Angela und Alexander – ein ungleiches Paar
Julia Wongs „Zur anderen Seite des Ozeans” erzählt davon, wie Wissbegierde und Freiheitsdrang eines zwölfjährigen Mädchens von Alexander von Humboldt angestachelt werden
Von Mechthild Hesse
Am Anfang des Romans Zur anderen Seite des Ozeans ist die Protagonistin Angela zwölf Jahre alt, am Ende erzählt sie als junge Erwachsene von ihren Begegnungen in Lima. Vor dem Aufenthalt in Lima hatte sie mehrere Jahre auf der Korvette „Pizarro“ Alexander von Humbolds auf dem Atlantischen Ozean verbracht und in Ecuador gelebt.
Angela gibt sich anfangs drei verschiedene Namen (Ang Chi, Ángel Chong und Antonio Campos), denn ohne einen männlichen Namen und ein jungenhaftes Aussehen hätte sie nicht auf der „Pizarro“, anheuern dürfen. Dafür muss sie auch ihre sich langsam entwickelnde Brust abbinden. (Später erfährt sie, dass die ihr zunächst verhasste Mutter ihren Arbeitsaufenthalt auf der Korvette mit zwei Schweinen bezahlt hat, obwohl sie sich das wegen ihrer Armut eigentlich nicht hat leisten können.) Angela wird zur Latrinenentsorgung und als Küchenhilfe eingestellt und zeigt sich als Kennerin (des Geschmacks) vieler Kräuter, die sie beim Kochen verwendet, außerordentlich versiert.
Als indonesisches Kind aus der untersten Gesellschaftsschicht von La Coruna nähert sie sich mit Neugier, Wissbegier und Empathie Alexander von Humboldt an, der zunächst gar keine Notiz von ihr nimmt. Sie bewundert seine akribische Untersuchung von Pflanzen und Gesteinen und seine Liebe zur Natur, aber auch sein offenes Bekenntnis zur Gleichheit aller Menschen. Erst kurz vor ihrer Landung in Venezuela hat Angela ein erstes Gespräch mit dem berühmten Forscher. Sie nimmt wissbegierig seine These auf, dass alle Teile des gesamten Kosmos miteinander verbunden sind:
Diese Erkenntnis war eine Revolution, deren ganzes Ausmaß nur wenige erfassten. Es gibt immer ein übergeordnetes Phänomen, in das ein Ereignis eingebettet ist, dachte er, und dazu gehörten in dieser Nacht der Gesang der Sirenen und das Erscheinen des Mädchens, das sich für einen Jungen ausgab. Angela fühlte sich an der Seite des Deutschen entspannt und beschützt. ‚Hast du einen Namen, Mädchen?‘ Das erstaunte sie, zum einen, weil Humboldt der erste Mensch auf dem Schiff war, der erkannte, dass sie eine Frau war… und zweitens, weil sie sich nie hätte vorstellen können, dass ein Mann wie Humboldt sie direkt ansprechen und sich dafür interessieren könnte, wie sie hieß… In Humboldts Gegenwart verspürte sie keine Angst und hatte nicht das Bedürfnis, sich zu verbergen. Vielmehr hatte sie das Gefühl, er könnte sie womöglich sogar beschützen.
Von diesem Augenblick an ist Angela voller Bewunderung für Humboldt. Sie staunt, dass er sogar mit Mineralien kommuniziert. „Er spürte eine tiefe Leidenschaft für die Höhen und die Asche, für die Weißglut der erloschenen Lava und ihre subtilen Botschaften hinsichtlich der Verwandlung der Naturelemente.“ Seine Kommunikation mit dem Reich der Tiere, der Pflanzen und der Mineralien verstehen laut Angela selbst die anderen bekannten, sachkundigen Wissenschaftler nicht. Sie empfindet eine gewisse Seelenverwandtschaft mit Humboldt: Pflanzen sowie aromatische Küchen- und Wildpflanzen sind eine geteilte Leidenschaft. Auch Humboldt scheint von Angelas Kochkünsten zu profitieren: Er findet, dass auch er an Kreativität durch Angelas köstliche Suppen hinzugewinnt. Und sie erklärt sich Humboldts verbesserte Sensibilität durch den Kuss, den Humboldt dem bekannten Befreiungskämpfer Ecuadors Carlos de Montufar gibt – einen Vorgang, den sie beobachtet.
In Venezuela, Ecuador und Peru stößt Angela auf verschiedene farbige (so Angela) Menschengruppen, die teils Sklaven, teils Indigene und teils Mestizen sind, und fühlt sich als eine von ihnen:
Das Mädchen hatte sich viele Gedanken gemacht über die Tatsache, dass die Weißen Leute wie sie, Indochinesen und Philippinos, unterschiedlich behandelten im Vergleich zu den schwarzen Menschen… Auch sie fühlte sich den Weißen gegenüber minderwertig.
Bei den Versklavten spürte Angela eine unerträglich unterwürfige Haltung, eine Folge von so viel Misshandlung, so viel Geringschätzung. Bei den Indigenen war es noch schlimmer; die Versklavten waren zumindest für die Weißen erotisch anziehend… Nicht so verhielt es sich mit den Indigenen. Sie wurden buchstäblich zertreten, sie waren wie ein Schattenvolk, das unter den Füßen und Stiefeln der Weißen und Kreolen lebten.
Angela sieht, dass die Indigenen auf Rache aus sind, dass ein Aufstand überfällig ist. Aber in dieser revolutionären Atmosphäre Perus unterstützt Angela nicht die Aufständischen, sondern wendet sich nach Innen: Sie zieht es vor, mit sich selbst zu sprechen, die durch eine erwachsene Frau hervorgerufene und neue körperliche Erfahrung der sexuellen Begierde wahrzunehmen und träumt sich in eine Frau hinein, die über Lima hinwegfliegt:
Eine andere gewaltige Kraft trägt sie über jenen Ozean, der sie nach Amerika gebracht hat und den sie Atlantik nennen; sie stellt fest, dass er so ganz anders ist als jener Ozean an der Küste Perus. Der Atlantik hat nicht dieselbe Kraft und dieselben Worte, die der andere Ozean hat; seine Farben bedeuten ihr nichts; sie wünscht sich von ganzem Herzen, ihre Mutter und Humboldt wiederzusehen, zu erfahren, was sie gerade tun, wo sie sind.
Vor diesem Traum hat Angela noch die Reichen beneidet, weil sie mehr wussten, besseres Essen bekamen und in großen Betten in großen Häusern schliefen, und insgesamt zufriedener wirkten. Nun weiß sie, dass sie sich nicht das wünschen sollte, was sich andere wünschen, sondern lieber auf sich selbst hören sollte.
Wie man bei der Lektüre der Zitate erkennen kann, ist der Roman Zur anderen Seite des Ozeans eine Mischung aus verschiedensten Textsorten, erzählt aus verschiedenen Erzählperspektiven, wobei die Perspektive der Angela die durchgängige ist. Sie erzählt mal aus der Ich-Perspektive, mal als personale Erzählerin. Häufig hat sie Träume, in denen sie fliegt oder im tiefen Ozean schwimmt. Vereinzelt eingewoben sind auch andere Textsorten, zum Beispiel ein Tagebucheintrag von Humboldt selbst, und immer wieder Geschichten, die historischen Erzählungen und Reiseberichten ähneln.
Es ist eine außergewöhnliche Perspektive, die die Autorin Julia Wong ihren Leser/innen vermittelt: Zentral ist die Sicht eines schwarzen, asiatischen, ungebildeten Mädchens aus einfachsten Verhältnissen. Dieses Mädchen ist voller Bewunderung für die männlichen Forscher, für Humboldt und seinen Expeditionspartner Bonpland, der als Arzt auch die Kenntnisse von Pflanzen und Heilkräutern zum Heilen nutzt, wie Angela sie zum Kochen nutzt. Das Lesen dieses außergewöhnlichen Romans ist auf jeden Fall ein Gewinn, sowohl für Kenner der Humboldtschen Geschichte wie auch für Novizen.
Dies ist der einzige Roman der peruanischen Autorin Julia Wong, die vor allem als Lyrikerin bekannt wurde. Laut Nachwort der Übersetzerin ist die Figur der Angela angelehnt an eine im Jahr 1787 geborene Köchin aus China, die 1850 in Lima starb. Im informativen Nachwort der Übersetzerin erfährt man auch, dass sich die peruanische Botschaft in Deutschland für eine deutschsprachige Publikation eingesetzt hat.
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