Stunde Null auf Französisch

Anne Wiazemsky schreibt mit „Mein Berliner Kind“ einen Roman über die (Liebes-)Geschichte ihrer Eltern im kriegszerstörten Deutschland

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit dem Namen der Autorin dieses Buches assoziiert man viele berühmte Regisseure und Filme: Anne Wiazemsky gibt 1966 ihr Filmdebüt in „Zum Beispiel Balthasar“ von Robert Bresson (1901-1999). Sein Kollege Jean-Luc Godard, der den Film begeistert sieht, heiratet die Enkelin des französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac (1885-1970) ein Jahr darauf und gibt ihr die Hauptrolle an der Seite von Jean-Pierre Léaud in „Die Chinesin“ (1967). Kurze Zeit darauf verschafft ihr der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922-1975) den Part der Odetta in „Teorema – Geometrie der Liebe“ (1969). In den 1980er-Jahren beginnt Anne Wiazemsky dann auch als Schriftstellerin zu arbeiten. Es erscheinen in dichter Folge Romane, Erzählbände und Biografien, für die sie auch mehrfach Preise erhält. 2007 kommt ihr autobiografischer Roman „Jeune fille“ (deutsch 2009) heraus, in dem sie ihre Begegnung und Filmarbeit mit Robert Bresson thematisiert. 2009 folgt mit „Mon Enfant de Berlin“ („Mein Berliner Kind“, deutsch 2010) ein Buch, in dem sie sich mit dem Leben ihrer Mutter in den Jahren während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzt. 2010 wird Anne Wiazemsky dafür mit dem „Prix de L’academie Litteraire de Bretagne et des Pays de la Loire“ ausgezeichnet.

Betrachtet man den Aufbau des Buches, besteht „Mein Berliner Kind“ aus fast vierzig titellosen Kapiteln, die alle jeweils relativ kurz sind. Inhaltlich zerfällt der Roman jedoch in zwei unterschiedlich umfangreiche Teile. Der kürzere erste Teil setzt nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Okkupation ein und macht den Leser mit der Protagonistin des Romans bekannt: „Im September 1944 befindet sich Claire, Sanitäterin und Fahrerin beim Französischen Roten Kreuz, noch im Einsatzgebiet von Béziers. Sie ist siebenundzwanzig Jahre alt, eine sehr schöne junge Frau mit großen dunklen Augen und hohen slawischen Wangenknochen. Wenn man ihr Komplimente macht, überhört sie das. Sie hat keine Zeit, sich im Spiegel anzuschauen, und wenn, dann nur flüchtig und immer etwas misstrauisch. Seit sie sich vor eineinhalb Jahren dem Roten Kreuz verpflichtet hat, will sie nur noch durch ihre Arbeit existieren. Ihre Einsatzbereitschaft, ihr Mut und glühender Kampfgeist finden die Bewunderung ihrer Vorgesetzten. Ihre Gefährtinnen, oft aus anderen gesellschaftlichen Kreisen als sie selbst, haben vergessen, dass sie die Tochter des berühmten Schriftstellers ist, François Mauriac, und betrachten sie als eine der Ihren, weiter nichts. Das macht sie glücklich. Sie liebt das, was sie tut, die Notwendigkeit, von einem Tag zum anderen zu leben.“

Bei der Darstellung der harten Lebens- und Arbeitsumstände im Krieg versucht Anne Wiazemsky sich so weit wie möglich der weiblichen Hauptfigur anzunähern und einen genauen Einblick in Claires Innenwelt zu geben. Dies verdeutlicht die Verwendung der „Erlebten Rede“, bei der die Erzählerstimme und die der Rotkreuz-Schwester oft miteinander verschmelzen. Die Autorin setzt zum anderen immer wieder Claires Briefe an ihre Eltern und Ausschnitte aus ihren Tagebüchern ein, wodurch ein Eindruck von großer Unmittelbarkeit entsteht. Mit diesem Montage-Stil gelingt es Anne Wiazemsky, den Leser schon gleich zu Beginn an ihr Buch zu binden. Denn man erfährt gewissermaßen aus erster Hand nicht nur von den Emanzipationenbestrebungen der Protagonistin, die nicht stets die kleine Tochter des großen französischen Schriftstellers sein will, dieser Rolle jedoch nicht immer entfliehen kann. Thematisiert wird auch die nach der Befreiung nicht minder schwierige Situation in Frankreich, der Mangel an Nahrung und Kleidung sowie die Angst vor Kollaborateuren und nazifreundlichen Franzosen, die dem Vichy-Regime nachtrauern.

Besonders eindrücklich schildert der Roman Claires (Liebes-)Beziehungen. Dass diese sich ändern, liegt vor allem am Krieg, der die Rotkreuz-Schwester nicht selten in die vordersten Kampflinien führt und das Leiden und Sterben der Soldaten hautnah miterleben lässt. Infolge ihrer grausamen Erlebnisse wandelt sich die Protagonistin im Laufe der Zeit, reift und stellt Partnerschaften in Frage, die ihr durch die jahrelange Trennung schließlich mehr als Zwang denn als Glück erscheinen. Es ist die Erfahrung einer inneren Entfernung voneinander, das Gefühl großer Fremdheit, was nach der Rückkehr befreiter und entlassener Kriegsgefangener die Belastbarkeit vieler Beziehungen und Ehen auf eine harte Probe stellt. Aus diesem Grund, aber auch, weil es ihr unbedingter Wunsch ist, auch nach dem Ende des Krieges leidenden Menschen zu helfen, ergreift die Protagonistin die Chance und fährt als Mitglied des französischen Roten Kreuzes in die kriegszerstörte deutsche Hauptstadt. Mit dem Aufenthalt in Berlin setzt zugleich der wesentlich umfangreichere zweite Teil des Romans ein.

Nach ihrer Ankunft schreibt Claire ihren Eltern von dort: „,Was für eine schreckliche Sache, Berlin! Man kann sich die Trostlosigkeit dieser Riesenstadt, in der kein heiles Haus mehr steht, überhaupt nicht vorstellen. Und was noch tausendmal schrecklicher ist, sind die Berliner, die in Kellern leben und vor Hunger sterben. Ich habe auch gesehen, wie ein Mann auf der Straße umgefallen ist. Die Belgierinnen, die seit vierzehn Tagen hier sind, haben uns erzählt, dass sie bei ihren Erkundungsgängen durch die Häuser sehr oft Leichen von Erwachsenen und Kindern finden, die noch nicht lange tot sind. Obendrein grassiert eine schlimme Ruhrepidemie, die Menschen sterben wie die Fliegen. Heute habe ich den ganzen Tag die Suche nach verschwundenen Arbeitern in halb zerstörten Fabriken verbracht. Ich will Euch lieber keine Einzelheiten schildern, aber komisch war es nicht.“

Wie in ihrem Brief an ihre Eltern angedeutet, haben Claire und ihre Kolleginnen die Aufgabe, ehemalige französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der neu gebildeten „Sowjetischen Besatzungszone“ mit Hilfe der in Berlin stationierten Alliierten ausfindig zu machen, medizinisch zu behandeln und auf die Heimreise zu schicken. Die Suche nach den vielen Tausend verschleppter Landsleute ist jedoch nur ein Aspekt, der im zweiten Teil des Romans thematisiert wird. Anne Wiazemsky schildert zugleich die Zerstörungen Berlins und den grauen und trostlosen Alltag seiner Einwohner. Ferner beschreibt sie die frühere Reichshauptstadt als Anlaufpunkt und Durchgangstation für deutsche Flüchtlinge aus dem Osten genauso wie für „displaced persons“, die Deutschland bald verlassen möchten. Auf der anderen Seite betont sie das Kosmopolitische dieser Stadt, in der die vier Siegermächte durch Besatzungstruppen vertreten sind. Der Roman weist in diesem Zusammenhang allerdings auch darauf hin, wie sich Amerikaner und Russen bereits kurz nach Kriegsende mit Misstrauen beäugen. Der „Eiserne Vorhang“, von dem der englische Politiker und Schriftsteller Winston Churchill (1874-1965) im März 1946 in einer Rede in Fulton (Missouri) spricht, senkt sich allmählich über Europa.

Wenn man wollte, könnte man davon sprechen, dass Claire und Yvan stellvertretend für das Zusammentreffen von West und Ost in Berlin stehen. Ein Unterschied besteht allerdings darin, dass sich die Beziehung dieser beiden anders entwickelt. Die an Migräne leidende Rotkreuz-Schwester lernt den unter den Alliierten äußerst beliebten, an Kraft strotzenden und lebenslustigen französischen Offizier Ende 1945 kennen: „Endlich war sie einem Mann begegnet, der sich für sie und nur für sie interessierte; einem Mann, der nichts von der Existenz ihres berühmten Vaters wusste, der keinen Wert auf Literatur oder Bücher legte. Das war etwas vollkommen Neues, und es entzückte sie.“

Mit Yvan Wiazemsky tritt im Roman eine weitere Hauptfigur auf, die im Vergleich mit der Protagonistin unterschiedlicher nicht sein kann. Dabei ist es aber gerade sein ganz anderer Charakter, der Claire von Anfang an fasziniert und anzieht genauso wie er sie ängstigt und unsicher werden lässt. Er ist ihr fremd und zugleich vertraut, was nicht zuletzt an seiner Biografie liegt, die stark geprägt ist von den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. Geboren 1915 im damals noch zaristischen Petersburg, emigriert Yvan mitsamt seiner adligen Familie zur Zeit der Russischen Revolution. Als „weiße“ Russen fliehen sie wie andere ihrer Landsleute aus politischen Gründen aus ihrer Heimat und suchen Asyl in Westeuropa: „Lange staatenlos, haben sie in den 1930er Jahren die französische Staatsbürgerschaft erworben. Wia – so nennen ihn alle – wurde gleich mit der Kriegserklärung eingezogen und geriet kurz darauf in Gefangenschaft. Fünf Jahre Lager, fünf Jahre Entbehrungen haben seine Zuversicht, seine Lebensfreude nicht zerstört.“

Anne Wiazemsky erzählt mit großer Empathie von der Lebens- und Liebesgeschichte ihrer Eltern vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs. Durch die gelungene Art der Zusammenstellung der unterschiedlichen Textformen, der Gespräche der verschiedenen Figuren, der Tagebuchauszüge und Briefe von Claire und Yvan gewinnt „Mein Berliner Kind“ an Dichte und Lebendigkeit. Der im Gesamten zurückhaltende personale Erzähler lässt die Aussagen der Figuren zudem stärker hervortreten, wodurch diese noch plastischer wirken. So tauchen die geschilderten Szenen unmittelbar vor dem geistigen Auge des Lesers auf und laufen besonders im zweiten Teil des Romans wie ein Film ab. Das letzte kurze Kapitel des Buchs, das einen Epilog darstellt und im Jahr 2008 spielt, macht schließlich auf das Ineinandergreifen von Faktischem und Fiktivem im Roman deutlich. So tritt Anne Wiazemsky am Ende selbst als Figur auf und besucht eine Freundin ihrer Eltern namens Olga, die – wie ihr Vater französische Staatsangehörige russischer Herkunft – nach dem Krieg in Berlin als Übersetzerin gearbeitet hat. Neben Claires und Yvans Selbstzeugnissen hilft ihr Olga durch ihre Erinnerungen die dramatischen Erlebnisse ihrer Eltern, deren Zusammenkommen und dadurch schließlich auch ihre eigene Geschichte, die des „Berliner Kindes“, zu rekonstruieren.

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Anne Wiazemsky: Mein Berliner Kind. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Grete Osterwald.
Verlag C. H. Beck, München 2010.
261 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783406605215

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