Eine Liebe mit Folgen
Claire Lynch erzählt in ihrem Roman „Familiensache“ von einer lesbischen Liebe in den 1980er Jahren
Von Miriam Seidler
Ein Mann, eine Frau und eine kleine Tochter irgendwo in der englischen Provinz zu Beginn der 1980er Jahre. Das Leben der jungen Familie scheint glücklich zu sein – bis die Ehefrau Dawn auf einem Flohmarkt mit Hazel ins Gespräch kommt. Die junge Lehrerin fasziniert Dawn. Sie fühlt sich zu ihr hingezogen, kann mit ihr über alles reden und über alles lachen. Es dauert nicht lange, bis Dawn klar wird, dass sie sich in diese junge, lebenslustige und unkonventionelle Frau verliebt hat. Ihr Mann Heron reagiert nicht nur verletzt auf ihr Geständnis, sondern er sperrt sie auch aus der gemeinsamen Wohnung aus. Was im Jahr 2026 weder ungewöhnlich noch besonders aufsehenerregend ist – eine Frau verliebt sich in eine andere und lässt sich von ihrem Mann scheiden –, ist in den frühen 1980er Jahren in Großbritannien ein Skandal. Das moralische Fehlverhalten gefährdet aber nicht nur Dawns Ansehen: Auch die Beziehung zu ihrer Tochter Maggie steht auf dem Spiel.
Claire Lynchs Roman Familiensache lässt bereits im Titel anklingen, dass es eine gerichtliche Auseinandersetzung geben wird, die nicht nur das Scheidungsverfahren, sondern vor allem auch den Streit um das Sorgerecht für die Tochter umfasst. Das ist gewissermaßen der Kern des Romans, um den Lynch nicht nur die Geschichte von Dawn und Hazel sowie Dawns Kampf um ihre vierjährige Tochter Maggie spinnt. In einem zweiten Erzählstrang, der in den Jahren 2022/2023 spielt, wird das Leben von Maggie und ihrem Vater Heron geschildert. Heron erhält zu Beginn des Romans eine Krebsdiagnose, die er vor seiner Tochter geheim hält. Die Ankündigung seines baldigen Todes macht ihm bewusst, dass er nun handeln muss: „Es gibt Dinge, die er jetzt erledigen muss. Dinge, die er sagen muss. Zugeben muss.“ Diese Andeutung weckt Neugier. Welche Geheimnisse hat dieser alte Mann, der sich, nachdem die Ärztin ihm die Diagnose mitgeteilt hat, in einem Supermarkt in eine Gefriertruhe legt? Was hat dieser Mann, dem eigentlich so sehr an einer klaren Ordnung und strikten Ritualen gelegen ist, zu verheimlichen?
Recht bald ist den Leser:innen aufgrund der beiden Handlungsstränge klar, dass Maggie nicht nur ohne ihre Mutter aufgewachsen ist, sondern auch seit nunmehr vierzig Jahren in dem Glauben lebt, dass die Mutter sie verlassen hat. Zwar ist sie nicht mehr das enttäuschte Kind, das sich ungeliebt fühlt, aber bei der erwachsenen Frau, die inzwischen selbst zwei heranwachsende Kinder hat, hat diese Erfahrung tiefe Spuren hinterlassen. Eine ist, dass sie eine enge Bindung zu ihrem Vater pflegt, mit dem sie täglich telefoniert und dem sie viel Platz in ihrem Leben einräumt.
So sind es zwei Spannungsbögen, die Claire Lynch in ihrem Roman Familiensache sensibel miteinander verbindet: Die Trennung von Heron und Dawn wird kontrastiert mit der langsamen Erkenntnis von Maggie, dass ihr Vater sie über Jahrzehnte hinweg belogen hat. Die Einsicht wird gemächlich vorbereitet. So muss Maggies vierzehnjähriger Sohn Tom als Aufgabe im Geschichtsunterricht dem Großvater einige Fragen stellen, unter anderem auch zu seiner Ehe. Das setzt bei Maggie einen Reflexionsprozess in Gang:
Es gibt Themen, über die wurde so lange nicht geredet, dass man sie unmöglich laut ansprechen kann. An die Ehe ihrer Eltern denkt Maggie in einer vergessenen Sprache, in Worten, die sie seit Jahren nicht gehört oder benutzt hat. Ihr fehlt heute das nötige Vokabular, um ihren Vater danach zu fragen, wie sie sich kennengelernt, wie sie sich getrennt haben. In dieser Sprache verfügt sie nur über Touristenkenntnisse, dabei müsste sie darin Dichterin sein.
Die erwachsene Tochter ist sich hier sehr wohl bewusst, dass es blinde Flecken in ihrem Leben gibt, die sie weder im Gespräch mit ihrem Vater noch selbständig erkunden kann. Auch auf die Aufforderungen ihres Mannes, Erkundigungen über ihre Mutter einzuziehen, geht sie nicht ein. Dabei will sie weniger ihren alten Vater, der von ihrem Ehemann weitaus kritischer gesehen wird als von ihr, schützen, sondern sich selbst. Die alte Wunde soll nicht noch einmal geöffnet werden, damit das Trauma keinen Platz im Alltag einnehmen kann.
Einen besonderen Stellenwert gewinnt die Erzählung von Lynch dadurch, dass die Autorin im Anhang einen kurzen Überblick über die Geschichte der Verurteilung gleichgeschlechtlicher Paare gibt. Sie hat historische Quellen ausgewertet und die im Roman geschilderte Gerichtsverhandlung basiert auf Quellen, die teilweise wörtlich wiedergegeben werden. Dabei ist es aber nicht die historische Ungerechtigkeit, die den Roman Familiensache zu einem lange nachhallenden Leseerlebnis werden lässt, sondern Lynchs erzählerisches Talent. Die Autorin schafft es, in dieser einen Familienbiographie die Grundzüge der Verfolgung gleichgeschlechtlicher Paare zu verdichten und gleichzeitig in feinsinnigen Beschreibungen von alltäglichen Szenen und Ereignissen ein ganzes Universum zwischenmenschlicher Beziehungen zu eröffnen. Selten wurde eine Liebesgeschichte so unprätentiös und doch hochemotional erzählt, selten eine Vater-Tochter-Beziehung in so wenigen Alltagsszenen so präzise wie humorvoll charakterisiert. Jedes einzelne Kapitel enthält alltägliche Beobachtungen, aus denen sich Lebensweisheiten entwickeln und die dazu anregen, das eigene Leben zu reflektieren. Zum Beispiel, wenn Maggie über die kleinen Streitigkeiten mit ihrem pubertierenden Sohn am Frühstückstisch nachdenkt:
Manchmal kämpft Maggie gegen den Drang an, diesem Jungen, der so gut wie gar nichts weiß, zu sagen: Ja, richtig. Das sehe ich auch so. Ehrlich, ich stimme dir zu. Es sollte im Leben um mehr gehen, als um Waschmaschinen und E-Mails und darum, die blaue Tonne am richtigen Tag rauszubringen. Aber auch das ist das Leben. Es ist dies und noch viel mehr.
Banale Handlungen bewusst auszuführen und dabei doch nicht das Besondere aus den Augen zu verlieren, das lehrt dieser Roman. Es sind nicht nur die einmaligen Erlebnisse und Ereignisse, die uns ausmachen, sondern auch die Art und Weise, wie wir Tag für Tag leben und über Gewöhnliches kommunizieren. Das ist zugleich auch der Kern von Literatur: Eine Figur durch ihr Agieren in alltäglichen Situationen zu charakterisieren und so zu einem einmaligen Charakter werden zu lassen. Und zugleich in dem, was nicht erzählt wird, die Ungerechtigkeit aufscheinen zu lassen, die Dawn und Maggie erfahren haben, die eine solche banale Familienszene am Frühstückstisch nicht gemeinsam erleben durften. Diese Kunst der Andeutung beherrscht Claire Lynch. Auf unnachahmliche Weise gelingt es ihr, so Alltägliches und Existentielles zu verbinden, weshalb die Lektüre des Romans Familiensache nicht nur aufgrund des bedrückenden Themas zu einem eindrücklichen Erlebnis wird.
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