Von der Theozentrik zur Christozentrik

Geza Vermesʼ „Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas“ ist ein Meisterwerk

Von Norbert MecklenburgRSS-Newsfeed neuer Artikel von Norbert Mecklenburg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christian Beginnings – so lautet der Originaltitel des Buches Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas von Geza Vermes. Es gehört zu den Meisterwerken religionsgeschichtlicher Aufklärung, die der Verlag der Weltreligionen im Hause Suhrkamp/Insel dankenswerterweise regelmäßig herausbringt. Darunter befinden sich bereits so verdienstvolle Bücher wie Judenhass und Judenfurcht (in der Antike) von Peter Schäfer oder Der Koran als Text der Spätantike von Angelika Neuwirth. Geza Vermes bietet, aus einem halben Jahrhundert eigener Forschung schöpfend, eine glasklare, ebenso konzentrierte wie distanzierte historiographische Erzählung darüber, wie es „vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas“ kam. Mit dieser Art von Distanz hebt sich sein Buch wohltuend ab von der Masse der auf diesem Forschungsfeld bis heute fast absolut dominierenden Darstellungen christlicher Theologen. Denn diese Arbeiten trübt bei aller Emsigkeit und Redlichkeit Einzelner bald mehr, bald weniger, aber nahezu unüberwindlich ein kirchlich-parteilicher, apologetischer Blick.

Die neueste Art dieser Apologetik gibt sich wissenschaftstheoretisch: Eine Suche nach dem historischen Jesus sei wenig ergiebig, theologisch ohnehin sinnlos; dieser sei nichts Wirkliches, sondern nur ein diskursiv hergestelltes Konstrukt. Das ist natürlich auch Vermes bewusst, schon angesichts der ebenso zählebigen wie fragwürdigen christlichen Jesus-Konstrukte. Aber er verlässt sich gelassen darauf, als Historiker ein möglichst haltbares, wahrscheinliches Konstrukt erarbeitet zu haben, das anderen überlegen ist. So ergibt sich beim Lesen seines Werks fast nebenbei ein zwar denkbar sanft vorgetragener, jedoch im Ergebnis radikaler religionskritischer Effekt. Denn besonders nachhaltig wirken kritische Impulse seit je dort, wo wissenschaftlich erschlossen wird, wie eine Religion entstanden ist.

Das Buch rekonstruiert in drei großen Schritten und elf Kapiteln die zweistufige Entstehung des Christentums – mit einem kurzen „jüdischen Auftakt“ und einer längeren Formung zur Heidenkirche. Erster Schritt: Leben und Lehre des historischen Jesus werden eingebettet in die Tradition und Richtung eines zeitgenössischen „charismatischen“, prophetischen, eschatologischen, das heißt das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit erwartenden Judentums (Kapitel 1 und 2). Zweiter Schritt: Die „Urgemeinde“ oder „Jesusbruderschaft“ der Apostel und ihrer Gefährten, die nichts anderes als eine jüdische Sekte war, wird in zwei Stufen völlig transformiert: Zunächst deutet Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, die bereits etablierten Rituale von Taufe und Abendmahl allegorisch um, baut die Lehre „großartig“ erfinderisch zu einem „Kultdrama über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gottessohn“ aus und verlagert die Mission nicht ohne Konflikte, aber schließlich erfolgreich von Juden auf Nichtjuden. Jahrzehnte später bietet, daran anschließend, der Verfasser des Johannesevangeliums das vom historischen Jesus völlig abgehobene, von griechischer Philosophie inspirierte, gänzlich unjüdische Bild eines göttlichen Christus als des „Logos“ und die Skizze eines mystisch personifizierten Heiligen Geistes (Kapitel 3 bis 5).

Der dritte Schritt ist am ausführlichsten dargestellt (Kapitel 6 bis 10): die Weiterentwicklung des Christentums, vor allem des Dogmas, von zwei mit den apostolischen noch gleichzeitigen Schriften (Didache, Barnabasbrief) über die verschiedenen Generationen von Kirchenvätern bis zu den dogmatischen Auseinandersetzungen, als deren Abschluss das Konzil von Nizäa im Jahre 325 gedacht war. Vergeblich – aber immerhin wurde auf ihm die bis dahin höchst umstrittene, danach jedoch für die größten Teile des weiteren Christentums bis heute verbindliche Lehre von einem „dreieinigen“ Gott festgeschrieben. Diese Lehre hebt sich denkbar weit ab gegen die „authentische, existenzielle spirituelle Hinterlassenschaft des Juden Jesus“. Nach dem Bonmot von Alfred Loisy: Jesus kündigte das Reich Gottes an, gekommen ist die Kirche. Damit bietet Vermesʼ Rekonstruktion des kontinuierlichen Weges vom geschichtlichen Jesus zum dogmatischen Christus zugleich den Anblick eines Bruchs, ja eines Abgrundes, zumindest eines „garstigen Grabens“ (Lessing), über den keine historische Erkenntnis, sondern wohl nur blinder Glaube hinweghelfen kann.

In einem abschließenden Rückblick „aus der Vogelperspektive“ hebt Vermes von der kurzen jüdischen Phase des Christentums die danach dominierende heidenchristliche ab (Kapitel 11). Als eines von deren Hauptmerkmalen stellt er darin heraus, dass in ihr nicht nur, wie schon im Johannesevangelium, der charismatische jüdische Prophet Jesus „völlig unkenntlich gemacht“ ist, sondern auch das ganze Judentum einem wachsenden theologischen Antijudaismus unterliegt. Dieser reproduziert im Christentum seitdem eine „grundlegende Verzerrung“ der jüdischen Religion und damit auch der Religion von Jesus – eine Beobachtung, die, wie Vermes ebenso kritisch wie diskret anmerkt, „für Historiker verstörend ist“. Christlichen Lesern, die „sich fragen, wo sie jetzt stehen“, gibt er abschließend etwas zu bedenken, das im Feierbetrieb des angebrochenen Reformationsjahrs 2017 wohl auch eher verstörend wirken dürfte: Wie im 16. Jahrhundert durch Renaissance, Humanismus und Protestantismus eine religiöse Erneuerung durch Rückkehr zur Bibel erfolgte, so wäre heute eine neue ‚Reformation‘ fällig, „die sich voller Inbrunst der reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu zuwendet, des jüdischen charismatischen Boten Gottes, und nicht der vergöttlichenden Botschaft, die Paulus, Johannes und die Kirche mit ihm verknüpft haben“.

Im Folgenden seien einige wertvolle Einzelerkenntnisse herausgehoben, mit denen das Buch den Leser konfrontiert. Zum historischen Jesus resümiert Vermes, was er in mehreren Büchern dazu bereits erarbeitet hat: Jesus, der „charismatische Heiler und Exorzist“, bewegt sich damit ganz in den Bahnen eines zeittypischen jüdischen ‚Gottesmannes‘ und Propheten. Parallelen und Unterschiede zu der Sekte von Qumran, für deren Erforschung Vermes ein international renommierter Spezialist war, unterstreichen das. Wenn Jesus in historisch vermutlich authentischen Passagen der synoptischen Evangelien Gott als Vater anspricht, dann meint er damit, typisch für seine Lehre und zugleich völlig jüdisch, den liebenden Gott, dem ein kindliches Vertrauen entgegengebracht werden darf. Christliche Gelehrte wie beispielsweise Ferdinand Hahn, die das für undenkbar erklären oder, von Joachim Jeremias bis zu Benedikt XVI., andere dogmatisch christozentrische Fehlinterpretationen bieten, geben damit „unkundige und voreingenommene“ Urteile ab.

Ebenso „fadenscheinig“ apologetisch ist ein Versuch von Ernst Käsemann, aus dem Umgang von Jesus mit den Speisevorschriften oder aus den scheinbaren Antithesen der ‚Bergpredigt‘ auf seine Abwendung von der jüdischen Religion zu schließen. Solche ‚Forschungsthesen‘ spiegeln lediglich eine uralte „judenfeindliche Ideologie“ wider. Die Religiosität von Jesus war vielmehr eine „Neuformulierung des traditionellen Judentums im Rahmen der charismatischen Endzeiterwartung“. Sie war „durch und durch theozentrisch“. Somit hat alle Christozentrik, um die das ganze christliche Dogmengebäude gebaut ist, keinerlei Halt am historischen Jesus, auch wenn christliche Forscher wie jüngst noch Dale C. Allison (Constructing Jesus, 2010) solch einen Halt immer wieder suchen. Vermes dagegen hält sich in seinem Schlusswort an den prägnanten, bis heute brisanten Spruch aus Johann Wolfgang Goethes West-östlichem Divan:  „Jesus fühlte rein und dachte / Nur den Einen Gott im Stillen; / Wer ihn selbst zum Gotte machte, / Kränkte seinen heil’gen Willen.“

Aus den vielfältigen Anregungen, die das Buch zum jüdischen Frühchristentum, zu Paulus, dem Johannesevangelium und den Kirchenvätern gibt, hier nur wenige Stichwörter: Stichwort ‚Parusieverzögerung‘, also Umgang mit der enttäuschenden Erfahrung, dass die von Jesus bis Paulus als ganz nah bevorstehend erwartete Ankunft des Reiches Gottes nicht eintrat: Diese Erfahrung trug, wie Martin Werner unbestechlich schlüssig nachgewiesen hat, zur Entstehung und Ausbildung des christlichen Dogmas entscheidend bei. Vermes weist hier beispielhaft auf das Lukasevangelium hin, in dem durch redaktionelle „Bearbeitungen“ (im Original: „manipulations“) die endzeitliche Erwartungshaltung gezielt heruntergedimmt ist. – Stichwort ‚Judenchristentum‘: Was die älteste christliche Kirche betrifft, so weist Vermes nach, dass diese selbst sich eindeutig als „jüdische Sekte“ unter anderen verstand und dass das auch vom Mehrheitsjudentum bestätigt wurde. Ihre differentia specifica hatte sie im Glauben an Jesus als vom Tode auferstandenen und erhöhten Messias und an seine Parusie, das heißt Wiederkunft mit Anbruch der als nah erwarteten Endzeit. – Stichwort ‚Trinität‘: Was die emsige, widersprüchliche Dogmenproduktion der Kirchenväter betrifft, so ist nach Vermes ebenso befremdlich wie bemerkenswert, dass gemessen an der von Tertullian aufgestellten regula fidei, sprich dem Test auf Übereinstimmung mit apostolischer Überlieferung, das trinitarische Dogma von Nizäa, auf das sich die allermeisten Kirchen seitdem berufen, als Häresie hätte verurteilt werden müssen.

Besonders wertvoll sind die Einsichten, die der Historiker und Judaist Vermes dazu vermittelt, wie das Christentum aus dem Judentum herausgewachsen ist und welche schwerwiegenden, teilweise vielleicht sogar unlösbaren Probleme es sich damit eingehandelt hat. Das schlimmste dieser Probleme besteht darin, dass der Prozess der Entjudaisierung schon sehr früh, nämlich mit Entstehung der apostolischen Schriften, in einen religiösen Antijudaismus einmündete. Dieser aber hat das Christentum, von den judäophoben Hassreden des Johannes Chrysostomos bis zu denen des Martin Luther, von den Pogromen der Kreuzzugszeit bis zu den russischen des späten 19. Jahrhunderts, von Vertreibung, Zwangsbekehrung, Inquisitionsterror in Spanien bis zu kirchlicher Komplizenschaft bei der Shoah, auf geradezu mörderische Weise geprägt.

Vermes übergeht diese entsetzliche wirkungsgeschichtliche Dimension des Christentums diskret. Er legt vielmehr sanft, aber treffend den Finger auf einige wunde Punkte von dessen Entstehung aus dem Judentum. In seiner Einführung stellt er dieses, auch das charismatische und eschatologische des historischen Jesus, als Religion der Tat, der Praxis dem Christentum als Religion des Glaubens und Dogmas implizit kritisch gegenüber, ebenso die theozentrische jüdische Religiosität von Jesus der christozentrischen, das heißt der diesen immer mehr vergöttlichenden Lehre seit Paulus. Diese Lehre lehnten mit guten Gründen die Judenchristen, die Ebioniten oder Nazarener/Nazoräer genannt wurden, ab. Auch die hochinteressante, wohl noch aus dem 1. Jahrhundert stammende frühchristliche Schrift Didache lässt sich in keiner Weise auf die Opfertod-Mythologie des Paulus ein. Dieser seinerseits interessierte sich nicht im Geringsten „für die konkreten Einzelheiten aus dem Leben und Wirken der historischen Gestalt namens Jesus“. Denn das hätte ihn bei der Errichtung seines eigenen Lehrgebäudes (im Original: „doctrinal construct“) behindert, in dessen Mittelpunkt die Erfindung eines himmlischen Gottessohns und Erlösers steht. So machte Paulus den Boten zur Botschaft und schuf, indem er die Religion Jesu systematisch verdrängte, das Christentum als eigenständige Religion.

Ein besonders zentraler und folgenreicher Punkt bei der Ausbildung des Christentums und seiner Abgrenzung gegenüber dem Judentum wird von Vermes nur nebenbei, aber scharf beobachtet: das, was man abgekürzt den Streit um die Bibel nennen kann. Die ersten Christen, also am Anfang die von seiner Hinrichtung durch die Römer schockierten Anhänger Jesu, zogen zur Bearbeitung ihres Traumas und zur Umdeutung ihrer bisherigen, enttäuschten Erwartung die jüdische Bibel heran und deuteten Stellen aus ihr, meist aus den Propheten, auf das von ihnen erlebte Geschehen hin. Denn sie war, außer den Taten und Lehren ihres Meisters, ihr einziges ‚Evangelium‘; ein ‚Neues Testament‘ gab es ja noch nicht. So entstanden die ersten Elemente des christlichen Mythos und Dogmas. Vermes weist darauf hin, dass diese Art von Umgang mit der Bibel bereits in der Qumran-Sekte betrieben wurde: als pescher, als charismatische Deutung der alten Weissagungen auf die eigene Gegenwart und Zukunft hin. Ebenso wurden nun mit Hilfe dieser pescher-Methode Auferstehung und Wiederkunft des Messias Jesus aus der jüdischen Bibel herausgelesen und -gesponnen. Auch weitere Legenden und Dogmen wie beispielsweise die Jungfrauengeburt wurden auf diese Weise ‚bewiesen‘.

Die christlichen Theologen bis zu Luther (und noch darüber hinaus) ‚bewiesen‘ dann immer wieder nach diesem Schema von ‚Weissagung und Erfüllung‘ die überlieferten und selbsterfundenen Lehren mit Hilfe der jüdischen Bibel, deren legitime Deutung sie den Juden zugleich absprachen. Denn ohne diese ‚Schriftbeweise‘ hängt das christliche Dogma, was ‚aufgeklärte‘ und ‚moderne‘ Theologen permanent verdrängen müssen, hoffnungslos in der Luft. Aus diesem Grund – darauf weist Vermes exemplarisch hin – fühlte sich zum Beispiel schon im 2. Jahrhundert der Apologet Irenäus genötigt, gegen den gnostischen ‚Häretiker‘ Marcion die Unverzichtbarkeit der jüdischen Bibel zu betonen. Aber natürlich haben von Anfang an bis heute bibelkundige Juden diese christlichen Deutungen mit oft unwiderleglichen Argumenten zurückgewiesen. Das wurde dann die tiefste Quelle des perennierenden christlichen Judenhasses: Gäbe es keine Juden – so dachte insgeheim auch der fanatische Judenhasser Luther –, so gäbe es weniger Zweifel am christlichen Lehrgebäude.

Schon in seiner Einführung weist Vermes auf die ebenso unverschämte wie theologisch zentrale „Ablösungstheorie“ hin: die Juden das abgelöste, die Christen das neue Gottesvolk. So exakt er in seinem Buch dann die Geburt des christlichen Antisemitismus mit der Geburt des Christentums selbst als einer eigenen Religion in Verbindung bringt, so diskret übergeht er die ersten Elemente dieses theologischen Antijudaismus, die sich schon in Paulusbriefen und synoptischen Evangelien finden. Er zeigt, dass die Didache bemerkenswert frei von jeder Judenfeindlichkeit ist – das war also möglich! Er hebt, nicht zu Unrecht, als erste programmatisch antijüdische apostolische Schrift das etwa gleichzeitig geschriebene Johannesevangelium hervor. Von da ab wird es dann immer schlimmer – was aber in christlichen Darstellungen, beispielsweise in Henry Chadwicks Standardwerk The Early Church (1967), meistens ganz verschwiegen oder an den Rand gedrängt wird: Bereits der an Paulus orientierte Barnabasbrief ist extrem judenfeindlich. (Vielleicht nicht nur, aber wohl auch darum widmete ihm der Kirchenhistoriker Peter Meinhold 1940 eine ausführliche Studie.) Ignatius von Antiochia führt diese Linie fort, indem er die noch judenchristliche Konkurrenz als ‚Judaisierer‘ diffamiert, ebenso der Diognetbrief. Justin der Märtyrer erdenkt einen platonischen Dialog mit Trypho, einem Juden, worin er – wie der Erste Clemensbrief – einen etwas gemäßigteren Antijudaismus vertritt, sodass am Ende für einen unparteiischen Leser Trypho nach Punkten gesiegt hat, auch wenn er bei seiner Widerlegung des Bibelbeweises für die Jungfrauengeburt die entscheidenden Argumente ungenutzt lässt. Melito von Sardes würzt seine Lehrpredigt mit einem aggressiven Antijudaismus, der die Juden als Gottesmörder anprangert. – Aus den Beispielen ergibt sich, dass diese judenfeindlichen theologischen Verzerrungen – wie alle späteren auch – der ausweglosen Aporie entspringen, das Judentum als Grundlage des Christentums zugleich zu bewahren und zu verleugnen.

Das Alterswerk Christian Beginnings krönt meisterhaft eine Reihe von Büchern des Autors über Jesus, sein jüdisches Umfeld und die frühchristlichen Bilder von ihm, darunter: Jesus the Jew (1973, dt.: Jesus der Jude, 1993), Jesus and the World of Judaism (1983), The Changing Faces of Jesus (2000), The Authentic Gospel of Jesus (2003), The Passion (2005, dt.: Die Passion, 2006), The Nativity (2006, dt.: Die Geburt Jesu, 2007). Es ist typisch, dass all diese Werke von den vielen Theologen, die auf dem gleichen Gebiet arbeiten, entweder ganz verschwiegen oder, ohne eingehende Aufarbeitung, möglichst nur am Rande erwähnt werden, zum Beispiel in dem genannten Buch von Allison. Eine unbefangene, vor allem von christlichen Interessen unverzerrte historische Darstellung der Entstehung des Christentums ist eben als solche für sie zu brisant. Infam aber wird es, wenn ein christlicher Gelehrter wie Peter Müller Geza Vermes des Betrugs bezichtigt, weil er sich als Historiker ausgebe, aber nicht als Jude oute – womit er ihm schamlos einen wissenschaftlichen Judenstern anheftet.

Der 2013 gestorbene Geza Vermes wurde 1924 als Kind ungarischer jüdischer, zum Katholizismus konvertierter Eltern geboren – beide wurden Opfer der Shoah. Er überlebte, wurde Priester in Budapest, Löwen und Paris, trat später aus der Kirche aus (Vermes: „grew out of Christianity“), wurde Religionshistoriker und speziell Pionier der Qumranforschung, zunächst in Newcastle, dann lange Jahre auf einem Lehrstuhl für Judaistik in Oxford. Schon mit dieser Biographie, die er in seinem Buch Providential Accidents dargestellt hat, brachte er für eine unparteiliche, distanzierte Erforschung des frühen Christentums ungleich bessere Voraussetzungen mit als jene vielen, die als kirchlich gebundene Theologen womöglich nur die Religion ihres Herkunftsmilieus und ihrer Kinderjahre wissenschaftlich zu sublimieren versuchen und dort zu fragen aufhören oder mit Verrenkungen anfangen, wo es für den Glauben brisant wird.

In einem kleinen Einzelpunkt wäre vielleicht ein Fragezeichen zu setzen: Vermes erklärt die Bezeichnung ‚Nazarener‘/‚Nazoräer‘ für christliche Juden als Bezugnahme auf Jesus von Nazareth und folgt damit unreflektiert dem Mainstream der Jesusforschung. Heinrich Kraft hat dagegen in seinem Meisterwerk Die Entstehung des Christentums (1981) – eines der ganz wenigen Bücher, die sich an Scharfsinn und sprachlicher Luzidität mit dem von Vermes messen können – zu bedenken gegeben, dass umgekehrt die unsichere Zuschreibung Nazareths als Herkunftsort Jesu aus einer Missdeutung des Ausdrucks ‚Nazoräer‘ (griech.: ‚Nazoraios‘) stammen könnte (Matth. 2, 23), sodass glaubwürdiger als Heimat Jesu Kapernaum anzusetzen sei. So geht die Forschung eben weiter, und es ist, wenn auch mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, zu hoffen, dass dieses bedeutende Werk religionsgeschichtlicher Aufklärung von Geza Vermes auch von Christen und Theologen angemessen rezipiert und aufgearbeitet wird. Dass es nun auch auf Deutsch gut lesbar ist, verdanken wir der sachlich und sprachlich kompetenten Übersetzung von Claus-Jürgen Thornton. Ein Mangel der deutschen Ausgabe: Von der im englischen Original angeführten Forschungsliteratur wurden nur wenige Titel übernommen, zum Beispiel von 65 zur Jesusforschung nur zehn, von 20 zur Paulusforschung nur drei. Diese Zusammenstreichung wäre nicht nötig gewesen. Dafür gibt es aber ein zusätzliches und umfangreiches Verzeichnis für die vielen deutschen Übersetzungen von Zitaten aus den Quellen. Was der Verlag der Weltreligionen sich unbedingt vornehmen sollte, ist die deutsche Übersetzung eines anderen Meisterwerks: Christian Antisemitism. A History of Hate (1993) von William Nicholls.

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Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas.
Übersetzt aus dem Englischen von Claus-Jürgen Thornton.
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2016.
384 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783458710400

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