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Dietmar Daths Roman "Skye Boat Song" ist eine Hommage an den Informatiktheoretiker Claude Elwood Shannon

Von Mischa GayringRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mischa Gayring

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 24. Februar des vergangenen Jahres starb der Kommunikations- und Informatiktheoretiker Claude Elwood Shannon. Ihm hat der ehemalige "spex"-Redakteur Dietmar Dath seinen vierten Roman gewidmet, der den Titel "Skye Boat Song" trägt, und in dem mal wieder alles mit allem zusammenhängt: Biologie mit Informatik, Börsenspekulation mit Archäologie, Paläontologie mit Metaphysik, Verschwörungstheorie mit Popkultur. "Skye Boat Song" bildet somit die Schnittstelle zwischen einer wissenschaftlich-technisch und einer künstlerisch-literarisch geprägten Welt, in der die Liebe zur Ex-Freundin genauso thematisiert wird wie die Liebe zur Wissenschaft, die Liebe zur Familie oder die Liebe zur Musik.

Die Grenzen verwischen. Aber nicht nur auf inhaltlicher, nein, auch auf sprachlicher Ebene. Alltags- und Umgangssprache, wissenschaftliche Abhandlung und innerer Monolog gehen ineinander über, um persönlich, politisch sehr genial, mitten im Satz und mit einem Irrsinns-Tempo, Personen, Zustände, Gefühle und Erinnerungen auf den Punkt zu bringen.

"Als Intellektuelle mitziehn. Auf dem Niveau des fortgeschrittensten Denkens, das die Verhältnisse selber ausdünsten, gegen diese Verhältnisse denken. Nicht mit linken Gebetsmühlen", wird da beispielsweise in einem fiktiven "spex"-Interview gefordert. Und neben einer wirklichkeitsnahen studentenstädtischen Enge reißt "Skye Boat Song" - inspiriert von Shannons Theorien - naturwissenschaftliche Diskurse an, um fingerübungshaft mit Science Fiction weiterzumachen: Eine Philosophieprofessorin wird bestialisch ermordet, und eine handvoll Studenten und Musiker muss langsam einsehen, dass die gesamte Welt aus den Fugen gerät. Ein freidenkerisches Kleinfamilienoberhaupt hat keine Dekodierungsprobleme, als die Evolution rapide umdisponiert (Menschheit und Fauna werden bald aussterben, ein ganz anderes irdisches Leben wuchert) und baut eine Space-Arche, die als Notlösung dystopischer und elitärer angelegt ist als bei Sun Ra. Die Evolution spielt verrückt, und es bleibt nur wenig Zeit, sich vor der nahen Apokalypse in Sicherheit zu bringen.

Nach "Cordulla killt dich", "Am blinden Ufer" und "Die Ehre des Rudels" hat Dietmar Dath also einen weiteren packenden Thriller geschrieben bzw. zusammengemixt, der auch Leser hinreißen dürfte, die mit Science Fiction sonst wenig am Hut haben. Shannon ist tot, aber Dietmar Dath hat ihn wieder zum Leben erweckt, in einem großartigen, einzigartigen, von 'Science' und 'Fiction' durchdrängten Patchwork, das von großem erzählerischem Talent zeugt. Ein durch und durch lesenwertes Buch. Eines der besten seiner Art, zweifelsohne, zweifellos.

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Dietmar Dath: Skye Boat Song.
Verbrecher Verlag, Berlin 2000.
124 Seiten, 12,30 EUR.
ISBN-10: 3980447189

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