Fremde Reden im eigenen Kopf?

Daniel Staders „Unmündigkeit. Kant und die soziale Dynamik der Aufklärung“ zeigt, dass Vorurteile und Vormünder uns so lange regieren müssen, bis wir beschließen, selbst denken zu wollen

Von Heinrich BosseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heinrich Bosse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die USA, dank ihres fortgeschrittenen Kapitalismus ein Vorbild für die Welt, bieten jetzt auch ein starkes Beispiel für das Verhältnis von Mündigkeit und Unmündigkeit. Ihr derzeitiger Präsident regiert mit Sprachregelungen und erklärt diejenigen, die diesen Sprachregelungen nicht Folge leisten wollen, zu seinen persönlichen Feinden. Mit Michel Foucault gesprochen: ein Musterfall von Diskursherrschaft; mit Immanuel Kant gesprochen: ein Musterfall von Vormundschaft. Insofern erscheint die Publikation von Daniel Stader genau im rechten Augenblick. Es ist eine ungemein systematische philosophische Dissertation, entstanden an der Universität Halle, die das Thema der Unmündigkeit im Feld des gesamten kantischen Denkens sowie im Kontext der damaligen wie der heutigen Philosophie untersucht. Nicht zuletzt wegen ihres Untertitels sollte sie auch nicht-philosophischen Lesern und Leserinnen bekannt gemacht werden, die an Aufklärung und Gedankenfreiheit Anteil nehmen.

Der Bezug auf den aktuellen Augenblick, auf das historische Jetzt der Philosophie, kennzeichnet nach Michel Foucault das Denken der Aufklärung und speziell das Denken Immanuel Kants. Stader nimmt diesen Anstoß auf, indem er Kant gewissermaßen doppelgleisig liest: einmal als Denker des transzendentalen Subjekts und seiner Vernunft, zum anderen als Vermittler einer speziellen Weltkenntnis des Menschen – und zwar in den Vorlesungen (seit 1772/73) und Reflexionen zur Anthropologie, die in Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) münden. Darin wird der Mensch als Weltbürger erforscht, im Hinblick auf das, „was er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll“ (Vorrede). Die Aufgabe, sich selbst weiterzuentwickeln, stellt sich in einem bestimmten Zeitpunkt: jetzt, und für bestimmte Menschen: uns, die Leser. Davon handelt die Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784). Als Philosoph konzentriert sich Kant dabei auf die Selbstgesetzgebung der menschlichen (europäisch-männlichen) Vernunft.

Die Orientierung auf das Jetzt hin führt zu einer enormen Temporalisierung, da es um das Jetzt herum ein Vorher und ein Nachher geben muss. So erhält die Vernunft eine Geschichte, sogar eine doppelte: einerseits in jedem einzelnen Leser, andererseits in allen Menschen zusammen. Genau darin liegt die Brillanz von Staders Ansatz. Er zeigt Temporalisierung konsequent parallel als Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen (Ontogenese) und als Geschichte der Gattung Mensch (Phylogenese). Für beide Ebenen gilt: Zu Anfang („vorher“) ist Vormundschaft unvermeidlich; wir müssen uns erst von Eltern, Priestern und Herrschern sagen lassen, was Sache ist. Dann aber, erwachsen und mündig werdend („jetzt“), sollten wir im Denken und Handeln anfangen, uns selbst zu regieren, sodass – wenn auch in noch so ferner Zukunft („nachher“) – alle Menschen sich ihre Gesetze selbst geben. In der Selbstgesetzgebung treffen so Philosophie und Politik zukünftig hoffentlich zusammen.

Die Einleitung und das erste Kapitel von Staders Arbeit situieren Immanuel Kant als einen besonderen Philosophen im Feld der Aufklärung. Kant interessiert das menschliche Denkvermögen, also die Vernunft, als eine Fähigkeit, die man niemals von anderen erlernen oder übernehmen kann. Der Mensch muss sie selbst in sich entwickeln, die Denkmuskeln sozusagen; das kann er tun, indem er sich übt, aber er kann es auch lassen. Dabei können ihm die anderen Menschen helfen, aber sie können ihn ebenso gut daran hindern, in dem, was Stader den „Vermögensgebrauch“ nennt. Das Schwierigste am eigenen Vermögensgebrauch ist die (ethische) Energie, die es braucht, um Grundsätze für sein Denken und Handeln zu etablieren, und zwar im Hinblick auf die Menschheit als Ganze.

Solche Schwierigkeiten hatten die Philosophen der Aufklärung seit Francis Bacon († 1626) und René Descartes († 1650) unter dem Begriff der „Vorurteile“ diskutiert, d. h. einer Art Fremd- oder Selbstimmunisierung gegenüber der Wahrheit. Das zweite Kapitel entfaltet daher, wie die frühe Prägung in der Kindheit – durch Eltern, Lehrer, Bücher („Vorurteil der Autorität“) – philosophisch wichtiger wurde als die individuellen Erkenntnisblockaden („Vorurteil der Übereilung“). Kant kombiniert gewissermaßen die beiden Arten des Vorurteils, indem er sie personalisiert und aus einem Zusammenspiel zwischen dem Vormund und dem erwachsenen Mündel „Unmündigkeit“ entstehen lässt. Vor ihm hatte erst Alexander Baumgarten († 1762) in seiner Metaphysica (1739) den sozialen Reifungsprozess des Verstandes ins Spiel gebracht, in einem Lehrbuch, das Kant seinen Vorlesungen regelmäßig zugrunde legen musste. Kant jedoch tut einen entscheidenden Schritt: Während sich das alte Vorurteil auf die Erkenntnis der Wahrheit bezog, bezieht sich nunmehr Unmündigkeit auf den eigenen Vernunftgebrauch. Der Unmündige lässt seinen Vormund für sich denken; der Vormund substituiert, so Stader, seinen Vernunftgebrauch für den des Unmündigen.

Im dritten Kapitel „Unmündigkeit und Herrschaft“ erkundet Stader die soziale und politische Dimension des Vormundschaftsverhältnisses. Er verlässt hier das subtile Zusammenspiel von Vormund und Abhängigem, um die politische Dimension des Themas zu entfalten – und zwar in jener Trias von Vormundschaften, die Immanuel Kant in der Erziehung, in der Religion und in der Staatsverfassung gegeben sieht. Der preußische König Friedrich II. hat, wie Kant es in der Aufklärungsschrift selber sagt, „ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zu Bürgen der öffentlichen Ruhe zur Hand“. Aber der Vater und der Pastor üben ihre Macht sicherlich ohne das staatliche Gewaltmonopol aus. Worin besteht sie dann? Bindungsmacht? Diskursherrschaft? Methodisch gesehen sucht Stader hier den Anschluss der Philosophie an die Geschichtswissenschaft; sein Untertitel „Kant und die soziale Dynamik der Aufklärung“ zeigt, dass ihm sehr daran gelegen ist. Allerdings müsste er dazu wohl auf die Standesverhältnisse in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts oder die Ambivalenzen des aufgeklärten Absolutismus eingehen. Stattdessen bleibt er gewissermaßen kant-intern.

Dabei stellt sich Stader der Frage, ob die rechtliche Vormundschaft des (Ehe-)Mannes über seine Frau für Kant auch intellektuell gerechtfertigt ist, und plädiert sorgfältig für ein Ja. Wie Jean-Jacques Rousseau denkt Immanuel Kant, dass das ‚schöne Geschlecht‘ nicht nach Grundsätzen vorgeht, sondern impulsiv.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Mit einem Paukenschlag beginnt bekanntlich Kants Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784). Stader widmet diesem Text innerhalb seiner Arbeit einen eingehenden Kommentar von 40 Seiten: das vierte Kapitel und das Herzstück der Arbeit. Um die alte Anhänglichkeit an Vormünder („Faulheit und Feigheit“) zu überwinden, könnte das Kollektiv behilflich sein, indem ein Publikum sich selbst aufklärt. Das Publikum ist überhaupt der Ort gemeinschaftlicher Vernunft. Gesteigert zur Öffentlichkeit, umfasst es einerseits das zeitgenössische Bücher- und Zeitschriftenwesen der lateinisch gebildeten (gelehrten) Autoren, andererseits alle Menschen in dem „seltenst verwendeten Begriff“ (Stader) der „Weltbürgergesellschaft“. In einer empirisch-transzendentalen Konfiguration bildet die Öffentlichkeit den Freiraum, ja den Freiheitsraum gegenüber den Zwängen der Gesellschaft. In der Öffentlichkeit kann sich die Vernunft frei entfalten; sie ist daher der Nährboden der Aufklärung. Wie aber im gesellschaftlichen Funktionieren-Müssen? Hier liegt die Crux von Kants Text: Wie steht es mit der Aufklärung im Gehorsamsbereich der „öffentlichen Ruhe“? Stader nennt den befohlenen Gehorsam einen bloß vorbehaltlichen und übernimmt damit allen Ernstes die ironische Lösung, die Michel Foucault (Was ist Aufklärung?, 1984) angeboten hatte. Danach schlägt der aufgeklärte Philosoph dem aufgeklärten König eine Art Vertrag vor: Aufgeklärte Vernunft wird am allerbesten den politischen Gehorsam gewährleisten, sofern die politischen Verhältnisse gemäß der aufgeklärten Vernunft gestaltet sind.

Eine solche Gestaltung der endgültigen Rechts- und Friedensordnung für die Menschheit vorzubereiten, zu verkünden und näherzubringen, ist, wie Immanuel Kant in der späteren Veröffentlichung Zum ewigen Frieden (1795) sagt, Aufgabe der Philosophie, nicht der Könige, „weil der Besitz der Gewalt das reife Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt“. Das heißt, der Machtbereich müsste schmelzen, während der Vernunftbereich wächst und am Ende der Zeiten die Herrschaft übernommen haben wird. Kants politische Philosophie ist somit eingebettet in eine utopische Geschichtsphilosophie, die für die Übel der Gegenwart entschädigen soll. Staders fünftes und vorletztes Kapitel entfaltet diese geschichtsphilosophischen Zusammenhänge, die ebenfalls 1784 mit Kants erstem Beitrag zur Berlinischen Monatsschrift als Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) öffentlich in Erscheinung treten. Und zwar geht es um eine stufenweise Höherentwicklung, von der Zivilisierung über die Kultivierung zur krönenden Moralisierung der Menschheit. Dass bei genauerem Hinsehen „die Menschheit“ in sich so ganz verschieden ist, reflektiert Kant in seiner Lehre von den vier Rassen, die Stader in einer abgewogenen Diskussion vorstellt. Kant zufolge ist nur die weiße Rasse fähig zur Selbstvervollkommnung und wird daher die anderen Rassen verschwinden lassen (wie die Besiedlung Nordamerikas zeigt). Damit wird Kant zum Begründer einer systematischen Rassenlehre, die aber vielleicht nur ein Kollateralschaden der philosophischen Abstraktion ist.

Auch in der Geschichte der Menschheit gibt es die Phase der notwendigen Vormundschaft (durch Religion) und den Moment der mündigen Entscheidung, die Zukunft selbst vernunftgemäß zu gestalten. Im aktuellen Jetzt wird somit der Philosoph zum Täter dadurch, dass er die Begebenheiten herbeizuführen hilft, die er ankündigt. Oder wenigstens zum Zeichendeuter, der „das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friedrichs“ in den öffentlichen Beiträgen zur Verbesserung des Preußischen Allgemeinen Landrechts (1784) erkennt und befördert – wie auch im Beifall für die Französische Revolution den Silberstreifen am Horizont. Der schauende oder zuschauende Philosoph ist vertraut mit dem Gang der Geschichte – aber das Subjekt der Geschichte ist in Kants Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? keineswegs der mündig werdende Mensch (wie man erwarten sollte), sondern die Natur (was man wohl nicht erwartet hat). Die Natur ist es, die „unter dieser harten Hülle [der alltäglichen Befehlsstrukturen] den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat“, so dass das freie Denken auf das Volk und dieses wiederum auf die Regierung einwirken kann. Die Idee der Natur übersetzt Stader (Kapitel IV) in das dialektische Paradoxon: „Die in Unfreiheit erlangte Freiheitsfähigkeit soll erst auf die bevormundende politische Institution wirken, bevor sie sich praktisch entfalten darf.“ Da uns kein Gott mehr von allen Übeln erlöst, müssen wir Menschen es eben selbst tun, ohne dass jemand befugt wäre zu sagen, wie. Kants Text ist nahezu 240 Jahre alt, und seine Geschichtsphilosophie ist wohl derjenige Teil, der am meisten gealtert ist – jetzt, in der Krisengegenwart unserer Mutter Erde.

Das Thema der Mündigkeit dagegen ist wahrhaft jung geblieben, wenn auch eher unter dem Namen „Emanzipation“. In seinem sechsten und letzten Kapitel mustert Stader daraufhin zunächst zwei Vertreter der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, im Rückblick. Adorno hatte vor allem in seinem Radiovortrag Erziehung zur Mündigkeit (1969) vor der Gefahr eines totalitären Denkens gewarnt und stattdessen „die Herstellung eines richtigen Bewusstseins“ von der Erziehung gefordert, was heute allerdings ebenso totalitär klingt. Habermas nahm in seinen frühen Schriften ebenfalls das Erziehungsthema auf. Im Begriff der „Zweckrationalität der Gegenwart“ knüpft er dabei an die „künstliche Einhelligkeit“ (Kant) des preußischen Untertanenverbandes ebenso an wie an die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno), um eine emanzipative Theorie ohne Bevormundung auszuarbeiten, die er mit seinem Thema des kommunikativen Handelns schließlich einlöste.

Den Schluss macht Michel Foucault, nach Stader „der wohl wirkmächtigste Rezeptionist“ von Immanuel Kants Aufklärungsaufsatz. Dabei hält sich Stader zunächst an die kritische Haltung der „Entunterwerfung“ („désassujettissement“) oder den Impuls, „nicht derartig regiert werden zu wollen“, wie ihn Foucault in Was ist Kritik? (1978/1992) und Was ist Aufklärung? (1984) artikulierte. Gemeinsam haben Kant und Foucault den Widerwillen gegen jene „Lenkung zum Heil in einem Gehorsamsverhältnis“, die Kant in den Vormündern, Foucault in der christlichen Pastoralmacht analysiert. Aber in ihrer Herrschaftskritik unterscheiden sich die beiden Autoren. Während Kant Gewalt und Herrschaft grundsätzlich für unvereinbar mit der menschlichen Vernunft hält, hat Foucault die Vormünder radikal beiseite geräumt und handelt in seinen philosophisch-historischen Untersuchungen von der Macht der Diskurse ebenso wie von der Gewalt der Herrschenden.

Die Differenz von Gewalt und Macht fällt für Stader, wie mir scheint, im Begriff der Herrschaft zusammen. Aber ich möchte den Unterschied doch für wesentlich halten, was die Geschichte und die soziale Dynamik der Aufklärung betrifft. Demgegenüber sind seine Differenzierungen im Begriff der Unmündigkeit von großer aufklärender Kraft, sowohl für Kants Philosophie als auch für unser Reden über Emanzipation. Wie lasse ich mich fremdbestimmen? Daniel Stader bietet dazu die ungewohnte, sehr brauchbare dreifache Unterscheidung: Vernunft als Vermögen; Gebrauch oder Nichtgebrauch dieses Vermögens; eigene Qualifikation („Fertigkeit“) zum notwendigen Gebrauch der eigenen Vernunft. 

Für mich als Bildungshistoriker gleicht Staders große Leistung eher einer Habilitation. Nur fehlt freilich, wie üblich, ein Register in dem ansonsten vorzüglich lektorierten Werk.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Daniel Stader: Unmündigkeit. Kant und die soziale Dynamik der Aufklärung.
Felix Meiner Verlag, Hamburg 2025.
543 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783787346790

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