Jahren, mit dem Autor intensive Gespräche zu den einzelnen Büchern geführt und in diesem Text niedergeschrieben. Seitdem versuche ich, bei meinen Buchbesprechungen auch Paul Austers Gedanken zu seinem Werk mit einzubeziehen.

„Bericht aus dem Inneren“, („Report from the Interior“) entstand 2013 und wurde auf Deutsch 2014 von Rowohlt veröffentlicht. Es, handelt im Gegensatz zum ersten Teil der Biografie „Winterjournal“, den Paul Auster als eine „Phänomenologie des Atmens“ bezeichnet,

„Um Innenleben, innere Entwicklung, Gedanken, Ethik, Ästhetik, Politik, Religion. Aus alldem setzt sich ein Mensch zusammen. Darüber wollte ich schreiben. Andererseits bin ich kein Dualist, und es wäre falsch, das eine als Körperbuch und das andere als Kopfbuch zu bezeichnen. Die Perspektive verlagert sich, das ist alles.“

"Ein Leben in Worten"
Genau diese Thematik des Leib-Seele-Dualismus, oder moderne ausgedrückt: Körper-Geist-Problematik hat 2017 Siri Hustvedt in „Die Illusion der Gewissheit“ näher untersucht und kam letztendlich zum gleichen Fazit. In ihrem letzten Roman „Damals“ versucht, die Autorin freizulegen, wie aus der jungen „Minnesota“ die/der erfolgreiche S. H. wurde.

Ich bin ein begeisterter Leser von Siri Hustvedt und Paul Auster. Das Ehepaar hat ähnliche Gebiete im Fokus ihrer Werke und ich empfinde es immer wieder eine Bereicherung die Werke beider zueinander in Beziehung zu setzen und näher zu hinterfragen.

Dieses Buch animiert den Leser, zu erforschen, welche Erinnerungen, Geschehnisse in der Kindheit prägend auf das eigenen Selbst Einfluss nahmen. Und genau das möchte der Autor auch erreichen.

Die Erinnerungen aus der Kindheit brachten einige Schwierigkeiten mit sich.

„Am Anfang war alles lebendig. Die kleinsten Gegenstände waren mit pochenden Herzen ausgestattet, und selbst die Wolken hatten Namen. Scheren konnten gehen, Telefone und Teekessel waren Cousins, Augen und Brillen waren Brüder.“

"Bericht aus dem Inneren" S. 9
Erinnerungen

Erst ab einem Alter von sechs Jahren kann man wirklich von Erinnerungen sprechen. Allerdings wird man feststellen, wenn man Paul Austers Aufruf folgt, und die eigene Vergangenheit recherchiert, dass man diese längst vergangenen Geschehnisse, heute völlig anders einordnet oder bewertet. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, sich auch daran zu erinnern, wie man als Kind mit diesem Ereignis umging.

Die Perspektive des "Du"

Wie schon im „Winterjournal“ fiel mir die Erzählperspektive auf. Paul Auster wählte die zweite Person Singular, also das „Du“. Er spricht sich selbst an. Das wirkt sehr intim und dennoch betrachtet sich der Autor als Außenstehender, sich und seine Eindrücke und Erinnerungen. So, als ob er sich bei seinem fiktiven „Zweiten Ich“ rückversichern will, dass es tatsächlich so war oder ist.

Ich habe diese Erzählperspektive noch bei keinem anderen Autor gefunden. Bitte schreib mir einen Kommentar, falls du noch ein Buch oder eine Geschichte, die aus dieser Perspektive geschrieben ist, kennst.

Cover und äußere Erscheinung
paul auster biografie


Wie man auf dem Foto erkennen kann, gehören „Winterjournal“ und „Bericht aus dem Inneren“ zusammen, die Titel sind in der gleichen Art dargestellt und die Covers haben die gleichen Farben. „Winterjournal“ zeigt Paul Auster als Erwachsenen, aber noch nicht im reifen Alter. „Bericht aus dem Inneren“ zeigt den Autor als Kind.

Das, was der Leser in diesen Büchern findet, ist vor allem, wie aus dem kleinen Kind Paul Auster ein Erwachsener wurde und wie er die körperlichen, geistigen oder seelischen Blessuren seines Lebens beim Älterwerden mitnimmt. Das ist durch diese zwei Covers sehr gut ausgedrückt.

Das Hörbuch „Bericht aus dem Inneren“

„Bericht aus dem Inneren“ wird gesprochen von Christian Brückner. Die ungekürzte Fassung hat eine Hördauer von 7 h und 52 min.

Christian Brückner ist Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher. Die meisten kenn ihn, als feste deutsche Stimmer von Robert De Niro.

Christian Brückner gründete zusammen mit seiner Frau den Parlando Verlag, der vor allem Hörbücher verlegt, die von ihm selbst eingelesen werden.

Das Hörbuch kann ich aber nur zusätzlich zum Buch empfehlen, weil der vierte Teil „Album“ natürlich nur im Buch enthalten ist. Und diese Bilder runden das Buch ab.

Ich habe es gehört und gelesen. Das Hörbuch wird von Christian Brückner einfühlsam gelesen.

Ich habe für meine ausführlichen Gedanken zum Buch und zu Paul Auster, „Ein Leben in Worten – Ein Gespräch mit Inge Brigitte Siegumfeldt“, als Quelle zu Rate gezogen.

Meine abschließenden Gedanken zu „Bericht aus dem Inneren“
Das Buch birgt die Gedanken eines reifen Mannes. Der Leser nimmt daran teil, wie sich Austers Selbstverständnis als Jude entwickelt. Es ist ihm ungemein wichtig, seine Erinnerungen richtig einzuordnen und wiederzugeben. Es geht ihm dabei nicht um die Bewertung aus heutiger Sicht, sondern darum, welche Wirkung diese Geschehnisse als Kind oder Jugendlicher auf ihn hatten.

Inge Brigitte Siegumfeldt fragt Paul Auster in den Gesprächen zu diesem Buch:



„Hat Schreiben eine therapeutische Wirkung?“

"Ein Leben in Worten
Ich glaube, dieser wichtige Gedanke, der wahrscheinlich hinter jeder Biographie steckt, darf nicht vernachlässigt werden.

Ich denke, das ist ähnlich, wie in der griechischen Tragödie: Der Zuschauer versetzt sich in das Schicksal des Hauptdarstellers und leidet mit, wodurch er die innere Reinigung, die Katharsis erhält.

Bei einem Blick in Wikipedia erhält man diese zwei Bedeutungen


1. LITERATURWISSENSCHAFT Läuterung der Seele von Leidenschaften als Wirkung des [antiken] Trauerspiels 2. PSYCHOLOGIE Das Sichbefreien von psychischen Konflikten und inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren

"Ein Leben in Worten
Also ist eine Biografie zugleich eine Psychotherapie? Auf den ersten Blick lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen. Dennoch ist natürlich eine vom Therapeuten durchgeführte und beaufsichtigte Psychotherapie viel komplexerer und damit nicht vergleichbar.

Aber es ist das Reflektieren des eigenen Lebens, mit der Ehrlichkeit, die das eigene Bewusstsein zulässt.

Den Satz:

„Die Welt ist in meinem Kopf. Mein Körper ist in der Welt“,

"Ein Leben in Worten"
finde ich faszinierend. Paul Auster versucht die Duplizität des Lebens, die Verbindung von innen und außen, zu erfassen.

Ich bin immer wieder verblüfft, wie ehrlich Paul Auster in seinem Gedanken ist. Zumindest gibt er dem Leser dieses Gefühl. Als der Autor erzählt, dass er von einem Lehrer zu Unrecht beschuldigt wurde, betrogen zu haben, spürte ich die Empörung und die Ungerechtigkeit körperlich – es fuhr mir regelrecht in den Magen.

Paul Auster hat Recht. Jeder von uns kann mit seinem inneren Kind Kontakt aufnehmen und seine Erinnerungen aufschreiben. Sicherlich wird es wenige Menschen geben, die es in einer so schönen Sprache wie Paul Auster fertigbringen, aber wir können uns die Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen und reflektieren.

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Connie Ruoff schrieb uns am 09.10.2019
Thema: Martin Suter: Allmen und der Koi

"Allmen und der Koi" von Martin Suter (Rezension)
oder "Allmen sucht Boy auf Ibiza"
Zuerst einmal: Nein! Johann Friedrich von Allmen bleibt auch im sechsten Band der Reihe „Allmen und der Koi“ seinem Jagdschema treu. Seine Leidenschaft gehört immer noch den Frauen, die das besondere „Etwas“ haben.

Aber, es stimmt tatsächlich: Allmen ermittelt in Ibiza und er sucht „Boy“. Dieser „Boy“ gehört einer Dame, die das besagte „Etwas“ hat und ist ein Fisch. Aber nicht einfach irgendein Fisch. Nein er ist ein edler und sehr wertvoller Koi, der seiner Besitzerin gestohlen wurde. Wie ermittelt man nach einem Koi? Hinterlässt ein Koi Spuren?

Die Hauptpersonen
sind auch diesmal Allmen und Carlos. Das Trio,  bestehend aus Johann Friedrich von Allmen, kurz Don John. Carlos und Maria, zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Allmen ein überzeugter Aristokrat, ohne wirkliche aristokratische Abstammung, rinnt das Geld durch die Finger. Er ist ein Mann, der die Frauen liebt und sich ohne Krawatte nackt fühlt. Mit Allmen International Inquiries, einer Agentur, die verschollene Kunstgegenstände wiederbeschafft, verdient er gutes Geld und es würde zum Leben reichen, wenn er nicht immer über seine Verhältnisse leben würde und er seine Dienstleistungen besser verkaufen würde. Aber Allmen empfindet es schon als entwürdigend, Geld verdienen zu müssen und darum handeln oder betteln geht überhaupt nicht.

Deswegen ist Carlos, inzwischen Allmens Partner, für die finanziellen Transaktionen und Verhandlungen zuständig. Maria, Carlos‘ Lebensgefährtin, achtet darauf, dass die beiden Herren auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Ohne Carlos und Maria wäre Allmen alleine wohl lebensunfähig.

Es ist ein humorvoller Krimi mit Situationskomik, Luxus, und einem verliebten Allmen. Und er endet, wie wir das von Martin Suter gewohnt sind, mit einer überraschenden Wendung. Das ist Lektüre für die Chaiselongue, einem schönen Glas Rotwein und dunkler Schokolade.



„War er, Allmen, wirklich auf dem Weg, ein Vale zu werden? Was hatten diese ungewohnten Gedanken an die Zukunft und das Alter bei ihm zu suchen? Warum traf ihn die Untreue von einer, deren Untreue er so genossen hatte?“

"Allmen und der Koi" S. 168
Auch „Allmen und der Koi“ folgt diesem erfolgreichen Muster.
Der Leser sieht diesmal aber auch einen Allmen, der sich Gedanken um das Alter und die Vergänglichkeit macht. Diese Gedanken halten ihn aber nicht von leidenschaftlichen Liebesabenteuern fern.

Allmen wird von einem mysteriösen Unbekannten engagiert, den gestohlenen Koi zu finden und seinem Besitzer zurückzubringen. Während der Ermittlungen wird es für die drei „Allmens“ gefährlich und „Don John“ würde am liebsten alles hinwerfen. Aber Carlos will weitermachen und seine Ehre retten. Ein Koi, der eine Million Dollar wert ist, weckt viele Begehrlichkeiten.

Martin Suter liebt seinen Protagonisten, er zeichnet ihn so detailreich, geradezu verliebt in seiner Verschrobenheit, dass der Leser gar nicht anders kann, als Allmen ins Herz zu schließen, wohl wissend, dass er völlig überdreht ist. Es erinnert ein wenig an Thomas Lieven aus „Es muss nicht immer Kavier sein“ von Johannes Mario Simmel – geradezu ein Doppelagent, der seine Rolle, die Frauen und das Kochen liebt.



Martin Suter - Geschichten mit Geheimnis
Das ZDF drehte mit Autor Claudio Armbruster dieses Porträt des berühmtesten Schweizer Schriftstellers, der im Februar 2019 siebzig Jahre wurde. Das Porträt ist in der 3sat-Mediathek abrufbar: Martin Suter – Geschichten mit Geheimnis

Der aufmerksame Zuschauer entdeckt im Autor Martin Suter schnell Johann Friedrich von Allmen.

„Allmen und der Koi“ unterhält durch seine Ironie und den trockenen Humor, die Leser vortrefflich. Trotzdem mache ich einen halben Punkt Abzug. Das Ende ist überraschend, aber es gefällt mir überhaupt nicht. Das ist natürlich  eine ganz persönliche Sache. Ich kann leider nicht weiter darauf eingehen, sonst würde ich spoilern. Dramaturgisch ist es sehr gut.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 19.09.2019
Thema: Michael Köhlmeier / Konrad Paul Liessmann: Der werfe den ersten Stein.

2016 erschien ein Band von Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, worin der eine fabulierte und der andere mehr oder weniger improvisierend Reflexionen nachschob. Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam, ebenfalls beim Hanser Verlag erschienen, war nicht frei von Redundanzen und Plattitüden, insgesamt aber wurde man gut unterhalten und konnte vielleicht auch Denkanstöße finden, etwa zur Frage, ob es gut sei, das Böse nur mehr therapeutisch anzugehen. (Cf. auch meine damalige Rezension auf fixpoetry.)

Nun hat das Gespann einen neuen Band vorgelegt – und er ist viel
schwächer als der erste. Das Prinzip wurde beibehalten, das Niveau ist gesunken. Als Beispiel sei auf die Geschichte zweier Brüder eingegangen, der eine, der von allen der Ältere geheißen wird (wiewohl er jünger ist, er ist bloß reifer oder härter), bewahrt den anderen, der eigentlich älter ist, aber in seiner Empfindlichkeit, die etwas von Selbstmitleid hat, dieses Schutzes auch zu bedürfen scheint, vor allem Ungemach. Während der der Ältere Geheißene am Land bleibt, zieht der andere in die Stadt, um die Härte zu erlernen, bis er einen Mann ins Gefängnis gebracht hat, worauf dessen Bruder Rache schwört. Bei aller Härte flieht dieser Bruder darauf aufs Land zurück, wo ihn der Bruder versteckt, bis jener Verwandte ihn besucht. Dieser sei gerade nicht zuhause, so lügt der Gastgeber, während der von der Stadt Eingeholte durchs Fenster flieht – und darum dem Abgewiesenen in die Arme läuft, der ihn tötet.

Das zieht sich bei Köhlmeier, der doch großes Talent als Erzähler hat, seitenlang hin, wobei allein der Pointe der verdrehten Altersrelation viel Raum gewidmet wird, als wäre es von Bedeutung, dass da das Lügen schon angefangen hat – viel kürzer schildert es Kant (zu finden im achten Band der Werke in zwölf Bänden, ed. Weischedel, Frankfurt/M. 1977), der dann auch in etwa die Reflexion liefert, die Liessmann dazu bietet, bloß, dass Liessmann dann das Unbehagen, das angesichts des Imperativs, den Kant formuliert und an diesem Unbehagen gerade erprobt, besteht, breit auswalzt. Nach einer Unzahl von Seiten hat man, was längst und besser bei Kant so formuliert wurde, er fragt, was passiere, wenn man die Wahrheit sage oder aber lüge, während man einen versteckt, den einer ermorden will:

„Hast du […] einen eben itzt mit Mordsucht Umgehenden durch eine Lüge an der Tat verhindert, so bist du für alle Folgen, die daraus entspringen möchten, […] verantwortlich. Bist du aber strenge bei der Wahrheit geblieben, so kann dir die öffentliche Gerechtigkeit nichts anhaben; die unvorhergesehene Folge mag sein welche sie wolle. Es ist doch möglich, daß, nachdem du dem Mörder, auf die Frage, ob der von ihm Angefeindete zu Hause sei, ehrlicherweise mit Ja geantwortet hast, dieser doch unbemerkt ausgegangen ist, und so dem Mörder nicht in den Wurf gekommen, die Tat also nicht geschehen wäre; hast du aber gelogen, und gesagt, er sei nicht zu Hause, und er ist auch wirklich (obzwar dir unbewußt) ausgegangen, wo denn der Mörder ihm im Weggehen begegnete und seine Tat an ihm verübte: so kannst du mit Recht als Urheber des Todes desselben angeklagt werden.“

Das ist pointierter und es gibt keinen Grund, stattdessen oder auch zusätzlich die Ausführungen Köhlmeiers und Liessmanns zu lesen: Und es spricht nicht für den Band, dass das meiste, was sie schreiben, früher und besser formuliert wurde.

Dieser Band enttäuscht. Aber sicher findet sich irgendwo die Leserschaft, die die Redseligkeit des Gespanns mit der Bildsamkeit verwechselt, die Liessmann zwar gerne einmahnt, aber zu oft eben nur einmahnt.

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