Eine Beziehung wie ein Sommergewitter

Die Ruhe vor dem Sturm, eine Kosten-Nutzen-Rechnung oder einfach „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas

Von Anna NeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anna Neyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Henry ist in allem durchschnittlich. Nur wenn es ums Lieben und seinen Kontostand geht, überragt er die Menge. Michelle rechnet minütlich ihre Schulden nach und die Arbeitszeit, die sie braucht, um diese abzubezahlen. Und dann treffen die beiden aufeinander wie zwei Luftmassen, die erst versuchen sich anzugleichen, um sich schließlich in einem heftigen Gewitter zu entladen.

Ruth-Maria Thomas ist gelernte Sozialarbeiterin und hat bereits verschiedene Projekte zu Papier gebracht. Die zweitgrößte Liebe ist ihr zweiter Roman. Wie ihr Debüt widmet auch dieser Roman sich der Gesellschaft und ihren Problemen. In Die zweitgrößte Liebe erzählt sie von großer Liebe, von Geld und von den Unterschieden zwischen Existenzminimum und oberster Mittelschicht. Die Lesenden werden auf 297 Seiten in die Beziehung von Henry und Michelle mitgenommen.

Während Henry und Michelle sich näherkommen, lernen auch die Lesenden sie kennen. Henry hat einen gut bezahlten Job im Finanzsektor und kommt aus reichem Hause. Seine Kindheit war jedoch getrübt durch die Abwesenheit seiner vielbeschäftigten, weil beruflich erfolgreichen Eltern. Im Vergleich zu Michelles Kindheit am Existenzminimum war Henrys Aufwachsen allerdings ein strahlender Sonnenschein. Michelle ist verschuldet und hält sich mit ihrem Job im Hotel und den dort abfallenden Essensresten so gerade über Wasser. Durch ihre Kindheit und aktuelle Situation hat sie nicht nur eine deutlich andere Perspektive aufs Leben als Henry, sondern auch fragwürdige Methoden, um sich Wertgegenstände, Lebensmittel und Geld zu beschaffen. Sie sieht es als „nehmen, was ihr zusteht“ und rechtfertigt ihre teils rachsüchtigen Taten mit dem emotionalen und körperlichen Leid, das sie erfahren hat. Selbstlos wird Michelle nur für ihren jüngeren Bruder: Für ihn verzichtet sie als Teenie auf eine Klassenfahrt, damit er von dem Geld ins Fußball-Camp fahren kann und gibt ihm Geld für seinen Führerschein, bevor sie selbst einen hat. Neben Michelle wirkt Henry wie ein naiver, leicht submissiver Romantiker. Was Michelle und Henry verbindet, ist die gegenseitige Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Michelle erfüllt Henrys Bedürfnis nach Wertschätzung und Liebe. Henry erfüllt umgekehrt Michelles Bedürfnis nach Stabilität und finanzieller Sicherheit.

Der Prolog des Romans ist wie ein Wetterbericht: Es wird vorhergesagt, was passiert. „Ich… ich glaube, sie ist weg weg“, sagt Henry, als Michelle ihn verlässt, während es draußen gewittert. Was folgt, ist daher nicht die Frage, was passiert, sondern wie und warum. Wie kommt es dazu? Warum verlässt Michelle Henry? Geschickt spielt der auktoriale Erzähler dabei mit den Lesenden. Mal mit Einblick in Henrys, mal in Michelles Gedankenwelt werden die Lesenden mitgenommen in das Aprilwetter, das sich deren Beziehung nennt. Das Wetter wird dabei immer wieder als Metapher für die aktuelle Lage der Beziehung genutzt: Das herannahende Unwetter, als Henry in eine leere Wohnung zurückkehrt; prasselnder Regen, wenn die Beiden sich im Urlaub streiten. Die Erzählung ist nach dem Prolog nicht chronologisch erzählt, sondern geprägt von Rückblenden und Erinnerungen. Vor allem Michelles Erlebnisse spielen eine große Rolle, um das Wie und Warum ihrer Entscheidungen begreifbar zu machen. Trotz gelegentlicher Verwirrung, an welchem Punkt in Michelles Leben man sich gerade befindet, liegt im Roman eine Spannung vor, wie vor einem sich langsam zusammenbrauenden Unwetter. Nur in der Mitte des Romans verschwindet sie durch den so eindeutigen Konflikt kurz, bevor sie wieder hinter den Wolken auftaucht.

Überraschend und unerwartet bei der sonst so poetischen Sprache ist die gelegentliche Vulgarität. Michelle und Henry „ficken“ und unverblümt erzählt sie ihm beim Kennenlernen:

Ich werde wahrscheinlich saure Apfelringe essen und zu ein paar Youtube-Videos von Ryan Gosling masturbieren.

Die Art und Weise, wie wir Michelle und Henry kennenlernen, ist sehr angenehm. Sie werden nicht plump, sondern subtil durch indirekte Beschreibungen vorgestellt und den Lesenden nähergebracht. Dieser poetische Schreibstil ist nicht nur, was hilft, Spannung zu erzeugen, sondern auch, was das Buch in der Belletristik statt in der Romance- oder New Adult-Abteilung verortet.

Die zweitgrößte Liebe ist wegen des poetischen Schreibstils und der gekonnten Kreation eines Gewitters in Buchstabenform allein schon lesenswert. Die neuen Perspektiven zur eigenen finanziellen Situation und der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft, die sich eröffnen, belohnen die Lesenden noch zusätzlich. Jedoch dürfen Lesende sich nicht täuschen lassen: Dieser Roman ist nicht mit der letzten Seite abgeschlossen – er hallt nach wie ein fernes Donnergrollen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe. Roman.
dtv Verlag, München 2026.
304 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783423285766

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