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Ulrich Breth schrieb uns am 21.10.2025
Thema: Christiane Bender: Miquelallee 1979
Das Ende einer Illusion
Christiane Benders Campus-Roman „Miquellallee 1979“ erinnert an Selbstentwürfe der 1970er Jahre
Von Ulrich Breth
Mit dem Band „Miquelallee 1979“ hat die ehemalige Hochschullehrerin Christiane Bender ihren ersten Roman vorgelegt. Als Soziologin hat sie sich bereits in essayistischer Form mit dem Wandel universitärer Bildungsprozesse auseinandergesetzt und dabei die akademische Tradition der Vorlesung als kollektive Simultanrezeption von Bildungsinhalten verteidigt.
Der Einwand, in ihrem Campus-Roman illustriere sie nun nachträglich die Position, die sie bereits in wissenschaftlicher Prosa vertreten hat, ist ebenso naheliegend wie irreführend. Eher ließe sich sagen, dass er die Überzeugungen der Autorin in autofiktionaler Form flankiert und dadurch einer Bewährungsprobe aussetzt, die theoretische Gewissheiten brüchig werden lässt. Und dass sich ihr Roman als Rückblick auf die Zeitstimmung im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts verstehen lässt, in dem es einer Generation von Studenten plötzlich möglich schien, in nahezu grenzenloser akademischer Freiheit für sich neue Lebensformen zu entwickeln, auch wenn manche dieser Freiheiten inzwischen wieder eingezogen wurden und die an sie geknüpften Hoffnungen sich teilweise als Illusionen erwiesen haben. Um dem Roman gerecht zu werden, muss man seine literarische Form auch gegen erkennbare Intentionen der Autorin, wie etwa ihren Affekt gegen die 1968er, verteidigen.
Mit seinem Titel legt der Text eine erste Spur. Als Namensgeber der Allee steht Johannes von Miquel sowohl für seine Zeit als Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main (1880-1890) für Bürgersinn als auch für eine beängstigende politische Volatilität, die ihn von seinen Anfängen, in denen er den Kommunisten nahestand, über sein Engagement für den rechten Flügel der Nationalliberalen bis zu seiner Mitgliedschaft im Deutschen Kolonialverein führte. Die nach ihm benannte Straße strahlt eine gewisse bürgerliche grandezza aus und bringt, da sie stadtauswärts direkt zum nahegelegenen Autobahnkreuz führt, zugleich zum Ausdruck, dass Frankfurt eine internationale Drehscheibe und für manchen eher eine Durchgangsstation ist.
In dieser Allee haben sich die drei Protagonistinnen des Romans, Ulli, Mona und Bärbel, im Dachgeschoss einer noblen Villa als studentische Wohngemeinschaft eingerichtet. Von diesem Quartier aus wollen sie, nachdem sie aus ihrem Leben als Vordertaunusehefrauen ausgebrochen sind und ihren langweiligen Ehemännern und den Kleinstadtidyllen Kronbergs und Königsteins ein zorniges Valet hinterher gerufen haben, ins studentische Milieu und urbane Nachtleben der nahegelegenen Mainmetropole eintauchen, um sich die Inspiration und den Feinschliff für ihr weiteres Leben im Zeichen eines „moderaten Matriarchats“ zu holen. Das moderate Matriarchat ist der Ausdruck für das Bündnis, das die drei im Grunde sehr unterschiedlichen jungen Frauen eingehen, um die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu verändern und dabei den Männern die gesellschaftliche Beute streitig zu machen, die diese stets allein für sich beanspruchen. Während die pragmatische Bärbel sich dagegen wehrt, sich auf die Rolle der starken Frau hinter einem ehrgeizigen Jungpolitiker reduzieren zu lassen, und sich einen Teilzeit-Liebhaber nimmt, bemüht sich Ulli mit wechselnden Erfolg, ihre erotischen Eroberungen mit dem pädagogischen Eros, den die Philosophie zu bieten hat, in Einklang zu bringen. Währenddessen die flamboyante Mona in wechselnden weiblichen Rollenbildern von der Femme Fatale bis zur New Age Wasserfrau von einer Mesalliance in die nächste schlittert.
Der Titelzusatz „1979“ führt einen zeitlichen Index mit sich, der für die mentale Lage, in die Benders Romanfiguren eingebunden sind, bezeichnend ist. Der utopische Vorrat der 68er ist aufgebraucht; ihre Nachfolger, die Funktionäre der K-Gruppen, Spontis und freischwebende Klassenkämpfer setzen sich gegen ihren zunehmenden Bedeutungsverlust zur Wehr. Längst haben die Technokraten die Lenkung des Staatsschiffs übernommen. Die US-Amerikaner haben das persische Schah-Regime fallen gelassen, der Ayatollah kehrt aus seinem politischen Exil in den Iran zurück, um dort seinen Gottesstaat zu errichten. All das teilt sich dem Leser in dem Maße mit, in dem es für die Biographien der Romanfiguren von Bedeutung ist. So lebt in der Villa, in der die drei Romanheldinnen wohnen, die Familie eines iranischen Bankiers, die Grund hat, sich vor den Sympathisanten des neuen iranischen Regimes zu fürchten. Da die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren des Romans verwickelt sind und sich ständig verändern, entsteht ein multiperspektivisches Panorama auf die Stadt Frankfurt und die späten 1970er Jahre.
Trotz der Studentenrevolte in den westlichen Ländern ist es bereits 1973 mit der Aussicht auf revolutinäre Veränderungen, die das gesellschaftliche Ganze ins Wanken bringen könnten, vorbei. Und solche Umtriebe sind auch die Sache der drei Mittelschichtstöchter Ulli, Mona und Bärbel nicht. Allenfalls Mona kokettiert damit ein wenig, um gemeinsam mit ihren neu gewonnenen Studienfreunden ihren zweiten Ex-Ehemann zu verstören. Allerdings hat die Revolte doch zumindest den Boden dafür bereitet, dass sich im folgenden Jahrzehnt die angehende akademische Elite mit einer Mischung aus idealistischem Bildungseifer, hedonistischer Attitüde und politischem Opportunismus eine Nische schaffen konnte, in der der Traum von einer Welt reifte, die den Regeln einer universalen Verständigungsgemeinschaft folgt.
Wie Elemente dieses Traums in das Leben der Mainmetropole einsickern und das Leben ihrer Bewohner verändern, lässt sich am Beispiel des akademischen als auch des teilweise außerakademischen Milieus, in dem die Romanhandlung angesiedelt ist, präzise beobachten. In Begriffen wie dem Marsch durch die Institutionen und Sprichwörtern wie dem von den vielen kleinen Menschen, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, hat die Gesellschaft, die dem „Traum einer Welt, in der es anders wäre“ (Adorno), ohnehin nie getraut hat, jener Zeit, in der das, was ist, nicht alles war, ein kleines sprachliches Andenken bewahrt.
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Johannes Chwalek schrieb uns am 12.08.2025
Thema: Thomas Berger (1952 geb.): Freudenschein aus Finsternissen
Johannes Chwalek
Freudenschein aus Finsternissen
Über Thomas Bergers Buch „Freudenschein aus Finsternissen. Eduard Mörike – der ferne Dichter. Würzburg 2025 (Königshausen & Neumann), 168 Seiten, 16 €.
„Auch konnte er sich plötzlich in unberechenbare Launen versteifen.“
Isolde Kurz (1853–1944) über Eduard Mörike (1804–1875)
Nach den Arbeiten über Stefan George und Franz Kafka beschäftigt sich Thomas Berger im dritten Band seiner Schriftsteller-Trilogie mit Eduard Mörike. Im Untertitel nennt er den Autor berühmter Gedichte und der Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ den „fernen Dichter“. Dezidiert steht in der Einleitung das Wort vom „heute zu Unrecht weitgehend vergessenen […] Mann.“ (S. 9) Wenn Bergers Auffassung konzediert werden kann, ist immerhin zu bemerken, dass Mörike gleichwohl eine feste Größe der Literaturgeschichte darstellt, wo sein Werk zwischen Romantik und Realismus verortet wird. Berger versucht nachzuweisen, dass die Schriften Eduard Mörikes über das literarhistorische Interesse hinaus von aktueller Bedeutung sind.
Leben und Werk Mörikes zu schildern, geschieht, wie in den vorangegangen beiden Bänden, zum Zweck der Werkerhellung, insofern aus der Biographie eine Grundstruktur der Schriften des Dichters ermittelbar ist. Persönliche Erfahrungen bildet Mörike in seinen Texten nicht einfach nur ab, sondern überhöht sie ästhetisch. Dadurch lässt sich seine Poesie einerseits als Deutung des Daseins, andererseits als Schutz vor den Zumutungen des alltäglichen Lebens wie auch erschütternder Begebnisse sehen. Gestalten zu können – in Mörikes Fall literarisch – was einen sonst erdrückt hätte, bedeutet einen kleinen Triumph gegenüber der Widersetzlichkeit und Stumpfheit von Leben und Welt. Das muss man sich vor Augen halten gerade bei jemandem wie Mörike, dessen Hypochondrie und Flucht vor den Berufspflichten vielfach beschrieben worden sind.
Gleich im ersten Kapitel „PRÄGENDE JUGENDERFAHRUNGEN – unauslöschlich“ heißt es: „Eduard Mörike wuchs behütet auf. Und doch warteten Schicksalsschläge auf ihn, die das Fundament für das lebenslange Empfinden des In-einander-verwoben-Seins von Wohl und Wehe, von Beglückung und Schmerz legten.“ Im Herbst 1817 starb Mörikes Vater nach einem Schlaganfall und dreijährigem Siechtum. „Augenblicke des herzzerreissenden Elends, die unauslöschlich in meiner Erinnerung stehen“ (S. 17), zitiert Berger den Dichter. In einer Selbstbiografie anlässlich seiner Investitur als Pfarrer in Cleversulzbach hob Mörike zur Erfahrung mit dem kranken und sterbenden Vater überdies hervor: „Hier mußte der Knabe den Ernst des Lebens, dem er entgegenwuchs u. die Hinfälligkeit alles Menschlichen mit erschütternder Wahrheit empfinden.“ (Ebd.)
Der „Ernst des Lebens“ trat ihm wenige Jahre nach dem Tod des Vaters in zugegeben nicht ganz so tragischem Zusammenhang entgegen, wenn auch sein Inneres lebenslang zeichnend – die Liebe zu seiner Base Clara Neuffer (1804–1837) zerbrach, „denn zu einem andern ists übergegangen.“ (S. 13) Das von Berger angesprochene „In-einander-verwoben-Sein von Wohl und Wehe, Beglückung und Schmerz“ trat zutage und bestimmte ihn zu künstlerischer Bewältigung. Mörikes Gedicht „ERINNERUNG“, das Berger vollständig zitiert, ist mit der Widmung „An C. N.“ versehen, was die Initialen der Base Clara Neuffer sind. Die Seligkeit des Anfangs ihrer Liebe, als sie sich „wie Kinder freuten“, wird kontrastiert mit dem Ende ihrer Liebe. Dieses Ende erscheint nur angedeutet durch die fast wortgleichen Rahmenstrophen. Wenn es das letzte Mal war, dass kindliche Freude die Liebenden erfüllte, ist es klar, dass danach ein Irrsal auftrat und es nie mehr so sein konnte wie ehemals. Immer wieder wird Mörike die Unbeständigkeit der Liebe erleben und versuchen, sich darauf einen Reim zu machen. Das Wort „Irrsal“ nimmt die Formulierung in einem späteren Klagedicht über eine zerbrochene Liebe vorweg.
Nach dem Tod des Vaters siedelte der dreizehnjährige Eduard Mörike auf Wunsch oder wohl eher das Geheiß seines Oheims, „des Juristen Eberhard Friedrich von Georgii (1757−1830), der in erster Ehe mit einer Schwester von Mörikes Vater verheiratet war“ (19), in dessen Familie nach Stuttgart über. „Es war ‚ein Anerbieten das meine Mutter mit Dank, ich selbst mit Begierde ergriff‘“ (ebd.), zitiert Berger den Dichter. Offensichtlich begrüßte es die Mutter, dass ihr Sohn in familiärer Betreuung seinen Ausbildungsweg fortsetzen konnte; dem Jungen selbst gefiel die Aussicht auf Entfernung vom halbverwaisten Elternhaus und eine neue Umgebung. Des Onkels Bestreben bestand darin, den Neffen zum evangelischen Geistlichen ausbilden zu lassen. Dazu besuchte er das Stuttgarter „Gymnasium Illustre“; einst hatte die Anstalt den Philosophen Hegel zu seinen Schülern gezählt. Mörike bestand das Stuttgarter Landexamen, das Hermann Hesse in seiner frühen Erzählung „Unterm Rad“ zu literarischen Ehren bringen sollte. Mörikes Prüfungsergebnisse fielen jedoch nur recht schwach aus, dass es Mühe kostete, ihn die nächste Etappe zum Geistlichen beginnen zu lassen. Die Mittellosigkeit der Mutter, die eigene „Gutartigkeit“ und der Einfluss des Oheims als „Obertribunalrat“ gaben schließlich den Ausschlag, dass sich ihm die Pforte der niederen Klosterschule in Urach öffnete. Soll man es als Glück oder Unglück für Mörike betrachten, dass ihm der Oheim die Laufbahn zum Geistlichen wies? Hätte Mörike, im Rückblick betrachtet, eine glücklichere berufliche Existenz führen können, wenn er sich selbst für eine bestimmte Richtung entschieden hätte? Das sind hypothetische Fragen. Doch drängt sich der Eindruck auf, dass Mörike für nichts geeignet war außer für’s Schreiben, und dass er keine energische Natur besaß, um sich seinen Weg mit Willen und Bewusstheit selbst zu bahnen. So ließ er sich treiben, was mit mancherlei Qualen verbunden sein sollte.
Ende Oktober 1822 zog er in das […] Evangelische Stift nach Tübingen, das Höhere theologische Seminar, und nahm ab November gemeinsam mit den Freunden Wilhelm Hartlaub (1804−1885) und Wilhelm Waiblinger (1804−1830) das Studium der Theologie an der dortigen Universität auf. Die Geschichte der Freundschaften Mörikes, die bereits in Urach begonnen hatten, zieht sich durch das Leben des Dichters, wie Berger aufzeigt; er nennt auch Johannes Mährlen (1803−1871), „der ein bedeutender Ökonom und Historiker werden sollte“ (S. 20). Ebenfalls weist Berger auf die literaturgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen dem ersten Biographen Hölderlins, Wilhelm Waiblinger, und dessen Freund Eduard Mörike hin, der Waiblinger bei den Besuchen im „amphitheatralischen Zimmer“ und seinem leidenden Bewohner ab und an begleitete. Treffende Charakterisierungen Mörikes aus Hermann Hesses Erzählung „Im Presselschen Gartenhaus“, erschienen 1914, worin ein Ausflug Waiblingers, Mörikes und Hölderlins in Tübingen geschildert wird, zitiert Berger; Mörike sei damals sein „innerer Beruf, ein verklärender Spiegel der Welt zu sein“, erst „halb bewußt“ (S. 26) gewesen. Dass Mörike sein Examen am Tübinger Stift wieder nur mit „mittelmäßigem Erfolg“ bestanden hat, reiht sich ein in das Muster seines Ausbildungsweges. Berger resümiert: „Dass seine Leistungen in allen von ihm besuchten Bildungsstätten nicht gut waren, mag seinen Grund darin haben, dass er stets dem, was seinen ureigenen Interessen zuwiderlief, auszuweichen trachtete.“ (S. 35) Der Drang zum Ausweichen wird auch Mörikes Berufsweg kennzeichnen, wie Berger anschaulich darlegt.
Die Tübinger Studienjahre sind von einem weiteren prägenden Ereignis für Mörike gekennzeichnet. In Ludwigsburg machte er bei einem Freund die Bekanntschaft mit Maria Meyer (1802–1865), die nicht nur „ungewöhnlich schön“ (26) gewesen sein soll, sondern auch „geheimnisvoll“, kurz: ihre Anziehungskraft auf Mörike war groß. „Es entwickelte sich eine intensive Liebesbeziehung, in die sich allerdings Zweifel an der charakterlichen Integrität der ihn auch poetisch inspirierenden Frau mischten; denn sie ließ ihn über ihre Vergangenheit bewusst im Unklaren und verschwand gegen Jahresende unversehens aus Ludwigburg“ (S. 26f.), schreibt Berger. Mörike sei „hin- und hergerissen“ gewesen „zwischen seinen heftigen Gefühlen für sie und dem Argwohn gegen sie“ (27), was ihr „unstetes Wesen“ und ihr Vagantentum (vgl. ebd.) betraf. Doch wie eingangs dieser Besprechung erwähnt, vermochte sich Mörike kraft seiner poetischen Begabung zu schützen vor zerstörerischem Gefühlchaos, das über ihn hereinzubrechen drohte. Er allegorisierte die reale Maria Meyer in „Peregrina“ (Fremde, Pilgerin) und betrachtete sie fortan als Traum- und Dichtungswesen, auf das er „seine Liebe und Sehnsucht, sein Ergriffensein und seine Verstörung projizieren“ (S. 27) konnte. So bewahrte er sich vor destruktiven Einflüssen, welche die Beziehung mit Maria Meyer für ihn bereithielt. Fünf Gedichte verfasste Mörike über „Peregrina“, Berger zitiert sie alle und interpretiert sie ebenso treffend wie behutsam. „Stimmungen der Sehnsucht und des Abschieds“ machen nach seinen Worten die Liebespoesie Mörikes aus. Diese Kennzeichnung trifft in besonderer Weise auf die Peregrina-Dichtung zu. Maria Meyers „ew’ger Sommer“ wird darin „nie verrinnen“. (Shakespeare, 18. Sonett)
Die nächste berufliche Etappe für Mörike bildete das Vikariat. Elf Gemeinden an neun verschiedenen Orten hatte er als Pfarrvikar oder Pfarrverweser zu versehen. Wenn man sich seine Äußerungen aus dieser Zeit gegenüber dem Freund Johannes Mährlen vergegenwärtigt wie „Alles, nur kein Geistlicher!“ vom Februar 1828, oder „Ich brüte über einem Plan, der mich wieder u. auf immer frey machen soll“ vom 26. März 1829, wird deutlich: Mörike verabscheute im Grunde seines Herzens die theologische Laufbahn. Der einzige Grund, dass er darin aushielt, war ökonomischer Natur. Seine Sehnsucht zielte auf die Ungebundenheit als Schriftsteller, womit er sich jedoch finanziell nicht ausreichend sichern konnte. Wie sich Kafka „langsam […] zerrieben“ fühlte „zwischen dem Bureau und dem Schreiben“ (vgl. S. 49), fühlte sich Mörike langsam zerrieben zwischen der Kanzel und dem Schreiben. Die vielen Vikariatsstellen spiegeln seine innere Unruhe und Unzufriedenheit wider.
1829 arbeitete Mörike als Pfarrverweser in Plattenhardt, heute im Landkreis Esslingen. Dort lernte er im März 1929 Luise Auguste Rau (1806–1891) kennen, die Tochter seines verstorbenen Vorgängers, mit der er sich rasch, bereits im August, verlobte. Im Herbst 1833 fand die Trennung statt auf Betreiben Luise Raus. Mörike schien keine Aussicht auf eine Pfarrstelle zu haben, klagte über sein Amt, nannte es „VicariatsKnechtschaft“ (vgl. S. 47) und war dauernd in Geldsorgen. Berger umreißt die Stimmungslage der jungen Frau folgendermaßen: „Luise Rau löste die Verlobung ̶ vielleicht unsicher geworden durch seine resignativen Züge und sein Schwanken im Hinblick auf das kirchliche Amt, vielleicht seinen dichterischen Ambitionen nicht gewachsen, vielleicht in Kenntnis des abgründigen Romans Maler Nolten.“ (S. 49)
Dem einzigen Roman im Werk Mörikes (den der Auror selbst die Genrebezeichnung „Novelle in zwei Teilen“ gibt) widmet Berger eine genaue Analyse. Mörike schrieb an dem Prosawerk von 1828 bis 1830, überarbeitete dann aber die „Urfassung“ von 1859 bis zu seinem Tod immer wieder, ohne dass er eine abschließende Version fand, die ihn zufriedenstellte. Es existieren also zwei Fassungen des Romans, die Erstausgabe von 1832 und die unvollendet gebliebene Überarbeitung. „In dem Roman breitet der Verfasser ein vielfach verwickeltes krisenhaftes Geschehen um den Maler Theobald Nolten und dessen Verlobte Agnes aus. Neben anderen Begebenheiten geht es um mancherlei Unglück, Verstrickungen in Schuld, dunkle Weissagungen des Zigeunermädchens Elisabeth, Suizide, depressive Verstimmungen, Todessehnsucht, das Ringen um künstlerische Selbstverwirklichung, ein Labyrinth von Geheimnissen, Albträume, Verirrungen, verletzende Geständnisse, dämonische Anwandlungen, Wahn“ (S. 52), schreibt Berger. Er nennt das Werk „kompositorisch überladen“ (S. 50), hält es aber auch für zukunftweisend und besonders dafür geeignet, um die Klassifizierung Mörikes als biedermeierlichen Idylliker zurückzuweisen: „Maler Nolten greift weit über das bürgerlich-biedermeierliche Lebensgefühl hinaus, indem das Gefahrvolle, Abgründige des Daseins und die Folgen der Abkehr vom natürlichen Leben vor Augen geführt werden.“ (S. 52) Das moderne Lebensgefühl habe Mörike in „Maler Nolten“ vorweggenommen durch Schilderungen „des Ausgeliefertseins an ein rätselhaftes Dasein, dessen Sinnhaftigkeit sich nicht erschließt, an Zwänge und Unfreiheit.“ (S. 54)
Der Leserschaft von Bergers Mörike-Buch, die den Titel „Freudenschein aus Finsternissen“ womöglich zunächst auf das Werk des Dichters bezogen hat, merkt im Verlauf der Lektüre, dass ebenso die Biographie des Verfassers der „Historie von der schönen Lau“ oder der „Lucie Gelmeroth“ darauf zutrifft. Der Hang zum Sich-treiben-Lassen, zum bereits erwähnten Ausweichen-Wollen und zur Hypochondrie nehmen sich wie Puzzle-Stücke eines Ganzen aus, das den Titel „Verborgenheit“ trägt – wie Mörikes bekanntes gleichnamiges Gedicht von 1832. Der „Freudenschein“ in diesem eher trüben Dasein besteht während Mörikes beinahe gesamtem Leben aus Freundschaften und dem Verfassen seiner poetischen Texte. Nicht nur im „Maler Nolten“ geht Mörike dabei seiner Zeit voraus. Auch in vielen seiner Gedichte greift er alltägliche Motive auf, was ein Merkmal moderner Literatur bedeutet, für die das Kleine und Unscheinbare, das Schwächlich-Sonderbare und sogar Gebrochene zum interessanten Sujet werden sollte. Diese Erkenntnis über Mörike tritt gleichberechtigt neben die Beobachtung, dass er auch eingehendes Interesse für antike Dichtung aufbrachte, als deren Übersetzer und Herausgeber fungierte und antikisierende Versformen in eigener Dichtung probierte.
Obgleich Mörike mit seinen Amtsgeschäften innerlich fremdelte und sie mehr und mehr ablehnte, war er stolz und zufrieden, als er im Juli 1834 Pfarrherr von Cleversulzbach wurde. Nicht zum wenigsten stand er sich ökonomisch besser, sein gesellschaftliches Ansehen wuchs, er ging nun als Wohnungsherr im berühmt-berüchtigt werdenden Pfarrhaus von Cleversulzbach umher – all dies signalisierte ihm, dass er eigentlich am Ziel seines beruflichen Weges angelangt war. Mutter und Schwester besorgten den Haushalt. Das familiäre Glück wurde jedoch getrübt durch zwei Brüder, die auf die schiefe Bahn geraten waren und Gefängnisstrafen zu verbüßen hatten. Immer wieder sah sich Mörike genötigt, ihnen finanziell auszuhelfen. Dadurch geriet er selbst in „unzureichende Vermögensumstände“ (vgl. S. 84) und musste von seinem Freund Wilhelm Hartlaub Darlehen aufnehmen. Seine Mutter starb 1841, sie wurde bestattet neben dem Grab von Schillers Mutter, Elisabeth Dorothea Schiller, geb. Kodweiß (1732–1802), deren letzte Ruhestätte Mörike mit einem steinernen Kreuz versah, in das er eigenhändig die Inschrift „Schillers Mutter“ meißelte. Berger zitiert eine anrührende Briefstelle Mörikes nach dem Tod seiner Mutter an Wilhelm Hartlaub: „Wie ist es möglich daß wir hier fortleben? Was wir ansehn, wo wir stehen u. gehen, da sprichts von ihrer lieben Gegenwart, die nimmer ist; beim kleinsten Geräth das sie täglich berührte, Stich auf Stich ins Herz!“ (S. 87)
Der anfängliche Stolz auf das endlich erlangte Pfarramt verflog unter dem Druck der Amtsgeschäfte rasch. „Die pastoralen Aufgaben drückten auf seine Seele“ (S. 79), schreibt Berger. Mörike versuchte sich noch zu behelfen, indem er sich von seinem Pfarrerfreund Wilhelm Hartlaub Predigten übersenden ließ, um nicht selbst welche ausarbeiten zu müssen, aber schließlich merkte er: es ging nicht mehr. Am 3. Juni 1843, im 39. Lebensjahr, reichte er sein Pensionsgesuch ein. Er sprach von einem „allgemeinen Schwächegefühl, das mich seit Jahren nie verlassen hat“. (vgl. S. 102) Zwei Tage später bekannte er gegenüber Hartlaub: „Ich bin nun ganz gewiß, daß mich das Amt umbrächte.“ (vgl. S. 103) Die Pensionierung wurde ihm bewilligt, das Ruhegehalt konnte nur gering sein.
Mörike war ein Naturfreund. Er hielt sich Haustiere, unternahm wie sein späterer Bewunderer Hermann Hesse ausgedehnte Wanderungen und zeigte auch praktisches Interesse an Versteinerungen und Mineralien. „Ausgerüstet mit Spitzhammer und Steinmeißel machte er sich oftmals auf den Weg.“ (116) Sein poetischer Sinn entfaltete sich in der Einsamkeit, wo – entgegen den Beschleunigungstendenzen seiner Zeit mit der beginnenden Industrialisierung – ein Einfall, eine Empfindung in aller Freiheit und allem Schutz reifen konnte, um sodann rasch oder langsam – je nachdem – niedergeschrieben zu werden.
Einer der Mitherausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe Mörikes, Hans-Henrik Krummacher, schrieb an den Verfasser dieser Zeilen über das Buch Thomas Bergers, es sei „eine verständnisvolle Verbindung biographischer Passagen und ausgewählter Gedichte, ergänzt durch die zarten Zeichnungen von Jennifer Weber“ – was hier auch einmal erwähnt sein sollte. Die ausgewählten Gedichte machen das Werk Thomas Bergers auch zu einer Einführung in die bekanntesten Verse des schwäbischen Dichters; ein Verfahren, das ebenso auf die vorangegangenen beiden Bände der Trilogie zutrifft. Nach der Zitation der Primärtexte werden diese von Thomas Berger interpretatorisch umrissen. So auch das Gedicht „Auf einer Wanderung“, das im August 1845 in Mergentheim entstanden ist. Nach Beschreibungen beim Betreten eines „freundlichen Städtchens“ teilt das lyrische Ich Beobachtungen mit, die äußerer Natur sind. Doch ein Nachtigallenchor bewirkt eine Transformation im Empfinden des lyrischen Ichs: „die Blüthen beben […], die Lüfte leben“ und „in höherem Roth“ leuchten die Rosen vor. Damit ist – am Ende der ersten Strophe – der Bann des Alltags am Reich der Poesie gebrochen. In der zweiten Strophe gerät das lyrische Ich in einen sich steigernden Zustand veränderter Weltempfindung. „Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle“. (S. 121) Berger schreibt vom „rauschhaften Glück lyrischen Empfindens“ (S. 122), welche das Ich im Gedicht erfahre.
Mörike zeigte sich gegenüber dem Katholizismus unbefangen, was zu seiner Zeit noch lange keine Selbstverständlichkeit gewesen war. Er heiratete im Jahr 1851 sogar eine Katholikin, Margarethe von Speeth (1818–1903), mit der ihm jedoch auch kein „ganzes Leben und Glück zuteil“ (vgl. S. 45) werden sollte, wie Berger in anderem Zusammenhang aus einer Erzählung Hermann Hesses zitiert. Ab 1873 lebte das Ehepaar getrennt. Kurz vor Mörikes Tod kam es zu einer Versöhnung. Zurück ins Jahr 1851: Das Paar war bestrebt, sich in „ökonomischer […] Rücksicht“ (vgl. S. 135) besser zu stellen, Mörike unternahm deshalb verschiedene Bewerbungen – „bis er endlich einen Posten an einem Stuttgarter privaten Bildungsinstitut, dem 1818 von Königin Katharina von Württemberg (1788–1819) gegründeten Katharinenstift, bekam. Dort unterrichtete auch Gustav Schwab. Ab 15. Oktober 1851 arbeitete Mörike als Literaturlehrer für Mädchen und nahm mit seiner Schwester Wohnung in Stuttgart.“ (S. 136)
Bergers Buch gibt nicht allein biographische Angaben, eine Blütenlese der Lyrik Mörikes und behutsame Interpretationen dazu, sondern auch Einblicke in die Forschung, etwa was die Frage anbelangt, ob es sich bei dem schwäbischen Dichter um einen typischen Vertreter des Biedermeier handelt oder gar um einen heimlichen Revolutionär, der mit den Zielen der 1848er Bewegung sympathisierte.
Das letzte Kapitel von Bergers Buch behandelt Mörikes Zeit als Literaturlehrer in Stuttgart. Zwar ließen die Geldsorgen nicht nach, wurde seine Gesundheit schwächer, war er immer noch der alte Hypochonder, der, statt in Stuttgart, lieber ein „Häuschen in Igelsloch oder SiebenEich“ (vgl. S. 143) bewohnt hätte, ergaben sich Spannungen zwischen seiner Schwester Klara und seiner Ehefrau Margarethe, die den häuslichen Frieden untergruben – aber andererseits konnte Mörike auch eine gewisse Ernte seines schriftstellerischen Wirkens einfahren. Am 5. August 1852 verlieh ihm die Universität Tübingen ehrenhalber den Doktortitel, 1856 erfolgte sogar durch den König die Verleihung des Professorentitels, „ebenso die Berufung in das Kollegium des Maximiliansordens für Kunst und Wissenschaft durch den König Maximilian II. Joseph von Bayern (1811–1864) im November 1862 und der Empfang des Ritterkreuzes des württembergischen Friedrichsordens 1864.“ (S. 144f.)
Das größte Geschenk machte sich Mörike in jener Lebensphase selbst: Mit der Veröffentlichung seiner Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ im Jahr 1855 legte er ein Meisterwerk vor, das zur Weltliteratur zählt. Die gesamte Novelle durchziehe „die Nähe von Freude und Ernst, von Glück und Leid“ (S. 152), schreibt Berger. Damit stellt das Werk auch die reinste Ausformung von Mörikes poetologischem Programm dar. „In die Mozartgestalt der Novelle legte Mörike das hinein, was er selber mit seiner Dichtkunst anstrebte; sie ist“ – und nun zitiert Berger den Germanisten Benno von Wiese – ‚der Spiegel seiner schönsten Möglichkeiten und verborgensten Gefahren und in alledem noch ein erhöhtes Wunschbild seiner selbst‘.“ (S. 153)
Der Titel von Bergers Mörike-Buch – „Freudenschein aus Finsternissen“ – wird am Ende der Lektüre völlig evident. Mörikes Leben barg manche Finsternisse, die mit seinem Charakter zusammenhingen, aber auch der conditio humana geschuldet blieben. – Dagegen war seine Poesie der unbezweifelbare Freudenschein, wodurch er sich in die Annalen der Literaturgeschichte einschrieb. Auch wenn Mörike der Meister des Rückzugs und der Verborgenheit gewesen ist, war ihm andererseits immer bewusst, dass seine Poesie aus der Brüchigkeit alltäglicher Erfahrung stammte. Es ist die Situation, die auch uns bestimmt. Lassen wir uns von seinen Antworten herausfordern! Vergleichen wir sie mit den unseren, sofern wir uns dazu in der Lage sehen!
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Armin König schrieb uns am 07.08.2025
Thema: »Der unsichtbare Roman« von Christoph Poschenrieder ist ein brillantes Schelmenstück
»Sei Politiker oder Schriftsteller. Oder sei Goethe, wenn du kannst. Dafür reicht es bei den allerwenigsten.« Der Schriftsteller Gustav Meyrink aber soll beides miteinander verbinden. Er hat ein empörendes Angebot bekommen – im Auftrag des Auswärtigen Amts, das dringend einen Sündenbock für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs braucht.
»Das Auswärtige Amt der Reichsregierung hat die Absicht, Ihnen die Ausarbeitung eines Romans anzutragen, welcher dem Zweck dienen soll, einer größeren Öffentlichkeit über die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 die Augen zu öffnen, indem er die Drahtzieher aus dem trüben Dunkel ihrer Hinterzimmer herausscheucht und ins grelle Rampenlicht stellt.«
Der nicht mehr ganz so erfolgreiche Ex-Erfolgsautor soll den Freimaurern per Roman die Verantwortung zuschieben. Dabei wissen wir doch, dass das Attentat von Sarajewo 1914 und die Kriegstreiberei des Deutschen Reichs entscheidend für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren. Aber es geht ja gerade nicht um die Wahrheit, sondern um die fiktiv gesteuerte Zuschreibung von Schuld.
Meyrink hält sich für völlig ungeeignet. Keine Politische Richtung, wenn er in einer Partei wäre, dann bestenfalls in einer noch zu gründenden Unabhängigen Egoisten-Partei. An den Dingen, »die eine Nation mit Stolz erfüllen«, hat er kein Interesse, von den Ikonen des Patriotismus will er nicht den Hut ziehen. »Gäbe man ihm eine Fahne in die Hand – er schwenkte sie nicht, täte ihr womöglich Dinge an, die ihn ins Gefängnis brächten.« Und doch sagt er nicht nein, denn der Verleger hat immer ordentlich gezahlt, und Meyrink braucht das Geld.
»Es zwickt und beißt« in Meyrinks Portemonnaie. »Das Haushaltsbuch ist das einzige Buch, das er in letzter Zeit regelmäßig anfasst, um mit dem Bleistift (als gäbe es etwas zu radieren) das Desaster seiner finanziellen Lage zu protokollieren. Das ist peinigend und reinigend«. Sein Wohnen am Starnberger See ist Fassade. Zwar hat er ein Vermögen mit dem Roman »Der Golem« gemacht, aber das schnöde Leben kostet. Zuviel natürlich. Dass ihm die Zuwendungen in Zeiten des Krieges teilweise entzogen werden, hängt eben auch mit fehlendem Patriotismus zu tun. Und die Kriegsjubler und Hurrapatrioten (»Teutobolde«} haben ihn längst auf dem Kieker, ihn als »völkischen Schädling« gebrandmarkt. Aber er lebt noch, und er genießt noch, soweit dies angesichts seiner Finanzlage noch möglich ist.
Das ist die Prämisse des Buchs von Christoph Poschenrieder »Der unsichtbare Roman«.
Biografisch passt das Setting.
Meyrink, 1868 in Wien als unehelicher Sohn eines adligen Staatsministers und der Hofschauspielerin Marie Meyer geboren, war unkonventionell, ein soignierter Bohemien und Eigenbrötler mit einem Hang zum Okkulten und Spirituellen, das er allerdings geradezu empirisch erprobte. Er war ein Mensch, der seine wahre Bestimmung immer wieder suchte, auch bei Freimaurern und Illuminaten, und der dabei nicht nur seinen Namen von Meyer zu Meyrink wechselte, sondern auch diverse Selbsterfahrungstrips flog.
Sein erster Roman »Der Golem«, ein phantastisches Werk in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, war auch gleich das Hauptwerk des Abenteurers.
Dass das Auswärtige Amt Meyrink tatsächlich damit beauftragte, einen Propagandaroman zu schreiben, gilt als belegt. Poschenrieder startet genau an diesem Punkt, lässt Meyrinks Geliebte intervenieren, weil dieser seine Reputation aufs Spiel setzt (»Damit schreibst du dich selbst in Grund und Boden, fürchte ich«), aber schließlich soll der Autor, der auf dem absteigenden Ast sitzt, seinen Schundroman eben schreiben. »Des Geldes wegen«. (45)
Ein Pseudonym wäre vielleicht nicht schlecht, aber das wollen die Auftraggeber ja nicht, wie Mena anmerkt: »Gustl, verstehst du es noch immer nicht? Sie haben dich wegen deines Namens erwählt. Du sollst der Kronzeuge sein. Weniger das, was gesagt wird, ist wichtig, sondern, wer es sagt« (44).
Und dieser »Gustav Meyer, der stadtbekante Bankier, Okkultist und Rennruderer« (45), der gern »an der Lenkkurbel« des kleinen Benz-Motorwagens sitzt und der Geld braucht, nachdem er zwölf Jahre finanzieller Miseren, Ehrenhändel, Gerichtsverfahren inklusive Untersuchungshaft, öffentlicher Erniedrigungen, schwerer Krankheiten« samt einer Trennung von seiner Frau Hedwig erlebt und erlitten hatte und der nach seinen Bestsellererfolgen nicht mehr auf das bisschen Luxus und Anerkennung verzichten will, lässt sich tatsächlich korrumpieren, wenn auch nicht so richtig.
Poschenrieder ist ein gewiefter Erzähler.
Er schreibt süffig, streut Recherchenotizen ein und objektiviert damit seinen fiktiven Schlüsselroman. Poschenrieder zitiert Notizen aus Kurt Eisners Gefängnistagebuch, aktualisiert sie sozialkritisch-politisch, lässt Eisner den Satz »ich werde die Freiheit erleben!« niederschreiben, zitiert aus den »Meyrinkiana der Bayerischen Staatsbibliothek München, Handschriftenabteilung«, gibt dem Telegramm des Auswärtigen Amtes (Nachrichtenabteilung) an Meyrink zum »Freimaurerroman« den seriösen Anstrich, bevor die Story beginnen kann.
Es wird für Meyrink dann aber doch viel schwerer als erwartet. Vorschuss schützt nicht vor Schreibblockade.
Aber erst muss er nach Berlin fahren – erster Klasse mit dem Zug, versteht sich. Wo er einem pathetisch selbstgefälligen Offizier die Meinung geigt (»Diese bornierten Kerle, deren Haltung nicht von Rückgrat, sondern bestenfalls von einem gestärkten Uniformhemd herrührt«).
Poschenrieder lässt zunächst Kurt Hahn auftreten, der im Auswärtigen Amt angeblich als englischer Lektor die britische Presse analysiert und seine Erkenntnisse in Memoranden für die politische Elite aufbereitet. Er hat viel studiert, so die Beschreibung, vor allem aber die korrekte Zubereitung von Tee. Kurt Hahn also, der übrigens 1920 mit Max von Baden das Internat Schloss Salem gründete, wie wir einer weiteren Recherchenotiz Poschenrieders entnehmen, wird der Kontaktmann Meyrinks. »Miese Zeiten, um anglophil zu sein, mein lieber Herr Meyrink, meinen Sie nicht auch?«, meint Teezeremonienmeister und Nachrichtenspezi Hahn, was uns in Zeiten des Brexits dann doch ein Lächeln entlockt.
So verbindet Autor Poschenrieder geschickt die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem 21. Jahrhundert.
Und wie heute galt schon damals: »Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten.«
Es geht tatsächlich um Meyrink als Kronzeugen und Satiriker:
»Sie sind ein ahnungsvoller Schriftsteller. Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen. Und Sie machen keine Gefangenen, Sie haben alle beleidigt: Professoren, Offiziere, Beamt, Adel, deutsche Frauen“ – und schließlich »Ärzte, Diplomaten, Polizisten, Schriftstellerkollegen sowie Sachsen und Österreicher.« (64)
Wenn das mal kein guter Kronzeuge ist. Wenn er über die Kriegsschuld schreibt, so hat sich das Auswärtige Amt das ausgedacht, dann werde niemand annehmen, er sei das Sprachrohr dieser oder jener Partei. Und natürlich hat sich das Auswärtige Amt die Schuldigen aus bösartigen Gründen ausgesucht, auch wenn sie mit der Schuldfrage so viel zu tun haben »wie der Sonnenaufgang«, also nichts. Aber wenn der Krieg vorbei ist, werde abgerechnet. Da sei es gut, Schuldige zu haben. Warum die Freimaurer? »Keiner traut ihnen, und jeder traut ihnen alles zu«, meint Hahn, um eine noch bösartigere Pointe hinzuzufügen: »Nicht alle Juden sind Freimaurer, aber viele Freimaurer sind Juden.« Natürlich protestiert Meyrink. Bis Hahn wissen lässt, er sei selbst Jude und stehe unter dem Schutz von Prinz Max von Baden, der vielleicht der nächste Reichskanzler werde (»ich arbeite daran, aber ich bitte Sie, dies für sich zu behalten«).
Kaum haben wir uns darauf eingelassen, stellt Poschenrieder in einer neuen Recherchenotiz aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde an seine Verlagslektorin klar, dass Kurt Hahn wohl der falsche Hahn war und dass der richtige Hahn ein Karrierediplomat namens Bernhard von Hahn war, der später Konsul in Rotterdam und Amsterdam wurde.
So kommt also die Meta-Ebene ins Vexier-Spiel: Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, der erst geschrieben werden muss.
Genau davor drückt sich Meyrink trotz des Vorschusses und der bequemen Rahmenbedingungen in einer wilden Zeit.
Poschenrieder treibt den literarischen Spaß um Literatur in der Literatur auf die Spitze. Die Pointe ist genial.
Geheimdienstler Bernhard von Hahn ist der Vertreter des »Literarischen Büros« und stellt fest: »Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen. Es geht nicht um Stil. Es geht um Wirkung. Nur um Wirkung. Vor allem um die Breitenwirkung. Und Sie haben bereits breit gewirkt. Aus diesem Grund sind Sie für uns interessant. Weil Sie eine Berühmtheit sind.«
Meyrink soll also auf seine Weise zu einem Informellen Mitarbeiter werden – indem er einen gefakten Roman schreibt, wo doch Fiktion in gewissem Sinne immer Fake ist: jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle, hat Max Frisch geschrieben.
Hier heißt die Devise »Romane statt Kanonen. Pointen statt Granaten«.
Das Honorar ist üppig. Also nimmt Meyrink, der esoterische Yogi und unpatriotische Autor, den Vorschuss an. Und doch lässt er sich nicht wirklich korrumpieren.
Das ist ja der Witz an der Geschichte.
Poschenrieder macht das souverän.
Das ist moderne Literatur par excellence.
Mit Blick auf die Freimaurer kann sich Poschenrieder eine köstliche Pointe nicht entgehen lassen; die ist so genial, dass man sich wundert, dass sie bisher kaum berichtet wurde:
Meyrink fragt, ob er nicht aus Gründen der künstlerischen Freiheit lieber die Illuminaten als die Freimaurer belasten könnte.
Daraufhin lässt Poschenrieder seinen Führungsoffizier von Hahn sagen:
»Illuminaten? Kennt doch kein Mensch. Ein Buch über eine Verschwörung von Illuminaten kann ich mir im Leben nicht vorstellen. Wer will das lesen?«
Zwei Jahrzehnte nach Dan Browns Welterfolg »Illuminati« gönnt sich Poschenrieder ein brillantes Schelmenstück.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.
Natürlich vertröstet Meyrink seine Auftraggeber immer wieder, wie es jeder Literat mit Schreibkrise tut. Natürlich lenkt er sich ab mit allerlei Nebensächlichkeiten und weltlichen Vergnügen, statt heilige Literatur zu schreiben.
Und als sich Meyrink dann tatsächlich an die Schreibmaschine setzt, um seine Fiktion niederzuschreiben, bleibt diese aus Gründen, die die heutige Generation nicht mehr versteht, schlicht unsichtbar. Aber wir wollen nicht spoilern, nur soviel:
»Die Wahrheit ist zu kostbar, um sie Priestern, Politikern und der Presse zu überlassen.«
Es Paul-Austert bei Poschenrieder, eine Spur Kehlmann ist auch dabei.
Das ist ernsthafter, als es auf den ersten Blick scheint:
»Der unsichtbare Roman« ist ein faszinierendes kleines Meisterwerk über das Schreiben von Romanen und den ewigen Kampf des Schriftstellers mit dem leeren Blatt und der Wahrheit.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.
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