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Connie Ruoff schrieb uns am 05.03.2019
Thema: Ingrid Noll: Goldschatz

Rezension „Goldschatz“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll nimmt in „Goldschatz“ den Menschen und seine „Abgründe“ in den Focus. Fünf junge Leute, die nicht so schnell erwachsen werden wollen, sondern ihre Studentenzeit intensiver ausleben und es sich, ihren Eltern und den Nachbarn beweisen wollen, gründen eine alternative WG. Im Zentrum stehen Henry, Trixi und ihre beste Freundin Saskia. Als vermeintlicher Gegenspieler tritt der alte Nachbar Gerhard Gläser auf den Plan.

Trixi, die „Hausbesitzerin“ (eigentlich gehört es ihren Eltern), Henry ihr Lebensgefährte und Saskia, ihre beste Freundin stellen Grundregeln für das Zusammenleben in der WG auf und überlegen, wen sie noch in die
Gemeinschaft aufnehmen können. Wer würde dazu passen?

Das Geld für die nötigen Renovierungen fehlt. Der Fund des Goldschatzes gibt ihnen Hoffnung und ist der Anfang vom Ende.

Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf und ist nicht mehr zu stoppen. Inzwischen sind noch Oliver und Katharina als Mitbewohner dazugekommen. Sollen die Neuen über den Goldschatz informiert werden? Und es fängt mit den Geheimnissen und Lügen an. Zu verschweigen ist auch eine Art Lüge.

Henry ist überzeugter Konsumverweigerer. Die Mädels finden es schön, Konsumverweigerer zu sein und solange sie über kein Geld verfügen, gibt es darüber auch keine Zweifel.

Geheimnisse, Lügen und der Goldschatz machen es den fünf WG-Bewohnern und dem alten Nachbarn schwer, ein „guter Mensch“ zu sein oder zu bleiben.

Wer Ingrid Noll schon gelesen hat, weiß dass ihre Krimis nicht ins normale Gerüst passen. Täter, Opfer und Ermittler werden immer von der zwischenmenschlichen Seite gezeigt. Die Leser sind oft auf Seiten des Täters, weil er (meist eher sie) so sympathisch ist.

Und dennoch: Auch hier gibt es mindestens einen Kriminalfall, mindestens eine Leiche und es gibt Verdächtige. Vom Entwenden eines Grills, über Lüge und Intrige, Diebstahl und Betrug, bis hin zum Tötungsdelikt, findet der Leser in „Goldschatz“ kriminelle Unterhaltung mit ironisch bissigem Flair und einem lächelnden Auge.

5/5 Punkten

Protagonisten
Das Zicklein und der gute Hirte.

Trixi und Henri geben sich diese Kosenamen. Ich dachte, gleich fall ich vor Lachen, oder war es doch vor feministischer Empörung von der Couch. Ingrid Noll zeichnet fantastische Charaktere. Vor allem ihre Frauenbilder sind genial. Gleichwohl, in welcher Lage sich die weiblichen Figuren befinden, nehmen sie tatkräftig ihr Schicksal in die Hand und versuchen, es zu ändern.

Die Frauen sind keine Opfer sondern Akteure.

Ingrid Noll in Playlist:"Die mörderische Welt der Ingrid Noll"
Sprachliche Gestaltung
Die Kapitelllänge ist sehr angenehm. Trixi erzählt in der Ichform die Geschichte. Ich glaube, ich habe das Buch die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf den Lippen gelesen. Oftmals ertappt man sich, dass man ähnlich oder genauso wie Trixi gehandelt hätte. Ingrid Noll findet immer wieder die kleinen menschlichen Schwächen und hält uns den Spiegel vor.

5/5 Punkten

Cover und äußere Erscheinung
Covermotiv: Gemälde von Cyprien Eugène Boulet,
>Femme au châle vert< (Ausschnitt)
© Historic Collection / Alamy Stock Photo

Das Cover zeigt eine hübsche junge Frau.


Ingrid Noll macht einfach Spaß. Sie zeigt uns menschliche Schwächen. Der Schreibstil ist ein wenig bissig, ein bisschen ironisch, manchmal fast schon sarkastisch. Obwohl der Leser ahnt, dass die Blase der Konsumverweigerung und der alternativen WG platzt, (es ist nicht die Frage, ob die Blase platzt, sondern wann und warum sie gerade an diesem Punkt platzt), verliert Ingrid Nolls Roman keineswegs an Spannung, sondern im Gegenteil. Man mag gar nicht mit Lesen aufhören. Ich war so gern dabei. Ich war gerne bei der Musiksession dabei. Ich habe so gern die nächtlichen Besuche von Saskia und Trixi beim Nachbarn begleitet. Die Autorin holt den Leser ganz nahe ans Geschehen ran.

Die Kunst von Ingrid Noll ist es, alltägliche Geschehen so zu erzählen, dass wir die Verhaltensweise gut erkennen, weil wir selbst schon ähnlich reagiert haben oder reagieren und wir als Beobachter hoffen, dass alles ein gutes Ende nimmt, obwohl wir es besser wissen.

Ihre Charaktere sind gut gezeichnet. Man leidet mit ihnen und freut sich mit ihnen. Ich hatte beim Lesen selbst ein schlechtes Gewissen Henri gegenüber, weil er mir mit seinem „Gutmensch sein“ auch mir schon etwas auf die Nerven ging und ich Trixi gut verstehen konnte.

Ich hätte gerne Trixis Leben noch weiter begleitet. Sie ist mir ans Herz gewachsen. Es ist doch schön, dass sie das alte Bauernhaus bewahren möchte, anstatt es niederzureißen. Trotzdem ist es natürlich aus wirtschaftlicher Sicht unvernünftig. Aber es hat etwas von Romantik.


Ich habe das Buch in 1 ½ Tagen gelesen, weil es einfach so leicht zu lesen und dabei so amüsant war.

@Diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 16.01.2019
Thema: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Über Freundschaft und unermessliche Abgründe


Mit gewaltigen Vorschusslorbeeren ist der vielseitige Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara jetzt auch in Deutschland erschienen. Die enthusiastische US-Kritik zu diesem mit Anna Karenina verglichenen „Meisterwerk“, über seine aufwühlende und mitreißende Kraft, erweist sich beim Lesen nicht als falsch, aber als doch nur eine Seite der Medaille.

Die 1974 geborene Yanagihara, die bei der New York Times als Redakteurin für ein Stil-Magazin arbeitet, erzählt in ihrem zweiten Roman von der lebenslangen Freundschaft von vier Männern ganz unterschiedlicher sozio-kultureller Herkunft: dem Juristen Jude, dem Künstler JB,
dem Schauspieler Willem und dem Architekten Malcolm. Sie finden nach ihrem gemeinsamen Studium an einer Universität in New York zusammen und tauchen in eine Szene der kosmopolitischen, kreativen und klugen Köpfe ein: „In dem New York, dass Malcom und seine Freunde bewohnten, verliefen die Trennlinien nicht zwischen Schwarz und weiß, sondern zwischen Steuerklassen.“ Auch die Trennlinien zwischen Hetero, Bi, lesbisch oder schwul sind hier aufgehoben und die Geschlechtsidentitäten oszillieren stetig. Und so werden, nachdem alle vier Freunde in ihren Karrieren durchgestartet sind und verschiedene Partnerschaften erprobt haben, schließlich auch Jude und Willem ein Paar.
Jude bildet das tiefe schwarze Loch in diesem Viergestirn und nach und nach erfährt der Leser, welches unfassbare Märtyrium, welchen unfassbaren Leidensweg aus Verachtung, Gewalt und schwersten Missbrauch  er in seiner Kindheit und Jugend durchgemacht hat. Sein Körper und seine Seele sind voller Narben, die ihm eigentlich jegliche Nähe und Körperlichkeit, jegliches Vertrauen und Glücklichsein auf immer verwehren. Er steht in einem ständigen Kampf mit seinen inneren Ungeheuern, die sein Leben zu verschlingen drohen und die er nur durch exzessives Ritzen seiner selbst zum Schweigen bringen kann. Daran werden weder die späte Adoption durch seinen Jura-Professor Harold und dessen Frau Julia noch seine verzweifelte Liebe zu Willem letztlich etwas ändern können.

Hanya Yanagihara erzählt ihren Roman im stetigen Wechsel der Perspektiven und dringt auf packende Weise tief in das Innerste ihrer Protagonisten und ihrer Beziehungen ein – selten konnte man Romanfiguren über ein halbes Jahrhundert hinweg so genau kennen lernen, ihr Leben mit allen Höhen, Tiefen und Mittellagen teilen, sich mit ihnen freuen und ihr Leid bis hin zu echten Tränen teilen. Yanagahiras Prosa strömt in bestechend geschmeidiger Eleganz dahin, durchmisst die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ebenso präzise wie Szenen in den Straßen und U-Bahnen New Yorks: „Er sah diesem Licht dabei zu, wie es den Bahnwagen wie Sirup füllte, Stirnfalten fortwischte, graue Haare polierte, bis sie golden leuchteten…“.

Doch bei aller erzählerischen Meisterschaft und beeindruckenden Exkursen zu Kunst, Literatur, Mathematik oder Jura offenbart dieser Roman auch Schwachstellen und überzieht deutlich: Zu erfolgreich, um wahr zu sein, erscheinen so die Karrieren der vier Freunde, zu tief und intensiv, erscheint ihre Freundschaft auf Dauer, zu toll und wunderbar das ganze Umfeld aus Freunden, Bekannten und Verwandten. Dieses hochidealisierte soziale Setting vor hippen New Yorker Kulissen bleibt nur durch die krasse Kontrastierung mit der Missbrauchsgeschichte von Jude und seinem alle Fugen des Roman durchdringendem Leiden genießbar. Und dieser unermessliche Abgrund, dieses beschädigte Leben, dieses Ringen um ein wenig Glück, das ist der eigentliche Glanzpunkt dieses in der Tat aufwühlenden Romans.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin, 960 S., 28 Euro.

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David Wunderer schrieb uns am 07.01.2019
Thema: Michael Krüger: Vorübergehende

Michael Krügers Welt

Ich glaube, die Lücke bleibt.
Novelle (13. Versuch, das kommunikationsästhetische Spannungsverhältnis darzustellen)

1
Es war ein Tag im November 2018. Der alte Michael Krüger hatte wieder einen Roman veröffentlicht. Wahrscheinlich wieder ein feinsinniges, wohlformuliertes, linksliberales, bildungsbürgerliches Elaborat. Diesen Abend, gerade eben, stellte er ihn in einer Lesung in der vollbesetzten Buchhandlung Lehmkuhl in München-Schwabing einem ältlichen Publikum (ein anderes hat er nicht) vor.
In seiner Heimat, Krüger hatte im münchner Norden, einen kurzen Fußweg von der Buchhandlung entfernt, seinen Arbeitgeber, den Carl Hanser Verlag, gehabt. /> Der frostgrüne Neonschriftzug der Buchhandlung Lehmkuhl würde in einen finsteren, feuchtkalten Vorwinterabend strahlen.

2
Noch andere Menschen wohnten im münchner Norden. Einer, ungefähr Jahrgang Kehlmann, wie dieser in München Abitur gemacht, Schülerzeitung, sogar einmal eigene bescheidene literarische Ambitionen gehabt. Aber keinerlei Erfolg. Naja, Kehlmann Glück, er Unglück, es ist wie es ist. Heißt David.
Er fand am selben Abend: Ich muss einmal wieder raus, spazierengehen im weiteren Sinn. Unter Menschen gehen. Ich mache einen Abendspaziergang, und trinke dann ein, zwei, drei Bier in einer Kneipe, so bin ich nicht so allein. In einer Kneipe zwei Straßen weiter zu Michael Krügers Lesungsort.
Es gibt zweierlei Abende bei solchen nicht sehr häufigen Spaziergängen. Solche, an denen ihn jemand kennenlernen will, und solche an denen nicht. Wer David kennenlernen will, darf David kennenlernen. Wenn sie-er wissen will, was David macht, bekommt sie-er es meistens erzählt.

(Über sich selbst reden dürfen-müssen, ist exklusives Opferrecht, nicht die Regel. Dann ist es immer noch mitunter beschämend, aber wenigstens legitim).
Seit rund zehn Jahren machte er nichts anderes, und kann nichts anderes machen, als für umsonst zu erzählen, dass er mit einer demonstrativ gewalttätig und plakativ kriminell eingestellten, plärrend lauten funkbasierten Neurohypnose-, Hypnose- und Datenwaffe durch die Gegend geprügelt werde - in seiner Wohnung, außerhalb der EU.
Den ersten Brief Richtung Staat schrieb er 2006, geredet hatte er schon vorher ein bisschen. Aufgegeben, mit dem Staat zu kommunizieren, und die Sache zu publizieren begann er 2011/12. Hat auch immer ein paar Zettel mit seinen Buchdaten dabei, weil das ihm die Erzählung erleichtert, ihn, der überlastet, entlastet.
http://www.david-wunderer.de/img/SuIL2_Zettel_15prz.jpg
2006 wie heute war-ist er der Überzeugung, eine wahre Geschichte zu erzählen.
Irgendwann kommt auch wieder jemand anderes darauf, dass es eine wahre Geschichte ist - sein muss.
Aber sprich David bloß nicht auf Michael Krüger an (der gerade zwei Straßen weiter aus seinem neuen Roman liest):

3
Den dürfe er nicht mögen.  Krüger gehöre irgendwie zur Merkelbriefbande. Falsche Lauschangriffsdebatte.
Krüger ist als ehemaliger Verlagsleiter verantwortlich für Angriff auf die Freiheit des Autorenduos Juli Zeh und Ilija Trojanow , ursprünglich C. Hanser, heute dtv, und hat damit die Merkelbriefbande initialisiert. Angriff auf die Freiheit habe David nur angelesen, es sah aber als nichts anderes aus als referierte Zeitungsartikel.
Zeh-Trojanow seien oder waren die Köpfe der Merkelbriefbande, deren Aktivitäten bezüglich staatlicher Computerüberwachung im höchst auflagenstark verbreiteten Merkelbrief{FN1} gipfelte.
Die Merkelbriefbande: Paralleldebatte, primitiv. Kein gesellschaftlicher Nutzen. Diskutieren seit zehn Jahre ein einfaches Detail jedes Betriebssystems, den Port.
Primitiv und korrupt: Schickten die den Merkelbrief an einen ordentlichen Informatikstudenten ab drittes Semester (statt an die Merkel), der hätte es Ihnen erklärt, das hätte einen informationellen Mehrwert für die Gesellschaft gegeben. Die beiden enthaltenen juristischen Sachverhalte hätte der auch gleich noch verbessert.
Primitiv und korrupt: Hätte aber viel weniger Publicity gegeben. Um informationellen Mehrwert ging es wohl nicht, sondern um einen Werbehintergrund. Die wollten so oft wie möglich mit der Merkel zusammen in der Zeitung stehen. Die sehr ernstzunehmende Problematik wurde neben der Merkel  auch als Werbehintergrund benutzt.
Primitiv und korrupt: Die Gesellschaft ist (Die Leitmedien sind) mit der Diskussion meiner Sache zehn Jahre in Verzug. Die wurde immer durch diese primitive Pseudodebatte dieser Erfolgsautoren ersetzt - die schnell abhandelbar gewesen wäre.
Skrupellos und kriminell: Die lenkten erfolgreich und lenken von innenpolitischen Problemen, ach was, Skandalen, ab (mir und meiner Hypnosewaffengeschichte) - und schieben alles im Sachzusammenhang auf die USA.
David behauptet, er würde häufig in der Erstfassung seiner Texte automatisch Merkelbriefbande schreiben, schwäche das beim Redigieren dann zu Merkelbriefgruppe ab.
David wirft also unlauteres bis kriminelles bis mörderisches, und sehr erfolgreiches, inkompetentes Konkurrentengehacke und -gegockel vor. Aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und sonstwoher. Will aber in aller Regel nichts sagen.

4
Durch diese kommunikative Lücke entstehen, verdichtet beschrieben, zwei (linke) Parallelwelten im münchner Norden (und hoffentlich nicht nur dort). Die ältlichen, mehrheitlich linksliberalen, ahnungslosen guten Menschen, die bei Krüger in der Lesung sitzen, hier. Da die, die mich kennenlernen wollten, und durch meine Hypnosewaffenerzählung erschüttert werden.
Am nächsten Morgen haben alle Zuhörer wieder ihre eigenen Sorgen und ihre eigene Aufgabe in der arbeitsteiligen Gesellschaft. Ich glaube, die Lücke bleibt.

5
David könnte jederzeit etwas aggressiver und offensiver werden. Auf sein Fahrrad steigen, nach Schwabing radeln und eine Ein-Mann Demo machen. Irgendein Sample obigen Textes in der Nähe vom Lehmkuhl an einen Laternenpfahl hängen, und/ oder aus Prinzip irgend einen Text wie oben aufsagen. Dann würde sich kommunikativ wieder etwas verschieben.
Könnte auch anderweitig mehr reden: Nach zehn Jahren sozialer Isolation mal wieder versuchen, während eines Abendspaziergangs initiativ jemanden kennenzulernen.

6
Entdichtung:
Nicht wahr ist, dass ein Abendspaziergang am selben Abend stattgefunden hätte. Nicht wahr ist, dass in so einer Kneipe das Gespräch bis zu Michael Krüger oder der Merkelbriefbande je gereicht hätte. Das erst am Heimarbeitsplatz oder hypnosewaffenoktroyiert oder unter anderen Literaturinteressierten im Internet oder qua Pflichtabgabe.
Wahr über Davids/ meine Psyche ist im Unterschied zur Erzählung, dass ich ausweichen würde, wenn ich rechtzeitig erfahren würde, dass ein Mitglied der Merkelbriefgruppe im Lehmkuhl liest und ich gleichzeitig einen Abendspaziergang machen will. Ich würde den Abendspaziergang woanders hin, weiter weg verlegen.
Verachtung ist ein Gefühl (wie Liebe oder Hass) - alle sind manchmal irrational, gehören überprüft und revidiert - und manchmal gerechtfertigt.
Wahr sind die Spaziergänge: In Uni-Nähe lief mir mehrmals Lena Gorelik über den Weg. Die erkennt man sofort. Bisschen dick gewesen das letzte Mal.
Von dem Sektglas, das Jo Lendle, Krügers Nachfolger beim Carl Hanser Verlag, beim Nobelpreisdinner geklaut (die sind bestimmt abgezählt), und dann im Internet in einer Adventskalenderaktion verlost hat, habe ich vielleicht auch noch ein Bildschirmfoto in irgendwelchen Backups.

7 Epilog
Ich habe keine Zeile des besprochenen Buches gelesen. Ist bestimmt wieder ein Roman von der Stange, ein Schemaroman, wie das bei mir heißt. Lohnt wie jedesmal nicht.
Den Schaden hat die Literatur (Streeruwitz 2018 im Standard über das Bachmannpreiswettlesen).
Naja, ich darf die Merkelbriefgruppe so widerlich finden wie ich will.
Was für eine Literatur überhaupt noch?

Michael Krüger: Vorübergehende, ISBN 978-3709934388, Haymon.
vs.
Juli Zeh/ Ilija Trojanow: Angriff auf die Freiheit, ISBN 978-3423346023, dtv.
und
{FN1} Mit Merkelbrief ist die offene  Petition, von Juli Zeh und Ilija Trojanow initiiert, gemeint, die rund 50 deutschsprachige Autoren unterzeichnet hatten (bis hin zu Robert Menasse und Josef Haslinger), die damals von FAZ und Bild mit abgedruckt worden war und heute, 201812, immer noch auf change.org steht.
http://https://www.change.org/p/bundeskanzlerin-angela-merkel-angemessene-reaktion-auf-die-nsa-aff%C3%A4re

vs.
Marco Bsondermann (pseud.): Sie und Ihr Lauschangriff 2 (immer noch Neurohypnose-, Hypnose- und Datenwaffe), 298 Seiten (kein Großdruck), ISBN 9781326410117, 2015.
und
Marco Bsondermann (pseud.): Erpresserischer Stil und erpresserische Art in der deutschen Gegenwartsliteratur, Stichworte zur journalistischen Ethik, Zwei Broschüren sowie Verrisse, von Marco Bsondermann (pseud.), 68 Seiten (kein Großdruck), ISBN 978-0-244-02049-1, 2017.

P.S.: Krüger und sein Publikum für links zu erklären, ohne es so genau zu wissen, begründe ich so. Angemerkt, auch weil ich in letzter Zeit so viele Bayern-Klischees zur Kenntnis nehmen musste:
- Krüger wirkt bei Veranstaltungen wie diesen mit: So 27.1.19 // 17 Uhr // Saal (mit Pausen-Bar)/ Internationaler Holocaust Gedenktag/ Primo Levi: ›Ist das ein Mensch?‹
Ein Abend mit Maike Albath, Marco Belpoliti & Michael Krüger.

- Der Stimmkreis, in dem die Buchhandlung liegt und in dem ich, am anderen Ende, wohne, hat (trotz insgesamten Rechtsrucks) bei der LTW 2018 links gewählt, ~ 35% Grüne, 21% CSU, 13% SPD, 13% F.D.P., AfD, Freie Wähler, Linkspartei je 4-5%.
P.S.: Ich habe mich mit der Ansage, laut werden zu wollen in Richtung Fachwelt, hier angemeldet. Vier bis acht Aufsätze, dann bin ich wieder still.

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Heinrich Detering: Wundertiere

Die Gedichte in Wundertiere kommen teilweise erstaunlich kindlich daher. Wollen Ton der Unschuld erzeugen. Halten definierte Benennung eher für Irreführung denn für Weg zum Ziel. Setzen auf Bündnis mit klugem, kleinem, bedrohtem Tier, auch mit einer Wolke.

Daneben gibt es aber auch die Texte des Gelehrtenautors Heinrich Detering (geb. 1959), die einen historischen bzw. literarhistorischen Standort mit seinen Akteuren ins Gedächtnis rufen.

In ersterer Kategorie sind die eindrucksvolleren der 64 Texte nach 4 Abteilungen (knappe Anmerkungen im Anhang) zu Haus. In ihnen bekennt ein „ich“ oder ein „wir“ poetische Farbe. Hier stoßen wir auf das vielleicht beste Gedicht des Bandes:
/>     an der trave: mühsam folge ich / im Schnee der Hasenfährte / auch ein Gejagter // am schwarzen Wasser / schneeweiß der Reiher im Schnee / steht ganz still wie ich // oben und unten / warten die Mondsicheln auf / Reiher Hase mich

Hier hat sich der Schneid des Autors ausgezahlt, dem auch in der gegenwärtigen Literatur mitunter scheinbar so wichtigen Turbogewimmel und – gebimmel eine nur scheinbar statische, nur scheinbar unzeitgemäße Stillansicht entgegenzustellen. Fein gewoben wie ein Teppichtibet entfaltet er die Opposition von „oben und unten“, führt vor, wie „ein Gejagter“ rasend entfliehen, aber auch „mühsam“ stapfen kann. Aus solchem Stoff sind glücklicherweise immer noch diejenigen Gedichte, die bleiben können sollten.

Alle möglichen Tiere freuen sich also über des Dichters tiefe Solidarität, meist Vögel: Kuckuck, Sperling; erst recht namenlose „kleine Vögel“, die das Kind Jesus sich einst aus Ton erschaffen hatte und die ihn nun auf seinem letzten Gang umschwirren.

Im biblischen Kontext auch, Gedicht „adamitisch“, wird der Dichter poetologisch, programmatisch, erläutert seine Vorliebe des kurzen Gedichts, das den unspektakulären Gestus des Büßers in Sprache und Sujet bevorzugt, dabei auf die Eigendynamik geheimnisvoller Wortoffenheit setzt:

    … als Adam allen Tieren Namen gab / verbannte er sich selbst mit jedem Wort / in einer Sprache die sie nichts anging // als Adam allen Tieren Namen gab / krähten bellten zwitscherten sie weiter / und trotteten flogen zogen bloß fort // zu dunklen Wundern und zum / stummen Grund zum / stummen Grund

Ein Dichter, der die fulminante Metapher demnach scheut, eine sehr gelungene  aber doch zu finden im Stande ist (Gedicht „Kuckuck“):

    … die kleinen Wellen leckten vom Ufer / alles Erinnern dann kam Nacht

Ein Dichter, der hier in gemeinsamer Abneigung gegen eine vorherrschend mathematische Welt mit Novalis auf der Lauer gelegen haben könnte, denn

    … wir lagen am Seeufer wir zählten nicht // die kleinen Wellen …

Warum sollte es aber nicht auch die LeserInnen geben, die Deterings rein begrifflich moderner, großstädtisch anmutenden Gedichte in diesem Band schätzen werden?

Wenn in „Samstagnacht, Angelo’s“ die Rauschstrecke einer Barbesucherin nachgezeichnet wird:

    … die Zeit verliert von selber an Bedeutung / der Brechreiz geht wie unbemerkt vorbei / es fühlt sich an als zählte man bis drei / es fühlt sich an wie eine letzte Häutung …

Oder im Gedicht “Birmingham“ pietätslose Heranwachsende neben einen routinierten Bettler platziert werden:

    die Jugend von Birmingham sitzt auf den Gräbern / bleich mit gefärbten Haaren und schwarzen Jacken // … der obdachlose Mann … / … zieht die Matratze höher / hustet spuckt aus und sagt für ein Pfund God bless you

Wobei das Hauptinteresse des Dichters aber nicht dem sozialen Aspekt gilt sondern dem existenziellen, der drohenden Namenlosigkeit eines menschlichen Lebens:

    … weicher Sandstein die Namen nicht zu entziffern …

Reflexionen über Tod und die Toten bilden überhaupt einen Höhepunkt in Wundertiere. Angesichts der allerschwersten Lebensaspekte kann Detering seine Lakonie, die andernorts manchmal fast bis ins Undichterische treibt, besonders wirksam ausführen, wobei ihm in „die Toten“ eine so schlichte wie wunderbare Schlusszeile gelingt:

    die Toten altern schneller als man denkt // die Toten sind die die man bei drei Grad Frost in ein Erdloch legt / die Toten sind die die achtlos im blühenden Löwenzahn liegen / die Toten sind die die einfach liegenbleiben wo sie sind // den Toten ist alles egal / sie haben alle Zeit der Welt / sie haben gar keine Zeit // sie sind ja nicht mal hier

Heinrich Deterings Gedichte in Wundertiere wirken sympathisch. Der jeweilige Sprecher entzaubert Ideologien, gibt sich naiv, dann gebildet, lehnt sich an Kindheit und Tier, hat Bedenkenswertes zu sagen zu Tod und Vergänglichkeit. Hauptaugenmerk liegt aber auf der Sprache selber, den gewähnten Gewissheiten, den Namensgebungen. Denen habe man sich nach scheinbar allgemein gültiger Festlegung wieder in Demut zu entfernen.

(R.S., 2015)

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Jeremy Adler: Das bittere Brot

Dieses schmale Buch, inklusive dreier hübscher Autorenfotos, hat reichen Inhalt. Es handelt sich um eine Studie zum deutschsprachigen Nachkriegsexil mit einem Fokus auf England, genauer: auf London, und damit zu einem Gegenstand, der laut Michael Krüger (Nachwort, sechsseitig) bislang im Gegensatz zum amerikanischen Exil stark vernachlässigt wurde:
Die deutsche Prominenz in Kalifornien und New York ist bestens dokumentiert. … Für die Arbeit der deutschen Schriftsteller, Geisteswissenschaftler und Künstler, die England als Fluchtort gewählt haben, ist eine solche Transparenz nicht zu haben.
Der Autor, der dieser Malaise nun erste, aber dafür gleich profunde Abhilfe verschafft, konzentriert sich dabei auf das Dreigestirn H. G. Adler,
Elias Canetti und Franz Baermann Steiner, das zu den
interessantesten deutschsprachigen Exilgruppen der Nachkriegszeit
gehört (Klappentext des Verlags). Allen drei Personen ist der Autor Jeremy Adler, geb. 1947, Professor Emeritus für Germanistik am King‘s College London, selbst begegnet, einem von ihnen, weil es sich um seinen Vater handelt. Deshalb ist es verständlich, dass das abschließende Kapitel III des Buches eben H. G. Adler gewidmet ist, und zwar recht zentral in seiner Eigenschaft als Gegenspieler von Adorno (dieser Teil des Buches ist im Jahr 2000 schon einmal eigenständig erschienen, und zwar unter der Überschrift: „Good against Evil? H. G. Adler, T. W. Adorno and the Representation of the Holocaust“).
Jeremy Adlers Buch, obwohl grundsätzlich wissenschaftlich dargeboten (im Anhang ist eine dreiseitige Literaturliste), liest sich flüssig, da der Leser dem Autor abnimmt, wie lohnenswert eine breitere Beschäftigung mit dem Gegenstand ist oder fürderhin noch wäre. Zudem ist es zugleich rührend und von der Sache her wohl ganz und gar gerechtfertigt, wie löwenhaft der Sohn für eine günstige Rezeption des literarischen und soziologischen Werks des Vaters eintritt. Der Autor hält auch manche auflockernde biographisch-anekdotische Einzelheit bereit.
Das Buch mit seinen drei Kapiteln ist klar nachvollziehbar eingeteilt: Kapitel I ist ein Abriss über die Geschichte des Exils ab biblischer Zeit, schließlich mit besonderem Blick auf England bzw. London während der Jahre der Naziherrschaft. Für diese Zeit steckt der Autor eingangs noch einmal die passenden Koordinaten ab, indem er Karl Jaspers‘ markante Metapher von Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtergreifung als verwandelt in „ein ‚geistiges Gefängnis‘“ anführt, um dann in eigener Einschätzung fortzufahren:
Fast die ganze geistige Welt, die sich von der Aufklärung bis zur Weimarer Republik in Deutschland entfaltet hatte, wanderte aus.
Eingedenk des insgesamt ungünstigen Vergleichs mit der Rezeption des deutschsprachigen Exils in Amerika sieht der Autor in London jedoch
in politischer und moralischer Hinsicht … die eigentliche Hauptstadt des Exils.
und verweist u.a. auf die bedeutende aufklärerische Rolle der BBC, aber auch auf Thomas Manns Reden von London aus, deren Einfluss gleichwohl „schwer einzuschätzen“ bleibe. Da lt. Autor die englische Gesellschaft konservativer als die in Amerika war,
waren die Exulanten [Schreibweise so durchgängig im Buch, R.S.], die hierblieben, … in den meisten Fällen entsprechend konservativer. … Die einzige Figur der deutschen Avantgarde unter den Exulanten dürfte Kurt Schwitters gewesen sein.
Nachdem er detailliert die Namen deutschsprachiger Exilgruppen in London nennt, wirft er ein Licht auf die offizielle englische Aufnahmepolitik jener Jahre:
Man hat in letzter Zeit den Standpunkt der englischen Regierung äußerst kritisch untersucht. … Man schätzt heute, daß in den Jahren 1933-39 ungefähr 90.000 Emigranten in England Zuflucht fanden, wovon 85 bis 90% Juden waren, allerdings war das laut Vicomte Samuel nur ein ‚tiny trickle‘ der Gesamtzahl. Etwa 900.000 – nach der Schätzung von Louise London – hat man nicht hineingelassen.
Im Anschluss an die Benennung zahlreicher Akteure mit ihren Aktivitäten in dem Wechselspiel zwischen Emigranten und englischer Öffentlichkeit kommt Adler zu einem positiven Resultat:
Manches spricht für die These, daß sich eine mitteleuropäische Kulturaristokratie in England gebildet hat.
Im Mittelkapitel des Buches findet dann die Beschäftigung mit Werk und enger persönlicher Beziehung der „drei Freunde“ A. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner statt, deren Arbeiten sehr vielgestaltig waren:
Sie verfaßten Romane und Erzählungen, Dramen und Gedichte, Aufzeichnungen und Essays, und große wissenschaftliche Monographien.
In engagierter Sprache verdeutlicht der Autor die Intensität des dichterischen Selbstverständnisses der drei während ihres Londoner Exils und davor:
Was den Freundeskreis kennzeichnet ist sowohl das erschütternde Schicksal der Einzelnen als auch ihre ständige Auseinandersetzung mit den sie beschäftigenden Fragen. Jeder war in seiner Weise ein Opfer. Jeder war in seiner Weise ein Zeuge. Jeder verstand es, seine demütigende Lage zu meistern. … Man durchschaute das Grauen der Zeit. Man wehrte sich gegen die Attacken, welche das Jahrhundert mit sich brachte. Man war ausgeliefert. Man litt. Man verlor Identität und Heimat – und doch, man bediente sich der Sprache, um Grenzen auszuloten, Schrecken entgegenzuwirken und die Welt in neuer Form wiederherzustellen. Gegen die modernen Wirren setzte man vor allem die althergebrachte Idee der Dichtung ein.
Aber jeder hatte daneben auch den Ehrgeiz,
... mit einer großen Monographie gegen die Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts aufzutreten ...
was Canetti dann mit "Masse und Macht" (1960) gelang; A.G. Adler (zunächst im vorbereitenden Aufsatz "Mensch und Masse") mit "Theresienstadt 1941-1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft" (1955); Baermann-Steiner mit "A Comparative Study of the Forms of Slavery" (1949).
Hieran schließt sich des Autors bitterer Vorwurf an „die deutsche Literaturgeschichte“ an, die
bis heute aber … die Existenz dieser Gruppe kaum wahrgenommen
habe. Breiten Raum gibt der Autor dem Vergleich der drei Freunde in ihrer schließlich überwiegenden Übereinstimmung bei punktuell (wohl auch grundsätzlich) großen Divergenzen -
Canetti glaubte an die Macht des Bösen, Adler an die Übermacht des Guten
- wobei er hier und im weiteren Verlauf des Buches mit einigen Seitenhieben auf Canetti besonders dessen Verhältnis zu seinem Vater beleuchtet:
Canetti schreibt mit eigenartiger Distanz über den alten Freund [H.G. Adler nämlich, R.S.] und hütet sich davor, auf die Freundschaft als solche einzugehen.
Jedenfalls hatten sich die drei ab 1937 fest im Blick:
H.G. Adler machte … 1937 Canettis Bekanntschaft, als dieser aus seinem Roman Die Blendung in Prag vorlas, Steiner aber zu einem Studienaufenthalt in London weilte.
Während Steiner und Canetti rechtzeitig auswandern können, wird H. G. Adler Opfer der Shoah. Sein Sohn kann nicht umhin, Steiner und vor allem Canetti eine gewisse Mitschuld wegen deren Zögerlichkeit bis Untätigkeit bei Adlers Hilferufen aus Prag zu geben:
Am 11. April [1939, R.S.], als die Ausreise noch möglich war, schrieb er [H. G. Adler, R. S.] an Steiner: ‚Nun möchte ich gerne wissen, was Du, Elias und Eure Freunde für Schritte eingeleitet haben …?‘
Der Autor kann nicht umhin, auf die noble Reaktion des Vaters zu verweisen:
Das moralische Versagen seiner Freunde thematisierte Adler in seinem späteren Leben mit keinem Wort.
So dass sich das Dreigestirn im Februar 1947
im eigentlichen Sinne des Wortes zum ersten Mal konstituiert.
Der Autor erläutert, warum vor allem die o. ä. Hauptwerke der drei Freunde durch die Umstände des Exils befördert wurden, ja, gerade nur aus seiner Einbettung heraus denkbar sind, denn sie
hätten nicht in einem konventionellen akademischen Kontext entstehen können. … Erst indem die Autoren ihre Methoden erfanden, konnten sie ihr Ziel erreichen, den Leser zu erschüttern. So spiegeln diese Werke die Isolation ihrer Autoren. Wer sie liest, kostet das, was Dante als „das bittere Brot des Exils“ bezeichnet.
Als Beispiel der Unterschiedlichkeit zwischen mitteleuropäischer und englischer Weltanschauung nennt der Autor den Topos „Einsamkeit“, der von den Mitteleuropäern begrüßt und als zentral gesehen werde, von englischen Autoren – Ausnahme sei Wordsworth – abgelehnt werde: So bei Eliot.
Steiner ist derjenige, der H. G. Adler in die Londoner Gesellschaft einführt, wobei er ihn auch mit Erich Fried und Michael Hamburger bekannt macht. Durchaus unterschiedlich sei schließlich die gefühlsmäßige Haltung der drei Exilanten zu ihrem Gastland ausgefallen: Hass bei Canetti, Hassliebe bei Steiner, zunehmende Wertschätzung bei Adler.
Abschließendes Kapitel III ist schließlich ganz auf H. G. Adler ausgerichtet, wobei der Autor eingangs Peter Demetz zitiert. Dieser sieht H.G. Adler
in der Epoche der Shoah als Verbündeten Primo Levis und Elie Wiesls.
Im Folgenden geht es dem Verfasser darum, die bislang wohl unangemessene Rezeption des Werkes seines Vaters zu verdeutlichen:
Es gehört zu den großen intellektuellen Skandalen unserer Zeit, daß seine wichtigsten Bücher erst noch ins Englische übersetzt werden müssen – die persönlichen wie jene, die der Suche nach der historischen Wahrheit gewidmet sind.
Zentral für diese Zurückweisung scheint dem Sohn, dass H. G. Adlers 'Optimismus' im Widerspruch zum dominanten Adorno und dessen Pessimismus stehe. So werde von der
'Keine-Kunst-nach Auschwitz'-Schule
gefeiert: Celan, jedoch nicht Katzenelson; Plath, jedoch nicht Kolmar. Dem Autor aber scheint es deshalb
an der Zeit, über die Tabus nachzudenken, die in der Diskussion über die Darstellung der 'Endlösung' stillschweigend errichtet wurden. Es sind nämlich diese Tabus, die dafür sorgen, daß Werke von der Art wie Adorno sie lobt, und die, vereinfacht gesagt, in einen breiteren Kulturnegativismus eingeordnet werden können, weite Verbreitung finden, während andere, die diesen Kategorien widersprechen und bekräftigen, daß das Gute schließlich obsiegt, ignoriert werden.
Den Lebensweg H. G. Adlers bio- und bibliographisch nachzeichnend, spricht der Autor zunächst hinsichtlich der Lagerlyrik sowohl ästhetisch alsauch ethisch von der
Affirmation des menschlichen Wertes – selbst in der Hölle.
Für H.G. Adlers große Theresienstadt-Monographie dann –
zwar als Dokumentation verfaßt, aber aufgebaut wie ein Roman
– konstatiert der Autor in Anbetracht seiner Rezeption in England, dass
von einer Handvoll bemerkenswerter Ausnahmen abgesehen
Desinteresse bis Feindseligkeit bestehen, während das Werk in Deutschland
als dokumentarische Grundlage für die Verabschiedung des Bundesentschädigungsgesetzes
herangezogen und in Israel Adolf Eichmann vor dessen Prozess als Lektüre vorgesetzt wurde.
Der Autor analysiert sodann detailliert Charakteristika von H. G. Adlers Romanen "Unsichtbare Wand", "Panorama" und besonders "Eine Reise", wobei er deren ungenügend (an)erkannte methodologische Modernität herausstreicht:
Ereignisse werden dadurch verfremdet, daß Anspielungen auf nationale Stereotype, sei es ‚jüdisch‘ oder ‚deutsch‘, vermieden und unterschiedliche Techniken angewandt werden – Dokumentation, Montage, Stream of consciousness, Ironie, Lyrismus -, um das Unvorstellbare zu vermitteln.
In Punkto Vermeidung von Stereotypen nennt er als erhellendes Beispiel, wie in "Panorama" anstelle von "Juden" und "Deutschen/Nazis" von "Verlorenen" und von "Verschworenen" die Rede ist. Außerdem müsse endlich die Komplexität der Kritik an der Moderne bei H. G. Adler verstanden werden:
Ein solcher Radikalismus in der Darstellung von Auschwitz ist mit einer umfassenden Kritik an der Moderne verbunden. Technik, Ökonomie, Konsumismus, Bildung, Wissenschaft, Medizin und die Presse – ein in Eine Reise allgegenwärtiges Kraussches Thema: Sie alle partizipieren an den hier dargestellten Verbrechen.
Es folgt noch einmal eine stark emotionale Skizze des Antagonismus zwischen H. G. Adler und Adorno: Adorno mit seiner "Lobeshymne auf die Negativität", die auch in dessen  Polemik gegen Arnold Schönbergs "Die Überlebenden von Warschau" zu finden sei, weil dieses Werk das jüdische Schicksal ästhetisiere, "als hätte es irgendeinen Sinn"; Adler, der in seiner
Bewahrung des Glaubens an die Kontinuität der menschlichen Ethik und die positive Darstellung der Hoffnung
von Canetti und Böll gestützt wird, wenn wir dem Buch glauben dürfen. Adorno, mitunter auch einmal versöhnlicher, hatte H. G. Adler wegen seiner
Schützengrabenreligion des Entronnenen
verspottet; H. G. Adler seinerseits revanchierte sich auf ureigenstem Terrain:
Es hat den Anschein, daß die Person Adorno in das satirische Portrait des Professors Kratzenstein in Adlers "Die unsichtbare Wand" eingeflossen ist. Das Gemisch aus Marxismus und Psychoanalyse, über das Kratzenstein faselt, liest sich wie eine Parodie auf Adornos Philosophie.
Anscheinend ein wenig ermüdet von den zuvor so akribisch nachgezeichneten ideologischen Gefechten der Vergangenheit schließt Jeremy Adler sein Buch ab mit einem pauschalen Plädoyer für dasjenige Werk des betrachteten Dreigestirns, das ihm am meisten am Herzen liegt:
Wie auch immer – die Zeit ist reif für eine Neubewertung von H. G. Adlers Werk.
Der Wallstein Verlag hat mit "Das bittere Brot" einen weiteren Titel von aufklärerischem Wert vorgelegt. Sein Thema: Ein bislang vernachlässigtes. Sein Autor: als Zeitzeuge, Sohn und seinerseits Romanautor besonders hautnah dran. Seine Leser: die an der Thematik der deutschen und österreichischen Emigration nach England während der Nazi– und der unmittelbaren Nachkriegszeit weiterhin (bzw. jetzt erst recht) Interessierten.

(R.S.,2016)

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Rainer Strobelt schrieb uns am 01.01.2019
Thema: Wulf Kirsten: fliehende ansicht

Wulf Kirsten, der in Weimar lebt, hatte die letzten drei seiner sieben Gedichtbände im Ammann-Verlag, Zürich veröffentlicht, zuletzt erdlebenbilder (2004). Nach dessen Schließung im Jahr 2010 legt der Vielgeehrte, vor zwei Jahren schließlich Ringelnatz-Preisträger, nun bei S.Fischer seinen neuesten Gedichteband fliehende ansicht vor. Es handelt sich um ein Hardcover-Buch in guter Verarbeitung (incl. Lesebändchen), lesefreundlichem Druck, d.h. Typengröße sowie Zwischenräume erscheinen passend.
Der Band bietet 60 Gedichte, chronologisch nach ihrem Entstehungsdatum angeordnet (zwischen 2004 und 2011), wobei die Mehrfachdatierung einiger weniger auf relevante Überarbeitung hindeutet.
Formal setzt Kirsten weiterhin auf
konsequente Kleinschreibung mit Ausnahme von Eigennamen. Allerdings kommen Satzzeichen zur Geltung: Meist strukturieren Kommas den Fluss der Rede; stets ist ein abschließender Punkt gesetzt, was die Einmaligkeit, also die Kostbarkeit der jeweiligen Episode unterstreicht. Genauso jedoch die Kirstensche Bescheidenheit: Dass nämlich nicht jedes Dichterwort in eine nebulöse Zeitlosigkeit geraunt ist.
Kirsten vertraut überwiegend freien, narrativ gehaltenen Sequenzen, die er meist in einheitlichem Block darbietet; seltener in Strophen unterteilt, wenn thematisch angeraten, wie im Gedicht „dorfkindheit, vom krieg überrollt“, da es gilt, den jeweiligen, wohl erstmaligen Einzeleindruck auf die kindliche Seele hervorzuheben. Der Reim allerdings schneidet in diesem Band schlecht ab: Nur in zwei Gedichten verwendet Kirsten ihn, wobei der monotone Paarreim die Aufgabe hat, harsche Kritik zu steigern; einmal in „denkfiguren“ an Demagogen jedweder Art (in dicken schwaden qualmen die phrasen,/vollmundig in den himmel geblasen.), sowie in „lebenslagen“ an skrupellosen Geschäftemachern (bedeppert sitzen in der schuldenfalle/mit weniger als nichts auf der kralle.)
Der umgangssprachliche Ton hier wie auch des Dichters abschließender Rat werdet meister im hakenschlagen/in diesen unsicheren lebenslagen (hier beinah an Günter Eichs Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt! erinnernd) weist aus, dass es sich bei Wulf Kirsten keineswegs „nur“ um den Landschaftsdichter handelt, der sich eines archaischen, meist dörflich-bäuerlich geprägten Wortschatzes bediene.
Die gesellschaftskritischen Texte (s.o.) bilden nämlich einen durchaus markanten Teil in fliehende ansicht: Kritik an gleichmachender Warengesellschaft: allmacht des marktes („dezembermorgen“), Wegwerfgesellschaft, Arbeitslosigkeit („gespräch zaunabwärts“: irgendwas stimmt nicht,/in dieser weltordnung), an Wendehälsen („wo denkst du hin?“); Kritik, deutlich genug, für jeden, der auch diesen Aspekt bei Kirsten wahrnehmen möchte. Selbst die deutsche Kanzlerin schafft es in ein Kirstengedicht, mild persifliert („zwei worte“).
Solche Texte sind vom spezifisch deutsch-deutschen aber auch gesellschaftskritisch-globalen Standpunkt aus bedeutende künstlerisch-sprachliche Belege, doch wird Kirsten als Dichter freier, wenn er geschätzte Menschen und ebensolche Landschaft ins Feld führen kann.
Eine besondere und sympathische Stärke Kirstens ist der beharrliche Verweis auf bekannte oder, lieber noch, unbekanntere Schriftstellerkollegen, so auch die Angabe von möglichen eigenen poetologischen Einflüssen nicht scheuend, sei es in direkter Widmung, vorangestelltem Zitat, Nachruf oder Einbau in den Korpus des Gedichts, öfters aus dem böhmisch oder mährischen Bereich, u.a. auf Friedrich Nietzsche, Jakob Haringer, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin (mehrfach und Kirsten zumindest menschlich lieber als die beiden davor Genannten), Ludvík Kundera, František Listopad, Karl Kraus, Elke Erb, Johann Gottfried Herder, Gottfried Benn, Miroslav Krleža, Helga Novak, E.T.A. Hoffmann, Karl Schloß, Ludwig Uhland, Vilém Závada, Alfred Meißner. Auch hier also beweist Kirsten hinsichtlich vielleicht weniger bekannter Schriftstellernamen seine so löbliche und kenntnisreiche Bereitschaft, den ihm Würdigen (hierzulande und heutzutage) eine Stimme zu verleihen, ein Streben, das schon bei der von ihm verantworteten Auswahl für die Gedichtanthologie „Beständig ist das leicht Verletzliche“: Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan, Ammann, 2010, galt.
Kirsten wäre nicht Kirsten, wenn er nicht auch in dem neuen Band konsequent auf jedwede - in der Tat ja meist so treffsicher fehlendes dichterisches Talent verratende - schwüle Metaphorik verzichtete. So kann dann das in „curriculum vitae“ über den bedauerten Lebenslauf von Hölderlin bei ansonsten einfacher, klarer Sprache benutzte einzige und abschließende Sprachbild besondere Kraft gewinnen:
jahrzehnte verdämmert/in seinem Tübinger turmzimmer,//unter dem der Neckar seine bahn zieht,/als ich hinunterblickte, huschte eine ratte davon.
Eine gleichsam eigene Poetologie liefert Kirsten, wenn er in „gemeinsam“ in Bezug auf Vilém Závada notiert: überlebender bittrer wahrheiten, preist er/die wahre schönheit der nackten worte.
Was sind „bittere Wahrheiten“, wie sie Kirsten in dem besprochenen Band dichterisch präsentiert? Wie oben schon angedeutet: das Verkennen von Größe. Die Größe der Großen manchmal, viel öfter des Kleinen, der Unscheinbaren. Die Größe am Menschen in seiner jeweiligen Zeit und seinem jeweiligen Raum, seinen Siedlungen (keineswegs nur das Land der Kindheit um Meißen ist jetzt evoziert, „die Erde um Meißen“, wie ein grandioser, hinsichtlich Wulf Kirsten, dem Dichter bis in die achtziger Jahre hinein beinah alles sagender Zyklentitel in erdlebenbilder lautet), den Sonderlingen, den Dingen, die ihm zunutze sind und – das vor allem – an den Wörtern, an den Worten, mit denen er all das bezeichnet. Präzise, wie es nur geht, damit all diese Einmaligen, die doch aber auch wieder nur Symbole sein können, sich verständigen werden.
Ja, es gibt sie also auch diesmal wieder, die „schönen, nackten wörter“, wie von Wulf Kirsten selber noch eingefärbt (manche dürften recht sächsisch sein), andere wie mit der verehrten Droste im Duett gesprochen:
weißdrüsig, blattrudel, verknorzt, kirren, ausgeriffelt, spreiten, verkrumpelt, zippern, wieseninmitten, fallreif, ödmark, schrittlings, herbsthin – herbsther, ausgewittert, schluchtig, verstruttet, schollern, facken, schurren, (der) schur, talhängig, geweift, blicklängs, puppen, verqueckt, geplöder, hatschen,witschen,fluchtgestüm; schattenwurf, vorahnungsstille, scheuchegeister, krächzende einsamkeit
Kirsten geht es um Erinnern, um Bewahren, damit zukünftige Chancen entstehen, zufälle,/an die nicht mal gott/glaubt, der doch sonst glaubt,/was das zeug hält („gott im getreideschlag“)
Die eigene Kindheit (der junge,/der ich war in „telegrafenmasten“ und weit unten meine stadt, die mir näher-/kommt, je ferner sie rückt in „stadt im kessel“), mehrere  Gedichte haben diesen Bezug, wird bei Kirsten nicht nachträglich im Sinne der political correctness verschönt. Das Kriegsende jedenfalls beglückte keineswegs den Elfjährigen, verstörte auch die Freunde: so kam die befreiung als elend/auch über mich und meinesgleichen (Gedicht „dorfkinder, vom krieg überrollt“).
In seinem neuen Gedichteband fliehende ansicht zeigt sich Wulf Kirsten, das ist zu sagen, als weiter reifender Dichter der auf den Erinnerungen an die Kindheit beharrt, denn sie berühren auch jeden Dritten; der dabei aber, und deswegen eben, auch auf Weichenstellung für Gegenwart und Zukunft besteht, indem er vor allem würdige Bundesgenossen benennt; für den präzise Sprache sowohl ein botanischer Begriff, der Name für ein Werkzeug, wie auch eine derzeitige Umgangsfloskel sein kann - neben dem betont Lyrischen natürlich, das auf ein Trotzdem setzt: aber zu spüren bei lichtschmerz/über abgründe hinweg, wie der grund bebt,/auf den uns aberwitzige fügungen oder/zufälle gestellt (Gedicht „das eigentliche“). Wulf Kirstens reiche Dichtung wächst.

(R.S.,2012)

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David Wunderer schrieb uns am 29.12.2018
Thema: Pierre Assouline: Lutetias Geheimnisse

Geschätztes Durchschnittsgewicht: Um 48 Kilo

Das ist ein historischer Roman aus Frankreich.

1
Machen sie ein Gedankenspiel mit mir?
Dann hängen Sie sich ein Fernglas um, fahren imaginär nach Frankreich und schauen von dort zurück-hinüber nach Deutschland.
Da sieht man auch: Provinzialismus, Nationalismus, EU-Austritt, die Provinz wird das Zentrum der Welt derer, die dort wohnen.
Was für Anmaßungen entstehen, was für Anmaßungen man schon wieder sieht, und was verloren geht. Die Weite des Blicks geht verloren, Weltkenntnis, Realitätssinn. Was verloren geht an Kultur, Geist, Völkerverständigung, Weltläufigkeit, Spiritualität, Liebe, Schüleraustausch,
und so weiter.
Vielleicht fällt Ihnen wie mir - ist längst - auf, wie kurzsichtig die Erhöhung der Provinz  gedacht ("gedacht") ist, wie eng die Geister werden.

Betonen sie mit mir Weltbürgertum, globale Verantwortung, Völkerverständigung, Internationalismus, multikulturelle Differenz?

2
Der Ersteindruck zum Roman von Pierre Assouline: Arg hölzern, eine schreckliche Fehlkonstruktion. Der erzählende Protagonist, eine ehemaliger Polizist und jetziger Hoteldetektiv in einem Pariser Luxushotel redet arg intellektuell daher, ist eher der Autor.  Figurensprache und Autorintellekt fallen sich vermischend übereinander her.
Mit dem muss man es jetzt die nächsten 440 Seiten aushalten.

Der Roman ist gegliedert in einen kurzen Prolog, einen kurzen Epilog und drei große Teile: Die Welt davor, Während jener Zeit, Das Leben danach. Er spielt ausschließlich im Pariser Nobelhotel Lutetia und dessen unmittelbarer Umgebung. Die erzählte Zeit reicht von 1938 bis 1945.

Spätestens zu Beginn des zweiten Teils hat man sich mit der Erzählkonstruktion, der Hoteldetektivfigur und dem Autor versöhnt.
Im Gegenteil, die Konstruktion fand vom kommunikationsästhetischen und psychologischen Aspekt her, erst einmal rein intuitiv, da meine ausdrückliche Billigung. Der Autor sollte sich nicht mittels einer auktorialen Perspektive zum Herrscher über all die Fakten und Meinungen machen, noch  machen wollen. Es ist menschlicher, eine literarische Figur sprechen zu lassen.

3
Die französische Sicht auf diese Zeit ist hoch interessant. & es sind sehr viele interessante Details enthalten. So etwas fand man (ich) in Deutschland bisher nicht.
Während jener Zeit meint die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Armee des NSDAP-Regimes. Das Hotel wird wie viele andere auch vom NSDAP-Regime requiriert, für die Abwehr, die Spionage und Gegenspionagedienste der Armee. Vier Jahre.

4
Während des sich anbahnenden Siegs der Alliierten und nach Abzug der NSDAP-Armee aus Paris wird das Hotel noch zweimal requiriert. Einmal kurz von der nachrückenden französischen Armee. Dann für die aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zurückkehrenden Überlebenden, diese erwartend:

"... Dabei wird ein medizinischer Assistent feststellen, wer die Räude hat, und die Betreffenden mit einer Benzyl-Benzoat-Lösung einpinseln. Dann Größe messen und Gewicht feststellen, Pockenimpfung, vollständige Untersuchung. Besonderes Augenmerk auf ansteckende Krankheiten und Geschlechtskrankheiten. Machen Sie sich abgesehen davon auf viele Fälle von Tuberkulose in Gestalt von wilder Lungenentzündung gefasst. Wahrscheinlich werden Sie es mit ruinierten Organismen zu tun haben. Geschätztes Durchschnittsgewicht: um 48 Kilo. Fragen?"
(S. 323).

5
Das als Danksagung und "Schulden" deklarierte Quellenverzeichnis umfasst 56 Bücher, 20 wissenschaftliche Aufsätze, zwei gefilmte Beiträge, Daten aus vier Archiven und weitere Personen.

Doch eine Großtat.


Pierre Assouline, Lutetias Geheimnisse, Blessing, 448 Seiten, ISBN 978-3896672872, vergriffen, antiquarisch ca. 25 Euro

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Martin A. Hainz schrieb uns am 20.12.2018
Thema: Christina Höfferer: Jüdisches Rom

Bei Mandelbaum erscheinen unter anderem Städteführer, die allerdings den Leser nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit drängen, sondern sich um Aspekte bemühen, die erklärt werden, auf dass die Stadt – hier Rom – besser verstanden werde, nämlich: das jüdische Rom. Es ist also ein Entdecken der Spuren aus dem heraus, was die Geschichtswissenschaft weiß, und zwar auch aufgrund jener Spuren.

Dabei zeigt sich, dass es zweimal Rom gibt; einmal das weltoffene, das auf Austausch setzt und dementsprechend mit universellen Rechten operiert und dem Judentum Raum gibt, dann aber auch jenes, das eine verengte Weltsicht zeigt, durchaus wegen des Christentums, das aber zugleich universell sein will und es mitunter ist:
Es ist solidarisch, aber auch ein Feind, ein jedenfalls unzuverlässiges Gegenüber.
Von Beschlagnahmungen aller Ausgaben des Talmud, derer man habhaft werden konnte, nach einer „ruhigen Koexistenz von Juden und Christen in Rom“, Konflikten zwischen Kapital und so etwas wie (Kirchen-)Adel, einer erneuten Emanzipation erst unter französischer Herrschaft, also 1976/97, als die zuvor „ghettoisierten Juden gleichberechtigte Citoyens“ wurden, und der Ambivalenz von Pius XII. erfährt man hier, wobei diese Episode von Rolf Hochhuth in Der Stellvertreter bekanntlich beschrieben wird.

Diese Geschichte wird hier anhand von Adressen, Inschriften und anderen Spuren in Erinnerung gerufen, ergänzt um Schwarz/Weiß-Abbildungen, die illustrieren, was beschrieben wird, und der Orientierung dienen. Jedem am Thema Interessierten ist der Band sehr zu empfehlen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 19.12.2018
Thema: Philosophie Magazin Reclam: Warum haben wir Kinder?

Das Philosophie Magazin und Reclam geben gemeinsam immer wieder kluge Bände heraus, die Themenkreise abhandeln. Diesmal geht es um Kinder – und genauer: Gründe wie Gegengründe. Dabei wird abgewogen, ob Kinder Projekte, Werke, Spiegel für Egozentriker seien, sozusagen die zufällige biologische Version zu Frankensteins Monster, vielleicht aber auch im Gegenteil das, was „Dezentrierung“ bedeutet: „Entfremdung […] und Selbsthingabe.“ Diese Ambivalenz formuliert Jeanne Burgart Goutal.

Michel Eltchaninoff fragt raffiniert, was der „Wille zum Kind“ denn überhaupt ist, so auch zu Beginn eines Dialogs Élisabeth Badinter, die pragmatischer angibt, man müsse „den familiären
Druck“ zuallererst sehen, dass man das Leben seinen Eltern als Geschenk bestätigt, indem man es ebenfalls macht; dann die „Vorstellung, dass das Kind eine Quelle zusätzlichen Glückes und zusätzlicher Liebe sein wird“, also ein subtiler Egoismus, und als ein anderer Egoismus schließlich auch „das große erzieherische Phantasma“. Badinter schreibt ferner, dass die Geburtenkontrolle „eine unerträgliche Verantwortung“ darstellt: Man ist, da Zeugung und Geburt kontrolliert sind, den Kindern „vollständig verpflichtet.“

Das Resultat: Ratlosigkeit – man kann dem Kind nicht sagen, man wolle „das Kind um des Kindes willen“, obwohl dies Goutal wenigstens andenkt. Badinters Antwort ist dagegen: „Mütter, seid mittelmäßig!“

Über die Väter handelt der Dialog von Dieter Thomä mit Svenja Flaßpöhler. Väter seien überflüssig, so sagt man gerne, aber das wird fast eine positive Qualität, wenn Thomä den Vater schildert, der das Kind auf seinen Füßen und seine Arme haltend gehen lässt: „ein väterliches Hineinhelfen in die Welt […], bei dem sich das Kind getragen und gestützt fühlt, aber gleichzeitig mit dem Übergang liebäugelt, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Wolfram Eilenberger liefert dagegen einen Imperativ: „Du sollst nicht zeugen!“ Dafür spreche die Moral, da Kinder doch nur Egoismus ausdrücken, die Ökologie, der Hedonismus, dass also die egoistische Idee sowieso auch nicht aufgehe, man könne sich auch „als einen Endzustand der Evolution“ genießen, wie er Sloterdijk zitiert, der Existentialismus Ciorans und wie allgemein die Religion, so insbesondere auch deren Unsterblichkeitsargument. Ganz überzeugend ist dies nicht. Und: Wo aber „ist das Kind, das ich war?“ Damit leitet er seinen zweiten Text ein.

Diese und noch weitere Beiträge werden durch klassische Texte ergänzt, wobei die Beschreibung des Bändchens auf der Homepage von Reclam nicht korrekt ist – Platon findet sich wie auch Rousseau, Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche im Band, die Texte von Jacques Derrida sowie Peter Sloterdijk sucht man indes vergebens.

So irritierend dies ist: Der Band ist in Summe ein spannender Beitrag zu spannenden Fragen.

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David Wunderer schrieb uns am 18.12.2018
Thema: Clemens J. Setz: Bot

Beschwerde über Bot, No. 2 (von 2)

Bot von Clemens J. Setz enthält sehr schöne Sätze, die ästhetische Zielsetzung ist allerdings mehr als fragwürdig.

I
Bot beginnt mit einem biederen Aufsatz über eine ältere fragwürdige Anwendung der circa 50 Jahre alten Chatbot-Technologie (Ein C., einfach erklärt, ist ein in menschlicher Sprache kommunizierender Algorithmus, aber statisch und endlich, nicht lernend und wachsend, also weniger als eine KI).
Setz äußert den Wunsch, dass aus seinen Sätzen ein Bot gemacht werde. Danach geht es nicht mehr um Bots, sondern es folgen umsortierte Tagebuchaufzeichnungen des Autors: Wunderhübsch gedrechselte Sätze, Setz
schreibt sehr schöne  Sätze, aber viel davon habe ich nicht gelesen. Nur so daumenkinoartig dann durchgeblättert. Es geht nicht um Bots in diesem Buch.

II
Hallo,

ich würde gerne einen Serienbetrugsverdacht mitteilen. Das mit möglichst wenig Zeitaufwand, insofern wähle ich den Weg der E-Mail.
Verdacht: Das Portal {Flirtportal F} verwendet Chatbots um die Nutzer zu weiteren Zahlungen zu verleiten.

1. Funktionsweise des Portals: Man muss eine interne Pseudowährung kaufen, um chatten zu dürfen. Eine Nachricht abzusenden, kostet ungefähr einen Euro.
Wie landete ich dort? Ich hätte mittels der Teilnahme an einem Gewinnspiel der Zustellung eines Newsletters zugestimmt (weiß ich jetzt nicht mehr, ich nehme an so bedingten Gewinnspielen teil, aber so etwas...?)
In einer Mail einer {Damenname}, die einen persönlichen Brief oder "persönlichen Brief" enthielt, wurde ich direkt auf ein Profil {Nickname von Damenname} verwiesen.

Verdachtsmomente: Daueronline ca. 18 Uhr 43,  bis 13 Uhr 20, des Folgetags.
Hält mich überraschend & irgendwie professionell hin. Sprache ist redundant und reduziert. Etwas unlogische Standardantworten auf Reizworte.

Ich habe nur 5 Euro gezahlt, dann die Kommunikation abgebrochen.
Den Chatverlauf habe ich via Bildschirmfotos dokumentiert & könnte diese bei Interesse in Kopie übergeben. Wie auch die Mails. im Zweifelsfall kostet die Dokumentation aber auch Zeit und Nerven.


Ergänzung: Die Werbemail war personalisiert, die Firma kannte sogar meinen Vornamen. Sitzt aber in Großbritannien, da wird es schwierig, sich auf die DSVGO zu berufen.

III
Der Verfasser dieser Mail an eine Strafverfolgungsbehörde, als er im Internet nach der Firma, die den Newsletter versandte, suchte, fand dann entsetzt heraus, dass die Sache mit den Flirtbots seit 2016 bekannt ist:
Bots werden in der Regel vom Betreiber des Dating-Portals selbst eingesetzt. Algorithmen oder Mitarbeiter erstellen Fakeprofile mit Fotos und Daten attraktiver Frauen oder Männer und schreiben mit diesen Profilen Nutzer an. Damit diese auf den Flirtversuch eingehen können, müssen sie eine kostenpflichtige Prem... (Nachrichtenmagazin Stern, 201606)

Ergänzung: Es steht sogar in den ellenlangen AGBs etwas wie, dass das Unternehmen Animationspersonen und Kontrollpersonen einsetzt, die zum Teil mehrere Schein-Accounts führen. Die unter anderem einen Mangel an echten Mitgliedern ausgleichen sollen.
Ich wiederhole öffentlich keine Begriffe aus dem strafrechtlichen Wortfeld.
Bloß - es war ein richtig netter Brief den ich da über diese britische Werbeagentur bekommen habe.


IV
"Den Schaden hat die Literatur" (Streeruwitz 2018 im Standard über das Bachmannpreiswettlesen)?
Ach die Literatur hat doch eh keinen Ruf mehr.

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, ISBN: 978-3-518-42786-6, 20,00 Euro.

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David Wunderer schrieb uns am 18.12.2018
Thema: Clemens J. Setz: Bot

Beschwerde über Bot, No. 1

Clemens J. Setz schreibt sehr schöne Sätze, sorgt aber irgendwo für große Verärgerung


I
Bot beginnt mit einem biederen Aufsatz über eine ältere fragwürdige Anwendung der circa 50 Jahre alten Chatbot-Technologie (Ein C., einfach erklärt, ist ein in menschlicher Sprache kommunizierender Algorithmus, aber statisch und endlich, nicht lernend und wachsend, also weniger als eine KI) .
Setz äußert den Wunsch, dass aus seinen Sätzen ein Bot gemacht werde. Danach geht es icht mehr um Bots, sondern es folgen umsortierte Tagebuchaufzeichnungen des Autors: Wunderhübsch gedrechselte Sätze, Setz schreibt sehr
schöne  Sätze, aber viel davon habe ich nicht gelesen. Nur so daumenkinoartig dann durchgeblättert. Es geht nicht um Bots in diesem Buch.

II
Was stört mich daran?
Mich stört, dass der Setz sich mit dem Lärm, den ich die letzten fünf Jahre zu unter anderem Bots gemacht habe, auf sich & sein Buchprodukt umleitet. Und ich werde weiter Lärm machen, also wird es seltsame Nebeneffekte geben.
Was ich beschrieben habe, interessiert vielleicht zwei bis drei dutzend Menschen im deutschsprachigen Raum, die irgendwo zwischen Linguistik, Informatik und angewandter Physik etwas machen dürfen.
Dass Bot die zugehörigen potentiellen Energien, Mittel, Ressourcen, was auch immer blockiert & paralysiert.
Ich bin empört, attestiere hochgradiges entweder journalistisches oder moralisches Versagen: Ein bis zwei Autoren, ein Lektor, ein Prokurist und ein Aufsichtsrat.
Mich stört die mangelnde Ernsthaftigkeit. Setz gehört außerdem zur Merkelbriefgruppe. Mich stört, dass ein Autorenduo agiert.
Dass ich, der den Überblick behalten will, es kaufen musste, stört mich.

III
(Über sich selbst reden dürfen-müssen, ist exklusives Opferrecht, nicht die Regel. Dann ist es immer noch peinlich, aber wenigstens legitim. Nicht das Opfer von Setz, einer Hypnosetechnologie).
Meine Sätze die letzten zehn Jahre waren viel schlechter als die von Setz, sogar richtig schlecht. Bloß es ist es nicht meine Schuld.

Diese (heute KI- gekoppelte) Hypnosewaffe greift außerdem mein Gehirn so an, dass ich völlig unübliche und bei mir bisher ungebräuchliche Satzstrukturen verwende. Theorie: „Liste“ (informatisch) der Hypnosewaffensoftware- Daten von hinten manipuliert und reduziert mein Bewusstsein diesbezüglich - mir, meinem Gehirn reingespielte Liste. Ganz unverständliche Sätze schreibe. Von wegen Subjekt am Anfang und von wegen 1st things 1st. Aua ich armer Mensch mein armes Gehirn.
Sehen sie: „Ich schreibe ganz unverständliche Sätze.“ ist ein ordentlicher Satz, das da oben schon wieder nicht. Ich habe andauernd ganz unverständliche Sätze geschrieben. Sehen Sie: Eine Liste, mir meinem Gehirn reingespielt.

(2012, S. 13)
Ob ich gerade wissen darf, dass es so etwas wie einen Konjunktiv gibt, ist unsicher. Früher in der Schule, in Latein hat mir der Teil mit Realis, Irrealis, Potentialis Spaß gemacht. Ich weiß theoretisch, dass es einen Konjunktiv gibt. Logisch fehlende Konjunktive u.a. sind Gewaltsymptom.
(2018, S.13)
Heute darf ich es wieder etwas öfters wissen als 2012.

Seit rund zehn Jahren mache ich nichts anderes, und kann nichts anderes machen, als für umsonst zu erzählen, dass ich mit einer demonstrativ gewalttätig und plakativ kriminell eingestellten, plärrend lauten funkbasierten Neurohypnose-, Hypnose- und Datenwaffe durch die Gegend geprügelt werde.
Die mit "Bots" und ähnlichem gekoppelt ist. 800 Buchseiten in BoD-Form.  Darin geht es um echte Bots. In Buch 2 kommt rund zwei Dutzend Mal der Begriff Bot vor, ich habe es durchgezählt, in der Regel Hypnosewaffenchatbot.
(Und exogen ist mir sicher nachgewiesen). Habe-hätte theoretisch gehabt auch eine mathematisch-philologisch-literarische Doppelbegabung gehabt wie Setz.

IV
P.S.: (Ich habe mich mit der Ansage, laut werden zu wollen in Richtung Fachwelt, hier angemeldet. Zwei bis acht Aufsätze, dann bin ich wieder still.)

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, ISBN: 978-3-518-42786-6, 20,00 Euro.
vs.
unter anderem Sie und Ihr Lauschangriff 2 (2015) von Marco Bsondermann (pseud.) , 298 Seiten, ISBN 9781326410117. 2015. - Die Zitate sind all. aus den Bänden 1 und 3.

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Connie Ruoff schrieb uns am 12.12.2018
Thema: Paolo Giordano: Den Himmel stürmen

EZENSION: ZUM INHALT

Ich bin tief beeindruckt. Die Geschichte ist eine klassische Tragödie, die in den siebziger Jahren beginnt. Paolo Giordano erzählt einen Zeitraum von über zwanzig Jahren. Er zeigt uns ein Geflecht von großen Gefühlen. Es geht um die Auseinandersetzung mit Religion, Naturschutz und Nachhaltigkeit, „Aussteigen“ aus der Gesellschaft – Main Stream und Radikalisierung.

Der erste Teil des Romanes zeigt die Jugendjahre der Freunde in Apulien. Dann kommt eine Zäsur. Erst Jahre später sehen sich Theresa und Bern beim Begräbnis von Theresas Großmutter.

Im zweiten Teil zieht Theresa zu Bern und den Öko-Aktivisten auf den Hof. Ende des zweiten Teiles kommt es zum
katastrophalen Höhepunkt.

Der dritte Teil offenbart Geheimnisse und lässt Theresa die Vergangenheit besser verstehen.

Paolo Giordano zeigt in seinem Roman Vergänglichkeit und Absurdität. Ausgangspunkt ist die Sommerzeit in Apulien. Die Freunde sind unzertrennlich und verbringen die Zeit zusammen. Dann kommen die Konflikte!

Die Wege der Freunde trennen sich zu Ende des Sommers und jeder geht seinen eigenen Weg. Was wird anders sein, wenn sie sich wieder treffen. Haben die individuellen Lebenswege die Charaktere verändert? Haben sie sich voneinander getrennt oder sind sie sich nähergekommen? Die erlebte Zeit verändert die Beurteilung der eigenen Vergangenheit.

Drei Bücher haben in „Den Himmel stürmen“ große Bedeutung:

Die Bibel

Max Stirner, „Der Einzige und sein Eigentum“

„Der Baron auf den Bäumen“, Italo Calvino – italienischer Klassiker  

EXKURS ZU MAX STIRNER

„Der Einzige und sein Eigentum“ wurde 1844 veröffentlicht. Grundgedanken sind zwei Zitate von Goethe.

„Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.“
„Mir geht nichts über mich.“
Konkretisierend weist Stirner ausdrücklich darauf hin:

„Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer alles schaffe.“ (creatio ex nihilo)
Die Schrift gilt als konsequenter Nihilismus, nimmt aber philosophiegeschichtlich keinen großen Raum ein. Damit beschäftigt haben sich: Marx, Nietzsche, Steiner und Jünger. Auch Reinhold Messmer beschäftigt sich mit Max Stirner.

Paolo Giordano hat bei Max Stirners Schrift den Titel des Buches „Den Himmel stürmen“ entliehen:

Das Jenseits außer Uns ist allerdings weggefegt, und das große Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu erneuten Himmelsstürmen auf.
Oder mit den Worten von Karl Marx „Den Himmel auf die Erde holen“

Die Lektüre Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“ verändert Bern. Der ehemals von Cesare streng gläubig nach der Bibel erzogene und selbst gläubige Christ verinnerlicht die nihilistischen Gedanken und ändert seine Haltung zum Leben. Die Werte, die bislang für ihn wichtig waren, werden hinterfragt und viele abgelehnt.

5/5 Punkten

PROTAGONISTEN

Nicola ist Cesares leiblicher Sohn. Bern und Tommaso werden von Cesare und seiner Frau in die Familie aufgenommen und betrachten sich als Brüder.

Die Hauptperson ist der charismatische Bern. Bei ihm laufen letztendlich die Handlungsstränge zusammen. Er bestimmt das Geschehen in der Gruppe. Er ist der „Einzige“ und sein Eigentum ist „Alles“. Das es etwas über ihm gibt, so etwas, wie Gott oder Schicksal, kann er nicht akzeptieren. Schöpferkomplex?

Tommaso wird zum dritten Bruder. Die drei wachsen zusammen unter dem Diktat von Cesares Bibelauslegung auf.

Theresa und Bern finden sich und verlieren sich immer und immer wieder. Dennoch baut sie ihr Leben um ihn herum. Als Figur verblasst sie neben Bern. Aber das liegt wohl in der Geschichte begründet. Bern ist der Mittelpunkt ihres Lebens, zumal er sich ihr immer wieder entzieht.

SPRACHLICHE GESTALTUNG

Paolo Giordano hat die Ich-Form des Erzählers gewählt – eines weiblichen Erzählers. Normalerweise bewirkt die Ichform, dass man der Figur ganz nahe kommt. Das erscheint mir hier anders beabsichtigt.

Theresa, das fiktive Ich,  lässt den Leser teilweise an ihrem Leben teilhaben. Meistens sind es Gespräche und Erinnerungen. Somit erfahren wir mehr, was Theresa später über das Geschehen denkt und wenig darüber, was sie zum damaligen Zeitpunkt dachte. Das Buch erzählt die Vergangenheit, nur wenige Passagen sind fiktive Gegenwart.

Vielleicht hat der Autor diese Vorgehensweise gewählt, um zu demonstrieren, dass sie keinen Einfluss auf das Geschehen hat, sondern das Geschehen reißt sie mit und sie kann sich nicht entziehen. Für Theresa ist Bern der „heilige Gral“, den Bern selbst nie gefunden hat. Die sprachliche Gestaltung zeigt die Passivität Theresas. Sie wird vom Geschehen mitgezogen.

5/5 Punkten

COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

Den Himmel stürmen
Paolo Giordano
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 09.10.2018
ISBN 9783498025335
Genre: Romane

Das Cover gefällt mir sehr gut.

5/5 Punkten

FAZIT

Paolo Giordano hat in „Den Himmel stürmen“ das Psychogram eines Menschen gezeichnet, der sein Leben, seine Werte, Hoffnungen und Ängste, aufgrund der Lektüre eines Buches ändert. Aber es ist nicht einfach irgendein Buch, sondern es ist das Buch des konsequenten Nihilismus. Bern liest es nicht nur. Das Buch verändert sein Leben.

Wie weit ist es mit der Aufklärung? Sind wir mündige Bürger? Sind Gewissen, das Freudsche Über-Ich nur Behinderungen? Heißt den „Himmel stürmen“ unsere Werte, Moral, Gewissen ja vielleicht sogar Empathie, über Bord zu werfen und der Amoralität anzuhängen?

Dennoch lässt Bern der Natur viel Raum. Die Natur lebt nach dem Egoismus, die Art zu erhalten. Darauf kann er sich einlassen.

Der Leser spürt, mit welcher Intensität Bern lebt und leuchtet. Seine Umwelt spürt dieses Charisma. Aber es polarisiert: Manchen macht er Angst, andere werden zu Anhängern. Sie können sich ihm nicht entziehen.

Bei der Buchvorstellung auf der Frankfurter Buchmesse, verwendete Paolo Giordano, für diese Anziehungskraft, der Beziehung zu Bern, den Ausdruck: schwarzes Loch. Ich finde das eine hervorragende Metapher.

Bern ist ein strahlender Stern, der sich zur Supernova entwickelt und als schwarzes Loch zurückbleibt, das alles mitreißt.

Theresa ist der Gegenpart zu Bern. Sie gibt sich ihm hin und trotz vieler Konflikte kann sie sich nicht von ihm lösen.

Was ist die Prämisse? Such deinen Sinn im Leben! Führe ein aufgeklärtes Leben! Benutze deinen Verstand! Lebe nach deinen Regeln!

Ich glaube, diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Ich gebe die volle Punktzahl, weil das Buch mich aus der Komfortzone holt und mir neue Denkansätze liefert. Natürlich hat es mich auch gut unterhalten. Es ist sehr emotional, vielleicht auch mal überspitzt! Aber das ist rund. Griechische Tragödie! Der Held versucht, sich erfolglos, aus der Mühle des Schicksals zu befreien.

@Rowohlt Verlag

Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar! Die Vorstellung des Buches auf der Frankfurter Buchmesse war sehr ansprechend und hat sofort meine Neugierde geweckt. Vielen Dank für die schöne Italienische Stunde!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 21.11.2018
Thema: Paulo Coelho: Hippie

Der Autor zitiert, wie schon oft zu Beginn  seiner Bücher, aus dem Lukasevangelium. Hier Vers 20-21 aus dem achten Kapitel und einen Aphorismus von Rabindranath Tagore.
Mit diesen Worten und einer amüsanten Illustration der Reiseroute von Amsterdam bis Kathmandu bereitet Paulo Coelho den Leser auf die Lektüre seines neuen zum Teil autobiographischen Romanes „Hippie“
vor.                                                                                                                                                                      
Der Autor lässt die Zeit ab September 1970 wiederauferstehen und nimmt den Leser mit auf den Weg zur Freiheit und der Suche nach Erkenntnis.
Paulo Coelho, der die Narben der Militärjunta auf der Seele trägt, ist auf dem Weg zu „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“. In Amsterdam trifft er auf Karla. Sie erkennen in einander „das Suchende“ und machen sich Zusammen mit dem Magic Bus auf den Weg nach Kathmandu, um psychedelische Erkenntnisse zu sammeln, auch mit Drogen wie LSD.
Der schwarze September in Jordanien stoppt den Magic Bus in der Türkei.
Karla erkennt in Paulo ihre große Liebe. Paulo erwidert diese Gefühle nicht. Für Paulo ist die Reise in Istanbul zu Ende. Der Magic Bus fährt ohne Paulo, aber mit Karla weiter nach Kathmandu.
Paulo bleibt, um seine spirituelle Reise fortzusetzens bei den Sufis.
Zum einen hat das Buch große autobiographische Züge, zum anderen zeigt es ein buntes Bild der Hippie Kultur, und lässt dadurch die Erinnerungen und Narben der Militärdiktatur noch scheußlicher erscheinen.
5/5 Punkten

SPRACHLICHE GESTALTUNG
Vielleicht erzählt der Autor in der dritten Person, um es für sich selbst aus einem objektiveren Sichtpunkt zu sehen und zu verarbeiten. Ich musste mich beim Lesen immer wieder selbst daran erinnern, dass es sich bei dem Protagonisten Paulo gleichzeitig um den Autor Paul Coelho handelt. Der Autor selbst dokumentiert Paulo mehr, als er es erzählt.
Zeigt das auch, dass er sich von Paulo aus den sechziger Jahren distanziert? Auch Ich kam dem Protagonisten Paulo nicht wirklich nah.                                                                                                                                                                                  
4/5 Punkten
COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
Das Covermotiv ist von Alceu Lunes. Die Karte auf der vorderen und hinteren Innenseite ist von Christina Oiticica.
5/5 Punkten

FAZIT
ch mag Paul Coelho und seine spirituellen Bücher. Manche, wie der Alchimist oder Untreue haben sich mehr bei mir eingeprägt als andere. Seine Bücher lassen einen oft ratlos in das eigene Antlitz blicken und manchmal erkennt man erst später den Sinn darin.
Das Buch zeigt Paulo Coelho als Suchenden. Er zitiert immer wieder aus dem Lukas Evangelium.
@Diogenes Verlag
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!
Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 08.11.2018
Thema: Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt

Ein Buch, das es binnen eines Jahres zu neun Auflagen bringt, bedarf schon darum nicht dringend einer Empfehlung. Dafür spräche eher das wichtige Anliegen, denn Thomas Bauer hat mit Die Vereindeutigung der Welt womöglich eine notwendige Frage gestellt: ob es nicht an Mehrdeutigkeit fehle.

Umgeben von Bildern und Deutungsmonopolen ist jener, der dennoch – denkend, lesend – weiß, dass seine Interpretation nur ein Zugang ist, die seltene und zunehmend wichtige Ausnahme. Um ihn sind entweder Gehorsame oder Gleichgültige, die einen folgen einer quasi-religiösen „Wahrheit“, wobei sie mit Andersdenkenden nicht mehr diskutieren können, die anderen könnten diese Diskussion vielleicht führen, wollen
aber nicht. Beide Gruppen entsprechen in ihrer Haltung nicht dem, wonach das 21. Jahrhundert verlangt, das nämlich die Fähigkeit zu diskursiven Vorbehalten nötig hat. Dies zu leisten vermag der, der mit Mehrdeutigkeit umgehen kann. Er hält sie aus, anstatt ins Vormoderne zurückkehren zu wollen, aber eben als dennoch Engagierter.

Denn er verbindet damit, dass er die Mehrdeutigkeit für zulässig und oft unvermeidlich hält, einen Wahrheitsanspruch, nämlich, dass die Deutung etwas erhelle, das sie nicht ist. Dieses Offenbleiben, diese Ironie, dass die Deutung treffen möge, aber keine letzte Wahrheit darstellt, bestätigt indirekt, dass es diese letzte Wahrheit gibt, die die, die sie ungeniert aussprechen zu können glauben, nicht kennen und vielleicht beschädigen.

An diesem Moment scheitert übrigens dann aber leider auch dieses Büchlein, nämlich dort, wo es nicht ex negativo sagt, dass diese oder jene Eindeutigkeit nicht stimmt, sondern dort, wo sie stattdessen essentielle „Vieldeutigkeiten“ postuliert – zum Beispiel gleich zu Beginn, wenn Stefan Zweigs Klage über den Verlust an verschiedenen regionalen Traditionen so aufgefasst wird, als ergäben diese Traditionen dann eher die Moderne als der Diskurs von Verwertbarkeit, der zugebenermaßen eine fragwürdige Uniformität brachte.

„Das (heutige) Ideal ist der schwitzende, authentische, ambiguitätsfreie Maschinenmensch, der selbstoptimiert im kapitalistischen Verwertungsprozess völlig effektiv funktioniert“,

so formuliert Bauer gegen diese Einförmigkeit – aber wessen Ideal ist das, und zwar genauer wessen für wen? Ist der Ironiker undenkbar, der dieses Ideal empfiehlt, aber sich bei moderater Ertüchtigung ansonsten mit Rotweinglas in der Hand auch einmal vor einem Gemälde kontemplativ zu werden gönnt? Und wäre er nicht ambiguitätstolerant?

Um hier den Widerspruch zu bemerken, muss man kein minutiöser Kritiker sein, liest man genauer, wird es nicht besser: Adorno einen Mangel an „Ambiguitätstoleranz“ vorzuhalten, und zwar wegen dessen „Wahrheitsobsession“, bedeutet, dass die Vieldeutigkeit, für die Bauer eintritt, beliebig ist – oder Bauer selbst seinem Verdikt gemäß als Verfechter der Ambiguität ein die Verhältnisse vereinfachender Wahrheitsfanatiker ist. Im zweiten Fall verurteilt die Logik selbst dieses Buch, im ersten erübrigt es sich dagegen, denn diese Beliebigkeit gliche jener des einst von Michel Onfray empfohlenen „masturbierenden Fisch(es)“, doch masturbierende Fische, so weiß die Biologie, publizieren nur ganz, ganz selten Traktate oder Manifeste. (Rezension auf literaturkritik.de)

Insofern ist das Anliegen des Buchs wichtig; aber die Ausführung trübt den Eindruck … und zwar eindeutig. Man könnte stattdessen Friedrich Schlegels Ausführungen zur Ironie lesen.

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Connie Ruoff schrieb uns am 29.10.2018
Thema: Martin Suter: Allmen und die Erotik

INHALTSANGABE ZU „ALLMEN UND DIE EROTIK“
Nicht nur Gefällig-Harmloses lässt sich in edles Porzellan gießen, sondern auch Deftig-Anzügliches in vollendeter Kunst. Allmen und Carlos geraten an einen geheimen Schatz wertvoller Porzellanfigürchen für Liebhaber der expliziten erotischen Darstellung. Ein Fall, der sie gehörig ins Schwitzen bringt. Denn sie ermitteln nicht ganz freiwillig. Ein erpresserischer Komplize hat sie in der Hand.

REZENSION:
ZUM INHALT
„Allmen und die Erotik“ von Martin Suter ist der fünfte Band um Johann Friedrich von Allmen und dessen Firma. Allmen International Inquiries ist eine Agentur, die sich mit der Wiederbeschaffung wertvoller Kunstgegenstände befasst.
Carlos, sein Diener/Hausmeister/Bodyguard ist inzwischen zum Teilhaber geworden. Weil die große Villa inzwischen verkauft werden musste, wohnen die beiden Männer zusammen mit Maria in dem dazugehörigen Gartenhäuschen.

Ich freue mich jedes mal auf das Dreier Ensemble Allmen, Carlos und Maria. Die drei sind wie ein gut funktionierendes Zahnrad und entfalten ihre Cleverness, ihr Können bzw. ihre Kunst nur dann, wenn alle Faktoren zusammenwirken können. Dann übernimmt jeder seinen Part.

Allmen hat den Charme, das Charisma und den Kunstverstand. Carlos ist der profane Aufpasser und geheime Financier. Er verhandelt die Preise, beschützt Allmen und ist sein soziales Netz, wenn Allmen mal wieder pleite ist. Das passiert öfter, weil ihm das Geld zwischen den Fingern durchrieselt. Und die resolute Maria sorgt dafür, dass alles seinen geordneten Gang nimmt.

Dieses trifft es Allmen schwer! Er wird erpresst und bringt auch Carlos und Maria in eine bedrohliche Lage.

Tja und dann ist da noch die Liebe. Er verliebt sich, ohne erhört zu werden. Aber es kommt noch schlimmer!

Kurz und gut, es ist wieder ein richtiger Allmen.

4/5 Punkten

SPRACHLICHE GESTALTUNG
Martin Suter gelingt es, den Lebemann Allmen, trotz seiner chronischen Geldnot, und seinem Festhalten an einem Lebensstil, den er sich nur leisten kann, weil Carlos und Maria sehr sparsam sind und ihn letztendlich finanzieren, so charmant und sympathisch darzustellen, dass man gerne mit ihm befreundet wäre.

Es ist leichte Lektüre mit viel Humor und Ironie. Das Buch nimmt ein überraschendes Ende.

5/5 Punkten

COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
Allmen und die Erotik
Martin Suter Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.09.2018
ISBN 9783257070330
Genre: Krimi und Thriller

Das Cover ist von Christoph Niemann.

»Christoph Niemann hat den schönsten Strich unserer Zeit – seine Zeichnungen und Aquarelle haben eine subtile Leichtigkeit, einen Schalk und eine poetische Qualität, die ihresgleichen suchen. Sie sind dekorativ und gleichzeitig narrativ.«


Jeroen van Rooijen / Bellevue NZZ, Zürich
5/5 Punkten

GIBT ES EIN HÖRBUCH?
Ja! „Allmen und die Erotik“ wird, wie schon die vorigen Bücher aus der Allmen Reihe von Gert Heidenreich gesprochen.

Gelesen von: Gert Heidenreich
Verlag: Diogenes Verlag
Erschienen: 26. Sep. 2018
Sprache: Deutsch
Spieldauer: 5 Std. 47 Min.
Format: MP3 128 kbit/s
Download: 338,7 MB (83 Tracks)

Auch verfügbar bei Audible und Claudio.

PLAYLIST ZU MARTIN SUTER AUF YOUTUBE
Hörprobe
Martin Suter bei Frank Elstner Menschen
Martin Suter bei Markus Lanz am 12.09.18

Mehr auf Connies Schreibblogg

DIE ALLMENREIHE WIRD SEIT 2016 VON DER ARD VERFILMT.
Die ersten zwei Folgen sind abgedreht und wurden Anfang 2017 ausgestrahlt. Der dritte Band wird gerade gedreht.

Ich habe mir diese Woche den ersten Film der Serie angeschaut – Rezension folgt.

DIE ALLMEN REIHE – ERSCHIENEN BEI DIOGENES
„Allmen und die Libellen“ 2012
„Allmen und der rosa Diamant“ 2013
„Allmen und die Dahlien“ 2014
„Allmen und die verschwundene Maria“ 2015
„Allmen und die Erotik“ 2018

FAZIT
Allmen macht einfach Spaß. Martin Suter hat den Charakter mit Charme, Witz, aber auch Melancholie und Sehnsucht ausgestattet. Und genau diese Sehnsucht nach der „reinen Liebe“, nach Wahrheit und vielleicht auch ein wenig Glück lässt Allmens Deckung fallen. Doch genau deswegen liebe ich die Allmen Reihe. Er ist ein Pechvogel, den der Leser gerne beschützen würde. Gleichzeitig möchte man ihn an seinen Ohren ziehen, weil er kein Fettnäpfchen auslässt und sich immer wieder in Gefahr bringt.

@Diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Zum Bericht über das diesjährige Bloggertreffen. Frankfurter Buchmesse 2018.


Ich vergebe insgesamt 4,5/5 Punkten.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 12.10.2018
Thema: Hans Blumenberg: Phänomenologische Schriften

Hans Blumenberg beschäftigte sich phasenweise intensiv mit der Phänomenologie und dem Denken Husserls, manche seiner Texte lesen sich auch so, als ließe er sich diesem Komplex zuordnen. Allerdings wäre das zu einfach, ihm geht es eher um die Anstöße aus derselben, man müsse „an das denken, was zu überwinden war“, um die Phänomenologie nicht zu gering zu veranschlagen, während er – eben kein Phänomenologe – doch auch einräumt, dass man vom „Programmatischen“ bei ihr „mehr vergessen (muss), als einem ohne Besorgnis um die Substanz geheuer sein kann.“

Wie Blumenberg den Impetus wahrt, ebenso aber Distanz zu Husserl oder auch Heidegger, das konnte man dem 1986 erschienen
Band Lebenszeit und Weltzeit wie auch dem posthum erschienenen Band Beschreibung des Menschen entnehmen, das belegt nun aber auch der nicht nur für begeisterte Blumenberg-Leser spannende Band Phänomenologische Schriften, der wesentlich dem Nachlass-Konvolut „PHA“ aus Marbach entspricht. Die Typoskripte waren bereits weitestgehend ausgearbeitet, samt Fußnoten, wobei der Herausgeber dankenswerterweise Quellen dennoch teils nach anderen Editionen zitiert, etwa Nietzsche nicht nach der Musarion-Ausgabe, sondern nach Colli/Montinari. Entstanden sind die Typoskripte anhand der Karteikarten, die der mit Blumenberg Vertraute wohl kennt.

Was nun die Einzeltexte betrifft, die den Band ergeben, so sind es einerseits genaue Beobachtungen, die jeweils Systeme entweder aufreißen, fast aphoristisch als Möglichkeit skizzieren, oder andererseits präzise Destruktionen, vielleicht ließe sich auch von Dekonstruktionen sprechen, freilich in einem anderen Gestus. So werden das, was sei, das Denken desselben und der Text als Gelegenheiten für oder zu einander gezeigt, dann aber mit „okkasionellen Beschränkungen“. So wird vom Sich-Zuhören geschrieben, dass man sich nicht „glaube(n)“ müsse – nicht einmal, das von sich etwa „Gehörte zu denken […], wenn […] laut gedacht wird.“ Das Erlebte überrascht, so entsteht ein Text zum „Elementarerlebnis der Überraschung“, das dann immerhin skizziert wird: abgesehen von dem, was da oder damit kommen mag. Und den „Raum“ beschreibt Blumenberg als „Grenzwert von »Atmosphäre«“, wobei er unversehens zwischen denen steht, die den Raum als eben diese oder aber als transzendentale Kategorie sehen und dann nicht mehr weiter wissen.

Zwischen diesen und anderen Stühlen entfaltet sich das Denken Blumenbergs, raffiniert und irritierend, aber auf jeden Fall anregend – dieser Philosoph bleibt jenseits aller modischen turns eigentümlich aktuell.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 27.09.2018
Thema: Andreas Gelhard: Kritik der Kompetenz

Andreas Gelhards erstmals 2011 erschienene und nun schon in dritter – erweiterter – Auflage vorliegender Band Kritik der Kompetenz ist eines jener Bücher, die offenbar gelesen werden, aber sich sehr zu Unrecht nicht durchsetzen.

Denn noch immer schwelgen Pädagogen wie Didaktiker gerne in Kompetenz- und Operatoren-Diskursen, die Problemlösungen von deren Genese trennen, bis die Lernenden bei der Prüfung nichts mehr verstehen müssen, sondern bloß vorhersehbar reagieren sollen, bis in den Bereich der Emotionalität, wofür der Pietismus (den es, so muss man gegen Gelhard vielleicht einwenden, nur sehr unscharf und meist als Kampfbegriff von anderer Seite gab) Vorreiter gewesen sei.

„Kompetenz statt
Intelligenz“ ist die Formel, aufgrund derer Kompetenz in Inkompetenz schon fast umschlagen muss, natürlich dann ohne jede „Inkompetenzkompensationskompetenz“, wie Marquards bekanntes Wortungetüm lautet, welches er ironisch gegen das in Anschlag brachte, was Gelhard als „Verhinderung des spannungsreichen Prozesses, den Hegel als Bildung bezeichnet“, skizziert.

Man sollte diesen Band lesen, statt jenen Bescheidwissern und routinierten Könnern der Bildungsadministration zuzustimmen und blind zu folgen, die vom Campanile aus in Pisa-Studien befinden, wie schief die Welt doch sei.

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