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Connie Ruoff schrieb uns am 22.07.2019
Thema: Paul Auster: Winterjournal

Eine schonungslose Bestandsaufnahme und eine hinreißende Liebeserklärung


Zum Inhalt „Winterjournal“

Bei Paul Auster ist die Antwort jedoch vielschichtiger! Er offenbart, und zeigt sich,  in all seinen Büchern sehr privat und offenbart dem Leser, viel von seinem inneren Ich. Aber zurück zum „Winterjournal“.



„Winterjournal“ von Paul Auster ist der erste Teil seiner Biografie. Ein Jahr später folgte der zweite Teil, „Bericht aus dem Inneren“.



Es ist eine Biografie, die Spuren folgt, die das Leben auf dem eigenen Körper hinterlassen hat. Es sind nicht nur Narben und Blessuren auf der Haut, sondern es sind
auch Narben des Lebens. Jeder erinnert sich an diese „Unfälle“, weil sie Narben auf unserem Körper hinterlassen haben, die mit Schmerzen verbunden waren. Es ist mit seinen Worten: Eine Phänomenologie des Atmens und es ist ihm ein Bedürfnis, die Worte jetzt niederzuschreiben.



Paul Auster gibt sich in vielen einzelnen Episoden, die er aus der Erinnerung heraus erzählt, zu erkennen, indem er sich öffnet und dem Leser Details seines Lebens preisgibt. Ehrlich und ungeschönt, manchmal geradezu exhibitionistisch beschreibt er, was er erlebte. Es sind weniger die einzelnen Geschehnisse, die beeindrucken, sondern es sind, die Gedanken und Erinnerungen, die er dazu beiträgt.



Zwiegespräch

Als Erstes fiel mir die Erzählperspektive auf. Paul Auster wählte die zweite Person Singular, also das „Du“.



Das gesamte Buch wird aus dieser Perspektive erzählt. Der Autor war 64 Jahre alt, als er „Winterjournal“ schrieb. Es handelt sich um keine Erzählung, ich betrachte es als ein Zwiegespräch mit sich selbst. Auf mich wirkt es, als ob er sich selbst auf Geschehnisse aufmerksam macht und es erstaunt wahrnimmt. Beispiele:



Er weist sein fiktives Du darauf hin, wann er das erste Mal gedanklich jemanden getötet hat.



Der Leser sieht, wie tiefsinnig und reflektiert Paul Auster mit seinen Erinnerungen umgeht.



Wie zuverlässig sind diese Erinnerungen? Oft verknüpft er diese mit Sinneseindrücken. Nur diese merkt man sich. Verletzungen, Schmerzen körperlicher, aber auch seelischer Art. Einer seiner ersten bewussten Erlebnisse war, dass ihm das Nachbarskind den Spielzeugrechen auf seinen Kopf schlug, als er selbst erst drei oder vier Jahre alt war.



Schuld ist ein zentrales Thema

Es geht um Schuld. Mit 52 Jahren war er mit seiner Frau, seiner 15-jährigen Tochter und dem Familienhund mit dem Auto auf dem Heimweg. Doch die Autofahrt endete mit einem schweren Unfall. Obwohl er keine Schuld trug, setzte er sich danach nie mehr ans Steuer.



Er offenbart Schnipsel seines Lebens, Er macht sich selbst auf Erinnerungen aufmerksam. Es geht um familiäre Geheimnisse oder auch Abgründe.



Verlust

Es geht um Verlust bzw. den Umgang mit Verlust. Es beginnt mit dem oben schon angedeuteten Verlust des geliebten Hundes. Der Leser erfährt seine Trauer und den Umgang mit dem Tod des Vaters und den Tod der Mutter. Vor allem seine Mutter nimmt einen großen Teil des Buches ein.



Wie geht man damit um, wenn man erfährt, dass man innerhalb weniger Wochen sterben muss, ohne die Möglichkeit daran etwas ändern zu können. Paul Auster thematisiert das fiktiv, indem er sich über einen Film, der davon handelt, identifiziert.



Der Winter naht!

Der Winter naht! Der Winter, die letzte der Jahreszeiten, bevor das Jahr zu Ende geht. Es wächst nichts mehr. Die Blüte und Fülle ist vergangen. Ich denke, deswegen hat Paul Auster den Namen „Winterjournal“ gewählt, was ich sehr passend finde. Paul Auster spricht schonungslos ehrlich über zahlreiche Liebesbeziehungen. Es waren nie oberflächliche „One-Night-Stands“. Er sucht immer die Begegnung mit dem Menschen hinter den Äußerlichkeiten. Auch das Aufwachsen seines Sohnes auf erster Ehe und der Tochter schildert er liebevoll.



Die Liebe

Und dann geschieht es, dass er Siri Hustvedt begegnet und er weiß, er ist dort, wo er immer hin wollte. Dieses Buch ist ein einzigartiges Bekenntnis zu seiner Frau. Es ist ein Liebesbrief, wie man ihn kaum schöner hätte entwerfen können. Er preist ihre Schönheit, ihre Herzenswärme und ihre Intelligenz, ohne schmalzig oder übertrieben zu wirken. Und man spürt sein Erstaunen und die ihn beruhigende Erleichterung, dass sie tatsächlich seine Gefährtin ist.



Ein Buch, das Herz und Seele berührt

Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst bald 60 werde und mir, seit einiger Zeit täglich bewusst ist, dass ich keine Zeit mehr vergeuden darf.



Ich habe beim Lesen nicht den Schriftsteller, sondern den Menschen Paul Auster kennengelernt.

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Connie Ruoff schrieb uns am 10.07.2019
Thema: Ian McEwan: Maschinen wie ich

Zum Inhalt „Maschinen wie ich“

„Maschinen wie ich“ ist das erste Buch, das ich von Ian McEwan lese. Ich war sofort angetan von seinem Schreib- und Erzählungsstil. Er unterfüttert Charlies Denk-Monologe mit Fakten. Es geschieht viel auf 400 Seiten und es geschieht noch viel mehr, wenn man Charlies Seelenleben betrachtet. Ich bin noch etwas zerrissen, in wiefern ich das Geschehene gliedern kann. Dazu möchte ich zuerst eine Kurzvita von Alan Turing vorstellen.

Alan Turing

Alan Mathison Turing (* 23. Juni 1912 in London; † 7. Juni 1954 in Wilmslow, Cheshire) war ein britischer Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker. Er gilt heute als einer der einflussreichsten Theoretiker der
frühen Computerentwicklung und Informatik. Turing schuf einen großen Teil der theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie. Als richtungsweisend erwiesen sich auch seine Beiträge zur theoretischen Biologie.

Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er an der Decodierung, der mit der „Enigma“ verschlüsselten feindlichen Funksprüchen. Aufgrund der militärischen Brisanz gelangten viele seiner Forschungsergebnisse später an die Öffentlichkeit.

Turing entwickelte den Turing-Test zum Überprüfen des Vorhandenseins von künstlicher Intelligenz.

1952 wurde Turing wegen seiner Homosexualität (damals noch als Straftat verfolgt), zur chemischen Kastration verurteilt. An den Folgen der Hormonbehandlung erkrankte er an einer Depression. Zwei Jahre später wählte er den Suizid.

In Computing machinery and intelligence (Mind, Oktober 1950) griff Turing die Problematik der künstlichen Intelligenz auf und schlug den Turing-Test als Kriterium vor, ob eine Maschine dem Menschen vergleichbar denkfähig ist. Da der Denkvorgang nicht formalisierbar ist, betrachtet der Test nur die Antworten einer Maschine im Dialog mit einem Menschen, d. h. das kommunikative Verhalten der Maschine. Wenn dieses von einem menschlichen Verhalten nicht unterscheidbar erscheint, soll von maschineller Intelligenz gesprochen werden. Er beeinflusste durch die Veröffentlichung die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz maßgeblich.
Wikipedia 27.Juni17.26

Posthume Ehrungen
Der Turing Award wird jährlich von der Association for Computing Machinery an Personen verliehen, die bedeutende Beiträge zur Informatik geleistet haben. Er wird weithin als „Nobelpreis“ der Informatik angesehen.


Weltenbau „Maschinen wie ich“

Wo sind wir? Ich werde die Rezension um Alan Turing bauen. Ian McEwan hat eine fiktive Welt geschaffen, in der Alan Turing sich 1952 nicht das Leben nimmt, sondern als homosexueller Wissenschaftler im Rentenalter unbehelligt und frei lebt und immer noch forscht. So hätte Alan Turings Leben auch verlaufen können! Spielen wir das Szenario weiter. Alan Turing hat sich schon in 40er Jahren mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und mit seinem Test exakt festgelegt, ab wann man von maschineller Intelligenz reden kann. Wir sind in den 80er Jahren. Also hätte Turing 30 Jahre weiter forschen können. Gewiss hätten ihm genügend finanzielle Mittel zur Verfügung gestanden. Im Buch erfahrt ihr, wie dieser „fiktive“ Wissensstand erreicht wurde. Der Autor entwirft eine glaubhafte fiktive Wissenschaftsgeschichte.

Aber Ian McEwan hat nicht nur die Weltgeschichte verändert, sondern auch die Politik, das Zeitgeschehen und die Geschichte.

Die Handlung „Maschinen wie ich“

Ich beginne mit den Fakten: Wir haben drei Hauptfiguren: Charlie, Miranda und Adam. Wie im tatsächlichen Leben gilt auch hier: Drei sind einer zuviel. Aber es handelt sich hier keineswegs und eine einfache ménage à trois. Es ist noch viel mehr.

Charlie liebt neue Technikspielereien und ist einer der ersten „Besitzer“ eines Androiden. Ja, ein Android! Adam ist der Android und führt tatsächlich ein eigenständiges Leben. Zumindest reagiert seine Umwelt so auf ihn. Er trifft eigenständige Entscheidungen. Er ruft bei seinen Mitmenschen Gefühle hervor. Er wird als Mann wahrgenommen und begehrt. Charlie hält ihn für eine bessere Ausgabe des Menschen. Er und Miranda haben seine Charakterzüge ausgesucht. Aber ist es möglich, einen Menschen nach Rezept zu „backen“?

Ian McEwan zeigt dem Leser im besten „Show it – don’t Tell it“ die Probleme, die dieses Konzept heraufbeschwören kann. Eine lernfähige Maschine, die ausgestattet mit guten Rahmenbedingungen, Gesetzen und Verhaltensregeln ihr „Leben“ unter den Menschen führt. Diese Maschine lernt und saugt Wissen auf. Aber diese Maschine lernt nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch wie wir Menschen unser Leben meistern, wie wir uns an Regeln halten oder sie umgehen. Wie geht eine Maschine damit um? Eine Maschine, deren Basis der Binärcode ist?


Inwieweit können Maschinen ein Bewusstsein erreichen? KI


5/5 Punkten

Sprachliche Gestaltung

Ian McEwan hat einen sehr schönen Sprachstil. Das Buch ist in der Ich-Form, aus der Perspektive Charlies geschrieben. Du fängst an zu lesen und liest und liest und merkst nicht, dass du schon am Ende bist.

5/5 Punkten

2. Cover und äußere Erscheinung

Das Cover zeigt Zwei Männer und eine Frau. Die Männer schwarz gekleidet, die Frau im türkisen Kleid und hohen Schuhen. Die Frau ist dem linken Mann zugewendet. Der linke Mann sieht modisch gekleidet mit schwarzem Anzug und weißem Hemd. Der rechte Mann hat ein etwas lockere Körperhaltung und ein weißer Papier oder Buch in der Hand. Ich nehme an, dass dieser Charlie ist. Hat er die Gebrauchsanweisung für Adam in der Hand?

Es gefällt mir gut. Es bildet die Geschichte ab. Ist Adam der bessere Mensch?


5/5 Punkten


3. Playlist?


https://www.youtube.com/watch?v=NS7Rh...


Gibt es ein Hörbuch

Ja! Ich habe es mit Audible gehört. Die Hörbücher vom Diogenes Verlag sind nicht im BookBeat Katalog enthalten. Das Hörbuch wird von Wanja Mues gesprochen. Der Sprecher war mir bislang nicht bekannt, hat mir aber für dieses Buch sehr gut gefallen. Ich mache das immer daran fest, ob das Kopfkino gut funktioniert. Und das klappt gut!



Fazit

„Maschinen wie ich“ von Ian McEwan basiert auf einem genialen intelligenten Konzept, woraus der Autor den Weltenbau entwickelt hat. Das Buch ist eine Utopie oder vielleicht eine Dystopie? Das ist eine Frage der Philosophie.

Der Autor baut die fiktive Wissenschaftsgeschichte und das fiktive Zeitgeschehen überzeugend in die Handlung ein. Ausgangspunkt ist das fiktive Leben Alan Turings.

Das Buch hat mich herausfordernd unterhalten. Ian McEwan legt seinen Finger auf gesellschaftliche Probleme, und zwar genau dorthin, wo es schmerzt: Kindesmissbrauch und damit zusammenhängend, der juristische Umgang mit Opfern, gerade bei Vergewaltigungen, wird den Opfern oft eine Teilschuld zugesprochen.

Politische Entscheidungen, die Menschenleben kosten. Wir machen uns viel zu wenig Gedanken über die Zukunft, und die damit zusammenhängenden Technologien. Noch immer werden in den wenigsten Ländern der Welt konsequent die Menschenrechte eingehalten.

Aber am allerbesten hat mir der Schreibstil gefallen. Der Autor erzählt nicht einfach, sondern die Geschichte entwickelt sich, aber nicht nur die Handlungsstränge, sondern auch das, was wir im Fantasybereich den Weltenbau nennen. Dadurch wirkt das fiktive Geschehen authentisch.

EIN GROSSARTIGER AUTOR

Ich möchte zu diesem Buch noch ein Zitat meines leider verstorbenen Helden und Vorbildes einfügen. Von Stephen Hawking

I fear that AI (Artificial Intelligence) may replace humans altogether. If people design computer viruses, someone will design AI that replicates itself. Mehr dazu: https://www.cambridge-news.co.uk/news...


@Diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!


Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 13.06.2019
Thema: Georg Meggle: Kommunikationstheoretische Schriften

Georg Meggle, Sprachphilosoph, Linguist und als solcher Verfasser von Grundlagenwerken, Herausgeber eines schönen Bandes zum Sinn des Lebens, aber auch als Übersetzer Noam Chomsky verdienstvoll, legt in diesem Band Essays zu Details vor, die aber immer wieder bemerkenswerte Schlaglichter auf die Kommunikationstheorie insgesamt werfen, auf ihre zentralen Begriffe.

Da der Band nicht systematisch ist, sei auf einzelne Erwägungen eingegangen. So wird auf den Widerspruch zwischen der Sprache als System („Sprachen sind Systeme“, wie Wittgenstein notiert) und Sprachen als „durch Sprachhandlungen charakterisiert“, wie ebenfalls bei Wittgenstein
nachzulesen ist, hingewiesen. Das System wäre, was sich immer erst realisiert und nie schon ist; oder was, während Sprachhandlungen geschehen, eine Hypothese nahelegen, nämlich, dass es die Sprache gebe.

Gleichfalls lesenswert sind die Überlegungen, dass Kommunikationsintentionen nicht kommunikativ sein müssen. Bei der Lüge gilt das. Allerdings ist das „Verstandenwordensein“ jeder Kommunikation integral.

Auch die Feinheiten einer „monadische(n)“ Kommunikation sind lesenswert: Wieviel Kommunikationversuch steckt in der Kommunikation, geht dem wechselseitigen Ereignis bzw. Eräugnis immer etwas dieser Art – ein Zeichenereignis – voraus? Und auch die Kommunikationsmodelle, wonach ein „Noise“ nicht nur auf den „Receiver“, sondern auch auf die Kanäle und direkt die so durchs Signal womöglich zugleich gestörte „Destination“ einwirkt, seien zur Lektüre empfohlen.

Freilich lässt sich manches auch beeinspruchen. So beschreibt Meggle, wie Black Grice missverstehe, wo er mit dem „Rekurs auf die Sprecherabsicht“ einen vitiösen Zirkel (oder einen infiniten Regress) verbinde. Kommunikation sei effektiv, wenn diese der Intention entspreche, das sei kein Zirkel, weil man ja wissen könne, was die Intention sei, und zwar nicht aus diesem kommunikativen Akt. Das ist logisch, bloß der Blick auf eine Lüge wäre da ausreichend – nur müsste der, der kommuniziert, irgendwann doch erklären, was seine Intention gewesen sei. Evident muss das nicht sein; und kommuniziert derjenige dann ansonsten nicht wieder? Die „Rationalitätsgründe“ werden nicht anders verständlich, als kommunikativ, trotz hermeneutischer Spirale und dergleichen. Stilistisch irritiert hier zudem, dass Blacks Überlegung schließlich als „»Argumentation«“ mit polemischen Apostrophen versehen wird.

Dennoch ist der Gesamteindruck positiv: Das sehr dichte Buch, das gewisse Kenntnisse voraussetzt, lohnt die Mühe der Lektüre in Summe ganz unbedingt.

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Connie Ruoff schrieb uns am 11.06.2019
Thema: Paul Auster: Das rote Notizbuch

„DAS ROTE NOTIZBUCH“ VON PAUL AUSTER
ZUM INHALT „DAS ROTE NOTIZBUCH“
„Das rote Notizbuch“ von Paul Auster ist eine Sammlung von kurzen Geschichten, von denen keine länger als zehn Seiten ist. Es sind Erlebnisse aus dem „Real Life“ des Autors oder seinem Umfeld.

Bei der Recherche stieß ich auf den Text „Ein Leben in Worten“ von Paul Auster – Ein Gespräch mit Inge Brigitte Siegumfeldt“. Frau Siegumfeldt ist Professorin für Literaturwissenschaft in Kopenhagen und hat für eine Studie über Paul Austers Werk, über eine Dauer von drei Jahren, mit dem Autor intensive Gespräche zu den einzelnen Büchern geführt und in diesem Text niedergeschrieben.
Auch „Das rote Notizbuch“ wurde besprochen.



PAUL AUSTERS GEDANKEN ZU „DAS ROTE NOTIZBUCH“
Paul Auster bezeichnet „Das rote Notizbuch“ als ars poetica.

Für den Autor zeigen diese Texte die „Mechanik der Realität“, er stellt fest, dass es seltsame Überschneidungen von Ereignissen geben kann, die wir manchmal als „schicksalhaft“ bezeichnen.

Es sind Geschichten, die man durchaus unterschiedlich interpretieren kann. Manche Deutungen schließen sich gegenseitig aus, dennoch sind beide gleich wahr.



Paul Auster erzählt in „Das rote Notizbuch“ Geschichten, die nicht in der Phantasie entstanden sind, sondern reale Erlebnisse sind. Er zeigt damit, wie komplex unser Leben ist.

Was ist Zufall? Was ist Schicksal? Haben wir einen freien Willen? Sind wir vorbestimmt? Manche Texte haben bei mir ein Gänsehautfeeling entfacht. Können solche Zusammenhänge wirklich Zufall sein?

Die Texte weisen aber auch darauf hin, dass Erinnerungen sehr subjektiv. Wir erinnern der Vergangenheit mit heutigem Wissen, Gefühlen und Werten. Vergangene Vorkommnisse werden durch Emotionen, Gerüche oder sonstige Empfindungen ausgelöst und bzw. oder verstärkt. Paul Auster erinnert sich voll Stolz an eine Begebenheit seiner Kindheit und befragt die andere an dieser Szene beteiligte Person, wie sie das Geschehen empfand. Aber die andere Person erinnert sich gar nicht mehr daran, weil sie die Wichtigkeit der Handlung damals gar nicht wahrnahm.

Wer kennt nicht den Spruch: „Und wenn du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“ Auch dazu gibt es eine Geschichte. Wenn so etwas passiert, ist man dankbar und verwundert.

Ich glaube, wir alle können mit solchen Geschichten aufwarten, der eine mehr, der andere weniger, weil er nicht darauf achtet.

Das Leben steckt voller Widersprüche. Dialektisch zieht es uns in unterschiedliche Richtungen, letztendlich werden wir nur glücklich, wenn wir die goldene Mitte wählen.

5/5 Punkten

SPRACHLICHE GESTALTUNG
Paul Auster sagt selbst, dass die kleinen Texte dem Aufbau von Witzen entsprächen. Es gibt Keine raffinierten Wortschöpfungen, nein! In minimalistischer Sprache läuft alles auf die Pointe zu.

Der Autor erzählt ohne Dramaturgie oder narrativen Kniffe. Es geht nur um den Inhalt und der spricht für sich selbst.

5/5 Punkten

COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
Diese Originalausgabe gab es erstmalig vollständig 2012 bei New Directions, New York. Die Texte wurden zuvor schon in einer der u. g. Ausgaben veröffentlicht:

Englische Fassung „The Red Notebook and Other Writings“, London 1995

Deutsche Fassung: „Das rote Notizbuch“ Rowohlt 1996.

„Die Kunst des Hungers“ Rowohlt Paperback 1997

„Das rote Notizbuch“ erweiterte Neuausgabe 2001.


Das Buch ist ein wahres Schmuckstück. Wie bei mehreren Büchern von Paul Auster dominieren im Cover die Farben Rot, Schwarz und Weiß.

Der Untergrund ist ein dunkleres Grau, worauf P A U L A U S T E R D A S R O T E N O T I Z B U C H  in genausolchen Lettern und ohne Zeilenumbruch gedruckt wurde. Der Name des Autors in Rot und der Titel in Schwarz. Rechts unten steht noch der Verlag, Rowohlt in kleineren Lettern. Das sieht richtig edel aus.

Das Buch wird im August als Taschenbuch von Rowohlt erneut herausgegeben.

5/5 Punkten

FAZIT
Paul Auster entdeckte ich über die Recherche zur Literatur seiner Frau Siri Hustvedt, die inzwischen zu meiner Lieblingsautorin wurde. Im Netz findet man gemeinsame Auftritte der beiden, die mein Interesse immer mehr wachsen ließen. Beide thematisieren Bereiche aus dem täglichen Leben und hinterfragen diese. Was hat dazu beigetragen, der Mensch zu werden, der man heute ist? Was wäre, wenn wir vor Jahren eine andere Entscheidung getroffen hätten. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat weitreichende Folgen. Und dann gibt es noch genau diese Zufälle oder unbegreiflichen Zusammenhänge, wovon die Geschichten in „Das rote Notizbuch“ handeln.

Beim Lesen stelle ich mir die Frage, was will der Autor mit dem Text erreichen? Will er überhaupt etwas bezwecken? Oder ist es für den Autor ein Zwang, die Geschichte niederzuschreiben, ohne zu hinterfragen? Auch hier fragte ich mich, Was will Paul Auster mit dem kleinen roten Notizbuch den Lesern vermitteln?

Ich glaube, er möchte zeigen, dass wir, wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen und vielleicht einmal innehalten, beobachten oder anderen Menschen zuhören, wir die unglaublichsten Zusammenhänge oder Zufälle entdecken.. Geschichten werden nicht nur erfunden. Sie geschehen in jeder Sekunde in unserem Leben, wir müssen sie nur sehen.

@Rowohlt: Vielen Dank für das wunderschöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 08.05.2019
Thema: Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“


Ich habe Siri Hustvedts Essayband „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“, zeitgleich mit ihrem aktuellen Roman „Damals“ gelesen. Beide Bücher gehören zusammen, weil beide Bücher dieselben Themen behandeln:

Das Ich in der Zeit, das sich mithilfe von Erinnerungen, kontinuierlich neu zusammensetzt und verändert. Was hat Kunst mit Erinnerung zu tun? Wie entsteht beim Betrachter Kunst? Woher kommen die Ideen? Wie kommt es von der Idee zur Kunst.

Im Roman „Damals“ wird der Weg zum „Ich“ beschrieben. Der Vorgang des „Erinnerns“ wird beispielhaft belegt.

Die
Essays zeigen anhand von Künstlern, ihren Werken und deren Wirkung auf den Betrachter, dass kreative Vorgänge sehr komplex sind und Kunstgegenstände nicht einfach als Objekt gesehen werden können, sondern selbst etwas „Subjektives“ haben.

Der Essayband ist für mich ein Füllhorn an Kunst, Philosophie, Geschlecht und Geist, und schon sind wir beim Untertitel:



Essays über Kunst, Geschlecht und Geist



Die amerikanische Originalausgabe „A Woman Looking at Man Looking at Woman“ beeinhaltet als ersten Teil die deutsche Ausgabe „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“, sowie als zweiten Teil „Die Illusion der Gewissheit“, der in Deutschland 2018 als selbständiges Buch von Rowohlt verlegt wurde.



“Die Illusion der Gewissheit“, beschäftigt sich mit dem Leib-Seele- bzw. Körper-Geist-Problem. Wo finden wir Erinnerung? An welcher Stelle finden wir die Seele? Wo ist die Heimat des Ichs?

Der vorliegende Essayband ist in Deutschland in zwei Teile geteilt. Der erste Teil hat den Titel des Buches,

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“,

der zweite Teil

“Was sind wir? Vorträge über das Mensch sein“.

Es sprengt den Rahmen einer Buchbesprechung hier auf alle Essays einzugehen, deswegen habe ich mir drei Essays rausgepickt, „Meine Louise Bourgeois“, „Mapplethorpe/Almodovar“, „Warum diese Geschichte und nicht eine andere“, die mich am meisten gefordert haben.

Meine Louise Bourgeois

Siri Hustvedt zeigt uns neben der Künstlerin Louise Bourgeois auch das Bild, das sie über die Künstlerin selbst in Gedanken, oder als aktiven Akt der Kunstbetrachtung erstellt hat. Die Theorie über die Wirkung von Kunst auf den Betrachter setzt die Autorin um.

Ich versuche es, mit meinen Worten zu skizzieren:

Die Wahrnehmung der Kunst manifestiert sich im Betrachter. Dieser ist keineswegs nur passiver Empfänger, sondern macht Kunst, mittels eigener Vergangenheit, und den erlittenen positiven, aber auch negativen Schicksalsschlägen und der eigenen Befindlichkeit zum Zeitpunkt der Betrachtung, das Werk zur Kunst, ja zum Erlebnis. Die eigene Befindlichkeit ist der strukturierte Raum, wo dieses Erlebnis entsteht oder sich manifestiert. Gute Kunst ermuntert uns dazu, die Struktur aufzubrechen und neu zusammenzusetzen.

Aus der Theorie ist die Praxis der Kunstbetrachtung von Siri Hustvedt, am Beispiel Louise Bourgeois, geworden. Das ist sehr beeindruckend und es hat die Theorie verifiziert.

Über das Werk der Künstlerin sagt Siri Hustvedt:

Wenn ihre zwingend zitierbaren Analysen ihres Werkes zusammengefasst werden, ergeben sie keine Synthese, sondern eine Antithese. Es sind die Ejakulationen eines schnellen Geistes, der sich vor allem für seine eigenen Inhalte interessierte.

Mapplethorpe / Almodovar

Die Ausführungen von Siri Hustvedt zu Robert Mapplethorpe und Pedro Almodovar sind sehr interessant und haben mich zum Recherchieren veranlasst. Bislang waren mir beide Künstler zwar oberflächlich bekannt, aber jetzt habe ich Lust auf mehr. Apollo meets Dionysos – oder die cleane Form des Apollinischen gegen die Leidenschaft des Dionysischen. Es lassen sich einige gemeinsame Begegnungspunkte herausarbeiten

Mapplethorpe liebte das „Perfekte“. In der von Almodovar organisierten Ausstellung hängt auch das Bild von Patti Smith. Das Bild wird als Solo Ereignis präsentiert. Dieses Bild hat nichts von Perfektion, sondern es zeigt in seiner Zärtlichkeit vielmehr die Verletzbarkeit – das Menschliche. Siri Hustvedt kam es so vor, als sei das Bild zur Kommunikation bereit. Patti Smith wird nicht objektiviert.



„Ihre Subjektivität, ihre Persönlichkeit sind Teil des Bildes.“

Patti Smith und Robert Mapplethorpe hatten eine einzigartige Beziehung: Sie waren Freunde, Liebhaber, künstlerische Mitarbeiter und Seelenverwandte.

Siri Hustvedt sieht in Mapplethorpe einen Künstler, der mit klassischer formaler Ästhetik, die Bedrohung und Gewalt der sexuellen Bilder abschwächt. Vor allem sexuelle Phantasien über Kontrolle und Unterwerfung, machen den Fotografen und den Betrachter zu Beteiligten. Maplethorpe arrangierte Menschen, als leblose Objekte – sozusagen als Stillleben

m Gegensatz dazu Pedro Almodovar: Er ist ein Geschichtenerzähler. Während Maplethorpe die Formen wahrt, und begrenzt, reißt Almodovar die Grenzen ein.

Almodovar zeigt in seiner Kunst Maßlosigkeit, während Mapplethorpe minimalistisch arbeitet.

„Wie Maplethorpe schafft Alomodvar starke visuelle Grenzen in seinen Filmen, Licht- und Fabkontraste, die ein leuchtendes, schönes Kinobild ergeben. Das verbindet ihn mit dem Fotografen und dem Apollillnischen.“


Warum diese Geschichte und nicht eine andere?

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Spielt die Biografie des Autors eine Rolle? Sind es Variationen eigener Erinnerungsstücke? Die Verknüpfung von Erinnerung und Kreativität geht auf die griechische Philosophie zurück. Ich komme hier auf den Punkt Erinnerung zurück, den ich schon bei der Rezension „Damals“ von Siri Hustvedt ausführte.<

Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Vorstellung, unsere Erinnerungen werden in einem Apothekerschrank verwahrt und wir müssen sie nur einfach aus der Schublade holen, ist das Erinnern ein komplexer Vorgang, dessen Ergebnis variabel ist. Unsere Erinnerung wird mittels unserer Erfahrungen neu zusammengesetzt und damit auch bewertet. Dadurch ist Erinnerung nicht statisch, sondern dynamisch. Wenn unsere Erinnerungen dynamisch sind, was ist dann wahr? Wie wahr sind unsere Erinnerungen. Die Erinnerung von gestern ist nicht identisch mit der Erinnerung von heute.

Es ist eine spannende Sicht auf das, was beim Schreiben im Akt des Schöpfens geschieht. Jeder der schreibt, kennt das Gefühl, dass ihm die Geschichten aus den Fingern gleiten, dass die Protagonisten ein Eigenleben annehmen.

Siri Hustvedt unterscheidet zwischen dem, was sich in einer Geschichte ereignet (Fabula), und dem, wie es erzählt wird (Sujet). Fabula steckt im Autor, er weiß vielleicht noch nichts Genaues, aber er ahnt ihr Vorhandensein und muss sie nur greifen. Beim Sujet handelt es sich um bewusste Entscheidungen. Beispiele hiefür sind: In welches Genre die Geschichte eingeordnet wird, die Erzählperspektive, sprachliche Gestaltung und das spätere Layout.

Das erinnert mich sehr an Platons Ideenlehre. Wir haben die Ideen in uns (a Apriori vor jeder Erfahrung), müssen sie erkennen und darauf zugreifen.

Deswegen wissen wir intuitiv, dass die Geschichte so nicht stimmt und ändern sie, im Glauben, dass sich die Handlung verselbständigt hat, oder die Protagonisten machen, was sie wollen. Und das wissen wir, obwohl wir im Schreibprozess zeitweilig die Welt einer anderen Person betreten. Nur dann wirkt es authentisch.

Sprachliche Gestaltung

Die einzelnen Essays sind in sich geschlossen und können für sich gelesen werden. Die Auswahl und die Themen sind so vielfältig und bereichernd, dass dieses Buch noch die nächsten Wochen auf meinem Tisch liegen bleibt, um auch noch die restlichen Beiträge durchzuarbeiten und die dazugehörigen Kunstwerke kennenzulernen und zu entdecken. Das macht richtig Spaß!

Cover und äußere Erscheinung

Das Cover ist minimalistisch gehalten und vermittelt durch die Linien, die Betrachtung der unterschiedlichen Perspektiven. Weniger ist manchmal mehr! Gefällt mir gut!



Zu meiner großen Freude hat das Buch nicht nur ein Lesebändchen, sondern auch ein Literaturverzeichnis. Der Leser hat die Möglichkeit auf den Spuren Siri Hustvedts zu wandeln.

Gibt es ein Hörbuch?

Leider gibt es bislang kein Hörbuch.

Fazit oder „meine Siri Hustvedt“

Worum geht es?

Um Erkenntnistheorie, Kunst, den „Menschen an sich“ oder, wie wird aus einer Idee ein Kunstwerk? Siri Hustvedt möchte dem „Ich“ nachspüren und es erahnen. Kunst kann nur in der Begegnung eines Kunstwerkes und des Betrachters entstehen. Und das „Ich“ des Betrachters ist mit seinen Erinnerungen und Erlebnissen verwoben.



Ich möchte die Rezension mit Siri Hustvedts Gedanken beenden:

Ich habe diese Rezension zu „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ im Hinblick auf Meine Siri Hustvedt geschrieben. Deswegen erlaube ich mir Siri Hustvedt

"...als meine in Anspruch zu nehmen. Sie ist natürlich auch deine Siri Hustvedt. Aber darum geht es mir nicht. Meine S. H. und deine mögen Verwandte sein, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie eineiige Zwillinge sind“.

Connie Ruoff frei nach Siri Hustvedt

Leseempfehlung an alle, die Philosophie, Kunst und die großen Fragen des Ichs und der Welt lieben!

@Rowohlt: Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!



Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Elisabeth Schröder schrieb uns am 03.04.2019
Thema: Lore Knapp: Formen des Kunstreligiösen

Schein oder heilig?
Lore Knapps Buch „Formen des Kunstreligiösen. Peter Handke und Christoph Schlingensief“


Wovon es nicht alles einen Gott gibt: „Der Gott der kleinen Dinge“, „Der Gott jenes Sommers“, „Der Gott des Gemetzels“ Es gibt den Rapper Retrogott, man schwärmt von Stil-Ikonen, Ikonen der Rock- und Popmusik, Kathedralen der Industriekultur und dem heiligen Rasen des Fußballs. Warum Anleihen aus dem Religiösen, wo doch Bindungen an Glaube und Kirche gesamtgesellschaftlich abnehmen? Anscheinend haben christliche Begriffe und Symbole immer noch Strahlkraft. Zur pervertierten Form gemacht, als verkaufsfördernder Signal-Effekt, springt sie besonders zu den christlichen Hochfesten in
der kommerziellen Werbung entgegen. Wie steht es damit im künstlerischen Bereich, in der Literatur und dem Theater?
Diese Frage untersucht die an der Universität Bielefeld lehrende Germanistin Lore Knapp in ihrem 2015 erschienenen äußerst lesenswerten Buch „Formen des Kunstreligiösen“ über das Oeuvre des Schriftstellers Handke und die Performances, Interviews und Schriften des 2010 verstorbenen Theater-Tausendsassas Schlingensief. Die Säkularisierung religiöser Inhalte ist nämlich im Künstlerischen sehr vielschichtig und nicht ganz so leicht als verwerflich abzutun wie im Kommerziellen.
Beide Künstler sind stark von ihrer katholischen Erziehung geprägt, selbst in ihrer späteren wütenden Abkehr und ständigen Widersprüchlichkeit. Handke schreibt: „Die Religion war mir seit Langem zuwider, und trotzdem verspürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können.“ Sie führt bei Handke zur bloßen Suche nach einem universellen Zusammenhang. Sein von ihm „Stoßgebet“ genanntes „Wer bin ich?“ bedient sich der Sprachzeichen, also z.B. dem Wort „Stoßgebet“, nur noch als Vokabular, als Mittel zum Selbstbezug. Diese Haltung gab es schon immer, Luther nannte sie „incurvatus in se“, also „eingekrümmt in sich selbst“. Bei dieser Blickrichtung verschwindet die ursprüngliche Bedeutung des Sprachzeichens „Stoßgebet“, auf Gott zu zeigen. Ebenso dreht Handke die eucharistische Bedeutung der Wandlung als symbolische Erlösung der Gläubigen durch Jesus um zur Wandlung durch Selbsterlösung beim Akt des Niederschreibens eigener Texte. Die Selbsterhebung zum Erlöser für sich und die Leser - durchaus mit ernst gemeintem mystischem Anspruch - resultiert aus der Panik vor der inneren Ödnis, wenn er schreibt: „Ich stampfe mir einen Gott aus der Leere.“ Man denkt da an Franz Schuberts Liedzeile „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ Wenn Handke vom „Licht der Welt“ spricht, ist das für ihn nicht Jesus, sondern die Sprache. Sie ist für ihn nicht Mittel, sondern Ziel seiner Suche nach dem Zentrum. Für die Mystiker ist das Zentrum der kurze, monumenthafte Stillstand, in dem man das Wesen der Dinge oder der Welt wirklich empfindet, letztlich Eins wird mit Gott. Aber Handke verliert sich mit seinem Sprachdenken in unzählige Verweise auf weitere mystische Ding-Erlebnisse und sich selbst. So verfehlt er das Zentrum oder umgeht es absichtlich. Trotzdem spricht Handke wie ein Geistlicher zu seinen Rezipienten: „Friede sei mit dir, Leser!“ und fühlt sich berufen, die „aller Alltagswahrnehmung entzogene Harmonie in der Dingwelt auch anderen zugänglich“ zu machen.
Die autorenspezifische Untersuchung der Formen des Kunstreligiösen geht von drei grundsätzlichen Unterscheidungen beim Begriff Kunstreligion aus: Erstens: Die Kunst ist Medium der Religion, führt also tatsächlich zu religiösen Inhalten hin, im Christlichen zur Botschaft Jesu. Zweitens: Die Kunst übernimmt die Funktion von Religion, d.h. ihre Wahrnehmung löst beim Rezipienten ähnliche Wirkungen aus wie sonst religiöse Inhalte. Drittens: Die Kunst ist selbst Religion, d.h. ein Kunstwerk verkörpert für den Rezipienten eine göttliche Botschaft. Manche erleben das ähnlich mit unberührter Natur, z.B. dem Aufenthalt im Wald als Gottesdienst. Das Geschaffene vertritt hier den Schöpfer, bzw. das Zeichen das Bezeichnete.
Welche der drei Bedeutungen finden sich bei Handke? Lore Knapp zeigt an Textbeispielen, wie Handke sein Schreiben zu seiner Privatreligion erhebt, und zwar für einen Lesertyp, bei dem seine Werke eine Wirkung auslösen wie sonst bei religiösen Inhalten. Sie sieht bei aller objektiven Beschreibung die Gefahr, dass Handke auch menschliche Beziehungen und allgemeine Gesetze dem ästhetischen Postulat unterordnet. Hier wird es nicht nur für sie fragwürdig, z.B. angesichts der politischen Implikationen seiner umstrittenen Serbien-Texte, die gegen die Urteile internationaler Gerichtshöfe bezüglich der damaligen Kriegsereignisse standen. In wissenschaftlicher Redlichkeit übergeht Lore Knapp die Kränkungen, die Gläubige bei manchen Textstellen Handkes empfinden könnten.
Noch krasser sind Schlingensiefs priesterliche Anmaßungen bis hin zur Erlöserrolle, selbst wenn er abwiegelt, es sei „Murks, wenn man durch eigene ästhetische Erfahrung einen Bezug zum Göttlichen herstellen“ würde. Aber die Auseinandersetzung mit Glauben und Kirche lässt ihn nicht los; es ist jetzt für ihn Die Kirche der Angst, wie er sein Fluxus-Oratorium betitelt. Während, wie auch bei Handke, nie klar wird, ob die Kunst selber zur Religion geworden ist oder die Funktion der Religion übernimmt, fügt Schlingensief in seinen Performances diesem Schillern zwischen Glauben und Unglauben noch das Element des Schockierenden und oft Gaudihaften hinzu. Knapp berichtet von den miterlebten Aufführungen: In der Church of Fear nennt er sich „Leidensbeauftragter“ und verteilt T-Shirts mit dem Aufdruck „Ich will heilig werden.“ Die Zuschauer im Nachbau der Oberhausener Herz-Jesu-Kirche verhalten sich wie andächtige Gottesdienstbesucher, wenn sie seine Texte sowie das „5. Evangelium“ von Joseph Beuys anhören. In Schlingensiefs kreativer Antwort auf seine Krebsdiagnose Unsterblichkeit kann töten. Sterben lernen übernimmt ein kreuztragender Schauspieler die Jesus-Double-Rolle des Autors, gleich danach spielt der selber aber den verrückten Papst Mabuse. Das Theater in der Kirchenkulisse negiert Gott und wendet sich an die „Gemeinschaft der Nicht-Gläubigen“. In der Presse häuften sich nach Ansprachen wie „Gott ist nicht gut. Aber tröstet euch, ich bin gut“ und den Prozessions-Happenings die Blasphemievorwürfe. Was ist davon zu halten, wenn sich Schlingensief verteidigte, die Prozession sei „ernsthaft religiös gemeint“? Vertritt er in diesem Hin und Her die Zweifel vieler Christen? Spiegelt das parodierende Fluxux-Nachspielen von Ritualen, das Pervertieren von Liturgie und Glaubenssätzen den verbreiteten respektlosen gesellschaftlichen Umgang mit Religion oder pusht er ihn? Schlingensief vollzieht, aber dekonstruiert dabei die christlichen Rituale und Symbole. In Mea Culpa werde die Kunst endgültig zur Religion, sagt der Philosoph Boris Groys, und zwar gerade dadurch, dass sie keine Religion außer sich mehr brauche. Das ist als Verkehrung des 1. Gebotes die eindeutige Position: Kunst als Religion. Aber Schlingensief spielt auch damit: Erst stellt er sein Leiden analog zu Jesus dar und springt dann auf wie die Gliederpuppe Petruschka und distanziert sich von der Rolle. Effekthascherei oder Selbstentblößung der inneren Zerrissenheit? Die Heiligenrolle ist bei Schlingensief immer eine schonungslose Auseinandersetzung mit seiner Künstlerrolle. Lore Knapp nimmt die Konflikte und Verzweiflungen in Bezug auf den Glauben bei den zwei ausgewählten Künstlern anhand ihrer Werke in einen so wertfreien, offenen Blick, dass sich Lesende trauen können, Eigenes wiederzuerkennen. Vielleicht wird nach der Lektüre dieses Buches die Alltagsbeobachtung all der übertriebenen Selbstinszenierungen, vermeintlichen Transzendenzbezüge und trügerischen Heilsfunktionen wacher.

Lore Knapp: Formen des Kunstreligiösen. Peter Handke - Christoph Schlingensief.
Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2015,
ISBN 978-3-7705-5887-2

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Martin A. Hainz schrieb uns am 26.03.2019
Thema: Frank-Peter Hansen: Die Wittgenstein-Dekomposition

Mit seiner Wittgenstein-Dekomposition hat Hansen ein Buch vorgelegt, dem man nicht absprechen kann, höchst amüsant zu sein. Ebenso zweifelsfrei ist allerdings, dass er sich wenig um Gerechtigkeit schert, das Buch ist so bösartig wie darum nur manchmal treffsicher.

Das Buch beginnt schon mit jener Bereitschaft zum Missverständnis, wo man immerhin auch Subtilitäten heraushören könnte, wenn Hansen den berühmten Schluss des Tractatuswovon man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen – so deutet, dass Unlogik das Resultat ist. Das könne nur ein „Verbotssoll“ meinen, vielleicht auch ein psychologisches Problem, das Gebot, sich erst zu informieren, oder, es
ließen sich „empirisch nicht verifizierbare Spinnereien“ nicht sagen; doch nichts davon stimme. Wie aber, wenn der Satz im Sinne Gödels meint, dass eine Sprache nicht über sich und das, was sie nicht leisten kann, sprechen kann, ohne gegen „sich“ zu verstoßen? Diesen Ebenenwechsel vom „wovon“ zum „darüber“ hat die Sekundärliteratur verschiedentlich bemerkt und daraus mehr Nutzen gezogen, als es der Spott Hansens tut.

Natürlich sind viele Einwände begründet. Ist der Aufbau des Tractatus immer begründet? Schwerlich. Ist der Identitätsbegriff Wittgensteins hilfreich? Nein, wobei genau dies immerhin auch Wittgenstein andeutet. Hier trifft Hansen übrigens auch Popper, und durchaus besser: Wenn, so schreibt Hansen, Schwäne als weiß definiert wären, dann wären schwarze Schwäne nicht Anlass, das Konzept Schwan zu rekalibrieren, sondern sie wären keine Schwäne – Popper aber habe „nolens volens [,] zu Protokoll gegeben, dass er irgendwie schon eine Ahnung davon hat, was einen Schwan zu einem solchen macht“, und zwar nicht die Farbe.

Auch das Bild als eine „der Differenzierung entbehrende einfache Repräsentationsform“, wie Hansen es skizziert oder skizziert sein lässt, aufgrund der Autorfiktion seines Buchs, die natürlich zur Kenntnis genommen wurde, umreißt er spannend und exakt; es leiste nicht ein „abstraktes Identifizieren“; die „geistfreie Verbildlichung“ wird vielmehr vielleicht vollzogen. Und auch der Hinweis, dass Wittgenstein dem, was „in jedem Mathematiklehrbuch geschrieben“ stehe, nicht genügt, ist manchmal höchst angebracht.

Dennoch wäre der Gesamteindruck besser, wenn Hansen manchmal nicht wohlwollender, sondern nur um Angemessenheit bemüht das geschrieben hätte, was so Wittgenstein zu oft verfehlt, um die Dekomposition zu sein. Hansen schreibt, seinen fragwürdigen Auftakt aufgreifend, Wittgenstein hätte sich ans Diktum halten sollen. „Si tacuisses“  – aber das gilt dann vielleicht noch mehr von ihm, vielleicht sogar nur von Hansen; weshalb ich dem Verfasser hier nicht zustimme, ich las ja auch ihn trotz mancher Ungenauigkeit oder Inkohärenz mit Vergnügen.

PS: Wie Wittgenstein schreibt Hansen weiter, inzwischen ist ein zweiter Band der Wittgenstein-Dekomposition erschienen.

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Connie Ruoff schrieb uns am 05.03.2019
Thema: Ingrid Noll: Goldschatz

Rezension „Goldschatz“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll nimmt in „Goldschatz“ den Menschen und seine „Abgründe“ in den Focus. Fünf junge Leute, die nicht so schnell erwachsen werden wollen, sondern ihre Studentenzeit intensiver ausleben und es sich, ihren Eltern und den Nachbarn beweisen wollen, gründen eine alternative WG. Im Zentrum stehen Henry, Trixi und ihre beste Freundin Saskia. Als vermeintlicher Gegenspieler tritt der alte Nachbar Gerhard Gläser auf den Plan.

Trixi, die „Hausbesitzerin“ (eigentlich gehört es ihren Eltern), Henry ihr Lebensgefährte und Saskia, ihre beste Freundin stellen Grundregeln für das Zusammenleben in der WG auf und überlegen, wen sie noch in die
Gemeinschaft aufnehmen können. Wer würde dazu passen?

Das Geld für die nötigen Renovierungen fehlt. Der Fund des Goldschatzes gibt ihnen Hoffnung und ist der Anfang vom Ende.

Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf und ist nicht mehr zu stoppen. Inzwischen sind noch Oliver und Katharina als Mitbewohner dazugekommen. Sollen die Neuen über den Goldschatz informiert werden? Und es fängt mit den Geheimnissen und Lügen an. Zu verschweigen ist auch eine Art Lüge.

Henry ist überzeugter Konsumverweigerer. Die Mädels finden es schön, Konsumverweigerer zu sein und solange sie über kein Geld verfügen, gibt es darüber auch keine Zweifel.

Geheimnisse, Lügen und der Goldschatz machen es den fünf WG-Bewohnern und dem alten Nachbarn schwer, ein „guter Mensch“ zu sein oder zu bleiben.

Wer Ingrid Noll schon gelesen hat, weiß dass ihre Krimis nicht ins normale Gerüst passen. Täter, Opfer und Ermittler werden immer von der zwischenmenschlichen Seite gezeigt. Die Leser sind oft auf Seiten des Täters, weil er (meist eher sie) so sympathisch ist.

Und dennoch: Auch hier gibt es mindestens einen Kriminalfall, mindestens eine Leiche und es gibt Verdächtige. Vom Entwenden eines Grills, über Lüge und Intrige, Diebstahl und Betrug, bis hin zum Tötungsdelikt, findet der Leser in „Goldschatz“ kriminelle Unterhaltung mit ironisch bissigem Flair und einem lächelnden Auge.

5/5 Punkten

Protagonisten
Das Zicklein und der gute Hirte.

Trixi und Henri geben sich diese Kosenamen. Ich dachte, gleich fall ich vor Lachen, oder war es doch vor feministischer Empörung von der Couch. Ingrid Noll zeichnet fantastische Charaktere. Vor allem ihre Frauenbilder sind genial. Gleichwohl, in welcher Lage sich die weiblichen Figuren befinden, nehmen sie tatkräftig ihr Schicksal in die Hand und versuchen, es zu ändern.

Die Frauen sind keine Opfer sondern Akteure.

Ingrid Noll in Playlist:"Die mörderische Welt der Ingrid Noll"
Sprachliche Gestaltung
Die Kapitelllänge ist sehr angenehm. Trixi erzählt in der Ichform die Geschichte. Ich glaube, ich habe das Buch die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf den Lippen gelesen. Oftmals ertappt man sich, dass man ähnlich oder genauso wie Trixi gehandelt hätte. Ingrid Noll findet immer wieder die kleinen menschlichen Schwächen und hält uns den Spiegel vor.

5/5 Punkten

Cover und äußere Erscheinung
Covermotiv: Gemälde von Cyprien Eugène Boulet,
>Femme au châle vert< (Ausschnitt)
© Historic Collection / Alamy Stock Photo

Das Cover zeigt eine hübsche junge Frau.


Ingrid Noll macht einfach Spaß. Sie zeigt uns menschliche Schwächen. Der Schreibstil ist ein wenig bissig, ein bisschen ironisch, manchmal fast schon sarkastisch. Obwohl der Leser ahnt, dass die Blase der Konsumverweigerung und der alternativen WG platzt, (es ist nicht die Frage, ob die Blase platzt, sondern wann und warum sie gerade an diesem Punkt platzt), verliert Ingrid Nolls Roman keineswegs an Spannung, sondern im Gegenteil. Man mag gar nicht mit Lesen aufhören. Ich war so gern dabei. Ich war gerne bei der Musiksession dabei. Ich habe so gern die nächtlichen Besuche von Saskia und Trixi beim Nachbarn begleitet. Die Autorin holt den Leser ganz nahe ans Geschehen ran.

Die Kunst von Ingrid Noll ist es, alltägliche Geschehen so zu erzählen, dass wir die Verhaltensweise gut erkennen, weil wir selbst schon ähnlich reagiert haben oder reagieren und wir als Beobachter hoffen, dass alles ein gutes Ende nimmt, obwohl wir es besser wissen.

Ihre Charaktere sind gut gezeichnet. Man leidet mit ihnen und freut sich mit ihnen. Ich hatte beim Lesen selbst ein schlechtes Gewissen Henri gegenüber, weil er mir mit seinem „Gutmensch sein“ auch mir schon etwas auf die Nerven ging und ich Trixi gut verstehen konnte.

Ich hätte gerne Trixis Leben noch weiter begleitet. Sie ist mir ans Herz gewachsen. Es ist doch schön, dass sie das alte Bauernhaus bewahren möchte, anstatt es niederzureißen. Trotzdem ist es natürlich aus wirtschaftlicher Sicht unvernünftig. Aber es hat etwas von Romantik.


Ich habe das Buch in 1 ½ Tagen gelesen, weil es einfach so leicht zu lesen und dabei so amüsant war.

@Diogenes
Vielen Dank für das schöne Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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