Die Hoffnung, dass Literatur doch etwas verändern kann
Witzig, ehrlich und zugänglich ist Tahsim Durguns Text „Mama, bitte lern Deutsch“
Von Lena Sophie Voß
Indem Tahsim Durgun von seiner Geschichte und der seiner Mutter erzählt, schreibt er über Erfahrungen, die zahlreiche Menschen machen, die nach Deutschland kommen. Sein Text ist zwar witzig, macht aber vor allem den alltäglichen Rassismus während der Schulbildung, im Gesundheitswesen, im Alltag und bei Terminen bei der Ausländerbehörde sichtbar.
Die Bemühungen sich perfekt einzufügen, zu einem „Wir“ dazuzugehören und die Erwartungen zu erfüllen, bleiben ungesehen. Mehr noch, sie werden immer wieder vom medizinischen Personal, den Angestellten im Supermarkt, den Eltern der Grundschulkinder oder den Besitzern von Einfamilienhäusern abgewehrt. Beim Herbstbasar der Schule beispielsweise begutachten die anderen Mütter den Bulgursalat sowie die Börek, die Tahsims Mutter dafür vorbereitet hat.
Eine von ihnen griff sogar frech nach einem Plastiklöffel, steckte ihn in den Kisir und probierte davon: „Mein Gott, ist das scharf! Wie sollen die Kinder das essen, ich bekomme es ja nicht einmal hinunter.“
Aus der Reaktion geht hervor, wie wenig Wertschätzung Tahsims Mutter entgegengebracht wird, wie sehr sie unterschätzt und nicht ernst genommen wird. In diesen Situationen beschreibt Tahsim die Unsicherheit seiner Mutter und ihren Mut trotz weniger Deutschkenntnisse die Rezepte zu beschreiben. Besonders ist in diesen Situationen, wie der Autor seine Gefühle zwischen peinlicher Berührung darüber, dass die Mutter nicht sehr gut Deutsch sprechen kann und der Verteidigung seiner Familie reflektiert. Dieses gegensätzliche Paar zwischen Scham über die fehlenden Deutschkenntnisse der Mutter und seine Wertschätzung ihr gegenüber prallen immer wieder aufeinander, was im Text eine Nähe herstellt. Für alle Leser*innen, die eine Person wie Tahsims Mutter kennen, wird mit diesem Gegensatz gezeigt, dass neben der Frustration immer noch die Zuwendung zu dem Menschen überwiegen sollte. Dies zeigt der Text ganz eindrücklich.
Andererseits dachte ich mir: „Wer bin ich, dass ich mich schäme, wenn sie den Mut hat, der überheblichen Mutter von Mareike mit einzelnen Wortfetzen zu erklären, wie man Börek macht? Scheiß auf die!“
Ausnahmen, die Tahsim und seiner Familie nicht vorurteilsvoll gegenüberstehen, gibt es nur wenige. Darum geht es in seinem Buch aber auch nicht. Die Angst das Aufenthaltsrecht zu verlieren, nicht zu dem „Wir“ dazu gehören zu dürfen, ist beständiger Begleiter der Familie sowie präsent während Tahsims Aufwachsen. Mit 14 Jahren bekommt Tahsim einen Brief, in dem seine Asyberechtigung widerrufen wird, woraufhin er gegen seine Abschiebung argumentierten muss. Auf dem Weg zum Ausländerbüro beschreibt Tahsim die Verantwortung und den Druck:
[…] schaute Dilan mir noch einmal hastig in die Augen und sagte: „Du musst das hinkriegen. Ich kann nicht so gut reden wie du. Und Mama, sie kann gar nicht reden.“
Die Situation betrifft viele Familien mit Emigrationshintergrund in Deutschland und mit einer nachdrücklichen Beschreibung zeigt der Autor auf, wie sehr einem die Unmenschlichkeit getarnt als bürokratische Prozesse entgegentritt.
Aufgewachsen ist er mit seinen Eltern, Geschwistern, Cousins und seinem Opa, der ihn „Orhan“ nennt, in einem Häuserblock in Oldenburg.
Wir bewohnten eine Landschaft aus Gerüsten und Sand. Jeder kannte jeden. Die Mehrheit der Familien war kurdisch, türkisch, russisch oder arabisch. Weiße Deutsche gab es hier kaum. […] Die Zusammensetzung unserer Nachbarschaft, die Konsequenz politischer Entscheidungen war, glich einer illegalen Müllentsorgung im Ausland: Hier wurde nicht fein säuberlich getrennt, sondern wir alle waren auf einen Haufen geschmissen und uns selbst überlassen worden.
Der Häuserblock wird mehrfach als „Gerüstlandschaft“ bezeichnet – in dem zum einen positive Kindheitserinnerungen entstanden, auf Kurdisch kommuniziert werden konnte, und Familienfeste stattfanden. Zum anderen zeigt er auf, wie sehr die Bewohner*innen von der Teilhabe an der Gesellschaft oder der Politik ausgeschlossen werden.
Unsere Leben waren stets umgeben von den Häuserblocks, die uns wie eine Mauer schützten – oder das, was hinter ihnen lag, vor uns schützte.
Die Gerüstlandschaft kann somit als Rückzugsort und Schutzraum für die Familie verstanden werden. Gleichzeitig wird durch die Gerüstlandschaft die Ausgrenzungserfahrung stets verstärkt. – Ich verstehe seine Beschreibungen nicht nur als Hinweis darauf, wie rassistische Erfahrungen in jedem Lebensbereich spürbar werden. Vielmehr wird deutlich, wie sehr Familien mit Migrationserfahrung bewusst eingeschränkt werden, indem individuelle Entscheidung wie der Wohnort oder politische Entscheidungen nicht wirklich selbstbestimmt getroffen werden können.
Der rote Faden in „Mama, bitt lern Deutsch“ ist die Sprache und ihre Macht…
Und obwohl sie die Worte nicht verstanden hatte, war die Botschaft, war der Schmerz bei ihr angekommen. Manchmal, so denke ich heute, ist es egal, welche Sprache der Empfänger spricht, denn Schmerz folgt keiner Grammatik, Schmerz sprechen wir alle.
Diese Beobachtung zeigt, wie sehr Sprache Menschen verletzen kann. Das fehlende deutsche Vokabular von Tahsims Mutter führt bei ihr selbst zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit. Gleichzeitig wird sie damit zur Angriffsfläche. Immer wieder kommt die AfD anmutende Forderung „Lern deutsch“ auf. Diese greift Tahsim in seinem Vorwort auf und endet sein Buch, indem er genau diese Aussage entkräftet und unterläuft, wenn seine Mutter sagt: „Und wenn ich es dann versucht habe… rauszugehen, mit Deutschen zu reden. Sie wollten mich nicht –“
Er zeigt, wie diese Aufforderung „Lern deutsch“ gerade durch die Leute scheitert, die so vehement dazu auffordern. Es bleibt die Frage, wie ein Mensch eine Sprache erlernen soll, die niemand mit ihm oder ihr sprechen möchte.
Tahsims Sprachgefühl und Hingabe zur deutschen Sprache sind nicht oberlehrerhaft, sondern auf Vermittlung aus. Dabei ist er selbst ein Experte der deutschen Sprache, was am Ende eines jeden Kapitels anhand der zugänglichen Erklärung eines sprachlichen Phänomens wie der Alliteration, Metapher, Kompositum oder Fremdwörtern deutlich wird.
Seine Liebe zur Sprache findet sich auch in der Wertschätzung der Sprache seiner Mutter wieder.
Ich war gefesselt von ihr und den Vergleichen, die sie ziehen konnte. Sie konnte – auf Kurdisch – sehr bildhaft sprechen. […] Sie warf diese Vergleiche ohne langes Überlegen in den Raum und schmückte sie im Kurdischen unglaublich detailreich und lautmalerisch aus. Ich war jedes Mal fasziniert, wie sie für jede Situation die passenden Worte fand.
Seine Mutter, mit der niemand Deutsch reden will, besitzt eigentlich ein Sprachtalent. Doch die Stigmatisierungen gegenüber nicht deutschsprechenden Personen lassen diesen Gedanken nicht zu. Tahsim zeigt mit seinem Text deutlich, wie sehr rassistische Vorurteile einen Menschen reduzieren, seine Vielfältigkeit einschränken und ihn um seine Persönlichkeit berauben. Seine Wertschätzung seiner Mutter gegenüber steht diesen Vorurteilen entgegen. Immer wieder zeigt er ein anderes Bild auf, indem er über Situationen schreibt, die ein wirklich anderes Verhalten zeigen, was auf Empathie und Respekt gegenüber dem oder der Anderen beruht. Er setzte somit dem Hass eine kraftvolle deutsche Sprache entgegen, die Gutes schafft.
Das Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ erfüllt sein Ziel, für jeden und jede geschrieben zu sein. Tahsim schildert pointiert Erfahrungen von Abwertung, Ausgrenzung und Rassismus. Er beschreibt nachdrücklich die grenzüberschreitenden und verletzenden Erlebnisse. Besonders ist, dass er seinen Witz an angemessenen Stellen einsetzt und trotzdem nicht an Ernsthaftigkeit einbüßt. Dabei betont er immer wieder die Kraft und Macht der Sprache. Das Buch ist nicht nur ein Text, mit dem Leser*innen besonders viel lernen können, sondern auch eine Einladung in die Erfahrungswelt von Tahsims Familie. Er macht das abstrakte „Feindbild“ erfahrbar anhand seiner Familiengeschichte und löst es so aus der Verallgemeinerung und dem Schubladendenken. Jeder Leser und jede Leserin sollte an dieser Stelle anfangen sich zu hinterfragen. Gleichzeitig zeigt es Missstände auf und fordert bessere Lösungen wie beispielsweise Dolmetscher*innen für Arzt- und Behördenbesuche, um die Kinder zu schützen. Dieses Buch ist eine Einladung zu respektvollem Umgang miteinander und die Möglichkeit sich liebevoll gegenüberzutreten.
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