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Marcus Neuert schrieb uns am 16.04.2021
Thema: Harald Gröhler: Dichter! Dichter!

Er hatte sie alle

„Dichter! Dichter!“: schon das Cover rockt ausgesprochen sixtymäßig: zu sehen ist eine junge Frau hüftabwärts im Minirock, breitbeinig in Pumps auf dem Straßenpflaster stehend, und ein junger, leicht pausbäckiger Mann in Hockstellung späht der Frau von hinten durch die Beine. Die Pose könnte, wäre das Foto heute entstanden, leicht als explizit sexistisch interpretiert werden. Das Zeitkolorit hingegen – Schwarzweißtechnik, Kleidung der Personen, Hintergrund mit Käfer und Opel Olympia – macht indes schnell klar, dass es sich um eine historische Aufnahme handelt. Das berühmt gewordene Bild zeigt den Dichter Rolf-Dieter Brinkmann und seine Frau Maleen, aufgenommen von
der durch ihre Prominentenportraits bekannt gewordenen Kölner Fotografin Brigitte Friedrich, die Brinkmann 1969 zusammen mit Harald Gröhler besucht und interviewt hatte.
Das Buch „Dichter! Dichter!“ ist Gröhlers Quintessenz aus Jahrzehnten voller Begegnungen mit bekannten Schreibenden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den 1960er bis 1980er Jahren. Hier hat er, der neben seiner eigenen umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit durch über tausend von ihm organisierte Lesungen die Großen der Zunft kennenlernen durfte, seine damaligen Eindrücke von eben jenen erinnert und aufgeschrieben. Mit zahlreichen atmosphärisch dichten Fotos von Brigitte Friedrich versehen, ist der Band eine Fundgrube für so etwas wie den eher privat-spielerischen Umgang mit neuester deutschsprachiger Literaturgeschichte.
Gröhler, Jahrgang 1938 and still going strong, hat sich bei aller Seriosität als angesehener Autor eine lebendige und im persönlichen Gespräch ungemein ansteckende Jungenhaftigkeit bewahrt. Dieses Lockere schlägt auch auf sein Schreiben durch und bekommt gerade den nicht selten skurrilen Beschreibungen gut, mit denen er sich seiner literarischen Begegnungen erinnert. Jedem seiner Gegenüber widmet er nur wenige Seiten, was die Ausschnitthaftigkeit des Unterfangens unterstreicht. Hier wird kein Anspruch auf tiefe Persönlichkeitsdurchdringung erhoben, Gröhler portraitiert eher so wie Friedrich fotografiert: schnappschussartig, auch wenn manches natürlich sicher dennoch gestellt war wie das eingangs erwähnte Cover mit den Brinkmanns.
Doch gerade dieses Verfahren verleiht dem Buch seine Frische. Wer hätte gedacht, dass ein Hans Magnus Enzensberger trotz seiner Einwilligung zu Interview und Fotos regelrecht durch seine ganze Wohnung verfolgt werden musste, Gröhler und Friedrich gar Stühle in den Weg stellte, um sich zwischendurch abzusetzen, was den Besuch bei ihm zu einem geradezu irrwitzigen Hindernislauf werden ließ? Auch wie degoutant sich zuweilen angesehene Dichter privat verhalten wird nicht verschwiegen: von der herrischen Arroganz des ehemaligen österreichischen Publikumslieblings Alexander Lernet-Holenia, den Gröhler in seiner Wohnung in der Wiener Hofburg besuchte wird ebenso berichtet wie etwa von Wolfgang Bächlers penetranter Zudringlichkeit einer jungen Hörerin gegenüber, die in einer Beinahe-Vergewaltigung endete. Doch auch wie die persönlichen Eindrücke einer Person gegenüber in Jahren reifen oder gar wechseln wie im Falle Peter Handkes verschweigt uns Harald Gröhler nicht; die „lasche, matte Art“ der Bewegungen dieses „Jüngelchens“, der er für den Autor 1969 noch war und mit dem er später in Handkes Pariser Wohnung leidenschaftlich über Beschreibungs-Literatur und Rharbarberkompott stritt.
Gröhlers Verfahren ist dabei nicht einheitlich, manche der Begegnungen sind relativ unspektakuläre Notate, andere eher anekdotenhaft-komisch, wieder andere nachdenklich-beobachtend. Und in nicht wenigen scheint vor allem auch etwas an auktorialer Selbstbeobachtung durch, wenn Gröhler etwa im Zusammenhang mit dem eher friedfertig-larmoyanten Günter Steffens und mit Blick auf sein eigenes Verhalten schreibt: „Mir kam der erst recht peinliche Gedanke unter: Suchte ich immer aggressionslose Menschen, um selber besser aggressiv sein zu können?“.
Neben vielen auch heute noch großen Namen wie Böll, Biermann, Kaschnitz und Jandl und sogar internationalen Größen wie Lem und Gustafsson sind auch anregende Gespräche mit etwas in Vergessenheit geratenen Persönlichkeiten zu finden. Auffällig aus heutiger Perspektive ist freilich, dass bei den dreiundfünfzig Portraits nur ganze acht Frauen vertreten sind. Gab es tatsächlich so wenige Autorinnen, die Gröhler im Rückblick erwähnenswert fand? Oder ist es nicht doch eher ein Zeichen für die zeitgenössische tatsächliche Unterrepräsentation des weiblichen Geschlechts in der Literatur? In jedem Fall vermitteln Harald Gröhlers Aufzeichnungen über seine Begegnungen mit Schreibenden einen unverstellten Einblick in vielgestaltige auktoriale Welten, Eigenheiten und Eigensinnigkeiten, den das interessierte Lesepublikum sicherlich gerne teilt.

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