Literarisches Sprachdenken
Stephanie Blums Aufsatzband „Sprachkritik und Sprachzweifel in der österreichischen Literatur“ gibt einen gelungenen Einblick in die Sprachreflexion österreichischer Autor:innen von 1945 bis in die Gegenwart
Von Benjamin Bühler
Der Philosophie sei lange eine „Sprachvergessenheit“ zugekommen, erst im 20. Jahrhundert sei sie, wie der Philosoph Albrecht Wellmer in seinen Vorlesungen zur Sprachphilosophie (2004) konstatiert, in das Zentrum der Philosophie gerückt: Von Gottlob Frege über Ludwig Wittgenstein bis Donald Davidson oder Jacques Derrida werde nun darüber nachgedacht, wie die Sprache Sinn erzeuge, welcher sein „Sein nur in einem Prozeß der Kommunikation und Interpretation“ habe.
Für die Literatur kann Gleiches kaum behauptet werden, wie Stephanie Blum, die Herausgeberin des Bandes „Sprachkritik und Sprachzweifel in der österreichischen Literatur“, gleich zu Beginn ihrer Einleitung deutlich macht: Reflexionen über Darstellungs- und Artikulationsmöglichkeiten mittels Sprache seien so alt wie die Literatur selbst, literarische Texte loteten immer wieder die „Grenzen des sprachlich Darstellbaren“ aus. Doch auch für die Literatur gilt, dass das 20. Jahrhundert eine besonders produktive Phase der Sprachreflexion darstellt – wie insbesondere die österreichische Literatur belegt. So lautet die Leitthese des Bandes, dass es verbunden mit der gerade in Wien um 1900 in Erscheinung tretenden klassisch-modernen Sprachkrise immer wieder österreichische Autor:innen nach 1945 gewesen seien, die die Sprache in das Zentrum ihrer Texte stellten. Dass in Österreich wichtige Beiträge zur Sprachkrise um 1900 entstanden sind, ist bekannt. Neben Hugo von Hofmannsthals berühmtem ‚Chandos-Brief‘ (Ein Brief, 1902) nennt Blum Fritz Mauthners dreibändiges Werk Beiträge zu einer Kritik der Sprache (1901/02), Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (1921) und Karl Kraus‘ sprachkritische Artikel in seiner Zeitschrift Die Fackel (ab 1921). Damit wird auch deutlich, dass sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Philosophie und Literatur wechselseitig aufeinander beziehen, was, wie der Band aufzeigt, für die österreichische Literatur nach 1945 ein zentraler Bezugsrahmen bleibt.
Zwei Stoßrichtungen literarischer Reflexion über die Sprache stellt Blum in ihrer Einleitung heraus: „Sprachkritik“ sei pragmatisch orientiert und fokussiere den Gebrauch von Sprache in unterschiedlichen Kontexten und Medien. Dagegen gehe es dem sprachphilosophisch ausgerichteten „Sprachzweifel“ um „metaphysisch begründete“ Infragestellungen von Sprache. Mit diesem Begriffspaar untersuchen die neun Aufsätze des Tagungsbandes österreichische Werke von Canetti über Handke bis Cotten und Edelbauer. Damit gelingt anhand exemplarischer Texte eine kleine auf die Sprachreflexion konzentrierte Literaturgeschichte österreichischer Literatur nach 1945.
Dass Sprachkritik und -zweifel auch utopische Momente hervorbringen, zeigt der erste Beitrag zu Elias Canetti: Dirk Weissmann arbeitet anhand eines Kapitels aus der Reiseerzählung Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise (1968) Canettis „sprachmystische Sprachkritik“ heraus. Seine Kritik an einer der Macht verschriebenen begrifflichen Kommunikation führe Canetti zu einer nonverbalen, körperlichen Sprache, welche auch eine „unmittelbare Erfahrung des Fremden“ ermögliche. Solche utopischen Dimensionen finden sich auch im Werk Ingeborg Bachmanns und Peter Handkes, die in einer Geschichte der Sprachreflexion nicht fehlen dürfen: Bachmann hat sich unter anderem in Essays intensiv mit Wittgensteins Tractatus auseinandergesetzt, vor allem aber sind Grundthesen seiner frühen Sprachphilosophie zu den Grenzen der Sprache in ihr literarisches Werk vielfach eingegangen. Wie hierbei ästhetische und ethische Perspektiven ineinandergreifen, zeigt der Beitrag von Laura Vordermayer auf. Auch Handke rekurriert immer wieder auf den frühen Wittgenstein – etwa um, wie Anna Kostner in ihrem Beitrag zu seiner Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) untersucht, das Unaussprechliche, das sich nach Wittgenstein nur zeigen könne, aufzugreifen, um es dann im Beschreiben zur Sprache werden zu lassen. Richtungsweisend für Handke sei eine „Wahrnehmung, derer sich die Sprache kritisch“ verantworte, weshalb der Ich-Erzähler „geschichtslose[] Augenblicke“ suche, ein Wahrnehmen ohne Sprache und Deutung.
Erfreulicherweise widmet sich der Band auch weniger bekannten Autor:innen, so etwa dem zur Grazer Gruppe zählenden Reinhard P. Gruber, für den die Wiener Gruppe mit ihren Sprachexperimenten ein wichtiger Bezugspunkt darstellt, die der Band damit zumindest erwähnt. Denn die Werke von Autoren wie Artmann, Bayer, Rühm oder Wiener haben gerade im Sprachzweifel ihren Ausgangspunkt, und ihre unter anderem am Dadaismus anknüpfenden Sprachexperimente hatten nachhaltige Wirkungen, weshalb ihr Fehlen durchaus eine Lücke in dem Band hinterlässt. Wie gleichwohl Daniel Milkovits aufzeigt, lotet auch Gruber Sprachgrenzen über das Spiel mit Formen aus. So etwa in seinem Pseudotraktat Alles über Windmühlen (1971), der wissenschaftliche Verfahrensweisen durch Pseudosyllogismen oder widersprüchliche Angaben zur Aussprache ad absurdum führt. Seine Parodie des Heimatromans Aus dem Leben Hödlmösers (1973) nutzt wiederum den Kontrast von Fachsprache einerseits und banaler Handlung andererseits zur Sprach- und Ideologiekritik, was noch auf heutige von Rehlein singende Schlagersänger in Lederhose ein Licht wirft.
Auch Stephanie Blum widmet sich dem in der österreichischen Literatur bedeutsamen Genre der Anti-Heimatliteratur. Dabei untersucht sie sowohl ihre sprachliche als auch literarische Dimension, also das Vorführen gestörter Kommunikation und sprachlicher Gewalt einerseits, die Kritik an literarischen Traditionen und Gattungen, die ein spezifisches, geschichtsvergessenes Heimatbild konstruieren, sowie die Dekonstruktion solcher narrativen Muster andererseits. Mit Peter Turrinis Anti-Heimatstück Sauschlachten (1972), Franz Innerhofers Roman Schöne Tage (1974), Elfriede Jelineks Die Liebhaberinnen (1975) und Peter Handkes Erzählung Wunschloses Unglück (1972) entwirft Blum ein Panorama pragmatischer Sprachkritik. Denn in den ironisch-parodistischen Zertrümmerungen der Heimatliteratur gehe es immer auch um „Sprache als Machtinstrument“ – wobei die Sprachmuster der österreichischen Nachkriegszeit denen der NS-Zeit entsprächen, womit die Kontinuität faschistischen Sprechens und Denkens deutlich werde, was die notorische „Opferthese“ breche.
Eine postmoderne Wendung der Sprachkritik verfolgt Gabriela Zgrzebnicka am Beispiel von Peter Roseis Roman Wer war Edgar Allan! (1977), der sich auf die Frage bringen lässt: Wie lässt sich sprachlich eine Lebensphase rekonstruieren, die man im Drogenrausch zubrachte – vor allem, wenn man eine Leere sucht, die zwar erfahrbar, aber nicht mitteilbar ist? Rosei erkunde mit einem „Wechselspiel von absolutem Zerfall und nachdrücklichem Drang zur Formfindung“ die Grenzen der Sprache, die zwar ungenügend, aber das einzig verfügbare Medium sei. Während bei Rosei Sprache als Ordnungsinstanz aufgerufen wird, stellt Franz Josef Czernins Lyrik das sprachlich vermeintlich Bekannte und Vertraute in Frage, wie Katharina Ness herausarbeitet – ausgehend von einer detaillierten Analyse eines titellosen Gedichts, das mit dem Vers „ja, ich bin fort zur zeit;“ beginnt und durch verschiedene Kombinationen von Wörtern wie „land“ und „meer“ oder „weit“ und „fern“ die Unentschiedenheit und Vieldeutigkeit von vermeintlich semantisch eindeutigen Alltagsausdrücken zeigt. In den letzten beiden Aufsätzen des Bandes stehen poetologische Überlegungen im Mittelpunkt: Während nach Karin S. Wozonig der Autor Thomas Stangl in seinem Roman Quecksilberlicht (2022) eine „Poetik des Misstrauens gegenüber dem Sagbaren“ fortführt, loten die Autorinnen Anne Cotten und Raphaela Edelbauer nach Charlotte Coch die Möglichkeiten post-humanistischen Erzählens aus.
Das dem Band zugrundeliegende klar definierte und abgegrenzte Begriffspaar Sprachkritik und -zweifel bildet zwei für die Literatur grundsätzliche Dimensionen der Sprachreflexion, und es ist gut nachvollziehbar, dass es in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine tragende Rolle spielt. Auch wenn die Konzentration auf österreichische Vertreter:innen aufgrund der Anlage des Bandes plausibel ist, wünscht man sich nach der Lektüre noch eine breitere, auch über Österreich hinausgehende Kontextualisierung dieser sprachphilosophischen Konzepte – von diversen Sprachursprungstheorien des 18. Jahrhunderts über Wilhelm von Humboldts Konzept von Sprachen als „Weltansichten“, Friedrich Nietzsches Analyse von Wahrheit als Effekt sprachlicher Tropen bis zu Infragestellungen einer sprachlichen Repräsentation der Wirklichkeit, etwa durch den österreichischen Erkenntnistheoretiker Ernst Mach. Für die in der Einleitung wiedergegebene Behauptung Gerhard Melzers, es gebe wegen der historischen und gesellschaftlichen Konstellation der Habsburgermonarchie im europäischen Zusammenhang eine „eigenständige österreichische Tradition der Sprachreflexion“ , liefert der Band zudem nur vereinzelt Belege. Zumal sich die Beiträge zwar immer wieder durchaus überzeugend mit einzelnen Autor:innen und ausgewählten Texten beschäftigen, jedoch keine sozial- oder kulturgeschichtlichen Einordnungen liefern. Auch Fragen wie die nach den (Rück-)Wirkungen der Literatur auf die Philosophie beziehungsweise Sprachtheorie oder nach gattungstheoretischen Aspekten hätten sicher noch einiges Potential geboten.
Gleichwohl: Das gut redigierte Buch leistet, was es verspricht: Es zeigt anhand ausgewählter Beispiele aus der österreichischen Literatur von 1945 bis in die Gegenwart die Bedeutung von Sprachkritik und -zweifel in literarischen Werken und poetologischen Texten auf und liefert somit einen gelungenen Einblick in diese Phase der österreichischen Literaturgeschichte.
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