Kulturjournal

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Betreff Historikerin des Imaginären. Zum Tod von Nicole Loraux
Autor Axel Schmitt
Datum 12.04.2003 8:11
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Nicole Loraux, Professorin an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, Fachgebiet Geschichte und Anthropologie der griechischen Polis, gehörte zu denjenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ihre Disziplin in hervorragender Weise vertraten, indem sie sie überschritten. Philologie, Philosophie, Mythologie, Geschichtswissenschaft und – in vorsichtiger Weise – Psychoanalyse wurden von ihr produktiv gemacht, um die allzu bekannte griechische Antike neu zu entdecken. Dabei ist das Erkenntnis leitende Interesse Loraux’ in doppelter Hinsicht ein eminent politisches: auf der einen Seite unterzieht sie die Politik am Ort ihres Entstehens, in der Polis Athen, minutiösen Analysen, auf der anderen Seite beschäftigt sie sich in ihren Studien vor allem mit den griechischen Ausdrucksformen des Männlichen und des Weiblichen. Ihren intellektuellen Ort hat dieser Ansatz in der französischen Schule der Historischen Anthropologie Griechenlands, die mit so illustren Namen wie Jean-Pierre Vernant, Pierre Vidal-Naquet und Marcel Détienne verbunden ist, in den sechziger Jahren wie ein Furor über die sakrosankte Welt der Altphilologie kam und an den Säulen der traditionellen hellenistischen Geschichtsauffassung rüttelte. Mit den drei „Vernantiens“ entstanden neue, kontroverse Bilder Griechenlands und zugleich eine andere, vitale Art akademischer Auseinandersetzung, mit der sich die deutsche Altertumswissenschaft bis heute schwer tut. Aus ihrem Gesprächskreis ging schließlich 1965 das Centre de recherche compareé sur les sociétés anciennes hervor, dessen fruchtbare Arbeit sich in einer Fülle von zum Teil gemeinschaftlich verfassten Büchern dokumentierte. Die historisch-anthropologische Analyse der antiken Gesellschaft machte Schule, der Kreis erweiterte sich. Zu den ersten Schülern und Schülerinnen gehörte in den siebziger Jahren neben Claude Mossé, François Hartog und Florence Dupont vor allem Nicole Loraux. In einem Gespräch mit Marianne Alphant in „Libération“ vom 13.4.1989 bemerkte sie treffend über diese „Génération Vernant“: „Das, was diesen Ort so attraktiv machte, war, dass hier Griechenland aus sich selbst heraus gedacht wurde, aber von Leuten, die in der Gegenwart engagiert waren.“ Sich selbst hat Loraux mehrfach als „eine Historikerin des Imaginären“ bezeichnet.

Bereits in ihrer ersten Arbeit „L’Invention d’Athènes. Histoire de l’oraison funèbre dans la ‚cité classique’“ (1981) wagte sich die Autorin auf ein gelehrtes Terrain, dessen Quellenlage zwar allgemein als fragil und unsicher angesehen wurde, das aber im Laufe der letzten Jahrhunderte gleichwohl eine Fülle idealisierender Interpretationen hervorgebracht hatte. Je nachdem, welche Totenrede (épitaphios logos) man zur Grundlage wählte – vornehmlich die bei Thukydides bezeugte Rede des Perikles (Thuk. 2,40ff.) oder die von Platon in seinem Dialog Menexenos dargestellte -, in den meisten Fällen diente der Bezug zur klassischen Lobrede zu Ehren der für die athenische Polis im Kampf getöteten Bürger einer Beschwörung jeweils opportuner politischer Tugenden. So sah etwa Hegels Geschichtsphilosophie, die bekanntlich keinen geringen Einfluss auf die Geschichtsauffassung der Antike und den Unterricht in den Gymnasien im Deutschland des 19. Jahrhunderts hatte, in der Perikleischen Totenrede vor allem ein Zeugnis des Geistes und der Schönheit athenischer Demokratie, ein „politisches Kunstwerk“. Dem gegenüber gelang es Loraux zu zeigen, dass die in den Epitaphien transportierte und archivierte Erinnerung an vergangene Zeiten in einem gegenwärtigen politischen Raum semantisiert wurde. In den Epitaphien erreicht die Interdependenz zwischen kultureller Mnemotechnik und politischem Gemeinschaftsbewusstsein der Athener ihre zweifelsohne stärkste Ausprägung: Man erinnert Normen und Werte der Vergangenheit nicht nur zur ideologischen Selbstvergewisserung in der Polis, sondern auch, um die Herrschaftswürdigkeit der Stadt nach außen zu demonstrieren. Neu an Loraux’ Ansatz war ihre Forderung, man müsse sich die unterschiedlichen symbolischen Ebenen der Quellen klarmachen, also deren Darstellungsarten und Überlieferungsgeschichten, um das Moment der Fabrikation, der Erfindung, des Imaginären an den Quellen selbst bemerken und auf Sinn und Funktion hin befragen zu können. Unschwer lässt sich erkennen, dass diese Auffassung eine Kampfansage an die „Partisanen der realia“ ist, wie sie mit freundlichem Spott jene, vor allem deutschen Historiker nennt, die aus jeder Quelle den vermeintlichen realen Inhalt extrahieren und der Inszenierung dieser Aussagen keine Beachtung schenken. Darüber hinaus gilt für Loraux, wie für die Historische Anthropologie überhaupt, der Grundsatz: kein Text ohne Kon-Text. Es sei falsch, den reinen Reflex des politischen Lebens im Text zu suchen. Betrachtet man also die öffentlichen-politischen Begräbnisrituale auf dem Keramikeion, so muss man auch zur Kenntnis nehmen, was sich auf der Agora abspielt, und beachten, wie der Austausch zwischen diesen „politischen Orten“ sozial hergestellt wurde. Im Ganzen empfahl Loraux eine Lektüre, die jeder vermeintlichen Vertrautheit misstraut, eine „gute Distanz“ zu den Dokumenten bewahrt, auch aber auch nicht allzu weit von ihnen entfernt. Dieser Ansatz deckt sich mit dem, was Paul Veyne, Michel Foucault und insbesondere Pierre Bourdieu „praxeologische Historie“ nennen: eine Geschichtswissenschaft, die die Erforschung von Praktiken ins Zentrum ihrer Tätigkeit stellt. Praxeologische Historie erkennt keine „Substanzen“, keine „natürlichen Objekte“ (weder gibt es „den“ Staat, noch „die“ Sexualität noch „den“ Wahnsinn) an. Alle diese „Dinge“ existieren nur als Korrelate von Praktiken. Diese Entitäten sind realiter nichts weiter als sich verändernde Beziehungsgeflechte. Kontextualisierung steht daher vor der mühseligen Aufgabe, den Effekten der kulturellen Praxis entgegenzuwirken, sie intellektuell rückgängig zu machen.

Ihre Fortsetzung findet Loraux’ Ansatz, den politischen Manifestationen des Imaginären nachzuspüren, in ihrem Buch „Les enfants d’Athéna. Idées athéniennes sur la citoyenneté et la division des sexes“ (1982), wobei nun aber die Quellen insbesondere auf ihre Aussagen über die Frauen hin untersucht werden. Dabei geht es Loraux nicht um eine realhistorische Beschreibung der „Situation der Frau“ im hellenistischen Athen, sondern vielmehr um die Herausarbeitung der teilweise widersprüchlichen, von Ambiguität gekennzeichneten Strukturierung des Geschlechtlichen und des Politischen. In ihrer Sicht stehen die imaginären Produktionen nicht in einer Abbildrelation zur historischen Wirklichkeit, sondern konstruieren vielmehr diese Realität, sind selbst Realität: „Das Imaginäre ist kein fixiertes System von Gegensätzen zur Kennzeichnung des Realen, sondern ein Ensemble von Kreisbahnen (circuits), die im Denken eines Atheners die vorfindlichen Oppositionen herstellen und auflösen. Da sind die Bürger, Statthalter der politischen Macht, und die Frauen, die die polis reproduzieren; da ist das Perikleische Gesetz, welches besagt, daß man aus zwei Geschlechtern geboren ist, und da ist die aus einem Geschlecht geborene Göttin der Polis; da gibt es auf dem Gebiet Athens das Keramikeion und die Akropolis, außerdem die Agora; auf der Höhe der Akropolis Athena, an deren Fuß Aphrodite. Kurz, es gibt eine symbolische Ordnung, welche die Stadt strukturiert, eine Ordnung der Repräsentation, auch die eines Raumes, in welchem sie sich verteilen und anordnen.“

Das nächste Buch, mit dem Titel "Façons tragiques de tuer une femme" (1985), eine der beiden Studien, die ihren Weg ins Deutsche gefunden haben („Tragische Weisen, eine Frau zu töten“, Frankfurt am Main/New York 1993), bezieht sich explizit auf die griechischen Tragödien als gleichsam historische Quellen. Auch hier geht es nicht um systematische und geschlechtsspezifische Zuordnungen des theatralen Tötens und Sterbens – beim Mann spektakulär und formvollendet durchs Schwert, bei der Frau im Verborgenen und formlos durch den Strick -, sondern eher um die Verwischungen dieser Generalisierungen. Während der Mann in der griechischen Tragödie hinsichtlich der Art, angemessen den Tod zu finden, keine Wahl hat, wird der Frau die „tragische Freiheit“ konzediert, auch zum männlichen Schwert greifen zu können. Loraux’ Arbeit präsentiert die politische Kunst der griechischen Tragödie, indem sie den aus der (männlich bestimmten) Geschichte der Griechen immer schon entfernten weiblichen Körper zu etablieren trachtet. Vermöge einer genauen Topographie der sterbenden Körper - mit dem Autor der Tragödie als homo necans - bringt Nicole Loraux lieb gewordene Sicherheiten oder kategorische Dualismen bei der Betrachtung des Geschlechterverhältnisses in der antiken Tragödie ins Wanken.

Was die Historikerin zu den Problemen des Geschlechterverhältnisses im antiken Griechenland zu sagen hatte, fand seinen vorläufigen Höhepunkt in ihrem Buch „Les expériences de Tirésias. Le féminin et l’homme grec“ (1989). Auch hier geht es um die Durchkreuzung fester Zuschreibungen des Männlichen und des Weiblichen, das Aufspüren maskuliner Attribute bei Frauen und femininer Attribute bei Männern. Gleichzeitig enthält es auch die Re-Etablierung einer anderen Kategorie, die für den Mythos gewiss die bedeutsamste sein dürfte: die des Imaginären. Eine Präzisierung erfährt ihr Ansatz in dem ein Jahr später publizierten Buch „Les mères en deuil“ (1990). Sein Thema ist die Funktion der mütterlichen Trauer in der Stadt- und Staatspolitik der Antike, insbesondere der athenischen polis, aber auch in der römischen civitas. Sein näherer Untersuchungsgegenstand sind die Formen der Kanalisierung und Zurichtung des Leidens und der Trauer (pathos), ihre tendenzielle Verbannung aus dem öffentlich-politischen Leben und ihre Einschränkung auf das Innere des Hauses (oikos) – somit also die Untersuchung einer Trauerökonomie, die die Frauen/Mütter als Inkorporationen des Pathos strikten Reglementierungen hinsichtlich ihres symbolischen Kapitals unterwirft. Nach Loraux bedeutete das Trauer-Pathos in seiner weiblichen Verkörperung eine latente Gefahr für die Ordnung der Polis und wurde strengen Restriktionen unterworfen. Was an den beiden öffentlich-politischen Orten der Stadt – der Agora und dem Keramikeion – durch strenges Reglement nicht kontrolliert werden konnte, wurde in den dritten öffentlichen Ort der Stadt kanalisiert – das Theater als spezifischer Ort, den mütterlichen Schmerz in exzessiver Form zu inszenieren. Insbesondere anhand der Begräbnisrituale gelang es Loraux zu zeigen, wie die weibliche und speziell mütterliche Trauer von den Straßen der Stadt verbannt wurde. Den Frauen war untersagt, an den Leichenprozessionen teilzunehmen, exzessive Trauerkleidung zu tragen oder sich die Gesichter zu bleichen; nur am Grab durften sie klagen, wobei auch hier die männliche Trauer, die sich durch Schweigen zu artikulieren hatte, gleichsam das letzte Wort behielt. Weibliche Trauer wurde in das Innere des Hauses verlagert und aus dem politischen Bereich ausgeschlossen.

In ihrem letzten Buch „La Cité divisée“ (1997) griff Loraux noch einmal Thesen aus „L’Invention d’Athènes“ auf und führte vor, wie nach dem Bürgerkrieg von 403 vor Christus erst Amnestie und verordnetes Vergessen des Unrechts wieder ein Zusammenleben ermöglichten. Damit verdeutlichte sie, dass für eine Untersuchung der griechischen Gesellschaft des 5. Jahrhunderts neben der Diskussion der Frage, woran und in welcher Form erinnert wurde, auch zu klären ist, was ‚vergessen’ wurde, und welche Bedingungen dazu führten, dass eine Gesellschaft Ereignisse ihrer eigenen Vergangenheit aus dem Erinnerungsdiskurs verdrängte. Loraux gelang es zu zeigen, dass während des 5. Jahrhunderts in der mündlichen Tradition, in der Geschichtsschreibung und auch in anderen Gebieten, wie etwa der Kunst, Themen unangetastet blieben, die, von ihrer nachhaltigen Wirkung aus gesehen, für die attische Gesellschaft von besonderer Wichtigkeit gewesen sein mussten. Wenn heikle und brisante Ereignisse der Vergangenheit von einer Gesellschaft verdrängt wurden, weil die Erinnerung daran nicht nur verzichtbar war, um politische Identität herzustellen, sondern diese Identität sogar bedrohte, so kann das nur geschehen, indem sowohl innerhalb der Alltagskommunikation als auch in der kulturell geformten Erinnerung die entsprechenden Themen tabuiert wurden. Dieses Tabu, an brisante Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern, wurde in der Formel „nichts Böses zu erinnern“ (mè mnesikakésein; Andok. 1,90; Aristoph. Lysist. V.590) kondensiert.

Kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag ist Nicole Loraux am 6. April im L’hôpital d’Argentueil, gestorben.

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