Rezensionen von Online-Abonnenten

Informationen zu dem Forum

Archiv


Jörg Bindel schrieb uns am 19.01.2021
Thema: Monika Hürlimann: Marta

Mit ihrem Roman -Marta, Heimat in Polen, Deutschland und der Schweiz- ist der Autorin nicht nur ein spannender historischer Roman gelungen, sondern sie zeigt, wie die Protagonistin Marta es mit all ihrem Lebenswillen, mit ihrer zielstrebigen Kraft und mit ihrem unermüdlichen Einsatz schafft, nicht zufällig mit Schrot auf die Idee einer besseren Welt zu schießen -vielleicht in der Hoffnung, dass irgendeine Kugel schon treffen wird...

...nein, Marta hat ein Ziel -und sie erreicht mehr als sie vermutlich geplant hatte...

Kummer, Leid und  Sorgen -aber auch Zuversicht und Hoffnung- brauchen eine klare Sprache, um wahrgenommen zu werden...

...das ist der Autorin mit Marta gelungen, mehr noch, sie zeigt, dass
Zufriedenheit eines Menschen das Resultat wirksamer Prozesse ist und, dass ein Mensch der ist, der sich versucht zu verändern, wenn es die Situation erfordert, ohne sich oder andere dabei zu verbiegen, der versucht Wege zu finden, um Neues zu schaffen und der Verschiedenartiges bereit ist aufzunehmen...

Marta verkörpert das Feld, auf dem diese Früchte wachsen und gedeihen...
Eine absolute Leseempfehlung für die, die miterleben wollen, dass die eigene Geschichte oft weiter reicht, als man selbst.


***


Doch, wie weit reicht die persönliche Geschichte, in der Marta anfangs vielleicht nur widerwillig oder doch zumindest unfreiwillig enthalten ist?

Marta muss  –um ihren selbst auferlegten formativen Status quo zu erreichen-  wachsen, innovieren, Optionen und Anschlusschancen vermehren, dynamisieren, ihren Möglichkeitshorizont erweitern, sich so in die Welt gestellt entwickeln, dass sie ihrem inhärenten Bestreben gerecht wird,  um somit dem Ziel der - Soziologie eines besseren Lebens- näherzukommen...

Das versteht zu allererst ihre Mutter...

...und sie machen sich auf den Weg...

Den gesellschaftlichen Glücksradgeber für ein gelingendes Leben übernimmt Marta unbemerkt und unreflektiert im Westen...
...und, sie will nun, was sie innerlich muss, nämlich die auferlegte mütterliche Delegation erfüllen!

Auf der Jagd nach gesellschaftlichen Ressourcen, orientiert Marta sich vorerst an politischen Konzeptionen von Wohlstand, Wohlergehen und Lebensqualität, an Gesundheit, Geld und Gemeinschaft, an stabilen sozialen Beziehungen, an Bildung und vor allem, an sozialer Anerkennung.

Diese Werte haben sich weltweit zum Inbegriff des guten Lebens verselbständigt und entwickeln sich nun auch in Marta als vorherrschende und vorgegebene Indikatoren für ihre persönliche Lebensqualität.

Und dieses gute Leben erfüllt sich ja tatsächlich, sie besteht die Optimierungsanforderungen und kann getrost behaupten:

„Ich bin gesund, habe ein gutes und gesichertes Einkommen, ein schönes Zuhause, einen lieben und interessanten Mann, viele Freunde und Bekannte und genieße ein hohes Ansehen..."

"Ja, ich bin ein zufriedenes und glückliches Menschenkind!"

Meine Mutter würde stolz auf sich und mich sein...

Das ist -wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge- auch so okay und dieses Bestreben soll keinesfalls hier denunziert werden...

...nun lässt sich aber über ein gelingendes Leben vermutlich mehr sagen, als dass es sich gut anfühlt und Mama gut gefällt und stolz macht!

Viele Jahre der Sauerstoffaufnahme verbringt Marta auf der Rushhour des Lebens und arbeitet in diesem Steigerungsspiel brav und emsig ihre To-do-Listen ab.

Dann aber bemerkt und durchschaut sie, dass der zu-kurz-gekommene und aus dem Blick geratene Anteil ihres Lebens nicht auf eine Zukunft verschoben werden kann, in der sie geschichtlich und emotional nicht oder nur teilbewusst enthalten ist...

Etwas fehlt!

...sie will wissen, was los ist, mit sich, mit ihrer Geschichte...

...sie versteht, dass nichts auf der Erde dadurch zu retten ist, indem man etwas verdrängt, etwas vergisst, etwas verleugnet, etwas einem vorenthalten wird -und schon gar nicht etwas gerettet werden kann, was sich noch gar nicht entwickeln durfte, eben durch einen unbewussten Auftrag einer innerlich kalt-fürsorglichen und von außen mutwillig zerstörten Mutter, die erst ihre Ehe, dann ihren Sohn und letztendlich sich selbst und die Welt schon lange aufgegeben hatte...

...also macht sich Marta wieder einmal auf den Weg...

Die Autorin schrieb dieses Buch vermutlich nicht vor dem Hintergrund, dass private Akkumulation von Ressourcen der Inbegriff des Wohlergehens darstellt, nein, ganz im Gegenteil, sie spürt tief in sich und intuitiv im beruflichen Umgang mit sozial beschädigten Klienten, dass kapitalistische Verteilungsverhältnisse in einer jeweiligen Gesellschaft legitimierbar erscheinen können, aber dennoch irgendwie bei Menschen nichts substantiell ankommt und bleibt, auch nicht in ihr selbst!

Etwas fehlt!

Wie konnte sich nun ein Optimierungserfolg besser darstellen lassen, als am chronologischen Werdegang eines aufstrebenden jungen Mädchens aus einem verarmten Polen!

Diesen Teil einer persönlichen Perestroika hat die Autorin durch die Protagonistin dargestellt, Marta hat es geschafft!

...und sie ist stolz darauf...

...das kann sie auch!

Polen, Deutschland und letztendlich die Schweiz! Ziel erreicht, Glückwunsch!

Aber, was das substantielle gute Leben diesbezüglich ist, das zeigt die Autorin nicht, sie zeigt das erfolgreiche Leben, das substantiell gute Leben aber muss der Leser zwischen den Zeilen entweder heraus- oder aber am Ende des Buches hineinlesen und alleine gelassen eine Idee für sich selbst entwickeln...

Marta kann dabei nicht helfen, konnte sie nie, einmal, weil sie sich über die Warum-Fragen des Lebens und der Welt nicht hinausentwickeln konnte und dann, weil sie ausgebrannt erscheint, kraftlos, ausgesaugt und müde wirkt, irgendwie die eigene Geschichte als Beobachterin aus der Vogelperspektive wahrnimmt und analysiert...

..und somit weder den Anfang noch das Ende ihrer auferlegten Geschichte erfasst...

Ein zielloser, unbewusster und unabschließbarer Steigerungssinn, der Menschen letztendlich hilflos und ausgebrannt in die Welt stellt, verändert die Beziehung zu Raum und Zeit, behindert die Beziehung zwischen Menschen, untergräbt die eigene psychische Disposition, verzerrt das subjektive Selbstverständnis und manifestiert sich deutlich und unverkennbar in steigenden Burnout-Raten.

Die Autorin wählte Marta als Resonanz-Stellvertreterin für die verzweifelte Suche nach dem eigenen Selbst...

Noch immer gefangen in der Dachkammer ihrer Kindheit und der unstillbaren Sehnsucht nach der unnahbaren Mutter, misslingt Marta zwar nicht die auferlegte Delegation, nein, diese Privatoptimierung erscheint beispiellos...

...sie scheitert letztendlich am Versuch einer verspäteten Internalisierung der Mutter und somit des eigenen Blutes...

Das ist auch der Grund dafür, warum Marta keine eigenen Kinder bekommt, nicht bekommen darf, sie muss den Delegationsauftrag erfüllen.

Marta kann aber den äußeren Optimierungserfolg der Gesellschaft ebenso wenig ins Innenleben projizieren, wie die Autorin selbst.

Diese Welten lassen sich so nicht verbinden.

Marta ist keine  angemessene psychologische Antwort auf das Resonanzorgan Leben!

...und das hat seine guten Gründe, denn...

...äußerliche Optimierungserfolge sind nicht die Voraussetzung für innere Reifeprozesse, sondern sie verhindern diese Prozesse!

...was die gegenwärtige psychologische Idee -eingespannt zwischen Wirtschaftsinteressen und politischen Ideologien- an eigenständigen, schöpferischen und gestalterischen Voraussetzungen für den modernen Menschen bereithält, wird meist in ihrer negativen Wirkung unterschätzt; unterschätzt dahingehend, da sie kaum etwas anderes bereithält, als eine sich neu entwickelnde Störung, eine Störung, die nahezu auf knappsten Raum menschliche Lebensgeschichte und persönlichen Lebenslauf negiert und seelische Strukturgebung und Genesung ungewollt, unbewusst und unreflektiert verhindert...

Sich zur Hochblüte des Weltgeistes selbst erhoben, nennt sich diese Störung stolz: Diagnose!

In die oft verkrusteten Seelenlandschaften leidender Menschen, lassen sich eben keine idealtypischen Wellenläufe einarbeiten. Marta hatte das zwar insgeheim gehofft, aber -wie ihre Mutter- nie verstanden, dass sich das Leben nicht auf weißen Leinwänden darstellen lässt…
Komplexität kann eben nicht durch Simplifizierung und blindes Vertrauen darauf, dass es auf der Grundlage weißer Leinwände schon funktionieren wird, begegnet werden.

Niemand hat die Fähigkeit, auch nur zu ahnen, wie sich die Landschaft in uns gestalten will.

Es ist demnach kein Zufall und folgerichtig, dass sie ihre Lebensgeschichte durch Marta dann differentialdiagnostisch dreiteilt.

Polen, Deutschland und die Schweiz repräsentieren einmal

- die objektive Welt der Dinge,
- dann die soziale Welt der Menschen
- und letztendlich die subjektive Innenwelt der Gefühle, der Wünsche und Empfindungen...

...und Marta?

Marta leidet unter dieser Dreiteilung, sehr sogar...

...sie will nicht nur den geschichtlichen Hintergrund ihrer Eltern erkunden und Teil für Teil unreflektierte Geschichte hinter sich lassen, sondern...

...das Heute und das Gestern will durch die subjektive Innenwelt der Emotionen im Hier und Jetzt begriffen und gefühlt werden...

...diese Sehnsucht lässt sich nicht durch einen selbst auferlegten formativen Status quo erfüllen...

Etwas fehlt!

..ich ersehne den Teil einer literarischen Aufarbeitung der zeigt, dass sich über ein gelingendes Leben mehr sagen lässt, als dass es sich gut anfühlt, nur weil es gelungen ist, dass man einerseits nun seine eigene Geschichte besser kennt und etwas mehr in ihr enthalten ist und andererseits eine gewisse Work-Life-Balance erreicht hat!

Natürlich unterstelle ich Marta (und somit der Autorin) nicht einzig und alleine einen absoluten Optimierungsanspruch, denn es ist nicht zu leugnen und nahezu offensichtlich, dass Emotionen nicht die gleichen Funktionen in soziologischen Kontexten einnehmen können, als die Jagd nach gesellschaftlichen Ressourcen, es gibt viele institutionelle, organisatorische und persönliche Gründe für dieses Streben nach Gütern, der Punkt ist m. E. nur, dass Emotionen überhaupt noch eine Rolle im zwischenmenschlichen Miteinander einnehmen sollten...

Etwas fehlt!

Antwort schreiben

Rainer Strobelt schrieb uns am 17.12.2020
Thema: Rainer Strobelt: Strittig wieder

So besprach am 27.03.2017 auf FIXPOETRY.COM Winfried Lachauer den Vorgängertitel:
SPRACHE AUF DEN LEIB GERÜCKT: RAINER STROBELTS 'STRITTIG' ALS ALBUM KUNSTVOLL VERZAHNTER PARADOXIEN
Im Französischen gibt es eine wunderbare Redewendung: „Casser la crôute“ - eine Kleinigkeit essen. Wörtlich: „die Kruste brechen“ und man sieht und riecht einen herrlich röschen Brotlaib vor sich, dem ein warmer Duft entströmt. Daran denke ich, wenn ich Rainer Strobelts „Strittig“ aufschlage, ein Bändchen mit dem ironischen Untertitel „Seine literaturnahen Vollkostbrösel“. Rainer Strobelt verspricht nicht zuviel. Er ist ein Meister der literarischen Miniatur, ein Sprach- und Wortkünstler. Er liebt
Paradoxien und schlägt Funken aus ihrem Gegensatz: „Kurz und bündig beschließt Strittig, ewig zu leben.“ Die Figur „Strittig“ hält die 65 Brösel zusammen. Strittig mag das Wort- und Gedankenexperiment, manchmal erinnert er mich an Morgensterns „Palmström“, dann wieder denke ich an Brechts „Herrn Keuner“. Man merkt, er bewegt sich in anspruchsvoller literarischer Gesellschaft und behauptet sich dort eigenständig und gut. „Auf der Suche nach einer Mahlzeit zieht/Strittig ein gefundenes Fressen vor.“ Rainer Strobelts Welt ist die Sprache. Ihr rückt er in immer neuen Versuchsanordnungen auf den Leib: „Den Blick abwendend, sieht Strittig zentraler.“ Mit dem Kunstgriff der Figur Strittig, sind die nahrhaften „Vollkostbrösel“ mehr als vereinzelte Aphorismen und Miniaturen, sie formen ein Ganzes. Und so ist sein Büchlein ein wirklicher Wurf geworden, ein „Album“. Un-Strittig!
Rainer Strobelts „Strittig - Seine literaturnahen Vollkostbrösel“

Antwort schreiben

Jonas Roos schrieb uns am 09.12.2020
Thema: James Baldwin: Giovannis Zimmer

Es ist der vielleicht bekannteste Roman des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, der dieses Jahr in einer Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschien. Der Roman wurde 1956 veröffentlicht und war damals aufgrund der homosexuellen Liebesgeschichte ein Affront. Dieser Aspekt ist heutzutage weder skandalös noch an sich interessant. Obgleich das Thema der Unmöglichkeit von Liebe in einer intoleranten Welt immer noch aktuell ist, erscheint mir ein anderer Aspekt von zeitloser Gültigkeit zu sein: Der Roman zeigt zwei unterschiedliche Positionen zur Welt auf und lässt diese in Form einer Liebesbeziehung aufeinanderprallen. Es wäre zu einfach, zu behaupten, eine der beiden Positionen würde dabei favorisiert werden. Ich möchte diese These innerhalb dieser Rezension erläutern. Ich werde dabei biographische Details und Äußerungen Baldwins in Essays oder Interviews ausblenden und mich auf die Textebene konzentrieren.
David, ein junger Amerikaner, der seit zwei Jahren in Paris lebt, trifft in einer Bar auf Giovanni, "hochmütig, dunkel und löwenahft"(36), der dort arbeitet. Nach einem elektrisierenden Flirt verbringen die beiden eine Nacht zusammen und es entwickelt sich eine intensive und letztlich eine für Giovanni tödliche Beziehung.
Der Roman ist zugleich Liebesgeschichte und Milieustudie. Jacques und Guillaume sind wichtige Charaktere in Zusammenhang mit letzterem. Beide sind ältere, wohlhabenden, weiße, homosexuelle Männer. Guillaume ist der Besitzer der Bar, in der Giovanni arbeitet. Er wird am Ende von Giovanni umgebracht. Jacques ist Geschäftsmann und nutzt seine finanziellen Möglichkeiten, um mit jüngeren Männern zu schlafen. Insbesondere Jacques wird ambivalent geschildert. Einerseits ist er arrogant, hinterhältig und übergriffig. Doch er hat den Kern Davids Charakter, dessen Schwächen und Ängste, erfasst. Er erklärt ihm, dass er die Liebe zu Giovanni zulassen muss, ohne Angst davor zu haben. Doch David kann das nicht und die Frage ist, warum?
Die Geschichte wird vom Ich-Erzähler David anhand von Rückblenden erzählt. Einzelne Rückblenden reichen bis in die Kindheits- und Jugenderinnerungen von David hinein. Seine Mutter, die früh starb, sein Vater und seine Tante, die sich betrunken stritten und die erste erotischen Erfahrung mit einem Jungen, die mit Scham verknüpft ist. Diese Rückblenden dienen der Davids Psychologisierung, doch es wäre zu simpel, hieraus Kausalitäten abzuleiten: Die Liebesbeziehung zu Giovanni scheitert aufgrund Davids Angst vor Intimität, dessen Wurzeln in seiner Kindheit und Jugend zu finden sind. Vielmehr – und hier liegt das Allegorische dieses Romans – verkörpert David eine bestimmte Haltung zur Welt und zur Liebe. Diese Haltung ist von Distanz geprägt: „Du willst sauber sein. Du glaubst, du bist hier in Seife gehüllt hergekommen, und du glaubst du kommst hier in Seife gehüllt raus – und in der Zwischenzeit willst du nicht stinken, nicht mal fünf Minuten lang“ (161), wirft ihm Giovanni bei ihrer letzten Begegnung vor und er hat recht damit. Es geht um etwas grundlegenderes als das fehlende Eingeständnis der eigenen Homosexualität. Es geht um Distanz zur Welt, die David braucht, um Leben zu können und an der Giovanni zugrunde geht. Es ist unmöglich, sauber zu bleiben. Der letzte Satz des Romans zeigt dies noch einmal, wenn David Giovannis Brief an ihn in kleine Schnipsel zerreißt: „Doch als ich mich umdrehe und auf die Wartenden zugehe, bläst der Wind einige auf mich zurück.“
Zweifelsohne wird Davids Haltung im Roman problematisiert, aber wie verhält sich mit Davids Liebhaber und zugleich Antipoden Giovanni? Wir erfahren, dass Giovanni in Italien mit einer Frau zusammen war. Sie hatten eine Tochter. Als ihr zweites Kind tot geboren wurde, verließ Giovanni Frau und Kind und ging nach Frankreich. Zusammen mit seinem Kind ist er damals wohl zum ersten Mal gestorben. Die Liebe zu David ist für ihn der letzte Rettungsring in einem Meer an Verzweiflung und als solcher wird er benutzt: „Wenn du nicht hierwärst […] wäre dies das Ende von Giovanni.“ Und etwas später sagt er zu David: „Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn du mich verlässt […] ich glaube nicht, dass ich leben könnte, wenn ich wieder allein sein muss“ (125).  In diesem Worten die Liebeserklärung und Drohung zugleich sind, liegt etwas unangenehm übergriffiges. Er lastet David eine Verantwortung für sein Schicksal auf, die David nicht schultern kann.
Es geht dabei nicht um Gegenüberstellung von Rationalität und Emotionalität. Giovanni ist nicht der leidenschaftlich kopflose Liebende und David kein kühler Zweifler. Wahrscheinlich waren sie verloren, lange bevor sie sich kennenlernten, weshalb ihre Liebe schicksalhaft scheitert. Ein bisschen trifft auf ihre Liebe das zu, was Hannah Arendt knapp 10 Jahre später in Vita activa über das moderne Individuum schreibt:„In der Rebellion des Herzens gegen die eigene gesellschaftliche Existenz wurde das moderne Individuum geboren, mit seinen dauernd wechselnden Stimmungen und Launen, in der radikalen Subjektivität seines Gefühlslebens, verstrickt in endlose innere Konfliktsituationen, die alle aus der doppelten Unfähigkeit stammen, sich in der Gesellschaft zuhause zu fühle und außerhalb der Gesellschaft zu leben“ (Arendt 1967: 49). David kann sich in der Liebe, das heißt in Giovannis Zimmer nicht zuhause fühlen, Giovanni kann ohne Davids Liebe nicht leben. Der Raum steht für das Intime, das vor der Außenwelt geschützt wird. Es ist die Liebe, an der Giovanni arbeitet, weil er sie nie wieder verlassen kann und die David fürchtet, weil sie distanzlos und allumfassend ist und wenn Giovanni David sagt: „Manchmal erinnerst du mich an einen Mann, der überlegt, sich selbst ins Gefängnis zu bringen, weil er Angst hat, vom Auto überfahren zu werden“ (133). So trifft das ganz gewiss auf beide zu, doch sie werden wohl keine Zellengenossen sein.


Arendt, Hannah (1967): Vita activa. Piper Verlag GmbH, München.  
Baldwin, James (1956): Giovannis Zimmer. Neuübersetzung 2020. dtv Verlagsgesellschaft, München.

Antwort schreiben

Günther M. Doliwa schrieb uns am 24.11.2020
Thema: Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen

Von der Dichtungsnatur der Religion
Neu: Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen Berlin 2020
Besprechung von Günther M. Doliwa, Dipl. Theologe und Autor, 20. November 2020

Von wo aus vom Himmel reden? (Hermeneutik)
Peter Sloterdijk ist ein philosophisches Original. Als radikaler kritischer Denker leistet er grundstürzende Begriffsarbeit. Ich bewundere seine Sprachkraft, seit ich mich seit 40 Jahren in seine Bücher vertiefe, um mir die Augen mit frischem Wasser zu kühlen. Sloterdijk führt in seinem neuen Buch die „These von der Dichtungsnatur der Religionen“ (276) aus. Kein Wort kann bei den Versuchen, die Botschaft des Stifters zu markieren, als gesichert gelten. Die 72 Bücher der Bibel
tragen allesamt den Charakter der Dichtung. Wir zitieren munter weiter, als würde das etwas beweisen. Im Begriff „Religion“ steckt mehr Poesie als deren Begriffsnutzer wissen und wahrhaben wollen. Sie merken oft gar nicht, dass sie sich auf einem bestellten Feld tummeln, das hermeneutisch zu erschließen wäre. Theologen nennt er fast liebevoll „Theo-Poeten“. Verfasste Religion, zumal Kirche mit ihrem ganz eigenen frommen Redestil, benutzt Texte, die ja ausdrücklich der Interpretation bedürfen. Um Texte auf reflektierte Weise verstehen und auslegen zu können, braucht es methodisch-praktische Verfahren. Nur der naive Leser kann und darf sie so nehmen, wie sie dastehen. Dann kommt aber auch nur noch Kurioses heraus wie eine 6-Tage-Schöpfung der Welt. Text ist immer auch Kontext und trägt Zeitsignatur. Mensch redet immer von der Erde aus vom Himmel.

Religion und Einbildungskraft (Theopoesie = Gottesdichtung)
Unterstellt man tätige Kräfte in der Welt, tritt das analoge Verstehen auf und beschreibt Ähnlichkeiten „als ein Panoptikum aus Wie-Verhältnissen“ (Sloterdijk, a.a.O.70). Wer den ambivalenten Himmel anruft, sagt Sloterdijk, „das Woher der günstigen Umstände und der schlimmen Unterbrechungen“, hütet eine anrufbare geheime Adresse zum Wieder-ganz-werden… „bis der Geist der Selbsthilfe und des Aufbruchs in selbstgesuchte Abenteuer ihn entlastet oder aus dem Spiel nimmt.“ (71)
Personifikation bildet die Grundfigur der Rede von Gott; „sie modelliert Kräfte, denen eine Intention eingepflanzt ist. Je personaler der Gott, desto dichterischer seine Beschreibung.“ (119) Siegesjubel vereinigt sich mit Demut vor dem Ungewissen und mit Dankbarkeit für Erfolge, die in kultischer Sprache „Segen“ heißen. Die Empfänger empfinden sich als Bevorzugte einer Kraft mit Machtmitteln. Ein Tun braucht wie ein Satz immer ein Subjekt. „Dieser Glaube ist es, der uns zwingt, zu einem Ereignis den Täter hinzuzudenken, zu einem Zeichen einen Absender, zu einem Werk einen Autor, zu einem Universum einen Schöpfer.“ (121) Sloterdijk zeigt, wie Theologie gern in Zirkeln läuft. Beispiel: die Behauptung von Karl Barth, Religionen seien nur Machenschaften, nur christliche Offenbarung habe als Wahrheit zu gelten, ohne anzugeben, woher er das wisse. Zum griechischen Theatergott Deus ex machina gesellt sich der christliche Dogmatik-Gott Deus ex Cathedra.
Im Laufe der Entfaltung seiner „These von der Dichtungsnatur der Religionen“ (276) differenziert er zwischen Erstdichtungen und Zweitdichtungen älterer Götterreden. Im kanonischen Dokument des Christentums sieht er „ethisierende Dichtung“, „die nach dem ganzen Leben greift.“ (84) Bibeldichtung war „altabendländische Passion.“ (87) „Die Gattung Evangelium, ein Amalgam aus Vita (bios) und Spruchsammlung (ta logia), war ihrerseits aus der Matrix der Mythen hervorgegangen, die von Boten, Gesandten und Helfern aus dem Jenseits berichteten.“ Die Sprachfunktion ist evokativ (Hymnen, Gebete, Anrufung, Lied), bestimmt für die Rezitation im gemeindlichen Kultvollzug. Religiöse Rede ist „Poesie in Versen und Prosa“ (89), hervorgegangen aus Fabeln und Symbolen. Schließlich soll im Subjekt ja Universum leuchten! Schriftbasierte Religionen machten sich – so der Vorwurf - die Voraussetzungen ihrer Reden nicht bewusst, um ihren Kult nicht zu gefährden. Aufklärung beginnt im 14. Jahrhundert mit Nominalismus, Antiklerikalismus und Feminismus Boccaccio deckt im Dekameron verheimlichte Abspaltungen auf. Die fromme Lüge muss sich in der Novelle der Wahrheit stellen. Fazit der Aufklärung durch Novellen: „Religion ist die Sache, die nur in einer anderen Sprache verstanden werden kann als der, in der sie sich selbst erläutert.“ (92) Denn „ohne Heuchleikritik ist Religionskritik nicht zu haben.“ (93)

Lehramtliche Panzerung in „Wohlgläubigkeit“ (159)
Ein Kapitel für Feinschmecker katholischer Absurditäten ist Sloterdijks Streifzug durch den keltischen Zauber- „Garten der Unfehlbarkeit: Denzingers Welt“ (127-137). Der Urheber des Theologenlateins, Tertullian aus Karthago, fände darin den gehäuften Gebrauch der Verfluchungsformel für Irrlehren, wo man das Zureden aufgibt und zum Ausmerzen umschwenkt, um das Zusammengehören der Rechtgläubigen sicherzustellen. In Heiliger Schrift sei fundiert, von der Tradition verkündet, was niemals unter „Fiktionsverdacht“ (134) stehen dürfe. Der „Denzinger“, 1854 herausgegeben, 1991 erweitert, ein Kompendium von fünftausend Dokumenten, dieses „Buch der Unglaublichkeiten“ mit unendlichen Selbstzitaten versammelt einen „katholischen Surrealismus“ (135), so maßlos monoton wie unheimlich, so klug wie seltsam. „Der kuriale Satzbau ist von ausgeruhter Mittelmäßigkeit, wie es einer Majestätsrede entspricht“ (135), ohne Pointen. „Wer für Gott spricht, hat keine Einfälle.“ (136) Theologischer Leerlauf, ratlos, ohne Erkenntnisgewinn, der „vom Herkunftsraum der Dichtung… nicht hoch genug denkt.“ (137) „Ratlosigkeit charakterisiert Zeiten, in denen die Traditionen als leerlaufende Selbstbezüglichkeiten ohne Anschluss an die Nöte und Überschüsse der Gegenwart empfunden werden.“ (325)

Religion als Gebilde und Kultstiftung
„Den Herrn hatte man erwartet, was kam, war die Bischofskirche; an deren Rändern flackerte die Naherwartung hin und wieder auf.“ (236) Und mit ihr „die Besessenheit der Weltflüchter“ (235), deren Lebensinhalt die Überwindung der Laster ist, allen voran dem Hochmut (superbia). Die Parusie-Verzögerung macht die Kirche zum Provisorium. Für die Mehrheit musste die Kirche einfachere Verfahren garantieren. „So investierte sie den wesentlichen Teil ihrer ritual-strategischen Energie in die Aufrichtung des Sakraments der Eucharistie.“ (237) Sloterdijk erkennt darin ein fragwürdiges „Schema des Subjektwechsels“. „Wer die Oblate in sich aufnimmt, wird von ihr aufgenommen“ (Ebd.). Der Terminus sacramentum, bei den Römern der Fahneneid der Soldaten (oder Beamteneid), werde in einer Höchstleistung christlicher Theopoesie „in das um Abendmahl und Taufe organisierte System der heilswirkenden Sakramente“ (237) umgedichtet, deren Zahl auf sieben festgelegt wurde beim Konzil von Trient (1545-1563). „In der Taufe wurden die Christen dem Heerführer Christus zum Friedensdienst angelobt.“ (238) Die Verquickung von Friedensdienst und Tötungsbereitschaft trage Früchte in der beliebten Gestalt des heiligen Martin von Tours (+397), „des barmherzigen Soldaten“ (Ebd.). Diese Sakrament- „Umdichtung“ ((237/240) nennt Sloterdijk „die liturgisch bedeutungsvollste Operation christlicher Theopoesie“, eine der folgenreichsten Figuren „der spirituellen Umwertung“ im Dienst „des christlich gesteigerten Sündenbegriffs“ (240). Weltentsagung gilt als Sündenmedizin, als wäre In-der Welt-sein ein Makel. Das Getrenntsein von Gott wird dem Getrennten als eigene Tat/Tatfolge zugerechnet, mit der schalen Pointe der ewigen Wiederholung der Erbsünde in der Eigensünde. Existenz „ist somit per se Sünde und Sündenfolge, als Akt und als Zustand.“ Wir sind in den Tod geworfen. „Der katholische Taufpriester ist in der Sache ein Rettungssanitäter“ (241). Notfalls hilft die Eucharistie weiter.
Tod und Leben werden umgekehrt zur „Hauptstütze der Konstruktion, die sich seit Paulus die ekklesia nennt – die Gemeindeversammlung, die eine Anti-Polis, das heißt einen von Gott als Hausherrn regierten oikos, bildet.“ (241) Auferstehung wandelt seinen Sinn: der Tod wird vordatiert in die Taufe, der Lebensbegriff aufgespalten in wahres und scheinhaftes Leben. Wer das Heil sucht, muss sich verwerfen, sich verabscheuen, sich in Askese üben, wenigstens so tun als ob. „Leben-Tod-Umkehrung“ (256) radikalisiert den inneren Menschen zum „Fünfkampf des Mönchs“ (245) gegen überflüssiges Sehen, neugieriges Hören, hohles Reden, unreines Begehren, heimliches Ressentiment gegen den Gehorsam; gesteigert zur selbstquälerischen Extrem-Askese mit Strafschmerz; abgeschwächt in der Version des einfachen Gläubigen, der da weiß: „Wir sind nur Gast auf Erden…“ „Strategien der Selbstzermürbung im Dienst spiritueller Verwandlung“, mit absurden Schmerzgipfeln, sind für den Philosophen zweifelhaft, da sie „Varianten der Zustimmung zum Abschied vom Eigensinn“ (257) darstellen.

Verschriftlichung als poetischer Prozess
Fast alle religiösen Sätze, Regungen und Gefühle gründen auf einem „Habitusfundament.“ Vorbewusste Prägungen sind fähig später zu leitenden Überzeugungen zu werden. Konkrete Religionsstiftung ist immer ein Weglassen, Zurechthören, Hinzudichten, Umformulieren. Wer dem Teufel das Feld überlässt, betreibt Manichäismus. Modern gesprochen dagegen „müsste die Vermischung von Gut und Böse als Grundzug der Realität begriffen und ihre stets problematische Entmischung als Rätsel der Praxis gelehrt“ werden (265).  Wenn Neuerer (wie Jesus) auftreten, dauert es bis zur Verschriftlichung ihrer Lehren. Als sicher kann gelten, dass Jesus keine Zeile geschrieben hat, was nicht heißt, dass er keine Spuren hinterlassen hätte. „Wer was warum und gegen wen geschrieben oder getilgt hat, ist nachträglich authentisch nicht mehr zu ermitteln“ (267). Das gilt für die um 360 u.Z. kanonisierten Dokumente des Neuen Bundes ebenso wie für den Koran, dessen Kodifizierung mindestens ein Jahrhundert lang auf sich warten ließ.
Vor allem im Islam pflegt man die „Offenbarungslegende des Koran“ (103) an den leseunkundigen Propheten. Von den „zahlreichen, wohl mehr als zwanzig Aufschreibern der Suren“ (104) und aus „zahlreichen Nachschriften der mündlichen Mitteilungen durch Hörer der ersten Stunde“ soll das hoch-ästhetische „Buch Allahs“ entstanden sein. Die Frage, woher Offenbarung überhaupt stammt, bleibt unberührt und ungeklärt. „Es gibt religiöse Gebilde, die, trotz ihrer evidenten poetischen Faktur, von Grund auf leugnen, Gedichte, Fiktionen, Mythen, Projektionen oder sonst wie Werke der Einbildungskraft zu sein.“ (95) Das ist der harte Kern der monotheistisch codierten Religionen. Sie halten die Bindung an den Ritus aufrecht, dämmen Impulse zum Umschreiben der heiligen Schriften ein. Die maßgeblichen Religionen „sind de facto theopoetische Gebilde, deren starkes Merkmal darin besteht, alles zu unternehmen, um ihre Vergleichung mit Mythen, Kulten und Fiktionen anderer Kulturen aus dem Weg zu gehen.“ (95) Berufsmäßige Bekenner werden kategorisch abstreiten, dass Religionen Dichtungen sind. „Sie neigen zur rasenden Empfindlichkeit gegen Fremdurteile in Bezug auf die eigenen doktrinalen Bestände.“ Nicht selten zu Festungsbau – „apologetisch, wehleidig, den gottlosen Zeitgeist beklagend“ (98). Für Praktizierende aber müssen Wort und Handlung korrekt und konkret sein und sich dicht entsprechen. Theologie vermag nicht aus kirchlicher Innenperspektive herauszutreten, solange sie Rom noch immer eine Gans (Reverenz) schuldig ist (wie Sokrates dem Asklepios einen Hahn). Heute suchen „die Vertreter der vertretbaren Religionen“ mit Nachhilfe von Agenturen den ökumenischen Dialog, legen Wert auf die Sichtbarkeit der Marke, verstärken die Kundenbindung, um Spenden zu mobilisieren, verzichten aber auf Missionierung im Revier der Konkurrenz.

Woher Offenbarung?
Gedichte wie Gesetze leben vom Zitieren, Aufsagen, Auslegen und Weitergeben. Ihre Hinnahme erfolgt nach den Bedingungen des Hinnehmenden, der sich für das absurdeste Wunderbare verfügbar macht. „Mohammeds Auditionen fangen unvermittelt mit dem Wunderbaren an“ (103); am Ende ist nicht mehr auszumachen, „in welchem Maß die spätere Offenbarung durch Akte der Redaktion und des Editierens geprägt ist.“ (103) Mohammed beteuert, nicht lesen zu können. Der Engel Gabriel zitiert ohne Scheu Psalmen und Drohreden Jesu. Wer mit Mythen und Ritualen versorgte Völker aufsprengen, in ihre Beseeltheiten und Sinn-Provinzen einbrechen will, muss einen eifersüchtigen Gott aufbringen. Er muss den Durchbruch eines revolutionären Gottes mit dem Zug zur Aufdeckung aller Dinge in Stellung bringen. Bei Nichtannahmebereitschaft der Gabe droht im Ernstfall Verdammnis. „Der Gott, der Paradiese in Aussicht stellt, legt vorsorglich breite Zufahrten zum ewigen Feuer an.“ (107) Wer ein Entweder-Oder in die Welt setzt, öffnet das Tor zur Hölle. Sloterdijk geißelt „die katholische Poesie des Schwelgens im Höllischen“ (Anm. 98, S.234) Wie erscheint Gott dramaturgisch? Er darf sich nicht vertreten lassen durch Schauspieler und Rhapsoden. Wunder machten ihn zum populistischen „Überredungskünstler“ (109). Menschwerdung in Form von Mitbewohner-werden (durch mythische Jungfrauengeburt in Bethlehem samt Kometen) koppelte orientalische Erlösungsphantasien an den Ernst westlichen Denkens. Was künftig von Lehrstühlen und an Hochfesten von Kanzeln verkündet werden wird, redet von einem Wahrheitsbesitz, dessen Herkunft im Nebel der Jahrtausende liegt.

Götterdämmerung (Überweltverblassen)
Sterben Fiktionen, zerfallen Plausibilitätsstrukturen, kommt die Denkfigur der „Götterdämmerung“ ins Spiel. Man denkt an Wagners „Ring der Nibelungen“. Götterwelten lassen sich ohne Neigung zum Verfall nicht vorstellen. Die Übergabe von Kirchengütern vereinfacht den Begriff der „Säkularisierung“. Auch der Begriff „Verweltlichung“ versimpelt den Vorgang der Modernisierung.  Epochenübergreifende Umstellungen aller Lebensformen zu modernen Gesellschaften, die sich selbst im Sinn haben, eröffneten „ein Zeitalter der Selbsternennungen, der spontanen Wortergreifungen, der Zeugenschaften, der Projektionen und Agitationen von unten, innen und außen.“ (178) Suggestive Erklärungen von oben kommen abhanden. „Der zum Sprechen gebrachte Himmel hat die Kioske erreicht.“ (179) Wer etwas zu wissen meint, „spricht per se vom Pult der Realität aus“ (Ebd.). Presse und Literatur lassen die Gesellschaft vor sich selbst erscheinen. Stammtische, nervöse Talkrunden, endlose Parlamentsdebatten plaudern über Weltdinge, nicht über Gott. Die Offenbarung des Wesentlichen geht nicht mehr von oben aus (Theophanie), sondern Weltkinder erklären sich die Welt. Sloterdijk spricht von „Soziophanie“ (Selbsterklärung des Sozialen). Publizistik hält Lagebesprechung, bei Selbstbeunruhigung durch Störungen (Terror) Krisenberatung. Man spricht nicht mehr theologisch über „die wenig aussichtreiche Lage vor Gott“ (181), sondern mit kultivierter Melancholie oder forcierter Appellrhetorik von Klima-, Besitz-, Produktionsverhältnissen. Soziale Medien blubbern Sprechblasen, man nimmt dabei Entfremdungen und Enthemmung des Primitiven in Kauf. Nuancen haben im Sprechgewitter kaum Chancen. Nicht nur Soziologie und Politik nutzen zur Zustandserläuterung Zahlensprache. Statistik hilf nicht weiter. Was ist gesagt, wenn von 7,7 Milliarden Menschen auf dem Papier 2,3 Milliarden Christen gezählt werden, (in 30.000 Kirchentümer aufgesplittert), 1,75 Milliarden Muslime, 1 Milliarde Hinduisten und 0,5 Milliarden Buddhisten bei nur 14 Millionen Juden!? Daneben 1,2 Milliarden Atheisten und Gleichgültige.

Windstille in kirchlichen Institutionen – Nachfrage vor Angebot
Beim Synodalen Weg meinte man, den Schwerpunkt weg von Reformen hin zur Verkündigung (Evangelisierung) legen zu müssen. Man täusche sich nicht über die Schwerpunktverlagerung: „Mit der Wende zum Willen wird der Rezeption der Vorrang vor der Verkündigung eingeräumt, in ökonomischer Sprache: der Nachfrage vor dem Angebot.“ (309) Dabei ist Glaube ein Willensakt. Wie ist „die momentane Windstille des Willens bei der Rezeption ästhetischer Fiktionen“ (309) zu erklären? Wer einfach hineingeboren ist, religiös vorvereinnahmt und sozialisiert, irreversibel imprägniert mit Glaubensinhalten, und nachträglich beiläufig zustimmt (Firmung), diesem Glaubenstypus, sagt Sloterdijk, „fehlt der Mut zum Unglauben.“ (309) Ungläubigkeit werde willentlich außerkraftgesetzt. Wechselgläubige, Sektenaffine wie amerikanisch-evangelikale Freikirchen (die einen Trump wählten), wären „auf dem Weg ins Formlose.“ (311) Wer außerstande ist, seine „lebensleitenden Motive klar genug zu empfinden“, um sein „Leben an ihnen zu orientieren“ (312) wird auch keinem Weg folgen, zu dem er nicht animiert ist. Gleich einem Depressiven, bei dem das Überzeugungssystem ausfällt. Der Trend, auf kirchliche Dienstleistungen dankend zu verzichten, hält unvermindert an.  Da mag man den Windstoß des Geistes beschwören wie man will… Die Kirchen leeren sich. Mitgliederschwund: rund 270.000 (2019).

Auf dem Markt der Meinungen
Wenn sich Religionen auf dem heutigen Meinungsmarkt betätigen, dürfen sie nicht mit Bestätigung rechnen. Sie konkurrieren mit Moden, ringen um Nachahmung, ob des Zeitgenössischen oder des Althergebrachten. Aufbruchsgeist trifft auf Nostalgie, Reformschwung auf Retrokatholizismus.
Der überlieferte Kult kleidet sich traditionell. Parodie strengstens verboten. (260) Die Frage, was fortsetzungswürdig ist, glaubt die Tradition für erledigt. Dabei weiß sie nicht zu sagen, wie wir heute „Christus anziehen“ (Römer 13,14) sollen. Was lange unwidersprochen nachgeahmt wurde, hält sich für ewig. Imitatio Christi (Thomas a Kempis, 1418), die 300 Jahre lang erbaulich alles existenzielle Leid als Analogie der Kreuzigung sehen wollte, prägte eine Version von opferbereitem Christentum.  
Im Überangebot der Meinungen davon auszugehen, dass andere schon irgendwie evangelisiert werden möchten, ist zeitfremd und vermessen. Sprache ist Macht und Ohnmacht zugleich. Als Befehlsmacht, die sich auf seine Ausführung verlassen kann, ist sie weltweit gefürchtet. Als Appell ist sie in der Rolle eines Bittstellers, der auf Fähigkeit (den Willen) zur Einsicht setzt. Bleibt noch die Wort-Macht subtiler Verführung. Machtsprache verrät sich durch herrschaftliche Redensarten, gestützt auf Hierarchie und Nicht-Aufklärung. Da gilt Nietzsches Notwehr-Satz: „Kritik … ist eine letzte Machtäußerung der Einflußlosen…“ (Anmerkung 133, S.126) Viel Kampfenergie verpufft im Echoraum katholischer Medienmilieus in Reiz-Reaktions-Debatten.

Zwischen Verkündigung (Evangelisierung) und Nachahmungspflicht
Die Botschaft weitertragen heißt kirchlich „Verkündigung“ (Kerygma). Ob schlafende Jünger oder törichte Jungfrauen – das Trägheitsgesetz dämpft den Elan der Sendung („Mission“). Desinteressierte schalten einfach um auf Information, Sport und Unterhaltung bei Netflix. Religionsbereitschaft sei jedenfalls nicht angeboren. Ohne Zorn Gottes entfällt auch die Angstpredigt, mit der jetzt Verschwörungstheoretiker und rechtslastige Querdenker aufrüsten. Die apokalyptische Wiederkehr musste historisch ständig umgedichtet und umdatiert werden. Die buchstabenallertreuesten Zeugen sind überzeugt „vom Endzeitcharakter jeder Gegenwart.“ (269) Regierung, Presse, Medien, selbst in robusten Demokratien, würden schwindeln und manipulieren mit Hinter- und Weltmachtgedanken. Ein typischer Sloterdijk dazu: „Skepsis gegen den Weltschwindel bildet die Matrix der Verschwörungstheorien.“ (271) Überhaupt von einem Universalismus zu reden, überschätzt die Fähigkeiten der kleinen Minderheit der Erwählten. Ekklesia bedeutete einst die Volksversammlung der griechischen Polis und wurde auf das Haus Gottes übertragen. Als Kirche meint sie die aus der Welt Herausgerufenen und zum Zeugnis Jesu Christi Versammelten und Berufenen (zu Liturgie, Martyrium, Diakonie). Verfechter der „Hauskirche“ ahnen selten, wie sehr sie Religion privatisieren.
Nachahmungspflicht unterschlägt, dass „das Abenteuer des Zitierens der Fixierung einer heiligen Schrift vorangeht.“ (276) Vor dem Richterstuhl der kritischen Prüfung (Philologie) „kann kein einziges Wort des Neuen Testaments wie des Korans als absolut gesichert gelten, soweit es die Aussagen Jesu oder die Vorträge Mohammeds betrifft. Mehr als eine hinnehmbare Wahrscheinlichkeit ist nicht erreichbar.“ (276) „Die Kopier- und Kompilationswege waren in beiden Fällen zu lang, zu fehleranfällig, zu wehrlos gegen Auslassungen und Zusätze.“ Wie soll da gelingen, Jesu Ur-Worte herauszudestillieren!? Den Vermittlern müsse man, so Sloterdijk, „ko-poetische Tätigkeit“ und Fähigkeit bescheinigen. Das nehme Jesus nichts von seiner Exzellenz als „überragenden Gleichnisdichter“ (276).
Der Koran sei „ein klingendes Großgedicht in Reimprosa“ (276).  Eine „Verzerrung des Jenseits zu einer Freudenhausattrappe für sexuell angestaute Jungmänner“ (277) sei ebenso sinnwidrig wie das mutwillige Missverstehen des Gürtels (Sure 24) als verbotenes Kopftuch. „Wo auch immer man die heiligen Bücher aufschlägt, findet man sich inmitten von Paraphrasen“ und befindet sich in der „Sphäre eines erregten Zitierens.“ (277) Aus „akuter Nachahmungspflicht“ entsprang ein missionarisch-imperialistisches „Expansionsgebot“ (272). Eine theokratische Artikulation der expansiven Botschaft versieht die Sprache mit Imperativen und Appellen. Politisch abzulesen in der Propaganda von „Diktatoren-Feldherren“ (273) In Propaganda-Angelegenheiten sind Staaten wie China längst auf der Überholspur.

Varianten von Poesie
Wo der Philosoph nicht überall Poesie (Dichtung) am Werk sieht! Poesie der Kraft, des Lobs (der Herrlichkeit), der Geduld, der Bestürzung (239), der Übertreibung, der Suche. Poesie setzt mit Phantasie alle Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache ein, um Welterfahrung Gestalt werden zu lassen. Sie kann eine Quelle des Glücks sein. Suchen offenbart sich als poetische Variante von Ratlosigkeit. „
Sehen wir kurz die Poesie der Geduld bei der Gestalt des Hiob an. Ich bin elektrisiert durch das 16. Kapitel in Sloterdijks Buch über Hiob, weil ich mich im letzten Halbjahr intensiv mit der Figur beschäftigt habe. („Hiob. Gottesrebell.“ entstand 2020 daraus.) Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, wenn er nicht eine Vorlage für Hiob ausgegraben hätte, von der ich noch nie etwas gehört habe. Um 1300 v.u.Z. entstand als Auftragswerk eines babylonischen Beamten das sechshundertzeilige mesopotamische Gedicht Ludlul Bél Némeqi: Lass mich den Herrn der Weisheit preisen. Darin geht es um die Herkunft des Übels.
Die Parallelen im Hiob-Buch sind frappierend und können kein Zufall sein. Der Himmel schuldet keine Erklärungen. Da ergeht von ganz oben ein undurchdringlicher Befehl. Der von seinen guten Geistern Verlassene sinkt ins Elend; seine Rivalen triumphieren und berauben ihn; „seine Familie schämt sich für ihn… er stolpert…irrt…seine Wangen brennen von Tränen.“ (205) Für die Verfasser beider Gedichte gilt: Dulden reicht tiefer als Verstehen: „was nicht zu begreifen ist, soll man ertragen.“ (206) Es kommt darauf an, der Vernichtung zu entgehen.
Die Auskunft von göttlicher Seite offenbart eine Zwiespältigkeit: „Der Herr ist die pure Ambivalenz in persona, im Übermaß zornig, strafend, unerbittlich – und zugleich gnädig, milde, zugänglich und zärtlich zugewandt...“ Wer Gott begreifen will, „läuft gegen eine Wand aus unanalysierbarer Zweideutigkeit.“ Unerforschlichkeit heißt: Gott wird gedacht, bestehend „aus Mutwillen, Alleskönnen und Allesdürfen“ (207). Plausibler als Allmacht-Attribute für den zum Sprechen gebrachten Himmel „erschiene heute ein Attribut wie Allzerbrechlichkeit“ (304). Der Gottes-Begriff Allzerbrechlichkeit bedeutet, „daß er, wie an Hiob demonstriert, imstande ist, scheinbar gerade Wege zu unterbrechen.“ (304) Ein Gott mit einem „Reichtum an Hintergedanken“ (210), deren „Kalküle begreifen zu wollen, vermessen wäre“. Der Herr vollzieht sein Prüfungsrecht. „Dulden ist alles. Für den Leidenden gibt es fast wie für einen Toten, kein Projekt, außer der hoffnungslosen Hoffnung, das zu Erduldende möge vorübergehen. Dazu gehört, daß der Dulder die Zumutung bewältigt, am Leben zu bleiben, ohne in eigenmächtige Verzweiflung…auszuweichen.“ (217) Die Frage lautet: „Gibt es ein Leben nach dem Unglück?“ Die Wiederherstellung des Status quo trägt einen Zug von Belohnung der Geduld. Erholung vom Unglück. „Wie könnte man menschlich leben ohne auf irgendeine Weise Glück zu haben oder es zu erwarten?“

Philosophie als Besonnenheit und Vorbehalt gegen Weltuntergänge
„Unter hohen Himmeln“ überschreibt Sloterdijk den zweiten Teil. Wie lernen wir die Kunst des Zusammenlebens und Zusammengehörens, ohne Abweichende und Gleichgültige anzuklagen? Meinungstapferkeit allein reicht nicht. Apokalypse-Angst lähmt. Selbst Plato misstraute einst der Hohlheit der Demokratie, die Zustände falsch benennt und dem Krieg den Namen „Frieden“ umhängt. Resignation der Philosophie, Verzicht auf Begründbarkeit und Orientierung an Wahrheit, kommt nicht in Frage. „Ungleichheit ist das erste Merkmal hierarchisch geschichteter und funktional differenzierter sozialer Ensembles.“ (156) Ungleichheit, „beginnend mit den Differenzen der Geschlechter und der Altersgruppen über die Zugänge zu politischer Teilhabe...bis hin zur Ausbildung des Nachwuchses.“
Aufklärung heißt für Peter Sloterdijk: „Emanzipation des hellenischen Erbes von der christlichen Bevormundung“ (110). Nicht „Fortsetzung des Christentums mit säkularen Mitteln.“ (271) Sloterdijk stört die „Zudringlichkeit“ der religiös Fitten, die mit wüster Apokalyptik drohen, falls man ihre Heils-Angebote ausschlägt. Universalismus gelte strukturell stets nur für eine Elite von Auserwählten. Während die einen ins gelobte Land einziehen würden, bliebe den Verweigerern, Neinsagern und Nicht-Interessierten nur der Weg ins Höllisch-Finstere. „Hölle heißt immerwährende Ausgangssperre.“ (234) Erwählung zerklüftet die Menschheit. Zwei De-Solidarisierungen trennen erst Lebende und Schein-Lebendige, dann Rettbare und rettungslos Verdammte/Verlorene. Drohpolemik mit Apokalypsen verwirft der Philosoph, der sich immer wieder auf Nietzsche bezieht, dem Entlarvungskünstler des unterschwelligen Ressentiments.
Die Umdichtung der jesuanischen Botschaft, indem Väterlichkeit und Tradition wiederhergestellt werde, ist für Kircheninsider leicht nachvollziehbar, wenn man das ständige Aufbieten der Barmherzigkeit von Papst Franziskus gegen die Gesetzes- und Buchstabentreuen in der vatikanischen Hierarchie heranzieht. „Umdeutung christlicher Streitbarkeit“ (283) zu einem staatstreuen Normalitätsmuster banalisiert Jesu Unabhängigkeit vom Staat. Tradition sei beileibe nicht wichtiger als Mode. Gäbe es je ein Amt in der Kirche ohne Neu-Einkleidung!? Vernunft reagiert allergisch gegen Offensivreligionen. Ganz oben auf der Rankingliste der Unglaubwürdigkeit stehen Begriffe wie: Erbsünde; unbefleckte Empfängnis; Himmelfahrt… (306) Aufklärung stellt die orientalische Apokalyptik richtig, indem sich der antike Humanismus revanchiert und ein pragmatisches Zeit-, Geschichts- und Prozessbewusstsein präsentiert. Wer sich zur Moderne bekennt, ruft die Frommen nicht „zum Feldzug gegen den unbekehrten Rest“ (280) (auch im eigenen Herzen) auf. Wenn sich militante Gläubige „der Entschlüsselung der Projektionen von Ressentiments und Eifersuchtsnachahmungen“ (281) entzögen und sich vom Himmel her Legitimation zur Vernichtung sogenannter „Ungläubiger“ verschafften, ist der „Selbstwiderspruch des mit Erwählung gekreuzten Universalismus“ (288) offenkundig. Kirche als antiliberale, antipluralistische, antimodernistische Gemeinschaft der Heiligen hat keine Sonderrechte auf dem globalen Fischfang. Gnadenlose Gnadenlehre geistlicher Globalisierungsagenten – „anfangs vor allem Absolventen der jesuitischen Willensschule“ (297) – eröffneten, „das Zeitalter der Zudringlichkeit“ mit dem vermeintlichen „Recht auf Inbesitznahme der Welt“ (298).

Begriff von Religion - Ein Raum der Nutzlosigkeit
Religionen sind vielfach definierbar:
- „als Systeme von Skrupeln oder …
- als Gebilde funktionierender Absurdität oder
- existentialistisch als Revolte gegen den Skandal der Sinnlosigkeit oder…
- als Ausdehnung der Empathie auf unsichtbare Agenturen oder
- gabenökonomisch als Systeme zur Mobilisierung von Geschenken oder
- ideologiekritisch als feierliche Ergänzung der falschen Welt, sprich als Opium des Volks“ (308).
Gleich ob man „Religion“ therapeutisch, mythisch oder psychologisch bestimmt „oder ganz einfach als Schuldgefühle mit verschiedenen Feiertagen“ (329), im Grunde bleibt Modernen „nur eine Aussage übrig: Sie ist der Rest dessen, was von archaischen und hochkulturellen Weltbildern nach Abzug der pragmatisch und säkular ersetzten Lebensäußerungen übrigbleibt.“ (330) Religion manifestiert Freiheit. „Hätte sie eine unbedingt eigene, unvertretbare, unübersetzbare, unaufgebbare Funktion, so bestünde sie darin, dem Dasein eine Bedeutung, eine Wirkung, eine Strebung, eine Beziehung auf die ‚Wahrheit‘ anzusinnen, die ohne die Daseinsspannung als solche, das Ausgesetztsein in eine überraschungsoffene Ereignisströmung, nicht erschienen sein könnte.“
Konsequenzen nach Peter Sloterdijk
1. Religion ist in der Gegenwart schlechthin frei geworden, entlassen „aus allen sozialen Funktionen“ (331), v.a. aus dem Legitimationszwang für nationale Zusammengehörigkeit. Als Rechtsgut sichert Religionsfreiheit „die Unerzwingbarkeit von Konfession und Kultteilnahme“, und „sie besagt vor allem, daß es eine Staatsreligion auf keinen Fall geben soll, auch keinen Staatsatheismus“ (332). Denn der Staat glaubt an nichts, und darf sich nie für einen Gott halten. Religion ist in die soziale Nutzlosigkeit entlassen. Die großen Kirchen profitieren „von einer Freiheit, zu deren Verhinderung sie bis vor kurzem taten, was immer in ihrer Macht stand. Seit sie machtlos zu sein scheinen, werben sie um die Sympathie der Nicht-mehr-sehr-Gläubigen.“ (333) Dabei nicht frei „von augenfälligen Tendenzen zu defensiver Besitzstandswahrung und identitärer Verschließung“.
2. Das zweite Novum der freigesetzten Religion ist die „Reduktion des Religiösen zu einem Rest“ (333), zu einem Luxus besonderer Art, der Teile des Erlebens an sich zieht. Ihre Rivalen in der Auslegung der Existenz und „Glücksbedürftigkeit“ sind die Künste und die Philosophie, die in ihrem eigenen Namen spricht, „nachdem sie ihre Anstellung als Magd der Theologie gekündigt hatte.“ (335) Beide sind „bei der Eroberung des Nutzlosen – und bei der Freisetzung ihres Eigensinns – der Religion um einen Epochenschritt voraus“, weil Religion erst entstaatlicht sein musste. „Das sichere Zeichen der jungen Freiheit für die Religion ist ihre überraschende, erhebende, skandalöse Nutzlosigkeit; sie ist überflüssig wie Musik; doch ‚Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.‘ Sie teilt ihren Luxuscharakter mit den beiden anderen, schon früher in die Eigenständigkeit durchgebrochenen Kulturen der Existenzauslegung.“ (335) Alle übrigen, vormals bedeutsamen religionsförmigen Funktionen offizieller Art erweisen sich als ersetzbar, „als sekundäre Leistungen“: Personenkult, Staatsüberhöhung, Festkalenderpflege, Armee-Segen, Eheschließung, Jugenderziehung, Gebäudeweihe, Erntefeier, Eidbesicherung, Seelsorge, Sexualitätslenkung, Krankenpflege, Armenbetreuung, Psychagogik, Beratung in letzten Dingen und Verwaltung der rites de passage. „Den zahllosen Manifestationen zeitgenössischer Massenkultur in volkstümlichen Festivals, Sportereignissen und Popkonzerten verdankt sich der Beweis, dass der Moderne auch die Säkularisierung der gemeinsamen Hochgefühle gelungen ist.“ (336) Religion markiert das Unverfügbare, domestiziert das Unheimliche.
Was ist also die Kernaufgabe der Religion? „Die Auslegung der Existenz … bildet die nicht weiter reduzierbare nukleare Funktion religiöser und spiritueller Besinnung und ihre Manifestation.“ (336)
„Was von den historischen Religionen bleibt, sind Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen. Das übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe.“ (336) Klar muss ein, „daß es beim Glauben… an erster Stelle um eine Eigenleistung des erwachsenen Gläubigen geht, zumal bei den Gebildeten.“ Oder anders: „ohne Willen keine Wahl, ohne Wahl kein Glaube.“ (311) Gnade liefe ins Leere, wäre da nicht „Bereitschaft zur Annahme der Gnadengabe“. (309) Nicht geduldige Leidensbereitschaft sei „die Kerntugend der Frömmigkeit“ (210), sondern „Unwille zur Geduld“ (221). Reifer Eigensinn und Ungeduld sind für Sloterdijk unverzichtbar.

Religionsfreiheit für Luxuswesen
Über Religionsfreiheit ist wohl noch nie so gesprochen worden. Alle Zeichen und Wunder der Welt richten nichts mehr aus. Seit dem Konzil blättert man gern in den „Zeichen der Zeit“, als könnten sie, recht gelesen, richtungweisend sein. Glaubensaxiome, Kulthandlungen reizen immer weniger. Sie sind wie „Religiosität aus zweiter Hand“ (325). Freiheit ist notwendig konfus, unbestimmt, ungebunden, ausgeliefert-sein, „ein Schweben, das dem Empfinden entspringt, man sei ins Dasein ausgesetzt worden, ohne über das Wesentliche informiert zu sein.“ (326) Hieraus darf nicht geschlossen werden, so Sloterdijk, der Mensch sei eben ein „Mängelwesen“, hochgradig sündig und erlösungsbedürftig, also religionsbereit.
„Von Anfang ist der Mensch ein Luxuswesen“, privilegiert weltoffen, das zwar verlegen ist, aber fundamental profitiert von der Zugriffsfreiheit seiner Hände und vor allem durch „die grenzenlose Zunahme seiner Sprachbegabung.“ (327) „Aus Versuchen, Unbestimmtheit aufzulösen, Verwirrung zu beseitigen und Erstaunen zu reduzieren, entstanden im Laufe kultureller Evolutionen alle Disziplinen und Instanzen rationaler Praxis: die Orakel, die priesterlichen Zeichenlesekünste, die medizinische Symptomenlehre, die Debattenkultur, das Gerichtswesen, die Weisheitsliteratur…“ (327) Allen gemeinsam ist, dass sie zwar in religiöse, mythische, kulturelle Muster eingewoben auftraten, aber sich als auflösbar und ersetzbar erwiesen; fähig, „sich aus der Symbiose mit den Sphären von Göttermythos, Ritus und Opferhandlung zu emanzipieren.“ (Ebd.)
Religion war „seit je ein joint venture aus Jenseits- und Diesseitspraktiken“ (328) Durch die Autonomieausweitung der Disziplinen wurden aus den jenseitsbezogenen Prozeduren „folgenarme symbolische Gesten“. Pragmatismus errang die Macht. Die Konsequenz der Verselbständigungen der Diesseitspraktiken zwingt „die eingerichtete Religion, die sich einst für alle Lebensbereiche zuständig erklärte, zu erfahren, „daß sie bei fast allem stört.“ (329) Kirchliche „Hyperkompetenz für sämtliche Bereiche“ (329) ist nur noch simuliert. „Bricht eine Pandemie aus, werden Kirchen, Synagogen und Moscheen geschlossen; Gesundheitsminister und Virologen interpretieren die Lage.“ (329)

Fazit
„Es war möglich, wenn nicht den Himmel, so doch die Sprache, als tönende Rede mit Höhequalität, zum Sprechen zu bringen.“ (330) Das Buch ist Stoff für Grundsatzdiskussionen, nicht im Geringsten Anlass für theologische Arroganz. Religion wird bestimmt als eine kultivierte Freiheit von allen Zwecken. Religion ist nutzlos, aber nicht sinnlos. Zur Existenzerkundung haben sich Künste und Philosophie als ernsthafte Rivalen erwiesen. Inwieweit es Kirchen gelingt, der Kreativität von Künsten (siehe Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom!) und gar der Vernunft Zugang zu ihrem nutzfreien Raum zu erlauben, wird über ihre künftige gesellschaftliche Relevanz entscheiden. Nur frei von allem Kalkül haben Himmels-Exegeten und Theo-Poeten Zukunft. Dagegen, sich vereinnahmen zu lassen für fremde Zwecke, haben sich bereits - wenig erfolgreich - die alten Propheten (einschließlich Jesus) gesträubt. In diese Freiheit müssen Kirchen erst treten. Ihre Nutzlosigkeit entlässt sie ins Freie.

© Günther M. Doliwa, 20.11.2020 (www.doliwa-online.de)

Antwort schreiben

Wolfgang Braun schrieb uns am 24.09.2020
Thema: Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Annette von Droste-Hülshoff war als junge Frau Opfer einer Liebesintrige geworden, die sie schwer und nachhaltig gekränkt hat. In ihrem neuesten Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ macht Karin Duve diese Lebenskatastrophe zum Thema.
Wer ihren später auch verfilmten Roman „Taxi“ gelesen hat, weiß, dass Karen Duve Meisterin eines ganz speziellen Humors ist, der das Bizarre und Skurrile von Situationen genüsslich ausmalt. Diese Kunst kommt in der Schilderung einiger Jahre der 1797 geborenen und 1848 gestorbenen Schriftstellerin („Die Judenbuche“) und Komponistin nicht zu kurz. Die in dem Roman auftretenden Personen erscheinen nicht selten ein bisschen als Karikaturen ihrer selbst. Die Hauptperson schildert die Autorin
als glupschäugig, kurzsichtig, nicht selten frech, laut und vorlaut, die häufig bewusst gegen die weiblichen Rollenerwartungen ihre Zeit und ihres Standes verstößt. Das und vor allem, dass sie sich ambitioniert schriftstellerisch betätigt, erregt das Missfallen ihrer Umgebung.
Schauplatz ist der Bökerhof bei Brakel. Hier residieren die von Haxthausens, der Zweig des alten westfälischen Adelsgeschlechtes, aus dem die Mutter von Annette von Droste Hülshoff stammt. Schauplätze sind aber auch die Abbenburg und die Hinnenburg bei Brakel und Schloss Wehrden bei Beverungen, wo weitere Verwandte wohnen. Eine weitere Hauptperson ist ihr Onkel August von Haxthausen, der sich später als Agrarexperte einen Namen gemacht hatte. Er konnte namhafte Autoren seiner Zeit zu seinem Freundeskreis zählen, darunter die Brüder Grimm, Hoffmann von Fallersleben oder Clemens von Brentano, sodass man in der Literaturgeschichte von dem Bökerhofer Romantikerkreis sprechen kann.
Karen Duve nutzt diesen Freundeskreis – dessen Namen sich wie ein „WHO-IS-WHO“ der Geistesgrößen im beginnenden 19. Jahrhundert liest – um meist mehr oder weniger skurrile Situationen zu inszenieren und wie einer Perlenschnur aufgereiht aneinander zu knüpfen. Sie taucht dabei in das Göttinger Studentenleben Anfang des 19. Jahrhunderts ebenso ein wie in das Kassel von Jakob und Wilhelm Grimm.
Einer der Göttinger Freunde ist der arme und hässliche Dichter Heinrich Straube, den August von Haxthausen aushält, weil er in ihm den neuen Goethe sieht. Während ihrer vielen Aufenthalte im Bökerhof in diesen Jahren verliebt sich Annette in das junge Genie. Er ist der einzige, der ihr mit Respekt, Verständnis und Zuneigung begegnet und sie als Schriftstellerin hochschätzt. Für ihre eigentliche Umgebung ist diese Beziehung zu einem Bürgerlichen ein Unding. Alle wissen aber von den Absichten eines weiteren Haxthausen-Freundes, August von Arnswaldt, sich ihr zu nähern, angeblich um ihre Treue zu Struve zu testen. Er drängt sie zu (aus unserer Sicht) harmlosen Intimitäten und erzählt davon Struve, der darauf mit Annette bricht. Tief gekränkt bleibt Annette dem Bökerhof in den nächsten 17 Jahren fern. Die seelische Verwundung ist so folgenschwer, dass sie danach auch jahrelang nichts mehr schreibt.
Karen Duve gelingt es in diesem gut recherchierten Buch – „eine Mischung aus Sachbuch und Liebesroman“, wie sie selbst sagt – mit sehr viel trotz aller Ironisierungen großen psychologischen Einfühlung in ihre Personen einen spannenden Zeitroman zu schaffen, der uns in die beengte Welt des Biedermeier führt und in der eine starke Frau wie Annette von Droste Hülshoff nicht glücklich werden kann.

Antwort schreiben