Mehr als nur ein Tagebuch
Die Notizen des DEFA-Regisseurs Konrad Wolf in „Kriegstagebuch und Briefe 1942-1945“ illustrieren die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs
Von Michael Grisko
Er ist eine schillernde Figur der DDR-Kunst und -Kulturpolitik: Konrad Wolf, DEFA-Regisseur, von 1965 bis zu seinem Tod im Jahr 1982 Präsident der Akademie der Künste, Sohn des Schriftstellers Friedrich und Bruder des DDR-Geheimdienstchefs Markus Wolf.
Zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2025 liefen nicht nur zahlreiche seiner außergewöhnlichen Filme im Fernsehen und in Filmreihen in den einschlägigen Kinos. Auch sein Kriegstagebuch Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg! der letzten drei Jahre des 2. Weltkriegs wurde – mit neuen Materialien – wieder zugänglich. Das von Paul Werner Wagner edierte und knapp eingeführte Buch enthält die originalen Tagebücher (1942-1945) und Briefe von Konrad Wolf, die er in der Roten Armee führte.
Als Sohn des nach Moskau emigrierten kommunistischen Schriftstellers Friedrich Wolf kämpfte der damals 17-Jährige ab 1942 in der Roten Armee in der Kommunikationsabteilung gegen Deutschland – eine biografische Ausnahmesituation, die dem Text einen besonderen Wert verleiht. Diese Phase lieferte schließlich auch die Vorlage für seinen Film Ich war Neunzehn (1968), der als künstlerische Reflexion und Fortsetzung der Tagebuchnotizen gelesen werden kann.
Die losen Tagebucheinträge von 1942 bis 1945 – der letzte Teil der Aufzeichnungen, die die Basis des Films Ich war neunzehn wurden, entstanden anlässlich der Dreharbeiten und wurden nachträglich eingefügt – sind in eingängiger Sprache geschrieben und z.T. sehr persönlich gehalten. Insgesamt bieten die knapp 350 Seiten keinen literarisch ausgefeilten Bericht, sondern ein ebenso schonungsloses wie direktes und fragmentarisches Protokoll des Kriegsalltags.
Die Notizen geben einen Einblick in die Arbeit als Übersetzer und handeln weniger von großen Kriegsstrategien als vom täglichen Überleben – von Kälte, Erschöpfung, der Suche nach Essen und Schlafplätzen. Eindrücklich sind die Schilderungen der deutschen Verwüstungen in der Sowjetunion, die Wolfs Haltung prägten.
Gleichzeitig sind sie ein Zeugnis für die Auseinandersetzungen mit den Kameraden – von der Beförderung bis hin zur Ausstattung mit Stiefeln und warmen Mänteln – und zeigen damit in besonderer Weise den Kriegsalltag jenseits von Kampfhandlungen, in die Wolf aufgrund seiner Tätigkeit nicht direkt eingebunden war.
Eine beängstigende Aktualität erhält das Buch dadurch, dass viele der Orte, die Wolf durchquert, zu den Schauplätzen des aktuellen Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine zählen.
Die Notizen sind sprunghaft und von der tiefen ideologischen Überzeugung des jungen Autors geprägt, auf der richtigen Seite zu stehen. Es handelt sich um ein Dokument der unmittelbaren Lage, nicht der distanzierten Analyse. Die tiefere Verarbeitung seiner Erlebnisse und Widersprüche fand erst im filmischen Werk statt.
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