Schwesternzwist ohne viel Tiefgang

Julia Holbes Roman „Man müsste versuchen, glücklich zu sein“ widmet sich familiärem Ballast und dem Versuch, alte Konflikte unter Geschwistern zu klären – doch leider bleibt die Umsetzung recht oberflächlich

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Klappentext liest sich gut und weckt hohe Erwartungen: „Wären da nicht die großen Fragen des Lebens: Kann man sich alles sagen? Und sollte man das überhaupt? Warum könnte man nicht einfach nur versuchen, glücklich zu sein?“ Doch leider werden diese Fragen trotz einiger schwungvoller Dialoge und einer episodenhaften Zeitreise in die Vergangenheit nicht wirklich angegangen. Und das, obwohl der Plot viel Potenzial für eine dramatische Familiengeschichte bietet, die mit einer späten geschwisterlichen Annäherung ein versöhnliches Ende findet.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Flora, die sich auf Drängen ihrer erwachsenen Tochter endlich dazu aufrafft, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters das Elternhaus auf dem Land in Luxemburg leerzuräumen, damit es verkauft werden kann. Nach der belastenden Pflege ihrer beiden Eltern, die kurz hintereinander gestorben sind, hat sich Flora bisher vor dieser schweren Aufgabe gedrückt. Zu sehr quält sie der Gedanke, dass in dem Haus unangenehme Erinnerungen hochkommen, denen sie sich wieder einmal allein ohne ihre jüngere Schwester Millie stellen muss. Diese hat den Kontakt zur Familie bereits vor vielen Jahren abgebrochen und sich weder um die Pflege der Eltern noch um deren Nachlass gekümmert. Noch nicht einmal nach dem Tod der Eltern reagierte Millie auf Floras Kontaktversuche – geschweige denn, dass sie zu den Beerdigungen erschienen wäre.

Umso überraschter ist Flora, als Millie jetzt quasi zeitgleich mit ihr im verlassenen Elternhaus auftaucht, um gemeinsam den Hausstand durchzusehen und zu entsorgen. Kaum dass die beiden Schwestern aufeinandertreffen, geraten sie aneinander. Alte Wunden reißen wieder auf, schier unüberbrückbare Differenzen in der Sichtweise auf ihre gemeinsame Kindheit treten zutage.

Zwar sind sich beide einig, dass ihre – gelinde gesagt – unkonventionellen Eltern, die in dem Luxemburger Kaff als buntschillernde Paradiesvögel lebten, sicherlich alles andere als vorbildliche Eltern waren. Vor allem ihre Mutter, FéFé genannt, kümmerte sich mehr um ihren Spaß und ihr eigenes bohèmehaftes Leben als um die Bedürfnisse ihrer Kinder. Der Vater beeindruckte die Schwestern nach der Moderation seiner morgendlichen Radiosendung bei RTL durch ausgedehnte Shopping-Samstage in Luxemburg Stadt, sorgte aber mit häufig wechselnden Geliebten, die teilweise sogar mit im Haus wohnten, bei Féfé und den Töchtern für Verwirrung, Trauer und Wut.

Aber während Flora deswegen ihre Kindheit generell als unglücklich einstuft und sich schwertut, den Eltern ihr Unvermögen und ihre Gleichgültigkeit zu verzeihen, setzt Millie auf die Macht der Verdrängung. Bewusst oder unbewusst (das bleibt offen) blendet sie das häusliche Chaos und die emotionale Vernachlässigung aus, ebenso die Parentifizierung, die vor allem Flora durch ihre bedürftige Mutter erfahren musste.

Floras Versuche, mit ihr tiefer in die Vergangenheit zurückzuschauen, um diese gemeinsam aufzuarbeiten, führen zu nichts. Stets steht die Behauptung Millies im Raum, sich nicht erinnern zu können, was Floras ohnehin köchelnde Wut auf Millie noch verstärkt. Egal, ob sie den elterlichen Weinvorrat austrinken oder Féfés Kleiderschrank durchstöbern, tatsächliche gemeinsame Erinnerungsarbeit findet über den Austausch von Anekdoten hinaus kaum statt – und selbst bei den Anekdoten wird deutlich, wie unterschiedlich ihre Blickwinkel auf die Ereignisse der Vergangenheit sind.

Ebenso ergebnislos bleibt Floras Suche nach den Gründen für Millies jahrelangen Rückzug. Weder für sie noch für die Lesenden wirken die lapidaren Antworten auf ihre Fragen so, als ob Millie ein Interesse daran hätte, sich zu erklären oder zu öffnen. Ihr Verhalten bleibt unverständlich und auch die zwischendurch von ihr offenbarten doch recht durchschnittlichen Midlife-Probleme um Mann und Sohn erklären es nicht.

Und hier setzt auch die Hauptkritik an dem Werk an: Obwohl sehr viel geredet wird – und das häufig in etwas ermüdenden Wiederholungsschleifen –, wird doch wenig gesagt. Die Streitgespräche unter den Geschwistern kratzen allenfalls an der Oberfläche, was auch dazu führt, dass beide Protagonistinnen seltsam farblos bleiben. Selbst zur Ich-Erzählerin Flora findet keine wirkliche Annäherung beim Lesen statt. Sie bleibt als Persönlichkeit eher eindimensional und seltsam kindlich, sowohl was ihre Sprache als auch was ihr Verhalten anbelangt. Millie wirkt in ihrem Trotz und ihrer Arroganz sogar noch schablonenhafter und weniger greifbar als die Ich-Erzählerin Flora.

Dabei gibt es durchaus einige positive Ansätze, dem Roman mehr Tiefe zu verleihen. So haucht Autorin Julia Holbe dem Leben der Familie in Luxemburg eine dichte, leicht nostalgisch anmutende und lebendige Atmosphäre ein und beschreibt mitunter Aspekte aus deren Zusammenleben lebhaft und mit einem wohltuenden Quantum an Ironie. Einige Anekdoten aus der Vergangenheit, so über die bemalten Playmobilpferde, die Bootsurlaube mit dem Vater, das gemeinsame Essengehen beim Chinesen oder die exzessiven Partys der Eltern, zeugen von erzählerischer Raffinesse und dem Talent, tiefgründigere Emotionen zu wecken. Sie berühren und machen neugierig auf mehr, bleiben aber im Episodenhaften stecken. Die Munition wird in einer Fülle von Belanglosigkeiten verfeuert, die den Roman unnötig langatmig und wenig spannungsgeladen machen.

Auch das abschließende Fest im Garten des Elternhauses, bei dem neben Familienfreunden völlig überflüssigerweise eine alte Liebe Floras auftaucht, die dann prompt wieder auflebt, bleibt seltsam blass, hölzern und wenig anrührend. Das ist umso bedauerlicher, als vorher der Ausflug in die Bretagne zum Boot des Vaters wirklich bewegt. Hier wird endlich ein wenig familiäre Annäherung vermittelt, da sich die Schwestern zum ersten Mal ihrem verstorbenen Vater und einander ganz nah fühlen. Prompt wird dabei aber das Boot versehentlich versenkt – wobei man sich fragt, ob das einfach als Malheur oder als Metapher für die unkonstruktiven Beziehungen untereinander verstanden werden soll.

Bedauerlich ist, dass man bis zum Ende des Buches die Distanz zu den Protagonistinnen behält und kein Gefühl dafür entwickeln kann, was die wirklichen Gründe dafür sind, dass sich die Geschwister voneinander entfremdet haben und warum sie diese Kluft auch als reife Frauen nicht wirklich überwinden können. Schade, das Potenzial einer emotionalen Zeitreise in die Vergangenheit bleibt ungenutzt – und man als Lesende etwas ratlos zurück. 

Titelbild

Julia Holbe: Man müsste versuchen, glücklich zu sein.
Penguin Verlag, München 2025.
400 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783328601791

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