Ein Bericht aus der Todeszelle

In ihrem Debütroman „Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen“ porträtiert Ava Farmehri eine junge Frau und ein zerrissenes Land

Von Gwendolin KochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gwendolin Koch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Shayda Porroya wird am gleichen Tag wie die Islamische Republik Iran geboren. Ihren Eltern wäre es lieber gewesen, keine Kinder zu haben – die Mutter wollte eigentlich in die USA auswandern, der Vater heiratete sie nur wegen der Schwangerschaft – und auch Shayda selbst will eigentlich nicht leben. Im Alter von zwanzig Jahren wird sie für den Mord an ihrer Mutter zum Tode verurteilt. Mit diesem Urteil beginnt Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen, der Debütroman von Ava Farmehri, über die nicht viel mehr herauszufinden ist, als dass sie in Kanada lebt, im „Nahen Osten“ aufwuchs und unter einem Pseudonym schreibt. Was dann folgt, ist Shaydas Zeit im Gefängnis, unterbrochen von langen Episoden des Erinnerns an ihre Kindheit und Jugend.

Shayda wird schon als kleines Kind für verrückt gehalten und muss einen Psychiater aufsuchen. Ihre Eltern, Nachbarn und Lehrerinnen sind der Meinung, dass sie eine pathologische Lügnerin ist und viel zu viel Phantasie hat – was sie also nicht unbedingt zur verlässlichsten Erzählerin macht. Sie beobachtet die Verzweiflung ihrer Mutter, die seit ihrer Geburt (und der der Islamischen Republik) frustriert zuhause sitzt, nicht mehr in Clubs gehen kann, ihre Haare bedecken muss, wenn sie draußen ist, und dafür verantwortlich gemacht wird, dass sie ein verrücktes Kind hat. Ihren Vater idealisiert Shayda, doch er stirbt bei einem Verkehrsunfall, als sie zwölf Jahre alt ist. Danach stellt sich heraus, dass er heimlich eine zweite Ehefrau hatte, die zum Zeitpunkt seines Todes mit einem Jungen schwanger war, der den Großteil der Ersparnisse erbt. Wenige Monate später begeht Mustafa, Shaydas im Rollstuhl sitzender Nachbar, in den sie auf obsessive Weise verliebt ist, Selbstmord. Sie versucht, es ihm gleichzutun, überlebt aber. Von da an genießt sie eine gewisse Narrenfreiheit: Sie ist das verrückte Mädchen, das mit Vögeln spricht und ihr Mittagessen an sie verteilt, sie kann im Unterricht ihrer frommen Lehrerin nihilistische Parolen entgegenschreien, weil ihr Psychiater das so mit dem Schulleiter vereinbart hat, mit dem Shayda als Siebzehnjährige eine Affäre beginnt.

Vieles an dem, was Shayda erzählt, scheint wirr und widersprüchlich. Mal scheint sie seltsam unberührt von allem, mal sprudelt sie nur so von Gefühlen, vornehmlich Liebe, ganz der Wortbedeutung ihres Namens entsprechend, „liebeskrank“. Sie verstrickt sich immer wieder in Lügen, beispielsweise wenn sie sich einem Taxifahrer gegenüber als ihr Alter Ego ausgibt, Beatrice aus Italien, angelehnt an Dantes Beatrice, und gibt sich in ihren Schilderungen doch so offen und ehrlich, dass man als Leser*in gewillt ist, ihr alles zu glauben.

Auch in der Beschreibung ihrer Gefängniszeit schwankt sie zwischen zwei extremen Polen hin und her: Einerseits beschreibt sie den Ort als die Hölle – das Inferno, in das Lügner kommen – und wie sie von Wärter*innen und Mitgefangenen geschlagen, bestohlen und misshandelt wird, andererseits schildert sie, wie sie nach einiger Zeit fast wie eine Heilige behandelt wird. Ebenso bleibt es bis kurz vor Ende des Buches (bzw. – je nachdem, wie man zur Erzählerin steht – auch darüber hinaus) unklar, ob Shayda ihre Mutter tatsächlich getötet hat.

Ava Farmehri gelingt es in diesem Roman, zutiefst melancholisch zu schreiben, ohne dabei je pathetisch zu werden – das pathetischste an Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen ist zweifelsfrei der Titel (engl. Through the sad woods our corpses will hang). Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens und eines Landes, die von Widersprüchen zerrissen werden und zwischen denen immer wieder Parallelen gezogen werden. Das könnte leicht Gefahr laufen, plakativ und oberflächlich zu werden, doch dadurch, dass man als Leser*in sowieso konstant die Erzählinstanz in ihrer Vertrauenswürdigkeit hinterfragt, wird jede Parallele, jede verallgemeinernde Aussage über den Iran, Religion, über Liebe und Freiheit relativiert. Alles wird mit einem wie durch eine Linse mehrfach gebrochenen Blickwinkel in Augenschein genommen. Das dabei entstehende Porträt von Shayda und dem Iran ist voller Brüche und gibt keine klaren Antworten, vielmehr wird immer wieder zum Nachdenken aufgefordert.

Titelbild

Ava Farmehri: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen.
Aus dem Englischen von Sonja Fink.
Edition Nautilus, Hamburg 2020.
288 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783960542346

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