Das Unsichtbare sichtbar machen
Nicola Brandts Fotoband „The Distance Within“ zeigt die Komplexität von kolonialer Vergangenheit und postkolonialer Gegenwart in Namibia
Von Julia Augart
Mit ihrem 2025 erschienenen Fotoband The Distance Within legt die namibische Künstlerin Nicola Brandt ein ganz besonderes und einzigartiges Werk vor. Über zehn Jahre hat sie Namibias Landschaften bereist und fotografiert, hat geforscht und Gespräche geführt, um verdrängte und verflochtene Geschichten des Landes und seiner Landschaften sichtbar zu machen. Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles, ästhetisch wie intellektuell dichtes und gleichzeitig sensibles Buch, das koloniale Geschichte und Apartheid, Umgang mit Vergangenheit, Erinnerungskultur und auch Identität miteinander verwebt. Brandt verbindet großformatige Fotografien mit historischen Dokumenten, Essays und einem Interview. So entsteht kein klassischer Bildband, sondern ein vielstimmiges, kritisch-reflexives Werk, das zeigt, wie koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart ineinandergreifen und wie Erinnerung(en) in Namibia zwischen Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Schweigen oszilliert.
Namibia ist bis heute geprägt von der deutschen Kolonialherrschaft (1884–1915), dem Völkermord an den Ovaherero und Nama (1904–1908) und der südafrikanischen Besatzung mit ihrem Apartheidregime. The Distance Within nimmt diese Schichten kolonialer und nationaler Geschichte in den Blick. Brandt fragt, wie Orte der Gewalt, beispielsweise das Konzentrationslager auf Shark Island, erinnert oder ausgelöscht werden. Ihre Fotografien führen vor Augen, dass koloniale Machtverhältnisse nicht verschwunden sind, sondern in Landschaft, Architektur und kollektiver Wahrnehmung fortbestehen: „Through key encounters and discussions, the ensnared histories of German colonialism and Apartheid became increasingly apparent to me.“
Landschaften, Ruinen, Bahngleise und Denkmäler erscheinen bei Brandt als Archive im Freien – Orte, an denen sich Geschichte sedimentiert hat und die zugleich von neuen Bedeutungen durchzogen sind oder denen Brandt neue Bilder hinzufügt, Unsichtbares sichtbar macht und zu einer neuen Betrachtung einlädt. Hier beeindrucken besonders die Fotos von Uakondjisa Kakuekuee Mbari in traditionellem Herero-Kleid in der Weite der namibischen Landschaft, vor kolonialen Gebäuden oder auch Bahngleisen in Swakopmund und Katuwangua Maendos Reflektionen zur Geschichte der Herero bzw. der eigenen Geschichte: „My life as a Herero women has been dominated by the question about the loss of our land, and our cattle, and, on a personal level, how to survive and make sure that my children have a good future.“
Im Kapitel „The Graves“ versammelt sie Bilder der namenlosen Massengräber der Ovaherero, Nama und San und die Gedenktafeln, die deutschen Soldaten ehren, und in dieser Dualität Fragen aufwerfen. Zamansele Nsele konstatiert: „Brandt’s landscape photographs bring together this intersecting duality of absence and presence into a single frame: she shows us how this duality continues to shape public memory in Namibia.“
Nicola Brandt, 1983 in Windhoek geboren, verortet sich selbst zwischen Namibia, Europa und Südafrika und reflektiert ihre eigene Geschichte und Ambivalenz. So ist ihr Urgroßvater Julius Friedrich Brandt, der 1910 nach Deutsch-Südwestafrika kam und in Minen tätig war, ebenfalls Teil der Auseinandersetzung, und sie betrachtet ihre eigene Position als Produkt kolonialer Verflechtungen und hinterfragt die Perspektive des weißen Blicks auf Namibia. Sie arbeitet kollaborativ mit Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und lokalen Communities. Ihre Arbeit ist damit kein Monolog, sondern ein Prozess des gemeinsamen Auseinandersetzens, Erinnerns und Neu-Sehens.
Der Band ist konzipiert als Reise durch Namibias Landschaften – geografisch wie historiographisch– durch Begegnungen, Gespräche und fotografische Beobachtungen. Brandt begibt sich, mal alleine, dann wieder zusammen mit Partner*innen, Künstler*innen, in ihren zwanzig „Kapiteln“ an Orte und zu Menschen, die oft marginalisiert oder vergessen wurden. Die Fotografien, meist in eindrucksvollem Großformat, werden durch Tagebücher, Archivmaterial und Texte ergänzt. Brandt zeigt, dass Sichtweisen und Erinnerungen nicht nur sichtbar, sondern auch unsichtbar gemacht werden: durch Schweigen, durch verdrängte Geschichten, durch Macht über Bilder. Indem sie Leere, Fragmente und Stille inszeniert, legt sie verdeckte Schichten von Geschichte frei: „Memory has a way of shifting in relationship to the present and who is describing it, but facts need to be guarded fiercely …“
Die Arbeit am Unsichtbaren ist hier nicht bloß künstlerisches Prinzip, sondern politischer Akt. Sie betrifft Fragen von Gerechtigkeit, Repräsentation und Selbstbestimmung – insbesondere indigener, feministischer und queerer Stimmen. Neben den Fotografien enthält der Band neun Essays bzw. Reflektionen, die Brandts Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven kommentieren oder auch verorten bzw. mit eigenen Erfahrungen komplementieren. Ein Essay ist Brandts eigene Sicht auf ihre Arbeiten, ihr Vorgehen und ihre Auseinandersetzung mit den komplexen Narrativen. Diese Texte rahmen die Fotografien theoretisch, geben dem Buch eine wissenschaftliche Tiefe und eröffnen den Dialog und Austausch, womit der Band seine Relevanz weit über den Kunstkontext hinaus verdeutlicht. Brandts Haltung ist forschend und kritisch, ohne belehrend zu wirken, und lädt die Betrachtenden ein, nachzudenken und ihren eigenen Blick zu hinterfragen. So entsteht eine Kunst des Sehens, die Erinnerung nicht illustriert, sondern neu formt. The Distance Within zeigt, dass Geschichte, Identität und Landschaft untrennbar miteinander verwoben sind und dass nur durch gemeinsame, vielstimmige Perspektiven sichtbar werden kann, was verborgen blieb. Damit leistet The Distance Within einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung kolonialer Gewalt und zur Frage, wie wir im Heute mit der Vergangenheit leben und zeigt gleichzeitig, wie namibische Künstler*innen sich neu, kritisch und kreativ mit Geschichte auseinandersetzen oder sie auch herausfordern. Die Bilder um das Denkmal Curt von Francois‘ und dessen Demontage sind, so Gift Uzera, „[to] release the absurdity of a white colonial presence in the center of the city – to release the oppressive ‚physical energy‘ that has been a daily, subconscious reminder of cruelty, violence and the things we have lost“. Oder wie die Anthropologin Heike Becker schreibt:
Brandt blends the realms of the witness and the artist in reckoning with the atrocities committed during the German and the South African colonial pasts. She touches on critical questions of memory-making: who can make our past, and what kind of memory can be open to the future?
In dieser Hinsicht gelingt Brandt ein ambivalentes Sehen: nicht idealisierend, nicht resignativ, sondern forschend, aber auch irritierend und bisweilen unbequem. Der*die Zuschauer*in wird eingeladen, den Blick zu verändern. Diese Themen zeigen die Bandbreite und Tiefe des Bandes: Von sehr konkreten Orten wie Shark Island bis hin zu abstrakten Fragen wie „wie sieht feministischer Widerstand im kolonialen Kontext aus“. Der Band spannt damit einen weiten Bogen – geografisch, historisch, thematisch.
Nicola Brandt zeigt sehr deutlich die Komplexität von Geschichte, Identitäten und Narrativen in postkolonialen und multiperspektivischen Kontexten Namibias. Diese können, wie sie sehr eindrucksvoll zeigt, nur gemeinsam angegangen werden. Sie öffnet genau diese multiplen Perspektiven durch Begegnung, Kooperation und kritische Reflexion. Das macht den Band zu einer bedeutenden Ressource sowohl für die Wissenschaft als auch für die Öffentlichkeit. Mein einziger Kritikpunkt an diesem hochwertigen, ästhetisch anspruchsvollen und inhaltlich bedeutsamen Band ist der Preis, der die Zugänglichkeit einschränkt. Der Band wurde 2025 in Windhoek, Johannesburg, Kapstadt und Berlin vorgestellt und erhielt Anerkennung in der namibischen und südafrikanischen Presse und den sozialen Medien. Durch die Tiefe und radikale Offenheit für Perspektiven zeigt Brandt, dass Erinnerung kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein fortdauernder Dialog zwischen Menschen, Orten und Geschichten. The Distance Within ist ein Meilenstein dekolonialer Fotografie und ein bedeutender Beitrag zu Namibias Geschichte und Gegenwart.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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