Die „Grande Dame“ der Literatur vor 100 Jahren

Eine ansprechende Isolde Kurz-Leseausgabe stellt die „Erfolgsschriftstellerin von europäischem Format“ vor

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber vor einigen Jahren an seinem italienischen Urlaubsort Forte dei Marmi eine Piazza Isolde Kurz mit eingeweiht hat, mag als Qualitätsmerkmal für die Vorlage einer Isolde Kurz-Leseausgabe wenig aussagekräftig sein. Schließlich ist diese Tatsache auch nicht viel mehr als eine kleine Anekdote über den verblassten Nachruhm der Tochter des „Weltschwaben“ Hermann Kurz. Dabei hatte Isolde Kurz, von ihrem Zeitgenossen Karl Marx nur spöttisch „holde Isolde“ genannt, vor gut 100 Jahren enormen Erfolg. Sie galt als „Erfolgsschriftstellerin von europäischem Format“, wie Andreas Vogt einleitend zu seiner ansprechenden Leseausgabe der Grande Dame der damaligen Literatur schreibt.

Theodor Heuss resümierte einmal: „Isolde Kurz passt nicht in die Größenmaße einer genormten Literaturkartothek“, denn „die Eigenwüchsigkeit ihres Wesens sperrt sich gegen die Begriffe, die eine Richtung, eine Schule, einen Typus umschreiben wollen. […] Sie verfügt über die Weltläufigkeit des Menschen, in dessen Nähe jahrzehntelang Erscheinungen aus aller Herren Länder vorbeigingen, und ist doch von einer unmittelbaren, sinnenhaften Naivität geblieben, die sich noch verwundern kann.“

Und „verwundern“ können sich auch heutige Leserinnen und Leser, ob des Lebensweges der 1853 in Stuttgart geborenen und 1944 im Tübinger Tropenheim gestorbenen Schriftstellerin, die zeitweise vom späteren Nobelpreisträger Paul Heyse protegiert wurde. Es ist vor allem der kompromisslose Aufbruch aus der Enge Tübingens, „Philistäas“, den die aufmüpfige ‚jüngere Schwester im Geiste‘ ihrer Landsfrau Ottilie Wildermuth 1876 wagt: Weg aus der Enge des „Tübinger Spießbürgertums“, denn auch das Elternhaus als „einsame Insel“ mit ihren demokratisch gesinnten Eltern, der „libertären“ Adligen Marie von Brunnow, der „roten Marie“, und dem unter der Restauration leidenden Vater, genügt nicht mehr.

Das „Heidenkind“ Isolde, das ritt und sich für das Damenschwimmen stark machte, war manchen ein Dorn im Auge, wie ihren 1918 erschienenen Erinnerungen „Aus meinem Jugendland“ zu entnehmen ist: „Der Untergang aller guten Sitten stand vor der Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und sämtlicher Töchter ihr Quosque tandem, Catilina! – zu Deutsch: Wo hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? zuzurufen. Es war einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt“.

Von Tübingen führt sie der Weg zunächst zu Bruder Erwin, nach München: „Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen und anderes, womit ich auswärts ebenso gut und besser vorwärts kommen konnte als daheim.“ Doch schon bald zieht es sie zusammen mit der Mutter – der Vater war 1873 gestorben – und dem jüngsten Bruder Garibaldi nach Italien, wo Bruder Edgar als Mediziner in Venedig ansässig ist. „Nach dem frühen Tod der Brüder – Edgar starb 1904, Alfred 1905 – pendelte Isolde Kurz mit ihrer unsteten, immer präsenten Mutter zwischen Italien und München, wo der nunmehr einzige Bruder Erwin (†1931) lebte.“

„Wir begründen ein Weltbad“, heißt denn auch – nicht wenig selbstbewusst – ein Textauszug, der das Lesebuch abschließt: „Forte dei Marmi, seliges, zur Wahrheit gewordenes Wunschland, das ich selber mit erschaffen half! Was wäre mein Leben ohne dich geworden? Du hast die bange Menschenseele auf ewig dem großen Meere vermählt, das ihr die kleinen Kümmernisse und Ängste wegspülte und ihr die Kraft gab für das umgetriebene Leben und für das einsame Werk.“

Mit den „Florentiner Novellen“ gelingt Kurz 1890 der „Durchbruch“, wie Vogt einleitend schreibt: „Weitere Erfolgstitel wie zum Beispiel ‚Italienische Erzählungen‘ (1895) oder ‚Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen Renaissance‘ (1902) folgten“. Ein Riesenerfolg wird 1931 der Roman „Vanadis. Der Schicksalsweg einer Frau“. Das „späte Mädchen“, wie Tilman Krause („Literarischen Welt“ am 28. Juli 2012) meint, bewahrt „sich bis ins hohe Alter von 90 Jahren etwas Backfischhaftes“. Dabei gehört sie zeitweise der Künstlerkolonie um Arnold Böcklin und Adolf Hildebrand an, verkehrt mit Gabriele D’Annunzio und Eleonore Duse und erhält 1913 in Tübingen die Ehrendoktorwürde. Zweifelsohne, ihre große Zeit hatte sie vor und nach dem Ersten Weltkrieg, auch wenn noch 1938 eine achtbändige Werkausgabe erscheint.

Wenngleich, wie Vogt treffend bemerkt, Isolde Kurz sich zeitlebens eine „innere Unabhängigkeit“ bewahrt, behindert sie dies „nach 1933“ offenbar nicht, eine „fatal unkritische Haltung gegenüber den Vereinnahmungen durch den nationalsozialistischen Literatur- und Kulturbetrieb“ an den Tag zu legen. So entsteht nicht nur ein „Führergedicht zum 50. Geburtstag Hitlers“, sondern sie nimmt an ihrem 90. Geburtstag 1943 „im Rollstuhl die Goethe-Medaille für Kunst- und Wissenschaft samt Glückwunschtelegramm von Goebbels entgegen“.

Der „lebenslange Drang gen Süden“, die Stilisierung des „einsamen Werks“ und manche gelungene Sehnsuchts-Etüden mögen auch heute noch ihren Reiz haben – eine Neuentdeckung dürfte daraus genauso wenig erfolgen, wie dies bei der aus der Generation ihres Vaters entstammenden schwäbischen Dichterin Wildermuth der Fall ist.

Titelbild

Isolde Kurz: Erzählungen und Erinnerungen.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2012.
221 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783940086754

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