Wer hat Juliane Brunner ermordet?
In Caroline Seibts Thriller „Weil sie lügt“ zerbricht eine Familie nach dem Verschwinden der ältesten Tochter
Von Dietmar Jacobsen
Juliane Brunner ist verschwunden. Seit anderthalb Jahren. Dass sie wieder auftaucht: unwahrscheinlich. Die Polizei hat ermittelt, aber keine Spuren von der jungen Frau entdeckt. Da aber vieles auf ein Tötungsverbrechen hindeutet, hat man den Vater in Untersuchungshaft genommen. Der leugnet die Tat standhaft. Aber eines Tages scheint er einem Mithäftling gegenüber doch etwas angedeutet zu haben. Und dieser Kurt Hofer, ein gefährlicher Frauenmörder, bietet der Polizistin Katharina Engels einen Deal an: Haftminderung für ihn gegen die Information, wohin der Mörder Brunner seine tote Tochter verschwinden ließ.
Gestohlenes Kind hieß Caroline Seibts Thriller, für den sie 2024 mit dem Glauser-Preis für das beste Spannungsdebüt des Jahres ausgezeichnet wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Einreichungen junger Autorinnen und Autoren, die wie Anzüge von der Stange dahergekommen seien, habe die 1993 in Korbach geborene Seibt ein handgemachtes, wenn auch nicht vollkommen perfektes Buch vorgelegt, begründete die Jury ihre Preisvergabe.
Gestohlenes Kind wie auch dessen Nachfolger Engelstöter erschienen noch im dp Digital Publishers Verlag. Weil sie lügt, mit dem es die Autorin inzwischen auch auf die Krimi-Bestenliste – Platz 9 im Juli 2026 – geschafft hat, ist ihr erster Roman im renommierten Münchener Droemer Verlag.
Julianes Verschwinden von einem Tag auf den anderen hat die Brunners jedenfalls hart getroffen. Der Vater im Gefängnis, die manisch-depressive Mutter kaum mehr ansprechbar, Leon, das siebenjährige Nesthäkchen, komplett verwirrt ob der Situation. Nur Anna, die jüngere Schwester Julianes, versucht, in der komplizierten Situation noch einigermaßen den Kopf oben zu behalten. An die Schuld des Vaters glaubt die junge Frau nicht, zu sehr verkörpert er für sie den starken Mann und liebevollen Familienmenschen. Nie schien es für ihn unlösbare Probleme gegeben zu haben. Für den kleinen Bruder ist Anna nach dem Zusammenbruch der Mutter, die kaum noch ihr Bett verlässt und deren manische Anfälle alle in Schrecken versetzen, inzwischen zur Ansprechperson Nummer 1 geworden. Kein Wunder, dass es um sie herum, die sich fast nur noch um das Überleben ihrer Familie kümmert, allmählich still geworden ist. Freunde sind weggezogen oder haben sich abgewandt. Niemand ist da, mit dem sie wirklich von gleich zu gleich reden kann.
Im Grunde ähnelt Anna darin ein bisschen Katharina Engels – der Polizistin, die gerade dabei ist, den Fall der vermissten Juliane Brunner wieder aufzurollen. Engels lebt allein und hat ebenfalls niemanden, mit dem sie ihre Sorgen und Probleme teilen kann. Und weil sie glaubt, seinerzeit die Vermisstenanzeige von Julianes Eltern nicht ernst genug genommen und mit ihrem Zögern die Aufklärung des Falls verschleppt zu haben, stürzt sie sich nach dem Hinweis des Frauenmörders Hofer umso intensiver in die neuen Ermittlungen. Dass darunter ihre familiären Beziehungen zu Eltern, Schwester und Nichte leiden, nimmt sie in Kauf. Zumindest scheint es so. Denn schnell merkt man als Leserin oder Leser, dass sowohl hinter Annas wie auch hinter Katherinas sorgfältig aufrechterhaltenen Fassaden dunkle Bereiche liegen. Aber was haben die beiden Frauen zu verbergen?
Caroline Seibt erzählt ihre spannungsreiche Geschichte aus zwei sich regelmäßig abwechselnden Perspektiven. Mal blicken die Leserinnen und Leser mit den Augen Annas auf die sich entwickelnden Dinge, mal mit denen der Ermittlerin Katharina. Das ist raffiniert gemacht, sorgt für sich steigernde Spannung und enthält so viele Plot-Twists, dass man das Buch, einmal in die Story eingetaucht, gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Das Handeln der Figuren ist psychologisch nachvollziehbar. Und weil sich sowohl Anna wie auch Katharina in vielen Dingen gleichen, fragt man sich ziemlich schnell, ob sie nicht beide mehr mit dem Verschwinden von Juliane Brunner zu tun haben, als das anfangs den Anschein machte; ob sie mehr sind als die trauernde Schwester auf der einen und die ermittelnde Kriminalkommissarin auf der anderen Seite.
Dazu passt auch, dass Seibts Roman nach und nach Dinge preisgibt, die sowohl die Sicht auf den anderthalb Jahre zurückliegenden Kriminalfall als auch jene auf die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Figuren verändern. Denn obwohl es sich bei dem Hinweis des Mithäftlings von Kurt Hofer ganz offensichtlich um eine Denunziation aus sehr eigennützigen Gründen handelte – gefunden im Keller der Hofers werden daraufhin dennoch Teile eines Skeletts. Aber ist es tatsächlich Juliane, die dort liegt?
Caroline Seibt versteht ihr Handwerk ganz vorzüglich. Plotentwicklung, Spannungsaufbau, Figurencharakteristik – alles wirkt so, als wäre es bereits der zehnte Thriller einer erfahrenen Autorin, nicht erst das dritte Buch einer jungen Schriftstellerin. Noch dazu das erste, bei dem ein etablierter Verlag ihr viel Arbeit rund um das eigentliche Schreiben abgenommen hat. Vielleicht hat sie noch eine Spur zu viel Spaß an überraschenden Wendungen, durch die sich jeweils eine völlig neue Sicht auf die Dinge ergibt, sich Gewichte zwischen den einzelnen Figuren verschieben und bisher unverdächtige Personen ins Fadenkreuz der Ermittlungen rücken. Doch alles in allem ist Caroline Seibt auf einem vielversprechenden Weg, der sie über kurz oder lang in die Gruppe jener Spannungsautorinnen und -autoren führen dürfte, auf deren neue Bücher Leserinnen und Leser immer voller Ungeduld warten.
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