Die Rezitatorin und der Drummer

Nora Gomringer und Philipp Scholz machen auf ihrer CD Literatur lebendig

Von Herbert FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf der Innenseite der CD-Hülle ist Nora Gomringer, Sprecherin und auch Autorin der meisten Texte, abgebildet: Eine junge Frau in einem Kleid und mit einer Haarfrisur, die japanisch anmuten, mit lässiger Geste eine Zigarette in den linken Mundwinkel schiebend und mit halb geschlossenen Augen in die Ferne blickend. Die exotische Erscheinung von Nora Gomringer auf der Innenseite wird auf der Außenhülle durch zwei weitere Auffälligkeiten unterstrichen: einmal durch ein Hermelin, das gerade zum Sprung ansetzt und dabei Kopfhörer trägt, zum anderen durch den Titel der CD Peng Peng Peng, der durch Fettdruck hervorgehoben ist und andeutet, dass jemand oder etwas gejagt und – vielleicht – erlegt wird.

Die CD mit der einprägsamen Hülle ist die jüngste Veröffentlichung der Lyrikerin, Rezitatorin, Poetry-Slammerin, Performance-Künstlerin, Kuratorin von Ausstellungen und Gewinnerin des renommierten Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 Nora Gomringer. Die Lyrikerin tourt mit dem Jazzmusiker Philipp Scholz, dem Schlagzeuger einer Leipziger Jazzformation und Dozenten für Jazz an der dortigen Musikhochschule, seit Sommer 2016 durch zahlreiche Städte Deutschlands. Wer die beiden, die Rezitatorin und den „jazzigen“ Drummer, nicht live erleben kann oder konnte, wird durch die CD Peng Peng Peng entschädigt. Sie gibt einen lebendigen Eindruck von der künstlerischen Vielfalt und dem hohen Unterhaltungswert des literarisch-musikalischen Programms der beiden Künstler.

Die CD endet mit einem Text von Nora Gomringer über Dichterlesungen. Man kann davon ausgehen, dass er bewusst an dieser Stelle präsentiert wird. Er handelt nicht von den Inhalten der Bücher, aus denen vorgelesen wird, sondern schildert das Drumherum solcher Veranstaltungen: das Warten des Publikums auf die Lesung, das Rascheln mit Papier, das Hüsteln und Husten der Zuhörer, die einführenden Worte zur Begrüßung des Dichters, dann die ersten Worte der Lesung „Ich beginne“. Danach springt der Text fast unvermittelt zum Ende der Veranstaltung, wenn der Dichter aufsteht, sich verbeugt und seine Bücher signiert. Nora Gomringer macht aus der Dichterlesung ein vergnügliches Spiel mit Sprache und Literaturbetrieb-Klischees, das die Leere und Effekthascherei vieler solcher Lesungen, die Unterhaltungssucht mancher Zuhörer, die, wie es einmal heißt, das „eine hören und das andere verstehen“, aber auch die Geltungssucht der Lesenden vorführt. In den Schlusssätzen wird ein Bild des Dichters deutlich, das die Zweideutigkeit und Oberflächlichkeit solcher „Events“ kritisiert und entlarvt. Der Dichter, so heißt es da, geht endlich ab, steigt in seinen Ferrari und braust in die Nacht davon. Sein Verschwinden in die Dunkelheit wird durch einen Trommelwirbel, der langsam abnimmt, „hörbar“ gemacht.

Die vorliegende CD darf den stereotypen Ablauf mancher herkömmlicher Dichterlesungen zu Recht belächeln. Sie erfordert Aufmerksamkeit von den ersten Tönen und Sätzen an und führt sofort ohne Vorgeplänkel und die üblichen Lesungs-Rituale zu den Texten selbst. Peng Peng Peng ist eben keine Lesung im üblichen Sinn des Wortes – und will das auch gar nicht sein. Die CD lebt von der hohen Vortragskunst der Rezitatorin, der inhaltlichen Vielfalt der Texte und dem jazzigen Drummersound, der die Rezitationen begleitet. Nora Gomringer und Philipp Scholz machen Literatur lebendig. Ihre Darbietungskunst macht aus Texten, die zwischen Buchdeckeln vielleicht nicht immer auffielen, ein literarisches Ereignis.

Die meisten Texte, die Gomringer vorträgt, wurden von ihr geschrieben. Bemerkenswert ist die Auswahl der Texte von anderen Autoren, die sie auf der CD präsentiert. Da tauchen die Namen von – natürlich, möchte man sagen – ihrem Vater, von Eugen Gomringer, auf, von Ernst Jandl und Kurt Schwitters, von Autoren also, die selbst große Vortragskünstler waren und Texte geschrieben haben, die oft mit den literarischen Strömungen ihrer Zeit gebrochen haben. Durch die Art ihres Vortrags haben sie das demonstriert. Nora Gomringer sieht sich offenbar als eine „Schwester im Geiste“ dieser Autoren; sie unterstreicht das durch ihre Vortragsweise, die an Jandls „Lesungen“ seiner Lautgedichte etwa aus den 1970er bis 90er-Jahren erinnert, sowie durch die Auswahl von Texten, die die konkrete Lyrik von Eugen Gomringer aus den 1960er- und 70ern lebendig werden lässt.

Auffällig sind der Text von Dorothy Parker, das wunderbar traurig-melancholische Liebeslied von Selma Meerbaum-Eisinger und das bekannte ironisch-satirische Gedicht „Sie saßen und tranken am Teetisch“ von Heinrich Heine. Auch die Namen der Autoren wurden bewusst ausgesucht. Mit Selma Meerbaum-Eisinger stellt sich die Rezitatorin an die Seite einer Dichterin, deren schmales Werk zusammen mit den Gedichten Rose Ausländers und ihres fernen Verwandten Paul Celan zum literarischen Erbe des Czernowitzer Kulturkreises der Bukowina in der ehemaligen Ukraine gehört und deren früher gewaltsamer Tod – die junge Dichterin starb 1942 18-jährig in einem Arbeitslager der deutschen Besatzer – die Schrecknisse des Holocaust in das Gedächtnis ruft. Dorothy Parker steht für eine Schriftstellerin, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihren Gedichten, Kurzgeschichten und Theaterstücken, auch als Autorin des berühmten (Intellektuellen-) Magazins „The New Yorker“ für die Rechte der Frauen und überhaupt für die Verbesserung der Situation von Minderheiten eingesetzt hat. – Heines ironischer Text über das gezierte Verhalten von Menschen, die sich der sogenannten feineren Gesellschaft zurechnen, stellt einen scharfen Kontrast zum vorangegangenen „Schlaflied für die Sehnsucht“ dar und führt hin zur Ironie des Abschlusstextes „Was wirklich geschieht“.

Die Texte fesseln den Zuhörer durch ihre inhaltliche Vielfalt und die CD enthält eine große Zahl von Überraschungsmomenten: Sie reichen zum Beispiel von der grotesk-absurden Begegnung einer Bergwanderin mit einem Hermelin bis zum Lied über den Traum einer Liebe und dem grausamen Erwachen aus dem Traum, vom Sturz des 13-jährigen Tobias aus dem 13. Stock eines Hauses bis zum Loblied auf die „Unbekannte Frau“, die alle Träume des Sprechenden verkörpert. Die Inhalte ergeben, das ist durchaus gewollt, keinen irgendwie übergeordneten Zusammenhang, sondern sie springen von einem Motiv zum anderen. Darin liegt etwas Unverbindlich-Willkürliches, aber auch Verschmitzt-Ironisches. Es ist ein großes poetisches Spiel: Dichtung macht alles möglich, lässt sich nicht in Schubladen sperren oder mit vorgefertigten Schablonen abbilden, sprengt, wenn sie gelingt, das Herkömmliche und Gewohnte und verlangt immer wieder von neuem die ganze Aufmerksamkeit des Zuhörers.

Zwar heißt es bereits in den ersten Zeilen, die Gomringer spricht, dass Worte fragil und nicht so einfach fassbar seien und leicht „wie ein kleines Boot“ im Winde trieben. Manche Texte oder Zeilen und Sätze setzen sich aber dennoch, auch bei einmaligem Hören der CD, im Kopf des Zuhörers fest. Der längste Text, „Gang mit Hermelin“, gehört dazu. In ihm wird eine Bergwanderin von einem Hermelin begleitet und in ein Gespräch verwickelt, das immer persönlicher und für die Erzählerin bedeutsamer wird. Am Ende räumt sie ein: „Ich hatte mich einem ganz fremden Wesen geöffnet und meine gesamte Existenz hinterfragt.“ Der Vortrag ahmt mit lispelnder Stimme das sprechende Hermelin mit seinem Maul voller „vieler kleiner spitzer Zähne“ in wunderbar anschaulicher Weise nach. Außerdem lebt er von den Anweisungen an den Musiker, bestimmte Töne zu spielen – „Ich bitte den Spieler um ein C, ein Gis und ein H“ – oder Pausen zu machen.

In einem anderen Text geben Gomringer und Scholz ihre ganz eigene Version des Märchens von den Bremer Stadtmusikanten, in der es am Schluss heißt: „So verstehen die Tiere die Menschen laufend falsch. Umgekehrt ist es aber genauso.“ Oder Gomringer singt Dorothy Parkers englischen Text, der mit den provozierenden Zeilen beginnt und darin, wenn man so will, den Titel der CD in grotesk verfremdender Weise aufgreift: „If I had a shiny gun/ I could have a lot of fun/ speeding bullets through the brains/ of the folk who give me pains.“ Gomringer und Scholz beeindrucken mit der Vertonung dieses Texts und einiger anderer auf der CD, wozu beispielsweise auch das Gedicht von Heine „Sie saßen und tranken am Teetisch“ zählt.

Zwei Texte bleiben dabei in besonderer Weise im Gedächtnis: „Vielmals“ und „Tobias“. „Vielmals“ handelt von der unheilen Welt zweier junger Mädchen auf einem Bauernhof, von dem Halt, den sie sich gegenseitig geben, aber auch davon, wie sie dem Bauern ausgeliefert sind, der, das alles wird nur angedeutet, ihre Hilflosigkeit ausnutzt und sie missbraucht. Am Ende sagt die eine der Schwestern, als sie die Wohnung leer vorfindet: „nie war ich so glücklich“. „Tobias“ ist Teil des längeren Textes „Recherche“, den Gomringer 2015 beim Wettbewerb in Klagenfurt las und mit dem sie den Wettbewerb gewann. Der Textausschnitt auf der CD schildert in knappen, aber eindringlichen Zeilen den tödlichen Sturz eines 13-Jährigen aus dem 13. Stockwerk eines Gebäudes: „tobias gefallen aus uft/ auf erde“. Er legt die Vermutung nahe, dass der Junge den Tod gesucht hat, weil er glaubte oder weil ihm vorgeworfen wurde – das bleibt offen –, dass er schwul sei. Gegen Ende stehen die Zeilen: „tobias gefallen aus luft/ das war wunder/ war traurigster tag/ aller traurigen tage“. Die Traurigkeit des Textes wird auf subtile Weise dadurch gesteigert, dass er aus Erzählstücken von Tobiasʼ kleiner Schwester besteht. Diese kann kein „l“ sprechen, sodass fast komische Effekte entstehen, wenn sie in ihrer kindlichen Sprache von dem Vorfall berichtet. Die komische Wirkung steht dabei in starkem Kontrast zum Sturz von Tobias.

Zu der inhaltlichen Vielfalt, die die CD bereithält, kommt der abwechslungsreiche Vortrag von Nora Gomringer. Schon wenn sie die Texte ohne besondere stimmliche Betonungen liest, fällt auf, wie gestochen scharf sie das Geschriebene in Sprachklang verwandelt. Aber sie kann mehr: Sie imitiert Dialekte, die Stimmlagen von Kindern oder von älteren Menschen, kann, wenn es die Texte erfordern, lautmalerisch krächzen, stöhnen, lispeln, zwitschern, leise oder laut sein, Wörter und Sätze überbetonen und zerdehnen und so ins Satirisch-Groteske kehren – oder sie kann singen; sie trifft, wenn es darauf ankommt, den herzzerreißenden Ton wie den beißend satirischen, den mehr sachlichen wie den emotionalen, den ernsten wie den pathetisch überhöhten, den traurigen wie den komischen.

Es ist faszinierend zu hören, wie Gomringer für jeden Text einen Sprechton findet, den der Zuhörer schon nach wenigen Worten als genau diesem Text angemessen empfindet. So spricht sie „Geister vergessen“ wie nach innen gekehrt und schafft auf diese Weise einen scharfen Gegensatz zu dem vorangegangenen Liedtext „Berliner Liegewiesenmädchen beschreibt die Umstände“, den sie ironisch vorträgt, und hat für die folgende „Kindergeschichte“ wieder einen neuen, einen fast jauchzenden und jubelnden Vortragston parat. Gomringer produziert so viele Klangfarben und präsentiert ihre Texte so vielfältig und „farbig“, dass daraus große Rezitationskunst wird. Man sieht sie dabei regelrecht agieren, gestikulieren, vom Stuhl aufspringen, mit Händen in der Luft herumfahren, sich wieder setzen, dem Musiker Philipp Scholz Einsätze geben und zurufen, mit ihren Händen Wörter regelrecht „formen“. Sicherlich gibt es hier eine Nähe zu Poetry-Slam-Events, an denen Nora Gomringer gelegentlich teilnimmt. Aber mit ihrer Rezitationskunst verweist sie auch auf eine Vorlese-Tradition, die immer schon mit Literatur verbunden war, in den letzten Jahrzehnten vor allem mit Dichtern wie Ernst Jandl oder – aus den jüngeren Jahren – Michael Lentz, die mit dem Vortrag ihrer Texte Säle füllten.

Nora Gomringer macht deutlich, dass Dichtung auch vorgetragen, nicht nur gelesen werden sollte. Allerdings trifft das Wort „Vortrag“ nicht wirklich das, was der Hörer, wenn er die CD Peng Peng Peng abspielt, erlebt. Es ist ein beeindruckendes Spiel mit Worten, Verszeilen, Motiven und immer wieder mit Lauten, die man so wahrscheinlich bei einem „Vortrag“ von Texten nur selten gehört hat. Der manchmal mehr dezente, dann aber wieder akzentuierte und dominante jazzige Xylophon- und Drummersound, den Philipp Scholz als Begleiter von Nora Gomringer erzeugt, ergänzt ihre Rezitationskunst perfekt.

Kein Bild

Nora Gomringer / Philipp Scholz: Peng Peng Peng.
Verlag Voland & Quist, Dresden 2016.
CD (59 Min.) , 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783863911614

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