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Martin A. Hainz schrieb uns am 13.06.2019
Thema: Georg Meggle: Kommunikationstheoretische Schriften

Georg Meggle, Sprachphilosoph, Linguist und als solcher Verfasser von Grundlagenwerken, Herausgeber eines schönen Bandes zum Sinn des Lebens, aber auch als Übersetzer Noam Chomsky verdienstvoll, legt in diesem Band Essays zu Details vor, die aber immer wieder bemerkenswerte Schlaglichter auf die Kommunikationstheorie insgesamt werfen, auf ihre zentralen Begriffe.

Da der Band nicht systematisch ist, sei auf einzelne Erwägungen eingegangen. So wird auf den Widerspruch zwischen der Sprache als System („Sprachen sind Systeme“, wie Wittgenstein notiert) und Sprachen als „durch Sprachhandlungen charakterisiert“, wie ebenfalls bei Wittgenstein
nachzulesen ist, hingewiesen. Das System wäre, was sich immer erst realisiert und nie schon ist; oder was, während Sprachhandlungen geschehen, eine Hypothese nahelegen, nämlich, dass es die Sprache gebe.

Gleichfalls lesenswert sind die Überlegungen, dass Kommunikationsintentionen nicht kommunikativ sein müssen. Bei der Lüge gilt das. Allerdings ist das „Verstandenwordensein“ jeder Kommunikation integral.

Auch die Feinheiten einer „monadische(n)“ Kommunikation sind lesenswert: Wieviel Kommunikationversuch steckt in der Kommunikation, geht dem wechselseitigen Ereignis bzw. Eräugnis immer etwas dieser Art – ein Zeichenereignis – voraus? Und auch die Kommunikationsmodelle, wonach ein „Noise“ nicht nur auf den „Receiver“, sondern auch auf die Kanäle und direkt die so durchs Signal womöglich zugleich gestörte „Destination“ einwirkt, seien zur Lektüre empfohlen.

Freilich lässt sich manches auch beeinspruchen. So beschreibt Meggle, wie Black Grice missverstehe, wo er mit dem „Rekurs auf die Sprecherabsicht“ einen vitiösen Zirkel (oder einen infiniten Regress) verbinde. Kommunikation sei effektiv, wenn diese der Intention entspreche, das sei kein Zirkel, weil man ja wissen könne, was die Intention sei, und zwar nicht aus diesem kommunikativen Akt. Das ist logisch, bloß der Blick auf eine Lüge wäre da ausreichend – nur müsste der, der kommuniziert, irgendwann doch erklären, was seine Intention gewesen sei. Evident muss das nicht sein; und kommuniziert derjenige dann ansonsten nicht wieder? Die „Rationalitätsgründe“ werden nicht anders verständlich, als kommunikativ, trotz hermeneutischer Spirale und dergleichen. Stilistisch irritiert hier zudem, dass Blacks Überlegung schließlich als „»Argumentation«“ mit polemischen Apostrophen versehen wird.

Dennoch ist der Gesamteindruck positiv: Das sehr dichte Buch, das gewisse Kenntnisse voraussetzt, lohnt die Mühe der Lektüre in Summe ganz unbedingt.

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Connie Ruoff schrieb uns am 11.06.2019
Thema: Paul Auster: Das rote Notizbuch

„DAS ROTE NOTIZBUCH“ VON PAUL AUSTER
ZUM INHALT „DAS ROTE NOTIZBUCH“
„Das rote Notizbuch“ von Paul Auster ist eine Sammlung von kurzen Geschichten, von denen keine länger als zehn Seiten ist. Es sind Erlebnisse aus dem „Real Life“ des Autors oder seinem Umfeld.

Bei der Recherche stieß ich auf den Text „Ein Leben in Worten“ von Paul Auster – Ein Gespräch mit Inge Brigitte Siegumfeldt“. Frau Siegumfeldt ist Professorin für Literaturwissenschaft in Kopenhagen und hat für eine Studie über Paul Austers Werk, über eine Dauer von drei Jahren, mit dem Autor intensive Gespräche zu den einzelnen Büchern geführt und in diesem Text niedergeschrieben.
Auch „Das rote Notizbuch“ wurde besprochen.



PAUL AUSTERS GEDANKEN ZU „DAS ROTE NOTIZBUCH“
Paul Auster bezeichnet „Das rote Notizbuch“ als ars poetica.

Für den Autor zeigen diese Texte die „Mechanik der Realität“, er stellt fest, dass es seltsame Überschneidungen von Ereignissen geben kann, die wir manchmal als „schicksalhaft“ bezeichnen.

Es sind Geschichten, die man durchaus unterschiedlich interpretieren kann. Manche Deutungen schließen sich gegenseitig aus, dennoch sind beide gleich wahr.



Paul Auster erzählt in „Das rote Notizbuch“ Geschichten, die nicht in der Phantasie entstanden sind, sondern reale Erlebnisse sind. Er zeigt damit, wie komplex unser Leben ist.

Was ist Zufall? Was ist Schicksal? Haben wir einen freien Willen? Sind wir vorbestimmt? Manche Texte haben bei mir ein Gänsehautfeeling entfacht. Können solche Zusammenhänge wirklich Zufall sein?

Die Texte weisen aber auch darauf hin, dass Erinnerungen sehr subjektiv. Wir erinnern der Vergangenheit mit heutigem Wissen, Gefühlen und Werten. Vergangene Vorkommnisse werden durch Emotionen, Gerüche oder sonstige Empfindungen ausgelöst und bzw. oder verstärkt. Paul Auster erinnert sich voll Stolz an eine Begebenheit seiner Kindheit und befragt die andere an dieser Szene beteiligte Person, wie sie das Geschehen empfand. Aber die andere Person erinnert sich gar nicht mehr daran, weil sie die Wichtigkeit der Handlung damals gar nicht wahrnahm.

Wer kennt nicht den Spruch: „Und wenn du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“ Auch dazu gibt es eine Geschichte. Wenn so etwas passiert, ist man dankbar und verwundert.

Ich glaube, wir alle können mit solchen Geschichten aufwarten, der eine mehr, der andere weniger, weil er nicht darauf achtet.

Das Leben steckt voller Widersprüche. Dialektisch zieht es uns in unterschiedliche Richtungen, letztendlich werden wir nur glücklich, wenn wir die goldene Mitte wählen.

5/5 Punkten

SPRACHLICHE GESTALTUNG
Paul Auster sagt selbst, dass die kleinen Texte dem Aufbau von Witzen entsprächen. Es gibt Keine raffinierten Wortschöpfungen, nein! In minimalistischer Sprache läuft alles auf die Pointe zu.

Der Autor erzählt ohne Dramaturgie oder narrativen Kniffe. Es geht nur um den Inhalt und der spricht für sich selbst.

5/5 Punkten

COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
Diese Originalausgabe gab es erstmalig vollständig 2012 bei New Directions, New York. Die Texte wurden zuvor schon in einer der u. g. Ausgaben veröffentlicht:

Englische Fassung „The Red Notebook and Other Writings“, London 1995

Deutsche Fassung: „Das rote Notizbuch“ Rowohlt 1996.

„Die Kunst des Hungers“ Rowohlt Paperback 1997

„Das rote Notizbuch“ erweiterte Neuausgabe 2001.


Das Buch ist ein wahres Schmuckstück. Wie bei mehreren Büchern von Paul Auster dominieren im Cover die Farben Rot, Schwarz und Weiß.

Der Untergrund ist ein dunkleres Grau, worauf P A U L A U S T E R D A S R O T E N O T I Z B U C H  in genausolchen Lettern und ohne Zeilenumbruch gedruckt wurde. Der Name des Autors in Rot und der Titel in Schwarz. Rechts unten steht noch der Verlag, Rowohlt in kleineren Lettern. Das sieht richtig edel aus.

Das Buch wird im August als Taschenbuch von Rowohlt erneut herausgegeben.

5/5 Punkten

FAZIT
Paul Auster entdeckte ich über die Recherche zur Literatur seiner Frau Siri Hustvedt, die inzwischen zu meiner Lieblingsautorin wurde. Im Netz findet man gemeinsame Auftritte der beiden, die mein Interesse immer mehr wachsen ließen. Beide thematisieren Bereiche aus dem täglichen Leben und hinterfragen diese. Was hat dazu beigetragen, der Mensch zu werden, der man heute ist? Was wäre, wenn wir vor Jahren eine andere Entscheidung getroffen hätten. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat weitreichende Folgen. Und dann gibt es noch genau diese Zufälle oder unbegreiflichen Zusammenhänge, wovon die Geschichten in „Das rote Notizbuch“ handeln.

Beim Lesen stelle ich mir die Frage, was will der Autor mit dem Text erreichen? Will er überhaupt etwas bezwecken? Oder ist es für den Autor ein Zwang, die Geschichte niederzuschreiben, ohne zu hinterfragen? Auch hier fragte ich mich, Was will Paul Auster mit dem kleinen roten Notizbuch den Lesern vermitteln?

Ich glaube, er möchte zeigen, dass wir, wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen und vielleicht einmal innehalten, beobachten oder anderen Menschen zuhören, wir die unglaublichsten Zusammenhänge oder Zufälle entdecken.. Geschichten werden nicht nur erfunden. Sie geschehen in jeder Sekunde in unserem Leben, wir müssen sie nur sehen.

@Rowohlt: Vielen Dank für das wunderschöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 08.05.2019
Thema: Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“


Ich habe Siri Hustvedts Essayband „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“, zeitgleich mit ihrem aktuellen Roman „Damals“ gelesen. Beide Bücher gehören zusammen, weil beide Bücher dieselben Themen behandeln:

Das Ich in der Zeit, das sich mithilfe von Erinnerungen, kontinuierlich neu zusammensetzt und verändert. Was hat Kunst mit Erinnerung zu tun? Wie entsteht beim Betrachter Kunst? Woher kommen die Ideen? Wie kommt es von der Idee zur Kunst.

Im Roman „Damals“ wird der Weg zum „Ich“ beschrieben. Der Vorgang des „Erinnerns“ wird beispielhaft belegt.

Die
Essays zeigen anhand von Künstlern, ihren Werken und deren Wirkung auf den Betrachter, dass kreative Vorgänge sehr komplex sind und Kunstgegenstände nicht einfach als Objekt gesehen werden können, sondern selbst etwas „Subjektives“ haben.

Der Essayband ist für mich ein Füllhorn an Kunst, Philosophie, Geschlecht und Geist, und schon sind wir beim Untertitel:



Essays über Kunst, Geschlecht und Geist



Die amerikanische Originalausgabe „A Woman Looking at Man Looking at Woman“ beeinhaltet als ersten Teil die deutsche Ausgabe „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“, sowie als zweiten Teil „Die Illusion der Gewissheit“, der in Deutschland 2018 als selbständiges Buch von Rowohlt verlegt wurde.



“Die Illusion der Gewissheit“, beschäftigt sich mit dem Leib-Seele- bzw. Körper-Geist-Problem. Wo finden wir Erinnerung? An welcher Stelle finden wir die Seele? Wo ist die Heimat des Ichs?

Der vorliegende Essayband ist in Deutschland in zwei Teile geteilt. Der erste Teil hat den Titel des Buches,

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“,

der zweite Teil

“Was sind wir? Vorträge über das Mensch sein“.

Es sprengt den Rahmen einer Buchbesprechung hier auf alle Essays einzugehen, deswegen habe ich mir drei Essays rausgepickt, „Meine Louise Bourgeois“, „Mapplethorpe/Almodovar“, „Warum diese Geschichte und nicht eine andere“, die mich am meisten gefordert haben.

Meine Louise Bourgeois

Siri Hustvedt zeigt uns neben der Künstlerin Louise Bourgeois auch das Bild, das sie über die Künstlerin selbst in Gedanken, oder als aktiven Akt der Kunstbetrachtung erstellt hat. Die Theorie über die Wirkung von Kunst auf den Betrachter setzt die Autorin um.

Ich versuche es, mit meinen Worten zu skizzieren:

Die Wahrnehmung der Kunst manifestiert sich im Betrachter. Dieser ist keineswegs nur passiver Empfänger, sondern macht Kunst, mittels eigener Vergangenheit, und den erlittenen positiven, aber auch negativen Schicksalsschlägen und der eigenen Befindlichkeit zum Zeitpunkt der Betrachtung, das Werk zur Kunst, ja zum Erlebnis. Die eigene Befindlichkeit ist der strukturierte Raum, wo dieses Erlebnis entsteht oder sich manifestiert. Gute Kunst ermuntert uns dazu, die Struktur aufzubrechen und neu zusammenzusetzen.

Aus der Theorie ist die Praxis der Kunstbetrachtung von Siri Hustvedt, am Beispiel Louise Bourgeois, geworden. Das ist sehr beeindruckend und es hat die Theorie verifiziert.

Über das Werk der Künstlerin sagt Siri Hustvedt:

Wenn ihre zwingend zitierbaren Analysen ihres Werkes zusammengefasst werden, ergeben sie keine Synthese, sondern eine Antithese. Es sind die Ejakulationen eines schnellen Geistes, der sich vor allem für seine eigenen Inhalte interessierte.

Mapplethorpe / Almodovar

Die Ausführungen von Siri Hustvedt zu Robert Mapplethorpe und Pedro Almodovar sind sehr interessant und haben mich zum Recherchieren veranlasst. Bislang waren mir beide Künstler zwar oberflächlich bekannt, aber jetzt habe ich Lust auf mehr. Apollo meets Dionysos – oder die cleane Form des Apollinischen gegen die Leidenschaft des Dionysischen. Es lassen sich einige gemeinsame Begegnungspunkte herausarbeiten

Mapplethorpe liebte das „Perfekte“. In der von Almodovar organisierten Ausstellung hängt auch das Bild von Patti Smith. Das Bild wird als Solo Ereignis präsentiert. Dieses Bild hat nichts von Perfektion, sondern es zeigt in seiner Zärtlichkeit vielmehr die Verletzbarkeit – das Menschliche. Siri Hustvedt kam es so vor, als sei das Bild zur Kommunikation bereit. Patti Smith wird nicht objektiviert.



„Ihre Subjektivität, ihre Persönlichkeit sind Teil des Bildes.“

Patti Smith und Robert Mapplethorpe hatten eine einzigartige Beziehung: Sie waren Freunde, Liebhaber, künstlerische Mitarbeiter und Seelenverwandte.

Siri Hustvedt sieht in Mapplethorpe einen Künstler, der mit klassischer formaler Ästhetik, die Bedrohung und Gewalt der sexuellen Bilder abschwächt. Vor allem sexuelle Phantasien über Kontrolle und Unterwerfung, machen den Fotografen und den Betrachter zu Beteiligten. Maplethorpe arrangierte Menschen, als leblose Objekte – sozusagen als Stillleben

m Gegensatz dazu Pedro Almodovar: Er ist ein Geschichtenerzähler. Während Maplethorpe die Formen wahrt, und begrenzt, reißt Almodovar die Grenzen ein.

Almodovar zeigt in seiner Kunst Maßlosigkeit, während Mapplethorpe minimalistisch arbeitet.

„Wie Maplethorpe schafft Alomodvar starke visuelle Grenzen in seinen Filmen, Licht- und Fabkontraste, die ein leuchtendes, schönes Kinobild ergeben. Das verbindet ihn mit dem Fotografen und dem Apollillnischen.“


Warum diese Geschichte und nicht eine andere?

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Spielt die Biografie des Autors eine Rolle? Sind es Variationen eigener Erinnerungsstücke? Die Verknüpfung von Erinnerung und Kreativität geht auf die griechische Philosophie zurück. Ich komme hier auf den Punkt Erinnerung zurück, den ich schon bei der Rezension „Damals“ von Siri Hustvedt ausführte.<

Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Vorstellung, unsere Erinnerungen werden in einem Apothekerschrank verwahrt und wir müssen sie nur einfach aus der Schublade holen, ist das Erinnern ein komplexer Vorgang, dessen Ergebnis variabel ist. Unsere Erinnerung wird mittels unserer Erfahrungen neu zusammengesetzt und damit auch bewertet. Dadurch ist Erinnerung nicht statisch, sondern dynamisch. Wenn unsere Erinnerungen dynamisch sind, was ist dann wahr? Wie wahr sind unsere Erinnerungen. Die Erinnerung von gestern ist nicht identisch mit der Erinnerung von heute.

Es ist eine spannende Sicht auf das, was beim Schreiben im Akt des Schöpfens geschieht. Jeder der schreibt, kennt das Gefühl, dass ihm die Geschichten aus den Fingern gleiten, dass die Protagonisten ein Eigenleben annehmen.

Siri Hustvedt unterscheidet zwischen dem, was sich in einer Geschichte ereignet (Fabula), und dem, wie es erzählt wird (Sujet). Fabula steckt im Autor, er weiß vielleicht noch nichts Genaues, aber er ahnt ihr Vorhandensein und muss sie nur greifen. Beim Sujet handelt es sich um bewusste Entscheidungen. Beispiele hiefür sind: In welches Genre die Geschichte eingeordnet wird, die Erzählperspektive, sprachliche Gestaltung und das spätere Layout.

Das erinnert mich sehr an Platons Ideenlehre. Wir haben die Ideen in uns (a Apriori vor jeder Erfahrung), müssen sie erkennen und darauf zugreifen.

Deswegen wissen wir intuitiv, dass die Geschichte so nicht stimmt und ändern sie, im Glauben, dass sich die Handlung verselbständigt hat, oder die Protagonisten machen, was sie wollen. Und das wissen wir, obwohl wir im Schreibprozess zeitweilig die Welt einer anderen Person betreten. Nur dann wirkt es authentisch.

Sprachliche Gestaltung

Die einzelnen Essays sind in sich geschlossen und können für sich gelesen werden. Die Auswahl und die Themen sind so vielfältig und bereichernd, dass dieses Buch noch die nächsten Wochen auf meinem Tisch liegen bleibt, um auch noch die restlichen Beiträge durchzuarbeiten und die dazugehörigen Kunstwerke kennenzulernen und zu entdecken. Das macht richtig Spaß!

Cover und äußere Erscheinung

Das Cover ist minimalistisch gehalten und vermittelt durch die Linien, die Betrachtung der unterschiedlichen Perspektiven. Weniger ist manchmal mehr! Gefällt mir gut!



Zu meiner großen Freude hat das Buch nicht nur ein Lesebändchen, sondern auch ein Literaturverzeichnis. Der Leser hat die Möglichkeit auf den Spuren Siri Hustvedts zu wandeln.

Gibt es ein Hörbuch?

Leider gibt es bislang kein Hörbuch.

Fazit oder „meine Siri Hustvedt“

Worum geht es?

Um Erkenntnistheorie, Kunst, den „Menschen an sich“ oder, wie wird aus einer Idee ein Kunstwerk? Siri Hustvedt möchte dem „Ich“ nachspüren und es erahnen. Kunst kann nur in der Begegnung eines Kunstwerkes und des Betrachters entstehen. Und das „Ich“ des Betrachters ist mit seinen Erinnerungen und Erlebnissen verwoben.



Ich möchte die Rezension mit Siri Hustvedts Gedanken beenden:

Ich habe diese Rezension zu „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ im Hinblick auf Meine Siri Hustvedt geschrieben. Deswegen erlaube ich mir Siri Hustvedt

"...als meine in Anspruch zu nehmen. Sie ist natürlich auch deine Siri Hustvedt. Aber darum geht es mir nicht. Meine S. H. und deine mögen Verwandte sein, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie eineiige Zwillinge sind“.

Connie Ruoff frei nach Siri Hustvedt

Leseempfehlung an alle, die Philosophie, Kunst und die großen Fragen des Ichs und der Welt lieben!

@Rowohlt: Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!



Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Elisabeth Schröder schrieb uns am 03.04.2019
Thema: Lore Knapp: Formen des Kunstreligiösen

Schein oder heilig?
Lore Knapps Buch „Formen des Kunstreligiösen. Peter Handke und Christoph Schlingensief“


Wovon es nicht alles einen Gott gibt: „Der Gott der kleinen Dinge“, „Der Gott jenes Sommers“, „Der Gott des Gemetzels“ Es gibt den Rapper Retrogott, man schwärmt von Stil-Ikonen, Ikonen der Rock- und Popmusik, Kathedralen der Industriekultur und dem heiligen Rasen des Fußballs. Warum Anleihen aus dem Religiösen, wo doch Bindungen an Glaube und Kirche gesamtgesellschaftlich abnehmen? Anscheinend haben christliche Begriffe und Symbole immer noch Strahlkraft. Zur pervertierten Form gemacht, als verkaufsfördernder Signal-Effekt, springt sie besonders zu den christlichen Hochfesten in
der kommerziellen Werbung entgegen. Wie steht es damit im künstlerischen Bereich, in der Literatur und dem Theater?
Diese Frage untersucht die an der Universität Bielefeld lehrende Germanistin Lore Knapp in ihrem 2015 erschienenen äußerst lesenswerten Buch „Formen des Kunstreligiösen“ über das Oeuvre des Schriftstellers Handke und die Performances, Interviews und Schriften des 2010 verstorbenen Theater-Tausendsassas Schlingensief. Die Säkularisierung religiöser Inhalte ist nämlich im Künstlerischen sehr vielschichtig und nicht ganz so leicht als verwerflich abzutun wie im Kommerziellen.
Beide Künstler sind stark von ihrer katholischen Erziehung geprägt, selbst in ihrer späteren wütenden Abkehr und ständigen Widersprüchlichkeit. Handke schreibt: „Die Religion war mir seit Langem zuwider, und trotzdem verspürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können.“ Sie führt bei Handke zur bloßen Suche nach einem universellen Zusammenhang. Sein von ihm „Stoßgebet“ genanntes „Wer bin ich?“ bedient sich der Sprachzeichen, also z.B. dem Wort „Stoßgebet“, nur noch als Vokabular, als Mittel zum Selbstbezug. Diese Haltung gab es schon immer, Luther nannte sie „incurvatus in se“, also „eingekrümmt in sich selbst“. Bei dieser Blickrichtung verschwindet die ursprüngliche Bedeutung des Sprachzeichens „Stoßgebet“, auf Gott zu zeigen. Ebenso dreht Handke die eucharistische Bedeutung der Wandlung als symbolische Erlösung der Gläubigen durch Jesus um zur Wandlung durch Selbsterlösung beim Akt des Niederschreibens eigener Texte. Die Selbsterhebung zum Erlöser für sich und die Leser - durchaus mit ernst gemeintem mystischem Anspruch - resultiert aus der Panik vor der inneren Ödnis, wenn er schreibt: „Ich stampfe mir einen Gott aus der Leere.“ Man denkt da an Franz Schuberts Liedzeile „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ Wenn Handke vom „Licht der Welt“ spricht, ist das für ihn nicht Jesus, sondern die Sprache. Sie ist für ihn nicht Mittel, sondern Ziel seiner Suche nach dem Zentrum. Für die Mystiker ist das Zentrum der kurze, monumenthafte Stillstand, in dem man das Wesen der Dinge oder der Welt wirklich empfindet, letztlich Eins wird mit Gott. Aber Handke verliert sich mit seinem Sprachdenken in unzählige Verweise auf weitere mystische Ding-Erlebnisse und sich selbst. So verfehlt er das Zentrum oder umgeht es absichtlich. Trotzdem spricht Handke wie ein Geistlicher zu seinen Rezipienten: „Friede sei mit dir, Leser!“ und fühlt sich berufen, die „aller Alltagswahrnehmung entzogene Harmonie in der Dingwelt auch anderen zugänglich“ zu machen.
Die autorenspezifische Untersuchung der Formen des Kunstreligiösen geht von drei grundsätzlichen Unterscheidungen beim Begriff Kunstreligion aus: Erstens: Die Kunst ist Medium der Religion, führt also tatsächlich zu religiösen Inhalten hin, im Christlichen zur Botschaft Jesu. Zweitens: Die Kunst übernimmt die Funktion von Religion, d.h. ihre Wahrnehmung löst beim Rezipienten ähnliche Wirkungen aus wie sonst religiöse Inhalte. Drittens: Die Kunst ist selbst Religion, d.h. ein Kunstwerk verkörpert für den Rezipienten eine göttliche Botschaft. Manche erleben das ähnlich mit unberührter Natur, z.B. dem Aufenthalt im Wald als Gottesdienst. Das Geschaffene vertritt hier den Schöpfer, bzw. das Zeichen das Bezeichnete.
Welche der drei Bedeutungen finden sich bei Handke? Lore Knapp zeigt an Textbeispielen, wie Handke sein Schreiben zu seiner Privatreligion erhebt, und zwar für einen Lesertyp, bei dem seine Werke eine Wirkung auslösen wie sonst bei religiösen Inhalten. Sie sieht bei aller objektiven Beschreibung die Gefahr, dass Handke auch menschliche Beziehungen und allgemeine Gesetze dem ästhetischen Postulat unterordnet. Hier wird es nicht nur für sie fragwürdig, z.B. angesichts der politischen Implikationen seiner umstrittenen Serbien-Texte, die gegen die Urteile internationaler Gerichtshöfe bezüglich der damaligen Kriegsereignisse standen. In wissenschaftlicher Redlichkeit übergeht Lore Knapp die Kränkungen, die Gläubige bei manchen Textstellen Handkes empfinden könnten.
Noch krasser sind Schlingensiefs priesterliche Anmaßungen bis hin zur Erlöserrolle, selbst wenn er abwiegelt, es sei „Murks, wenn man durch eigene ästhetische Erfahrung einen Bezug zum Göttlichen herstellen“ würde. Aber die Auseinandersetzung mit Glauben und Kirche lässt ihn nicht los; es ist jetzt für ihn Die Kirche der Angst, wie er sein Fluxus-Oratorium betitelt. Während, wie auch bei Handke, nie klar wird, ob die Kunst selber zur Religion geworden ist oder die Funktion der Religion übernimmt, fügt Schlingensief in seinen Performances diesem Schillern zwischen Glauben und Unglauben noch das Element des Schockierenden und oft Gaudihaften hinzu. Knapp berichtet von den miterlebten Aufführungen: In der Church of Fear nennt er sich „Leidensbeauftragter“ und verteilt T-Shirts mit dem Aufdruck „Ich will heilig werden.“ Die Zuschauer im Nachbau der Oberhausener Herz-Jesu-Kirche verhalten sich wie andächtige Gottesdienstbesucher, wenn sie seine Texte sowie das „5. Evangelium“ von Joseph Beuys anhören. In Schlingensiefs kreativer Antwort auf seine Krebsdiagnose Unsterblichkeit kann töten. Sterben lernen übernimmt ein kreuztragender Schauspieler die Jesus-Double-Rolle des Autors, gleich danach spielt der selber aber den verrückten Papst Mabuse. Das Theater in der Kirchenkulisse negiert Gott und wendet sich an die „Gemeinschaft der Nicht-Gläubigen“. In der Presse häuften sich nach Ansprachen wie „Gott ist nicht gut. Aber tröstet euch, ich bin gut“ und den Prozessions-Happenings die Blasphemievorwürfe. Was ist davon zu halten, wenn sich Schlingensief verteidigte, die Prozession sei „ernsthaft religiös gemeint“? Vertritt er in diesem Hin und Her die Zweifel vieler Christen? Spiegelt das parodierende Fluxux-Nachspielen von Ritualen, das Pervertieren von Liturgie und Glaubenssätzen den verbreiteten respektlosen gesellschaftlichen Umgang mit Religion oder pusht er ihn? Schlingensief vollzieht, aber dekonstruiert dabei die christlichen Rituale und Symbole. In Mea Culpa werde die Kunst endgültig zur Religion, sagt der Philosoph Boris Groys, und zwar gerade dadurch, dass sie keine Religion außer sich mehr brauche. Das ist als Verkehrung des 1. Gebotes die eindeutige Position: Kunst als Religion. Aber Schlingensief spielt auch damit: Erst stellt er sein Leiden analog zu Jesus dar und springt dann auf wie die Gliederpuppe Petruschka und distanziert sich von der Rolle. Effekthascherei oder Selbstentblößung der inneren Zerrissenheit? Die Heiligenrolle ist bei Schlingensief immer eine schonungslose Auseinandersetzung mit seiner Künstlerrolle. Lore Knapp nimmt die Konflikte und Verzweiflungen in Bezug auf den Glauben bei den zwei ausgewählten Künstlern anhand ihrer Werke in einen so wertfreien, offenen Blick, dass sich Lesende trauen können, Eigenes wiederzuerkennen. Vielleicht wird nach der Lektüre dieses Buches die Alltagsbeobachtung all der übertriebenen Selbstinszenierungen, vermeintlichen Transzendenzbezüge und trügerischen Heilsfunktionen wacher.

Lore Knapp: Formen des Kunstreligiösen. Peter Handke - Christoph Schlingensief.
Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2015,
ISBN 978-3-7705-5887-2

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Martin A. Hainz schrieb uns am 26.03.2019
Thema: Frank-Peter Hansen: Die Wittgenstein-Dekomposition

Mit seiner Wittgenstein-Dekomposition hat Hansen ein Buch vorgelegt, dem man nicht absprechen kann, höchst amüsant zu sein. Ebenso zweifelsfrei ist allerdings, dass er sich wenig um Gerechtigkeit schert, das Buch ist so bösartig wie darum nur manchmal treffsicher.

Das Buch beginnt schon mit jener Bereitschaft zum Missverständnis, wo man immerhin auch Subtilitäten heraushören könnte, wenn Hansen den berühmten Schluss des Tractatuswovon man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen – so deutet, dass Unlogik das Resultat ist. Das könne nur ein „Verbotssoll“ meinen, vielleicht auch ein psychologisches Problem, das Gebot, sich erst zu informieren, oder, es
ließen sich „empirisch nicht verifizierbare Spinnereien“ nicht sagen; doch nichts davon stimme. Wie aber, wenn der Satz im Sinne Gödels meint, dass eine Sprache nicht über sich und das, was sie nicht leisten kann, sprechen kann, ohne gegen „sich“ zu verstoßen? Diesen Ebenenwechsel vom „wovon“ zum „darüber“ hat die Sekundärliteratur verschiedentlich bemerkt und daraus mehr Nutzen gezogen, als es der Spott Hansens tut.

Natürlich sind viele Einwände begründet. Ist der Aufbau des Tractatus immer begründet? Schwerlich. Ist der Identitätsbegriff Wittgensteins hilfreich? Nein, wobei genau dies immerhin auch Wittgenstein andeutet. Hier trifft Hansen übrigens auch Popper, und durchaus besser: Wenn, so schreibt Hansen, Schwäne als weiß definiert wären, dann wären schwarze Schwäne nicht Anlass, das Konzept Schwan zu rekalibrieren, sondern sie wären keine Schwäne – Popper aber habe „nolens volens [,] zu Protokoll gegeben, dass er irgendwie schon eine Ahnung davon hat, was einen Schwan zu einem solchen macht“, und zwar nicht die Farbe.

Auch das Bild als eine „der Differenzierung entbehrende einfache Repräsentationsform“, wie Hansen es skizziert oder skizziert sein lässt, aufgrund der Autorfiktion seines Buchs, die natürlich zur Kenntnis genommen wurde, umreißt er spannend und exakt; es leiste nicht ein „abstraktes Identifizieren“; die „geistfreie Verbildlichung“ wird vielmehr vielleicht vollzogen. Und auch der Hinweis, dass Wittgenstein dem, was „in jedem Mathematiklehrbuch geschrieben“ stehe, nicht genügt, ist manchmal höchst angebracht.

Dennoch wäre der Gesamteindruck besser, wenn Hansen manchmal nicht wohlwollender, sondern nur um Angemessenheit bemüht das geschrieben hätte, was so Wittgenstein zu oft verfehlt, um die Dekomposition zu sein. Hansen schreibt, seinen fragwürdigen Auftakt aufgreifend, Wittgenstein hätte sich ans Diktum halten sollen. „Si tacuisses“  – aber das gilt dann vielleicht noch mehr von ihm, vielleicht sogar nur von Hansen; weshalb ich dem Verfasser hier nicht zustimme, ich las ja auch ihn trotz mancher Ungenauigkeit oder Inkohärenz mit Vergnügen.

PS: Wie Wittgenstein schreibt Hansen weiter, inzwischen ist ein zweiter Band der Wittgenstein-Dekomposition erschienen.

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Connie Ruoff schrieb uns am 05.03.2019
Thema: Ingrid Noll: Goldschatz

Rezension „Goldschatz“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll nimmt in „Goldschatz“ den Menschen und seine „Abgründe“ in den Focus. Fünf junge Leute, die nicht so schnell erwachsen werden wollen, sondern ihre Studentenzeit intensiver ausleben und es sich, ihren Eltern und den Nachbarn beweisen wollen, gründen eine alternative WG. Im Zentrum stehen Henry, Trixi und ihre beste Freundin Saskia. Als vermeintlicher Gegenspieler tritt der alte Nachbar Gerhard Gläser auf den Plan.

Trixi, die „Hausbesitzerin“ (eigentlich gehört es ihren Eltern), Henry ihr Lebensgefährte und Saskia, ihre beste Freundin stellen Grundregeln für das Zusammenleben in der WG auf und überlegen, wen sie noch in die
Gemeinschaft aufnehmen können. Wer würde dazu passen?

Das Geld für die nötigen Renovierungen fehlt. Der Fund des Goldschatzes gibt ihnen Hoffnung und ist der Anfang vom Ende.

Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf und ist nicht mehr zu stoppen. Inzwischen sind noch Oliver und Katharina als Mitbewohner dazugekommen. Sollen die Neuen über den Goldschatz informiert werden? Und es fängt mit den Geheimnissen und Lügen an. Zu verschweigen ist auch eine Art Lüge.

Henry ist überzeugter Konsumverweigerer. Die Mädels finden es schön, Konsumverweigerer zu sein und solange sie über kein Geld verfügen, gibt es darüber auch keine Zweifel.

Geheimnisse, Lügen und der Goldschatz machen es den fünf WG-Bewohnern und dem alten Nachbarn schwer, ein „guter Mensch“ zu sein oder zu bleiben.

Wer Ingrid Noll schon gelesen hat, weiß dass ihre Krimis nicht ins normale Gerüst passen. Täter, Opfer und Ermittler werden immer von der zwischenmenschlichen Seite gezeigt. Die Leser sind oft auf Seiten des Täters, weil er (meist eher sie) so sympathisch ist.

Und dennoch: Auch hier gibt es mindestens einen Kriminalfall, mindestens eine Leiche und es gibt Verdächtige. Vom Entwenden eines Grills, über Lüge und Intrige, Diebstahl und Betrug, bis hin zum Tötungsdelikt, findet der Leser in „Goldschatz“ kriminelle Unterhaltung mit ironisch bissigem Flair und einem lächelnden Auge.

5/5 Punkten

Protagonisten
Das Zicklein und der gute Hirte.

Trixi und Henri geben sich diese Kosenamen. Ich dachte, gleich fall ich vor Lachen, oder war es doch vor feministischer Empörung von der Couch. Ingrid Noll zeichnet fantastische Charaktere. Vor allem ihre Frauenbilder sind genial. Gleichwohl, in welcher Lage sich die weiblichen Figuren befinden, nehmen sie tatkräftig ihr Schicksal in die Hand und versuchen, es zu ändern.

Die Frauen sind keine Opfer sondern Akteure.

Ingrid Noll in Playlist:"Die mörderische Welt der Ingrid Noll"
Sprachliche Gestaltung
Die Kapitelllänge ist sehr angenehm. Trixi erzählt in der Ichform die Geschichte. Ich glaube, ich habe das Buch die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf den Lippen gelesen. Oftmals ertappt man sich, dass man ähnlich oder genauso wie Trixi gehandelt hätte. Ingrid Noll findet immer wieder die kleinen menschlichen Schwächen und hält uns den Spiegel vor.

5/5 Punkten

Cover und äußere Erscheinung
Covermotiv: Gemälde von Cyprien Eugène Boulet,
>Femme au châle vert< (Ausschnitt)
© Historic Collection / Alamy Stock Photo

Das Cover zeigt eine hübsche junge Frau.


Ingrid Noll macht einfach Spaß. Sie zeigt uns menschliche Schwächen. Der Schreibstil ist ein wenig bissig, ein bisschen ironisch, manchmal fast schon sarkastisch. Obwohl der Leser ahnt, dass die Blase der Konsumverweigerung und der alternativen WG platzt, (es ist nicht die Frage, ob die Blase platzt, sondern wann und warum sie gerade an diesem Punkt platzt), verliert Ingrid Nolls Roman keineswegs an Spannung, sondern im Gegenteil. Man mag gar nicht mit Lesen aufhören. Ich war so gern dabei. Ich war gerne bei der Musiksession dabei. Ich habe so gern die nächtlichen Besuche von Saskia und Trixi beim Nachbarn begleitet. Die Autorin holt den Leser ganz nahe ans Geschehen ran.

Die Kunst von Ingrid Noll ist es, alltägliche Geschehen so zu erzählen, dass wir die Verhaltensweise gut erkennen, weil wir selbst schon ähnlich reagiert haben oder reagieren und wir als Beobachter hoffen, dass alles ein gutes Ende nimmt, obwohl wir es besser wissen.

Ihre Charaktere sind gut gezeichnet. Man leidet mit ihnen und freut sich mit ihnen. Ich hatte beim Lesen selbst ein schlechtes Gewissen Henri gegenüber, weil er mir mit seinem „Gutmensch sein“ auch mir schon etwas auf die Nerven ging und ich Trixi gut verstehen konnte.

Ich hätte gerne Trixis Leben noch weiter begleitet. Sie ist mir ans Herz gewachsen. Es ist doch schön, dass sie das alte Bauernhaus bewahren möchte, anstatt es niederzureißen. Trotzdem ist es natürlich aus wirtschaftlicher Sicht unvernünftig. Aber es hat etwas von Romantik.


Ich habe das Buch in 1 ½ Tagen gelesen, weil es einfach so leicht zu lesen und dabei so amüsant war.

@Diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 16.01.2019
Thema: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Über Freundschaft und unermessliche Abgründe


Mit gewaltigen Vorschusslorbeeren ist der vielseitige Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara jetzt auch in Deutschland erschienen. Die enthusiastische US-Kritik zu diesem mit Anna Karenina verglichenen „Meisterwerk“, über seine aufwühlende und mitreißende Kraft, erweist sich beim Lesen nicht als falsch, aber als doch nur eine Seite der Medaille.

Die 1974 geborene Yanagihara, die bei der New York Times als Redakteurin für ein Stil-Magazin arbeitet, erzählt in ihrem zweiten Roman von der lebenslangen Freundschaft von vier Männern ganz unterschiedlicher sozio-kultureller Herkunft: dem Juristen Jude, dem Künstler JB,
dem Schauspieler Willem und dem Architekten Malcolm. Sie finden nach ihrem gemeinsamen Studium an einer Universität in New York zusammen und tauchen in eine Szene der kosmopolitischen, kreativen und klugen Köpfe ein: „In dem New York, dass Malcom und seine Freunde bewohnten, verliefen die Trennlinien nicht zwischen Schwarz und weiß, sondern zwischen Steuerklassen.“ Auch die Trennlinien zwischen Hetero, Bi, lesbisch oder schwul sind hier aufgehoben und die Geschlechtsidentitäten oszillieren stetig. Und so werden, nachdem alle vier Freunde in ihren Karrieren durchgestartet sind und verschiedene Partnerschaften erprobt haben, schließlich auch Jude und Willem ein Paar.
Jude bildet das tiefe schwarze Loch in diesem Viergestirn und nach und nach erfährt der Leser, welches unfassbare Märtyrium, welchen unfassbaren Leidensweg aus Verachtung, Gewalt und schwersten Missbrauch  er in seiner Kindheit und Jugend durchgemacht hat. Sein Körper und seine Seele sind voller Narben, die ihm eigentlich jegliche Nähe und Körperlichkeit, jegliches Vertrauen und Glücklichsein auf immer verwehren. Er steht in einem ständigen Kampf mit seinen inneren Ungeheuern, die sein Leben zu verschlingen drohen und die er nur durch exzessives Ritzen seiner selbst zum Schweigen bringen kann. Daran werden weder die späte Adoption durch seinen Jura-Professor Harold und dessen Frau Julia noch seine verzweifelte Liebe zu Willem letztlich etwas ändern können.

Hanya Yanagihara erzählt ihren Roman im stetigen Wechsel der Perspektiven und dringt auf packende Weise tief in das Innerste ihrer Protagonisten und ihrer Beziehungen ein – selten konnte man Romanfiguren über ein halbes Jahrhundert hinweg so genau kennen lernen, ihr Leben mit allen Höhen, Tiefen und Mittellagen teilen, sich mit ihnen freuen und ihr Leid bis hin zu echten Tränen teilen. Yanagahiras Prosa strömt in bestechend geschmeidiger Eleganz dahin, durchmisst die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ebenso präzise wie Szenen in den Straßen und U-Bahnen New Yorks: „Er sah diesem Licht dabei zu, wie es den Bahnwagen wie Sirup füllte, Stirnfalten fortwischte, graue Haare polierte, bis sie golden leuchteten…“.

Doch bei aller erzählerischen Meisterschaft und beeindruckenden Exkursen zu Kunst, Literatur, Mathematik oder Jura offenbart dieser Roman auch Schwachstellen und überzieht deutlich: Zu erfolgreich, um wahr zu sein, erscheinen so die Karrieren der vier Freunde, zu tief und intensiv, erscheint ihre Freundschaft auf Dauer, zu toll und wunderbar das ganze Umfeld aus Freunden, Bekannten und Verwandten. Dieses hochidealisierte soziale Setting vor hippen New Yorker Kulissen bleibt nur durch die krasse Kontrastierung mit der Missbrauchsgeschichte von Jude und seinem alle Fugen des Roman durchdringendem Leiden genießbar. Und dieser unermessliche Abgrund, dieses beschädigte Leben, dieses Ringen um ein wenig Glück, das ist der eigentliche Glanzpunkt dieses in der Tat aufwühlenden Romans.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin, 960 S., 28 Euro.

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David Wunderer schrieb uns am 07.01.2019
Thema: Michael Krüger: Vorübergehende

Michael Krügers Welt

Ich glaube, die Lücke bleibt.
Novelle (13. Versuch, das kommunikationsästhetische Spannungsverhältnis darzustellen)

1
Es war ein Tag im November 2018. Der alte Michael Krüger hatte wieder einen Roman veröffentlicht. Wahrscheinlich wieder ein feinsinniges, wohlformuliertes, linksliberales, bildungsbürgerliches Elaborat. Diesen Abend, gerade eben, stellte er ihn in einer Lesung in der vollbesetzten Buchhandlung Lehmkuhl in München-Schwabing einem ältlichen Publikum (ein anderes hat er nicht) vor.
In seiner Heimat, Krüger hatte im münchner Norden, einen kurzen Fußweg von der Buchhandlung entfernt, seinen Arbeitgeber, den Carl Hanser Verlag, gehabt. /> Der frostgrüne Neonschriftzug der Buchhandlung Lehmkuhl würde in einen finsteren, feuchtkalten Vorwinterabend strahlen.

2
Noch andere Menschen wohnten im münchner Norden. Einer, ungefähr Jahrgang Kehlmann, wie dieser in München Abitur gemacht, Schülerzeitung, sogar einmal eigene bescheidene literarische Ambitionen gehabt. Aber keinerlei Erfolg. Naja, Kehlmann Glück, er Unglück, es ist wie es ist. Heißt David.
Er fand am selben Abend: Ich muss einmal wieder raus, spazierengehen im weiteren Sinn. Unter Menschen gehen. Ich mache einen Abendspaziergang, und trinke dann ein, zwei, drei Bier in einer Kneipe, so bin ich nicht so allein. In einer Kneipe zwei Straßen weiter zu Michael Krügers Lesungsort.
Es gibt zweierlei Abende bei solchen nicht sehr häufigen Spaziergängen. Solche, an denen ihn jemand kennenlernen will, und solche an denen nicht. Wer David kennenlernen will, darf David kennenlernen. Wenn sie-er wissen will, was David macht, bekommt sie-er es meistens erzählt.

(Über sich selbst reden dürfen-müssen, ist exklusives Opferrecht, nicht die Regel. Dann ist es immer noch mitunter beschämend, aber wenigstens legitim).
Seit rund zehn Jahren machte er nichts anderes, und kann nichts anderes machen, als für umsonst zu erzählen, dass er mit einer demonstrativ gewalttätig und plakativ kriminell eingestellten, plärrend lauten funkbasierten Neurohypnose-, Hypnose- und Datenwaffe durch die Gegend geprügelt werde - in seiner Wohnung, außerhalb der EU.
Den ersten Brief Richtung Staat schrieb er 2006, geredet hatte er schon vorher ein bisschen. Aufgegeben, mit dem Staat zu kommunizieren, und die Sache zu publizieren begann er 2011/12. Hat auch immer ein paar Zettel mit seinen Buchdaten dabei, weil das ihm die Erzählung erleichtert, ihn, der überlastet, entlastet.
http://www.david-wunderer.de/img/SuIL2_Zettel_15prz.jpg
2006 wie heute war-ist er der Überzeugung, eine wahre Geschichte zu erzählen.
Irgendwann kommt auch wieder jemand anderes darauf, dass es eine wahre Geschichte ist - sein muss.
Aber sprich David bloß nicht auf Michael Krüger an (der gerade zwei Straßen weiter aus seinem neuen Roman liest):

3
Den dürfe er nicht mögen.  Krüger gehöre irgendwie zur Merkelbriefbande. Falsche Lauschangriffsdebatte.
Krüger ist als ehemaliger Verlagsleiter verantwortlich für Angriff auf die Freiheit des Autorenduos Juli Zeh und Ilija Trojanow , ursprünglich C. Hanser, heute dtv, und hat damit die Merkelbriefbande initialisiert. Angriff auf die Freiheit habe David nur angelesen, es sah aber als nichts anderes aus als referierte Zeitungsartikel.
Zeh-Trojanow seien oder waren die Köpfe der Merkelbriefbande, deren Aktivitäten bezüglich staatlicher Computerüberwachung im höchst auflagenstark verbreiteten Merkelbrief{FN1} gipfelte.
Die Merkelbriefbande: Paralleldebatte, primitiv. Kein gesellschaftlicher Nutzen. Diskutieren seit zehn Jahre ein einfaches Detail jedes Betriebssystems, den Port.
Primitiv und korrupt: Schickten die den Merkelbrief an einen ordentlichen Informatikstudenten ab drittes Semester (statt an die Merkel), der hätte es Ihnen erklärt, das hätte einen informationellen Mehrwert für die Gesellschaft gegeben. Die beiden enthaltenen juristischen Sachverhalte hätte der auch gleich noch verbessert.
Primitiv und korrupt: Hätte aber viel weniger Publicity gegeben. Um informationellen Mehrwert ging es wohl nicht, sondern um einen Werbehintergrund. Die wollten so oft wie möglich mit der Merkel zusammen in der Zeitung stehen. Die sehr ernstzunehmende Problematik wurde neben der Merkel  auch als Werbehintergrund benutzt.
Primitiv und korrupt: Die Gesellschaft ist (Die Leitmedien sind) mit der Diskussion meiner Sache zehn Jahre in Verzug. Die wurde immer durch diese primitive Pseudodebatte dieser Erfolgsautoren ersetzt - die schnell abhandelbar gewesen wäre.
Skrupellos und kriminell: Die lenkten erfolgreich und lenken von innenpolitischen Problemen, ach was, Skandalen, ab (mir und meiner Hypnosewaffengeschichte) - und schieben alles im Sachzusammenhang auf die USA.
David behauptet, er würde häufig in der Erstfassung seiner Texte automatisch Merkelbriefbande schreiben, schwäche das beim Redigieren dann zu Merkelbriefgruppe ab.
David wirft also unlauteres bis kriminelles bis mörderisches, und sehr erfolgreiches, inkompetentes Konkurrentengehacke und -gegockel vor. Aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und sonstwoher. Will aber in aller Regel nichts sagen.

4
Durch diese kommunikative Lücke entstehen, verdichtet beschrieben, zwei (linke) Parallelwelten im münchner Norden (und hoffentlich nicht nur dort). Die ältlichen, mehrheitlich linksliberalen, ahnungslosen guten Menschen, die bei Krüger in der Lesung sitzen, hier. Da die, die mich kennenlernen wollten, und durch meine Hypnosewaffenerzählung erschüttert werden.
Am nächsten Morgen haben alle Zuhörer wieder ihre eigenen Sorgen und ihre eigene Aufgabe in der arbeitsteiligen Gesellschaft. Ich glaube, die Lücke bleibt.

5
David könnte jederzeit etwas aggressiver und offensiver werden. Auf sein Fahrrad steigen, nach Schwabing radeln und eine Ein-Mann Demo machen. Irgendein Sample obigen Textes in der Nähe vom Lehmkuhl an einen Laternenpfahl hängen, und/ oder aus Prinzip irgend einen Text wie oben aufsagen. Dann würde sich kommunikativ wieder etwas verschieben.
Könnte auch anderweitig mehr reden: Nach zehn Jahren sozialer Isolation mal wieder versuchen, während eines Abendspaziergangs initiativ jemanden kennenzulernen.

6
Entdichtung:
Nicht wahr ist, dass ein Abendspaziergang am selben Abend stattgefunden hätte. Nicht wahr ist, dass in so einer Kneipe das Gespräch bis zu Michael Krüger oder der Merkelbriefbande je gereicht hätte. Das erst am Heimarbeitsplatz oder hypnosewaffenoktroyiert oder unter anderen Literaturinteressierten im Internet oder qua Pflichtabgabe.
Wahr über Davids/ meine Psyche ist im Unterschied zur Erzählung, dass ich ausweichen würde, wenn ich rechtzeitig erfahren würde, dass ein Mitglied der Merkelbriefgruppe im Lehmkuhl liest und ich gleichzeitig einen Abendspaziergang machen will. Ich würde den Abendspaziergang woanders hin, weiter weg verlegen.
Verachtung ist ein Gefühl (wie Liebe oder Hass) - alle sind manchmal irrational, gehören überprüft und revidiert - und manchmal gerechtfertigt.
Wahr sind die Spaziergänge: In Uni-Nähe lief mir mehrmals Lena Gorelik über den Weg. Die erkennt man sofort. Bisschen dick gewesen das letzte Mal.
Von dem Sektglas, das Jo Lendle, Krügers Nachfolger beim Carl Hanser Verlag, beim Nobelpreisdinner geklaut (die sind bestimmt abgezählt), und dann im Internet in einer Adventskalenderaktion verlost hat, habe ich vielleicht auch noch ein Bildschirmfoto in irgendwelchen Backups.

7 Epilog
Ich habe keine Zeile des besprochenen Buches gelesen. Ist bestimmt wieder ein Roman von der Stange, ein Schemaroman, wie das bei mir heißt. Lohnt wie jedesmal nicht.
Den Schaden hat die Literatur (Streeruwitz 2018 im Standard über das Bachmannpreiswettlesen).
Naja, ich darf die Merkelbriefgruppe so widerlich finden wie ich will.
Was für eine Literatur überhaupt noch?

Michael Krüger: Vorübergehende, ISBN 978-3709934388, Haymon.
vs.
Juli Zeh/ Ilija Trojanow: Angriff auf die Freiheit, ISBN 978-3423346023, dtv.
und
{FN1} Mit Merkelbrief ist die offene  Petition, von Juli Zeh und Ilija Trojanow initiiert, gemeint, die rund 50 deutschsprachige Autoren unterzeichnet hatten (bis hin zu Robert Menasse und Josef Haslinger), die damals von FAZ und Bild mit abgedruckt worden war und heute, 201812, immer noch auf change.org steht.
http://https://www.change.org/p/bundeskanzlerin-angela-merkel-angemessene-reaktion-auf-die-nsa-aff%C3%A4re

vs.
Marco Bsondermann (pseud.): Sie und Ihr Lauschangriff 2 (immer noch Neurohypnose-, Hypnose- und Datenwaffe), 298 Seiten (kein Großdruck), ISBN 9781326410117, 2015.
und
Marco Bsondermann (pseud.): Erpresserischer Stil und erpresserische Art in der deutschen Gegenwartsliteratur, Stichworte zur journalistischen Ethik, Zwei Broschüren sowie Verrisse, von Marco Bsondermann (pseud.), 68 Seiten (kein Großdruck), ISBN 978-0-244-02049-1, 2017.

P.S.: Krüger und sein Publikum für links zu erklären, ohne es so genau zu wissen, begründe ich so. Angemerkt, auch weil ich in letzter Zeit so viele Bayern-Klischees zur Kenntnis nehmen musste:
- Krüger wirkt bei Veranstaltungen wie diesen mit: So 27.1.19 // 17 Uhr // Saal (mit Pausen-Bar)/ Internationaler Holocaust Gedenktag/ Primo Levi: ›Ist das ein Mensch?‹
Ein Abend mit Maike Albath, Marco Belpoliti & Michael Krüger.

- Der Stimmkreis, in dem die Buchhandlung liegt und in dem ich, am anderen Ende, wohne, hat (trotz insgesamten Rechtsrucks) bei der LTW 2018 links gewählt, ~ 35% Grüne, 21% CSU, 13% SPD, 13% F.D.P., AfD, Freie Wähler, Linkspartei je 4-5%.
P.S.: Ich habe mich mit der Ansage, laut werden zu wollen in Richtung Fachwelt, hier angemeldet. Vier bis acht Aufsätze, dann bin ich wieder still.

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Heinrich Detering: Wundertiere

Die Gedichte in Wundertiere kommen teilweise erstaunlich kindlich daher. Wollen Ton der Unschuld erzeugen. Halten definierte Benennung eher für Irreführung denn für Weg zum Ziel. Setzen auf Bündnis mit klugem, kleinem, bedrohtem Tier, auch mit einer Wolke.

Daneben gibt es aber auch die Texte des Gelehrtenautors Heinrich Detering (geb. 1959), die einen historischen bzw. literarhistorischen Standort mit seinen Akteuren ins Gedächtnis rufen.

In ersterer Kategorie sind die eindrucksvolleren der 64 Texte nach 4 Abteilungen (knappe Anmerkungen im Anhang) zu Haus. In ihnen bekennt ein „ich“ oder ein „wir“ poetische Farbe. Hier stoßen wir auf das vielleicht beste Gedicht des Bandes:
/>     an der trave: mühsam folge ich / im Schnee der Hasenfährte / auch ein Gejagter // am schwarzen Wasser / schneeweiß der Reiher im Schnee / steht ganz still wie ich // oben und unten / warten die Mondsicheln auf / Reiher Hase mich

Hier hat sich der Schneid des Autors ausgezahlt, dem auch in der gegenwärtigen Literatur mitunter scheinbar so wichtigen Turbogewimmel und – gebimmel eine nur scheinbar statische, nur scheinbar unzeitgemäße Stillansicht entgegenzustellen. Fein gewoben wie ein Teppichtibet entfaltet er die Opposition von „oben und unten“, führt vor, wie „ein Gejagter“ rasend entfliehen, aber auch „mühsam“ stapfen kann. Aus solchem Stoff sind glücklicherweise immer noch diejenigen Gedichte, die bleiben können sollten.

Alle möglichen Tiere freuen sich also über des Dichters tiefe Solidarität, meist Vögel: Kuckuck, Sperling; erst recht namenlose „kleine Vögel“, die das Kind Jesus sich einst aus Ton erschaffen hatte und die ihn nun auf seinem letzten Gang umschwirren.

Im biblischen Kontext auch, Gedicht „adamitisch“, wird der Dichter poetologisch, programmatisch, erläutert seine Vorliebe des kurzen Gedichts, das den unspektakulären Gestus des Büßers in Sprache und Sujet bevorzugt, dabei auf die Eigendynamik geheimnisvoller Wortoffenheit setzt:

    … als Adam allen Tieren Namen gab / verbannte er sich selbst mit jedem Wort / in einer Sprache die sie nichts anging // als Adam allen Tieren Namen gab / krähten bellten zwitscherten sie weiter / und trotteten flogen zogen bloß fort // zu dunklen Wundern und zum / stummen Grund zum / stummen Grund

Ein Dichter, der die fulminante Metapher demnach scheut, eine sehr gelungene  aber doch zu finden im Stande ist (Gedicht „Kuckuck“):

    … die kleinen Wellen leckten vom Ufer / alles Erinnern dann kam Nacht

Ein Dichter, der hier in gemeinsamer Abneigung gegen eine vorherrschend mathematische Welt mit Novalis auf der Lauer gelegen haben könnte, denn

    … wir lagen am Seeufer wir zählten nicht // die kleinen Wellen …

Warum sollte es aber nicht auch die LeserInnen geben, die Deterings rein begrifflich moderner, großstädtisch anmutenden Gedichte in diesem Band schätzen werden?

Wenn in „Samstagnacht, Angelo’s“ die Rauschstrecke einer Barbesucherin nachgezeichnet wird:

    … die Zeit verliert von selber an Bedeutung / der Brechreiz geht wie unbemerkt vorbei / es fühlt sich an als zählte man bis drei / es fühlt sich an wie eine letzte Häutung …

Oder im Gedicht “Birmingham“ pietätslose Heranwachsende neben einen routinierten Bettler platziert werden:

    die Jugend von Birmingham sitzt auf den Gräbern / bleich mit gefärbten Haaren und schwarzen Jacken // … der obdachlose Mann … / … zieht die Matratze höher / hustet spuckt aus und sagt für ein Pfund God bless you

Wobei das Hauptinteresse des Dichters aber nicht dem sozialen Aspekt gilt sondern dem existenziellen, der drohenden Namenlosigkeit eines menschlichen Lebens:

    … weicher Sandstein die Namen nicht zu entziffern …

Reflexionen über Tod und die Toten bilden überhaupt einen Höhepunkt in Wundertiere. Angesichts der allerschwersten Lebensaspekte kann Detering seine Lakonie, die andernorts manchmal fast bis ins Undichterische treibt, besonders wirksam ausführen, wobei ihm in „die Toten“ eine so schlichte wie wunderbare Schlusszeile gelingt:

    die Toten altern schneller als man denkt // die Toten sind die die man bei drei Grad Frost in ein Erdloch legt / die Toten sind die die achtlos im blühenden Löwenzahn liegen / die Toten sind die die einfach liegenbleiben wo sie sind // den Toten ist alles egal / sie haben alle Zeit der Welt / sie haben gar keine Zeit // sie sind ja nicht mal hier

Heinrich Deterings Gedichte in Wundertiere wirken sympathisch. Der jeweilige Sprecher entzaubert Ideologien, gibt sich naiv, dann gebildet, lehnt sich an Kindheit und Tier, hat Bedenkenswertes zu sagen zu Tod und Vergänglichkeit. Hauptaugenmerk liegt aber auf der Sprache selber, den gewähnten Gewissheiten, den Namensgebungen. Denen habe man sich nach scheinbar allgemein gültiger Festlegung wieder in Demut zu entfernen.

(R.S., 2015)

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Jeremy Adler: Das bittere Brot

Dieses schmale Buch, inklusive dreier hübscher Autorenfotos, hat reichen Inhalt. Es handelt sich um eine Studie zum deutschsprachigen Nachkriegsexil mit einem Fokus auf England, genauer: auf London, und damit zu einem Gegenstand, der laut Michael Krüger (Nachwort, sechsseitig) bislang im Gegensatz zum amerikanischen Exil stark vernachlässigt wurde:
Die deutsche Prominenz in Kalifornien und New York ist bestens dokumentiert. … Für die Arbeit der deutschen Schriftsteller, Geisteswissenschaftler und Künstler, die England als Fluchtort gewählt haben, ist eine solche Transparenz nicht zu haben.
Der Autor, der dieser Malaise nun erste, aber dafür gleich profunde Abhilfe verschafft, konzentriert sich dabei auf das Dreigestirn H. G. Adler,
Elias Canetti und Franz Baermann Steiner, das zu den
interessantesten deutschsprachigen Exilgruppen der Nachkriegszeit
gehört (Klappentext des Verlags). Allen drei Personen ist der Autor Jeremy Adler, geb. 1947, Professor Emeritus für Germanistik am King‘s College London, selbst begegnet, einem von ihnen, weil es sich um seinen Vater handelt. Deshalb ist es verständlich, dass das abschließende Kapitel III des Buches eben H. G. Adler gewidmet ist, und zwar recht zentral in seiner Eigenschaft als Gegenspieler von Adorno (dieser Teil des Buches ist im Jahr 2000 schon einmal eigenständig erschienen, und zwar unter der Überschrift: „Good against Evil? H. G. Adler, T. W. Adorno and the Representation of the Holocaust“).
Jeremy Adlers Buch, obwohl grundsätzlich wissenschaftlich dargeboten (im Anhang ist eine dreiseitige Literaturliste), liest sich flüssig, da der Leser dem Autor abnimmt, wie lohnenswert eine breitere Beschäftigung mit dem Gegenstand ist oder fürderhin noch wäre. Zudem ist es zugleich rührend und von der Sache her wohl ganz und gar gerechtfertigt, wie löwenhaft der Sohn für eine günstige Rezeption des literarischen und soziologischen Werks des Vaters eintritt. Der Autor hält auch manche auflockernde biographisch-anekdotische Einzelheit bereit.
Das Buch mit seinen drei Kapiteln ist klar nachvollziehbar eingeteilt: Kapitel I ist ein Abriss über die Geschichte des Exils ab biblischer Zeit, schließlich mit besonderem Blick auf England bzw. London während der Jahre der Naziherrschaft. Für diese Zeit steckt der Autor eingangs noch einmal die passenden Koordinaten ab, indem er Karl Jaspers‘ markante Metapher von Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtergreifung als verwandelt in „ein ‚geistiges Gefängnis‘“ anführt, um dann in eigener Einschätzung fortzufahren:
Fast die ganze geistige Welt, die sich von der Aufklärung bis zur Weimarer Republik in Deutschland entfaltet hatte, wanderte aus.
Eingedenk des insgesamt ungünstigen Vergleichs mit der Rezeption des deutschsprachigen Exils in Amerika sieht der Autor in London jedoch
in politischer und moralischer Hinsicht … die eigentliche Hauptstadt des Exils.
und verweist u.a. auf die bedeutende aufklärerische Rolle der BBC, aber auch auf Thomas Manns Reden von London aus, deren Einfluss gleichwohl „schwer einzuschätzen“ bleibe. Da lt. Autor die englische Gesellschaft konservativer als die in Amerika war,
waren die Exulanten [Schreibweise so durchgängig im Buch, R.S.], die hierblieben, … in den meisten Fällen entsprechend konservativer. … Die einzige Figur der deutschen Avantgarde unter den Exulanten dürfte Kurt Schwitters gewesen sein.
Nachdem er detailliert die Namen deutschsprachiger Exilgruppen in London nennt, wirft er ein Licht auf die offizielle englische Aufnahmepolitik jener Jahre:
Man hat in letzter Zeit den Standpunkt der englischen Regierung äußerst kritisch untersucht. … Man schätzt heute, daß in den Jahren 1933-39 ungefähr 90.000 Emigranten in England Zuflucht fanden, wovon 85 bis 90% Juden waren, allerdings war das laut Vicomte Samuel nur ein ‚tiny trickle‘ der Gesamtzahl. Etwa 900.000 – nach der Schätzung von Louise London – hat man nicht hineingelassen.
Im Anschluss an die Benennung zahlreicher Akteure mit ihren Aktivitäten in dem Wechselspiel zwischen Emigranten und englischer Öffentlichkeit kommt Adler zu einem positiven Resultat:
Manches spricht für die These, daß sich eine mitteleuropäische Kulturaristokratie in England gebildet hat.
Im Mittelkapitel des Buches findet dann die Beschäftigung mit Werk und enger persönlicher Beziehung der „drei Freunde“ A. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner statt, deren Arbeiten sehr vielgestaltig waren:
Sie verfaßten Romane und Erzählungen, Dramen und Gedichte, Aufzeichnungen und Essays, und große wissenschaftliche Monographien.
In engagierter Sprache verdeutlicht der Autor die Intensität des dichterischen Selbstverständnisses der drei während ihres Londoner Exils und davor:
Was den Freundeskreis kennzeichnet ist sowohl das erschütternde Schicksal der Einzelnen als auch ihre ständige Auseinandersetzung mit den sie beschäftigenden Fragen. Jeder war in seiner Weise ein Opfer. Jeder war in seiner Weise ein Zeuge. Jeder verstand es, seine demütigende Lage zu meistern. … Man durchschaute das Grauen der Zeit. Man wehrte sich gegen die Attacken, welche das Jahrhundert mit sich brachte. Man war ausgeliefert. Man litt. Man verlor Identität und Heimat – und doch, man bediente sich der Sprache, um Grenzen auszuloten, Schrecken entgegenzuwirken und die Welt in neuer Form wiederherzustellen. Gegen die modernen Wirren setzte man vor allem die althergebrachte Idee der Dichtung ein.
Aber jeder hatte daneben auch den Ehrgeiz,
... mit einer großen Monographie gegen die Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts aufzutreten ...
was Canetti dann mit "Masse und Macht" (1960) gelang; A.G. Adler (zunächst im vorbereitenden Aufsatz "Mensch und Masse") mit "Theresienstadt 1941-1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft" (1955); Baermann-Steiner mit "A Comparative Study of the Forms of Slavery" (1949).
Hieran schließt sich des Autors bitterer Vorwurf an „die deutsche Literaturgeschichte“ an, die
bis heute aber … die Existenz dieser Gruppe kaum wahrgenommen
habe. Breiten Raum gibt der Autor dem Vergleich der drei Freunde in ihrer schließlich überwiegenden Übereinstimmung bei punktuell (wohl auch grundsätzlich) großen Divergenzen -
Canetti glaubte an die Macht des Bösen, Adler an die Übermacht des Guten
- wobei er hier und im weiteren Verlauf des Buches mit einigen Seitenhieben auf Canetti besonders dessen Verhältnis zu seinem Vater beleuchtet:
Canetti schreibt mit eigenartiger Distanz über den alten Freund [H.G. Adler nämlich, R.S.] und hütet sich davor, auf die Freundschaft als solche einzugehen.
Jedenfalls hatten sich die drei ab 1937 fest im Blick:
H.G. Adler machte … 1937 Canettis Bekanntschaft, als dieser aus seinem Roman Die Blendung in Prag vorlas, Steiner aber zu einem Studienaufenthalt in London weilte.
Während Steiner und Canetti rechtzeitig auswandern können, wird H. G. Adler Opfer der Shoah. Sein Sohn kann nicht umhin, Steiner und vor allem Canetti eine gewisse Mitschuld wegen deren Zögerlichkeit bis Untätigkeit bei Adlers Hilferufen aus Prag zu geben:
Am 11. April [1939, R.S.], als die Ausreise noch möglich war, schrieb er [H. G. Adler, R. S.] an Steiner: ‚Nun möchte ich gerne wissen, was Du, Elias und Eure Freunde für Schritte eingeleitet haben …?‘
Der Autor kann nicht umhin, auf die noble Reaktion des Vaters zu verweisen:
Das moralische Versagen seiner Freunde thematisierte Adler in seinem späteren Leben mit keinem Wort.
So dass sich das Dreigestirn im Februar 1947
im eigentlichen Sinne des Wortes zum ersten Mal konstituiert.
Der Autor erläutert, warum vor allem die o. ä. Hauptwerke der drei Freunde durch die Umstände des Exils befördert wurden, ja, gerade nur aus seiner Einbettung heraus denkbar sind, denn sie
hätten nicht in einem konventionellen akademischen Kontext entstehen können. … Erst indem die Autoren ihre Methoden erfanden, konnten sie ihr Ziel erreichen, den Leser zu erschüttern. So spiegeln diese Werke die Isolation ihrer Autoren. Wer sie liest, kostet das, was Dante als „das bittere Brot des Exils“ bezeichnet.
Als Beispiel der Unterschiedlichkeit zwischen mitteleuropäischer und englischer Weltanschauung nennt der Autor den Topos „Einsamkeit“, der von den Mitteleuropäern begrüßt und als zentral gesehen werde, von englischen Autoren – Ausnahme sei Wordsworth – abgelehnt werde: So bei Eliot.
Steiner ist derjenige, der H. G. Adler in die Londoner Gesellschaft einführt, wobei er ihn auch mit Erich Fried und Michael Hamburger bekannt macht. Durchaus unterschiedlich sei schließlich die gefühlsmäßige Haltung der drei Exilanten zu ihrem Gastland ausgefallen: Hass bei Canetti, Hassliebe bei Steiner, zunehmende Wertschätzung bei Adler.
Abschließendes Kapitel III ist schließlich ganz auf H. G. Adler ausgerichtet, wobei der Autor eingangs Peter Demetz zitiert. Dieser sieht H.G. Adler
in der Epoche der Shoah als Verbündeten Primo Levis und Elie Wiesls.
Im Folgenden geht es dem Verfasser darum, die bislang wohl unangemessene Rezeption des Werkes seines Vaters zu verdeutlichen:
Es gehört zu den großen intellektuellen Skandalen unserer Zeit, daß seine wichtigsten Bücher erst noch ins Englische übersetzt werden müssen – die persönlichen wie jene, die der Suche nach der historischen Wahrheit gewidmet sind.
Zentral für diese Zurückweisung scheint dem Sohn, dass H. G. Adlers 'Optimismus' im Widerspruch zum dominanten Adorno und dessen Pessimismus stehe. So werde von der
'Keine-Kunst-nach Auschwitz'-Schule
gefeiert: Celan, jedoch nicht Katzenelson; Plath, jedoch nicht Kolmar. Dem Autor aber scheint es deshalb
an der Zeit, über die Tabus nachzudenken, die in der Diskussion über die Darstellung der 'Endlösung' stillschweigend errichtet wurden. Es sind nämlich diese Tabus, die dafür sorgen, daß Werke von der Art wie Adorno sie lobt, und die, vereinfacht gesagt, in einen breiteren Kulturnegativismus eingeordnet werden können, weite Verbreitung finden, während andere, die diesen Kategorien widersprechen und bekräftigen, daß das Gute schließlich obsiegt, ignoriert werden.
Den Lebensweg H. G. Adlers bio- und bibliographisch nachzeichnend, spricht der Autor zunächst hinsichtlich der Lagerlyrik sowohl ästhetisch alsauch ethisch von der
Affirmation des menschlichen Wertes – selbst in der Hölle.
Für H.G. Adlers große Theresienstadt-Monographie dann –
zwar als Dokumentation verfaßt, aber aufgebaut wie ein Roman
– konstatiert der Autor in Anbetracht seiner Rezeption in England, dass
von einer Handvoll bemerkenswerter Ausnahmen abgesehen
Desinteresse bis Feindseligkeit bestehen, während das Werk in Deutschland
als dokumentarische Grundlage für die Verabschiedung des Bundesentschädigungsgesetzes
herangezogen und in Israel Adolf Eichmann vor dessen Prozess als Lektüre vorgesetzt wurde.
Der Autor analysiert sodann detailliert Charakteristika von H. G. Adlers Romanen "Unsichtbare Wand", "Panorama" und besonders "Eine Reise", wobei er deren ungenügend (an)erkannte methodologische Modernität herausstreicht:
Ereignisse werden dadurch verfremdet, daß Anspielungen auf nationale Stereotype, sei es ‚jüdisch‘ oder ‚deutsch‘, vermieden und unterschiedliche Techniken angewandt werden – Dokumentation, Montage, Stream of consciousness, Ironie, Lyrismus -, um das Unvorstellbare zu vermitteln.
In Punkto Vermeidung von Stereotypen nennt er als erhellendes Beispiel, wie in "Panorama" anstelle von "Juden" und "Deutschen/Nazis" von "Verlorenen" und von "Verschworenen" die Rede ist. Außerdem müsse endlich die Komplexität der Kritik an der Moderne bei H. G. Adler verstanden werden:
Ein solcher Radikalismus in der Darstellung von Auschwitz ist mit einer umfassenden Kritik an der Moderne verbunden. Technik, Ökonomie, Konsumismus, Bildung, Wissenschaft, Medizin und die Presse – ein in Eine Reise allgegenwärtiges Kraussches Thema: Sie alle partizipieren an den hier dargestellten Verbrechen.
Es folgt noch einmal eine stark emotionale Skizze des Antagonismus zwischen H. G. Adler und Adorno: Adorno mit seiner "Lobeshymne auf die Negativität", die auch in dessen  Polemik gegen Arnold Schönbergs "Die Überlebenden von Warschau" zu finden sei, weil dieses Werk das jüdische Schicksal ästhetisiere, "als hätte es irgendeinen Sinn"; Adler, der in seiner
Bewahrung des Glaubens an die Kontinuität der menschlichen Ethik und die positive Darstellung der Hoffnung
von Canetti und Böll gestützt wird, wenn wir dem Buch glauben dürfen. Adorno, mitunter auch einmal versöhnlicher, hatte H. G. Adler wegen seiner
Schützengrabenreligion des Entronnenen
verspottet; H. G. Adler seinerseits revanchierte sich auf ureigenstem Terrain:
Es hat den Anschein, daß die Person Adorno in das satirische Portrait des Professors Kratzenstein in Adlers "Die unsichtbare Wand" eingeflossen ist. Das Gemisch aus Marxismus und Psychoanalyse, über das Kratzenstein faselt, liest sich wie eine Parodie auf Adornos Philosophie.
Anscheinend ein wenig ermüdet von den zuvor so akribisch nachgezeichneten ideologischen Gefechten der Vergangenheit schließt Jeremy Adler sein Buch ab mit einem pauschalen Plädoyer für dasjenige Werk des betrachteten Dreigestirns, das ihm am meisten am Herzen liegt:
Wie auch immer – die Zeit ist reif für eine Neubewertung von H. G. Adlers Werk.
Der Wallstein Verlag hat mit "Das bittere Brot" einen weiteren Titel von aufklärerischem Wert vorgelegt. Sein Thema: Ein bislang vernachlässigtes. Sein Autor: als Zeitzeuge, Sohn und seinerseits Romanautor besonders hautnah dran. Seine Leser: die an der Thematik der deutschen und österreichischen Emigration nach England während der Nazi– und der unmittelbaren Nachkriegszeit weiterhin (bzw. jetzt erst recht) Interessierten.

(R.S.,2016)

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Wulf Kirsten: fliehende ansicht

Wulf Kirsten, der in Weimar lebt, hatte die letzten drei seiner sieben Gedichtbände im Ammann-Verlag, Zürich veröffentlicht, zuletzt erdlebenbilder (2004). Nach dessen Schließung im Jahr 2010 legt der Vielgeehrte, vor zwei Jahren schließlich Ringelnatz-Preisträger, nun bei S.Fischer seinen neuesten Gedichteband fliehende ansicht vor. Es handelt sich um ein Hardcover-Buch in guter Verarbeitung (incl. Lesebändchen), lesefreundlichem Druck, d.h. Typengröße sowie Zwischenräume erscheinen passend.
Der Band bietet 60 Gedichte, chronologisch nach ihrem Entstehungsdatum angeordnet (zwischen 2004 und 2011), wobei die Mehrfachdatierung einiger weniger auf relevante Überarbeitung hindeutet.
Formal setzt Kirsten weiterhin auf
konsequente Kleinschreibung mit Ausnahme von Eigennamen. Allerdings kommen Satzzeichen zur Geltung: Meist strukturieren Kommas den Fluss der Rede; stets ist ein abschließender Punkt gesetzt, was die Einmaligkeit, also die Kostbarkeit der jeweiligen Episode unterstreicht. Genauso jedoch die Kirstensche Bescheidenheit: Dass nämlich nicht jedes Dichterwort in eine nebulöse Zeitlosigkeit geraunt ist.
Kirsten vertraut überwiegend freien, narrativ gehaltenen Sequenzen, die er meist in einheitlichem Block darbietet; seltener in Strophen unterteilt, wenn thematisch angeraten, wie im Gedicht „dorfkindheit, vom krieg überrollt“, da es gilt, den jeweiligen, wohl erstmaligen Einzeleindruck auf die kindliche Seele hervorzuheben. Der Reim allerdings schneidet in diesem Band schlecht ab: Nur in zwei Gedichten verwendet Kirsten ihn, wobei der monotone Paarreim die Aufgabe hat, harsche Kritik zu steigern; einmal in „denkfiguren“ an Demagogen jedweder Art (in dicken schwaden qualmen die phrasen,/vollmundig in den himmel geblasen.), sowie in „lebenslagen“ an skrupellosen Geschäftemachern (bedeppert sitzen in der schuldenfalle/mit weniger als nichts auf der kralle.)
Der umgangssprachliche Ton hier wie auch des Dichters abschließender Rat werdet meister im hakenschlagen/in diesen unsicheren lebenslagen (hier beinah an Günter Eichs Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt! erinnernd) weist aus, dass es sich bei Wulf Kirsten keineswegs „nur“ um den Landschaftsdichter handelt, der sich eines archaischen, meist dörflich-bäuerlich geprägten Wortschatzes bediene.
Die gesellschaftskritischen Texte (s.o.) bilden nämlich einen durchaus markanten Teil in fliehende ansicht: Kritik an gleichmachender Warengesellschaft: allmacht des marktes („dezembermorgen“), Wegwerfgesellschaft, Arbeitslosigkeit („gespräch zaunabwärts“: irgendwas stimmt nicht,/in dieser weltordnung), an Wendehälsen („wo denkst du hin?“); Kritik, deutlich genug, für jeden, der auch diesen Aspekt bei Kirsten wahrnehmen möchte. Selbst die deutsche Kanzlerin schafft es in ein Kirstengedicht, mild persifliert („zwei worte“).
Solche Texte sind vom spezifisch deutsch-deutschen aber auch gesellschaftskritisch-globalen Standpunkt aus bedeutende künstlerisch-sprachliche Belege, doch wird Kirsten als Dichter freier, wenn er geschätzte Menschen und ebensolche Landschaft ins Feld führen kann.
Eine besondere und sympathische Stärke Kirstens ist der beharrliche Verweis auf bekannte oder, lieber noch, unbekanntere Schriftstellerkollegen, so auch die Angabe von möglichen eigenen poetologischen Einflüssen nicht scheuend, sei es in direkter Widmung, vorangestelltem Zitat, Nachruf oder Einbau in den Korpus des Gedichts, öfters aus dem böhmisch oder mährischen Bereich, u.a. auf Friedrich Nietzsche, Jakob Haringer, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin (mehrfach und Kirsten zumindest menschlich lieber als die beiden davor Genannten), Ludvík Kundera, František Listopad, Karl Kraus, Elke Erb, Johann Gottfried Herder, Gottfried Benn, Miroslav Krleža, Helga Novak, E.T.A. Hoffmann, Karl Schloß, Ludwig Uhland, Vilém Závada, Alfred Meißner. Auch hier also beweist Kirsten hinsichtlich vielleicht weniger bekannter Schriftstellernamen seine so löbliche und kenntnisreiche Bereitschaft, den ihm Würdigen (hierzulande und heutzutage) eine Stimme zu verleihen, ein Streben, das schon bei der von ihm verantworteten Auswahl für die Gedichtanthologie „Beständig ist das leicht Verletzliche“: Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan, Ammann, 2010, galt.
Kirsten wäre nicht Kirsten, wenn er nicht auch in dem neuen Band konsequent auf jedwede - in der Tat ja meist so treffsicher fehlendes dichterisches Talent verratende - schwüle Metaphorik verzichtete. So kann dann das in „curriculum vitae“ über den bedauerten Lebenslauf von Hölderlin bei ansonsten einfacher, klarer Sprache benutzte einzige und abschließende Sprachbild besondere Kraft gewinnen:
jahrzehnte verdämmert/in seinem Tübinger turmzimmer,//unter dem der Neckar seine bahn zieht,/als ich hinunterblickte, huschte eine ratte davon.
Eine gleichsam eigene Poetologie liefert Kirsten, wenn er in „gemeinsam“ in Bezug auf Vilém Závada notiert: überlebender bittrer wahrheiten, preist er/die wahre schönheit der nackten worte.
Was sind „bittere Wahrheiten“, wie sie Kirsten in dem besprochenen Band dichterisch präsentiert? Wie oben schon angedeutet: das Verkennen von Größe. Die Größe der Großen manchmal, viel öfter des Kleinen, der Unscheinbaren. Die Größe am Menschen in seiner jeweiligen Zeit und seinem jeweiligen Raum, seinen Siedlungen (keineswegs nur das Land der Kindheit um Meißen ist jetzt evoziert, „die Erde um Meißen“, wie ein grandioser, hinsichtlich Wulf Kirsten, dem Dichter bis in die achtziger Jahre hinein beinah alles sagender Zyklentitel in erdlebenbilder lautet), den Sonderlingen, den Dingen, die ihm zunutze sind und – das vor allem – an den Wörtern, an den Worten, mit denen er all das bezeichnet. Präzise, wie es nur geht, damit all diese Einmaligen, die doch aber auch wieder nur Symbole sein können, sich verständigen werden.
Ja, es gibt sie also auch diesmal wieder, die „schönen, nackten wörter“, wie von Wulf Kirsten selber noch eingefärbt (manche dürften recht sächsisch sein), andere wie mit der verehrten Droste im Duett gesprochen:
weißdrüsig, blattrudel, verknorzt, kirren, ausgeriffelt, spreiten, verkrumpelt, zippern, wieseninmitten, fallreif, ödmark, schrittlings, herbsthin – herbsther, ausgewittert, schluchtig, verstruttet, schollern, facken, schurren, (der) schur, talhängig, geweift, blicklängs, puppen, verqueckt, geplöder, hatschen,witschen,fluchtgestüm; schattenwurf, vorahnungsstille, scheuchegeister, krächzende einsamkeit
Kirsten geht es um Erinnern, um Bewahren, damit zukünftige Chancen entstehen, zufälle,/an die nicht mal gott/glaubt, der doch sonst glaubt,/was das zeug hält („gott im getreideschlag“)
Die eigene Kindheit (der junge,/der ich war in „telegrafenmasten“ und weit unten meine stadt, die mir näher-/kommt, je ferner sie rückt in „stadt im kessel“), mehrere  Gedichte haben diesen Bezug, wird bei Kirsten nicht nachträglich im Sinne der political correctness verschönt. Das Kriegsende jedenfalls beglückte keineswegs den Elfjährigen, verstörte auch die Freunde: so kam die befreiung als elend/auch über mich und meinesgleichen (Gedicht „dorfkinder, vom krieg überrollt“).
In seinem neuen Gedichteband fliehende ansicht zeigt sich Wulf Kirsten, das ist zu sagen, als weiter reifender Dichter der auf den Erinnerungen an die Kindheit beharrt, denn sie berühren auch jeden Dritten; der dabei aber, und deswegen eben, auch auf Weichenstellung für Gegenwart und Zukunft besteht, indem er vor allem würdige Bundesgenossen benennt; für den präzise Sprache sowohl ein botanischer Begriff, der Name für ein Werkzeug, wie auch eine derzeitige Umgangsfloskel sein kann - neben dem betont Lyrischen natürlich, das auf ein Trotzdem setzt: aber zu spüren bei lichtschmerz/über abgründe hinweg, wie der grund bebt,/auf den uns aberwitzige fügungen oder/zufälle gestellt (Gedicht „das eigentliche“). Wulf Kirstens reiche Dichtung wächst.

(R.S.,2012)

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David Wunderer schrieb uns am 29.12.2018
Thema: Pierre Assouline: Lutetias Geheimnisse

Geschätztes Durchschnittsgewicht: Um 48 Kilo

Das ist ein historischer Roman aus Frankreich.

1
Machen sie ein Gedankenspiel mit mir?
Dann hängen Sie sich ein Fernglas um, fahren imaginär nach Frankreich und schauen von dort zurück-hinüber nach Deutschland.
Da sieht man auch: Provinzialismus, Nationalismus, EU-Austritt, die Provinz wird das Zentrum der Welt derer, die dort wohnen.
Was für Anmaßungen entstehen, was für Anmaßungen man schon wieder sieht, und was verloren geht. Die Weite des Blicks geht verloren, Weltkenntnis, Realitätssinn. Was verloren geht an Kultur, Geist, Völkerverständigung, Weltläufigkeit, Spiritualität, Liebe, Schüleraustausch,
und so weiter.
Vielleicht fällt Ihnen wie mir - ist längst - auf, wie kurzsichtig die Erhöhung der Provinz  gedacht ("gedacht") ist, wie eng die Geister werden.

Betonen sie mit mir Weltbürgertum, globale Verantwortung, Völkerverständigung, Internationalismus, multikulturelle Differenz?

2
Der Ersteindruck zum Roman von Pierre Assouline: Arg hölzern, eine schreckliche Fehlkonstruktion. Der erzählende Protagonist, eine ehemaliger Polizist und jetziger Hoteldetektiv in einem Pariser Luxushotel redet arg intellektuell daher, ist eher der Autor.  Figurensprache und Autorintellekt fallen sich vermischend übereinander her.
Mit dem muss man es jetzt die nächsten 440 Seiten aushalten.

Der Roman ist gegliedert in einen kurzen Prolog, einen kurzen Epilog und drei große Teile: Die Welt davor, Während jener Zeit, Das Leben danach. Er spielt ausschließlich im Pariser Nobelhotel Lutetia und dessen unmittelbarer Umgebung. Die erzählte Zeit reicht von 1938 bis 1945.

Spätestens zu Beginn des zweiten Teils hat man sich mit der Erzählkonstruktion, der Hoteldetektivfigur und dem Autor versöhnt.
Im Gegenteil, die Konstruktion fand vom kommunikationsästhetischen und psychologischen Aspekt her, erst einmal rein intuitiv, da meine ausdrückliche Billigung. Der Autor sollte sich nicht mittels einer auktorialen Perspektive zum Herrscher über all die Fakten und Meinungen machen, noch  machen wollen. Es ist menschlicher, eine literarische Figur sprechen zu lassen.

3
Die französische Sicht auf diese Zeit ist hoch interessant. & es sind sehr viele interessante Details enthalten. So etwas fand man (ich) in Deutschland bisher nicht.
Während jener Zeit meint die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Armee des NSDAP-Regimes. Das Hotel wird wie viele andere auch vom NSDAP-Regime requiriert, für die Abwehr, die Spionage und Gegenspionagedienste der Armee. Vier Jahre.

4
Während des sich anbahnenden Siegs der Alliierten und nach Abzug der NSDAP-Armee aus Paris wird das Hotel noch zweimal requiriert. Einmal kurz von der nachrückenden französischen Armee. Dann für die aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zurückkehrenden Überlebenden, diese erwartend:

"... Dabei wird ein medizinischer Assistent feststellen, wer die Räude hat, und die Betreffenden mit einer Benzyl-Benzoat-Lösung einpinseln. Dann Größe messen und Gewicht feststellen, Pockenimpfung, vollständige Untersuchung. Besonderes Augenmerk auf ansteckende Krankheiten und Geschlechtskrankheiten. Machen Sie sich abgesehen davon auf viele Fälle von Tuberkulose in Gestalt von wilder Lungenentzündung gefasst. Wahrscheinlich werden Sie es mit ruinierten Organismen zu tun haben. Geschätztes Durchschnittsgewicht: um 48 Kilo. Fragen?"
(S. 323).

5
Das als Danksagung und "Schulden" deklarierte Quellenverzeichnis umfasst 56 Bücher, 20 wissenschaftliche Aufsätze, zwei gefilmte Beiträge, Daten aus vier Archiven und weitere Personen.

Doch eine Großtat.


Pierre Assouline, Lutetias Geheimnisse, Blessing, 448 Seiten, ISBN 978-3896672872, vergriffen, antiquarisch ca. 25 Euro

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Martin A. Hainz schrieb uns am 20.12.2018
Thema: Christina Höfferer: Jüdisches Rom

Bei Mandelbaum erscheinen unter anderem Städteführer, die allerdings den Leser nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit drängen, sondern sich um Aspekte bemühen, die erklärt werden, auf dass die Stadt – hier Rom – besser verstanden werde, nämlich: das jüdische Rom. Es ist also ein Entdecken der Spuren aus dem heraus, was die Geschichtswissenschaft weiß, und zwar auch aufgrund jener Spuren.

Dabei zeigt sich, dass es zweimal Rom gibt; einmal das weltoffene, das auf Austausch setzt und dementsprechend mit universellen Rechten operiert und dem Judentum Raum gibt, dann aber auch jenes, das eine verengte Weltsicht zeigt, durchaus wegen des Christentums, das aber zugleich universell sein will und es mitunter ist:
Es ist solidarisch, aber auch ein Feind, ein jedenfalls unzuverlässiges Gegenüber.
Von Beschlagnahmungen aller Ausgaben des Talmud, derer man habhaft werden konnte, nach einer „ruhigen Koexistenz von Juden und Christen in Rom“, Konflikten zwischen Kapital und so etwas wie (Kirchen-)Adel, einer erneuten Emanzipation erst unter französischer Herrschaft, also 1976/97, als die zuvor „ghettoisierten Juden gleichberechtigte Citoyens“ wurden, und der Ambivalenz von Pius XII. erfährt man hier, wobei diese Episode von Rolf Hochhuth in Der Stellvertreter bekanntlich beschrieben wird.

Diese Geschichte wird hier anhand von Adressen, Inschriften und anderen Spuren in Erinnerung gerufen, ergänzt um Schwarz/Weiß-Abbildungen, die illustrieren, was beschrieben wird, und der Orientierung dienen. Jedem am Thema Interessierten ist der Band sehr zu empfehlen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 19.12.2018
Thema: Philosophie Magazin Reclam: Warum haben wir Kinder?

Das Philosophie Magazin und Reclam geben gemeinsam immer wieder kluge Bände heraus, die Themenkreise abhandeln. Diesmal geht es um Kinder – und genauer: Gründe wie Gegengründe. Dabei wird abgewogen, ob Kinder Projekte, Werke, Spiegel für Egozentriker seien, sozusagen die zufällige biologische Version zu Frankensteins Monster, vielleicht aber auch im Gegenteil das, was „Dezentrierung“ bedeutet: „Entfremdung […] und Selbsthingabe.“ Diese Ambivalenz formuliert Jeanne Burgart Goutal.

Michel Eltchaninoff fragt raffiniert, was der „Wille zum Kind“ denn überhaupt ist, so auch zu Beginn eines Dialogs Élisabeth Badinter, die pragmatischer angibt, man müsse „den familiären
Druck“ zuallererst sehen, dass man das Leben seinen Eltern als Geschenk bestätigt, indem man es ebenfalls macht; dann die „Vorstellung, dass das Kind eine Quelle zusätzlichen Glückes und zusätzlicher Liebe sein wird“, also ein subtiler Egoismus, und als ein anderer Egoismus schließlich auch „das große erzieherische Phantasma“. Badinter schreibt ferner, dass die Geburtenkontrolle „eine unerträgliche Verantwortung“ darstellt: Man ist, da Zeugung und Geburt kontrolliert sind, den Kindern „vollständig verpflichtet.“

Das Resultat: Ratlosigkeit – man kann dem Kind nicht sagen, man wolle „das Kind um des Kindes willen“, obwohl dies Goutal wenigstens andenkt. Badinters Antwort ist dagegen: „Mütter, seid mittelmäßig!“

Über die Väter handelt der Dialog von Dieter Thomä mit Svenja Flaßpöhler. Väter seien überflüssig, so sagt man gerne, aber das wird fast eine positive Qualität, wenn Thomä den Vater schildert, der das Kind auf seinen Füßen und seine Arme haltend gehen lässt: „ein väterliches Hineinhelfen in die Welt […], bei dem sich das Kind getragen und gestützt fühlt, aber gleichzeitig mit dem Übergang liebäugelt, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Wolfram Eilenberger liefert dagegen einen Imperativ: „Du sollst nicht zeugen!“ Dafür spreche die Moral, da Kinder doch nur Egoismus ausdrücken, die Ökologie, der Hedonismus, dass also die egoistische Idee sowieso auch nicht aufgehe, man könne sich auch „als einen Endzustand der Evolution“ genießen, wie er Sloterdijk zitiert, der Existentialismus Ciorans und wie allgemein die Religion, so insbesondere auch deren Unsterblichkeitsargument. Ganz überzeugend ist dies nicht. Und: Wo aber „ist das Kind, das ich war?“ Damit leitet er seinen zweiten Text ein.

Diese und noch weitere Beiträge werden durch klassische Texte ergänzt, wobei die Beschreibung des Bändchens auf der Homepage von Reclam nicht korrekt ist – Platon findet sich wie auch Rousseau, Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche im Band, die Texte von Jacques Derrida sowie Peter Sloterdijk sucht man indes vergebens.

So irritierend dies ist: Der Band ist in Summe ein spannender Beitrag zu spannenden Fragen.

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