Hart und haltlos

Es gibt keine Kollateralschäden zum Schutz der Armen und Schutzlosen. Joe R. Lansdale aber inszeniert sie in „Gauklersommer“ mit fröhlichem Leichtsinn

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Verlogenheit von Krimis nimmt in dem Maße zu, in dem sie die Moral für sich pachten. Mit der Verlagerung der Opferrolle von personaler Gewalt von Frauen auf Kinder hat sich auch die Neigung verstärkt, irreguläre und extreme Gewalt als geeignetes Mittel zuzulassen, um das Böse aus der Welt zu schaffen. Mit schlimmen Folgen.

Während die armen irren Serienkiller alter Krimi-Provenience sich noch reihenweise am weiblichen Geschlecht vergingen und damit einen Begleittext zur weiblichen Emanzipation formten, sind die neuen Ungeheuer auf die noch Hilfloseren in der Gesellschaft aus: Kinder. Dabei war der alte Serienkiller ja eigentlich überhaupt nicht an seinen Opfern interessiert, sondern mehr und mehr an der Auseinandersetzung mit dem Ermittler, der ihm auf die Spur zu kommen hoffte. Fragen wie die der Lesbarkeit der Welt und des Einflusses des Einzelnen auf sie wurden hier diskutiert und in eine oftmals absurde, ja extreme Handlung übersetzt, in der Frauenleichen als Kommunikationsmittel eingesetzt wurden.

Das hat bereits in den 1970er-Jahren so manche extreme Gegenreaktion legitimiert, in der leichten Herzens das Rechtssystem über Bord geworfen wurde, um der angeblichen Gerechtigkeit den Weg frei zu machen. Charles Bronson hat dem sein Gesicht geliehen.

Mit dem Wechsel der Opfer jedoch wurde auch hier jedes Maß fallen gelassen. Der Krimi wütet sich mehr und mehr in ein haltloses Rachesystem ein, in dem die Repräsentanten des Guten und die Verteidiger von Witwen und Waisen überhaupt keine Grenzen mehr kennen, wenn sie sich ins Feld werfen. Je grausamer die Tat, desto brutaler die Gegentat. Das alles wird dann auch noch im Namen der Hilflosen und Schwachen getan, die sich schließlich in merkwürdiger Gesellschaft wiederfinden. Nur dass ihre alten von neuen, aber dafür guten Schindern ersetzt werden.

Dass sich das Genre dabei in einer fatalen Überbietungsschleife befindet, ist ja immer einmal Thema, freilich ist der Einfluss von nachdenklichen Stimmen im Genre selbst kaum zu bemerken. Hier feiert die Kreativität bei der Herrichtung neuer Leichen fröhliche Exzesse, die vom Gruseln kaum noch eingeholt werden können.

Joe R. Landsdales „Gauklersommer“ ist leider das treffende Exempel dieser Entwicklung (und warum der Roman in der Reihe „Funny Crimes“ erscheint, lässt sich wohl nur mit der eigenen Humorresistenz begründen). Der übliche Irak-Veteran Cason Statler, der zudem auch noch ein beachteter Journalist war, kehrt als menschliches Wrack in seine Heimatstadt zurück. Statler säuft, stellt seiner Ex nach, zählt die toten Fliegen an der Decke und bekommt einen Job als Kolumnenschreiber der Lokalzeitung (was angeblich seinen Mann ernährt).

In den Notizen seiner Vorgängerin findet er Hinweise auf eine Kolumnenserie über eine verschwundene junge Frau, die er aufnimmt, um dem Ganzen nachzuforschen. Denn seine Kollegin ist ebenso eine Stümperin gewesen wie der derzeitige Polizeichef. Wenn also niemanden interessiert, was vorgefallen ist, dann doch immerhin ihn.

Damit nimmt dann eine Ermittlung ihren Lauf, in der kurzzeitig der Bruder Statlers involviert ist, hatte er doch ein Verhältnis mit der jungen Frau, die seine Studentin war. Der Bruder wird erpresst, die Erpresser werden kurze Zeit später brutal ermordet. Und los gehts.

Denn nach und nach stellt sich heraus, dass eine Gruppe von extremen Gewalttätern hinter dem Verschwinden dieser jungen Frau und zahlreicher anderer steht. Die Frauen werden bei lebendigem Leibe gehäutet, ihre Haut wird anschließend dem Rechercheur Statler traulich präsentiert. Unappetitlich, aber auch nicht ungewöhnlich für neuere Krimis. Aber schon damit wird klar, dass der Showdown blutig sein wird.

Denn die Frauenleichen werden erst präsentiert, nachdem ein Kriegskamerad Statlers, der sich selbst als Soziopathen kennzeichnet, auftritt und Statler assistiert. Die Aufgabe des Mannes: Er ist für die Drecksarbeit zuständig. Soll heißen, er prügelt Leute zusammen, foltert sie und erschießt sie auch noch, wenn sie ihm nicht mehr von Nutze sind. Er muss ein Attentat verhindern, indem er den Attentäter kurz vor der Tat mit dem Gewehr niederstreckt und ist auch sonst kein Kind von Traurigkeit, wenn es darum geht, Leichen zu verstecken und sich aus allem wieder rauszuwinden.

Legitimiert wird dieser Assistent, der alles Böse tut, was getan werden muss, bereits durch die Grausamkeit der Frauenmorde. Den Gipfel der Gewaltbereitschaft und die Legitimierung all dessen, was die Guten selbst an Bösem getan haben, erreicht der Roman aber damit, dass er zum Schluss den Tod eines Kindes setzt, das lebendig begraben worden ist. Danach ist klar, die Helden sind Helden, und sie kommen ungeschoren davon. Bei dieser Polizei sowieso, und erst recht bei einem Autor wie Landsdale, dem es vielleicht noch um das Problem gegangen ist, wie er seine Hauptfiguren einigermaßen ungeschoren überleben lässt. Aber der Effekt ist eine haltlose und irreale Gewaltorgie, in der Gerechtigkeit nur noch eine belanglose Marginalie ist.

Titelbild

Joe R. Lansdale: Gauklersommer .
Übersetzt aus dem Englischen von Richard Betzenbichler.
Golkonda, Berlin 2011.
300 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783942396097

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