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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 30.01.2024
Thema: Denise Buser: Dichten gegen das Vergessen

https://mittelhaus.com/2024/01/30/denise-buser-dichten-gegen-das-vergessen/

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Christian Milz schrieb uns am 11.12.2023
Thema: Gideon Stiening: Literatur und Wissen in Büchners Werk

Obwohl der Autor Stiening als einer der profundesten Kenner der Materie gelten dürfte, belegt sein Buch auf grandiose Weise, wie die Literaturwissenschaft auf dem Holzweg wandelt. Denn wenn ein Autor wie Georg Büchner politisch, wissenschaftlich und literarisch unterwegs ist, dann sagt uns schon der einfache Verstand, dass die Beziehung dieser drei Aspekte erst dann geklärt werden kann, wenn zuvor jeder für sich betrachtet wurde, weil ansonsten von außen Prioritäten gesetzt werden, die eine bestimmte Perspektive zu erzwingen versuchen. Zwar ist die Einheit eines Werks ästhetisch ein hohes Gut, literaturwissenschaftlich sägt man aber an dem Ast auf dem man sitzt, wenn man die Einheit eines bestimmten Werks, bei Georg Büchner das literarische, beispielsweise des Woyzeck-Fragments, unter die postulierte Einheit einer gesamten (vermeintlich politisch ausgerichteten) Lebenswirklichkeit mit allen ihren Aspekten subsumiert. Dabei sollte schon der Begriff "Fragment" stutzig machen, denn ganz offensichtlich wiederspricht er streng genommen bereits an sich diesem Ansatz der Vereinheitlichung. Warum nicht Büchners Leben und Werk als Fragment betrachten? Wenn Stiening statt der Vereinheitlchung aus politischer Perspektive ganz im akademischen Trend die des intellektuellen Wissens priorisiert, dann ändert sich im Hinblick auf die Erhellung von Büchners literarischem Werk fast gar nichts. Stiening benennt den "Quellenfetischismus" der akademischen Büchner-Rezeption und trifft damit ins Schwarze. Aber wie alle anderen entgeht ihm die Form von Büchners Dichtungen, und die ist nun mal auch der Zugang zum Stoff und damit das Entscheidende. Solche hermenutischen Kardinalfehler lassen sich ganz einfach nachweisen, weil die heteronome Rezeption bestimmte (und das sind nicht wenige) Daten absichtlich oder unabsichtlich ignorieren muss, die nicht ins Konzept passen. Was sich wesentlich einfacher belegen lässt als Fehldeutungen. Wenn dann irgendwann einmal jemand daher kommt und auf diese Daten zeigt, dann, das ist das zweite objektive Merkmal wissenschafltichen Irrtums, dann wird dieser ausgegrenzt oder bekämpft (vgl. Kuhn). Dann kann man mehr als 700 Seiten über Georg Büchners Werk schreiben aber diesen einen Satz im "Woyzeck" völlig übersehen, der in extremer Komprimierung und sprachlicher Virtuosität sozusagen mit Blitz und Donner, veranschaulicht, warum Büchners nachgelassenes Frament über einen Soldaten, der fast nichts soldatisches an sich hat, alle traditionellen literarischen Formen spachlich gewaltsam in die Luft sprengt. Nein nicht alle Formen, die der Allegorie, also der verdeckten Rede, ist in den Trümmern deutlich nachzuweisen. Wenn man einen sozusagen apriorischen Begriff für die Einheit von Büchners literarischem Werk ansetzen wollte, dann könnte dieser kaum anders heißen, als der, den schon Büchners Erstling wörtlich ankündigt: den breit auskomponierten Tod. Danton stirbt physisch, Woyzeck seelisch, Lenz mental und Leonce und Lena regrediern im Geschwisterinzest in die Infantilität. Die Literaturwissenschaft hätte insofern von vorne anzufangen und das basale Handwerkszeug der Hermeneutik neu zu lernen, Schillers ästhetische Schriften wieder einzubeziehen, selbstverständlich auch den hermeneutischen Zirkel, der einzig mögliche Zugang zur Form, das Richtige am Strukturalismus zu verwerten und den Ausblick auf das zu wagen, was Hollywood schon lange praktisch umsetzt, die Vereinigung von Mythologie und Tiefenpsychologie:  C. G. Jung und Erich Neumann.

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Margret Hövermann-Mittelhaus schrieb uns am 06.12.2023
Thema: Christa Anita Brück: Ein Mädchen mit Prokura

https://mittelhaus.com/2023/10/14/christa-anita-brueck-ein-maedchen-mit-prokura/

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Ingrid Baltag schrieb uns am 30.10.2023
Thema: Oleg Serebrian: Tango in Czernowitz

Tango in Czernowitz
Oleg Serebrian erzählt vom Untergang des multikulturellen Buchenland
Roman von Oleg Serebrian
Morio Verlag, Heidelberg
400 Seiten, 2023

Rezension von Ingrid Baltag

„Lied des Meeres“ hieß ein Chanson von José Lucchesi aus dem Repertoire des klassischen argentinischen Tangos, der seinen Weg in den späten dreißiger Jahren bis nach Czernowitz, der Hauptstadt der östlichsten Habsburg-Provinz Bukowina (Buchenland), ehemaliges Kronland der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie, gebahnt hatte. Der Tango erlangte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen europäischen Metropolen Beliebtheit. Dementsprechend ist der Titel eine Chiffre für ein
modernes Lebensgefühl, für die nostalgische Sehnsucht nach dem Aufbruch in die Moderne, der durch den Beginn des Krieges und die Machtübernahme der sowjetischen Diktatur ein jähes Ende fand.
So knüpft der rumänische Originaltitel Cântecul mării symbolisch an jenes global verbreitete, kosmopolitische Musikgenre an, das eine melancholische Sehnsucht nach der weiten Welt ausdrückte. Es ist ein nostalgischer Titel, denn er erinnert an die sich bereits in ihrem Niedergang befindende Gegenwart von 1944. Die Bukowina, bis 1775 Teil des Moldauischen Fürstentums, blühte in der k. u. k.-Monarchie kulturell und wirtschaftlich auf. Auch der Roman spielt mit dieser etablierten Multiethnizität: Die Figuren sind jüdisch, deutsch, rumänisch, ruthenisch und huzulisch. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bukowina Rumänien zugeschlagen, doch Rumänisch wurde nie zur Mehrheitssprache. Subtil inszeniert Serebrian die kulturellen und politischen Reibungsflächen anhand der Geschichte eines Ehepaares, in dessen Alltag alle Ethnien vorkommen und interagieren. Die forcierte aber erfolglose Rumänisierung dieser Periode wird nicht angesprochen, doch spürt man sie im unterschwelligen Konflikt der Ehepartner, der schließlich in eine Katastrophe führt. Um die zentrale Liebesgeschichte zwischen Marta und Filip entsteht kaleidoskopisch ein lebhaftes Bild der Czernowitzer Gesellschaft von 1944. Es markiert die Schwelle zu einer neuen Epoche: Nach einer kurzen rumänischen Herrschaft steht die Nordbukowina vor einer erneuten und diesmal endgültigen Machtübernahme durch die Sowjets.
Der orthodoxe Erzpriester Filip Skawronski, Sohn eines ruthenischen Försters und einer rumänischen Bäuerin, heiratet seine große Liebe, die adlige Marta von Randa. Die Ehe zerbricht an kulturellen Missverständnissen und dem Mangel an Kommunikation zwischen den beiden. Die gemeinsame Leidenschaft für Tangostücke stellt nur noch ein dünnes Band ihrer ehemaligen Liebe dar, und nicht einmal ihr Kind vermag die beiden einander wieder näherzubringen. Die Diskrepanz der beiden Welten, derer sie entstammen ist zu groß.
Das Weite durch Auswanderung erträumt sich die junge Ehefrau Marta im Winter 1944, nicht nur weil ihre aristokratischen Wurzeln und ihre deutsche Herkunft in der machtpolitisch instabilen Region ihre Existenz bedrohen, sondern auch, weil die Ehe ihre jugendliche Kraft und Lebensträume einengt. Von ihrer altmodischen Familie verstoßen, weil sie „unter ihrem Stand“ geheiratet hat, wird sie zunehmend von einer verklärenden Sehnsucht nach ihrer alten Welterfasst. Ihre Eltern leben in Königsberg und beklagen, dass sich „die Sitten nach dem Zerfall des Kaiserreiches in unglaublicher Art und Weise demokratisiert“ haben. Obwohl ihre gegenseitige Liebe stark ist, kann Marta in der Ehe nicht aufblühen, im Gegenteil, sie fühlt sich missverstanden, denn die gesellschaftlichen und familiären Bürden verhindern die Kommunikation zwischen den beiden.
Die zunehmend prekäre gesellschaftliche Stellung Martas als Deutsche verschärft sich zusätzlich durch ihre Verwandtschaft: Ihr Bruder dient in der Wehrmacht, einer von Filips Brüdern hingegen in der sowjetischen Armee. Der zweite Bruder Filips befindet sich bereits im Exil, und bereitet für Filip und Marta von der Schweiz aus eine Auswanderung nach Lateinamerika vor. Viele Buchenländer konnten sich in der Kriegszeit nach Argentinien und Paraguay retten, denn sie fürchteten die politische Ordnung der Sowjets, mit der sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht hatten.
Die letzten glücklichen Momente des Paares sind wie ein Tanz auf dem Vulkan, in einer Region, die heute mit ihrer komplizierten und wechselvollen Geschichte abermals ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist. Czernowitz ist heute dank sowjetischer Misswirtschaft eine heruntergekommene ukrainische Provinzstadt. Das Drama des unglücklichen Ehepaares wird vor dem Hintergrund des letzten Jahres des Zweiten Weltkrieges erzählt, als die Region endgültig in die sowjetische Sphäre gerät.
Die historische Dimension dieses moldauischen Romans wird unter anderem von Arhip, Filips Vater verkörpert: „ein huzulischer Bursche, der auf Deutsch kaum einen Satz richtig bilden konnte, fragte sich damals, warum der liebe Gott diesen Deutschen alles gegeben hatte, und ihnen, also den Huzulen oder den Rumänen in den Nachbardörfern nur das Recht darauf, zu arbeiten und arm zu sein? Das erschien ihm ungerecht.“
Czernowitz und die Bukowina waren lediglich zwischen 1940 und 1941 unter sowjetischer Vorherrschaft, danach gehörten sie wieder zu Rumänien, was vor allem für die ehemalige Hausangestellte der Skawronskis, die Jüdin Perla, Unheil bedeutete, denn Juden und Ukrainer waren unter rumänischer Herrschaft Bürger ohne Rechte. In rumänischer faschistischer Regie fand schließlich eines der schlimmsten Progrome Europas statt: die Vernichtung der Juden durch Vertreibung nach Sibirien und später nach Transnistrien. Die Rolle Perlas ist eines der vielen Beispiele dafür, dass die Dynamiken der Geschichte anschaulich in die Figurenzeichnung übersetzt werden.
Der Roman erzählt von der multiethnischen Gesellschaft und ihren Dynamiken in der Bukowina Ende des Zweiten Weltkrieges und fokussiert vor allem auf dem gewöhnlichen Alltag der Menschen: Amanda Iosif, Iolanta Filiger, Vanda Wolczinski und Marta Skawronski bevölkern das legendäre Kaffeehaus von Alin Fiodorel, der mit dem Eintreffen der Russen ebenfalls das Weite suchen wird. Inzwischen sind die vier Frauen die einzigen Gäste im Lokal, die letzte Reserve echten Kaffees genießend.
Die Spannungen werden episch-realistisch in der Erzählung aufgebaut, und Serebrian gelingt es, eine ausgewogene, menschliche Sicht auf Irrungen und Wirrungen ideologischer oder emotionaler Art zu schaffen, eine feine Figurenzeichnung, die nie in Stereotypisierungen abdriftet. Es ist eine angenehme, gewinnbringende Lektüre; die beschriebene Atmosphäre wird lebendig und bietet einen Reichtum an realistisch dargestellten Introspektionen. Mancher Charakter ist so lebendig, dass man seine nicht-fiktionale Existenz beschwören könnte, wie der des Dr. Șveț, wahrscheinlich nach einem realen, legendären Czernowitzer Arzt benannt.
Als historischer Roman versucht „Tango in Czernowitz“ nicht verschiedene Antagonisten einander gegenüberzustellen; er zeigt die verschiedensten Facetten von Menschlichkeit auf und verweist auf die Zeit, in der die multikulturelle Stadt noch nicht zum sowjetischen Staat gehörte. Es geht auch um die „Verwandtschaft zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus“ und um die großen nationalen Mythen, die sich in den kleinen Gesten verdichten. „Ich hätte nicht gedacht, dass Europa in unserer Sprache sterben würde“, stellt eine Figur betroffen fest.
Hinzu kommt die philosophische Überlegung, ob der große Kampf im Universum nur vermeintlich zwischen Gut und Böse ausgetragen wird. So behauptet eine der tragenden Figuren: „Aber existiert das Böse denn tatsächlich? Ist es nicht nur eine ‚Dimension‘ des Guten? Was für die einen böse ist, kann für andere gut sein. Was uns jetzt böse scheint, könnte sich irgendwann oder anderswo in gut wandeln. Vielleicht für uns, vielleicht aber für jemand anderes. Eigentlich verharrt die Theologie seit zweitausend Jahren auf einem so offensichtlichen Fehler: Der Rivale des ‚Guten‘ ist nicht das ‚Böse‘. Es ist das ‚Schöne‘. Der Kampf wird ausgefochten zwischen dem ‚Guten‘ und dem ‚Schönen‘. Gott ruft uns hin zum Guten, der Teufel verführt uns zum Schönen. Wie viele Male haben wir alle das ‚Gute‘ dem ‚Schönen‘ vorgezogen!?“
Die Übertragung durch Anke Pfeifer ins Deutsche ist elegant und geschmeidig, die zahlreichen erklärenden Fußnoten sind akkurat recherchiert und machen die deutsche Übersetzung zu einer interessanten Ausgabe mit fundierten Fußnoten zu Begriffen und Namen. Nur wenige Tippfehler sind dem letzten Lektorat entgangen.

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Günther M. Doliwa schrieb uns am 19.10.2023
Thema: Alma Mahler-Werfel: Mein Leben

ALMA MAHLER-WERFEL, geb. Schindel – Mein Leben (1879-1964)
Von Günther M. Doliwa, 20.10.2023 (Zitate: kursiv)

Herkunft und Auftrag
Ein Leben mit unzähligen, brennenden Glücksmomenten. Tochter eines Monuments, Emil J. Schindler (1842-1892), Landschaftsmaler der Monarchie. Lungenkrank, tiefmusikalisch. Genial und verschuldet. Ihr Leitstern. Vaterkind, kunstsinnig. Mutter Anna, eine Sängerin, eher rational, bringt ihr das Rechnen bei. Alma, furchtbar gehemmt. Das kommt von der elenden europäischen Ohrfeigenerziehung unserer Zeit. Mir etwas kaufen, das getraue ich mich nicht. Verboten im Vaterhaus, ein zweites Mal von einer Speise nehmen. Sie findet ihre Heimat in den Mysterien des Katholizismus. Nur die
wirklichen Heiden, wie ich eine bin, können wirkliche Katholiken sein. Großbürgerliche Züge. Pelzmantel. Champagner. Luxushotels. Fulminante Dinner. Luftschiffreisen. Riesenbett. Großes offenes Haus in Wien. Alle Minister gehen ein und aus. Opernhäuser locken. Allergisch gegen jede sozialistische Gleich- und Parteimacherei. Radikalisierung, vor allem links, ist ihr ein Gräuel. Phasenweise neigt sie zum italienischen Faschismus. Ephemere Dinge jedoch verwischen. Jede Zeile, jeden Strich ihres Vaters möchte sie besitzen.

Ein Leben als Muse für die Kunst der Künstler
Sie träumt davon, schöpferischen Menschen den Weg zu ebnen. Fängt an, mit neun zu komponieren, auf Korfu. Carl Moll, ihr Lehrer, heiratet ihre Mutter. Er, ein verhasstes Perpendikel. Später ein Nazi.
Mit fünfzehn schafft sie sich eine Bibliothek an. Sexualität ist tabuisiert. Mit siebzehn völlig unerwacht, schön, las viel und komponierte. Musik wird ihr Lebensinhalt. Max Burckhard, Burgtheaterdirektor, als Anreger. Beide wilde Nietzscheaner. Er war sein eigener Gott. Ein Lebenskünstler par excellence. Ich teile die Menschen ein in Feste-Bringer und Feste-Störer.

Verbotene Liebe – Klimt (1862-1918)
Gustav Klimt, er 35, gebunden, Secession mitgegründet; sie ein junges Ding. 1897. Beider tiefe Lebensmusikalität. Erstes Liebeswunder, vernichtet durch enge Erziehung. Mutter liest ihr Tagebuch und verbietet den Umgang. Alma monatelang dem Selbstmord nah. Welcher Wahnsinn meiner Familie, zu glauben, daß man Vorsehung spielen darf…  Er verfolgt sie, Liebesschwüre auf dem Markusplatz in Venedig… Sonderbare Art von Verlöbnis. Lebenslang gesucht, nie gefunden.

Flug mit Gustav Mahler (1860-1911)
Gustav Mahler, seit 1897 Hofoperndirektor in Wien. Mit zwanzig kennengelernt, 1901. Heirat in der Karlskirche, am 9. März 1902. Er 41, sie 22. Hochzeitsreise nach St. Petersburg (er dirigiert drei Konzerte). 1902 in Köln und Krefeld: 3. Symphonie. (Diese inspiriert mich 1978 zu meinem Lebensthema: Glaube Liebe Hoffnung.) Er befiehlt, ihre Musik aufzugeben, ganz seiner zu leben. Zudem Verlust der Freunde, wegen Mahlers Eifersucht. Fast unertragbar. Er predigt Liebe, ist aber zu sehr in sich versponnen. Die erste große Liebe. Ahnungsloses Kind, ertrunken in Musik und weltfern dem Leben. Ihre Rolle, Aufgabe: ihr Glück für das eines anderen zu opfern und vielleicht dadurch selber glücklich zu werden. Sie verliert ihr Gleichgewicht. Gustav Mahler, doppelter Herzklappenfehler, sei wie herbeigeträumt. Wunderfließen umringt alles. Heller macht sie ihn. Alles in mir gehört Gustav. Ich lebe ja nur in ihm. Am 3.11.1902 wird Tochter Maria entbunden (sie stirbt 1907). In der Oper umhüpft Mahler Sängerinnen, schlägt das Pfauenrad, zuhause ist er abgeklärt, müde. Sie verkümmert, vegetiert dahin. Ein Wrack im Traum. Scheinleben. Wie ausgelöscht. Ich brauche meine Kunst. 15.6.1904 Tochter Anna (Gucki). Tochter Anna hat ein absolut sicheres Qualitätsgefühl - nur nicht bei Menschen. Anna wirkt weise. Mahlers Vertrag an der Metropolitan Opera. Dort vier Spiel-zeiten lang, jeweils nur drei bis vier Monate. Rückreise über Paris. Rodin erstellt eine Mahler-Büste.  
Mahler, ein Amokläufer. Arbeit, ewig lauernder Ehrgeiz. Keine Reise, kein Urlaub. Als Kind gefragt, was er werden wolle, sagt er: Märtyrer. Ein Leidsucher. Sonderbare Ehe mit einem Abstraktum. Freuds psychologische Deutung: Sie sucht ihren Vater als geistiges Prinzip. Mahler sucht in jeder Frau seine Mutter, eine arme, leidende, gepeinigte Frau. Er war ein Zölibatär und fürchtete das Weib. Sprünge seiner Fantasie beschreibt Mahler poetisch: die Dolomiten tanzen es miteinander. Wegen seiner originellsten Stellen gehört er für Alma zu den prophetischen Menschen wie Beethoven und Wagner. Am Ende, 1910, singt und spielt er ihre Lieder und erkennt, was er getan hatte, als er ihr ihre Musik ausredete. Er widmet ihr seine 8. Symphonie, im September in München huldigt ihm das Publikum. Sie schreibt: Die Juden sind das Salz der Erde – ihre Kunst ist überall heimisch.
Am 18. Mai 1911 geht Mahler von ihr. Sie fühlt sich entwurzelt.

Schicksalslinien – Tendenz zur Verschmelzung, keine Polarität
Ein Chiromant, der sich wundert über ihre Katastrophenhand und ihre Kraft zu überwinden, entdeckt das Künstlerische in ihren Handlinien, dicht neben der Religiosität. Ihr Wesen wandert lustvoll in Seelen. Sie dirigiert ihr Leben mit Wahrsinn in die Höhe. Für mich existiert nur, was morgen wahr ist. Künstler – wenn’s ans Leben geht, sind sie samt und sonders Dilettanten. Alles fließt ins Werk. Selbstsucht gesteht sie Großen zu. Sie hetzt einen schattenlosen Weg entlang. Unversöhnlich im eigenen Auftrag und eigenem Ermessen. Schaut keine Filme an. Sie kauft und verkauft Häuser. Verwurzelung gesucht, gescheitert. Ihr Muster von Selbstaufopferung: Totalidentifikation ohne Differenz, mit (Ich-) Verlustangst. Ärgste Mühe, sich nicht zu veräußern, aufzugeben, zu behaupten. Ich werde mit ihm zugrunde gehen. Musik ist ihr Leben. Das Wiegenlied des Alls. Sie schätzt, was musisch und voll Liebe ist. Aus dem steifen, sexualfeindlichen Milieu ihrer Zeit bricht sie aus.

Windsbraut für Kokoschka (1896-1980)
Für Kokoschka ist sie Trösterin, Windsbraut und stärkendes Weib. Das Bleibende im Wechsel. Alle Reinheit kommt ihr von ihm entgegen. Er sei geldsüchtig. Absurd, wie er sie eifersüchtig bewacht, überall auflauert, martert mit tausend Quälereien. Er sitzt in Bars herum, spielt Lebemann, rot und roh im Gesicht, malt. Er himmelt sie zeitlebens an als seine Herzensgeliebte. Sie wirkt als Kraft, was er sein wird. Sie zaubert sich von ihm weg. Sie können sich nicht vergessen, aber sie braucht ihn nicht mehr. Verliert aber bei fast jeder Annäherung die Fassung. Er - eine Fata Morgana in der Wüste. Eine geistige Nabelschnur verbindet sie lebenslang. Seine selbstbeweihräuchernde Reinheitssucht. Er kommt ihr abhanden. Sie findet ihn nicht mehr in sich. Er verspottet Werfel als Knirps. Sie bittet später Kokoschka, wenig zukunftsfreudig, eher rückwärtsgewandt, dass sie sich wieder eine Einheit wissen, die wir im Innersten nie aufgehört haben zu sein. Er schläft in ihr. 1949 ein Brief von Kokoschka. Er, der mit ihr die Gemütsskala von Zärtlichkeit bis zur lasterhaftesten Sinnlichkeit durchlebt hat, will der Welt sagen, was wir beide mit uns und gegen uns getan haben. Denn kein Liebespaar hat je so leidenschaftlich in sich hineingeatmet. Das Liebesspiel war ihr einziges Kind. (Kokoschka ist wie ein fremder Schatten)

Ein Weg, der nicht geht – Walter Gropius (1883-1969)
18.5. Todestag Mahlers, gleichzeitig Geburtstag von Gropius. Am 18. August 1915 heiratet sie Walter Gropius. Vorerst geheim. Es ist Krieg. Sie erzählt, wie er Leder sucht für seine Reitstiefel in Berlin. Nichts will ich als diesen Menschen glücklich machen. Er im Feld. Angst sich fremd zu werden. Dämmerehe. Man kann keine Ehe auf Distanz führen. Da kommt die Wende. Werfels Gedicht Der Erkennende ist sie ausgeliefert; es schlägt über ihr zusammen. Wenn wir machtlos zu einander brennen... Sie komponiert es. Auf der Stelle. Alles kann von Gott nur zur Freude erdacht sein.  
Im Juli 1916 kommt Manon zur Welt, ihr Kind mit Gropius.

Alles für Werfel (1890-1945) - das süße Mannkind
Franz Blei bringt ihr den Dichter Franz Werfel aus dem Feld in den Salon. Sie schaut ihm auf die Finger. Seine Fingerspitzen waren gelb von Nikotin. Seit frühester Jugend hat er Herzattacken. Es funkt auf Anhieb. Er singt, sie spielt – und wir wussten von keiner Welt mehr. Vor den Augen der ganzen Welt betreiben sie musikalisch-geistigen Ehebruch. Franz Werfel ist ein wunderbares Wunder! Sie verschreibt sich Werfel mit Haut und Haaren. Nichts als Franz Werfel liegt mir im Sinn. Gropius, an Weihnachten 1917 da. Januar 1918 weiß sie, was ihr Werfel bedeutet: Es musste kommen, dass ich ihn liebe, und die Musik beschirmt uns. Nicht zurechtgeschwärmt, wie bisher, die Männer, sondern wirklich. Einst Blicke im Konzert. Sie erklären sich. Bald geschieht alles.
Werfel, Glückskind von Geburt, bis über das vierzigste Jahr; Sohn einer wohlhabenden Prager Industriellenfamilie (Handschuhfabrik). Schöne Sprech- und Singstimme. Rezitator, Vortrags-künstler, Geschichtenerzähler. Unwiderstehlich. Schöpft aus dem Leben anderer. Der Über-empfindsame, ihr Liebhaber und Lebensgefährte. Hat Mäuseohren, ein Polyhistor. Im Unterschied zu französischen Literaten formt er als Dichter die Liebe und wird von ihr geformt. Kein Zimmer zu groß, kein Bett zu ausladend, kein Sofa zu geräumig für ihn. Das Mann-Kind hat es gern bequem.
28.7.1918 – Fatale Schicksalsnacht in Breitenstein am Semmering. Beide erhoffen voll Freude die Nacht. Noch stört Besuch. Um zwei Uhr wird er nachts eingelassen, bis fünf Uhr früh lieben sie sich im Mondschein. Er bekennt: Wir liebten uns. Ich schonte sie nicht. Trotz Kind im Bauch! Angst ums Kind. Sie muss ins Sanatorium. Blutung. Künstliche Geburt. Früh. Schuldverstrickung. Lähmungs-schlaf.  Das Kind, ihr Sohn, Martin getauft, ist hoffnungslos krank und stirbt.
26.8. 1918 Walter Gropius, vier Jahre im Krieg gedarbt, unter Toten verschüttet, erfährt alles, weil sie sich du sagen. Gropius, das Nobelste, Edelste in meinem Leben. Er war nicht ihr Weg. Musik verbindet sie nicht. An Architektur hat sie zu wenig Interesse. Manon, ein Engel, verbindet sie. Es entwickelt sich eine harmonische Freundschaft. Scheidung im Oktober 1920. Wie schrieb Werfel: Was uns liebt, wie stoßen wir es fort …Sie pendelt zwischen Weimar, Berlin, Wien. Reist zu Mahler-Festen, etwa Amsterdam, 1920.

Nachkriegswirren
Werfel, als Revolutionär aus dem Krieg gekommen, nach einer Zertrümmerung am linken Fuß wegen Verstümmelung vors Kriegsgericht. Telefonist. Gerettet. Hält wilde Reden, ruft zum Sturm auf die Banken auf. Es widert sie an. Geschrei der Massen ist Höllenmusik. Angst vor Plünderung. Tagebuch:
15.12.1918 - Glorreiche Nacht. Aneinandergeschmiegt fühlen sie innigste Innigkeit unserer sich liebenden Seelen. Ich liebe ihn über den Tod hinaus… Sie kann keinen verneinen. Alles ist gleichzeitig: Mahler, Kokoschka, Gropius, Werfel. Die Musik Mahlers trifft sie ins Herz. Sie verwirft den schwarzen Gedanken, sich umzubringen. Werfel, Humanist, Liebender wie keiner, großer Dichter und Denker. Der verlangt, mit Gropius Schluss zu machen, um sein Leben allein zu verbessern und zu verschönern. Sie nennt Werfel: Mein Lebensatem. Jede Rückkehr wird ein Fest. Sie hat zu tun, wenn er deprimiert ist und Wahnsinn fürchtet, um seine Kräfte zu schonen, seine Freuden zu teilen, immer zu wissen, was er gearbeitet hat. Gegen seine Nikotinsucht kommt sie nie an. Sie ist hineingesogen in seine Atmosphäre. Sie sehnt sich nach der absoluten Phrasenlosigkeit unserer Gemeinschaft. Zur Kunst gehört Schönheit, glaubt sie. Werfel notiert in Schulhefte. Diskutiert schwungvoll, paradox, voll offener Wahrheit. Er ist anfällig für Tobsucht, kann auch gemein und unflätig sein, wenn sie sich davonschleicht. Schreit er sie an, schraubt er ihr Lebensniveau herab. Sie spürt die Grenze der Hingabe, geht auf Distanz. Ich habe genug von der Sklaverei unter einem Mann. Dann Weinkrampf. Verzweifelt am Leben. Roheit war die Ursache, daß ich Oskar Kokoschka verließ. Roheit wird mich auch von Franz Werfel entfernen. Als er begreift und mit ihr weint, dann im Ausland (Zürich) ist, erholt sie sich. Sie immunisiert sich, will sich nicht mit Lügen und Mißtrauen einlassen. Man spricht 1928 über die traurige Tatsache der Irreligiosität in der Welt. Reisen nach Ägypten, Jerusalem, Palästina (1924-25). Aber die Welt ist klumpenschwer.
1927 Ausschreitungen in Wien. Hundert Tote. Tausend Verletzte. Menschenhorde losgelassen. Die böse Saat des Kommunismus geht auf. Im Namen der Menschheit wird die Menschheit massakriert. Lenin war der Ur-Brunnenvergifter! Intellektuelle, Gelehrte, Künstler, Geldmenschen sollen von der Politik ihre Hände lassen. Drei Monate in romanischen Ländern. Feier bei Hauptmann: Des Saufens und Lachens war kein Ende. Glücklich, dass mein kleines Nichts Freude auf ein Gesicht zaubern kann
Sie spürt, dass sie nach außen hin die Rolle der glücklichen Geliebten eines anerkannten Dichters spielt, innerlich aber seit zehn Jahren unausgeglichen ist und verkümmert. Etwas in ihr will nicht heiraten. Wechseljahre. Aufhören. Das Ersehnen hört nie auf. Der Opfertod (!) ist ihr ein Rätsel, unverständlich. Werfel ist der gütigste, liebendste Mensch in meinem Leben. Vielleicht doch heiraten? Am 8. Juli 1929 heiratet Alma als 49-Jährige Franz Werfel, zehn Jahre jünger - trotz Freiheitssucht. Ihre Freiheit bekommt einen Stoß. Er ist jung. Sie muß Jugend heucheln. Muss ihr ganzes Lebensinteresse auf sein Werden wenden… Sie trägt ihm Impulse für Geschichten zu, dann flog er mit seiner Phantasie davon…
Almas Lebensmuster - ein Suchen nach der zweiten Ich-Hälfte (Siehe Platons Gastmahl). Ihre Rettung: Öfters Trennungen. Fühlt ihre Ehe als Zwang. Merkwürdig. Möchte fort und möchte bleiben! Ehe erzwingt Hocken auf einem Fleck, keine Reise allein. Menschen habe ich genug verschlungen.
Im August 1929 Fahrt nach Ungarn zum Neusiedlersee. Eisenstadt. Sie will mehr von der Erde sehen. Denn die Erde ist unergründlich schön. Indien, das Land ihrer Sehnsucht. Gandhi. Sie muss umbuchen. Statt Indien eine Reise nach Palästina. Immerhin schöne Kerle zu sehen. In Damaskus, in einer Teppichweberei, sieht Werfel ausgehungerte Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier. Er sammelt Notizen, Protokolle für seinen großen Roman aller Verfolgten. Über das Unglück, den türkischen Genozid an den Armeniern schreibt er vom Juli 1932 bis März 1933 den Roman: Die vierzig Tage des Musa Dagh. November in New York. Der Weg der Verheißung geht schief. Januar, von Armeniern gefeiert, in Paris von ihnen mit einem Choral empfangen.
Juli 1932, endlich wieder katholisch geworden. Unter heftigem Weinen gebeichtet. Werfel will sie nicht in die Kirche gehen lassen, wo sie sich aufgehoben fühlt. Eifersucht. Dort…bin ich ihm nicht untreu. Irgendein federnder Jüngling, frei, heiter, zu mir gehörig - sogleich ist Anziehung da. 1933. Werfel ist in Gefahr. Seine Bücher werden verbrannt. Werfel, mehrfach in schwerer Depression

Die Phrase herrscht
Hitler, Wagnerfanatiker, Bruckner-Monomane, von seiner eigenen Größe besoffen, ein Dschingis-Khan; sein Reich schwillt an wie ein Ochsenfrosch. Hitler hat die Mahler-Straße in Wien umbenennen lassen in Meistersinger Straße, streicht das Denkmal-Geld ein. Die Mahlerbüste wird von Nazis eingeschmolzen. Sie verficht den wagnerschen Heldentypus, Werfel beleuchtet den Helden wider Willen mitten im türkischen Nationalismus und in den Gräueln an den Armeniern. Er steigt aus seinem Studio herunter nach Beendigung des Romans, einer Gigantenleistung für einen Verfolgten dieser Zeit. Wir beide waren unsagbar glücklich.
Hitler in Breslau gesehen. Ein Gesicht, das dreißig Millionen Menschen bezwungen hat: Umklammernde Augen… ein junges, verschrecktes Gesicht… kein Duce! Sondern ein Jüngling, der kein Alter, der nie seine Weisheit finden wird. Unser armes Österreich hängt im Netz Hitler-Deutschlands.
Februar 1934 Die Regierung besetzt das Rathaus in Wien. Kampf mit den Sozis, die ungeheure Fehler machen, Kreuze in allen Spitälern entfernen, Landpfarrer entmachten und so den Weg für die Ersatzreligion des Nationalsozialismus ebnen. Straßenschlachten. Es wird scharf geschossen. Da lässt sie ihr Fräulein eine Flasche Champagner aus dem Keller holen, die man sofort austrinkt.
Die Arbeiterzeitung hetzt zum Bürgerkrieg. Generalstreik. Schuschnigg bietet ihr Schutz an. Zieht sich nach Italien zurück. Dollfuß wird verfolgungswahnsinnig, sieht in jedem den Feind. Die Nazis winken mit Propaganda, ermorden Dollfuß. Österreich ist durchseucht. Es herrscht ein gefährlicher, schleichender Antisemitismus, ärger als der deutsche. Viele Juden halten Hitler für ein schwaches Männchen, fatal.
März 1934 in Venedig. Sie schwärmt von einer einzigen Harmonie. Fast bin ich wunschlos. April in Mailand, Musik genießen. Smaragdkreuz verloren. Herzweh: Manon bleibt lieber in Venedig. Zurück nach Wien. Manon sehr krank. Werfel beschwichtigt. Rückruf am 14.4.1934. Manon habe es im Kopf. Es ist Kinderlähmung. Carl Zuckmayer verliebt sich in das todkranke Kind.
1935 ein Negerlein (!), gekauft in Addis Abeba, solle Manon mit Musik aufhelfen. Es besudelt alles, wird ins Missionsspital gegeben. Werfel macht Studien. Manon: Mami, du kommst über alles hinweg… Manon entrissen. Manon stirbt, wird wie eine Königin beerdigt. Nichts hält mich mehr.
Vier Kinder hatte Alma. Maria, Steißgeburt. Dramatisches Ende. Anna, höchst independent und vorlaut. Manon, meine ewig holde. Langsame, schwere Geburt. Wunderschön, schwarzlockig. Sie war die meinem Herzen Nächste. Näher als alle Menschen, die ich einst liebte. Sohn Martin, war nicht fürs Leben bestimmt. Seine Geburt war fast unser beider Tod. Stirbt nach zehn Monaten.
Ab nach Rom, Florenz. Bruno Walter wusste, daß nur Musik heilen konnte. Musik, Musik, immer wieder große Mahler-Musik: 7. Symphonie unter Clemens Krauss. 6. Symphonie unter Anton von Webern. 3. Symphonie unter Hermann Scherchen (1937). 8. Symphonie unter Willem Mengelberg (1938) in Amsterdam. Alles wird daneben zu Nichts.
Nach Manons Tod dörrt ihr Herz aus… ich liebe niemanden und nichts mehr. Alle Kinder pochen in ihr. Haus in Venedig verkauft. Der Sinn meines Lebens ist dahin. Denn sie war mein bestes Ich – und hatte sehr viel von ihrem Vater. Die Unlogik des Todes grinst an. Alles ist gleichgültig. Requiem für Manon von Alban Berg, der begabteste der Schönberg-Schülerschar. Dem Andenken eines Engels, 1935. Das Violinkonzert als Vermächtnis. Denn kurz darauf stirbt er selbst.

Unter Berühmtheiten
Sie lernt die Prominenten ihrer Zeit kennen. Ihre Einschätzungen sind pikant und scharf.
Alexander von Zemlinsky, geborener Lehrer, ein scheußlicher Gnom. Trotzdem gegenseitige Liebe. Arnold Schönberg, originell, Boheme, Vollblutjude, sein Lieblingsschüler. Mathematisches Hirn. Alban Berg, hübsch, aber nicht originell. Dramatisches Talent. Karl Kraus, der Pamphletist. Kandinsky, Puccini, Schönberg und die spröden Wunder der Atonalität, Richard Strauß, der größte Meister unserer Zeit. Der schöne, edle Gerhard Hauptmann, väterlicher Freund, neben dem sie ergriffen sitzen darf, erhofft, mit ihr im nächsten Leben ein Liebespaar zu sein. Dessen Frau Grete darauf schnippisch: Alma wird auch dort längst besetzt sein. Voller Harmonie, als sei er mein Vater oder mein höherer Bruder. Er seufzt: Ach, Alma, wir zwei gehören zusammen. Seine Ehefrau mit Zornesblicken. Alma notiert, dass er sie beim Abschied auf den Mund küsst. Wo Gerhard Hauptmann ist, da ist Fest. Arthur Schnitzler, einer unserer geliebtesten, verehrtesten Freunde, eine große gelungene Schöpfung Gottes, der österreichische Maupassant. Jakob Wassermann: Ich habe eine Schwäche für ihn, wenngleich mir Schönherr als Mensch und Künstler tausendmal nähersteht. Karl Schönherr sagt, er brauche mich für seine Arbeit, und da bin ich schon gewonnen. (1929) Paul Valéry. Die Menschen gehen wie Schatten durch mein Dasein. Manche gehen mir plötzlich verloren… Wesensfremd bleiben ihr Dostojewskij, Kafka, die Atonalen, Kubismus, Kommunismus – alles dieselbe Krankheit. Entsetzen der Seelen und Herzen. Das widerspricht ihrer Ästhetik. Viele machen ihr den Hof. Ursache schwerer Eifersucht von Seiten Franz Werfels. Ihre Liebe ist stärker als alle lockenden Geister. Sie gefällt, könnte verführen, aber… Mir graut vor der Sünde. Ich gehe der Verführung aus dem Wege. Leicht gesagt! Über Karl Schönherr, der die Kraft hat, eine Linie zu halten, sich und anderen einen ruhevollen Gott gönnen kann, schreibt Alma - wir ziehen einander gewaltig an. Sie spricht mit Schnitzler darüber, wie die Frau sich oft von ihrem Ich abdrängen lässt. Neben Richard Strauß ist Hans Pfitzner heute der musikalischste Komponist Deutschlands. Aber ein Rededuellant, der, enttäuscht vom Leben, das Böse sehen will. Auch Pfitzner, anfangs Anhänger Hitlers, später abgefallen, begehrt Alma als Frau. Sieht Werfel als Eindringling. Sie analysiert, Zeit mit Pfitzner heiße andauernd Holzessig trinken. Sie lebt ganz im Werk von Richard Strauß, ist hingerissen von dieser mozarthaften Natur, die einfach schön ist… Er macht Musik ins Blaue, ganz ohne Gesinnungsheuchelei. Egon Friedell, universaler Kulturphilosoph mit souveränem Humor, ein Meister der Improvisation. Er stürzt sich aus dem Fenster, als die Nazis nur klopfen. Max Reinhardt, ein unverwüstliches Genie, lässt zum Ärger der Musiker nachts proben und konferieren. Feuchtwanger, kleines komisches Männchen, Kommunist, Brechts und Heinrich Manns Freund. Gern gesehen, obgleich er oft brennt wie Salzsäure. Dichter H. G. Wells, ein füchsischer, unsympathischer Mensch. Sinclair Lewis, starkes Ich, geistig interessant und scherzhaft leicht. Puccini, einer der schönsten Menschen. Ein Don Juan. Ruhmrausch. Rückzug ins Kleinbürgerliche. Benjamin Britten schenkt ihr seine Michelangelo-Lieder. Erich Maria Remarque, wunderschönes Gesicht, ein Bruder. 1941 Marc Chagall, phrasenlos, originell, phantasievoll. Brahms und Verdi ahnen, meint sie, den Jazz, den Negerrhythmus (!) voraus. Bei Verdi ist keine Natur. Verdi, wie die Juden mit einer ausgesprochenen Teilnahme und Sympathie für unterdrückte Völker. Die Italiener sind das begabteste, phrasenloseste Volk, dabei von einer reinen und gesunden Erotik. An Maurice Ravel entlarvt sie seine Freude am Kitsch. Hugo von Hofmannsthal, jeder Mensch sei eingeschlossen im Turm. Er stirbt, am Tag des Begräbnisses seines Sohns, der Selbstmord beging. Das Leben besteht nicht nur aus entzückenden Novellen. Ravel stirbt 1937, ein Mond zwischen zwei Sonnen: Debussy und Strawinsky seien stärker und origineller gewesen. Sie verteidigt, dass die alten Genies nicht in die Emigration gingen: Hauptmann, Strauß, Lehár. Schönberg ist dort in Los Angeles am Verhungern, mit 70 pensioniert. Werfel hält in Paris einen Vortrag über die fragwürdige Zukunft der Literatur; er trifft James Joyce, fast völlig blind; singt mit ihm lauthals geliebte Verdi-Arien.
Alma vertraut ihrem Tagebuch gefährliche Wahrheiten an. Sie hat fieberhafte Wünsche. Sie fragt: Soll sich nun mein innerer brennender Mensch in dürres Gestrüpp verwandeln? Fast glücklich bereist sie ihre Seele. Ich fasse mich in mir selber zusammen.

Emigration als schwere Krankheit
Alle gehen gesenkten Hauptes den Trott der Verblödung… Nirgends – aber auch nirgends ein Hoffnungsstrahl. 1938 Mailand. Grand Hotel. Dann ein Eckzimmer mit Veranda für Werfel auf Capri, um Gedichte zu schreiben. Oper in Neapel. Österreich sei längst gestorben. Straßenkämpfe in Graz und Innsbruck. Schuschnigg muss alle vor Berchtesgaden eingesperrten Nazis auf Befehl Hitlers freilassen. Wien. Vor Hitlers Riesenbild wachsen die Blumenmengen. Der „Wiener Beobachter“ erscheint, gemeiner und schlimmer als der „Völkische Beobachter“. Die Judenkarikaturen überstiegen alle Grenzen. Hitler verbietet das Plebiszit. Almas Tochter Anna hält ihre Mutter für verhetzt und unpatriotisch. Man lacht Alma aus, weil sie ihre Hypothek bei der Staatsbank löscht und alles Geld abhebt. Sie lädt Ödön von Horvath, ein Genie, überaus triebhaft, der in jedem Ort eine Geliebte hatte, und andere zum Abschied ins jüdische Restaurant Neugröschl ein. 9. März: Zuckmayer betrinkt sich mit Egon Friedell in der Reichsbar. (Zuckmayer erzählt von der Saufrunde, die mit 38 Glas ungarischen Schnaps (Barack) und 26 kleinen Pilsner endet.) Alma sieht ihn zum letzten Mal. Alma vermietet ihr Haus, sichert und packt zehntausend Bücher, fünftausend Noten, Klaviere, Kunstgegenstände etc. Sie fühlt sich ausgeplündert von ihrer sogenannten Familie (Moll, Eberstaller). Flucht aus Wien. Ein Auto ohne Swastika ist gefährdet. Sie muss Anna überreden mitzukommen, verabschiedet sich von ihrer Mutter, die verblendet wähnt, Hitler selber wolle nichts Brutales. Sie flieht mit Anna. Leibesvisitation an der Grenze, wo alle Juden zurückgeschickt werden, nach Prag, über Budapest, Wagram, Triest, Mailand nach Zürich, später nach Paris. Jetzt waren wir Emigranten! Nervenzusammenbruch in London. Geldlos. Kalte Stadt, verständnislos dem österreichischen Schicksal gegenüber. Niemand glaubte uns und unsern Warnungsschreien. Zurück nach Paris, sie ins armselige Hotel, er ins schönste Hotel der Umgebung. Ein Blitz fällt einen Ast, dieser Horvath, einfach ein allerhöchster Mord. Untergang der Kulturwelt? Beethoven, Wagner, Nietzsche, Schopenhauer – ist das alles nur Dreck? Am fernen Meer - ein Rundturm mit zwölf Fenstern für Werfel, nur ein unerträglich heißes Schlafzimmer dagegen für sie. Kampf um seine Gesundheit. Nerven, Herz, Blutdruck machen Sorgen. Alma Tag und Nacht um ihn. Ich lebe und fühle nur für ihn. Ich fühle mich eins mit seiner Wesenheit, wenn sie auch äußerlich diametral entgegengesetzt empfinden. Wenn es einen Gott gibt – bin ich in ihm. Wenn es keinen gibt – falle ich ins Wesenlose. Geburtstag. Gestolpert, aufgestanden, wieder gefallen. Katastrophen-linien…Winterschlaf. Alles Weh vergessen. Ich liebe, ich liebe, aber wen…aber was? Bachmusik befreit sie aus dem Gedankengefängnis. Aber ich weiß nichts über mich! Ich bin am Ende. Franz Werfels Existenz allein hält mich.
Machtergreifung Hitlers. Judenfrage. Emigration. Aber wir hatten keine Ahnung, was der Welt und uns noch bevorstand. Tschechoslowakei ausgestrichen. Hitlers Prestige wächst. Wo holt er sich den wohlverdienten Genickbruch? Lenin gab den Auftakt, Mussolini führte weiter, Hitler vollendet den unsinnigen Überbau. Größenwahnsinnig. Der Friede ist ausgebrochen - böse Emigrantenträume. Werfel glaubt an die Weltrevolution durch den Bolschewismus. Alma an die Welterlösung durch den italienischen Faschismus, an Mussolinis Werk… Barlach lehrt: Es gibt nur zwei Rassen, die geistige und die ungeistige. Almas Mutter stirbt. Das versteinernde Herz dort in Wien lässt sie frieren.
Werfel verkündet in Paris: Ohne Divinität keine Humanität. Ein Grundsatzdokument des Humanismus, Pflichtlektüre in der Migrationsfrage. Gott gewährt Schutz der Dreieinigkeit von Witwen, Waisen, Fremden. Entgottung und Wertzerstörung äußern sich in: beklemmender Ratlosigkeit, politischer Lähmung, als reiner Satanismus jenseits der Grenze, trotzig bewusste Abwendung von der Wahrheit, Selbstvergötzung, als Durst wehzutun. Anbetung der Macht mache den Weg frei für die Diktatur der ganz und gar Voraussetzungslosen. Wo ist das Recht, dieser heilige Schutz des Menschen vor dem Menschen? Zu Nichts zerfallen, wölfisch. Hoffnung liege in einer neuen großen Diaspora, in der die Flamme der Brüderlichkeit und Empörung noch nicht erstickt wurde. Juden wie Christen seien in der Verbannung, wie die Ausgeschleuderten oder Ausgesonderten des äußeren und inneren Exils. Jene von Schalter zu Schalter Gehetzten.
Durch die Schule des Bösen gegangen, lernt man unterscheiden zwischen Gut und Böse. Die eisige Gottverlassenheit und das politische Verbrechertum unserer Tage dienen nur dazu, durch unerträgliches Menschenleid diese Kraft zu sammeln und ihren Aufbruch vorzubereiten. (Vortrag in Paris, 14.1.1939)
Ceterum censeo: Die Emigration ist eine schwere Krankheit. Weltpogrom. Franzosen, ungemein hitlerfreundlich. Krieg. Werfel als Spion verdächtigt. Woher soll ich die Kraft hernehmen für alle? Und alle erwarten das von mir. - Und bin doch selber eine einzige Wunde. Dieser verdammte Hitler bringt uns um den Rest unseres Lebens. Ich bin vollkommen hoffnungslos. Angst. Niemandszeit. Niemandsland. Maus in der Falle. Werfel weigert sich zwei Jahre gegen die Ausreise nach Amerika. Im Schneckentempo nach Toulouse. Hunger. Drecksstiegen. Schmutz. Drecksneste. Verluste. Kofferburgen, kein Träger. Affenmenschen (ein zeitimmanenter, rassistischer Zug an Alma!). Hurenhaus. Überteuerte Taxis. Fühlt sich wie zerquetscht. Weinkrampf. Lourdes. Bernadette. Gepäck verschollen. In diesem Topf voll Dreck und Unordnung. Visum nach Marseille. Alles stank nach Weltuntergang. Unerträgliche Wochen. Zersorgt. Alle deutschen Emigranten waren ja nun staatenlos, und alle Österreicher waren automatisch Deutsche geworden. Neben uns wohnte die Gestapo. Über Eisenketten zu Fuß nach Spanien. Per Zug nach Barcelona, Madrid. Bahnhofshotel als Nazihölle. Flug nach Lissabon. Zwei Wochen warten. Betrügerei. 1940 per Schiff nach New York. Alle hatten Tränen in den Augen. Zehn Wochen Glück der Freiheit. Hotel Drake in Chicago. Endlich Los Angeles. Entzückendes Haus mit Butler August. Steinway-Flügel, Radio. Siamkatze.

Werfel hat eine Nikotinvergiftung. Sie leidet zu sehr mit dem leidenden Werfel. Er ist todkrank. Herzschwach. Atemnot. Heute der Inhalt meiner Existenz. Herzattacke mit Erstickungsanfällen, mehr drüben als herüben. Ich aber weiß, daß mit seinem Leben auch das meine erlischt. Werfel schreibt das Gedicht Totentanz. Von Emigranten erfährt sie: Stalin übernimmt keine Verantwortung für das, was seine Soldaten tun. Soldaten sind samt und sonders Schweinehunde, wenn man sie auslässt. Sie vergewaltigen eben, stehlen, plündern. Das gelobte Land Wien ist kein gelobtes Land mehr. Alma fühlt sich zerstört.
Instinktiv reißt sich plötzlich zurück, weiß, dass sie weiterleben wird, heilt sich mit Freude an der Musik. Zwei quälende Tage fern von Werfel. Partnerbild und Vaterbild überlagern sich. Die Erinnerung an meinen Vater war überstark in mir. Ihre Erziehung der Einschüchterung. Alles vom Vater bestimmt. Platons Liebeshälften: Ich bin heute dein Halbes, du geliebtes, ganzes Du. Ich werde mit ihm zugrundegehen. Trostlose Angst. Ihre Überidentifikation schreit nach Differenz. An Schönbergs geistreicher Frau sieht sie, wie die sich abrackert, liebt, aufopfert. Angst um ihn macht sie krank. Werfel träumt von einem ganz kleinen weißen Pferdchen als Vorahnung vom Tod. Ich bin ein armes Hascherl ohne dich, gesteht er, aus Sehnsucht nach seinem Amerl.
Am 26. August 1945 ist Werfel von ihr gegangen, dieser einziggeliebte Mensch. Sie findet ihn vor seinem Schreibtisch am Boden. Macht sich Vorwürfe. Es ist furchtbar, zu leben. Als sein Leichnam abgeholt wird, ist ihr, als trüge man mein Leben hinaus. Sie legt sich in sein Krankenbett, schluckt schwere Beruhigungsmittel. Er wird bestattet im Smoking, mit Seidenhemd, ein zweites neben ihm, plus Brille. Ganz und gar an Werfel verloren. Mein süßes Mannkind verloren. (2.9.1945)
Mir ist kalt in der Welt.

1947 fährt sie nach Wien. Holt sich die unbeschädigten Bilder ihres Vaters. Schwiegervater Carl Moll, Tochter und Schwiegersohn haben sich selbst gerichtet, wie so viele Nazis in Wien, kurz bevor die Russen einmarschiert sind. Am 31. August 1949 wird Alma Mahler-Werfel 70. Sieht sich noch als Mensch in der Entwicklung. Tochter Anna, Bildhauerin, kommt mit Tochter zu Besuch, kehrt nicht zu ihrem Mann nach London zurück. (Auch ein Akt der Emanzipation!) 1952 kauft Alma ein Haus in New York. Darf den Proben der Philharmonie beiwohnen. Entdeckt auch Rom als zweite Heimat. Nie mehr nach Wien; schenkt der Wiener Oper eine Kopie der Mahler-Büste.
Alma verwaltet einen musikalischen und einen dichterischen Nachlaß.


Die Erkennende – Wurzel ziehen aus der Fülle
Was wisst ihr Erdentrottel von meinen Glückseligkeiten. Herbei-imaginiert teils durch Liebesrausch, teils durch Musikrausch, teils durch Weinrausch oder starke Religiosität. Jedes Genie als Strohhalm, als Beute für mein Nest. Mein Leben – die Stimmen all meiner geliebten Menschen in einem Orgelton. Die Männer sind so arm und hilfsbedürftig… Niemals würde Franz Werfel ein Wort des Dankes haben, daß ich helfe und helfe, seit fünfzehn Jahren treulichst helfe. Gustav Mahler war da nobler. Er wußte es allerdings erst spät, aber dann zutiefst. Alma resümiert: Mahler sei wegweisend gewesen, Werfel, alles zusammenfassend, beglückend.
Ich gab ihm alles… vor allem meine Musik. Da ich ja ein Musiker war und bin!
Versuche der Verwurzelung mit Häusern? Heimlich als Abt (!) das Schloss Comologno bei Lugano kaufen? Eins in Jerusalem? Besitz ist hinfällig. Kunst wird ihr Besitz. Zum Geburtstag hat sie das ersehnte Landschaftsbild ihres Vaters bekommen. Sie hat gegrollt, weil ihre Stiefschwester eins bekam, wie das falsche Kind dem echten vorgezogen ward – wie im Märchen.

Alma wird kritischer gegenüber ihren Männern, den Rittern des Lichts. Gewinnt rettende Distanz, entzaubert sich als Muse. Nicht ohne Herzattacken. Im Rückblick begreift die Erkennende, (siehe das Motto des sie beeindruckenden Gedichts von Werfel: Der Erkennende): In ihrem Zweieins-Sein zittern alle immer um Franz Werfel, nie um mich. Die Arbeiten der Männer werden unwichtiger. Die brauchen sie nicht mehr. Sie sieht deren Schwächen. Bruckner konnte auf dem Klavier improvisieren, Mahler nicht zwei Takte. Was sie seit ihrem zehnten Lebensjahr konnte. Wie Mahler mit ihr chinesisch geredet hat. Und Werfel muss acht Tage aufs Land, um ein paar Worte zu dichten.
Das Religiöse in Mahlers Musik rüttelt sie auf, aber das ewige Telefonieren mit Gott geht ihr auf die Nerven. Bruno Walter, von Mahler an die Hofoper geholt, prächtiger Interpret Mahlers, schildert einmal das bösartige Wesen Mahlers: Zufahren, Schreien, mit den Füßen Stampfen, Menschen wie Schadentiere behandeln. Sie erkennt: Für Werfel rieb sie sich auf, damit er von jedem Alltag verschont sei. Venedig einst, an der Bahn, beide glücklich, einander zu haben, denn wir hatten uns sehr einsam gefühlt. Sie versorgt Besucher, daß ich gar nicht mehr selbst existierte. Sie begreift: Man gibt sich aus, ganz gleich ob mit oder ohne Bewußtsein.

Alles zerkrümelt… zurück bleibt die Musik allein!
Sie umgibt sich mit Reichtümern und Kostbarkeiten ihrer wechselvollen Geschichte: Werfels Werke im Schrank, Kokoschkas Porträt im Schlafzimmer, Mahlers Manuskripte im Safe, an der Wand die Gemälde ihres Vaters. Sie sieht gern Freunde um sich. Ich halte Geselligkeit für das beste Mittel gegen das Altern. Ein beherzigenswerter Spruch!
Summa Summarum: Mein Leben war schön. Gott vergönnte mir, die genialen Werke in unserer Zeit zu kennen, ehe sie die Hände ihrer Schöpfer verließen… so ist mein Dasein gerechtfertigt und gesegnet. Leid sei durch Glück aufgewogen. Ich glaube, daß ein Mensch sehr wohl die Linien seines Schicksals erkennen kann, wenn er nur aufmerksam genug ist. Er wird auch von einer inneren Stimme gewarnt. Aber er muß sie hören und muß ihr zuhören können.
Jeder Mensch kann alles – aber er muß auch zu allem bereit sein.  

Der Kreis schließt sich. Ein erfülltes Ganzdasein - mit unzähligen, brennenden Glücksmomenten.


© Günther M. Doliwa, 10.10.2023

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