Ein Spiel um Einsamkeit und Liebe

Mit „Dear Professor Romance“ hat der US-amerikanische Autor Mark SaFranko einen äußerst aktuellen Roman über Beziehungsstress im digitalen Zeitalter geschrieben

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Douglas Guthrie ist aus dem Schlimmsten raus. Er hat den Alkohol hinter sich gelassen, ist wieder bei seiner Mutter Elizabeth eingezogen und kümmert sich, so gut es geht – gelegentlich auch mit etwas unlauteren Mitteln –, um die immer stärkere Anzeichen von Demenz aufweisende alte Dame und deren Kater Manfred. Was Beziehungen betrifft, so sieht es um den sein Leben lang von Frauen enttäuschten Mann in den 60ern seit Langem nicht mehr gut aus. Das hat ihn freilich nicht daran gehindert, sein neues Berufsleben im Internet mit einer Ratgeberseite für einsame Männer zu starten. Als „Professor Romance“ greift er jenen Geschlechtsgenossen mit Rat und Tat unter die Arme, die gerne eine Frau an ihrer Seite hätten, andererseits aber nicht wissen, wie man es am besten anstellt, so ein Traumgeschöpf für sich zu gewinnen. Und weil es von „Losern, die nicht bei Frauen landen konnten“ in Südkalifornien nur so zu wimmeln scheint, hat sich Dougs Geschäftsidee schnell als eine Goldgrube erwiesen und ihn in den Augen der Welt zu einem gemachten Mann mit einem siebenstelligen Dollarbetrag auf dem Bankkonto gemacht.

Von solchen Summen kann Lance Bertovich nur träumen. Der nicht gerade erfolgreiche New Yorker Schriftsteller arbeitet für den vielgefragten „Professor Romance“ als Ghostwriter, weil er von den eigenen Werken nicht leben kann. Gern tut er das nicht. Aber um über die Runden zu kommen, schreibt er für Douglas Guthrie eine wöchentlich erscheinende Zeitungskolumne und hat auch einiges an Ideen zu den Büchern beigesteuert, die Doug an seine zahlende Kundschaft zu horrenden Preisen verkauft.

Mit  Die einzige Strategie, die sie jemals brauchen werden, Dougs Brevier für den einsamen Mann ohne eigene Ideen im Geschlechterkampf, will Norman Bright, der dritte Held in Mark SaFrankos Roman  Dear Professor Romance, seine Herzensdame gewinnen. Nur funktionieren des Professors Ratschläge, an die sich der den Beziehungsberater anfangs abgöttisch verehrende Bright eifrig hält, nicht bei Cynthia Collingsworth, die den zwergengroßen Mann, begegnet man sich auf den Fluren des Biotech-Unternehmens, für das sie beide arbeiten, einfach übersieht. Was auch immer Norman unternimmt und an welche Maxime seines Idols er sich auch klammert – bei Cynthia beißt er auf Granit. Und weil er scheinbar auch auf seine dringenden E-Mails, mit denen er sich an den Professor wendet, nur Tipps bekommt, die bei seiner Angebeteten nicht die gewünschte Wirkung erzielen, wächst sein Zorn auf den Mann, der ihm offensichtlich nicht zu helfen vermag, aber immer mehr Geld kostet, von Tag zu Tag.            

Douglas Guthrie, Lance Bertovich und Norman Bright – mehr als drei Akteure braucht es nicht, damit der neue Roman von Mark SaFranko (Jahrgang 1950) in Schwung kommt. Der eine – Guthrie – verspricht leichtgläubigen Männern das Blaue vom Himmel. Der zweite – Bertovich – sorgt mit ein wenig Sprachgeflitter dafür, dass das Luftschloss der ewigen Liebe einen Anstrich von Glaubwürdigkeit bekommt. Und der dritte schließlich – man könnte ihn auch als das Opfer der beiden anderen bezeichnen – greift tief in die Tasche, damit die göttinnengleiche Cynthia Collingsworth ihm endlich jene Aufmerksamkeit widmet, die er verdient zu haben glaubt.

Datingseiten im Internet, Apps, die absolute Diskretion versprechen, Speed-Dating-Events, Kennenlernen über Social-Media-Portale oder seit Neuestem auch die Nutzung von KI-gestützten Trainingsangeboten für die Partnersuche – all das versuchen Menschen, um eine Leerstelle in ihrem Leben zu füllen, die offensichtlich umso mehr schmerzt, je länger man sich ihrer bewusst ist und je mehr Zeit vergeht mit der Suche nach einer Lösung. Hauptsache heraus aus der bedrückenden Einsamkeit ohne einen Partner oder eine Partnerin. Und wenn es da jemanden gibt, der einem in seinem Verlangen hilfreich zur Seite steht und noch dazu gute Referenzen vorweisen kann – warum ihm nicht vertrauen? Aber was passiert, wenn sich die grandiosen Versprechen jener Beziehungs-Gurus, die man in der Mehrzahl der Fälle nicht einmal von Angesicht zu Angesicht kennenlernt, plötzlich in Luft auflösen? Wenn man all das getan hat, was einem angeraten wurde – aber trotzdem nichts passiert. Wenn man nicht nur guten Glauben, sondern auch gutes Geld in einen Helfer investiert hat, der unterm Strich alles andere als eine wirkliche Hilfe ist?

Mark SaFranko, Autor zahlreicher Romane und Erzählungen, Maler, Musiker, Komponist und Dramatiker, hat sich in seinem im amerikanischen Original 2022 erschienenen Roman Dear Professor Romance genau dieser Thematik angenommen. Und sie bis zu einem Punkt getrieben, an dem jeder einzelne seiner drei Akteure an seine Grenzen und darüber hinaus gelangt.

Dass das Spiel um Einsamkeit und Liebe im digitalen Zeitalter nicht gut ausgehen wird, ahnt man als Leser übrigens ziemlich früh. Zu groß ist die Verzweiflung Norman Brights, der glaubt – auch wenn er alles andere als ein Adonis ist – ein Anrecht darauf zu haben, genauso glücklich in einer Beziehung leben zu dürfen, wie das scheinbar all die anderen Menschen um ihn herum tun. Zu frustriert blickt der Ghostwriter Lance Bertovich auf sein Leben zwischen einer Mittelstandsehe ohne große Höhepunkte und einer Schriftstellerkarriere, die einfach nicht so richtig anspringen will. Und zu deutlich wird es Douglas Guthrie schließlich, dass es ihm selbst an all dem fehlt, was er mit der Unterstützung des wortgewandten Bertovich an seine zahlreichen Klienten zu vermitteln sucht. Eigentlich drei tragische Leben, in die SaFranko seinen Leserinnen und Lesern Einblick gewährt – literarisch ganz ohne Schnickschnack, ruhig erzählend und dennoch spannend bis zum Schluss. An dem eines davon schließlich gewaltsam endet.      

Titelbild

Mark SaFranko: Dear Professor Romance.
Aus dem Englischen von Sepp Leeb.
Pulp Master, Berlin 2026.
237 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783946582212

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